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Thema: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

  1. #26
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Das ist alles geschriebenes Wort, Klammer. Was aufgeschrieben, ist es wert. Einkaufszettel taugen zur Anamnese, aber Lachnummern nicht. In Leipzig läuft die Vorbereitung zu einem Stück namens O!diSee. Hm. Eine Freundin hat sich das ausgedacht. Ich wollte sie nach Homerischem Gelächter fragen, danach, ob sie sich Odysseus als Nichtnachhausekommenwollenden vorstellt. Naja, er hat zwanzig Jahre Kreisverkehr gespielt. Und mit fremden Frauen Kinder gezeugt. Jeder tut das. Aber ist da irgend etwas Literarisches?
    Und wenn man als Werwolf im Hochsommer eine Pudelmütze trägt, dann meinetwegen. Nicht jedoch lese ich über Fehlendes hinweg. Also mäkle und mahne ich. Im Wort, nicht im Gedanken.
    Ich glaube, das wollte ich sagen.

  2. #27
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    Post AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    DIE ZÄRTLICHKEIT DES WERWOLFS


    ________________________________________




    Ein weiterer Dominotag, finster und trüb, kippt lautlos um. Dies ist die Stunde, in welcher der Wolf erwacht, mitten aus einem Traum. Darin hat ein Zigarrenverkäufer geschrieen. "Fritze, Fritze!" hat er geschrieen. "Fritze, ich weiss, was du tust! Ich hab dich beobachtet, Fritze! Was ist in den Paketen, die du in die Leine schmeisst, Fritze, was denn?"
    Heult der Wolf: "Ich füttere eure Fische!" Und rennt davon, während über den morschen Dächern und grauen Schloten der Altstadt Hannovers knochenweiss und kugelrund der Mond hängt. Es hat ein wenig geregnet. Jetzt streicht ein kalter Wind Jahrhunderte altes Gemäuer entlang. Auf der nassen Strasse spiegelt sich mattes Laternenlicht.


    Der Wolf weiss nicht, wie viele Nächte eine Nacht hat. Aber in einer davon streift er umher, triebhaft und kreuz und quer. Krumme, steile Gassen und Gässchen hinauf und hinab. Zwischen verfallenen, einander kaum noch stützenden Häuschen, Animierbaracken und schmutzigen Absteigen. In einen Mantel gehüllt, den Kragen hochgeschlagen, einen Hut tief ins Gesicht gezogen, geht er hin unter den Laternen. Umkreist in weitem Bogen sein Jagdrevier. Mit unsichtbaren Wolfsschritten, auf die der Asphalt viel zu laut antwortet. Getrieben.


    Sein Revier: Der Hauptbahnhof von Hannover. Hier wimmelt es von jungem Volk, von Vertriebenen, Entwurzelten und Gestrandeten, von entwichenen Fürsorgezöglingen, von Wanderburschen, Ausreissern und Arbeitslosen, die versuchen, aus ihrer kleinen, schmutzigen Welt auszubrechen. Keiner von ihnen bemerkt das Raubtier, als es in ihrer Mitte auftaucht. (Lauernd durch die Wartesäle zieht. Die Zähne fletscht. Die Luft durchschnuppert. Menschengeruch einatmet. Lauscht, wie ringsum Blut rauscht in blauen Adern.)


    Da sieht er: Einen Jungen. Wanderhose, Sportjacke aus grauem Cord und Stutzen, in welche die Mutter ihre Liebe gestrickt hat. Ganz offensichtlich ist dieser alleine.




    2


    Niemand sieht den Wolf, welcher im Dunkel kauert, witternd in die Nacht. Niemand hört sein Heulen. Auch der Junge nicht. Stattdessen sieht er einen schlichten Mann vor sich, mittelgross, breit und wohlgebaut, mit einem runden Gesicht, welches ein rechtes Dutzendgesicht ist, in dem über einem kleinen, dicklippigen Mund sorgfältig gestutzt ein englischer Schnurrbart sitzt. Ein Herr mit Hut, Krawatte und Jackett. Darüber ein Mantel. Den Hut lüftet er. Darunter streng links gescheiteltes Haar, das er sich glatt streicht bei der Gelegenheit. Ein durchaus nicht unsympathischer Herr. Nur die Augen, die grau schillernden, wirken seltsam kalt und seelenlos.
    "Ich bin der Herr Kriminal!", sagt er, den zarten, mädchenhaften Jungen eindringlich musternd. Und umständlich kramt er etwas aus seiner Manteltasche, um es dem Jungen vor die Nase zu halten - einen Ausweis mit der Unterschrift "Detektei Lasso". Während er diesen schon wieder einsteckt, fragt er nicht unfreundlich:
    "Und wie heisst du, Junge?"
    "Bronischewski, Herr Kriminal."
    "Und dein Vorname?"
    "Paul, Herr Kriminal."
    "Paul. Schlicht, aber hübsch. Genau wie du, Paul. Bist ein hübscher Junge, du weißt das. Bist aber nicht von Hannover?"
    "Nein, aus Bochum, Herr Kriminal, komme aus Bochum."
    "Und wo übernachtest du wohl?"
    Paul zuckt ein bisschen hilflos mit den Achseln. "Ich..." Und er erzählt dem Herrn Kriminal, dass er Dreherlehrling sei und auf der Heimreise, nachdem er seinen Onkel in Graz an der Havel besucht habe. Allerdings fahre er nicht gern nach Bochum zurück, weil es ja gerade von den Franzosen besetzt werde und er keinen ordnungsgemässen Pass bei sich habe. Warum er aber ausgerechnet in Hannover aus dem Zug gestiegen sei, könne er beim besten Willen nicht sagen.
    Weiss der Teufel, flüstert der Wolf. Und streckt mit einem rätselhaften Lächeln die Hand nach dem Jungen aus: "Komm." Und Paul, der nicht ahnt, dass der Tod manchmal einen schwarzen Schnurrbart trägt, nimmt die Hand ebenso widerwillig wie dankbar.




    3


    Paul folgt dem Fremden, der schweigend und ohne je zurückzuschauen vor ihm durch die Strassen geht; hastig, als hätten sie es sehr eilig. Einmal denkt Paul daran, sich unter eine Unzahl von Gassendirnen zu mischen und davonzustehlen, es wäre leicht. Aber stattdessen geht er dem Schatten vor ihm nach, der in einem alten Fackwerkhaus, in der "Roten Reihe", dem Judentempel gegenüber, verschwindet. Durch einen engen Hausflur gelangen sie über eine schmale, winkelige, steile Treppe in das Dachgeschoss, wo eine Rampe auf einen engen Gang führt. Hier bleibt der andere stehen neben einer Türe: "Herzlich willkommen." Und mit einer Geste bedeutet er Paul einzutreten.


    Eine kleine Kammer, getaucht in dumpfes Licht, welches durch ein Fenster rieselt, das sich in einem aus dem Dach hervorgebauten Erker befindet. Daneben fällt das Dach schräg zurück. An den Wänden rechts und links von der Tür stehen kleine Tische, an der gegenüberliegenden ein Feldbett. Von der Zimmerdecke hängt an Ketten ein Kochtopf, so dass er von unten erhitzt werden kann. "Komm", sagt der Wolf und schiebt den Jungen hinein. In dessen Rücken geht die Tür zu, klack. Und dann, mit einem Schritt, ist der Wolf hinter Paul, so nah, dass dieser seinen Atem spürt im Nacken. Die Stimme des Wolfes klingt übermächtig in seinem Ohr: "Magst du Kognak?"


    Der Wolf führt den Jungen ans Feldbett heran. Drückt ihn sanft, aber bestimmt hinein ins weiche Seegraspolster. Er bringt zwei Gläser und lässt Paul diese halten, während er eine Flasche Kognak sucht und findet. Der Wolf schenkt ein, sie stossen an. Als Paul einen Schluck nimmt, hat der andere sein Glas bereits in einem Zug geleert. "Ich liebe Kognak", erzählt der Wolf und schenkt sich dabei nochmals ein. "Und Bohnenkaffee lieb ich auch. Und starke Zigarren, ja, und Harzkäse liebe ich auch. Magst du Wurst, Junge, ja? Ich hab noch Fleisch hier, viel Fleisch, willste Fleisch, ja?" Paul schüttelt wortlos den Kopf. "Nun trink aber, trink", sagt der Wolf und geht auf und ab in der Kammer und lacht und trinkt und redet vom Luder- und Lasterleben in Hannover und wie sehr es ihm gefällt hier. Paul lässt den Wolf reden, sagt ja, sagt nein, lacht ein bisschen mit, aber ängstlich, ohne zu verstehen warum. Weil der Wolf Kognak nachgiesst, bis die Gläser nicht mehr voll werden, und immer noch durstig ist. Aber das weiss Paul nicht. Da nimmt ihm der Wolf unvermittelt das Glas aus der Hand und stellt es auf eines der Tischchen. Kommt zurück. Beugt sich zu Paul herunter. Küsst ihn auf die Stirn. Auf die Augen. Auf die Lippen. Küsst seinen Hals. Wird wild. Getrieben.


    Pauls Augen sehen nichts, sie fixieren die Leere der Tapete.


    Küsst der Wolf, bis der Junge wachsweich wird in seinen Armen. Küsst der Wolf sich schwindlig. Wächst die Erregung. Wächst die Raubtiernatur. Rasend. Augenblick. Und der Wolf macht das Maul auf, als wollte er gähnen, und als er zuschnappt, schiesst ein kurzer, greller Gedanke durch den Kosmos des Wolfes, wie eine Sternschnuppe auf ihrer Sturzbahn: Wie schön er doch ist, dieser Junge!


    Draussen schieben sich dunkle Wolken vor den Mond. Drinnen heult tief in der Seele der Wolf. Beschnüffelt den toten Körper. Süsses Kinderfleisch. Blut in der Atmosphäre. Aromatischer Geruch. Berauschend.




    1


    Morgengrauen. Fritz Haarmann erwacht. Mitten aus einem Traum. Der Wolf ist verschwunden. Wo er war, ist Leere jetzt. Und Kopfschmerzen. Und ein toter Junge, auf dessen Brustbein und Rippen sich das letzte Mondlicht fängt. Haarmann sieht ihn an, sieht, wie hübsch er ist, und muss weinen. Das wollte er nicht. Das wollte er nicht. Das nicht. Haarmann schliesst die Augen. Will schlafen. Kann nicht. Fühlt sich schwindlig, über diesem Abgrund hängend. Dennoch fällt es ihm ein, was zu tun ist, und müde steht er auf. Tote sehen und hören alles, hat seine Mutter immer gesagt. Also legt er dem Jungen ein Tuch übers Gesicht. Das wollte ich nicht, denkt er immer wieder, und krank fühlt er sich, ganz krank, als er nach dem Beil langt unter dem Bett. Draussen Dominotag. Es können dreissig, es können aber auch vierzig gewesen sein.


    Mr. Jones

  3. #28
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    ja mein lieber. kannst ihn bald ruhen lassen, in dieser form, den habermann. obwohl ein schluss ja auch immer wieder ein anfang ist. ist es nicht so? und ist es hier nicht so?
    gefällt ausnehmend, bis zum letzten teil vielleicht, man spürt ein wenig, dass dir die puste ausgegangen ist, da. schade eigentlich. und beim schluss noch eine kleine mäkelei:


    Morgengrauen. Fritz Haarmann erwacht. Mitten aus einem Traum. Der Wolf ist verschwunden. (das mit dem verschwundenen wolf geht mir ein bisschen zu schnell hier, so zwei drei kurze anmerkungenen poesie noch? oder übers wetter) Wo er war, ist Leere jetzt.(auch hier z.b. könnt man die leere noch ein wenig gestalten, was für eine leere, wie wirkt sich die leere denn aus, irgendein zusatz halt) Und Kopfschmerzen. Und ein toter Junge, auf dessen Brustbein und Rippen sich das letzte Mondlicht fängt. Haarmann sieht ihn an, sieht, wie hübsch er ist, und muss weinen. Das wollte er nicht. Das wollte er (wirklich) nicht. Das nicht. Haarmann schliesst die Augen.(Ist müd.) Will schlafen. Kann nicht. Fühlt sich schwindlig, über diesem Abgrund hängend. Dennoch fällt es ihm ein, was zu tun ist, und m?de (besser: automatisch, wie immer ?) steht er auf. Tote sehen und hören alles, hat seine Mutter immer gesagt (perfekt? nicht imperfekt?). Also legt er dem Jungen ein Tuch übers Gesicht. Das wollte ich nicht, denkt er immer wieder, und krank fühlt er sich, ganz krank, als er nach dem Beil langt unter dem Bett. Draussen Dominotag (gefällt mir nicht, so. ist mir zuwenig satz. mach was aus diesem wort, und wenn's nur ein unbestimmter artikel davor ist). Es können dreissig, es können aber auch vierzig gewesen sein.


    aber eben: das ist erbsenrollerei, ich weiss. und vorallem: himmel, verdammt gut. und besser noch, jetzt.


    gruss

  4. #29
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    tote leben länger, hört ich im radio..., bernouilly, und dank noch - besser spät als nie - für lob und kritik deinerseits...
    ...und ja, hast recht, ein bisschen poesie noch. mach ich glatt. good things need some time, you know.


    Mr. Jones

  5. #30
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Arrow AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    ganz neue aspekte im horrorgenre gibt es mit ginger snaps. das biest im menschen, bloß wachgerüttelt durch ein äußeres. bleibt das hypothetisch? oxymoron hin oder her, ein werwolf KANN nicht zärtlich sein, nicht in dem sinne, wie wir es verstehen. aber wenn wir ihn als lebewesen begreifen, dann hat auch ein werwolf ne weiche seite.

  6. #31
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    hab da so meine eigene vollmondversion. ne mischung aus jack nicholson mit wolfimmann und friedhofposie ala morgenstern.
    apropo christian m. - eines meiner uraltlieblinge:


    Der Werwolf (Christian Morgenstern)
    Ein Werwolf eines Nachts entwich
    von Weib und Kind und sich begab
    an eines Dorfschulmeisters Grab
    und bat ihn: Bitte, beuge mich!
    Der Dorfschulmeister stieg hinauf
    auf seines Blechschilds Messingknauf
    und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
    geduldig kreuzte vor dem Toten:
    "Der Werwolf, - sprach der gute Mann,
    "des Weswolfs, Genitiv sodann,
    "dem Wemwolf, Dativ, wie man's nennt,
    "den Wenwolf, - damit hat's ein End?"
    Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
    er rollte seine Augenbälle.
    Indessen, bat er, füge doch
    zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!
    Der Dorfschulmeister aber mußte
    gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
    Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
    doch "Wer" gäb's nur im Singular.
    Der Wolf erhob sich tränenblind -
    er hatte ja doch Weib und Kind!!
    Doch da er kein Gelehrter eben,
    so schied er dankend und ergeben.


    ~~~~~~~~~~~~


    Originaltext aus "Galgenlieder" von 1926

  7. #32
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Hier fehlen doch noch etliche Diskussionsebenen. Wir haben nicht über den reiz des Grausamen diskutiert, die poetische Potenz, die dasselbe besitzt. Es fehlt auch eine Verdinglichung wissenschaftlicher Provenienz, eben auf der psychologischen Ebene. Mir hätte es zudem gefallen, wenn die Geschichte nicht so vorhersehrbar dramaturgisiert worden wäre. heute weiß kaum jemand mit Haarmann anzufangen. Das hätte lange offenbleiben können, was da geschieht.

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