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Thema: Ecken, Linien, Flächen und Geschichte

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Ecken, Linien, Flächen und Geschichte

    Die fratzenhaft verzerrten Gesichter, die mich seit frühester Kindheit geängstigt hatten, eines Tages waren sie verschwunden und die Tapete fortan leer. Jahre später sind mir dann die Ursachen dafür klar geworden: die Ecken, Linien und Flächen. Wie die Kleinheit des Zimmers mich immer schon eingeengt und meine gelegentlichen Atemnotzustände zum Resultat gehabt hatte, so formte die Geometrie des Raums allmählich und ganz nach seinem Bild meine Gedanken: zu hohlen, viereckigen Würfeln. Meine Phantasie kam mir abhanden, ich weiss das heute und bin keineswegs traurig darüber. Ich fühle und denke nach, was mir vorgefühlt und vorgedacht wird. Ich lese viel und schaue viel fern. Ich lebe eine Existenz aus zweiter Hand, tagein, tagaus. Es geht mir gut dabei. Zum Abendessen gibt es Aufgewärmtes, heute und eigentlich immer. Selten habe ich weitere Fragen. Alles kommt mir selbstverständlich vor. Ich brauche keine Phantasie, vor allem nicht als moderner Schriftsteller. Der Realist hat ohnehin immer recht. Zwar spüre ich nichts von der grossen Geschichte, zugegeben. Weiss ja nicht einmal meine eigene kleine zu erzählen. Statt dessen aber fallen mir Sätze dazu ein, die mehr behaupten als sagen, etwa eben dieser:

    Der Realist hat ohnehin immer recht.

    Ich rechtfertige mich und vernichte den Idealisten damit.

    Der Idealist hat nämlich nie recht.

    Seltsam: Was mir an diesen Sätzen am meisten gefällt, ist selten der Inhalt, sondern ausgerechnet ihr Satzförmiges. Habe ich damit genug ausgesagt über mich als Schriftsteller? Ich möchte dennoch ergänzen: Vor allem als Schriftsteller bin ich Realist. Zum Beispiel wenn einer vom Frieden erzählt, dann winke ich ab und schreibe mir auf: Der Krieg ist der Vater aller Dinge, der Friede mithin die Verschnaufpause für die Krieger, also die Zeit, die uns bleibt, um Geschichte zu schreiben: die Sieger jene der Besiegten, die Besiegten jene ihrer Toten. Und ich? Meistens schreibe ich über die Leere der Tapete. So ist das.



    obiges gehört in eine reihe mit: 'aluminium', 'bahnhof, wiedergefunden', 'begebenheit'. - ich hoffe, 's ist nicht minder disparat und verworfen.


    greetings,
    Mr. Jones

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Ecken, Linien, Flächen und Geschichte

    Tapetenwechsel, denn aufgeben nützt gar nichts.
    Real ist viel genug, schau auf meinen Rücken! "Nur die Phantasie kann uns noch retten", Backside meines Shirts. Klammer trägt es auch schon. Komm nach Obernberg, und ich statte Dich aus.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    Post AW: Ecken, Linien, Flächen und Geschichte

    mein arsch ist ja schon unterwegs, guter hannemann, und bis september werd ich ihn wohl eingeholt haben, spätestens in obernberg...


    ah ja, und was folgt, man kennt das, ist mein üblicher zweiter, leicht geschliffener anlauf des obigen. so nach dem motto: weiter geht derselbe text - mit neuen schuhen.


    Ecken, Linien, Flächen und ein bisschen Geschichte
    _______________________________________




    Die fratzenhaft verzerrten Gesichter, die mich seit frühester Kindheit geängstigt hatten, eines Tages waren sie verschwunden und die Tapete leer fortan. Jahre später sind mir dann die Ursachen dafür klar geworden: die Einflüsse meiner Umgebung, nämlich die Ecken, Linien und Flächen. Genau wie die Kleinheit des Zimmers mich immer schon eingeengt hatte, wodurch sich auch meine gelegentlichen Atemnotzustände erklären, so formte die Geometrie des Raums allmählich und ganz nach seinem Bild meine Gedanken: zu hohlen, viereckigen Würfeln. Ursache und Wirkung. So ist das. Meine Phantasie kam mir abhanden, ich weiss das heute. Bin aber keineswegs traurig darüber. Ich fühle und denke nach, was mir vorgefühlt und vorgedacht wurde. Ich lese viel und schaue viel fern. Ich lebe eine Existenz aus zweiter Hand, tagein, tagaus. Es geht mir gut dabei. Zum Abendessen gibt es Aufgewärmtes, heute und eigentlich immer. Ich frage mich nicht nach irgendeinem Sinn in meinem Dasein, und überhaupt habe ich selten weitere Fragen. Alles kommt mir ganz selbstverständlich vor. Ich brauche schlechthin keine Phantasie, schon gar nicht als moderner Schriftsteller. Der Realist hat ohnehin immer recht. Zwar spüre ich nichts von der grossen Geschichte, zugegeben. Weiss ja nicht einmal meine eigene kleine zu erzählen. Statt dessen aber fallen mir Sätze dazu ein, die immer mehr behaupten als sagen, etwa eben dieser: Der Realist hat ohnehin immer recht. Ich rechtfertige mich und vernichte jeden Idealisten damit. Der Idealist hat nämlich nie recht. Seltsam: Was mir an diesen Sätzen am meisten gefällt, ist selten der Inhalt, sondern ausgerechnet ihr Satzförmiges. Habe ich damit genug ausgesagt über mich als Schriftsteller? Ich möchte dennoch ergänzen: Vor allem als Schriftsteller bin ich Realist. Zum Beispiel wenn einer vom Frieden erzählt, dann winke ich ab und schreibe mir auf: Der Krieg ist der Vater aller Dinge, der Friede mithin die Verschnaufpause für die Krieger, also die Zeit, die uns bleibt, um Geschichte zu schreiben: die Sieger jene der Besiegten, die Besiegten jene ihrer Toten. Und ich? Ich spüre nichts von der grossen Geschichte, wie gesagt. Meistens schreibe ich deshalb über die Leere der Tapete. So ist das.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Ecken, Linien, Flächen und Geschichte

    Ein Schriftsteller, der die Phantasie aussparen will, dem Idealismus nichts bedeutet, der wird schnell zum Wortklauber, zum Äquilibristen, zum Akrobaten. Er wägt Werte ab, ohne selber Werte zu besitzen. Ihm fehlt es an Liebe und Verantwortung. Er sieht nur sich, seine Befindlichkeit und subsumiert die Welt darunter. Das Nichts ist sein Thema, aber es ist nicht das Nichts aus dem Ichts, sondern das vom Sein umgebige Nichts. Er reibt sich an den Formen, deren Inhalt er zu ahnen aufhörte. Er existiert und schreibt Bücher voll, ohne etwas zu sagen.

    Wenn das die Absicht dieses Textes sein sollte, hierfür einen Baustein zu formen, dann vermisse ich auch das. Hieraus kann nichts erwachsen. Der Leser wird das Buch nach drei, vier Seiten weglegen. Wer keine Geschichte zu erzählen hat, aber schreiben will, sollte Bedienungsanleitungen verfassen.

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