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Thema: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

  1. #1
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    Post Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Ein weiterer Dominotag, finster und trüb, kippt lautlos um. Dies ist die Stunde, in welcher der Wolf erwacht, mitten aus einem Traum. Darin hat ein Zigarrenverkäufer geschrieen. "Fritze, Fritze!" hat er geschrieen. "Fritze, ich weiss, was du tust! Ich hab dich beobachtet, Fritze! Was ist in den Paketen, die du in die Leine schmeisst, Fritze, was denn?"
    Heult der Wolf: "Ich füttere eure Fische!" Und rennt davon, während über den morschen Dächern und grauen Schloten der Altstadt Hannovers knochenweiss und kugelrund der Mond hängt. Es hat ein wenig geregnet. Jetzt streicht ein kalter Wind Jahrhunderte altes Gemäuer entlang. Auf der nassen Strasse spiegelt sich mattes Laternenlicht.


    Der Wolf weiss nicht, wie viele Nächte eine Nacht hat. Aber in einer davon streift er umher, triebhaft und kreuz und quer. Krumme, steile Gassen und Gässchen hinauf und hinab. Zwischen verfallenen, einander kaum noch stützenden Häuschen, Animierbaracken und schmutzigen Absteigen. In einen Mantel gehüllt. Den Kragen hochgeschlagen. Einen Hut tief ins Gesicht gezogen. Geht er hin unter den Laternen. Umkreist in weitem Bogen sein Jagdrevier. Mit unsichtbaren Wolfsschritten, auf die der Asphalt viel zu laut antwortet. Getrieben.


    Sein Revier: Der Hauptbahnhof von Hannover. Hier wimmelt es von jungem Volk, von Vertriebenen, Entwurzelten und Gestrandeten, von entwichenen Fürsorgezöglingen, von Wanderburschen, Ausreissern und Arbeitslosen, die versuchen, aus ihrer kleinen, schmutzigen Welt auszubrechen. Keiner von ihnen bemerkt das Raubtier, als es in ihrer Mitte auftaucht. Lauert. Die Zähne fletscht. Durch die Wartesäle zieht. Die Luft durchschnuppert. Gierig Menschengeruch einatmet. Lauscht, wie ringsum Blut rauscht in blauen Adern.


    Da sieht er ihn: Einen Jungen. Wanderhose, Sportjacke aus grauem Cord und Stutzen, in welche die Mutter ihre Liebe gestrickt hat. Ganz offensichtlich ist er alleine.


    Niemand sieht den Wolf, welcher im Dunkel kauert, witternd in die Nacht. Niemand hört sein Heulen. Auch Paul nicht. Stattdessen sieht er einen schlichten Mann vor sich, mittelgross, breit und wohlgebaut, mit einem runden Gesicht, welches ein rechtes Dutzendgesicht ist, in dem über einem kleinen, dicklippigen Mund sorgfältig gestutzt ein englischer Schnurrbart sitzt. Ein Herr mit Hut, Krawatte und Jackett. Darüber ein Mantel. Den Hut lüftet er. Darunter streng links gescheiteltes Haar, das er sich glatt streicht bei der Gelegenheit. Ein durchaus nicht unsympathischer Herr. Nur die Augen, die grau schillernden, wirken seltsam kalt und seelenlos.
    "Ich bin der Herr Kriminal", sagt er, nachdem er den zarten, mädchenhaften Jungen lange und eindringlich gemustert hat. Und umständlich kramt er etwas aus seiner Manteltasche, um es Paul vor die Nase zu halten - einen Ausweis mit der Unterschrift "Detektei Lasso". Während er diesen schon wieder einsteckt, fragt er nicht unfreundlich:
    "Und wie heisst du, Junge?"
    "Bronischewski, Herr Kriminal."
    "Und dein Vorname?"
    "Paul, Herr Kriminal."
    "Paul. Schlicht, aber hübsch. Genau wie du, Paul. Bist ein hübscher Junge, du weißt das. Bist aber nicht von Hannover?"
    "Nein, aus Bochum, Herr Kriminal, komme aus Bochum."
    "Und wo übernachtest du wohl?"
    Paul zuckt ein bisschen hilflos mit den Achseln. "Ich..." Und er erzählt dem Herrn Kriminal, dass er Dreherlehrling sei und auf der Heimreise, nachdem er seinen Onkel in Graz an der Havel besucht habe. Allerdings fahre er nicht gern nach Bochum zurück, weil es ja gerade von den Franzosen besetzt werde und er keinen ordnungsgemässen Pass bei sich habe. Warum er aber ausgerechnet in Hannover aus dem Zug gestiegen sei, könne er beim besten Willen nicht sagen.


    Weiss der Teufel, flüstert der Wolf. Und streckt mit einem rätselhaften Lächeln die Hand nach dem Jungen aus: "Komm." Und Paul, der nicht ahnt, dass der Tod manchmal einen schwarzen Schnurrbart trägt, nimmt die Hand ebenso widerwillig wie dankbar.


    Paul folgt dem Fremden, der schweigend und ohne je zurückzuschauen vor ihm durch die Strassen geht; hastig, als hätten sie es sehr eilig. Einmal denkt Paul daran, sich unter eine Unzahl von Gassendirnen zu mischen und davonzustehlen, es wäre leicht gewesen. Aber stattdessen geht er dem Schatten vor ihm nach, der in einem alten Fackwerkhaus, in der "Roten Reihe", dem Judentempel gegenüber, verschwindet. Durch einen engen Hausflur gelangen sie über eine schmale, winkelige, steile Treppe in das Dachgeschoss, wo eine Rampe auf einen engen Gang führt. Hier bleibt der andere stehen neben einer Türe: "Herzlich willkommen." Und mit einer Geste bedeutet er Paul einzutreten.


    Eine kleine Kammer, getaucht in dumpfes Licht, welches durch ein Fenster rieselt, das sich in einem aus dem Dach hervorgebauten Erker befindet. Daneben fällt das Dach schräg zurück. An den Wänden rechts und links von der Tür stehen kleine Tische, an der gegenüberliegenden ein Feldbett. Von der Zimmerdecke hängt an Ketten ein Kochtopf, so dass er von unten erhitzt werden kann. "Komm", sagt der Wolf und schiebt den Jungen hinein. In dessen Rücken geht die Tür zu, klack. Und dann, mit einem Schritt, ist der Wolf hinter Paul, so nah, dass dieser seinen Atem spürt im Nacken. Die Stimme des Wolfes klingt übermächtig in seinem Ohr: "Magst du Kognak?"


    Der Wolf führt den Jungen ans Feldbett heran. Drückt ihn sanft, aber bestimmt hinein ins weiche Seegraspolster. Er bringt zwei Gläser und lässt Paul diese halten, während er eine Flasche Kognak sucht und findet. Der Wolf schenkt ein, sie stossen an. Als Paul einen Schluck nimmt, hat der andere sein Glas bereits in einem Zug geleert. "Ich liebe Kognak", erzählt der Wolf und schenkt sich dabei nochmals ein. "Und Bohnenkaffee lieb ich auch. Und starke Zigarren, ja, und Harzkäse liebe ich auch. Magst du Wurst, Junge, ja? Ich hab noch Fleisch hier, viel Fleisch, willste Fleisch, ja?" Paul schüttelt wortlos den Kopf. "Nun trink aber, trink", sagt der Wolf und geht auf und ab in der Kammer und lacht und trinkt und redet vom Luder- und Lasterleben in Hannover und wie sehr es ihm gefällt hier. Paul lässt den Wolf reden, sagt ja, sagt nein, lacht ein bisschen mit, aber ängstlich, ohne zu verstehen warum. Weil der Wolf Kognak nachgiesst, bis die Gläser nicht mehr voll werden, und immer noch durstig ist. Aber das weiss Paul nicht. Da nimmt ihm der Wolf unvermittelt das Glas aus der Hand und stellt es auf eines der Tischchen. Kommt zurück. Beugt sich zu Paul herunter. Küsst ihn auf die Stirn. Auf die Augen. Auf die Lippen. Küsst seinen Hals. Wird wild. Getrieben.


    Pauls Augen sehen nichts, sie fixieren die Leere der Tapete.


    Küsst der Wolf, bis der Junge wachsweich wird in seinen Armen. Küsst der Wolf sich schwindlig. Wächst die Erregung. Wächst die Raubtiernatur. Rasend. Augenblick. Und der Wolf macht das Maul auf, als wollte er gähnen, und als er zuschnappt, schiesst ein kurzer, greller Gedanke durch den Kosmos des Wolfes, wie eine Sternschnuppe auf ihrer Sturzbahn: Wie schön er doch ist, dieser Junge!


    Draussen schieben sich dunkle Wolken vor den Mond. Drinnen heult tief in der Seele der Wolf. Beschnüffelt den toten Körper. Süsses Kinderfleisch. Blut in der Atmosphäre. Aromatischer Geruch. Berauschend.


    Morgengrauen. Fritz Haarmann erwacht. Mitten aus einem Traum. Der Wolf ist verschwunden. Wo er war, ist Leere jetzt. Und Kopfschmerzen. Und ein toter Junge, auf dessen Brustbein und Rippen sich das letzte Mondlicht fängt. Haarmann sieht ihn an, sieht, wie hübsch er ist, und muss weinen. Das wollte er nicht. Das wollte er nicht. Das nicht. Haarmann schliesst die Augen. Will schlafen. Kann nicht. Fühlt sich schwindlig, über diesem Abgrund hängend. Dennoch fällt es ihm ein, was zu tun ist, und müde steht er auf. Tote sehen und hören alles, hat seine Mutter immer gesagt. Also legt er dem Jungen ein Tuch übers Gesicht. Das wollte ich nicht, denkt er immer wieder, und krank fühlt er sich, ganz krank, als er nach dem Beil langt unter dem Bett. Draussen Dominotag. Es können dreissig, es können aber auch vierzig gewesen sein.




    [Diese Nachricht wurde von Mr. Jones am 18. Juni 2001 editiert.]

  2. #2
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Question AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Deine Geschichte ist keine Geschichte, die dem Aufruf folgte: Schreib eine Geschichte!


    Bevor ich mich in sie vertiefe, hier zwei Fragen:
    1. Warum sind es nur die Außenseiter der Gesellschaft, die als Bahnhofsgänger (Wiedergänger) bezeichnet werden, mithin Beute sein könnten?
    2. Eine Nacht hat viele Nächte, was der Wolf nicht weiß: Darauf müßtest Du irgendwann in Deiner Geschichte noch einmal zurückkommen, denn dieser Satz hakt sich dem Leser ein, weshalb er Erläuterung bzw. Erweiterung erwartet.

  3. #3
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Genau: Eine Nacht hat viele Nächte? Stimmungen, Gesichter, Schatten, Schattierungen von grauer Farbe?

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    hallo, bereits bekannter...
    aus wörtern. die man zusammensetzen muss.
    und. die ich gerne lese. auch ich habe dich verfolgt. rund um. nein. mitten hindurch.
    und weiter.


    ja. die nacht hat viele nächte. und eine gehört dem werwolf. oder mehrere.
    und eine. dem anderen. und eine


    ja, zärtlichkeit ist vorhanden. aber.
    ich weiß nicht. ob es deine ist. oder.
    die des mörders. des werwolfes?


    manchmal kann ich einfach keinen klaren gedanken fassen. auch wenn ich will.


    plott & plott

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    ich finde das fast eine erklärung für das abwegige verhalten. das ist gefährlich, denk ich. nicht, daß es das alles rechtfertigte, das nicht. obwohl - die abweisende beschreibung der umgebung läßt diese meinung fast aufkommen, es wimmelt von menschen, die aus ihrer kleinen welt ausbrechen wollen und das neue suchen. und haarmann - das ist er wohl - nimmt einfach seine chance wahr. tut das, was er immer getan hat. es ist colportage, ganz gut gemacht, aber es bringt uns nicht weiter. kann es vielleicht auch nicht. denn dafür ist es nicht gemacht. es ist die beschreibung eines unroutinierten verhaltens, mehr will es nicht sein.
    dabei war es ein ganz guter ansatz.
    und als solcher mitten im thema. das ist doch schon ganz gut.


    bigvogel

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    gruezi Mr. Jones


    wohlfeiler Gefährte im nächtlichen Geleit. Welch schöne Träume. Da führt mich die Lust an, eine Wölfin zu sein. Doch das Sein ist weniger betörend als die Ahnung, Du weißt?


    nett Dich hier im blendenden licht zu sehn, die Schatten trügen nur.


    alsdann

  7. #7
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    ich höre tom waits aus dem radio, downtown train, dazu lese ich eure kommentare, und wieder einmal hat die nacht mehrere nächte, und in einer davon antworte ich euch.


    an robert:
    1. meine story schneidet die wirklichkeit der 20er jahre, fritz haarmann soll es gegeben haben, jedenfalls existieren die protokolle eines massenmörders aus jener zeit nach dem weltkrieg. warum nur aussenseiter, fragst du? weil nach aussenseitern niemand fragt.
    2. ich kenne die erwartung des lesers an diesen satz. die nacht hat viele nächte. aber als schriftsteller schreibe ich zu 99 prozent für mich, der rest ist für euch, die welt, gott, was weiss ich. in diesem abschnitt jedenfalls geht es doppeldeutig zu und her, denn eigentlich bin ich der wolf, ich als schriftsteller, und ich beschreibe ein düsteres kapitel historie, eine geschichtliche nacht sozusagen. nur kenne ich die wirklichkeit nicht, meine story bleibt fiktion, auch wenn sie sich auf einer wahren begebenheit abstützt. die nacht hat viele nächte. eine davon gehört mir, und darin streife ich umher, kreuz und quer, und tue, was ich will.
    3. danke für deinen kommentar. hast sehr gut aufgepasst, denn tatsächlich ist dieser von dir genannte satz ein widerhaken innerhalb des ganzen. tja. so fange ich meine fische.


    an hannemann:
    die schweiz ist draussen, keine ahnung, was da vor sich geht und gesagt wird. ich für meinen teil sag dir im moment bloss: hallo.


    an plott:
    du verfolgst mich, plott? haste blaue augen?
    die fährte des wolfes führt zu diesem, denk dran, gell.


    an bigvogel:
    gefährlich? himmel, ich beschreibe eine welt nach dem ersten weltkrieg. zig tote. und einen massenm?rder. gefährlich? für grosse vögel in der tat.
    mein text will für sich und in sich nur eines: funktionieren. und ich denke, das tut er. du schreibst: dabei war es ein guter ansatz. tja. und dann ziehe ich es durch, nicht wahr. starker tobak. wie geht dieser spruch nochmal: ist er zu stark, bist du zu schwach?
    im ernst, bigvogel: ich will niemanden irgendwohin bringen. sondern einfach nur schreiben. und das verdammt gut. und das ist alles.


    an die geheimnisvolle:
    ich weiss, dass ich nicht weiss. lieben wir uns?

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Mr. Jones...
    Dein Text ist ohnegleichen, you know it. Und was machst DU hier? Dich im profanen wälzen, als ob Du diese Aufmerksamkeit brauchtest?
    Ja, wir lieben uns. Auf diese Art, Du weißt.

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    an den werwolf:


    ich bin ja hinter dir.
    du kannst mich nicht sehen.

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    ich weiß, dass du nur etwas schilderst, mr. jones. das machen wir ja alle, bestenfalls.
    damals haben ne menge leute gelebt, und nicht alle wurden zum massenmörder. aber ein interessantes thema, sicher.


    big

  11. #11
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    Post AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Für Mr. Jones, Mr. Smith, Mr. Brown oder meinetwegen auch Mr. Hürlimann von den dürren Matten.

    Den Wehrwolf trieb es Nacht für Nacht
    durch die düstren Bahnhofsgänge;
    fühlt in sich die zärtlich Zwänge,
    hat viele Knaben umgebracht.
    Mord um Mord, so ging das fort
    an dem einzig denkbar Ort.
    Denn wo sonst sind Bullen doofer,
    als an der Leine in Hannover?

    Er beachte bitte den doppelsinnigen Hinweis "an der Leine"!
    Hannemann

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    ein Hannemann in düstren gassen,
    konnte nicht von vöglein lassen,
    schlich im schleichgang, taps taps taps
    und packte es am federstrabs
    warf es hin und warf es her
    bis schlecht war diesem vöglein sehr
    dann würgte er am kleinen hälslein
    bis zuende war sein gierig bälzlein,
    er warf es in die pfütze rein
    rieb sich die händ am hosenbein,
    die moral von der geschicht -
    traue einem h-mann nicht,
    in dunklen gassen, wird er nicht
    das vögeln lassen

  13. #13
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Hallo Mr. Jones,

    Du schreibst:
    Ich habe zu schreiben, anstatt Lorbeeren einzusammeln. Danke.

    ist das nicht etwas übertrieben...ich habe zu schreiben...., ich mag Deinen Text, das habe ich Dir ja schon in einem anderen Forum gesagt, aber das hört sich an als wärst Du im Auftrag ihrer Majestät unterwegs
    Mein Name ist Bond, James Bond....

    Nun von mir bekommst Du noch eine Lorbeere auf das Haupt, und Konfetti, und Reis, und Papierschnitzel, und Luftschlangen, und Tröten und Sekt und Lametta und rote Rosen und Wunderkerzen und ein Glücksferkel..

    Viele Jubelrufe

    Kyra

  14. #14
    elsa
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    Lightbulb AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    hallo mr. jones, hallo kyra,
    es muss heissen: ein lorbeerKRANZ aufs haupt, es sei denn, kyra wollte ausdrücken, dass sie besonders geizig ist und nur einzelne lorbeerblätter vergibt.
    ich muss mich derzeit dringend fragen, ob kyra vielleicht hinter einem sogenannten schriftsteller herzmanovksy-orlando steckt.


    beste grüsse

    elsa

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Ein weiterer Dominotag, finster und trüb, kippt lautlos um. Dies ist die Stunde, in welcher der Wolf erwacht, mitten aus einem Traum. Darin hat ein Zigarrenverkäufer geschrieen. "Fritze, Fritze!" hat er geschrieen, "Fritze, ich weiß, was du tust! Ich hab dich beobachtet, Fritze! Was ist in den Paketen, die du in die Leine schmeißt, Fritze, was denn?"
    Heult der Wolf: "Ich füttere eure Fische!" Und rennt davon, während über den morschen Dächern und grauen Schloten der Altstadt Hannovers knochenweiß und kugelrund der Mond hängt. Es hat ein wenig geregnet. Jetzt streicht ein kalter Wind Jahrhunderte altes Gemäuer entlang. Auf der nassen Straße spiegelt sich mattes Laternenlicht.


    Der Wolf weiß nicht, wie viele Nächte eine Nacht hat. Aber in einer davon streift er umher, triebhaft und kreuz und quer. Krumme, steile Gassen und Gäßchen hinauf und hinab. Zwischen verfallenen, einander kaum noch stützenden Häuschen, Animierbaracken und schmutzigen Absteigen. In einen Mantel gehüllt. Den Kragen hochgeschlagen. Einen Hut tief ins Gesicht gezogen. Geht er hin unter den Laternen. Umkreist in weitem Bogen sein Jagdrevier. Mit unsichtbaren Wolfsschritten, auf die der Asphalt viel zu laut antwortet. Getrieben.


    Sein Revier: Der Hauptbahnhof von Hannover. Hier wimmelt es von jungem Volk, von Vertriebenen, Entwurzelten und Gestrandeten, von entwichenen Fürsorgezöglingen, von Wanderburschen, Ausreißern und Arbeitslosen, die versuchen, aus ihrer kleinen, schmutzigen Welt auszubrechen.
    Hier ist Vorsicht geboten, um nicht in den Verdacht des Klischeeisierens zu kommen bzw. diesen Sog, der einmal beschrittene Pfade unüberbrückbar (in der Vorstellungskraft des Lesers) macht.
    Keiner von ihnen bemerkt das Raubtier, als es in ihrer Mitte auftaucht. Lauert. Die Zähne fletscht.
    Durch die Wartesäle zieht. Die Luft durchschnuppert. Gierig Menschengeruch einatmet. Lauscht
    Diese Ellipse würd' ich meiden. Stell eine Parataxe hier hinein.
    , wie ringsum Blut rauscht in blauen Adern.


    Da sieht er
    Das ER hat hier eine wichtige Funktion. Zwei Varianten, die es stärker inkarnieren:

    1. Du läßt es/ihn aus dem Himmel fallen;
    2. das ER hat Gestaltung verdient, ein blasses Etwas trägt sich hier schlecht an.
      ihn: Einen Jungen. Wanderhose, Sportjacke aus grauem Cord und Stutzen, in welche die Mutter ihre Liebe gestrickt hat. Ganz offensichtlich ist er alleine.


    Niemand sieht den Wolf, welcher im Dunkel kauert, witternd in die Nacht. Niemand hört sein Heulen.
    Auch Paul nicht. Statt dessen sieht er einen schlichten Mann vor sich, mittelgroß, breit und wohlgebaut
    nein; platt: bitte genauer und subjektiver; zudem bezieht sich das SEIN auf den Jungen, nicht auf den Bösewicht
    , mit einem runden Gesicht, welches ein rechtes Dutzendgesicht ist, in dem über einem kleinen, dicklippigen Mund sorgfältig gestutzt ein englischer Schnurrbart sitzt. Ein Herr mit Hut, Krawatte und Jackett. Darüber ein Mantel. Den Hut lüftet er. Darunter streng links gescheiteltes Haar, das er sich glatt streicht bei der Gelegenheit. Ein durchaus nicht unsympathischer Herr. Nur die Augen, die grau schillernden, wirken seltsam kalt und seelenlos.
    noch einen Satz des Absonderlichen bitte; eine antizipierende Vorahnung für den Leser, bittschön
    "Ich bin der Herr Kriminal", sagt er, nachdem er den zarten, mädchenhaften Jungen lange und eindringlich gemustert hat
    diesen Nebensatz streichen
    . Und umständlich kramt er etwas aus seiner Manteltasche, um es Paul vor die Nase zu halten - einen Ausweis mit der Unterschrift "Detektei Lasso".
    Jetzt ist Zeit für eine Musterung. Und für eine Orientierung aufs Bübele
    Während er diesen schon wieder einsteckt, fragt er nicht unfreundlich:
    "Und wie heißt du, Junge?"
    "Bronischewski, Herr Kriminal."
    "Und dein Vorname?"
    "Paul, Herr Kriminal."
    "Paul. Schlicht, aber hübsch. Genau wie du, Paul. Bist ein hübscher Junge, du weißt das. Bist aber nicht von Hannover?"
    "Nein, aus Bochum
    schlage aus landsmannschaftlicher Verbundenheit MAGDEBURG vor
    , Herr Kriminal, komme aus Bochum."
    "Und wo übernachtest du wohl?"
    Paul zuckt ein bisschen hilflos mit den Achseln. "Ich..." Und er erzählt dem Herrn Kriminal, dass er Dreherlehrling sei und auf der Heimreise, nachdem er seinen Onkel in Graz an der Havel
    bitte?
    besucht habe. Allerdings fahre er nicht gern nach Bochum zurück, weil es ja gerade von den Franzosen besetzt werde und er keinen ordnungsgemäßen Pass bei sich habe.
    das ist wirklich gut
    Warum er aber ausgerechnet in Hannover aus dem Zug gestiegen sei, könne er beim besten Willen nicht sagen.


    "Weiß der Teufel", flüstert der Wolf. Und streckt mit einem rätselhaften Lächeln die Hand nach dem Jungen aus: "Komm!" Und Paul, der nicht ahnt, daß der Tod manchmal einen schwarzen Schnurrbart trägt, nimmt die Hand ebenso widerwillig wie dankbar.


    Paul folgt dem Fremden, der schweigend und ohne je zurück zu schauen
    es ist hier wichtig, dieses wörtlich zu verstehen
    vor ihm durch die Straßen geht; hastig, als hätten sie es sehr eilig. Einmal denkt Paul daran, sich unter eine Unzahl von Gassendirnen zu mischen und davonzustehlen, es wäre leicht gewesen. Aber statt dessen geht er dem Schatten vor ihm nach, der in einem alten Fackwerkhaus, in der "Roten Reihe", dem Judentempel
    rausnehmen; vielleicht hier: Hugenotteneckchen, denn mit dem Judentempel erhält der Text eine zusätzliche Konnotation, die überflüssig ist
    gegenüber, verschwindet. Durch einen engen Hausflur gelangen sie über eine schmale, winkelige, steile Treppe in das Dachgeschoß, wo eine Rampe auf einen engen Gang führt. Hier bleibt der andere stehen neben einer Türe: "Herzlich willkommen!" Und mit einer Geste bedeutet er Paul einzutreten.

    freundliche Anmerkungen mit behutsamer Rechtschreibkontrolle für einen ausgesprochen sympathischen Text

  16. #16
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    Post AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Anmerkungen zum Vögeln in Hannover

    Die Worte las ich wohl Juleiken,
    doch schreib, was soll mir dies bedeiken?*
    Daß ich der Werwolf von der Leine,
    die Knaben zog am Hammelbeine?
    Dann lieber doch der Hahn der Seine, (auuuah!!)
    und Du, mein Julchen, wärst die Meine.
    Geliebtes, zartes Suppenhuhn, ich wüßte dann schon, was zu tun.

    Nämlich ein Huhn, ein Federvieh vögeln!

    *müßte eigentlich bedeuten heißen, ging sich aber onomatopoetisch nicht aus.

    Hannemann

  17. #17
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    ein pannemann, der meinte
    ein vöglein klein, das kann nicht sein
    ein huhnlein groß, das mach ich bloß
    und huhnlein in der grube, saß da und rief,
    pannemann, der schlief,
    sie weckte ihn ganz schnödel
    und verdrehte ihm den dödel
    nahm ihn an die leine
    und versprach ihm zu sein, die seine
    pannemann die augen glubschten,
    als dem huhnlein federn rutschten,
    hammelbeine wurden wacklig,
    weil das huhnlein war sehr zackig,
    flügel schlugen, er verwirrt
    in dunklen gossen heut er irrt

  18. #18
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Guten Morgen, "Mr. Jones".


    Ich muss zugeben, dass ich erstaunt bin, wenn ich die Kommentare in diesem Ordner lese.


    Ich will dir gerne zugestehen, dass dein Text ein sprachliches Niveau hält, das höher ist als der Durchschnitt in diesem Forum. Für meinen Geschmack hast du dich jedoch zu häufig bei den Stilmitteln des Kriminal- und des Schauerromans bedient (gehetzte Halbsätze, vieles wird der kranken Phantasie des Lesers überlassen). Aber bitte: das ist Ansichtssache. Ich fühle mich auch nicht berufen, Sprachkritik zu üben, dafür haben wir unsere Lektoren.


    Was mich jedoch erstaunt hat, ist, das niemand mit dir über den Inhalt deines Schauermärchens diskutieren wollte. Denn, und das ist m. E. das Problem des Textes, ein Inhalt existiert nicht. Die Geschichte ist nicht wahr.


    Lass mich erklären: Du nimmst dich einer historischen Figur an, des Massenmörders Fritz Haarmann, der 1925 hingerichtet wurde. Er soll gemeinsam mit seinem Lebensgefährten Hans Grans (wo ist Grans eigentlich bei dir?) mindestens 24 Kinder und junge Männer ermordet haben. Lange hielt sich das Gerücht, er hätte als Metzger ihr Fleisch verkauft. Als Polizeispitzel war er lange Zeit trotz längst existierenden Verdachts vor Verfolgung sicher. Obwohl er nie erklären konnte, wie und warum er eine Untaten begangen hat, war er sich, hier seiner Zeit weit voraus, der Vermarktbarkeit seiner Person bewusst:
    "Wenn ich so gestorben wäre, dann wäre ich beerdigt wurden und keiner hätte mich gekannt, so aber - Amerika, China, Japan und die Türkei, alles kennt mich". Einen Roman wollte er schreiben, "wir verdienen viel Geld damit, da werden wir Millionär". Und ein Denkmal wollte er, "noch in tausend Jahren, da kommen sie alle und sehen sich das noch an". Die ersten hundert Jahre hat er ja schon fast geschafft, ohne in Vergessenheit zu geraten.
    Er ist das Vorbild für den Mörder in Fritz Langs "M", in Kinderreimen jener Zeit verewigt under ist einige Male in der Literatur verwendet worden.(z. B.: "Der Totmacher", nach stenografischen Protokollen seines Verhöres). Und schließlich hast du dich seiner angenommen.


    Das weißt du sicher alles. Wo aber ist das in deiner Geschichte zu finden?


    Haarmann steht paradigmatisch für die vom 1. Weltkrieg barbarisiert entlassene deutsche Gesellschaft der Weimarer Demokratie, in der Gewalt und Verrohung an der Tagesordnung war und als Mittel politischen Ausdrucks akzeptiert wurde. Hier wurden erstmals Gewaltverbrechen zu dem, was sie heute noch sind: Billiger Thrill für die Massen, in allen Einzelheiten durch die sensationsgeile Presse hochgespielt. Dieses Weimarer Deutschland, das keinen gesellschaftlichen Frieden finden konnte, machte als Nährboden den Terror der Nazis erst möglich: das achselzuckende Wegsehen oder Gutheißen der Bevölkerung und später dann ihr Mitmachen bei den kaum schilderbaren Kriegsverbrechen.
    Gleichzeitig und das ist in diesem Zusammenhang natürlich grotesk, hat der Fall Haarmann ausschlaggebend die Haltung der Bevölkerung gegenüber Homosexuellen negativ beeinflusst, auch sie wurden billige Opfer der Nazis.


    Das weißt du sicher alles. Wo aber ist das in deiner Geschichte zu finden?


    Um zum Schluss zu kommen: Du mißbrauchst diesen geistesgestörten Mörder für deine nette, kleine Gruselgeschichte und erhöhst ihn zu einer Horrorfigur, zu einem mythischen Nachtwesen, zu einem Werwolf. Dadurch wird er dem menschlichen Zugriff und der Gerichtsbarkeit enthoben, er steht jenseits von Gut und Böse, jenseits der Schuldzuweisung. Damit stellst du Haarmann tatsächlich auf den Sockel des Denkmals, das er sich gewünscht hat. Du begibst dich hier in die Nähe einer gefährlichen Ideologie.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  19. #19
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    In Ermangelung von Zeit:


    Hallo, ihr Lieben, dankschön für das Auffüllen meines Ordners mit euren Kommentaren.


    Eingehen möchte ich nur auf Robert und Klammer, auf diesen zuerst:


    Lieber Klammer,


    wo aber ist das in meiner Geschichte zu finden, was Du schreibst ? zumal Du nicht schlecht recherchiert hast, von einigen Details abgesehen. Nun, (fast) nirgends. Aber Du hast recht, ich weiss das alles, sogar noch ein Stück besser.


    Nur: Der Stoff des Massenmörders Haarmann wurde schon hundertmal verarbeitet. Du weißt das. Jeder kennt die Details, ich streife sie höchstens, etwa: Dass Fritze das Fleisch seiner Opfer verkauft hat, wird angenommen, ist aber nicht bewiesen. Bei mir nur noch: Was ist in den Paketen, Fritze? Oder: Der Herr Kriminal ist Polizeispitzel, tatsächlich. Ist das wichtig? Ansichtssache. Dass der Gaunerkumpan von Haarmann, Hans Grans, ebenfalls ein Mörder ist, diese Behauptung ist übrigens ein kecker Verdacht von Dir, aber ziemlich sicher Dein Irrtum (?)... Allerdings: Wer kennt denn schon die Wahrheit? Ich nicht.


    Mir geht es nun aber nicht um Fakten, nicht um Details, sondern um die Essenz dessen, was einen Massenmörder ausmachen KÖNNTE, ich spiele eine MÖGLICHKEIT durch, nämlich jene des Werwolfs, wobei der Wolf nicht wörtlich zu nehmen, sondern eine Metapher ist - für die triebhafte Lust (die Lust des Raubtieres) in uns allen, welche im Falle meiner Geschichte die Kontrolle über den Menschen Haarmann gewinnt. Haarmann mordet in sexueller Raserei. Getrieben von seinem ES, seinem tiefen Unterbewusstsein. Was eine Möglichkeit des Menschen ist: sich treiben zu lassen.


    Stelle ich Haarmann auf einen Sockel, oder hast Du einfach Angst vor Dir selbst, vor dem Abgrund der menschlichen Existenz? Denn ich gehe dies traurig-düstere Kapitel Haarmann tatsächlich existenziell an, jenseits von GUT und BÖSE.


    Geistesgestört??? Was Du meinst, bezeichne ich als Wolf. Denn bei mir bleibt Haarmann ein Mensch, egal wie krank. Erst bei Dir wird er zum Monster. Du bist der Schauermärchenerzähler.


    Lieber Robert,


    Dir danke. Schön, wie Du Deine Pflicht erfüllst und Dich mit meinem Text auseinandergesetzt hast. Ich werd mich also übers Wochenende mit meiner Zärtlichkeit.. und Deinen Denkanstössen befassen.




    Liebe Grüsse an alle


    Mr. Jones


    P.S. Ja, Kyra, ich gehöre in den Dienst Ihrer Majestät.

  20. #20
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Mir gefällt die Nennung von Haarmann auch nicht, wenn auch aus anderen Gründen.
    Ohne diesen Namen wäre es ein Märchen, eine Gruselgeschichte, gut, auch die haben ihren Platz und ihre Berechtigung - nichts dagegen.
    So aber wird's real. Das war ein echter kleiner Junge, der da umgebracht und jetzt (literarisch) benutzt wird, und, was solls, war halt ein Wolf.
    Dagegen dieser Aufschrei bei Marks (komischer?) Geschichte mit dem Nicht-Mißbrauch (altes Thema, Jones). Es ist also schlimmer, ein (fikives) Kind nicht zu mißbrauchen, als es umzubringen? Oder wurde da in offenen Wunden gebohrt?
    Ich habe auch nichts gegen Katastrophen-Filme (wenn sie auch meistens todlangweilig sind). Aber echte Massenunfälle zu nehmen wie Titanic - mann, war das echt fies, wie die die eingesperrt haben, gib mir mal bitte das Popcorn und gehen wir nachher noch einen trinken?- irgendwie sehe ich da einen Unterschied. Kein Vorwurf, Jones, eher eine Frage, die ich mir selber stelle.


    Schön geschrieben, keine Frage. Wenn auch die vielen Punkte im zweiten Absatz stören (in den drei letzten Absätzen dagegen (dritt- und zweitletzten könnte man zusammenziehen) komme ich damit klar. Da ist die Spannung schon aufgebaut, stimmt der Satzbau mit dem gehetzten Charakter des Wolfs überein. Zu Beginn wirkt es dagegen manieriert). Vierter Absatz Anfang: zweimal kurz hintereinander "Welches". Würde ich beide streichen und durch ein simples "der" ersetzen, es wirkt bemüht (und dann gleich 2x)

    it

  21. #21
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Liebe It,
    auch Dir danke für Deine Ausführungen.


    Vielleicht hast Du recht. Trotzdem:


    "Die Zärtlichkeit des Werwolfs" ist ein Blick in den Abgrund der menschlichen Existenz. Dieser Titel verweist bewusst auf das Genre der Horrorgeschichte. Hier nun, innerhalb des Fiktiven, beschreibe ich die Realität, wie ich sie mir erkläre. Fritz Haarmann, eine wirkliche Gestalt, wird in meiner Geschichte zweigeteilt ? Fritz und der Wolf. Der die Jünglinge tötet ist nicht derselbe, der ihre Leichen zerhackt.


    Ja, hier wurde tatsächlich ein Jüngling umgebracht. Haarmann biss seinen Opfern die Kehle durch, im sexuellen Rausch. Darum geht es mir, dies ist der Kern der Geschichte. Ein Mensch verhält sich tierisch. Gleichzeitig existieren die Mythen von Vampiren und Werwölfen. Woher kommen diese Gruselvorstellungen? Ich schaue in den Spiegel und bemerke meine eigenen spitzen Eckzähne. Dies ist die Realität jetzt und hier.


    Die Gestalt des Massenmörders fasziniert uns. Allerdings - siehe Kommentar Klammers - möchten wir die Bestie als solche beschrieben haben: Fritz Haarmann wurde zum Tode verurteilt, weil er böse war; kein Gewissen hatte; weil er ein Massenmörder war.


    Ich meine: weil er ein Werwolf war. Weil seine Natur stärker war als seine Moral. Weil er krank war, wenngleich ihn das Gutachten seines Psychiaters als zurechnungsfähig befand. Zurechnungsfähig bedeutet: böse. Der Krieg führte zur Verrohung des Kollektivs, der Gesellschaft - und ebenso der Seele. Um diese Seele, die den Trieben ausgeliefert ist und von ihnen getrieben wird, geht es mir. Jenseits von GUT und BÖSE. Ich verurteile niemanden in meiner Geschichte, sondern ist diese getarnt als Horrormär vom grossen bösen Wolf. Wenn sie aber wirkt, dann nur, weil ich immer einen Menschen meine, der jenseits von Gut und Böse handelt, getrieben von den Dämonen der Natur.


    Ich schreibe von und über Fritz Haarmann. Deshalb heisst mein Protagonist auch so. Die Geschichte braucht den realen Haarmann als Exempel. Und ebenso braucht meine Geschichte ihren Titel, zu welchem sich mein Gedankenexperiment relativ verhält. Der paradoxe Kontrast erzielt die grösste Wirkung des Textes, dank ihm funktioniert der Blick in den Abgrund tatsächlich. Es lebt.


    Eine Wahrheit indessen habe ich nicht. Stattdessen spiele ich mit der Wirklichkeit. Dabei will ich etwas über den Menschen als solches aussagen. Ist das gefährlich? Vermutlich ja. Aber das ist nunmal meine Aufgabe. Schliesslich schreibe ich im Dienst Ihrer Majestät...






    [Diese Nachricht wurde von Mr. Jones am 22. Juni 2001 editiert.]

  22. #22
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    "Die Zärtlichkeit des Werwolfs" auf seine Idee zu reduzieren, will ich nicht. Der sogenannte "Gedankenaustausch" darüber sollte unter Ausschluss des Autors - also ohne mich - stattfinden. Oder gar nicht. Die Gleichgültigkeit gegenüber irgendeinem Werk sollte durch das meine zerbrechen wie Glas.


    Unter den Sätzen der "Zärtlichkeit des Werwolfs" tut sich ein grenzenloser Abgrund auf. Doch der Text bleibt an der Oberfläche und geht nie unter. Ich bewahre den Respekt vor dem Menschen und der Natur. Nur mein Blick ist stetig in die Tiefe gerichtet.


    So. Und jetzt mach ich Sommerpause.

  23. #23
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    "Ein Mensch verhält sich tierisch. Gleichzeitig existieren die Mythen von Vampiren und Werwölfen. Woher kommen diese Gruselvorstellungen? Ich schaue in den Spiegel und bemerke meine eigenen spitzen Eckzähne. Dies ist die Realität jetzt und hier."


    Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, daß die ersten Vampyrmythen zusammen mit einer Tollwutepidemie auftraten, lichtscheuheit, die Bedeutung von starken Gerüchen (Knoblauch), die bleiche Gesichtsfarbe etc passen ins Bild. Die Geschichten vom Wolf sind älter, sie wurden z.B. auch bei Gilles de Rais bemüht. Vielleicht gibt es wirklich Menschen, die mit etwas "Bösem" geboren werden, die weitaus meisten allerdings werden dazu gemacht (sozialer und historischer Kontext). Andere können kompensieren, unterdrücken. Die Aussage: "er war ein Wolf" reicht mir einfach nicht.
    Aber es geht nicht um Wölfe, sondern um Texte: ab wann wird es reißerisch? Wo will ich (und ich meine mich) meine persönliche Grenze ziehen zwischen Unterhaltung und Verantwortung? Ich lasse mich ja auch lieber von einem "gut gemachten" Mord unterhalten, als über einen Ladendiebstahl zu lesen. Macht es dann aber einen Unterschied, ob es ein fiktiver oder echter Mord ist?

    it

    (Wochenendpause.)

  24. #24
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Klammer, nein. Lassen wir aus literarischen Beiträgen moralinsaure-linksgrüne Eskapaden heraus. Bitte! Es geht nur um Texte, nicht um sie tragende Botschaften. Denn wisse: Einen Text trägt immer die Botschaft, also trägt sich über die Form schon Inhaltliches an. In intentio veritatis suum, quod erat. Also wird sich wohl kaum der sogenannte Humanismus in einem Wolfspelz verstecken können, ohne wenigstens einmal vorzulugen. Wie sollte sich der Wolf sonst zeigen können? Anders gesagt, klammer, würde ich Deiner Argumentation über einen Zusammenhang zwischen einer wie auch immer zuhandenen moralischen Indifferenz im Nachkriegsdeutschland von 1920 und dem Aufkommen des NS folgen, so müßte ich Dich fragen, ob Jack the Ripper, der auch als Synekdoche des depravierten britischen Hochadels gesehen werden könnte, im Vorfeld des Ersten Weltkriegs anzeigt, wie die Briten tatsächlich ticken. Nun, wie willst Du das widerlegen? Schließlich haben die Briten auch die KZs um 1900 erfunden. Oder sind sowohl Haarmann als auch Jack Einzelvertreter und eben darum poetisch potentialiter ergiebig?


    An Deinem Beitrag, Jonathan, will ich mich nicht recht erwärmen können. Du springst in den Perspektiven, bleibst zeitkohärent ambiguin, wobei die Gleichberechtigung des Nebeneinander auf der Strecke bleibt. Daß Du kolorisierst, mag ich Dir noch verzeihen, aber in die Tiefe des Geborenen schaust Du nicht. Es sind Reminiszenzen, doch inadäquat wiedergegeben. Ich frug mich nach dem Anspruch: Ist es die Psychologisierung der Figuren, die Dich motivisch entsetzt? Ist es die vorgegebene Handlung, die Dir eine Strukturisierung überflüssig erscheinen läßt? Was trieb den Autoren, hier Hand an bereits mögliches Geschehen anzulegen?


    Noch ein letztes: Bleib Dir in den Zeitformen treu!

  25. #25
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die Zärtlichkeit des Werwolfs

    Herrschaften,


    was ist los mit euch? Missversteht ihr mich absichtlich?
    Von "Mr. Jones" erhalte ich auf meine Kritik ein psychiatrisches Ferngutachten. Als ich ein wenig an seiner Moritat herummäkelte, habe ich nicht erwartet, dass ich dieser Ehre teilhaftig würde. Habe ich ihn recht verstanden: Weil ich mir ein wenig mehr Inhalt in seiner Geschichte wünsche, habe ich eine Verdrängungsneurose?


    Und jetzt du, Edjuschka, ich mache "moralinsaure Eskapaden"? Ausgerechnet du machst mir diesen Vorwurf, der gut als Überschrift über deine Texte passen würde!
    Ich dachte, wir wollen in diesem Forum über Literatur reden und nicht nur über Partizipen und das leidige Genitiv-s! Warum schreiben wir eigentlich?
    Vielleicht bin ich ein Moralist, damit kann ich leben. Aber ich wollte keine Moral von "Mr. Jones", ich wollte etwas mehr erzählerische Substanz! Schließlich schrieb doch, wie er in seinen Ausführungen bemerkte, keine Horrorgeschichte a la Stephen King, sondern über einen Menschen, der so krank war, dass er sich in einen Werwolf verwandelte und morden musste. Und er schreibt über ein Opfer, das nichts weiter ist als ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird. Er schreibt über Menschen, die es wirklich gegeben hat. Da sollte er ein wenig mehr Verantwortung tragen.


    Als übrigens gut geschriebene Horrorgeschichte, (sie hat den besten Anfangssatz, den ich seit langem gelesen habe), wäre mir der Text ja erträglich. Jedoch mit verquaster Philosophie befrachtet liegt er mir schwer im Magen.


    Ist das das Rezept? Wir mixen einen Hauch Recherche, Freud, viel Nietzsche und Sozialdarwinismus und schon haben wir eine tolle Geschichte über das "Tier im Menschen"?
    Das wäre, da bin ich mit it einer Meinung, eine nachträgliche Verhöhnung der Opfer.


    Klammer
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