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Thema: Der besondere Film

  1. #1
    Chefchen Avatar von aerolith
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    Post Der besondere Film

    Tief in den Wäldern (Frankreich 2010)

    Ein verstörender Film, der ein P 21 verdient.
    Tief in der französischen Provinz in einem Nirgendwo namens Gouils lebt ein alter Arzt mit seiner bildschönen Tochter. Eines Tages begegnet er einem scheinbar taubstummen Landstreicher, den er zum Essen einlädt und ihm in gut rousseauscher Manier als Kind der Natur huldigt. Seine Tochter, belesen und auf dem besten Wege zu einer alten Jungfer, spürt ihr Blut wallen. Sie erwacht. Will das aber nicht wahrhaben und nicht erleben. Sie wehrt sich, still und ängstlich, wie es ihre Natur zu sein scheint. Der Naturbursche wird verabschiedet, dringt aber am nächsten Tage gewaltsam in das Haus des abwesenden Arztes. Sie wehrt sich, aber er benutzt Magie (!) und entführt sie - dem Rattenfänger von Hameln gleich - fort aus ihres Vaters Haus. Sie weiß nichts, somnambul folgt sie dem taubstummen Verführer, der die einzig wahre Gewalt zwischen Menschen anwendet, die Verführung, hier garniert mit mystisch-magnetistischen Fingerübungen.
    Wer jetzt mit den Augen rollt und ein "kenn ich!" murmelt, wird bald eines Beßren belehrt. Der junge Taugenichts ist nicht taubstumm. Die junge Entführte ist kein Tugendbold. Ein Stockholm-Syndrom wäre klassisch fehlinterpretiert. Nein, SIE hat ihn entführt, benutzt und dann weggeworfen. Das ist die geheime Botschaft des Films: "Taugenichts, hütet euch vor Arzttöchtern, sie haben Gift im Hirn! Natterngezücht." Am Ende hat sie, was sie immer wollte, ein Naturkind im Arm steigt sie in den Zug nach Paris, wo ein betuchter Ehemann sie erwartet, und er, was sein Schicksal war: ein blödes und dennoch scheinbar wissendes Lächeln hinter vergitterten Fenstern.

  2. #2
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    Post Die vier Gesellen (Deutschland 1937)

    Das Besondere dieses Films: es ist der einzige deutsche Film mit Ingrid Bergmann. Sie läßt sich nicht synchronisieren, sondern spricht ihre Rolle selbst. Nur das gutturale R, das Zäpfchen-R, könnte daran erinnern, daß sie keine Muttersprachlerin ist. Falsch. Sie ist Muttersprachlerin, denn ihre Mutter war eine Deutsche. Da auch andere in den 30ern das Zäpfchen-R pflegten, fällt es im Film eh nicht auf. Heutige Schauspieler vermeiden diesen eher ostdeutsch affizierten rollenden Konsonanten. Ihre Aussprache ist dialektfrei, abgerundet und dabei doch nur nahe am hannoverschen Idiom. - Ich mag die (meisten) deutschen Dialekte, nur die nicht, die keine Lautverschiebung mitmachten.
    Es ist noch etliches andere besonders. Der Film beginnt in einer Berufsschule für Graphik. Vier Jahre Ausbildung, eine Fachhochschule. Die meisten in der Klasse sind männlich, aber vier Glieder sind weiblich. Denen teilt der Klassenleiter in der letzten Unterrichtssequenz mit, daß sie im Berufsleben nichts zu erwarten hätten. Sie sollten besser heiraten und sich an die Aufzucht und Verwöhnung des Ehegatten halten.
    Tja, mädelz...
    Aber, wir sind in der Nazizeit, also wird hier fröhlich zum Kontra geblasen. Ingrid B. ist in Bärlin auf Stellensuche. Nichts, nirgendwo. Männliche Bewerber werden vorgezogen. Dann, endlich, bei einer Strumpfhosenforma namens "Sappho" (!) ein Auftrag. Im Vorzimmer trifft sie ihre Schulkameradin. Der erging es ähnlich. Sie suchen die beiden anderen Kameradinnen und kommen überein, eine Firma zu gründen, die sie "Die vier Gesellen" nennen wollen. Sie geben sich eine Satzung, die drei wichtige Kernpunkte beinhaltet:

    1. jeder gibt alles, was er hat, um die Firma mit einem Startkapital auszustatten;
    2. jede darf die Firma nur verlassen, wenn alle einverstanden sind (das betrifft den Heiratsfall) und
    3. sie teilen die Arbeit auf und bleiben im Verborgenen, bis der Erfolg groß genug, um sich ein eigenes Studio zu leisten.

    Die Mädelz (alle Anfang zwanzig) ziehen in eine Dachbude - schönes Detail: dioe Dachgeschoßwohnung hat große Fenster, durch die nachts die leuchtenden Reklameschilder leuchten und so im Unterlicht hell-dunkle Schattenspiele ermöglichen, zugleich aber die Mädelz ständig unterbewußt in diese Welt holen, die ihnen das verschaffen soll, wonach sie sich sehnen - und gehen die Sache an. Ein Preisausschreiben einer dresdner Zigarettenfirma (dort hat der einstige Professor vom Anfang des Films eine führende Stellung) soll ihnen einen Großauftrag einbringen.
    Nebengeräusch: eines der Mädelz bekommt eine Aufforderung, Steuern zu zahlen. Sie geht sechs Wochen nach Erhalt der Aufforderung zum Finanzamt, wo sie ein Regierungsrat (!) empfängt, dem sie mitteilt, daß sie kein Geld hat, das sie bezahlen könnte. Der Regierungsrat (Erich Ponto mit Hitlerbärtchen) lächelt milde, ironisiert das freimaurerische Wappen der Firma (Zirkel, Winkelmaß und Blei im Kreis) und entläßt die Steuersünderin freundlich. - So stellt man sich das doch in der Nazizeit vor! Auf der Nachhauseweg in der Straßenbahn hat sie kein Geld, bekommt von einem freundlichen jungen Mann nicht nur einen Sitzplatz, sondern auch eine Fahrkarte geschenkt (kostete 0,25 RM, etwa 2,70 €), während der Schaffner keine Strafe erhebt, sondern lächelnd mitteilt, daß die junge Dame ohne Fahrkarte bitte die nächste Station aussteigen solle.
    Das ist ja alles wie im Märchen.
    Ja, es geht um die Geschlchtsverhältnisse in der postmodernen Gesellschaft. In der Nazizeit soll, so lernen es die Kinder in der Schule, die Frau wieder den Platz räumen, den sie sich in der Demokratie der Weimarer Republik erkämpfte. "Die vier Gesellen" wissen das auch. Also gaben sie ihren Vorschlag bei der dresdner Firma anonym beim frauenhassenden Professor ab. Schöner Dialog:
    Sekretärin: Eine Dame wartet.
    Einstiger Lehrer: Ja, immer diese Weiber. Erst setzen sie ihre weiblichen Reize ein, dann heulen sie, wenn sie nicht bekommen, was sie haben wollen. - Ohne mich!
    Marianne (so heißt Ingrid B. in diesem Film) traut sich nicht, DIREKT bei ihrem einstigen Lehrer, Stefan Kohldelt, anzufragen. Zu Hause angekommen, ist die Not groß. Tränen.
    Na klar, die Mädelz bekommen den Auftrag. Peripetie exakt zur Hälfte des Films. Marianne kommt nach Hause. Die übrigen Damen haben ihre Unterwäsche an den Fahnenmast gebunden, wo sonst die Nazifahne baumelt. Volksauflauf am Potsdamer Platz! Der Hauswirt: "Nähm Se die Wäsche vom Mast! Wir sinn nen anständjes Haus. Zahln Se libber Ihre Miete!"
    Man feiert mit Sekt und Salami.
    Doch nun beginnt die eigentliche Herausforderung, denn nun müssen die Vier die Werbekampagne als Branchenneulinge durchziehen. So würde es jedenfalls in einem heutigen Film weitergehen. Nicht aber in diesem, denn im Zentrum des Films, sein Hauptkonflikt, ist nicht die Selbstbehauptung der vier Mädelz im männerdominierten Wirtschaftsleben, sondern die Suche nach dem eigenen Lebensglück. Da es sich um eine Komödie handelt, liegt es spätestens seit der Peripetie auf der Hand, daß die Vier jeweils ihren Traummann finden. Von Interesse ist nur das Wie, WIE sie ihn bekommen, welche Verrenkungen, Rückschläge und Täler noch durchschritten werden müssen, ob sich eine partielle, halbgare oider vollkommene Tragödie in das Happy End (die Katastrophe) einschleicht und vor allem, welche Zeitkritik verschmitzt mittenmang aus dem Film herauszulesen ist.
    Erich Ponto (bekannt aus seinen Filmen mit Curt Goetz) als Regierungsrat beginnt mit den Heiratsanträgen. Er, 45 und ledig, fragt bei der Steuersünderin an, ob er nicht ihre finanziellen Angelegenheiten bereinigen dürfe? Das bei einem Glas Punsch, denn zuvor mußte er eine Stunde im Regen auf die Sünderin warten. Die Sünderin versteht nicht. Ein Steuerberaterwitz. Er frug um ihre Hand, DENN als Verheirateter hätte er mehr Vorteile als die läppische Steuerschuld seiner Frau. Jetzt versteht sie - und grinst bis zur Nasenspitze. Die zweite junge Frau trifft sich derweil im KIno mit einem Feinmechanikermeister; sie schauen sich den Film "Zu neuen Ufern" an, hören das Liebeslied Zarah Leanders. Die dritte junge Frau verliebt sich in einen älteren Herrn, der ihre Kunst zu würdigen weiß. Sie gehen ihren Passionen nach, derweils Ingrid B. (Marianne) zu Hause bleibt und arbeitet. Nachts kommen sie von ihren "dates" zurück und wecken die über ihrer Arbeit erschöpft eingeschlafene Marianne. Schlechtes gewissen. Gibt es doch noch ein Zurück zur emsigen Betriebsamkeit ohne Männer?



    Nach einer Stunde scheinen dem aufmerksamen Zuschauer alle Konflikte gelöst: die vier Frauen haben die Firma nur zu einem Zweck gegründet (Männer angeln), die Männer ihrerseits fühlen sich gebauchpinselt, scheuchen die Frauen dann aber finanziell (Regierungsrat), familiär (der feinmechanische Kleinbürger), künstlerisch (Professor Unrat meets Käthe Kollwitz) oder beruflich (der Lehrer sagt es seiner Schülerin direkt ins Gesicht) an ihre Kochtöpfe zurück. Alles bloß Klamauk! Für das einfache Volk gilt das dann auch, nicht aber für Marianne, die Führungskraft. Sie wird auf eine Ebene mit ihrem Lehrer gestellt und bleibt dort - bei einem offenen Ende.

  3. #3
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    Post Die große Liebe (1942)

    Die große Liebe (1942)

    Ein Film mit Zarah Leander und ihrem unvergeßlichen "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn".

    Das nennt man Kunst.
    Da ist ein Flieger auf Heimaturlaub. Er sieht Zarah in einem Variete von der Liebe singen. Die Textstelle "erlaubt ist, was gefällt" läßt ihn lächeln, den Soldaten, der weiß, daß man sich das nur wünschen darf. Er beschließt, die Regeln zu brechen und sucht Kontakt zu Zarah, die unverheiratet ist, aber offenbar eine Liaison zu einem verheirateten Mann pflegt, Paul Hörbiger. Das weiß unser junger Held aber nicht. Er weiß nur, daß er diese Frau haben will. Also geht er auf die Jagd. Er verfolgt Zarah, die nach der Vorstellung mit der Straßenbahn nach Hause fährt. Für 25 Pfennige (etwa 2,70 €) durch halb Bärlin mit Krethi und Plethi. Einer raucht Pfeife in der Tram. Damals durfte man das noch. Als sie in die U-Bahn umsteigt, folgt er ihr. Sie schaut stur nach vorn, ihn nicht an, währenddessen er Kontakt herzustellen sucht. Sie wehrt ihn aber auch nicht ab. Es gelingt ihm, sich mit ihr in eine Abendgesellschaft zu stehlen. Auch das wehrt sie ihm nicht ab. Die alten Herren und Damen der Gesellschaft werden aufgefordert, ihn ihr vorzustellen. Ja, so mußte man das damals machen, offiziell vorgestellt werden. Aber keiner kennt ihn. Verwirrspiel. Sehr komisch. Denn alte Herrschaften, die jemanden im Gefolge von jemandem sehen, der ihnen höchst willkommen ist, nehmen immer an, daß sie diesen Unbekannten doch eigentlich kennen müßten. Da hat er sie schon fast gewonnen. Der fremdgehende Freund unserer Heldin ruft an und will sie jetzt doch sehen, nachdem er sie zuvor gegen Arbeit im Büro (nachts!) einzutauschen vorlieb genommen hatte. Eine "Kateridee", wie er selbst meint. Zu spät. Jetzt lügt sie ihren in der Scheidung steckenden Freund an und bleibt beim Flieger, kehrt zu ihm zurück. Da schläft der doch tatsächlich in seinem Sessel! Sie weckt ihn. Er entschuldigt sich. Der Zuschauer weiß jetzt schon, daß die ein Paar werden, denn schließlich hätte sie den Schlafenden schlafen lassen können. Sie gehen zu ihr nach Hause. Er kennt die Gepflogenheiten, es ist schließlich Krieg, also gehen die Sirenen Punkt 1 Uhr nachts los. Es ist kurz vor eins, er wartet und... Die Sirenen. Sie muß ihn ins Haus bitten, wo sich die Volksgemeinschaft im Keller trifft, um den Bombenalarm abzuwarten. Man spielt Mensch ärgere dich nicht und trinkt echten Bohnenkaffee, sintemalen eine Seltenheit. Ein paar überflüssige Kabbeleien zwischen einzelnen Hausbewohnern. Die Leute sind mir ein wenig zu fröhlich. Entwarnung. Man geht zurück in die eigenen Wohnungen. Sie begleitet ihn zur Tür, legt die Hand auf die Klinke, ein Blick, er versteht den Willkommensgruß, legt seine Hand auf ihre und drückt die Haustür sanft zu. Von innen. Schnitt. Ein Flugzeug fliegt durch die Wolken. Zwei Offiziere. Der eine fragt den anderen, ob er ihr gesagt habe, daß er Flieger sei. Nein, sagt der, ich will nicht, daß Frauen weinen.
    Erotik um 1942.
    Er ist wieder fort und bekämpft den Feind. Das weiß sie aber nicht und hofft bei jedem Klingeln, daß er es sei. Isses aba nich. Ihr Engagement am Variete läuft ab. Rom ist die nächste Station. Juli in Rom! Hitze.
    Zuvor aber ein Wechsel der Töne in der Beziehung zwischen Zarah und Paul. Der tragische Freund will nicht zum komischen Freund werden, der vergeblich seiner Angebeteten hinterherlechzt, also gibt er sein Liebeswerben auf und ist nun richtig Freund. Das ist wie bei der Geschichte von dem Hund, der das Warten aufgibt, um erst danach richtig Hund zu sein. "Man braucht gar nicht glücklich zu sein, wenn man liebt". Wer das begriffen hat, der hat das Leben begriffen.
    Nun, unser Held kömmt dann doch mal auf Heimaturlaub, eilt zu ihr und sagt ihr nun endlich, daß er Soldat sei. Sie versteht, daß sein wochenlanges Schweigen ehrenvoll war und sie nicht von ihm für ein schnelles Abenteuer mißbraucht worden ist. Eine neue Lebenssituation, das konzentrierte Leben im Heimaturlaub. Krieg. Zarah macht Truppenbetreuung. Die deutsche Truppenbetreuung sah so aus, daß die Truppe im Konzertsaal saß und schwermütiger Musik lauschte. Propaganda? Sicherlich. Aber auch Propaganda kann nicht den Grundton verfälschen, das Wesen der Dinge. Vergleicht man die amerikanische mit der deutschen Truppenbetreuung, dann fällt das schon auf: amerikanische Pin-Up-Girls vs. "deutsche" (Zarah war nur zu 12,5% Deutsche) Wuchtbrumme. Dort Unterhaltung, da ein Konzertereignis. (Aus westlichen und nachkriegsdeutschen Filmen kenne ich das anders, da geht es bei der Wehrmacht viel vulgärer zu. Wer lügt? Natürlich der Goebbels-Film. Klar.) Was tun die Deutschen? Sie schunkeln.
    Er entschließt sich, sie zu heiraten, erhält Urlaub und kommt nach Hause. Sie lädt ihre dänische Mutter ein, man verliest Glückwunschtelegramme. Unter diesen befindet sich der Gestellungsbefehl vom Vortag. Übersehen! Der Krieg mußte ohne unsere Helden stattfinden. Undenkbar! Vor der Hochzeit muß er wieder weg. Offiziersfrauschicksal.
    Schnitt.
    Rom. Sie probiert ein neues Programm und ist sehr nervös. Der Freund schreit das Orchester an. Ein dritter Verehrer will den Freund verprügeln. Krieg im Theater. Dann die Erlösung. Er ist in Rom und hat Urlaub. Drei Wochen. Sie verläßt die Probe, eilt zu ihm. Glück. Doch dann eine peripetische Wendung: In vorauseilendem Gehorsam will er zu seiner Einheit. Hitlers Ostfeldzug steht an. In Offizierskreisen spricht sich ein Aufmarsch an der feindlichen Grenze schnell herum. Also zieht es ihn zu seiner Einheit, obgleich er (noch) keinen Befehl hat. Pflicht! Was wird sie denken - und fühlen? Er will nicht. Ein vages Gefühl von Verantwortlichkeit wiegt ihm schwerer als das kurzbemessene Glück gemeinsam verbrachter Zeit.
    Der Krieg gegen die Sowjets. Man hört eine abgebrochene Kriegsbegründung Hitlers: Die Sowjets sollen den Nichtangriffspakt gebrochen haben...
    Unser Held muß an die Ostfront. Er will es reinen Herzens machen, also ohne Liebe und Verpflichtung gegenüber einer Frau. Er will ohne Liebe in die Kiste (sein Flugzeug) steigen. Zarah (die Schweden sprechen das Zorah aus) erfährt diese Grundsatzentscheidung bei Proben in Rom. Der Freund (Paul Hörbiger) komponiert derweil in trauriger Grundstimmung in einer italienischen Bar: "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn..."
    Schnitt.
    Via Appia. Etwa die gleiche Kameraeinstellung wie neun Jahre später bei Quo Vadis: Retardation. Sie will jetzt als Künstlerin arbeiten. Arbeit, das Glück der Ungeliebten.
    Schnitt.
    Die plötzliche Wendung: ein Brief aus Rußland. Er ist abgestürzt, aber nur leicht verletzt. Drei Wochen Urlaub. Schon wieder. Sie reist sofort ab und er - er will sie heiraten und dann wieder fliegen. Das Ende: zwei stolz-bewegte Blicke in den Himmel, wo Flugzeuge unserer (sic!) Luftwaffe in Formation fliegen. Das war nun wirklich Propaganda. Der Rest aber? Nö. Es war ein Liebesfilm, der ebensogut im 19. Jahrhundert hätte spielen können, dann mit einem Husarenleutnant im Befreiungskrieg.

  4. #4
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    Post Die blonde Hexe (1955)

    Dieser französisch-schwedische Film mit der siebzehnjährigen Marina Vlady in der Hauptrolle bezauberte mich. Das lag am einfühlsamen Spiel der jungen Darstellerin, aber auch an deren körperlicher Reizen, die der Regisseur in zahlreichen, wechselnden Perspektiven und Lichtverhältnissen in Szene zu setzen wußte. Der Ruhm schwedischer Unbekümmertheit wurde hier fortgesetzt, wahrscheinlich im Kontext des Klassikers mit Ulla Jacobson, die in einer der erotischsten Szenen der Weltfilmkunst 1951 betört hatte. (siehe im Original)
    Ein französischer Ingenieur (Maurice Ronet) kommt in ein Wald- und Wiesenkaff irgendwo in Schweden und löst dort einen mürrischen Vorgänger als Verantwortlichen bei einem Straßenbauprojekt ab. Dieser Vorgänger war von seiner Auftraggeberin, einer kühlen Blondine (Nicole Courcel), auf Distanz gehalten worden und erfährt am Tage seiner Abreise, daß sie Halbfranzösin ist und seine Sprache spricht. Der junge Nachfolger wird schon zum nächsten Tag zum Frühstück bei seiner Auftraggeberin gebeten und bringt es aufgrund seiner offenen und sachlichen Art zu gutem Ansehen im Dorf. Was hier so verdächtig nach Happyend aussieht, ist doch nur die Exposition. Das eigentliche Filmthema gräbt Tieferes zutage, nämlich die Angst vor dem Unbekannten, auch dem Traditionellen, das durch überlagerte Modernismen fremdgeworden ist, aber im Unterbewußten noch ankert. In dialektischer Verschränkung wird das mit sexueller Metaphorik verkreuzt, so daß das Archetypisches mit dem aus der modernen Großstadt ausgebrochenen Jungakademiker eine vitiöse Verbindung eingehen muß, v.a. dann, wenn sich Lust, Instinkt und Ahnung in einem Traumbild weiblicher Schönheit verbinden. Ist aber hier keineswegs quasig. Denn jetzt kömmt das Besondere: Der Held starrt die Naturschönheit nicht als Absonderheit an, sondern sieht sie als Kontrapunkt zu dem ihm vorbestimmten Weg. Dieser Weg müßte ihn (happy ending) zur ebenfalls blonden Chefin führen, deren vereistes Herz taut, nun aber der Sehnsucht nach dem Leben nicht mehr Herr werden kann, während die junge Hexe das Leben selbst ist - in der Natur! Fragt hier wer nach Lebensperspektiven?
    In der Chefin erwacht die Frau, aber zugleich hat sie Mutterpflichten zu erfüllen, die sie und ihren Sohn in die Stadt zurückführen. Derweil nähern sich unser leichtsinniger Held und die Hexe an. Sie lernt französisch und versucht zugleich im Worte ihrer Ahnen, die Liebe durch Austreibung in schwedischer Vollmondnacht loszuwerden. Vergebens. Maurice fährt mit ihr nach Falun, die nächste Stadt, die Ina (so heißt die Hexe) das erste Mal erlebt. Bizarrer Sandalenkauf, lustvoller Tanz bei einer Hochzeit, gemeinsames Eisschleckern im Mondenschein. Die Chefin kehrt derweil aus Stockholm zurück und muß erkennen, daß sie gegen die Hexe in Konkurrenz steht. Wirtschaftliches und privates Glück stehen auf dem Spiel. Ein amerikanisches Element in diesem Film. Sie handelt und verweist die Hexenfamilie von ihrem Land - binnen acht Tagen müssen Ina und ihre alte Mutter das Land verlassen haben, wo sie bislang leben durften. Maurice stellt die Chefin zur Rede: Sie begreift, daß sie das Herz Mauricens nicht gewinnen kann, indem sie ihre weltliche Macht ausspielt. Maurice, ganz jugendlicher Held, hat eine Lösung parat. Glaubter. Er will Ina heiraten und dann nach Paris mitnehmen. In Schweden fanden damals Trauungen in der Kirche statt. Ina sagt also nein. Ist sie störrisch? Nein, kurze Zeit später zeigt sich, wie recht sie hatte und wie wenig die Vernunft eines französischen Weltreisenden verfängt.
    Schnitt.
    Die Gemeinde strömt zur Sonntagsmesse. Die Männer biegen ab und scharen sich um die Weinfässer. Die Frauen nehmen in der Kirche Platz. Auftritt Ina. Sie, die Hexe, geht dem Geläut nach und betritt als letzte die Kirche, bleibt im Eingang stehen. Der Pastor freut sich über ihr Kommen und hört schon die Hochzeitsglocken. Die Dorfweiber nicht. Getuschel. Nach dem Gottesdienst tun sie das, was Christen tun müssen, aber sie übertreiben es. Christenpflicht besteht darin, den Teufel (die Sünde) nicht in die Gemeinde zu lassen. Christenpflicht besteht aber auch darin, den Sünder aufzunehmen. Die Verbindung von Sündenvorkehr und Aberglauben unterbindet jedes andere Pflichtgefühl, v.a. das wichtigste: Nächstenliebe. Die Chefin erfährt von dem Tumult, kehrt um und peitscht, ganz Herrenart, die Dorfweiber auseinander, die auf Ina eintreten. Ina steht verstört auf - es ist ihr doch wenig passiert - und verläßt das Dorf Richtung Wald. Ein betrunkener Mann wirft einen Stein nach ihr und trifft sie an der Schläfe. Sie schleppt sich in den Wald und stirbt. Der jugendliche Held irrt derweil durch den Wald, sie rufend. Der Dummbeutel.

  5. #5
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    Post Another Earth (2011)

    Eine Hochbegabte mit dem Hang zum ichkultigen Hedonismus rast nach einer durchzechten Nacht in ein auf einem Zebrastreifen stehendes Auto. Das auf dem Rücksitz des anderen Autos sitzende Kind wird herausgeschleudert und stirbt. Die Hochbegabte wandert in den Knast, wo sie einige Jahre verbüßt. Sie kömmt heraus und muß als gebrochene Seele den eisigen Alltag in New Haven bewältigen. Sie will keine Menschen um sich haben, der innere Schmerz lähmt jede ihrer Bewegungen, nur ab und an bricht der alte Forscherdrang der Hochbegabten durch. Sie findet eine Stelle als Hausmeister an einer Highschool und putzt. Ja, putzen und aufräumen! Es drängt sie zum Tatort. Adagio molto. Zufällig hält dort ein Auto und ein Mann stellt ein Spielzeug an einen Mast am Straßenrand. Es ist der Spielzeugroboter, das andere Ich des getöteten Kindes. Die Hochbegabte recherchiert und erfährt den Namen ihrer Opfer: ein Komponist und seine Familie. Burroughs. Sie findet seine Adresse, ein Haus in der Ödnis, und klöpft. Ein versoffener Mann zeigt sich und wimmelt sie ab. Sie gibt sich als Putze aus und bietet ein kostenloses Probeputzen an. Er rammt die morsche Haustür zu. Sie bleibt stehen. Knackpunkt. Er kömmt zurück, befiehlt sie mürrisch ins Haus. Messie. Nach einigem Zögern putzt sie. Wieder zuhause übt sie ihren Text, will sich bekennen. Parallelhandlung: im Radio, in den Medien erfährt der Zuseher von einer Parallelwelt, die als blauer Planet links neben dem Mond bei Totalen zu erkennen ist. Kontaktaufnahme im live-Mitschnitt. Dort leben Menschen wie wir, genau wie wir. Sie haben die gleichen Erinnerungen, die gleichen Namen, die gleichen Schicksale. Die Hochbegabte schreibt, will einen Flug dorthin gewinnen, behauptet, sie sei am besten geeignet.
    Hier ist eine kleine dramaturgische Schwäche. Eitelkeit und ein handelnder Anti-Held. Es war auch Eitelkeit, daß sie dem Mann, bei dem sie nun putzt, mitteilen wollte, daß sie es war, die seine Familie zerstört hatte. Sie tat es dann doch nicht. Besser is. Es ist nicht an uns, Fragen zu beantworten, von denen wir glauben, sie beantworten zu müssen, zu unserem Seelenheil beantworten zu müssen. Am Ende treten wir als moralische Berserker auf, die nur den eigenen moralischen Nutzen im Sinn haben und darüber ihre Umwelt beckmessern und bramabasieren.
    Das alles ist nichts Besonderes. Es wird besonders durch das intensiv-zurückhaltende Spiel der Hauptdarstellerin, Brit Marling. Der schönste Augenblick war für mich der, als der Vater mit ihr im Auto fährt und sie fragt, was sie ihr alter ego auf der anderen Welt fragen würde. Da dachte ich 'Mehr Glück beim nächsten Mal!', denn ich glaube an die Wiedergeburt und wenn dort alles so ist wie hier, dann kann die Welt dort der hier nicht helfen. Dann kann man nur hoffen, einen Draufblick zu bekommen, sich selbst zu sehen und zu erahnen, was man alles falsch machte, um es im nächsten Leben besser zu machen. Nun, die Hochbegabte sagte etwas in der Art, wie ich dachte, glaubt also auch an Wiedergeburt. Ich lachte ziemlich schrill, fühlte mich verstanden und geborgen.
    Der Rest war weniger erfreulich. Es gibt ein Preisausschreiben. Ein onwayticket to another Earth. Sie gewinnt, überläßt es aber dem Vater, mit dem sie eine Liebesbeziehung beginnt. Geschmacklos und uninspiriert. Eitel. Hübsch die Schlußeinstellung. Sie steht ihrem alter ego von der andren Welt gegenüber. Klar. Wenn schon, denn schon.

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