Der moderne Staat hielt sich beim Eingreifen in das Verhältnis zwischen Proletariat und Bourgeoisie zurück. Erst mit seiner zunehmenden Aktivität als Unternehmer im öffentlichen Sektor des Wirtschaftslebens war auch er vor das Problem der Arbeiterpartizipation gestellt. Außerdem hatte der Staat mit einer Tendenz des Imperialismus zu tun: Monopolbildung [1]. Die betraf auch ihn, wenn der Staat als Auftraggeber auftrat, um Produkte zu erstehen, die er zur Erfüllung seiner vielfältigen Aufgaben benötigte. Er mußte hier seinem Selbstverständnis nach allgemeine Lebensbedingungen schaffen, regionale Ungleichgewichte abgleichen und beiden Seiten, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Sicherheiten verschaffen. Das Recht erhielt eine bedeutendere Funktion, die Gewerkschaften, auch die Parteien und der Staat als Unternehmer eben selbst, der zwar nicht unbedingt an Gewinn orientiert war, doch auch nicht daran, Geld unbedacht auszugeben. Der Staat schaffte allgemeine Regelungen der allgemeinen Lebensbedingungen zuerst in den Bereichen Erziehung und Gesundheitspflege, die er weitgehend unter seiner Kontrolle hatte und griff in Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebervertretern nur dann ein, wenn ihm die allgemeine Sicherheit gefährdet schien, was u.a. 1894 [2] in Amerika beim Pullman-Streik der Fall gewesen sein soll, als herbeigeführtes Militär 20 Streikende erschoß [3] und etliche verletzte. Der Staat stand nicht auf Seiten der Arbeiter, nie, sondern auf Seiten der Besitzenden. Diese verstanden es, die technischen Erfindungen zu nutzen, wodurch ihr Reichtum stieg; zeitgleich beteiligten sie die Besitzlosen nur, wenn sie dazu gezwungen wurden.

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Das sind Merkmale des Imperialismus: der Machtaspekt steht vor dem Sozialaspekt, der Kampf ums individuelle Dasein wird gesellschaftlich, also in Klassen/Ständen, ausgefochten, auch innerhalb derselben in politischen Gruppierungen. Jeder gegen jeden. Es ging um die Verteilung des riesenhaft angewachsenen Kapitals, von dem Marx richtig sagte, es sei gesellschaftlich erworben worden, aber privat angeeignet, wobei der Staat als Privatunternehmer prozentual beteiligt und von daher an keinen Strukturveränderungen interessiert war und in Streitfällen zwischen Besitzlosen und Besitzenden immer auf der Seite der Besitzenden stand. Hätte er das nicht getan, wäre ein ständiger Wechsel der Besitzverhältnisse die Folge gewesen und keiner hätte sich seines Eigentums sicher sein können, was letztlich eine gesamtgesellschaftliche Lähmung zur Folge gehabt haben würde, denn warum sollte sich in anarchischen Sozialverhältnissen noch jemand bemühen, wenn er sich doch nicht hätte sicher sein können, das Erworbene auch geschützt zu wissen? Anarchie ist die beste aller Gesellschaftsformationen, bedarf aber selbstbewußter und zugleich fremdbewußter und sympathetischer Menschen, derer es zu wenige gibt, als daß dieses Konzept umgesetzt werden könnte. Um 1900 galt der Kampf aller gegen aller und der Staat besaß mit dem Gewaltmonopol nicht nur ein Schutzrecht des Besitzes, sondern eine Schutzpflicht, der er aber auch gern nachkam, denn schließlich stärkte das seine Position.
Der Kampf führte in der Industrie zur Bildung von Monopolen, Trusts, Kartellen oder schlichtweg Verbänden, die so im allgemeinen Wettbewerb für ihre Ziele die besten Voraussetzungen zu schaffen glaubten. Einzelne Industriekapitäne fokussierten Macht in ihren Händen, die über die Arbeit Hunderttausender bestimmten, sich über die gekaufte Presse auch die öffentliche Meinung zurechtlegen ließen, Einfluß auf die politische Entwicklung ihrer Staaten nahmen und letztlich nach der Weltmacht strebten. Die Demokratie depravierte, da das Volk zum Stimmvieh wurde, gelenkt von den Wünschen einiger weniger Mächtiger, die sich die Gebiete zuwiesen, ganze Weltteile für ihre Expansion zuteilten und dort auf Parteien, Regierungen oder Banken Einfluß nahmen, nicht immer offen, aber offen genug, um allgemein als Herrscher bekannt zu sein. Besonders im Westen war die Macht der Monopole augenscheinlich: Amerika, Frankreich und Britannien wurden von ihnen beherrscht, was zugleich aber auch ihre Weltherrschaft bedeutete, denn die Monopole machten an Ländergrenzen nicht halt und besaßen Kolonien und Einflußgebiete auf der ganzen Welt, die sie untereinander aufteilten.
Der Panama-Skandal zeigte der ganzen Welt die Einflußnahme der Großbanken auf die Politik der Regierungen. Mancher glaubte die Juden mit ihrer starken internationalen Verflechtung hier federführend, was die Bildung antisemitischer Vereinigungen beförderte, doch diese Vereinigungen waren tendenziös und ihre Basis, der Haß auf die Juden, bildete eine Lüge: Letztlich waren Juden nicht stärker in Korruption und heimliche Politik involviert als Nichtjuden. Neben Rothschild, Reinach, Warburg oder Schiff gab es auch Rockefeller, Morgan oder Carnegie u.v.a., die auf niedrigerem Niveau, aber nihilominus nicht weniger systematisch korrumpierten.

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Um 1900 war die Welt ein Pulverfaß, sowohl in Hinsicht auf innenpolitische Auseinandersetzungen, wie die Beispiele in Frankreich, Amerika oder Rußland zeigen, sondern v.a. in Hinsicht auf das Wachsen staatlicher, wirtschaftlicher und finanzieller Macht und der Unfähigkeit der wachsenden Staaten, mit diesem Machtzuwachs konstruktiv und friedlich umzugehen, denn alle betrachteten den Krieg als ein Mittel, politische Ziele zu erreichen. Die Menschen wurden rationalisiert, entseelt, wie es manche nannten, zugleich traten erste unübersehbare Umweltschäden auf, die Wohnghettos vermittelten wenig Lebensfreude, die durch Alkohol, Prostitution oder Klassenkampf vergällt wurde. Der Staat versagte als Schutzherr im Selbstverständnis der romantischen Gemeinschaftsidee, und alle sozialpolitischen Maßnahmen schürten nur mehr den Haß der Klassen untereinander: Das Grundübel der Zeit, die ungerechte Weltordnung, die Macht und Geld über Sitte, Anstand und Friedfertigkeit stellte, konnte nicht beseitigt werden. Der Geist des Kapitalismus feierte, ausgehend von England, Holland und Frankreich, einen vollständigen Sieg: weltweit, so daß um 1900 auch das Reich, Italien, Rußland oder Amerika mit kapitalistischem Gedankengut affiziert waren und ihr Dasein dem Gewinnstreben untergeordnet hatten. Angelockt von profanen Heilserwartungen glaubte der Jedermann, seines Glückes Schmied sein zu können und kämpfte rücksichtslos gegen Konkurrenten. Am Ende des Jahrhunderts wuchsen die zerstörerischen Kräfte gegen Natur und Mensch nicht weniger stark als die konstruktiv-aufbauenden.


Aufgaben:


  1. Erkläre und belege den Bedeutungszuwachs des modernen Staates! (II)
  2. Erörtere die Perspektiven des vierten Standes im Hochkapitalismus! (III)
  3. Nenne das Argument gegen eine Alleinschuld der Juden, wie sie antisemitische Vereinigungen behauptet hatten! Recherchiere und nenne die Namen wenigstens dreier antisemitischer Vereinigungen um 1900! (I)
  4. Vergleiche das Menschenbild des Imperialismus mit dem der Klassik und weise Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu! (II)




[1] Der Staat ist bis heute Parteienstaat und damit partitiver Interessenvertreter geblieben, was aber auch bedeutet, daß er zuweilen regulierend eingreift, nämlich immer dann, wenn offensichtliche Monopolbildung der Staat die Möglichkeit verwehrt, ausgleichend zwischen Interessen zu wirken und dadurch Zünglein an der Waage zu bleiben. Der erste bedeutende Eingriff war der Sherman-Act von 1890, der sich gegen die Monopolbildung in der amerikanischen Erdölindustrie richtete, also gegen Rockefellers Standard Oil.

[2] 1894 gab es in Chikago die Weltausstellung zu bestaunen. Die deutschen Produkte wurden mit dem Etikett „billig und schlecht“ wieder nach Hause geschickt. Zwei Jahre später hatte sich das geändert. (August Winnig: Das Reich als Republik. Stuttgart 1928. S. 75.)

[3] Das harte Vorgehen gegen Streikende durch den Staat war kein auf Amerika beschränktes Phänomen. 1899 ließ Wilhelm II. im Reichstag einen Gesetzesentwurf einbringen, wonach Streikende künftig mit Gefängnis bestrafen werden sollten. - Das Gesetz ging nicht durch.

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