Der Imperialismus ließ auch die Machtmittel des Staates wachsen. Vorgänge wie 1848, als das Volk das Zeughaus stürmte, sich bewaffnete und Barrikaden errichtete, waren um 1900 ausgeschlossen. Dazu hätte es einer Auflösung der Armee bedurft, um hier die Machtverhältnisse im Staat neu zu ordnen. Daran war um 1900 angesichts wachsenden Volkswohlstands und einer allgemeinen Zufriedenheit mit den Verhältnissen nicht zu rechnen.
Allerdings war der Zusammenhalt der einzelnen Bevölkerungsgruppen brüchig. Der vierte Stand, wie das Proletariat auch genannt wurde, stieg auf und forderte zunehmend politische Rechte. Den im 19. Jahrhundert gewachsenen bürgerlichen Demokratien entwuchs dieser Stand und wurde der neue Feind. Wahlreformen hatten mehr oder weniger demokratische Systeme geschaffen (England 1884 und 1912, Frankreich 1885, Italien 1882 und 1912, Spanien 1893, Österreich 1896 und 1906, Rußland 1906, das Reich seit 1871, Japan 1889, Australien 1901, Südafrika 1909, die Schweiz 1874...). Die USA verwehrten Negern bis 1870 und Indianern bis 1924 das Wahlrecht. Der Träger dieses Demokratietyps hatte sich gewandelt – auch ein Ergebnis der industriellen Revolution -: statt selbst produzierender Träger des Gemeinwesens zu sein (wie das die liberalen Gründerväter intendierten) [1] war der Produzierende vom Besitz des Bodens, aus dem er Gewinn zog, bzw. vom dem der Produktionsmittel abgetrennt. Entfremdung. Er produzierte und schuf die Werte, aber die Aneignung dieser Gewinne vollzog sich privat, beim Unternehmer, der für sich in Anspruch nahm, die Dinge auf den Weg gebracht, riskiert zu haben. Die Demokratie war dadurch keine bürgerliche mehr, sondern eine des vierten Standes, dem es jedoch an Geschlossenheit, Intelligenz, Bewußtsein und Führungsstärke mangelte. Dennoch war der Prozeß nicht mehr aufzuhalten: die bürgerliche Gesellschaft entbürgerlichte, hielt zwar noch die Zügel der Macht in der Hand, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändern müßte. Oder?
Es gelang der bürgerlichen Gesellschaft, die Frage der Macht aufzuschieben, indem Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens so definiert wurden, daß die öffentliche Hand zunehmend Verantwortung für die verelendeten und verwahrlosten Bestandteile der Gesellschaft übernahm: Schulpflicht, öffentliche Hygieneanstalten, Wohlfahrt, Häuserpflege, Nahrungsmittelversorgung... Raiffeisen-Banken, Heilsarmee, private Stiftungen usw. arbeiteten zur Hebung des Volkswohlstandes und leisteten so eine nicht unerhebliche Sozialarbeit.
Die sich herausbildenden Arbeiterparteien konnten durch die Lehre Marxens für sich reklamieren, daß der Staat unweigerlich in ihre Hände kommen mußte. Sie wollten den Klassenkampf organisieren und das Bewußtsein der Massen stärken. Insofern waren diese Parteien Staatsfeinde. Die deutsche Sozialdemokratie besaß für Europa eine Vorreiterrolle. Ihre programmatischen Parteitage von Gotha (1875) und Erfurt (1891) wurden zum Muster der anderen europäischen Arbeiterparteien. Mit dem wachsenden Volkswohlstand verbürgerlichte die Sozialdemokratie im Reich, nahm aber bis 1914 nicht prinzipiell Abschied von ihrer historischen Mission, den Sozialismus im Sinne ihres geistigen Vaters Karl Marx durchzusetzen.
Es muß einen Wirkzusammenhang zwischen imperialer Politik und der demokratischen Verfaßtheit geben. Immer dann, wenn sich ein Gemeinwesen demokratische Strukturen gab, drang es auch bald nach außen, wollte erobern und andere beherrschen, besonders dann, wenn diese demokratischen Strukturen nach einem Umsturz durchgesetzt werden konnten. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang, wenn man die Reformen Solons, die der Gracchen und die Ergebnisse der Französischen Revolution vor Augen hat. Zwar waren weder Athen, noch Rom oder Frankreich friedliche Nationen, aber nach den innenpolitischen Strukturänderungen zu mehr Demokratie griffen sie besonders aus, immer unter der Fanfare, anderen Völkern die Segnungen ihres Gemeinwesens bringen zu wollen. Gewissermaßen hat sich dieser Zusammenhang bis in unsere Zeit gehalten, denn auch die heutige Weltmacht unternimmt alles, um auf der Welt Demokratie auf den Weg zu bringen, ob die angegriffenen Völker das nun wollen, ist gleichgültig.

Land Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts für ♂ Einführung für Frauen oder auch andere Nichtwahlberechtigte
Finnland 1906
Deutscher Bund [2]/ZDR/Weimarer Republik 1848/1871/1918 1918
Österreich-Ungarn 1848/1896/1906 1918
Rußland 1906 1918
England 1918 1928
Spanien 1893 1931
Frankreich 1885 1944
Japan 1889 1945
Italien 1882/1912 1946
Amerika 1965 1965
Australien 1967 1967
Schweiz 1874 1971

Das 19. Jahrhundert kann exemplarisch für den Aufstieg der Demokratie und damit einhergehend mit dem des Imperialismus stehen. Der Zunahmen der äußeren Machtmittel der Staaten führte keineswegs zu einer inneren Geschlossenheit. Im Gegenteil: Verfassungskämpfe führten zu Parlamenten, die ihrerseits das Parteiwesen beförderten. Das war kein abendländisches Phänomen, sondern betraf ebenso Entwicklungen in Japan, Südafrika, Indien, Ägypten oder in der Türkei. Die Entwicklungen führten auf ein System der parlamentarischen Repräsentation zu, das die Etats der Regierungen kontrollierte und somit in einer Zeit steigender Staatsausgaben immer mehr Macht gewann. Mit Ausnahme Rußlands gab es in den größren Staaten der Erde keine absolutistischen Regierungen mehr, sondern sich meist demokratizide Hüllen gebende Plutokratien. [3] Das Reich, Österreich-Ungarn und etliche kleinere und mittlere Nationen (Schweden, Dänemark, Schweiz) gaben sich ausgewogene Verfassungen mit starker Mitbestimmung auch der politischen Ränder, entweder als Monarchien oder als Republik, immer aber im Kontext einer demokratischen Volksvertretung, die die Regierung kontrollierte. Das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht setzte sich weltweit durch.
Was erst einmal nach Fortschritt aussieht, erweist sich bei näherem Hinblicken als Minderung der Partizipation des Einzelbürgers. Die Politik blieb in den Händen kleinerer, eingeweihter Gruppen, die die ihnen genehmen Personen in entscheidungsrelevante Positionen brachten. Daneben wuchs die Macht der Presse, die Enthüllungen suchte und fand, Enthüllungen, die eben das Gewirke der Wenigen bloßstellten und manche Regierung zu Fall brachten, doch am strukturellen Aufbau der kapitalistischen Demokratien nichts änderte. Die Mächtigen blieben im Hintergrund und schoben neue Prätendenten vors Loch, wie der Volksmund das nannte, Prätendenten, die als Feigenblatt fungierten und zum Großteil in Abhängigkeit von Hintermännern standen, die ihnen sagten, welche Gesetzesvorlagen wie zu bewerten seien, die ihnen Wahlkämpfe finanzierten oder persönliche Gefallen taten, die sie irgendwann zur Herstellung des Gleichgewichts zwischen Haben und Soll einforderten.

Ablösung nationalstaatlicher
Höhepunkt
Auflösung
Amerika 1776 1989 -
Argentinien 1816 1947 -
Belgien 1830 1914 1990
China - - -
Deutschland - - 1990
Frankreich 843 1812 1990
Holland 1648 1660 1990
Israel - 1967 2014
Italien 1866 1940 1990
Kamerun 1961 - -
Österreich 1866 - 1990
Schottland - 1660 und 2014 -

Neben dieser weltweiten Entwicklung zu einem Mehr an parlamentarischer Demokratie stand die Tendenz zum Nationalstaat. Verbunden mit der Herausbildung nationaler Gemeinschaften war die Hoffnung zu mehr Freiheit und Wohlstand, zu mehr Identifikation und Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen.
Nationale Politik durchläuft immer drei Phasen, nicht im gleichen Tempo, nicht in der gleichen Intensität. Am Anfang steht der Aufstand, entweder aus einem bestehenden Staatswesen heraus oder gegen einen äußeren Feind, dann die Erringung der Macht und das Bündnis mit einstigen Gegnern, am Ende das Ausbrechen aus dem nationalstaatlichen Verbund und der Griff nach dem Mehr, also entweder die Heimführung von Volksgenossen in einen staatlichen Verbund oder die Eroberung Volksfremder in angrenzenden Gebieten zur Abrundung, der Schaffung „natürlicher“ Grenzen oder aus anderen, aber ähnlichen Gründen: Geopolitik. Nach der Entscheidung bezüglich des Mehrs entwickelt sich der Nationalstaat entweder zurück oder er geht in einem übernationalen Gebilde auf. Diese äußere Entwicklung wird von einer inneren begleitet. Am Anfang ist man sich im innenpolitischen Diskurs einig, denn es gilt, Feinde, die der Bildung des Nationalstaats im Wege stehen, gemeinsam zu begegnen. Dem errungenen Sieg, den es bisher immer gab, folgt eine kurze Aufbauphase, in der weitgehend Konsens über das Vorgehen besteht. Doch schon überlagern dislozierende Interessen die Eintracht des Gemeinwesens, sie resultieren aus den Strömungen ihrer Zeit. Die auf dem nationalen Konsens basierenden Gruppierungen (einst gesellschaftskritische, nunmehr staatstragende Bewegungen) finden zueinander, an den Rändern der Gesellschaft bilden sich neue kritische Stimmen, meist auf sozialegalitärer Basis, manchmal auf faschistoider. Diese neuen kritischen Stimmen ergreifen Partei für den vierten Stand, einen aus den anderen Ständen herausgewachsenen besitzlosen Stand, das Proletariat, das meist staatsfeindlich auftritt und dessen Ziel der klassenlose-übernationale Weltstaat ist, der in einer diktatorischen Übergangszeit verwirklicht werden soll. Ein Weltstaat ist auch das Ziel des Monopolkapitalismus, denn ein Weltstaat läßt sich leichter lenken als viele kleine, auf ihre Unabhängigkeit pochende oder hinarbeitende Mittel- und Kleinstaaten. Seltsame Verquickung der Interessen.
Der Druck dieses an Zahl und Selbstbewußtsein zunehmenden Standes bewirkte stete Erweiterungen des Stimmrechts. Im Deutschen Bund verbanden sich liberale mit basisdemokratischen Vorstellungen und führten bereits 1848 zum Stimmrecht für alle seßhaften, nicht von der Wohlfahrt abhängigen oder im Wehrdienst stehenden männlichen Bürger, ob Deutsche, Juden oder Nichtdeutsche. Wer Bürger in einem Gemeinwesen war, der war stimmberechtigt. Andere Nationen taten sich da schwerer: entweder wurden Andersgläubige ausgeschlossen oder die Zugehörigkeit zu einer Rasse entschied neben dem Füllstand des Geldbeutels über das Recht, Abgeordnete in ein Parlament entsenden zu dürfen: In Britannien, das sich gern selbst als Mutterland des Parlamentarismus feiert, bedeutete das, daß bis zur Änderung des Wahlrechts 1918 maximal 52% der Männer wahlberechtigt waren. In Amerika mußten Neger bis 1965 Schreib- und Lesefähigkeiten nachweisen, bevor sie als Wähler zugelassen wurden; Indianer waren bis 1940 in etlichen Staaten ohne Bürger- und Wahlrecht. Die Aborigines waren in Australien bis 1967 vom Wahlrecht ausgeschlossen. Kanada gewährte 1960 Indianern das Wahlrecht, Dänemark seinen Eskimos gar erst 1962.


[1] Während die stockkonservativen Parlamentäre nach immer schärferen Polizeimaßregeln für die ostmärkischen Grenzländer schreien, reden sie zugleich ihren Landsleuten ein, daß der Feind überall lauert und sich das Volk gegen die Fremden wehren soll, um wiederum diese Fremden zu Tausenden als billige Arbeitskräfte ins Land zu holen.
In Mecklenburg, nicht nur in Westpreußen wird die Landbevölkerung aus ihrem angestammten Lebensraum vertrieben und durch die billigeren Polen ersetzt. Die alten Landarbeiter wandern in die Städte in die Elendsquartiere, wo sie auf engem Raum leben müssen. Alkohol, Mißhandlung und Tuberkulose begleiten das meist kurze Leben.
Die Regierung reagierte und erließ eine Verfügung, wonach die ausländischen Arbeiter nach zwei Jahren zurückgeschickt werden müßten.
Das brachte die strammen Alldeutschen in der mecklenburgischen Ritterschaft auf die Palme, denn das würde den Profit durch die ständige Wiederholung des Anlernens und Transportierens verringern.
Liberale und konservative Interessen gehen hier auf die Kosten des Ganzen.
Damals wie heute ein Katzengeschrei gegen die Wünsche der Einheimischen vom Liberalkonservatismus, der nur eines kennt, den Füllstand seines Geldbeutels.

[2] Das Dreiklassenwahlrecht galt nur für die Wahl zum preußischen Abgeordnetenhaus, nicht aber bei den Wahlen zum Paulskirchenparlament, den Norddeutschen Reichstag und den Reichstag.

[3] Kapitalbildung ist ein notwendiger Prozeß im kapitalistischen Wirtschaftsleben. Die Besitzer des Kapitals besitzen das Recht, vom Staat Schutz zu erhalten, andernfalls erliegt das Wirtschaftsleben. Plutokratie beginnt dann, wenn das Kapital nicht nur den Schutz fordert, sondern sich selbst in die Machtpositionen bewegt, also politische Macht anstrebt und erhält und diese über den Staat ausweitet. (Mahraun, S. 175.)