+ Antworten
Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 25 von 26

Thema: Studenten

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post Studenten

    Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten


    Was ist bisher geschehen?

    1. Kapitel: Pfleger

    Eduard Eisenpflicht, der gerade Abitur gemacht hat und ein Pflegepraktikum im Krankenhaus absolviert, fühlt sich durch ein merkwürdiges Mißverständnis einer jungen Patientin angenähert, die er von einer Ausräumung auf ihr Zimmer fahren soll. Diese Patientin, Astrid Arcangela Fohrmann, scheint ihn ebenso sehr zu mögen, wie er sie, und als ihr Vater ihn dazu auffordert, anerkennt er sogar, der Vater des abgetriebenen Kindes zu sein. Er ist bei seiner verwitweten Mutter, mit der er sich nicht verstand, ausgezogen und wohnt bei seiner alten Flötenlehrerin Käthe Koch, mit der ihn eine herzliche Freundschaft verbindet. Als er sich mit Astrid treffen will, wird er von Unbekannten zusammengeschlagen.


    2. Kapitel: Soldaten

    Während Edu Wehrdienst leistet und nach einer Gehorsamsverweigerung mit dem "Heiligen Geist" bedroht ist, macht seine Liebe für Arcangela insofern Fortschritte, als es Tante Käthe gelingt, einen Zettel, den Arcangela in der Klinik zurückgelassen hat, zu entziffern. Sie verweist darin auf den mittelalterlichen Apollonius-Roman, in dem von der blutschänderischen Liebe des Königs Antiochus zu seiner namenlosen Tochter die Rede ist. Sollte Arcangela sich mit ihrem Vater, der ebenso verwitwet ist wie Vilma, Edus Mutter, in einer solchen Beziehung befunden haben? Ein Kamerad von Eduard, Kurt Koslowski, Epileptiker, hat sich für Edu geopfert. In einer hexensabbatartigen Schlußszene in der Peppermint-Bar tritt Arcangela, die offenbar von zu Hause ausgerissen ist, als "The Stripping Pianist" auf und bezeichnet sich, als Edu sie von dieser "Arbeit" abbringen will, abwehrend als "nichts als Dreck".


    3. Kapitel: Schuhe

    Edu ist Fourier-Gehilfe geworden und sortiert Schuhe aus einer Schuhspende aus den Anfängen der Bundeswehr. Er ist verzweifelt und fürchtet, die Spur Arcangelas für immer verloren zu haben. Ein alter Feldpostbrief scheint zu beweisen, dass nicht Fohrmann, sondern Karl Ossenblom der Vater Arcangelas ist. Edu protestiert gegen Nazi-Bilder in der Kantine, befreundet sich bei dieser Gelegenheit mit Leutnant Homburg, der ihm schon gegen den Zugführer beigestanden hat, und bekommt von Major Rumberg, der ihn von der Legitimität von Nazi-Kunst zu überzeugen versucht, eine Einladung auf ein Treffen alter Kameraden. Hier nun sieht er Arcangelas Vater wieder, der sich als der frühere Außenstaatssekretär Karl Ossenblom entpuppt, der an dem Projekt, die europäischen Juden nach Madagaskar zu deportieren, mitgearbeitet hat. Mit Homburg besucht er eine Aufführung des "Perikles" von Shakespeare, der, was er nicht wußte, eine Dramatisierung des Apollonius-Romans ist. In der Rolle der Tochter von König Antiochus: Arcangela. Sie kommt mit in die Kaserne, um sich dort vor ihrem Vater, der sie verfolgt, zu verstecken. Als Fohrmann die Klappe, die zum Schuhlager hinaufführt, wo er Arcangela vermutet, herunterreißt, stürzen zentnerweise alte Schuhe auf ihn herab. Er erleidet einen Schlaganfall, und wir sehen ihn zum Schlu? im Rollstuhl, wie er nur noch eines will: Alte Schuhe putzen. Von Arcangela und Edu kommt eine Postkarte von Madagaskar, wo sie bei einer Cousine Arcangelas Erholung suchen.




    Studenten I


    "Hier geht es nicht um Sein oder Nichtsein, um Soll oder Haben, hier geht es ausschließlich um die Ver-fü-gungs-be-fug-nis!"
    Professor Cerini, ein markiger Glatzkopf, Yul Brunner mit schmalen Lippen und Halbbrille, in blaugelbem Nadelstreifen, formulierte das letzte Wort mit erhobener Stimme und so akzentuiert und scharf, daß selbst die in der achten Reihe sitzenden Corpsstudenten, die vollzählig eingenickt waren, um den Restalkohol in Frieden abzubauen, aufschraken und mit glasigen Augen zum Katheder blickten.
    Edu saß in der zwölften Reihe und stieß seinen Nachbarn, einen schlanken, brünetten Studenten, mit dem Ellenbogen in die Rippen. Frank studierte eigentlich Theologie, aber Edu hatte ihn mitgeschleift, damit er eine der sensationellsten Vorlesungen der Graf-Adolf-von Schauenburg-Universität in der Landeshauptstadt miterlebte.
    Und tatsächlich: Cerini schritt zur Tat!
    "Denn sie, die Ver-fü-gungs-be-fug-nis!" falsettierte er und warf die schwere rote Gesetzessammlung, den Schönfelder, mit gewaltigem Schwung mindestens vier Meter hoch in die Luft. Der Gesetzesziegel wirbelte empor, ohne sich zu öffnen, verharrte für den Bruchteil einer Sekunde im Scheitelpunkt und senkte sich majestätisch wieder herab, "ist das tat-säch-li-che Zentrum des gesamten Sachenrechts!" schrie er und hielt, ohne nach oben zu blicken, die Hand auf, in der das Wurfobjekt gehorsam und weich landete, als könne es gar nicht anders sein.
    Beifall brandete auf, die Studenten raunten und lachten bewundernd.
    Cerini hatte in der Nachkriegszeit, als er wegen brauner Vergangenheit nicht unterrichten durfte, für einen Zirkus gearbeitet, dort sein Jongleurtalent entdeckt und ausgebaut und als "The Great Cerini" Begeisterungsstürme eingeheimst.
    "Klasse!" sagte Frank und lachte. "Hat er noch mehr drauf?"
    "Wart mal ab!" sagte Edu. "Die Nummer mit dem Schwamm ist auch nicht von schlechten Eltern. Und erst mal die mit den Pingpongbällen - aber die zeigt er nur zu besonderen Anlässen."
    Cerini geilte sich weiter an der Ver-fü-gungs-be-fug-nis auf und schrieb ein paar Paragraphen an die Tafel.
    "Aber trotzdem, Edu, versprich mir, daß du mitkommst zu dem U-Boot-Kommandanten!" Frank schwärmte für einen Neutestamentler, der im Krieg ein U-Boot geführt hatte, und er hegte die stille Hoffnung, Edu zum christlichen Glauben zu bekehren. Er war fest davon überzeugt, daß Edu nur die Vorzüge und Reize der dialektischen Theologie kennenlernen mußte, um dem Christentum sogleich widerstandslos zu verfallen.
    Cerini wollte weitere Paragraphen an die Tafel schreiben, fand sie aber bereits vollgeschrieben - und griff zum Schwamm.
    Atemlose Stille im Auditorium.
    Der Schwamm war mit Kreidebrühe so vollgesogen, daß er die Tafel nicht putzte, sondern weißte.
    Man hätte eine Büroklammer zu Boden fallen hören können.
    Cerini warf den Schwamm, ohne sich umzuschauen, verächtlich über seine Schulter.
    Er wirbelte in gestreckter Wurfparabel hoch durch die Luft - und landete nach etwa elf Meter Flug in dem winzigen Waschbecken auf der rechten Seite der Bühne.
    Die Studenten erhoben sich und klatschten. In den Beifall hinein schrillte die Schlußglocke.
    Von den Uni-Gebäuden, einer ehemaligen Pulverfabrik, gingen sie zum Hafen hinab, wo die Werftarbeiter an der Kaimauer standen und sich ihr Abendbrot in Gestalt silbrig glänzender Heringe zusammenangelten.
    Als sie ins Studentenheim kamen, schaute Edu in sein Brieffach. Von Arcangela wieder nichts. Aber Tante Käthe schrieb, das war wenigstens was.
    "Du fehlst mir sehr, Edu," schrieb sie. "Du weißt, wie mein Alltag aussieht - 'Flieg Bienlein, flieg' mit irgendeinem rührenden fetten kleinen Dummchen einüben... Ach, es ist manchmal zum Auswachsen, und ich frage mich, warum eine Frau wie ich, die gut an einem Konservatorium unterrichten könnte, so tief hat sinken können. Aber dann sage ich mir wieder: Es gibt keine privilegierte Situation, alles ist unmittelbar zur Ewigkeit, sterben müssen wir alle, und vielleicht wird aus dem Dummchen mal was Gutes. a propos: Von Fohrmann heißt es, es gehe ihm ziemlich schlecht. Der Prozeß wird ihm nun, scheint's, nicht gemacht, obgleich sein Anwalt bis zum Schluß, man höre und staune, auf der Prozeßfähigkeit seines Mandanten bestanden hat. Von Arcangela kam eine Karte (Aha, an Käthe schreibt sie!), es gehe ihr gut, sie würde am liebsten für immer bei ihrer Schwägerin in Tananarive bleiben, weil sie wirklich für jede Verrichtung Hilfskräfte habe und anfinge, grauenhaft fett zu werden, zumal sie auch für zwei esse, und sie traue sich so zu uns nicht zurück. Sie sitze an einem langen Brief für Dich, ich soll Dich grüßen."


    (mal gucken, ob's weitergeht)

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Und es geht weiter - ich bin selbst überrascht!


    Studenten II


    Zum Glück schlief Eduard nicht allein in seinem Zimmer. Das Studentenheim war picke packe voll, die Warteliste lang, und so hatte man gefragt, welche Bewohner bereit wären, einen Mitbewohner bei sich aufzunehmen. Edu hatte in wehmütiger Erinnerung an Kurt Koslowski sofort zugestimmt. Wehmütig, weil er ihm fehlte, aber auch, weil Kurt dann doch eines Tages bei einem Grandmal unter einem der Hanomag-Kübelwagen entdeckt und sofort ausgemustert worden war. Er hatte geweint.
    Frank war also, ohne es zu wissen, Kurts Nachfolger geworden, schnitt dabei aber nicht gut ab. Bei Kurt war Ja Ja und Nein Nein, in Frank Oberrieders salbungsvoller Redeweise kündigte sich bereits der Geistliche an, allerdings war er alles andere als ein biederer Typ. Er war einer dieser Menschen, die es lieben, alles so lange in Frage zu stellen, bis man nicht mehr weiß, was oben und unten, rechts und links ist.
    "Ich bin nicht gläubig, ich bin Nihilist," hatte Edu ihn gleich zu Anfang provoziert.
    "O wie schön!" erwiderte Frank, wand sich ein bißchen dabei und lachte verlegen, als ob man ihn bei einer kleinen Sünde ertappt hätte.
    "Was ist daran schön?" wollte Edu wissen
    "Ich liebe Nihilisten! Sie sind so stark, so radikal, stemmen sich gegen Anpassung und Unterwerfung, verdammen die Konvention und... Sie sind in gewisser Weise - religiös!"
    "Das lehne ich in aller gebotenen Deutlichkeit ab. Gerade die Religion ist es, gegen die der Nihilist sich wendet."
    "Gut, gut!" sagte Frank beschwichtigend mit einer scherzhaften Handbewegung, als fange er eine Fliege aus der Luft. "Ich weiß schon, was du meinst - Fernstenliebe, wenn einer fällt den soll man auch noch stoßen - hübsch, nicht? Nietzsche, der gute, ein Pastorensohn übrigens..." Er sprach den Namen des Philosophen wie Tante Käthe "Nietsche" aus, was Edu familiär berührte. Er, Frank, gehe anders an die Frage nach dem Nichts, dem Nihil, heran. Liebenswürdig wandte er sich nun intensivst Edu zu und fragte ihn: "Was, sag doch, mein Lieber, verbindet ein Gläubiger wohl mit der Vorstellung von Gott. Eine Farbe?"
    "Nein."
    "Eine Stimme, einen Ton?"
    "Nein."
    "Vielleicht aber einen Geruch?"
    "Auch das nicht."
    "Mißt er ihm sonst Eigenschaften bei?"
    "Ja - z.B. Unsterblichkeit."
    "Ist ein unsterbliches Wesen vorstellbar?"
    "Nein."
    "Ließe sich also wohl sagen, Gott sei das Wesen ohne jegliche Eigenschaft?"
    "Das könnte man in der Tat so formulieren."
    "Was aber unterscheidet ihn dann noch vom Nichts?"
    Edu schwieg verblüfft. Frank lächelte ihn aus seinen kleinen braunen Augen durch starke Brillengläser triumphierend an. "Ich wußte, daß du es begreifen würdest," sagte er fast zärtlich.
    So philosophierten sie manchmal bei gelöschtem Licht, bis tief in die Nacht hinein. Wenn es dann still wurde, kamen die Erinnerungen und sogen ihn auf, die Erinnerung an den Berg von Schuhen und wie Fohrmann sich darunter erhoben hatte mit einem so furchtbar von Schrecken gezeichneten Gesicht, der Mund weit aufgerissen, atemunfähig... Edu hatte sofort das Revier angerufen, das einen Sanka mit zwei Sanis vorbeischickte. Ohne das hätte er kaum überlebt. Dann die Suche nach Arcangela, die wie vom Erdboden verschluckt schien. Er hatte die Telefonnummer ihrer Schwägerin in Tananarive herausgefunden, und die wußte, wo Arcangela war - bei einem Cousin ihrer Mutter, einem Forstmann im Deister. Ihr ungläubiges Staunen, als er vor der Tür stand, die Wiedersehensfreude und die Wochen, die sie miteinander in dem dunklen, nach Amtsstube und Aktenstaub riechenden Gemäuer mit seinen Luftbefeuchtern und Spucknäpfen verbrachten, oft tagelang nackt, weil... Nun, warum schon. Bis dann die Herrschaften mit den weißen Helmen, Handschuhen und Koppeln vor der Tür standen, ihn zurückschafften in die Kaserne von Faldera, wo ihm eine Woche Bau zudiktiert wurde, die er genoß! Gab es Schöneres als, Arcangela im Herzen, zu darben? Er riß die paar Monate, die ihm blieben, herunter - Kurt war eh bereits fort - und dann nichts wie weg, Luft unter die Flügel bekommen, da war noch ein wenig Geld aus der Erbschaft seines Vaters - und über Kairo, wo sie in einer koptischen Hallenkirche das Verlangen so furchbar packte, wie das nur möglich ist, wenn Gebet und Gier eins werden, flogen sie nach "Tana", wie Arcangela die madegassische Hauptstadt familiär abkürzte - und versanken in einer Welt kolonialer Anmaßung auf der einen, blutbespritzten Voodoo-Kults auf der anderen Seite, und diese Erinnerungen waren es (der Ziegenbock, der geschächtet wurde, verwandelte sich plötzlich in ihn), die Edu schreiend aufwachen ließen, oder er glaubte auch nur, er habe geschrien, und dann war er froh, wenn Frank sich auf seinen Bettrand setzte, sich ein wenig wand und verlegen lachte, als habe man ihn auf einer kleinen Sünde ertappt, und erneut ein paar Begriffe zum Zerfall oder Verschmelzen brachte, was bei ihm fast dasselbe war...


    (to be continued)

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Studenten III


    Wie gern hätte ich, und sehe mich erneut veranlaßt, aus der Anonymität meines Tusculum hervorzutreten, in dem ich mich mit Bienenzucht und Spalierobst befasse, wie gern hätte ich Eduards Aufenthalt auf Madagaskar ein ganzes Kapitel gewidmet, so dieses vielleicht etwas feldgraue Manuskript um kräftige tropische Farben bereichernd. Aber wie soll ich erzählen, was Eduard mir verschwieg? Und leider, leider, weilt er nicht mehr unter uns, so daß ich in meiner biographischen Skizze auf dasjenige angewiesen bin, was er mir im Laufe der Zeit, wie Samuel Johnson dem Boswell, mitteilte. Er sprach von Madagaskar nur mit einer Mischung aus Entzücken und Grauen, ohne aber die Auslöser dieser Gefühle näher zu benennen. Das Entzücken läßt sich zwanglos mit der jungen und erstmals sich völlig auslebenden Liebe zu Arcangela in üppigster Vegetation und einem alle Sinne stimulierenden feuchtwarmen Klima erklären. Was das Grauen betrifft, bin ich auf Vermutungen angewiesen. Sowohl Eduard wie Arcangela entstammten jener bürgerlichen Mittelschicht, in der ein hohes Maß an Vernunftkontrolle schon aus Gründen der Besitzstandswahrung eine naheliegende Forderung ist. Hier auf der ostafrikanischen Insel nun mit ihrer eher malaiischen Bevölkerung sahen sie sich animistischen Mixturen asiatischer und afrikanischer Glaubenswelten und Rituale konfrontiert, die mit ihrem magischen Anspruch die Fundamente der bürgerlichen Vernunftwelt in Frage stellten. Insbesondere der von den Madegassen praktizierte Toten- und Voodookult war geeignet, die Wurzeln ihres Selbstverständnisses zu erschüttern, und ich gehe kaum fehl in der Annahme, daß sie sich dessen Ritualen nach anfänglichem Widerstand mehrmals überlassen haben, wobei, um nur ein Detail zu nennen, das Edu einmal erwähnte, das Anstreichen des nackten Körpers mit warmem Tieropferblut einer der Momente gewesen sein mag, in dem Grauen und Lust miteinander um die Vorherrschaft rangen.
    Unter den Erinnerungsstücken, die Edu mitgebracht hatte, war neben prachtvollen Muscheln und Schneckenhäusern auch allerlei Schnitzwerk aus dunklem Hartholz, so ein quaderförmiger Kasten mit Zackenornament, der einem Eingeborenen zum Sammeln von Wildbienenhonigwaben gedient hatte, außerdem ein Spielzeug, das er meiner kleinen Tochter schenkte, als er sah, welche Freude sie daran hatte: Eine Holzkugel schwingt unter einem Brett und bringt die darauf stehenden Hähnchen vermittels der Fäden, durch die sie mit ihnen verbunden ist, zum Picken.
    Hier auf Madagaskar traf Edu auch die Entscheidung, nun doch nicht Medizin, wie er es geplant und deshalb das Pflegepraktikum absolviert hatte, sondern Jura zu studieren. Was der Grund hierfür war, habe ich ihn einmal gefragt. "Im Grunde," sagte er, "wollte ich, seit ich denken kann, für das Theater schreiben, leben und dasein. Nichts anderes erschien mir erstrebenswert, seit ich einmal im kleinen Amphitheater im Casinopark zugeschaut hatte, wie Pyramus und Thisbe miteinander durch die Mauerritze sprachen, wobei die Mauer von einer niedlichen Brünetten 'gespielt' wurde, die mit ihren schlanken Händchen die Ritze formte. Mit vierzehn entwarf ich ein erstes Stück, es sollte von Raumfahrern handeln, die auf einem fernen, von intelligenten Schmetterlingen bewohnten Planeten landen. Jeder Beruf, den ich ergriff, war nur der Brotberuf, der mir dazu dienen sollte, mich für meine dramatische Arbeit freizustellen. Warum ich in den Armen einer Juristentochter darauf kam, Jurist zu werden, m?gen Psychoanalytiker ergründen. Es war mir plötzlich klar, daß es die rechtswissenschaftliche und keine andere Fakultät sein sollte, an der ich nach akademischem Lorbeer streben wollte, und Arcangela besiegelte mit süßen Küssen diese Entscheidung." So schrieb er sich nach dem Ende seiner Dienstzeit an der Graf-Adolf-von-Schauenburg-Universität für das Studium beider Rechte ein.
    Am 18. Juli 19... erlag Alois Fohrmann alias Karl Ossenblom einem erneuten Apoplex. Arcangela kündigte ihre Rückkehr nach Deutschland an. "Jetzt ist dort wieder Platz für mich," schrieb sie an Edu. "An der Beisetzung werde ich nicht teilnehmen."


    (to be continued)

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Frisch aus dem Backofen!


    Studenten IV


    "Iiiieh! Was machst'n du dir da?"
    Friedlinde Pokraka, stud. med. vet., steckte die spitze Nase über Edus Kochtopf, in dem ein Porridge blubberte. Ihr Fach hinderte sie nicht daran, sich vor fleischlosem Essen zu gruseln. Sie briet zum Frühstück Speck in der Pfanne und verspeiste dicke Stullen mit Pfälzer Leberwurst.
    Eduard erklärte ihr, daß er an Haferbrei nicht nur seit seiner Kindheit gewöhnt, sondern daß derselbe auch nahrhaft und anregend sei, die ideale Mahlzeit vor dem Vorlesungs-Marathon des heutigen Tages.
    "Ich koch dir mal was Anständijet!" sagte Friedlinde, treuherzig ihre Herkunft durchschimmern lassend.
    "Aber bitte weder Bries noch Hammelhoden!"
    "Ah was, wie kommst'n darauf?"
    "Frank sagte, er habe Derartiges schon bei dir vorgesetzt bekommen."
    "Unfug! Ich habe mal Pemmikan in der Blase gemacht, das ist was Indianisches. Aber Hoden..." Sie lachte verlegen. "Da kommt man doch gar nicht dran! Heute Abend schmor ich mir einen Ochsenschwanz... Nee, was du ooch schon wieder denkst! Das ist ein Klassiker der guten Küche. Ißt du mit?"
    Edu sagte es zu, füllte graues Porridge auf den Teller, streute Zucker drüber und goß Kondensmilch dazu.
    Wenn er das aß, mußte er an seine Mutter denken, die es ihm jeden Morgen vor der Schule hingestellt hatte, und Gewissensbisse zwackten ihn. Bevor er ging, rief er sie noch eben an.
    "Edu? Himmel! Bist du krank? Gefallen?"
    "Nein, Vilma, nichts. Es geht mir gut."
    "Aber warum rufst du dann zu einer so nachtschlafenen Zeit an?"
    "Ich habe Porridge gegessen und hab an dich denken müssen."
    "Ach, ja, sehr schmeichelhaft. Wo du grad anrufst..." Sie raschelte mit Papier. "Wir kommen mit dem Rätsel aus der 'Epoche' nicht weiter. Hör mal: 'Für diesen Sport ziehe ich den Entdecker Chinas an.' Hast du eine Ahnung, was das sein könnte?"
    "Keine Ahnung. Vielleicht Polo?"
    "Nun ja, Polo, darauf bin ich auch schon gekommen, aber das wäre ja zu und zu einfältig! Aber gut, du hast recht, es paßt."
    "Ich bin kommenden Freitag bei Tante Käthe. Dr. Fohrmann wird begraben."
    "Dieser Nazi? Nun, gut, daß er tot ist. So hat er seine Ruh."
    "Wir könnten am Stiefelsee spazieren gehen."
    "Ach, laß mich alte Frau in meinen Tee- und Rätselkränzchen versauern! Ich hab es gern so!"
    Am Mittwoch gab es Allgemeines Staatsrecht bei Professor Brauer. Er wuchtete die schwergewichtige Gestalt hinters Katheder, klammerte sich daran fest wie ein Ertrinkender und rief mit Stentorstimme: "Das plebiszitäre Prinzip war der Untergang Weimars; sein Fehlen wird das Scheitern der Bonner Republik zur Folge haben!"
    Er liebte die Worte auf -är, weshalb es in seinen Vorlesungen von totalitären, libertären und reaktionären Fragestellungen, Dingen, Menschen und Ideen wimmelte. Auch er kämpfte gegen die Schatten der Vergangenheit, denn um in den "tausend Jahren", wie er die Nazizeit gern ironisierte, Staatsrechtler zu werden, hatte er über das "humanitäre Fundament der Nürnberger Gesetze" öffentlich nachgedacht und sich nicht entblödet, "egalitäre Aspekte im Ermächtigungsgesetz" zu entdecken. Jetzt stellte er mit der Souveränität des Staatssöldners seine enorme Formulierungskunst, seinen ganzen Scharfsinn in den Dienst des Bonner Grundgesetzes, das er als "revolutionäres Dokument einer defizitären Staatsauffassung" charakterisierte.
    "Kannst du alles vergessen," raunte Edu von hinten jemand zu. "Alles nur gequirlte Kacke!" Edu wandte sich um und sah in ein von Aknenarben übersätes Gesicht.
    "Flotow - bist du's?" Flotow grinste.
    "Nein, es ist nur mein Geist."
    "Aber warum bist du hier, wenn das alles nichts taugt?"
    "Pflichtvorlesung. Gesichtswäsche. Brauer ist Dekan, ich pirsch mich an ihn ran. Zum Glück verwechselt man mich nicht so leicht." Er zeigte auf seine verwüstete Haut.
    Als sie zusammen im Flur standen und rauchten, sagte Flotow: "Du hättest hören sollen, was er im Organisationsrecht verzapft. Das war was für Sechstsemester, ich bin rein, weil da nur wenige sitzen. Er hat von den Muttermilchsammelstellen der Nazis geschwärmt als einem Beweis für die Flexibilität, mit der der Staat damals auf prekäre Situationen reagierte. Er verstieg sich sogar dazu, von der 'laktären Leistungsfähigkeit der deutschen Frau' zu schwärmen. Man sollte es sammeln und als Witzbuch herausgeben."
    Sie beschlossen, die nächsten Vorlesungen sausen zu lassen und bei einem kühlen Blonden NATO-Pause im SALPETER zu machen.


    (To be continued)

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Studenten V


    "Keinesfalls!" flötete die Pharmazeutin und schüttelte den lackschwarzen Bubikopf. Sie sah ein bißchen wie eine Chinesin aus, nur daß Chinesen selten blaue Augen haben.
    "Dann bin ich beruhigt." Friedlinde hatte unterstellt, es schmecke allen schlecht, weil ein so tiefes Schweigen an der Tafel herrschte, in deren Mitte das Objekt der Begierde, ein veritabler Ochsenschwanz, sowie der Blattspinat und die Kartoffelkroketten sichtlich zusammenschmolzen. Frank hatte die Pharmazeutin angeschleppt und Edu ins Ohr flüsternd anvertraut, dass es sich um eine "geschlechtslose Arbeitsbiene" handle und nicht um eine "arbeitslose Geschlechtsbiene". Aus Gründen männlichen Vereinfachungsdranges wurden die Studentinnen in diese beiden Klassen aufgeteilt. Edu seinerseits hatte sich erlaubt, Flotow mitzubringen, weil er sich nach der etwas ausgeuferten NATO-Pause schlecht von ihm trennen konnte. Und Flotow, der übrigens geschafft hatte, was Edu verwehrt worden war - er war Fähnrich d.Res. - erwies sich als anstellig und zuvorkommend, was Friedlinde offenbar gut gefiel, denn wenn er ihr einmal in die Küche nicht vorauslief, wartete sie so lange, bis er aufstand und seine Hilfe anbot.
    Großzügig, wie Paare meistens sind, begannen sie, laut darüber nachzudenken, wie man Edu unter die Haube bringen könnte.
    "Du brauchst dringend eine Freundin," sagte Frank gönnerhaft.
    "Mit mir kann er ja nichts anfangen," schmollte Friedlinde.
    "Ich habe eine," erwiderte Edu. "Wahrscheinlich lernt ihr sie bald kennen. Sie ist noch auf Madagaskar. Aber jetzt kommt sie heim. Ihr Vater ist gestorben."
    "Wird sie auch studieren?"
    "Wohl nicht. Sie ist schwanger, und wir werden uns zusammen eine Wohnung suchen."
    Nun war die Überraschung groß: Der scheue Edu sollte Vater werden! Sie stießen mit "Jauche" darauf an, so nannten sie ihre Bier-Hausmarke, und wollten mehr wissen. Frank und Flotow zwinkerten einander zu.
    "Der Ärmste!" murmelte Frank gerührt und fing scheinbar eine Fliege aus der Luft.
    "Zehn Minuten Rittmeister, zwanzig Jahre Zahlmeister," raunte Flotow zurück.
    D.h. sie waren der festen Überzeugung, daß Edu durch Unerfahrenheit Vater geworden war. Da? Arcangela es sich gewünscht, mit Leidenschaft gewünscht und Edu dem nichts entgegenzusetzen gehabt hatte, konnten sie nicht wissen.
    "Ich möchte nie die Mutter eines Kindes heißen," sagte die blauäugige Chinesin hochnäsig. Sie war eine "von", was Frank, der einen Hang zum Aristokratischen hatte, gut gefiel. Von ihrem Vater hieß es, er habe Widerstandskreisen nahegestanden.
    "Und warum nicht?" fragte Eduard erstaunt.
    "Diese Welt ist nicht so, daß ich meine, ich müßte sie noch mit eigenen Bälgern verengen. Ich finde, die Autobahnen sind eh schon zu voll."
    "Ist das Ihr Ernst?"
    "Als meine Mutter mich warf, war Krieg und Deutschland versank in Verbrechen und Unehre. Hätte sie mich gefragt: 'Willst du kommen?' ich hätte abgelehnt."
    "Ich glaube, Albertine, du brauchst wieder eine Tutorenstunde!" sagte Frank mit einem schneidenden Ton, den Edu noch nie von ihm gehört hatte.
    Die Chinesin errötete und trank. Flotows Blick wanderte abschätzend und fragend zwischen ihr und Frank hin und her.
    Friedlinde bemerkte seinen Blick und stand auf. "Hilfst du mir beim Nachtisch?" fragte sie ihn. "Ich möchte ein Souffle machen. Du könntest den Eischnee aufschlagen." Flotow ging ihr gehorsam voraus.
    "A tooter, who tootled the flute, once tutored two tooters to toot..." Albertines Zunge gehorchte schwerfällig dem virtuosen Limerick.
    "Said the two to their tutor..." fuhr Frank fort.
    "Is it easier to toot or"... ergänzte die Adelsdame und lachte Frank plötzlich offen und schamlos an.
    "To tutor two tooters to toot?" vollendete Frank. Er wand sich, als habe man ihn bei einer kleinen Sünde ertappt, und sagte leise zu Edu: "Meinst du nicht, du könntest uns mal allein lassen, bis das Souffle..."
    Friedlinde rief in der Küche ein ums andere mal: "Ja, ja, ja!"
    Edu ging hinaus an den Hafen. Die Heringsangler waren verschwunden. Sterne standen über der Förde, darunter ein blasser, milchiger, zartgrüner.
    "Paß auf sie auf, Saturn!" murmelte Edu.


    (to be continued)




    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 25. August 2002 editiert.]

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Studenten VI


    Wo die Luft immer in Bewegung, der West schiebt fettschweres Wattegewölk drüberhin, es duckt ab wie eins dieser no-name-Käffer im Mittelwesten, aus dem Erdinnern hört man's hämmern, und die weggeweinten Gestalten, Anhydrit löst sich im Regen wie Alabaster, besonders um die Pariswahl im Casinopark kann's einem leidtun, es ist unbegreiflich, wie ein so hartgesottener, aber vielleicht ist das auch, wir machen uns da, seit wann sag ich wir, und Edu ist eh ganz anders, manchmal denk ich, aber was ich denk, was soll's, denn es kommt eh nur auf dich noch an, Fischchen, es heißt ja, die würden alles mitkriegen, unheimliche Vorstellung, ich denk, und es belauscht mich da unten im Fruchtwasser, ach, wenn ich denk, wie es klatschte, als der Gynni ihm eine tafelte, und damit begann alles, gleichsam der Urknall, und er machte so ein bedröppeltes Gesicht, mußte ihm wirklich beispringen, hab's aber wohl nur noch schlimmer, obgleich er ja unterschrieben hat, möchte wissen, warum, er sagte, um dir zu helfen, hätte geglaubt, es wär gut für mich, und was gut für mich wär, wär auch gut für ihn, hach, dafür könnt ich ihn, aber dann immer wieder diese Frage, diese eine Frage, um deren Beantwortung ich, es sei denn, daß the great bard doch noch recht bekommt, Jupp holt mich vom Himmel, im Stück ist's ein Blitz, und sie hätten so gestunken, daß niemand sie habe beerdigen wollen, ich begreife Edus Zorn; ein so großer Geist, dem doch sonst nichts Menschliches fremd, aber hier schwenkt er recht konventionell ein in die Front derer, die, es schleppen sich Gesetz und Rechte, muß es ihm irgendwann sagen, denn damit muß er leben, aber klüger wär's vielleicht doch, wie eine alte Krankheit fort, when he was seated in a chariot of inestimable value, vielleicht meinte er die boeing damit, das wär doch die Gelegenheit, auch wenn's ihn ja schon, ich wär gern dabei, hätt ihm mit Sicherheit nicht Händchen, o dieses grässliche Weinen, das verzeih ich ihm nie, möge die Erde ihm schwer, aber noch habt ihr, the most high gods, die Chance, holt mich herunter, herunterholen, na, pfui, so reden die Soldaten, von der Palme schütteln, Besuch von Fräulein Faust, jetzt bin ich aufgeklärt, jeoje, hat gutgetan, ich glaub, Edu versteht's, brauchte die Monate, wie es mich aber auch, als "The Stripping Pianist", es ist egal, so furchtbar egal, ja, hat mir gut getan, brauchte sie, musste ihn auslöschen in mir, hach, noch einmal mit ihm, Famadihana, eingenäht werden in so ein stinkendes Teil, Zebuhaut, was haben sie, irgendwie sollten wir den Toten, aber es war widerlich, noch drei Tage nachher haben wir gestunken, aber auch animalisch, ja, wenn man doch diesen ganzen Schrott und einmal die Tromba die ganze Nacht hindurch, bis man auf Vollballon, hach, und immer den Steuerknüppel in der kühlen Hand, was er wohl hat, meine kühle Hand hat's ihm angetan, und hinaus auf den offenen Indischen, wo die Muscheln klaffen und alles Fruchtbarkeit, ach, mein Fischchen, in welche Welt werf ich dich, Ärmstes... Und jetzt dieser Hüpfer, ich sollte mal eine Tüte, die Wolken sehen schon nach Norden aus, tatsächlich das Graue da unten, Wotan rülpst und nimmt Abschied von, ekelhaft, das werd ich nie mehr hören können, ohne an dies gräßliche Weinen, mit dem er sich Zutritt verschaffte, aber er war am Ende, immer am Ende, hatte sich selbst zerstört und überlebte sich selbst, aber ich, warum hab ich die Hand ihm dazu gereicht, könnte mich hassen, daß ich nicht früher einen Schlußstrich, es war so grauenvoll schön, niemand darf es je wissen, nicht einmal, nein er am wenigsten, er würd mich verlassen, und das überleb ich nicht, wenn doch nur die Grube schon zu, wenn er einbetoniert wär, wie die Mafia es mit ihren Opfern, wenn ich komm, Consuelo will sich kümmern, obgleich sie ihn gehaßt hat, aber einen Dreckskerl begraben macht Spaß, ach, Mama... Mama... Mama... Wenn du doch da wärst.

    (to be continued)


    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 31. August 2002 editiert.]

  7. #7
    Administrator
    Registriert seit
    31.October 1998
    Beiträge
    235
    Renommee-Modifikator
    21

    Arrow AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Sicherlich ist Konstruktion wichtig; allerdings ist dem geübten Auge nichts unlieber, als eben ein Konstrukt aufzufinden. Der Text wird dann zumeist nur noch geistig abgearbeitet. Was ist amüsanter als die Wiedergabe des Eigenerlebten? Das läßt sich



    • immer verfremden und
    • zuspitzen.


    Da ist genug Platz für die Phantasie. Aber die Angel ist das Wirkliche, nicht das Konstrukt.
    Hier noch ein Ausschnitt aus unserer Poetik, die demnächst als MANIFEST-Bestandteil bei uns herauskömmt.
    Wer von Poetik (Regelwerk fürs Dichten) spricht, muß zuerst danach fragen, welche Welten sie in sich zu fassen anstrebt. Unsere Poetik greift in die Welt, faßt sich einen Ausschnitt derselben, aus deren unermeßlichem Fundus. Das ist der Stoff. Der Stoff hat keine Form, die aber muß er besitzen, will er vermittelt werden können. Stoffwahl steht also am Anfang jedes Poetisierens. Der Stoff selbst liegt in der Zeit, kann Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfassen, vielleicht auch nur eines oder zwein davon. Dem Dichter ist es aufgegeben, in seinem Stoff das Besondere aufzuzeigen, dieses zu typisieren, aus einem mehr oder weniger zufällig aufgefundenen Stoff dasjenige herauszuschälen, dem nunmehr Thema und Absichten eingeschabt werden können.


    Wie funktioniert das? Einige Möglichkeiten:


    1. Der Dichter nähert sich einem Gegenstand, indem er aus einem Gefühl heraus einen Begriff zu entwerfen sucht.
    2. Der Dichter nähert sich sich selbst, indem er sein Gefühl zum Maßstab der Betrachtung des Stoffes erhebt. Er sucht sich und seine Wünsche im gewählten Stoff, die er zu denen einer ganzen Generation, zumindest einer Gruppe innerhalb seiner Generation macht.
    3. Der Dichter setzt den Akt der Sprachfindung als Befreiungsakt von emphatischer Abhängigkeit. Er löst sich aus dem Grund seines Schreibens, wird zum Schriftsteller, betrachtet ernüchtert, erlangt Freiheit des Geistes von der immerwährenden Gebundenheit der Seele an die Empfindungen des Augenblickes.


    Darin liegt die Antwortung, die Aufgabe des Poeten, Dichter und Schriftsteller gleichermaßen, das Ewige im Zeichen des Augenblicks zu benennen, mitzuteilen.
    Heutige wehren das Ewige mit einer Handbewegung ab: Der Augenblick ist ihnen alles. Alles in ihrem Tun richtet sich auf die Erzeugung von Augenblicken, die dem Leser oder Zuschauer oder Teilnehmer irgend einer Veranstaltung (neudeutsch event) unvergeßlich bleiben sollen. Sie glauben, daß diese Augenblicke mittels verschiedener Techniken immer wieder neu zu erzeugen seien, suchen aus dem Alltag Abbilder des Zeitlichen, die sie überspitzt in die Zuschauer zurückprojizieren, sich nicht selten über das Tagesgeschäft ihrer Zuschauer lustig machen, sich selbst feiern und inszenieren.
    Es geht doch aber um Gleichnisse, daß wir unsere Zeit verstehen und nicht nur nachäffen, was allenthalben geschieht. Es geht um die Bewußtwerdung der Sprache im einzelnen, die Bewußtwerdung der Seele aus dem Tiefsten, das dem Menschen gegeben, das Gefühl für den Nächsten, die Liebe und zum Wunsche: Verweile doch! Komm her! Bleib! - Also muß Sprache im Spiel vermittelt werden, sie ist das Tor zu den Wagnissen des Geistes!
    Wer bei uns veröffentlichen möchte, der sollte sich in diesem Spielraum bewegen, also die Konstruktion nicht über die Tatsächlichkeit der Wirklichkeit stellen. Und Du? Wie stehst Du dazu?

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Lieber Robert,
    ein Verlag definiert sich über seine Bücher, meine ich. Ob es Sinn macht, daß er die Bücher über eine Art von Manifest zu definieren versucht, sei dahingestellt. Ein bißchen klingt es nach der Gretchenfrage: Und du, lieber Quoth, wie hältst du's mit dem Realismus? Das ist eine rund 70 Jahre alte Debatte, in der die Argumente mehr oder minder ausgetauscht sind. Auch der phantastischste Text, z.B. von "Lord of the Rings", ist nur lesbar und so immens erfolgreich, weil er, kostümiert, Realität abbildet, auch dort also ist Angelpunkt die Wirklichkeit. Warum also etwas festschreiben? Den Bitterfelder durch einen Magdeburger Weg ersetzen? Definiert Euch durch Eure Bücher - damit habt ihr ja schon angefangen, nehmt Manuskripte, die Euch überzeugen - und wenn sie gut sind, werdet Ihr dafür auch über den eigenen Schatten springen.

    Gruß

    Quoth

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    522
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Quoth, Dein Roman baut auf einem Sätzchen auf, zumindest was seine anfängliche Spannung anbelangt:


    Da ertönte eine träge, engelhafte Stimme fast wie aus dem Jenseits: "Ach lassen Sie ihn doch... Er wär doch - der Vater gewesen!"


    Er wär doch der Vater gewesen... Nun, ich wollt Dir mitteilen, dass mich dies Sätzchen ein wenig störte, zumal es zweideutig ist. Ja, das ist es tatsächlich. Und darf es doch auf keinen Fall sein. Ich glaube, dass ist Dir entgangen, drum lass mich Dich drauf aufmerksam machen. Nämlich kann man das Sätzchen auch anders verstehen:


    Es krümmte sich was in Edu, als hätte er eine gewischt bekommen, und unwillkürlich strich er der Schlafenden eine Strähne von der wie Magermilch bläulich durchschimmernden Wange.
    Ein brennender Schlag ließ ihn zurückprallen.
    Dr. Holmhold, rotgesichtig, die Backen von Schmissen zerfetzt, stand hochaufgerichtet vor ihm und blitzte ihn wütend an.
    "Wenn sie in diesem Augenblick aufwacht und das spürt, was glauben Sie, was sie denkt, was wir sonst noch alles während ihrer Bewußtlosigkeit mit ihr angestellt haben?"


    Was ich meine: Diese Frage von Dr. Humhold deutet unzweideutig auf eines hin: was die Patientin glauben könnte, wenn sie aufwachen tät. Und aufwachen tut die Patientin bekanntlich sogleich. Aber - und so kann man es eben verstehen - die Patientin empfindet es nicht als schlimm, diese Geste des Edu. Er wär ja dann, hätt er getan, was der Doktor angedeutet hat, er wär ja dann der Vater gewesen. Der Vater ihres Kindes. Dem Vater ihres Kindes aber hätt sie alles verziehen!


    Verstehst? Mich stört das. vielleicht nicht bloss ein bisschen, vielleicht sehr. Ich hatte beim Weiterlesen die ganze Zeit, als die Gerüchteküche brodelte in Deiner Story, im Hinterkopf: Warum glauben die alle das eigentlich, dass der Edu mit der Patientin? Die Patientin hats doch wahrscheinlich anders gemeint, ihr Sätzchen.


    Denk mal drüber nach, guter Quoth.


    greetings,
    Mr. Jones

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    @ Mr. Jones: Diese Unklarheit bemerke ich nicht. Der Satz Arcangelas bezieht sich konjunktivisch auf den Fall, dass das Kind nicht, wie geschehen, abgetrieben worden wäre - und ist falsch. Das ist alles. Aber es würde mich interessieren, ob auch andere hier Schwierigkeiten hatten.


    Studenten VII

    Als Eduard in der Halle des Flughafens stand, der wie ein berüchtigtes Zuchthaus hieß, wurde ihm bewußt, wie unbändig er sich nicht sowohl auf das Wiedersehen mit Arcangela, als vielmehr auf das Zusammenleben mit ihr freute. Selbst zwar erst 20, sah er sich seit dem Tod Emils und dem Auszug aus Vilmas Haushalt doch mehr oder minder verwaist, und die Vorstellung, mit Arcangela bei Tante Käthe zu wohnen, die sich erboten hatte, ihnen das Parterre zu überlassen, das bisher meist leergestanden hatte, wenn nicht ihre beiden Nichten aus der Landeshauptstadt bei ihr die Ferien verbrachten, diese Vorstellung hatte für ihn nahezu etwas Berauschendes. Es würde nicht lange dauern, dann würde Babygeschrei diesen Ort mit seiner Lebendigkeit und Traulichkeit erfüllen, er würde zwar tageweise zum Studium abwesend sein, aber was für ein Genuß, dann des Abends heimzukehren, Arcangela würde ihn erwarten, würde eine Paella oder eines der anderen Gerichte, die sie bei ihrer spanischen Verwandtschaft zuzubereiten gelernt hatte, auf den Tisch des Hauses stellen, würde darauf brennen, Neuigkeiten von ihm, er darauf, welche von ihr zu erfahren: Welche Geborgenheit, welche Wärme, welches Glück würde ihn einhüllen, wie würde er das schäumende Bier genießen, das sie ihm einschenkte, wie würden sie sich dann, wenn das Kind schlief, zu einer kleinen Hausmusik zusammenfinden oder zu Tante Käthe hinaufgehen und mit ihr über die Zeitläufte, über "Nietsche" und animistischen Volksglauben auf Madagaskar dikutieren! Ach, gab es das wohl, einen solchen Ort umfänglichsten Sinnbezugs, in Zärtlichkeit gebettet und von Geist und schöpferischer Wallung beschattet? Die mächtige Buche würde im Sturm über ihren Köpfen rauschen, all das schlimmer Vergangene würde begraben sein, die wackere Käthe würde in ihnen wahlverwandte Kinder finden und über ihr Glück weise wachen, wie sie es ja seit längerem schon tat? Das einzige, was Eduard Sorgen machte, war die Frage, ob Arcangela sich mit dem Mutter- und Hausfrausein wohl vorübergehend würde abfinden können. Wenn aber das Kind, das sie Jason nennen wollten, wenn es ein Junge, und Medea, wenn es ein Mädchen würde, in den Kindergarten kam, was würde sie dann aus sich machen? Sie war zu klug, zu vielseitig interessiert, um in der Führung eines kleinen Haushalts ihr Genüge zu finden. Aber sie hatte schon angedeutet, daß es sie reizen könnte, in der Buchhandlung von Borwin Blücher auf der Casinostraße nicht nur auszuhelfen, sondern eine Lehre als Buchhändlerin zu beginnen, um so dem Geistigen auf eine ganz pragmatisch-geschäftsfrauliche Weise verbunden und bald imstande zu sein, ein eigenes Geschäft der literaturverbreitenden Art in Krogstedt zu eröffnen und zu führen. Sie hatte eine Liebe zu diesem Städtchen gefaßt, in das ihr Vater sich in der Hoffnung, seiner Vergangenheit zu enrinnen, geflüchtet hatte, mit dem sie zwar die furchtbaren Erinnerungen des Missbrauchs, nun aber auch das Kennenlernen Edus verbanden und bald schon die Geburt des ersten Kindes verbinden würde. Den Bungalow im Grauammerweg war sie entschlossen zu verkaufen, ohne ihn auch nur noch einmal wieder zu betreten. Consuelo, die Schwester ihrer Mutter, hatte sich bereiterklärt, das Ausräumen und den Verkauf zu bewerkstelligen, Arcangela so eine Rückkehr an den Ort der Schmach ersparend. Als nun der Flug der British Airways von Kairo gemeldet wurde, stellte er sich auf die Zehenspitzen, um besser über die vielen anderen, die dasselbe taten, hinwegblicken zu können. Menschen in üppig geschlungenen und bedruckten Burnussen, Männer, deren Köpfe ein Turban zierte, auch ein roter Fez spazierten auf die Wartenden zu, aber förmlich durch sie hindurch bereits erkannte Edu das dunkle Antlitz mit den unter dichten Brauen brennenden Augen, die ihn durchbohrend erfaßten, wobei ein frohes Lächeln ihre Lippen teilte, und dann gab es nur noch die Verzögerung bei der Paßkontrolle, sie stand vor ihm, setzte den Koffer ab, und bevor sie einander nun umarmten, gab es dies herrliche Zögern von vielleicht einer oder auch nur einer halben Sekunde, aber in diesem Zögern, in diesem Wunsch, einander zuerst ganz zu sehen, bevor der Gesamtanblick in der Nähe erlosch und dem leiblichen Fühlen Platz machte, dieser Moment brannte Edu mit Macht ins Herz, dass diese noch mädchenhafte hochschwangere Frau die sei, die er nicht nur liebe, sondern die ihm, ob als Gnade oder Fluch, das war ihm egal, aufgegeben und auferlegt sei, in ihr sollte sein Leben zu sich kommen und eins werden mit der Wirklichkeit.


    (to be continued)

  11. #11
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    19.May 2002
    Beiträge
    13
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    raven, dear,
    innige grüße aus aug.
    ich sehe, dass du fleissig bist. schönschön.
    den text habe ich nicht ganz gelesen (3 teile etwa), weil ich jetzt schon mit ideen angefüllt bin und sie nicht vergessen will. ich kenne ja von dir bereits texte, aber dieser scheint mir ungleich interessanter, auch ehrgeiziger (was unerlässlich ist).
    erstmal die tugenden deines textes:
    - geschwindigkeit
    - komplexe figuren, die über den text hinausgehen und sehr lebendig sind
    - bilderreichtum bis zur verschwendung


    so wie ich das sehe, hast du zuerst die figuren gezeichnet und nachher den text geschrieben. so selbstverständlich ist das nicht. für einen längeren text geht es nicht anders.


    aber, die aufgezählten tugenden zeigen dennoch ihre kehrseiten:
    - bei so dynamischen und unterschiedlichen figuren, musst du unbedingt scharfe grenzen ziehen. dies ist nicht immer der fall.
    z.b. muss der erzähler schon vom geschehen emanzipierter sein und nicht sagen: "der prof geilte sich weiterhin an seinem jura dingsbums auf.."
    das steigert die positive geschwindigkeit zur aggressivität. leider. es klingt als ob du selbst von deinem bild begeistert warst (was du mir auch schon vorgeworfen hast... naja. aber man darf es nicht bemerken. autor- kusch!)
    jedenfalls stammt diese aussage von z.b. einer ganz bestimmten art von student, in einer ganz gewissen laune. aber ein leser ist nicht in dieser stimmung. es ist zu speziell. du mischst.
    -desgleichen in der schlafgemach-szene:
    das gespräch klingt zu stark durch den autor verbunden und nicht durch die starken persönlichkeiten:
    ist gott eine farbe?
    nein
    ein klang?
    nein
    also der gott ohne eigenschaften?
    ja
    also bist du doch nihilist!
    ohh. hm.


    das kommt bei gläubigen nicht vor. schon bei der ersten frage antwortet der gläubige so (nur fromm):
    he du nihilistenwurm! glaubst du, dass du mich verunsichern kannst mit deinen sandkasten- spiel- fragen? der unnennbare, antlitzlose IST das letzte ergo. mehr ist nicht zu sagen.


    die figuren müssen echt scharf getrennt mit krasser dynamik sein. das hast du selbst so bestimmt. das ist dein tempo. ein gutes tempo- aber überfordere den leser nicht mit zu undefinierter bewegung.
    trenne. schnipp.


    du erinnerst mich übrigens an musil. (das zitat sowieso mit dem gott ohne eigenschaften: das ist bei musil ohnehin eine der schönsten passagen, wenn er gewissermaßen ohne es zuzugeben vom prosaiker spricht, als der mann ohne eigenschaften. der mann mit dem möglichkeitssinn statt des wirklichkeitssinnes. möglichkeit als göttlicher funke.
    aber du als prosaiker musst jener eigenschaftslose sein. alles vorstellbar, nicht wahr.


    ich hoffe der text ist für dich noch wandlungsfähig. ich finde es ziemlich mutig und schön, was du da betreibst.
    doch mindestens der erzähler muss halb- (stilistisch) emotionslos sein, wie bei tschechov- ein dramatiker, kein wunder. lass die figuren aus sich sprühen und halte unnötige kolorierung wie ein vampier von dir fern.


    nun. alles weitere per schneckenpost oder mail. viel erfolg!!
    katka, die polin.

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    522
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    QUOTH:
    @ Mr. Jones: Diese Unklarheit bemerke ich nicht. Der Satz Arcangelas bezieht sich konjunktivisch auf den Fall, dass das Kind nicht, wie geschehen, abgetrieben worden wäre - und ist falsch. Das ist alles. Aber es würde mich interessieren, ob auch andere hier Schwierigkeiten hatten.


    nun ja, quoth, ich bins wieder und nicht andere. na ja. dann eben ich. ich hab eigentlich erwartet, dass du keine unklarheit siehst. wirklich. was heisst hier unklarheit? es ist alles klar, hast recht. und ich sag auch nicht mehr und nicht weniger als: es gibt eine zweite möglichkeit. und die seh ich schon und ebenso klar. liesse sich die ausmerzen? aber wie? weil klingt schon gut, dein 'er wär doch der vater'. in welchem fall aber? wann wär er der vater? wenn er getan hätt, was der doktor andeutet? nein, nein, natürlich nicht, sagst du. du siehst keine unklarheit. er wär der vater, wenn da nicht die ausschabung wär. okay, zugegeben, ich bin spitzfindig und suche weit. aber ich finde, letztlich. und da liegt der hund begraben.


    was willst du? mich jedenfalls stört, dass ich die zweite möglichkeit überhaupt finde. das wollt ich dir mitteilen. dass sich mir diese zweite möglichkeit aufgedrängt hat beim lesen. und als hintergedanke sich festgekrallt hat im hinterkopf.


    du verstehst aber, was ich als zweite möglichkeit bezeichne?


    ein letztes dazu: du kannst es lassen, wie es ist. wirklich. kein problem. es stimmt schon so. du hast keinen fehler gemacht, nichts falsches geschrieben. wahrscheinlich liegts an meiner lesart. ich bin stur, ich bin spitzfindig. nicht immer, aber durchaus immer öfter.


    doch noch (m)ein verbesserungsvorschlag zu (meinem?) problem... schreib doch - und ich find das auch die 'psychologisch' interessantere variante, nebenbei - zuerst indikativ, dann konjunktiv:


    "aber er ist doch... er wär doch der vater."


    so. und jetzt halt ich endlich die klappe.


    Mr. Jones

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    @ Mr. Jones: Der Indikativ ist vom objektiven Wahrheitsstandpunkt aus durchaus bedenkenswert - denn auch ein abgetriebenes Kind hat einen Vater - aber nicht so sehr vom subjektiven der soeben ihrer Mutterschaft beraubten Frau, die auch den den vorgeschützten Vater seiner Vaterschaft beraubt sieht.



    Studenten VIII

    Es begann schon damit, daß die von Consuelo beauftragte Bestattungsfirma Margot, ein Unternehmen, das sich in Krogstedt des allerbesten Rufs erfreute, obgleich sein Geschäftsführer vor kurzem in seinem Bett verbrannt war, daß also dessen Nachfolger bzw. Stellvertreter, nein Stellvertreterin, denn es war seine Witwe, ein energisches Weib von professionell anteilnehmender Kopfschräghaltung, ein deutliches und klares Nein aussprach, als der Wunsch an sie herangetragen wurde, ob es möglich sei, den Toten ein letztes Mal zu sehen. Diesem Wunsch, so erläuterte sie mit salbungsvollem Bedauern, müsse sie nur willfahren, wenn er von nächster Blutverwandtschaft, also Kindern, Eltern oder Geschwistern des Toten ausgesprochen werde, die einzige Ausnahme bilde die Ehefrau, nicht aber die Schwester der Ehefrau, und um eine solche handle es sich bei Consuelo, weshalb sie um Verständnis dafür bitte, dass der Sarg des Verblichenen zubleiben müsse, zumal man firmenseits auch die erforderliche kosmetische Herrichtung unterlassen habe, als sich zeigte, daß die einzige Blutsverwandte des Toten, seine Tochter, dem Begräbnis nicht beizuwohnen gedenke. Edu war zusammen mit seinem Pflegerkameraden Holger, dem Masseur Aaron und Schwester Ruth gegen halb zehn in deren Opel Rekord zur Friedhofskapelle gefahren, wo bald nach ihnen Arcangelas Tante eintraf, deren Begehren, Fohrmann zu sehen, auf die geschilderte Art von Frau Margot abgelehnt wurde. Den Wortwechsel, der sich daraus entspann, beendete die Ankunft eines schnittigen Kässbohrer-Busses, dem ein ansehnlicher Trupp älterer, vielfach schon grau melierter Männer entstieg, unter denen Edu sogleich den kunsthistorischen Major Rumberg samt seinem Malerfreund und zu seiner Überraschung auch die Professores Brauer und Cerini erblickte, die er hier nun zuletzt erwartet hätte. Und alle hatten bereits im langen braunen Gebänk der Kapelle Platz genommen und harrten des eigens bestallten nichtkirchlichen Totenwürdigers, als noch weiteres Trauervolk eintraf, von den Graumelierten mit demonstrativer Mißachtung gestraft, nämlich Staatsanwalt Piersch mit einer Anzahl von Polizisten in Zivil, die aufdringlicherweise ganz vorne neben Edu, Consuelo und dem unbekannten Neffen und seiner Frau Platz nahmen, um von dort um so besser aus den durchlöcherten Achseln ihrer steingrauen Kleppermäntel Bilder von den Anwesenden schießen zu können.
    In andächtig vornüber geneigter Haltung watschelte ein schmerbäuchiges Männchen zu dem lilienbekränzten Pult, das neben dem Sarg aufgeschlagen war. Das war Ottmar Butenscheun, professioneller gottgläubiger Leichenredner und gewesener Volksschullehrer. Den linken Ärmel hatte er in die Tasche der schwarzen Jacke gesteckt, eine damals durchaus übliche Tracht bei Einarmigen. Für den Namenswechsel des Toten fand er eine elegante Form, um ihn gleichsam beiläufig und alles Sensationelle vertuschend, unterschlüpfen zu lassen: "Alois Fohrmann wurde am Soundsovielten im Jahr 1901 unter dem Namen Karl Ossenblom geboren." Dieser Satz nun bezeichnete den ganzen Stil seiner Rede, deren einziger Zweck der zu sein schien, den recht ungewöhnlichen Lebenslauf des Toten in ein Licht allernormalster Biederkeit zu rücken. So wurde aus dem Juristen, der dem Unrecht gedient hatte, ein "gewandter Diplomat, der das Schlimmste zu verhindern versuchte", aus dem zeitweisen Lagerleiter ein Kriegsteilnehmer, aus dem Massenmörder das "Opfer einer menschenverachtenden Ideologie", und Edu hatte Gelegenheit, darüber nachzudenken, welcher Streich des Zufalls ihn zum lover und Mann der Tochter dieses politischen Verbrechers gemacht hatte. Eine Passage aus Ottmar Butenscheuns leicht verkümmeltem Sermon verdient noch angeführt zu werden: "Als Alois Fohrmann begann der Verstorbene nach dem Krieg ein zweites, ein neues Leben, das ganz der Umkehr, der Reue gewidmet war. Mit welcher Rührung konnten Angehörige und Pflegende beobachten, wie er, geschwächt von seinem ersten Schlaganfall, nur noch im Putzen alter Schuhe einen sühnenden Lebenssinn für sich zu finden vermochte! Ohne Frage quälte ihn das Bewußtsein einer Schuld, über die zu urteilen uns nicht zusteht. Alois Fohrmann, Karl Ossenblom: Möge die Erde euch leicht werden!" - und in diesem "euch" zerfiel der Verstorbene nun endgültig in zwei miteinander letztlich unverbundene Persönlichkeiten.
    Das Harmonium stimmte wimmernd die Melodie von "Ich hatt' einen Kameraden" an, und es wäre unerträglich geworden, wenn nicht Aaron, der Masseur, laut klackend den weißen Stock auf die Kacheln schlagend, nach vorn gegangen wäre, wo er er sich herumwandte und die Trauergemeinde mit dem von Metalleinschlüssen blau gepantherten Gesicht augenlos anstarrte.


    (to be continued)






    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 05. September 2002 editiert.]

  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    @Ariadna: Ich lasse sie sprudeln, querida.



    Studenten IX

    Was die in großer Anzahl angereisten alten Kameraden zaudern ließ, sofort einzugreifen, war der Umstand, dass Aaron seine Brust mit zahlreichen Orden und Ehrenzeichen geschmückt hatte. Das EKI baumelte im Knopfloch, die Nahkampfspange funkelte, die Ostmedaille versandte ihr bleiches Licht, und weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz schimmerten die Ordensbänder. Warum sollte dieser offenbar verdiente Frontmann nicht ein paar persönliche Worte sprechen? Das Harmonium war verstummt, Tante Consuelo hatte den Kopf etwas abgewandt, mit dem tief im Nacken sitzenden Knoten und dem schwarzen übers Gesicht herabgezogenen Netz schien sie einem Bilde Goyas entstiegen, ein spöttisches Lächeln schmückte ihre Mundwinkel, Edu sah ihr an, daß dieser Auftritt abgesprochen war.
    Aaron rang da vorne jedoch nur auf peinliche Weise nach Luft. Des Sprechens vor einem größeren Auditorium ungewohnt (von dem er wußte, ohne es zu sehen), quetschte er mit flatternden Lippen nur abgerissene Worte hervor und zeigte dabei auf den Sarg: "Dieser Mann... Dieser Mann... Während wir vorn... Während wir vorn... Haben sie... Diese Schweine... In unserm Rücken... Ja, in unserm Rücken..." - es verschlug ihm endgültig die Sprache, und nun standen Major Rumberg und zwei weitere Männer auf und eilten mit der Grazie der Dicken ebenso leise wie hurtig nach vorn. Aaron hatte ihre Schritte jedoch gehört, zögerte nur für den Bruchteil einer Sekunde - riß sich Orden und Ordensbänder gewaltsam von der Jacke, warf sie zu Boden, wo sie durcheinanderklirrten, trampelte wutentbrannt mit seinen Riesenfüßen darauf herum und fuhr mit diesen Trampelbewegungen noch fort, als die drei Männer ihn mit wohldosierter Gewalt wieder in die Bankreihe führten.
    Das Harmonium stimmte die Melodie von "Wohlauf, Kameraden, zu Pferd, zu Pferd!" an, acht alte Kameraden waren zur Stelle und wuchteten sich den Katafalk auf die Schultern. "Ins Feld, in die Freiheit gezogen!" setzte Edu innerlich das Lied fort, das Vilma so sehr schätzte und das sie nie zu singen pflegte, ohne ihr Bedauern darüber auszudrücken, daß sie nicht als Mann geboren sei, sie wäre mit Sicherheit nichts lieber geworden als Soldat. In feierlich nach vorn wippenden Schritten folgte die Trauergemeinde, an deren Schluß sich Fähnr.d.Res. Flotow zu Aaron und Holger gesellt hatte, bei denen Edu auch sehr viel lieber gelaufen wäre, aber als Repräsentant Arcangelas musste er Tante Consuelo den Arm reichen. Beiden war nicht nach Trauern zumute, obgleich ja der Tod der Tod ist, egal, ob er gut oder böse besiegt, er ist die große Autorität, die über uns alle triumphiert, weshalb weder Consuelo noch Edu ein Wort sprachen oder gar Lust empfunden hätten, zu witzeln - wie es am Schluß des Zuges geschah, wo Holger von der Feuerbestattung eines verdienten Genossen berichtete, unter dessen Sarg, der über und über mit roten Nelken geschmückt gewesen sei, die Verbrennungskammer sich geöffnet habe, und in feierlicher Langsamkeit seien die sterblichen Überreste des alten Kommunisten hinabgesunken, während die Flammen darüber zusammenschlugen.
    Inzwischen war Fohrmanns Sarg bereits an der Grube angelangt und wurde auf zwei darunter gelegten Gurten in die Tiefe abgeseilt. Ottmar Butenscheun sprach die klassische Grabesformel: "Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub!" Die Anwesenden waren aufgefordert, mit einem Schäufelchen Erde auf den Sarg zu werfen, was sie unbewegten Gesichtes taten, Tante Consuelo als erste, ihr folgend Edu, dann die alten Kameraden und auch die Zivilpolizisten. Dann trat Schwester Ruth mit einer großen Tasche ans Grab und öffnete sie.
    "Der Verstorbene hat mich gebeten, ihm einige der von ihm geputzten Schuhe mit ins Grab zu geben," wandte sie sich an die Umstehenden. "Ich sehe keinen Grund, diesem Wunsch nicht zu willfahren. Karl Ossenblom, mögest du..."
    Weiter kam sie nicht, denn erneut hielten ein paar alte Kameraden sich für berufen, die bedrohte Ordnung wiederherzustellen, und wollten Schwester Ruth samt ihrer Tasche vom Grabe fortziehen. Diesmal aber waren Holger, Aaron und Flotow schnell bei der Hand, Aaron fuchtelte wild mit seinem Blindenstock und hielt Schwester Ruth am anderen Arm fest, so daß sie von beiden Seiten heftig hin und her gezerrt wurde und vor Schmerz laut aufschrie. Edu und Holger aber warfen die ganze Tasche mit ihrem Inhalt in die Graböffnung und schippten Erde darauf.
    "Es ist eine Schande, wie hier eine originäre Trauerfeier von parasitären Elementen mißbraucht wird!" rief Prof. Brauer mit Stentorstimme. Drei Friedhofsgärtner waren damit beschäftigt, die Grube zu füllen. Dann aber knieten plötzlich vier der vorherigen Sargträger neben dem frischen Erdreich nieder, rissen kurze Sturmgewehre aus ihren Mänteln und legten damit an, um über Fohrmanns Grab zu schießen. Da die Mündungen ihrer Waffen jedoch auf die Zivilpolizisten gerichtet waren, fühlten diese sich nicht völlig grundlos angegriffen, stürzten auf die alten Kameraden los, warfen sie zu Boden und entwaffneten sie, was deren Freunde nicht widerstandslos geschehen ließen, so daß innerhalb weniger Minuten die schönste Rauferei im Gange war. Alle zu Schlag, Schwinger oder Leberhaken geballten Hände sanken jedoch herab, als Prof. Cerini elastisch mit weit ausgebreiteten Armen aufs Grab sprang. "Bitte, meine Herrschaften!" rief er mit eindringlichem Falsett, und in der Tat wandten ihm alle die Augen zu und der Kampf verstummte. Cerini aber zauberte einen Pingpongball aus seiner Jackentasche, steckte ihn in den Mund und spie ihn gen Himmel, dann einen zweiten, einen dritten, einen vierten und fünften, und alle fing er mit dem Munde auf, spie sie wieder empor, so daß sie im schönsten Reigen über ihm in der Sonne tanzten, und obgleich die Würde des Vorgangs dadurch nicht wieder hergestellt war, beruhigten sich doch die Gemüter, und als Prof. Brauer, auf seinen Kollegen weisend, mit Stentorstimme rief: "The great Cerini - der singuläre Solitär!" vereinten sich die Kampfhähne in beifallklatschendem Applaus.


    (to be continued)


    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 06. September 2002 editiert.]

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.445
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    25

    AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    "Klasse!" sagte Frank und lachte. "Hat er noch mehr drauf?"
    "Wart mal ab!" sagte Edu. "Die Nummer mit dem Schwamm ist auch nicht von schlechten Eltern. Und erst mal die mit den Pingpongbällen - aber die zeigt er nur zu besonderen Anlässen."
    Cerini geilte sich weiter an der Ver-fü-gungs-be-fug-nis auf und schrieb ein paar Paragraphen an die Tafel.
    "Aber trotzdem, Edu, versprich mir, daß du mitkommst zu dem U-Boot-Kommandanten!" Frank schwärmte für einen Neutestamentler, der im Krieg ein U-Boot geführt hatte, und er hegte die stille Hoffnung, Edu zum christlichen Glauben zu bekehren.
    Was ist ein Neutestamentler? Warum sagst Du was von Absichten, die sich der Leser schon denken kann?
    Er war fest davon überzeugt, daß Edu nur die Vorzüge und Reize der dialektischen Theologie kennenlernen mußte, um dem Christentum sogleich widerstandslos zu verfallen.
    ZUZUZU
    Cerini wollte weitere Paragraphen an die Tafel schreiben, fand sie aber bereits vollgeschrieben - und griff zum Schwamm.
    Atemlose Stille im Auditorium.
    Der Schwamm war mit Kreidebrühe so vollgesogen, daß er die Tafel nicht putzte, sondern weißte.
    Man hätte eine Büroklammer zu Boden fallen hören können.
    Cerini warf den Schwamm, ohne sich umzuschauen, verächtlich über seine Schulter.
    Er wirbelte in gestreckter Wurfparabel hoch durch die Luft - und landete nach etwa elf Meter Flug in dem winzigen Waschbecken auf der rechten Seite der Bühne.
    Daß ein Schwamm Wurfparabeln nachstellt, wage ich zu bezweifeln. Die Idee aber ist hübesch. - Der tiefere Grund des Schweigens erschließt sich mir nicht.
    Die Studenten erhoben sich und klatschten. In den Beifall hinein schrillte die Schlußglocke.
    Von den Uni-Gebäuden, einer ehemaligen Pulverfabrik, gingen sie zum Hafen hinab, wo die Werftarbeiter an der Kaimauer standen und sich ihr Abendbrot in Gestalt silbrig glänzender Heringe zusammenangelten.
    Sie? Wer ist das?
    Als sie ins Studentenheim kamen, schaute Edu in sein Brieffach. Von Arcangela wieder nichts. Aber Tante Käthe schrieb, das war wenigstens was.
    "Du fehlst mir sehr, Edu", schrieb sie. "Du weißt, wie mein Alltag aussieht - 'Flieg Bienlein, flieg' mit irgendeinem rührenden fetten kleinen Dummchen einüben... Ach, es ist manchmal zum auswachsen, und ich frage mich, warum eine Frau wie ich, die gut an einem Konservatorium unterrichten könnte, so tief hat sinken können. Aber dann sage ich mir wieder: Es gibt keine privilegierte Situation, alles ist unmittelbar zur Ewigkeit, sterben müssen wir alle, und vielleicht wird aus dem Dummchen mal was Gutes. A propos: Von Fohrmann heißt es, es gehe ihm ziemlich schlecht. Der Prozeß wird ihm nun, scheint's, nicht gemacht, obgleich sein Anwalt bis zum Schluß, man höre und staune, auf der Prozeßfähigkeit seines Mandanten bestanden hat. Von Arcangela kam eine Karte (Aha, an Käthe schreibt sie!), es gehe ihr gut, sie würde am liebsten für immer bei ihrer Schwägerin in Tananarive bleiben, weil sie wirklich für jede Verrichtung Hilfskräfte habe und anfinge, grauenhaft fett zu werden, zumal sie auch für zwei esse, und sie traue sich so zu uns nicht zurück. Sie sitze an einem langen Brief für dich, ich soll dich grüßen."
    Gutes Tempo, aber zu viele Verzweigungen, bei denen der Leser leicht den Überblick und den Sinn entbehren muß. - Alles in allem ein bißchen geschwätzig, aber vielleicht soll das so sein. Weiter?

  16. #16
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Wenn es dich nicht frustriert, Robert, daß ich nicht direkt ändernd drauf eingeh (die Bearbeitungsphase kommt, sobald ich wieder Land unter den Füßen hab), mache nur weiter - es geht nichts verloren.

    Gruß Quoth



    Studenten X

    Unter der Erde gesprochen:
    Ich bin ein schwarzer Schnürer mit Absatz und Kappe. Nicht nur für ältere Leute, sondern auch für Jüngere ein moderner Schuh! Aber pfui - mit Paketband verschnürt!
    Wir tanzten, wir tanzten, geflochtene Schuhe, wir tanzten, wir tanzten auf der Hochzeit. Meine Ziernähte sind der echte Clou!
    Mit dem Warmfutter haben wir zuerst Soldatenfüße, dann Flüchtlingsfüße, dann Totenfüße warmgehalten. Dann wurden wir abgezogen und durften durch ein schönes Tor wandern.
    Einen so eleganten Slipper wie mich findest du in ganz Warschau nicht nochmal! Nur die Gummisohle ist eine Schande - und mit Holzstiften befestigt!
    I bin a Haferl-Schuh, und a Haferl-Schuh bleibt a Haferl-Schuh, ob er nach Buda oder nach Pest läuft!
    Hätt ich doch nie gedacht, dass mal ein schlanker Frauenfuß in mir altem Kriegsmann Unterschlupf suchen würde!
    Als Herrenslipper mit Kreppsohle und Metalldetails war ich der absolute Hingucker der Herbstmode 1939.
    In einem Lederschnürstiefel wie mir trittst du stark und selbstbewußt auf und glaubst, in dieser Welt könne dir nichts Böses widerfahren.
    Ich bin aus auf Glanz gegerbtem Rindsleder, mit Wolle gefüttert, und ein Deckblatt sichert den Fuß gegen eindringendes Schmutzwasser scheußlicher Wege.
    Mein gebürstetes Leder ist besonders weich und hat sich der Fußwärme Josefs gut angepasst, bis da keine mehr war.
    Ich alter Knobelbecher, was hab ich Blasensaft und Blut getrunken! Und um mich weichzumachen, haben sie mich vollgepißt, die hübschen Jungs, die später in mir starben.
    Ich war der elegante Damenstiefel für den gewissen Schritt... Die spitze Form und der schmale Absatz waren topaktuell und die modische Schnürung hinten am Stiefel war der Schißlaveng.
    Mit meiner etwas eckigen Form und den Metallösen war ich der Herrenschnürer der Saison! Und jetzt ist sogar die Brandsohle durchgelaufen...
    Als Damen-Schnürer mit Zierlöchern und -streifen hab ich vielen gefallen! Komplette Lederausstattung. Farben: weiß, bordeaux, aubergine, Obermaterial: Boxcalf, Innenaustattung: Leder.
    Zu einem Schnürschuh, wie ich einer bin, trug man ledergesäumte Leinengamaschen, bis auch ich auf die Heerstraße geriet, in den Kot.
    Ach, die Füßchen waren doch viel zu klein, die in mir liefen, alte, grämliche Soldatenstiefel mit Stroh ausgestopft.


    (to be continued)




    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 07. September 2002 editiert.]

  17. #17
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Studenten XI

    Weil sie mit Essen ohne Arcangela nicht anfangen wollten, setzten Edu und Tante Käthe sich noch ins Musikzimmer unter die Biedermeierbilder und spielten das Divertimento A-Moll No. 3 von Giovanni Battista Bononcini, jenes, in dem sich eine Gigue findet, in der die Flöte zwitschert wie eine Singdrossel. Sie genossen die Süße und Eleganz dieser Musik, und Tante Käthe ersparte es Edu diesmal, von den blutbespritzten Händen der Fürsten zu sprechen, die sie ehedem gespielt haben mochten, sie hatte sich in ein bleues Seidenkleid geworfen, das keineswegs nach Trauer, sondern nahezu bräutlich aussah, und im Ausschnitt prangte ihr fülliger Altfrauenbusen wie ein formidabler Popo.
    "Hat er wirklich auf dem Grab jongliert?" fragte Käthe zwischendurch, Edu nickte lächelnd, und sie fuhren grinsend zu spielen fort, was Eduards Ansatz schwächte, so dass er einige Töne nicht oder nur krächzend bekam.
    Arcangela war Zigaretten holen gefahren, was sich, weil der nächste Automat an der Tankstelle von Jupp Bargel in der Ziegeleistraße hing, langwieriger gestaltete, als sie angenommen hatten. Sie nahmen deshalb trotzdem schon Platz, wickelten den Räucheraal aus, der es zur Feier des Tages sein sollte, und Eduard entkorkte eine Flasche Rauenthaler Nonnenberg, einen kräftigen Riesling von schiefriger Würze, Edu und Käthe tranken einander aus den alten Römern zu, fanden noch ein Gesprächsthema in Gestalt des Perikles von Shakespeare, den Käthe nicht kannte, von dem sie aber wußte, daß nur der dritte bis fünfte Akt von dem Stratforder stammen sollte. "Schon das Bild," meinte Käthe, "hätte uns ein Hinweis sein können, obgleich ich mich immer noch frage, warum dieses Bild von Arcangelas Mutter gekauft und zum Versteck des enthüllenden Briefs gemacht wurde, wo sie doch vom Inzestschicksal ihrer Tochter platterdings nichts vorauswissen konnte." Edus Gedanken aber waren auf unklare Weise bei Arcangela, er vermochte auf Tante Käthes Gedankengang nicht einzugehen oder hielt es auch für überflüssig, weil man Arcangela ja nach ihrer Rückkehr selbst befragen konnte, wenn man wollte. Appetitlos verzehrte er Stückchen um Stückchen von dem mildweißen Aalfleisch; selbst ohne Auto, war er außerstande, Arcangela eben mal nachzufahren, und Käthe, die seinen Gedanken erriet, erbot sich, mit ihrem Moped die Ziegeleistraße abzusuchen. Da Arcangela in dem milchkaffeebraunen Borgward Hansa 2400 unterwegs war, konnte es nicht schwer sein, sie zu entdecken, falls sie irgendwo mit einer Panne stand. Aber Eduard, plötzlich aus gedankenlosem Warten in panikartige Angst verfallend, ging zum Telefon und informierte die Polizei von Arcangelas Ausbleiben. Dort erwiderte man ihm jedoch, man nehme Vermißtmeldungen nur an, wenn die Person seit wenigstens vier Stunden überfällig sei, was für die von ihm genannte Dame nicht zutreffe, weshalb...
    Als Edu am nächsten Morgen aufwachte, glaubte er zunächst Arcangela sei im Bad, denn die Toilette rauschte stark. Aber dort war nur der Schwimmer im Wasserreservoir blockiert, deshalb rauschte es ständig, er behob den Schaden und ging wie gelähmt in einen Tag ohne Arcangela. Jetzt war die Polizei bereit, sich mit dem Fall zu beschäftigen.
    Um zehn Uhr zwölf vormittags wurde der milchkaffeebraune Borgward 2400 auf einem Holzweg des Krogstedter Forstes nicht weit von der alten Papierfabrik mit ihren verrosteten Holländern leer aufgefunden.
    Die Polizei holte Eduard ab, damit er er sie bei der Bewertung der Tatsachenlage unterstütze. Das einzige, was ihm hätte auffallen können, was er aber nicht anzugeben wagte, war, dass ein Ring, den man auf dem Rücksitz fand, ein Silberring mit einem vielfach facettierten Zitrin, ihm bekannt vorkam.
    Einen solchen Ring hatte seine Mutter getragen, seit er sich an ihre Hand erinnerte.
    Da er aber nicht so einmalig war, daß man aus ihm hätte schließen können, Vilma habe im Auto der Entführer gesessen, schwieg er und beschloß, seiner Mutter den schon längst überfälligen Besuch abzustatten.


    (to be continued)

  18. #18
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Studenten XII


    Als Edu bei seiner Mutter vor der Tür stand, sah er in ein erschrockenes Gesicht. Ihr Gewaltszinken starrte aus der alternden Maske adlerartig hervor, die eintrübenden Grünaugen waren mißtrauisch auf ihn gerichtet.
    "Wie kommst du dazu, mich hier einfach unangekündigt zu überfallen?"
    "Ich - wollte dich überraschen!"
    "Schöne Überraschung! Nun, dann komm schon herein."
    Während er seine Jacke an die Garderobe hängte, hörte er sie im Wohnzimmer räumen. Beim Eintreten sah er sie mit einem verglasten Foto, das sie beiläufig unter den Arm geklemmt trug, durch die andere Tür entschwinden.
    "Magst du was trinken?" rief sie aus der Küche.
    "Nein, vielen Dank. Ein Selters vielleicht."
    "Selters hab ich nicht. Nur stilles Wasser!"
    Sie stellte Glas und Flasche vor ihn hin, für sich selbst nichts.
    "Nun? Was gibt's? Brauchst du Geld?"
    "Nein, ich komme gut hin mit dem, was du mir überweist. Außerdem hab ich ein Bücherstipendium. Nein, es reicht."
    "Käthe Koch hat mir, als ich sie das letzte Mal anrief, gesagt, dass du heiraten willst. Ich habe mich gefreut, auf diese Weise davon zu erfahren." Ihr aggressiver Ton war unüberhörbar. Edu betrachtete ihre Hände. Sie trug nur einen geflochtenen Silberring mit zwei gekreuzten L, den er nicht kannte. Sie bemerkte seinen Blick und schaute ihn fragend an.
    "Schade, daß du den Zitrin nicht mehr trägst," sagte er.
    "Ich mag mich nicht ständig an früher erinnern. Er erinnert mich an eine Zeit, die mit Emils Tod abgeschlossen ist. Ich habe ihn nicht überleben wollen, aber da dies nun mal mein Schicksal ist, bin ich entschlossen, was draus zu machen."
    Irgendwie erinnerte sie ihn an Cäsar, wie sie da saß mit dem kurzgeschnittenen Grauhaar, der Adlernase und dem bitteren Ausdruck. Irgendwer hatte mal gesagt, als der liebe Gott die Nasen verteilte, habe sie aus Versehen zweimal "hier!" gerufen.
    "Ein Schluck Wein zur Geschmacksverbesserung täte gut", sagte er. Sie wollte aufstehen, aber er kam ihr zuvor. "Hör mal, du mußt mich doch nicht bedienen!" Er ging in die Küche und fand in der Speisekammer eine angebrochene Flasche Rotspon. Er faßte auf den Küchenschrank. Da lag es, das Bild.
    Er nahm es herunter, das Foto eines Mannes in gestreifter Krawatte und Anzugsjacke. Auf dem Revers zwei gekreuzte silberne L. Es durchzuckte ihn wie ein Stromschlag. Er kannte diesen Mann! Ja, das Bild von Emil war verschwunden, und an seine Stelle war das von Prof. Brauer getreten. Er nahm es mit ins Wohnzimmer, stellte es auf den Tisch.
    "Warum hast du das vor mir versteckt?" fragte er inquisitorisch.
    "Ich dachte, es könnte dich kränken, sein Bild dort zu sehen."
    "Was hast du mit ihm?"
    "Was soll dieser Verhörton? Wenn du es genau wissen willst: Er vögelt mich einmal die Woche. Was dagegen?"
    Edu schwieg, trank den verdünnten Rotspon.
    "Was bedeuten die beiden gekreuzten L auf seinem Revers?"
    "Frag ihn doch selbst. Oder hörst du nicht Staatsrecht bei ihm?"
    "Da trägt er dieses Abzeichen nie."
    "Er ist ein sehr angenehmer Mann und behandelt mich sehr respektvoll."
    "Was habt ihr mit Arcangela Fohrmann gemacht?"
    "Mit deiner Braut? Ich kenne sie nicht. Du hattest nicht die Güte, oder man könnte auch sagen, das Benehmen, sie mir vorzustellen."
    "Zeig mir den Ring mit dem Zitrin!"
    Wie von einer Tarantel gestochen, sprang sie auf und schrie: "Verlaß mein Haus und laß dich hier nie wieder blicken! Welches Recht hast du, so mit mir umzuspringen? Ich bin deine Mutter, deine Mutter, deine Mutter!" Geifer rann ihr aus den welken Mundwinkeln.
    Edu brachte Glas und Flaschen mit demonstrativer Bierruhe in die Küche. Dort lag ein Brotmesser. Er ergriff es und stieß es tief in eine Mehltüte auf dem Regal, die auszulaufen begann.
    Fassunglsos sah Vilma auf den sich vergrößernden weißen Haufen am Boden.
    Mutter und Sohn starrten einander haßerfüllt an.
    Edu ging. Es herrschte tödliche Ruhe in ihm.


    (to be continued)






    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 10. September 2002 editiert.]

  19. #19
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Studenten XIII

    Das Verschwinden Arcangelas, die offenkundige Unfähigkeit, wenn nicht Unwilligkeit der Polizei, ihre Spur aufzunehmen, die Vorstellung, wie sie, hochschwanger, hilflos irgendwelchen Machenschaften preisgegeben war, wühlten Eduard auf eine nicht dagewesene Weise auf. Er schlief kaum noch, ging im Rauchen auf schwarzen französischen Tabak über (Gitanes) und fand nicht einmal mehr im Musizieren mit Käthe zu innerer Ruhe. Nach etwa vierzehn Tagen gab er es auf, innerlich auf Arcangela oder auch nur ein Lebenszeichen von ihr zu warten. Ausgehöhlt, ein Schatten seiner selbst, setzte er sein Studium fort. Ihm war jetzt, als ruhe Professor Brauers Blick manchmal mit besonderer Intensität auf ihm, forschend, ironisch, flackernd. Ihn aufzusuchen, kam ihm nicht in den Sinn. Was ging ihn dieser späte lover seiner Mutter an? Ja, er ertappte sich bei der Vorstellung, wie der Geburtskanal, durch den hindurch er einst ans Licht der Welt gedrungen war, nun von einem schmutzigen alten Mann und Exnazi in würdeloser Gier besudelt wurde. Und weil er niemanden hatte, zu dem er mit seinen Sorgen gehen konnte, suchte er gelegentlich eine kleine Seemannskirche an der Förde auf, setzte sich in die Bankreihen, blickte zu dem hölzernen Gekreuzigten auf, der mit grünlichem caput mortuum leichenhaft angestrichen war, und versuchte sich im Beten, was ihm, ungewohnt in dieser Kunst, freilich so recht nicht gelingen wollte. Er hatte die Vorstellung, daß bei intensivem Denken an Arcangela ein geheimer Strom zwischen ihr und ihm zu fließen beginnen würde. Manchmal wollte auch der Gedanke an ihren Tod sich in ihm breitmachen, aber das verbot er ihm. Niemals würde sie freiwillig sterben, sie war gesund, freute sich auf das Kind, und welchen Grund sollte irgendjemand haben, eine werdende Mutter zu töten? In wenigen Wochen mußte sie niederkommen, und dann? Edu überlegte, ob die Entführung vielleicht weniger ihr als dem Kind gegolten haben könne. Welches Interesse konnte die Organisation, die sich halbherzig mit zwei gekreuzten L schmückte, an einem Enkel Fohrmanns haben? Gab es dynastische oder erbrechtliche Aspekte? Und am erbittertsten war er darüber, daß seine Mutter in die Angelegenheit verstrickt war und mit großer Wahrscheinlichkeit viel mehr wußte als er - aber nach dem Hinauswurf fühlte er sich unfähig, sie auch nur anzurufen.
    Schon lange hatte er Frank versprochen, ihn zu dem Neutestamentler Klose zu begleiten, der zwar weder jonglierte, noch mit Fremdwörtern prunkte, sich dafür aber als Mann von großer Widersprüchlichkeit entpuppte. Den eiförmigen Schädel stoppelkurz geschoren, das beamtenhafte, leere Gesicht bereits leicht zerknittert, hätte er gut auch einen Regierungsrat oder Polizeipräsidenten abgeben können. Das Tun des Bösen war sein Thema in der Vorlesung, die Edu miterlebte, Frank bedauerte das, weil er gehofft hatte, Klose werde über Römer 13 sprechen, sein innigstes Leib- und Magengericht, aber im Tun des Bösen war er auch nicht von Pappe, blinzelte seinen Zuhörern listig zu, als er ihnen den Kernsatz zurief vom Ärgernis, das geschehen müsse - "aber wehe dem, durch den es geschieht!" Das Christentum, hob er hervor, sei im Gegensatz zum Judentum keine Religion, die lehre, wie man gut und gerecht zu werden vermöchte, es sei eine Religion nicht des Sündenvermeidens, sondern des Sündenbegehens, weil nur am Begehen der Sünde die göttliche Gnade sich zu offenbaren vermöge. Zu zahlreich seien die Gleichnisse und Akte, in denen Jesus den Sünder als den erlauchteren und erwählteren klassifiziert habe, als daß man darüber einfach hinweggehen und zur furchtsamen Gläubigkeit der Sündenvermeidung zurückkehren könne. Werde denn nicht der verlorene Sohn mehr gefeiert vom göttlichen Vater als der brav daheim gebliebene? Verbiete es sich nicht geradezu von selbst, den ersten Stein auf die Ehebrecherin zu werfen? Sei nicht das verlorene Schaf der Herde dem Hirten das liebste? Und was habe Luther seinem humanistischen Freunde Melanchthon zugerufen, als dieser ihn mit Sündenbewußtsein plagte? "Pecca fortiter!" - "Sündige kräftig drauflos!" Und ein fröhliches Grinsen breitete sich im Gesicht des theologisierenden Libertins aus, als er sich rühmte, auch kein Kind von Traurigkeit zu sein und nichts, was ihm vor die Flinte komme, auszulassen, was nun schon fast einer Zote gleichkam, in Edus Herz aber ein zynisch-fröhliches Echo hervorrief, so daß er schon kurz darauf den Pfarrer des Seemannskirchleins bat, ihn zu taufen. Als er von diesem dann jedoch erfuhr, da? die Taufe ohne den rechtsverbindlichen Beitritt zur Kirche nicht möglich sei, zuckte er zurück. Christ werden, ja, das schien ihm eine Religion der Freiheit und der Freude zu sein, aber zugleich sich einem graubigotten Kirchenregiment unterwerfen? Er erörterte die Frage mit Frank.
    "Entzückend" erwiderte Frank, wand sich ein bißchen dabei und lachte verlegen, als ob man ihn bei einer kleinen Sünde ertappt hätte.
    "Was ist daran entzückend?" wollte Edu wissen
    "Da will einer Christ werden und nicht in die Kirche eintreten. Wenn das nicht entzückend ist, will ich nie Pastor werden! Verdient hat sie deine Ablehnung, die Kirche - nur allzu sehr!"
    "Ich ertrage es nicht, mir von der Kanzel herunter Vorschriften machen zu lassen," sagte Edu schlicht. "Von Vertretern einer Organisation, die sich noch vor zwei Jahrzehnten nicht entblödete zu behaupten, Jesus sei ein Arier und kein Jude gewesen, in der Pastoren in SA-Uniform auf der Kanzel standen..."
    "Gut, gut!" sagte Frank beschwichtigend mit einer scherzhaften Handbewegung, als fange er eine Fliege aus der Luft. "Meinst du nicht, diese so furchtbar irrende Kirche habe viel, habe auch dein Erbarmen verdient?"
    Edu war perplex.
    Er erbarmte sich der Kirche, trat ihr bei und ließ sich taufen. Seine Paten waren Frank und Tante Käthe, die während der Prozedur reichlich Tränen vergoß. Als er eine Solovioline mit einem Stück von Bach hörte (Käthe hatte sie engagiert und "mitgebracht"), dachte er: "Nur Wiebke hat einen solchen Schmelz." Und ihm war, als ob aus den schmerzhaft schönen Akkorden eine Bitte um Verzeihung ertöne.


    (to be continued)


    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 12. September 2002 editiert.]

  20. #20
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Studenten XIV


    Ist es nicht manchmal so, daß die Liebe die Entfremdung braucht, das Mißverstehen, das hoffnungslose Zerwürfnis, den Wechsel dann, das Abenteuer, die scheinbar totale Entfremdung - nur um nach all diesen Irrwegen zum Ausgangspunkt erschöpft zurückzukehren und dem schnöd verlassenen Geliebten, der einstmals verachteten Liebsten ins Ohr zu raunen: "Du bist es doch!" Gerade wenn man sich jung kennen und lieben lernt, muß der Zweifel sich einstellen, ob dieses Finden nicht den vorschnellen Verzicht auf ein intensiveres Suchen, somit auf den besseren Mann, die passendere Frau als Gefahr enthalte. Daher dann die geradezu naturgesetzlich unvermeidliche Krise, die ja in manchen Fällen durchaus auch zu einer anderen Wahl zu führen vermag; denn nicht immer ist die erste die beste - oder eben nur die erstbeste, aber immer hat sie eine Qualität, die keine spätere ihr streitig machen kann: Sie hat die Maßstäbe gesetzt, an ihr werden alle späteren gemessen werden, sie war Schöpfung und Premiere zugleich und nicht fader zweiter und dritter Aufguß, und so mag es denn durchaus sein, daß man lieber mit dem ersten Geliebten, der ersten Freundin trotz erklecklicher, ja, vielleicht teuflischer Mängel alt werden möchte als mit einem mangelfreien Engel. Oder ist es nicht so, daß Fehler zum liebenswertesten Anteil eines Menschen gehören können? Kann nicht ein angeberischer Dummkopf sympathischer sein als der bescheidenste Kluge? Ein harter Gewalthaber mehr Geborgenheit geben als ein süßer Sanftling? Eine rührende Megäre mehr Schulter zum Schultern des Daseins bieten als ein holdäugiges Rehlein? Die Linien des Lebens seien verschieden, hat Scardanelli geschrieben, und ebendies empfanden Edu und Wiebke, als sie einander halbtot geliebt hatten und weinend in Armen hielten.


    (to be continued)

  21. #21
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Liest das hier überhaupt noch jemand?


    Studenten XV


    "...Können wir uns doch heute im Schutze des antikapitalistischen Schutzwalls geruhsam zurücklehnen und den Aufbau des Sozialismus mit jener Konzentration und Nachhaltigkeit vorantreiben, die er verdient."
    Der Vorsitzende der CDU unterbrach seinen Redefluß zu einer wirksamen Pause, der ausgefranste Mund in dem von Willenskraft gekerbten Gesicht zitterte vor Formulierungslust, war naß und glänzte von Speichel, und die anwesenden Delegationen aus verschiedenen Universitätsstädten des Nordens durften sich auf weitere ideologisch astreine Erörterungen des gewiegten Funktionärs freuen.
    Edu sah, wie Rene, der ihnen von der Staatssicherheit zugeordnete Betreuer, Frank, der in der Reihe vor ihm saß, lächelnd etwas zuflüsterte. Frank lächelte geschmeichelt zurück, flüsterte seinerseits Rene etwas zu, der nun augurenhaft grinste - und Edu fühlte sich ausgeschlossen, versuchte dem Freund den dialektisch geschulten Gesprächspartner zu gönnen, war aber auch eifersüchtig. Er war glücklich gewesen, als er mit Frank ausersehen wurde, diese Reise zur Patengemeinde in der DDR zu machen. Schon auf dem Bahnsteig hatte es spannend angefangen, denn der Verfassungsschutz hatte Beamte entsandt, die sie vor Versuchen der Staatssicherheit warnten, sie in Dienst zu nehmen. Genau das aber versuchte dieser geschmeidige Rene mit steigendem Erfolg bei Frank, Edu merkte, wie ihm die Leber schwoll, wenn er sah, wie ein CDU-Mann sich nicht entblödete, unter einem Ulbricht-Porträt nichts anderes als die offizielle Lesart hervorzusprudeln, und deshalb, mit jener besinnungslosen Ruhe, die Wut ihm verlieh, meldete er sich nach der Rede des Funktionärs und fragte, warum an der Wand dieses Raumes ein Bild des Vorsitzenden der SED und nicht zum Beispiel ein Kreuz hinge.
    Das war nun ein Schlag in die Magengrube des rhetorisch begabten Feuchtmunds. Mit tief in den Leib hinabgesenkter Stimme und in drohender Ruhe begann er: "Es gibt Fragen, die zu beantworten sich eigentlich verbietet, weil man ihnen damit die Ehre antut, sie ernst zu nehmen. In diesem Fall wurde sie von einem unserer Gäste gestellt, und die bloße Höflichkeit zwingt mich, auf sie einzugehen." Bis hier war seine Rede in sonorem Bauchton gehalten, jetzt aber sprang das Organ über mehrere Etagen in große Höhe empor, er trat beiseite, wies auf das Bild und schrie: "Dieser Mann, ich sage Ihnen, dieser Mann, unser Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht, ist die unverzichtbare Säule, auf der unser fortschrittliches Staatswesen ruht. Er ist es gewesen, der..." und nun folgte eine nicht enden wollende Aufzählung seiner Verdienste, unter denen die Errichtung des "antikapitalistischen Schutzwalls" nicht das geringste war, und die Suada endete in schäumenden Beschwörungen der Freundschaft mit der Sowjetunion und faustschüttelnden Beteuerungen unnachgiebigsten Friedenswillens.
    Ein dänischer Pastor fragte in die lähmende Stille hinein, warum der Vorsitzende bei dem Wort Frieden immer die Faust erhoben und mit ihr gedroht habe. "Der Friede ist nicht immer ohne Gewalt zu haben," säuselte der daraufhin und erging sich in verbalem Friedenstaubenhochlassen, was Frank, der in lächelnder Verzückung dasaß, offenbar den letzten Stoß versetzte.
    "Du Idiot, wie konntest du so etwas sagen!" fauchte er Edu an, als sie sich im Bad für einen Moment unbeobachtet fühlen konnten. "Das kann uns einen Rausschmiß einbringen wenn nicht Schlimmeres!"
    "Turtel du nur weiter mit deinem Rene," hätte Edu am liebsten geantwortet, aber er schwieg, schaute sein vor Wut immer noch bleiches Gesicht im Spiegel an, inhalierte tief den Geruch nach Desinfektionsmittel und spürte, daß sein und Franks Weg sich an dieser Stelle zu trennen begannen.
    Am Abend war ein Empfang mit kaltem Buffet. Große Zweikilodosen russischen Kaviars waren aufgefahren, dazu gab es Krimsekt, und wieder wurden Reden gehalten, die einander so sehr glichen, daß es unmöglich war, sie zu ertragen, wenn der Kopf nicht "unter Strom" stand, ein Ausdruck für Besoffensein, den Eduard hier lernte.
    "Ist das denn nicht unser libertärer Freigeist?" hörte er sich von hinten angeraunzt. Er wandte sich um. Brauer stand breit grinsend vor ihm. Anstelle der zwei gekreuzten L schmückte ein roter Schweifstern sein Revers, er zog Edu in einen Winkel, bot ihm das Du an - er hieß Franz Amandus - und bat ihn eindringlich, an seinem staatsrechtlichen Seminar teilzunehmen. "Die Lage ist wirklich prekär, ich bin doch da von lauter Debilen mit höchst rudimentären Kenntnissen umgeben!" maulte er, "und ich möchte ein bißchen was Elitäres auf die Beine stellen. Ach - übrigens - einen Gruß von Astrid. Es geht ihr gut. Sie ist eines prächtigen Bürschleins entbunden, das sie Jason benamste." Als Edu um nähere Informationen bat, rollte der Prof vielsagend die Augen hin und her, hob sein Glas und sagte: "Ist diese Proletenbrause nicht singulär? Auf deinen Kleinen. Und was glaubst du, wie stolz Vilma auf ihren neuen familiären Status ist!"


    (to be continued)






    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 15. September 2002 editiert.]

  22. #22
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Studenten XVI


    Teilte Edu Frank mit, daß er Vater geworden war?
    Ja, auf der Heimfahrt sagte er es ihm.


    Was erwiderte Frank?
    Er war in den Anblick einer Inschrift verloren, die ein verfallenes Gemäuer schmückte.


    Was besagte diese Inschrift?
    "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen."


    Gab Frank, seiner neu gewonnenen Überzeugung folgend, das Theologie-Studium auf?
    Er erwog es eine Zeit lang, kam dann aber davon ab.


    Aus welchem Grund bzw. mit welcher Rechtfertigung?
    Rene überzeugte ihn, daß er als auf der Seite der proletarischen Sache stehender Geistlicher für diese sehr viel mehr zu tun vermöge denn als ihr erkennbarer Verfechter.


    Wie wurde Edu damit fertig, sich als Vater fühlen zu können, ohne sein Kind zu kennen und ohne zu wissen, wo die Mutter sich befand?
    Er stürzte in einen heftigen Gefühlswirrwarr, weil er ja zu dieser Zeit mit Wiebke zusammenlebte und auch sie täglich schwanger werden konnte.


    Erzählte er Wiebke von Arcangela und dem Kind?
    Nein.


    Warum nicht?
    Er redete sich ein, daß er sie damit nicht belasten wolle. Aber in Wirklichkeit hatte er Angst, daß sie, wenn sie einmal begriff, wie endgültig er in Arcangela verstrickt war, ihn verlassen und er so zwischen Baum und Borke geraten könnte.


    D.h. Wiebke war für ihn der Notstopfen für die Zeit von Arcangelas Abwesenheit?
    Ein häßliches Wort. Sie brauchte ihn wahrscheinlich mehr als er sie.


    Aber warum?
    Sie hatte eine schlimme Erfahrung hinter sich, von der wiederum sie Edu nichts mitzuteilen wagte aus Angst, ihn dadurch zu verlieren. Da diese Erfahrung aber Narben an ihrem Körper hinterlassen hatte, kam sie nicht umhin, ihm Andeutungen zu machen.


    Was waren das für Narben?
    Weiße, Schwangerschaftsstreifen nicht unähnliche sichelförmige Linien auf den Glutäen und den Rückseiten der Schenkel.


    Wie war sie daran gekommen?
    Sie war einem Sadisten in die Hände gefallen.


    Hatte er ihr Gewalt angetan?
    Nein, viel schlimmer. Sie hatte sich von seinen Gelüsten anstecken lassen und war geradezu süchtig geworden nach den von ihm praktizierten Auspeitschungen.


    Erzählte sie das Edu?
    Sie deutete es unter heftigen Beteuerungen ihrer Reue an.


    Wie konnte es dazu kommen?
    Dieser Sadist war ein namhafter Dirigent, von dem sie sich einen großen Sprung nach vorn als Violinistin erhofft hatte. Er verstand viel von Musik, sie wollte ihm gefallen, und es begann damit, daß er sie bat, ihm zuliebe im Konzert keine Unterwäsche zu tragen.


    Wie ertrug Edu diese Informationen?
    Er wußte, daß sie ihm einen Vorwand lieferten, um sich von Wiebke im Bedarfsfall trennen zu können. Dieser Bedarfsfall würde aber erst bei der Rückkehr Arcangelas eintreten.


    War es nicht hinterhältig, wie er Wiebke behandelte?
    Er kam sich großzügig vor, daß er ihr ihren Ausrutscher souverän verzieh.


    War Wiebke zu ihm gezogen?
    Ja, sie bewohnten im Studentenheim eine Kleinwohnung für verheiratete Studenten.


    Hatten sie geheiratet?
    Nein.


    (to be continued)


    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 15. September 2002 editiert.]

  23. #23
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Das Schweigen einer so kritischen Gemeinschaft hoffentlich nicht vorschnell als Ermutigung betrachtend, publiziere ich hiermit




    Studenten XVII


    Sie hörte das Schrillen der Sonarsysteme. Die dunklen Hautflügler waren das einzige, was die Nacht der Kasematte belebte. Hoch oben gab es ein Loch, durch das bei Mondschein auch manchmal ein bleicher Schimmer herabfiel. Jetzt wanderte ein kalt glitzernder Fixstern durch das winzige Himmelsstück. Durch diese Öffnung starteten die Langohren zum nächtlichen Beuteflug, durch sie kehrten sie zurück. Sie hörte ein Pochen in der Heizung. Das waren Signale, die sich die Gefangenen allen Verboten zum Trotz nächtens zu geben versuchten. Aber das Verfahren war umständlich. Das Alphabet war in fünf Gruppen von je fünf Buchstaben eingeteilt. Das Y hatte man wegen Seltenheit entfallen lassen. So mußte das E, der 5. Buchstabe der 1. Gruppe, mit einem einzelnen und fünf rasch aufeinanderfolgenden Klopfern signalisiert werden. Man konnte froh sein, wenn man den Namen und die Herkunft der Nachbarin erfuhr. Das nächste war die Frage: Wie lange bist du hier? Aber das fragten nur die neuen.
    Arcangela versuchte zu schlafen. Aber das hatte sie schon am Tag getan. So war sie jetzt nicht müde genug, lag auf dem Feldbett, wälzte sich von einer Seite auf die andere. In ihrer Lieblingslage, auf dem Bauch, konnte sie nicht liegen. Die Brüste waren extrem druckempfindlich, die linke war entzündet. Sie riß ein Streichholz an. Dieses Streichholzkistchen war einer ihrer Schätze, die Ärztin hatte es ihr zugesteckt. Der Schwefelgeruch machte ihr Hunger auf eine Zigarette. Aber es herrschte striktestes Rauchverbot. Sie beleuchtete den Kalender, den sie in den grauen, nassen Stein geritzt hatte. Da sie erst nach rund vier Wochen begonnen hatte, ihn zu führen, war sie nicht ganz sicher, daß er mit dem "draußen" gültigen Kalender übereinstimmte. Aber sie hatte ihn mit Eileen abgestimmt. Eileen war ihre linke Nachbarin. 16 Jahre alt, Erstgebärende, unverheiratet, aus York. Sie protestierte gegen das Weglassen des Y. Mit der Internationalisierung der Belegschaft würde man das Klopfalphabet reformieren müssen. Sie war vor vierzehn Tagen "eingeliefert" worden. War nicht sehr gesprächig. Hatte sich offenbar mit ihrer Lage schnell abgefunden. Oder stand im Dienst der Leitung und sollte horchen. Arcangela nahm sich in acht, mit wem sie worüber plauderte. Und sie machte den Test: Sie behauptete, sie habe ein Messer in der Matratze. Bisher hatte noch niemand nachgeschaut. Was mochte aus Ingrid, Eileens Vorgängerin, geworden sein? Sie war schon dagewesen, als Arcangela kam. Sie war ohne Vorwarnung abgeholt worden. Niemand konnte sich vorstellen, daß sie es wagten, Frauen ins normale Zivilleben zurück zu entlassen.
    Nach dem Kalender mußte es Donnerstag, der 16. März sein. Über ein halbes Jahr war sie nun schon hier. Jason, o, mein Gott Jason! Wohin mochten sie ihn verbracht haben? Was würde mit ihm geschehen? Wuchs er bei anderen Eltern auf? Oder machten sie Experimente mit ihm wie weiland jener König, der die Ursprache erforschen wollte und Kinder mit stummen Ammen in einer Oase aufwachsen ließ? Sie traute "ihnen" alles zu. Sie arbeiteten nach der Devise "Der Zweck heiligt die Mittel." Einer schrecklichen Devise, wenn sie das Gebot der Verhältnismäßigkeit aus dem Blick verliert. Dachte Arcangela und lauschte. Sie hörte Stimmen. Die eine kannte sie. Das war die kleine Graue mit der Adlernase, die sie "die Kommandantin" nannten. Die andere war die eines Mannes. Sie kannte sie nicht. Sie sah durch die Ritze am Fuße der Tür einen Taschenlampenlichtkegel vorbeiwandern.
    "Mit diesen Leistungen steht die Anlage nicht gut da," sagte die Männerstimme. "Sie müssen sich etwas einfallen lassen."
    "Ihnen fehlen Licht und Luft," erwiderte die Kommandantin.
    "Die Luft hier ist ausgezeichnet, und die eingebauten Strahler sind effektiver als echtes Sonnenlicht. Ich fürchte, es ist eher eine Frage der Ernährung. Mehr Proteine, mehr Fett! Hier zum Beispiel." Sie blieben vor Arcangelas Tür stehen. "Die Kurve geht ständig herab. Da müßte dringend was geschehen. Dann kommt es zwar zu einem zeitweiligen Unterbruch, aber..." Stimme und Schritte verloren sich in der Ferne.
    Arcangela wußte, was geschehen mußte.
    Und dafür hatte sie das Messer.
    Aber nicht in der Matratze.
    Fünf/drei, drei/zwei, eins/eins, fünf/vier: "What..."
    Arcangela erriet "What did they talk about?" und morste zurück: "Nothing important. Don't worry!"
    Das junge Ding tat ihr leid. Sie brauchte noch nicht zu wissen, was auf sie zukam.


    [Ende des Kapitels "Studenten"; Fortsetzung mit dem Kapitel "Knackis" absehbar.]






    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 21. September 2002 editiert.]

  24. #24
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.445
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    25

    AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Zum Glück schlief Eduard nicht allein in seinem Zimmer. Das Studentenheim war picke packe voll, die Warteliste lang, und so hatte man gefragt, welche Bewohner bereit wären, einen Mitbewohner bei sich aufzunehmen. Edu hatte in wehmütiger Erinnerung an Kurt Koslowski sofort zugestimmt. Wehmütig, weil er ihm fehlte, aber auch, weil Kurt dann doch eines Tages bei einem Grandmal unter einem der Hanomag-Kübelwagen entdeckt und sofort ausgemustert worden war.
    Du willst hier motivieren, Handlung vorbereiten. Das über Vorstellung und psychologische Grundierung. - Okay. Alte Technik. Konservativ. Besser: Person handelnd sich selbst erklären lassen. Sprachliche Nebenwirkung: Du bist gezwungen, Hilfsverbkonstruktionen auszuschließen, denn Tun verträgt selten eine Relativierung. Die Frage bei dieser Technik lautet auch: Ist es ein Muster? Wenn es eines ist, dann wird es Zeit, daß Du es nur gelegentlich einsetzt, nicht aber stur.
    Er hatte geweint.
    Frank war also, ohne es zu wissen, Kurts Nachfolger geworden, schnitt dabei aber nicht gut ab. Bei Kurt war ja ja und nein nein, in Frank Oberrieders salbungsvoller Redeweise kündigte sich bereits der Geistliche an, allerdings war er alles andere als ein biederer Typ.
    Merkst Du, wie sich hier die Muster wiederholen? Laß reden, urteile nicht. Nimm nichts vorweg, die Personen haben sonst keine Entfaltungsmöglichkeit, wenn sie neben sich stehen bleiben. Du müßtest sie sonst sehr zentrieren, was dann einen Wust von Erklärungsnotstand ausmachte. Willst Du das?
    Er war einer dieser Menschen, die es lieben, alles so lange in Frage zu stellen, bis man nicht mehr weiß, was oben und unten, rechts und links ist.
    genau das meine ich; nullwertiger Satz, der nur langweilt
    "Ich bin nicht gläubig, ich bin Nihilist", hatte Edu ihn
    das IHN hängt in der Luft; die Zeit wird in diesem Abschnitt nicht sonderlich gut strukturiert, was nicht weiter verwunderlich ist, weil Du doch stets damit beschäftigt sein mußt, Erklärungen abzugeben; würdest Du die Personen nicht erklären, sondern handeln lassen, müßtest Du nicht um Deine Zeitebenen bangen...
    gleich zu Anfang provoziert.
    "O wie schön!" erwiderte Frank, wand sich ein bißchen dabei und lachte verlegen, als ob man ihn bei einer kleinen Sünde ertappt hätte.
    "Was ist daran schön?" wollte Edu wissen
    "Ich liebe Nihilisten! Sie sind so stark, so radikal, stemmen sich gegen Anpassung und Unterwerfung, verdammen die Konvention und... Sie sind in gewisser Weise - religiös!"
    Das könnte ein gutes Thema abgeben, darf hier aber nicht unwidersprochen bleiben. Das Ganze benötigt einen poetischen Raum, den bislang nicht angefunden habe. Nihilismus, Atheismus, Deismus, Indifferenz...
    "Das lehne ich in aller gebotenen Deutlichkeit ab. Gerade die Religion ist es, gegen die der Nihilist sich wendet."
    "Gut, gut!" sagte Frank beschwichtigend mit einer scherzhaften Handbewegung, als fange er eine Fliege aus der Luft. "Ich weiß schon, was du meinst - Fernstenliebe, wenn einer fällt den soll man auch noch stoßen - hübsch, nicht? Nietzsche, der gute, ein Pastorensohn übrigens..." Er sprach den Namen des Philosophen wie Tante Käthe "Nietsche" aus, was Edu familiär berührte.
    Bitte? Das möchte ich nicht so stehen lassen. Ich schwanke hier in meiner Meinung:
    • einesteils könntest Du die Oberflächlichkeit, mit der die Protagonisten hier mit großen Namen und Begriffen umspruingen, thematisieren;
    • andernteils springst Du damit selbst oberflächlich damit um.

    Warum also das Schlechte oder Oberflächliche in diesem Text austreten? Kannst Du es mir sagen?
    Er, Frank, gehe anders an die Frage nach dem Nichts, dem Nihil, heran. Liebenswürdig wandte er sich nun intensivst Edu zu und fragte ihn: "Was, sag doch, mein Lieber, verbindet ein Gläubiger wohl mit der Vorstellung von Gott? Eine Farbe?"
    "Nein."
    "Eine Stimme, einen Ton?"
    "Nein."
    "Vielleicht aber einen Geruch?"
    "Auch das nicht."
    "Mißt er ihm sonst Eigenschaften bei?"
    "Ja - z.B. Unsterblichkeit."
    "Ist ein unsterbliches Wesen vorstellbar?"
    "Nein."
    "Ließe sich also wohl sagen, Gott sei das Wesen ohne jegliche Eigenschaft?"
    "Das könnte man in der Tat so formulieren."
    "Was aber unterscheidet ihn dann noch vom Nichts?"
    Gott ist nur personal vorstellbar, alles andere ist ein Irrweg. Kein Prinzip ist vortstellbar, dennoch wird jeder Nach-Denker nicht bestreiten können, daß es Prinzipien gibt. Ich kann bislang in diesem Text nichts entdecken, was ihm Raum, Zeit und Inhaltliches strukturierte. Warum nicht?

  25. #25
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    339
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Madagaskar, 4. Kapitel: Studenten

    Hier muß ich Dir unmittelbar recht geben - den Frank "verheize" ich ein wenig, werde ihm nicht gerecht, er verdient mehr Substanz, in der Überarbeitungsphase wird er die kriegen - und frag ich mal bescheiden an, wie sich ein Dialog über Nihilismus anhören muß, damit Drittsemestler sich nicht mit Grausen wenden...

+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •