Kolonien, zu bebauende Gebiete, werden zu solchen erklärt, wenn Land nicht so genutzt wird, wie es hätte genutzt werden können. Meinen die einen. Kolonien werden dann erworben, wenn jemand in fremdes Gebiet eindringt und stärker ist als diejenigen, denen das Land bislang zu Gebote stand. Die anderen meinen, es sei gegen Gottes Gebot, fremdes Land aufgrund eigener Stärke zu erobern, denn man müsse den Dingen ihren Lauf lassen, die Einrichtung der Welt nicht gewaltsam ändern. Schließlich sei Land um seines selbst willen da und nicht zur Nutzung anbefohlen.

kamerun.jpg

Die Idee der Kolonisation ist alt. Bereits im Altertum zogen Kolonisten aus, gezwungenermaßen, aus Neugier oder Eroberungsdrang, immer aber darauf vermessen, Auskommen, Profit oder Macht aus diesem Drang zu schlagen, manchmal auch nur, um Kompensationsobjekte zu gewinnen, die bei innenpolitischen Streitigkeiten dazu genutzt werden konnten, diese beizulegen, so ganz im Sinne von: Gibst du mir das, gebe ich dir das, da kannst du dich austoben. Das hat sich in der Neuzeit nicht geändert: Eroberungsdrang, Gewinnstreben und Werteübertragung sind keine Erfindungen des Kapitalismus. Wir erkennen die Substanz des Kolonisierens - die Eroberung neuer Gebiete, neuer Lebensbereiche, neuer Einflußsphären - und die Akzidenz desselben, die sich in dreierlei Form darstellen läßt:


  • die amerikanische resp. russische Kolonisation: Eroberung eines Kontinents gegen vormalige Eroberer (sogenannte Indigene) und deren Einverleibung in einen vorhandenen Staatskörper; die Grenze der Eroberung bilden natürliche Grenzen oder die Staatsgrenze eines Gegners, gegen den vorzugehen mehr kosten als einbringen würde (USA: Kanada/Mexiko; Rußland: China/Japan/Indien); innerstaatliche Vertreibungen: entweder flohen Kolonisten (Pioniere) vor den Puritanern aus Connecticut/Rhode Island nach Westen, um dort zu neuen Herren zu werden oder innere Feinde des Zarismus/Kommunismus wurden in den Weiten Sibiriens angesiedelt [1] und sollten sich dort als nützlich erweisen; entscheidend ist der Einsatz und Ausbau der Eisenbahn, der Völkerscharen in unbesiedelte Gebiet bringt



  • Die Niederländer hatten in Indonesien ein undurchsichtiges Staatengefüge vor sich mit Fürstentümern unterschiedlichster Größe und Macht, deren Herrscher z.T. harte Verhandlungspartner waren, und die daher häufig die terms of trade bestimmen konnten. […] Die unübersichtlichen Strukturen im indonesischen Archipel ließen eine komplette Inbesitznahme und unmittelbare Herrschaft durch die Niederländer nicht zu, so dass ein indirektes Herrschaftssystem etabliert wurde, mit dem die Kosten für die militärische Unterwerfung und einer Kolonialverwaltung, die bei einer umfassenden Territorialherrschaft nötig gewesen wären, einzusparen. Der Handel hatte oberste Priorität, so dass auf das Regieren der einheimischen Bevölkerung kaum Wert gelegt wurde, und Gebiete, die keinen Gewinn versprachen, nicht erschlossen wurden. Mit den lokalen Herrschern wurden vorwiegend Protektoratsabkommen getroffen, und ihnen wurde nach Möglichkeit das Regieren unter Beibehaltung der traditionellen Methoden überlassen. Vorbild für dieses System war die portugiesische Form der Kolonialherrschaft, die auf Handelsstützpunkten und Seemacht („Thalassokratie“) basierte. Es wurde im Wesentlichen bis zum Ende der VOC beibehalten, wenngleich, durch verschiedene Aufstände und fremde Begehrlichkeiten veranlasst, die Niederländer auch gewaltsam Gebiete annektierten. Sukzessive wurde Niederländisch-Ostindien von einer Stützpunktkolonie zu einer Herrschaftskolonie umgewandelt. Zunächst wurden auf verschiedenen Inseln Faktoreien errichtet, um insbesondere auch mit den einheimischen Herrschern Handel zu treiben, die im Streit mit den Portugiesen lagen. Da die Niederländer in einzelnen Kaufmannsgruppen auftraten, waren sie von den indonesischen Kaufleuten gegeneinander auszuspielen. Um dem zu begegnen, gründeten die niederländischen Kaufleute mit Unterstützung ihrer Regierung 1602 die Vereenigde Oost-Indische Compagnie (VOC). Diese konnte im Namen der niederländischen Regierung Verträge schließen, Niederlassungen errichten und sogar Kriege führen. Die VOC war in sechs Kammern gegliedert: Amsterdam, Middelburg, Delft, Rotterdam, Hoorn und Enkhuizen. Diese verfügten über unterschiedlichen Einfluss, je nach ihrer Kapitaleinlage. Die Hauptteilhaber hatten begrenzte Kontrollbefugnisse gegenüber der Geschäftsleitung durch die 60 Bewindhebbers der Kammern, die aus ihren Reihen das oberste Leitungsgremium der Heren Zeventien bestellte. Diese entschieden sich 1609 für die Einrichtung einer dauernden Präsenz in Asien unter einem Generalgouverneur. In Jakarta, östlich von Bantam auf Java gelegen, wurde 1610 nach zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen mit Briten, Bantamern und Jakartaern eine Handelsniederlassung gegründet. Die Niederlassung wurde zur Festung und Stadt ausgebaut und 1619 von Jan Pieterszoon Coen in Batavia umbenannt und dauerhaft zum Mittelpunkt der niederländischen Kolonialregierung gemacht. Die führende politische Gewalt in Batavia hatte der Generalgouverneur inne, dem ein Stellvertreter, der Generaldirektor, der für Handel und Finanzen zuständig war, beigestellt wurde. Der Rat von Indien, der aus hohen Beamten zusammengesetzt war, bildete die oberste Verwaltung. Formell war der Generalgouverneur zwar nur Vorsitzender des Rates und auf dessen Zustimmung angewiesen, praktisch war er durch die Unterstützung der Heren Zeventien, die ihn eingesetzt hatten, weitgehend unabhängig. […] Neben dem Rat existierte ein Gerichtshof, in dem die Richter Beamte der VOC waren, denen die Rechtsprechung über europäische Beamte und Angestellte oblag. Auf diese Weise befand sich die gesamte autonome Verwaltung in den Händen ziviler europäischer Beamter, die schlecht bezahlt wurden. Die VOC hatte das Handelsmonopol, weshalb den Beamten Nebentätigkeiten nicht erlaubt waren. Aufgrund des spärlichen Beamtengehalts etablierte sich eine Schattenwirtschaft in Form von Korruption, der Bereicherung auf Kosten der Kompanie oder der einheimischen Bevölkerung. (Michael Römer-Karrasch: Die Kolonialgebiete der Niederländer im Blickfeld deutscher Interessen. Münster 2003. S. 21/22.)
    die westeuropäische Kolonisation: erobert staatsfremde Gebiete in Übersee und verleibt sie dem Staatsgebiet ein; meist werden Handelspunkte errichtet, wonach die Händler Landrechte erwerben (industrielle Billigprodukte im Tausch gegen Land), dann werden Kolonisten angesiedelt, die ihre für die Überfahrt und Einrichtung aufgenommenen Schulden abarbeiten müssen und ihrerseits gegen die indigene Bevölkerung hart vorgehen; im Streitfall wird das Mutterland militärisch um Hilfe gebeten und nach dem erfolgreichen Krieg der Machtbereich ausgeweitet; Sklaverei; der englische, holländische oder französische König übertrug Land an Legaten, die es in seinem Namen urbar machten und für neue und fortdauernde Staatseinnahmen sorgten; die englische/römische Kolonialpolitik wurde auch von Aspekt der Überbevölkerung getragen [2];


  • die deutsche Kolonisation: erobert staatsfremde Gebiete (im frühen Mittelalter gegen andere gerichtet, die erobert, der Staatsaufbau belassen, aber die Spitze der Hierarchie durch eigene Eliten ersetzt werden; dann Missionierung des europäischen Ostens im Auftrag der Kirche) oder staatsfremde Gebiete in Übersee, allerdings mit Vorsicht, denn Bismarck bezeichnete die Forderungen einiger Kaufleute nach deutscher Kolonialpolitik als Schwindel [3], so daß erst nach seinem Sturz (1890) Kolonialpolitik im Stile der westeuropäischen Nationen begonnen wurde [4], wobei hier eine Vermittlung zwischen dem deutschen Selbstverständnis, Kulturnation zu sein, und wachsendem Wirtschafts- und Bevölkerungsdruck stattfand, die angesichts großer Herausforderungen im Reich selbst halbgar blieb und mehr eine Investition in eine fernere Zukunft gewesen sein mochte. „Die Kulturaufgabe jedoch, zu der das deutsche Volk mehr denn irgend ein anderes unter der Menschheit berufen ist (abgesehen von Philosophie, Wissenschaft und innerer Organisation) ist nicht Welthandel, nicht Seemacht, sondern die Lösung der allerschwierigsten und weitesttragenden und zugleich wirtschaftlich einträglichsten Kulturfrage, die Kultivation der Naturvölker und Naturländer.“ [5]


Die Konsolidierung der europäischen Staaten, wirtschaftlicher Aufschwung, technische Errungenschaften und Bevölkerungswachstum (äußere Gründe des Kolonialismus) verstärkten in den europäischen Ländern die expansiven Kräfte. Da die europäischen Staaten Binnenwanderung nur begrenzt zuließen, quoll der Menschenstrom ins Ausland: Amerika, Asien, Afrika. Es war nun nicht so, daß es andernorts kein Bevölkerungswachstum gegeben hätte, allerdings führte das nicht zur Expansion. Afrikaner oder Asiaten besaßen nicht diesen unbedingten messianischen Willen, diesen individuellen Wunsch nach Selbstverwirklichung, wie er in zahlreichen Europäern ausgeprägt war, dazu ein Gutteil Herrenmenschenbewußtsein, organisatorische Überlegenheit (innere Gründe des Kolonialismus) – damit ergoß sich ein scheinbar nicht enden wollender Menschen- und Technologiestrom in ferne Länder.
Genauer: Afrika war bis ins 19.Jahrhundert weitgehend unentdecktes Land. Landkarten zeigten detaillierte Angaben bei schmalen Küstenstreifen. Mehr nicht. 95% Afrikas waren unbekannt. Es waren Briten (Livingstone, Cameron, Stanley), die die weißen Flecken tilgten und die Landkarten neu zeichneten. Afrika, mehrfach größer als Europa, ungleich dünner besiedelt, sagenhafte Reichtümer besitzend. Um 1880 war der Kontinent weitgehend erforscht und aufgeteilt.
Asien öffnete sich ab 1860 den Europäern. Japan und China ließen Kontakte zu. Der Warenaustausch stieg. Frankreich drang in mehreren militärischen Expeditionen in Hinterindien 1883/85 vor und eroberte sich Positionen, die Konfliktpotential mit England, Japan und Amerika bargen. Forscher drangen ins Landesinnere vor und teilten den Europäern mit, was und wie man in Tibet (Younghusband) oder im Inneren der Mongolei lebte; man veranstaltete sogar ein Autorennen von Paris nach Peking, 1907. Dem europäischen Entdeckerdrang schienen keine Grenzen gesetzt. Amundsen erkundete den Nordpol, Nansen Grönland, Hedin den Himalaja, der Südpol wurde ins Visier genommen… Es gab um 1900 nicht mehr viele Orte, wo noch kein Europäer gewesen war, der es der Welt mitzuteilen nicht unterlassen konnte.

kolonialpolitik16397.jpg
Quelle: Der stellvertretende Bevollmächtigte zum Bundesrat, Direktor im Auswärtigen Amt, Geheimrat Reichardt, am 16. März 1897 im Reichstag.
Nach den Entdeckungen und Erkundungsfahrten folgten die pragmatischen Überlegungen: was tun mit dem erworbenen Wissen? Es dauerte nicht lange und erste Fähnlein wehten in den neuen Gebieten. Reviermarkierungen. Das ging alles Hand in Hand. Missionierung, Piraterie, Entdeckergeist und der Wunsch, ärmere Völker zu beglücken, aber auch auszubeuten, weil sie ja eh nichts mit ihren Bodenschätzen anzufangen wüßten, wissenschaftlicher Eifer kreuzte mit imperialen Allmachtswünschen die Klingen. Imperialismus. Die Briten planten ein durchgehendes Reich von Ägypten bis Südafrika (Cecil Rhodes, Cromer), das gleiche war für den Raum Afghanistan bis Australien geplant (Kitchener, Curzon); die Franzosen wollten ein zentrales Reich von Nordafrika bis Nigeria. Die Reste durften sich andere teilen: Holland, Belgien, das Reich, Portugal. 1908 war Afrika bis auf Äthiopien, Marokko und Liberia kolonial aufgeteilt. Britannien und Frankreich hatten 70% Afrikas in ihren Besitz gebracht, die übrigen vier europäischen Kolonialmächte kolonisierten zusammen 20%. Auch in Asien kam es Jahr für Jahr zu neuen Erwerbungen. Die britische Marine sicherte die Zufahrtswege und legte Stützpunkte an, Kaufleute und Missionare folgten und machten in diesem Schutz ihre kaufmännischen oder seelsorgerischen Geschäfte. Erst dann kamen Politiker und sicherten die Herrschaft mit Bündnissen oder Mandatierungen. Ägypten, Südafrika, Singapur, Kalkutta, Neuseeland… Die Liste ist schier endlos: Erdöl, Gold, Gewürze, Holz schipperten nach Britannien. Franzosen, Holländer oder Portugiesen machten es nicht anders.

[1] Die russische Expansion nach Osten ist auch das Ergebnis des Berliner Kongresses von 1878. Bismarck schob mit der von ihm betriebenen Konsolidierung des Osmanischen Reiches dem wichtigsten außenpolitischen Ziel Rußlands, der Eroberung Konstantinopels, einen Riegel vor und lenkte die russische Außenpolitik auf die Weiten des russischen Ostens, gewann mit den Osmanen einen potentiellen Bündnispartner und verschlechterte die Beziehungen zu Rußland. Die Einfädelung des Rückversicherungsvertrages gewinnt unter diesem Gesichtspunkt besondere Bedeutung, zeigt aber auch die strukturelle Schwäche der reichsdeutsch-russischen Beziehungen nach 1878 auf, die Rußland in die Arme Frankreichs treiben mußte.

[2] Ohne Kolonisation wird es bei den großen und fortgeschrittenen europäischen Völkern zu unaufhebbaren Spannungen im Inneren und schließlich zum Krieg der Armen gegen die Reichen kommen. Sie ist deshalb nicht verwerflich, sondern nützlich. Auch aus Sicht der Kolonisierten ist sie positiv zu werten, denn sie führt langfristig zur Hebung der niederen Rassen. (Renan) Ähnlich äußerte sich der amerikanische Historiker Meyer: Die britische Unterschicht unterstützte die Kolonialpolitik ihrer Oberschicht. Das hatte drei Gründe: 1. neuer britischer Überseebesitz ermöglichte der Unterklasse sozialen Aufstieg, denn in den Kolonien wurden alle Briten zur Oberschicht; 2. wirtschaftlicher Aufstieg durch eben diese soziale Erhöhung in den Kolonien und 3. ein Überdruckventil in der britischen Innenpolitik, das ein Mehr an Freiheit für jedermann ermöglichte: schließlich bestand immer noch die Möglichkeit, in eine der viele Überseedependancen zu schiffern. Meyer nennt das Arbeiterchauvinismus. (Henry Cord Meyer: Das Zeitalter des Imperialismus. In: Propyläen Weltgeschichte, Bd. 9, S. 33. Berlin 1964.)

[3] Werner Frauendienst (Hrsg.): Die geheimen Papiere Friedrichs von Holstein. Bd. 2, S. 174. Göttingen 1956.

[4] Allerdings fällt in Bismarcks Amtszeit die Ausstellung von Schutzbriefen an deutsche Kolonisten, u.a. 1884 an Lüderitz in Südwest, 1885 gab es Schutzverträge mit Stammeshäuptlingen in Togo und Kamerun; der deutsche Kaufmann Peters erhielt im selben Jahr einen Schutzbrief für Ostafrika (Tanganjika). Das waren lediglich politische Weichenstellungen. Die eigentliche Kolonisation setzte erst nach 1890 ein.

[5] Hübbe-Schleiden, Deutsche Welt-Hegemonie, DKZ 7 (1890), Nr. 15, 182.


Fortsetzung hier