Eigentlich war er kein richtiger Wirt. Nicht, was Leute wie wir uns normalerweise darunter vorstellen. Denn wie Abi die Gläser mit seinen feingliedrigen Händen balancierte, wie er durch ein leichtes, fast manieristisch wirkendes Strecken des Mittelfingers alles gewöhnliche von sich abstreifte, dabei seinen Körper unnachahmlich und kaum merkbar zu den Klängen der Musikbox aus dem 60ern bewegte, das war etwas besonderes, etwas, was man sonst nicht geboten bekam. Jedenfalls nicht von einem Wirt.
Manche dachten er sei schwul. Ich denke, dass sie vielleicht recht hatten.
Das wäre ja auch kein Widerspruch gewesen. Es war jedenfalls so, dass Abi die richtig groben Sachen gern mir überließ, so, wenn er mich ansah und mit gespieltem Entsetzen auf den gurgelnde Bierhahn zeigte, was soviel bedeutete, dass ich jetzt in den Keller musste und ein neues Fass anstecken. Ich weiß auch nicht, wie mir diese Rolle zugefallen war, an sich hätte ich mich gern intellektueller dargestellt. Freilich blieb mir neben Abi nur wenig Raum zur Entfaltung.
Ich bin dann also immer in den Keller gegangen und nicht selten war Abi bei meiner Rückkehr in ein anregendes Gespräch mit anderen Gästen vertieft.
"Ach was", sagte Abi dann, "fressen und ficken, darauf kommt es an. Soll mir keiner sagen, was anderes sei wichtiger." Ich wusste auch nicht, wieso solche Gespräche immer dann anfingen, wenn ich im Keller war.
Als ich einmal zwei Tage nicht kommen konnte, hatte ich fast ein schlechtes Gewissen, weil ich wusste, dass in dieser Zeit das Bier hätte angesteckt werden müssen.
Am nächsten Tag war das Lokal geschlossen. Am Abend brannte kein Licht, es war niemand zu sehen. Als ich beim Gewerbeamt anrief, wollte man wissen, wer ich sei. Etwa ein Verwandter? Nun, so gut kannte ich Abi auch nicht, dass ich mich darüber hätte unterhalten wollen.
Mir fiel auf, dass ich eigentlich auch keinen der anderen Gäste näher gekannt hatte. In den nächsten Wochen lief ich fast täglich dort vorbei. Dann waren die Fenster verhängt.
In der Nachbarschaft erfuhr ich, dass jetzt ein Handarbeitsgeschäft dort aufgemacht werden sollte. Und dass die Frau verstorben sei, die die Kneipe betrieben hatte. Genaueres konnte ich nicht in Erfahrung bringen.