Indien war für die Engländer innerhalb ihres Kolonialreiches das größte und wegen seines vielfältigen Reichtums und daran zu knüpfende vertikale Interessenlagen schwierig zu regieren, dazu gefährlich und gefährdet zugleich. Indien, eine Welt im Kleinen, wurde bewohnt von zahlreichen Völkern, die ihre jeweiligen Religionen behaupteten: ein unübersehbares Ganzes in seinen vielen Teilen, die einander seit Jahrhunderten bekämpften und jeweils nach Autonomie strebten, zugleich aber in England einen Schirm für diese zentripetalen Kräfte anerkannten. Die englische Regierung hatte im Namen Ihrer Majestät, Königin Viktoria, 1876 das Kaiserreich Indien gebildet und der englischen Krone subsumiert. Unter dieser Herrschaft drangen zunehmend westliche Ideen auch nach Indien und affizierten eine sich bildende bürgerliche Schicht, so daß in Indien der Wunsch erwachte, einen eigenen Nationalstaat zu konstituieren. Die englische Kolonialherrschaft hatte sich ihren Totengräber selbst schaffen müssen, denn ohne Unterstützung durch indische Beamte, Soldaten und Ingenieure war eine Regierung des Vielmillionenvolkes schlichtweg unmöglich, also mußten die Briten ausbilden und damit eine Schicht von Intellektuellen und Beamten schaffen, derer sie zwar bedurften, die aber zugleich irgendwann die Frage stellen würden, warum sie dies für die Briten tun sollten, wenn sie es doch für sich selbst tun könnten.
Der Kampf gegen die Briten setzte um 1880 ein. Die indischen Freischärler setzten Bombenattentate und den Boykott ein. In Indien bildeten sich nach westlichem Muster Parteien, die je nach religiöser, sozialer oder schlichtweg politischer Orientierung hin parteiübergreifend die Briten unter Druck setzten:


  1. Forderung nach Beteiligung an der Verwaltung und
  2. Regierungsbeteiligung.


Das ist die alte Forderung nach Partizipation. Die Briten erkannten das an und gaben sieben Gebietsparlamenten in der Legislative die Mehrheit an die Inder. 1909. Das war klug und entsprach dem seit Jahrhunderten bewährten britischen Herrschaftsprinzip des divide et impera! Die Inder durften sich weitgehend selbst verwalten, was den Briten die notwendige Ruhe zur Abwicklung ihrer Geschäfte schuf, denn die Legislative wurde durch das Veto-Recht der britischen Krone ausgebremst, zudem hatten die Briten in der indischen Oberschicht weitgehend Kontrollgewalt, so daß diese Elite mehr Verlust als Gewinn von einer völligen Abnabelung von Britannien befürchten müßte, sollte sie wirklich ernsthaft den Aufstand proben.

Chronologie um 1880

1878/79: britisch-indische Truppen rücken unter Lord Roberts in Afghanistan ein und besetzen Kabul u.a. Städte
1881: russische Truppen unter dem Panslawisten Skobelew unterwerfen die Turkmenen und verbünden sich mit Persien → der Druck auf Afghanistan wächst
Neben diesem inneren Verhältnis zwischen Briten und Indern sorgte eine äußere Bedrohung für Spannung: Rußlands Expansionsdrang nach Süden. Die Briten glaubten, daß die Südausdehnung des Zarenreiches noch nicht abgeschlossen sei, denn Rußlands Politik war hier konsequent auf Gebietsgewinne nach Süden und Osten orientiert, während die Briten die Sicherung ihres Besitzes im Blick hatten, vornehmlich den Erhalt Indiens im Empire. Das führte zu permanenten Spannungen in Zentralasien, dessen Stammesstruktur das Winkelspiel pflegte und klare Machtverhältnisse sowieso nicht akzeptierte, denn die würden die lokalen Herrscher in Frage stellen. Wechselnde Allianzen, die sogenannte Golddiplomatie (Korruption), Intrigen, Erpressungen und Verrat gehörten zum politischen Alltag. In den Fokus der Auseinandersetzungen rückte Afghanistan, das Tor nach/aus Indien. Am Oxus, dem Grenzfluß zwischen Tadschikistan und Afghanistan, standen sich Briten und Russen gegenüber. Die Briten konnten Afghanistan zwar behaupten, aber die Russen vermochten es immer wieder, die Afghanen in ihrem Freiheitsempfinden anzustacheln und gegen die Briten zu lenken, die etliche kleinere Kriege führen mußten. Daß es nach dem Berliner Kongreß und dem damit verbundenen Gebietsverlust für Rußland in Europa nicht zum Krieg zwischen Briten und Entschädigung in Mittelasien suchenden Russen kam, mag als kleines weltgeschichtliches Wunder gelten.

wird fortgesetzt