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Thema: Alte Geschichte, wegen Regens neu geschrieben

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Alte Geschichte, wegen Regens neu geschrieben

    Biste erst mal mausetot,
    Kommste in Erklärungsnot,
    Wie es weitergehen tut,
    Nur tot sein nämlich is nich gut.


    Tot- Sein


    Kann Tot-Sein sein, wo es das Wesen des Seins ist, daß es ist und nicht, daß es tot ist?


    Er fiel durch einen blauen Tunnel. Gut so, am Ende aller Geschichten ist immer ein Tunnel. Oder auch noch eine Möglichkeit? Er grinste im Traum: Möglichkeiten stehen für das Leben. Andererseits bedeutet Leben auch Zertrümmerung ausgedienter Wertvorstellungen. Interessanter Traum. Und nun? Er fiel oder wurde wie magisch angezogen. Jemand oder etwas zog magisch gewaltig.
    Er wurde in eine riesige Kugel gezogen, eine Kugel mit unzählig vielen verschlossenen Türen und wenigen unterschiedlich beleuchteten Fenstern, ohne Gardinen. Ihn ärgerte, daß die Fenster keine Gardinen besaßen. Gardinen konnte er vorhängen, zu ziehen. Mittels Gardinen konnte er verhüllen, verbergen: Fenster, Zimmer, Gesichter, eine Seele, ein Geschehen. Gardinen schützen vor Einsicht. Türen auch. Unterschiedlich beleuchtete Fenster ohne Gardinen erlauben unterschiedlich beleuchtete Einsichten. Trotzdem, eine solch riesige Kugel mit unzähligen, aber verschlossenen Türen und diesen preisgebenden Fenstern hatte auch er noch nicht gesehen. Er dachte sich: Eine solch riesige Kugel, überhaupt so viele Türen und so verschieden strahlende Fenster habe ich ja noch nie geträumt!
    "Falsch, du träumst nicht, du bist tot. Das ist so!"
    "Wer spricht?"
    "Es spricht deine äußere Stimme. Du hast soeben deinen Körper verlassen, bist für die nächste Ewigkeit von seinem Ballast befreit. Und ich auch, endlich, lange genug war ich in dir eingesperrt. Damit ist nun Schluß, von nun an wirst du mich nicht mehr überhören, übergehen können!"
    "Bin ich... ist diese Kugel der Himmel, die jenseitige, den menschlichen Sinnen unzugängliche Welt Gottes und der Gemeinschaft aller katholischen Seligen?"
    "Quatsch! Allenfalls weilst du in dem so genannten Himmel, dem scheinbaren Gewölbe über der lebenden Menschheit, die sich stets als Mittelpunkt des Universums betrachtete. Jenes Gewölbe, welches durch einen Horizont in eine obere sichtbare und eine untere unsichtbare Halbkugel zerlegt wird."
    "Was ist los? Träum ich oder spinn ich? Ich sehe doch die ganze Kugel!"
    "Wach auf, du bist tot! Das ist keine Kugel, das ist der Raum, der einzige, unendliche Raum, deine Zukunft!"
    "Und wo ist meine Vergangenheit, meine Gegenwart?"
    "Gegenwart gibt's nicht mehr, und deine Vergangenheit liegt hinter den Fenstern. Die sind aber schalldicht. Ergo, auch wenn du noch etwas ändern wolltest, eingreifen aus verständlichem Ärger in gewesenes Leben, es würde nichts nützen. Körper, welche handeln, können dich nicht mehr hören."
    "Darf ich dennoch einmal durchblicken?"
    "Vielleicht später, erst mußt du Rechenschaft ablegen!"


    "Beichte!"
    "Habe nichts zu beichten!"
    "Sei nicht so bockig, jeder Mensch ist sündig, dafür wurde schon gesorgt. Also beichte!"
    "Ist ja gut, ich beichte: Habe Mutter und Vater geschlagen, und ich habe das genossen." Ein Lichtjahr Pause. "Was ist äußeres Stimmchen, wächst mir nun die Hand aus meinem Grabe?"
    "Nun, vielleicht haben sie es verdient, die schwache Möglichkeit besteht. Schwache Möglichkeiten bestehen immer. Moment, ich sehe mal nach. Wo ist denn nur wieder dieses Scheißbuch?" Wenn eine äußere Stimme überhaupt in einem Buch zu blättern vermag, dann blätterte jetzt eine äußere Stimme in einem sehr dicken Buch. "Ja, richtig, hier steht es schon: Sie haben es verdient! Weiter, was sonst noch?"
    "Ich benötigte immer viel Geld. Du verstehst, Sex, Drugs und Rock'n'Roll. Also habe ich meine Kinder auf den Strich geschickt!" Schamröte? Nicht genau bestimmbar, doch beinahe hätte er - oder was von ihm noch übrig war - bittere Tränen der Reue geweint.
    "Kinderarbeit schändet nicht. Vor allem, wenn sie einem guten Zweck dient." Stimmchen war schwer in Ordnung, wahrhaft einsichtig.
    "Meine heiß geliebte Frau habe ich in einem einzigen Jahr mit zweihundertvierundsechzig geilen Weibern betrogen... mir war halt so danach."
    "Paßt schon, ein Mann braucht, was er braucht. Kann die eigene Blume keinen Honig liefern, muß er eben seinen Stachel in fremde Blüten stecken."
    Er - oder das, was von ihm noch übrig war - hatte den Verdacht, daß sein exteriores Stimmchen ein ziemlich arroganter Macho war. Der drängende Verdacht wurde prompt bestätigt. "Frauen sind auch nur Möglichkeiten, verschiedene Wannen sexueller Wünsche, in welchen die kreativen Wünsche eines richtigen Mannes baden."
    Das war hart. Auf den Ort bezogen, der ihn umschwebte, schon etwas verwunderlich. "Und das soll die Wahrheit des Himmels sein?"
    "Des Raumes, eine Meinung des unendlichen Raumes! Merke dir, es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Meinung. Du vermagst alles transponsiv oder auch interprekativ zu betrachten, letztendlich ist Betrachtung immer nur eine Meinung. Schau dir die vielen Türen an, sie sind Spielarten der drei Möglichkeiten, und beantworte mir, ob du bei so vielen Angeboten tatsächlich glaubst, es gäbe nur die eine Wahrheit."
    Er - oder was von ihm noch übrig war - zweifelte. Spielarten der drei Möglichkeiten? "Wen das so ist, was..."
    "So ist das nicht! Auch das war nur eine Meinung, man sollte schon selbst herausfinden, welche der wahren Meinungen zu einem paßt."
    "Moment, Freundchen, ab jetzt reden wir aber Tacheles..."
    "So ist mein wahrer Name!"
    "Wirklich? In Wahrheit? Das ist ja geil, eine jüdische Abart als äußeres Stimmchen! Macht jedoch nichts, ich hatte schon immer diesen unbestimmten Verdacht. Also Tacheles, meiner Meinung nach habe ich nun nichts mehr zu beichten, für nichts mehr Rechenschaft abzulegen. Darf ich jetzt bitte zu meinen Fenstern?"
    "Du meinst, deiner Meinung nach. Aber meine Meinung ist- und die wäre, nebenbei gemeint, verbindlich, steht auch in dem großen Buch, welches ebenfalls Seine Meinung bildet -, daß es sehr wohl noch etwas zu besprechen gibt. DU HAST GETÖTET!"
    "Um Himmels Willen, habe ich nicht!"
    "Aus des Raumes Willen, hast du doch! Nur um zu fressen und Fressen zu kochen, hast du pflanzliches und tierisches Leben vernichtet. Allein bis vorgestern hattest du bereits zweitausendsechshundertvierzig Kilo Fleisch vertilgt, die Unmengen an Federvieh, Wachteln, Gänse, Wildenten, Tauben und junge Schwäne, welche du genüßlich geschmatzt, noch nicht einmal mitgezählt. Und dann noch der Salat, das ganze Gemüse, Tonnen von Obst und zentnerweise Kräuter, alles Leben, danach zerkaut und tot in deinem Darm!"
    "Und was war gestern?"
    "Da hattest du sieben Pfannkuchen, nach Kyras Rezept."
    "Ach ja, richtig, fast schon vergessen, pfui Spinne! Dennoch eine Frage, bitte, wovon hätte ich mich denn deiner maßgeblichen Meinung nach ernähren solle? Wachsen, gedeihen, mein eigen Leben erhalten?"
    "Das weiß der Geier, vielleicht von den radices dulces cognitii."
    "Bitte?"
    "Von den süßen Wurzeln der Erkenntnis, wahren Meinungen. Doch leider wachsen die hinter den Türen."
    "Na dann guten Appetit! In diesem Fall zöge ich doch vor, mich wie in meiner Vergangenheit zu ernähren. Also, ich schaue nun durch diese Fenster!"


    "Was ist das? Ich kann ja kaum etwas erkennen, das Licht ist schwach, Gegenstände zu weit entfernt. Möglicherweise ein altes Holzschiff vor einer dunklen Insel? Das ist doch niemals meine Vergangenheit!"
    "Du entdeckst gerade Amerika."
    "Kolumbus? Ich und Kolumbus? Das muß eine Verwechslung sein!"
    "Im unendlichen Raum gibt es keine Verwechslungen, einzig und allein die verschiedenen Spielarten der drei Möglichkeiten. Aber bitte, wenn der gnädige Herr meinen - oder das, was von ihm noch übrig ist -, dann kann ich ja noch einmal nachblättern. Hier, hier steht es genau. Doch, du bist einer der Entdecker, allerdings nur der Koch; wahrscheinlich irgendein Vorleben in einem anderen Körper."
    "Das ist ja geil!"
    "Du wiederholst dich."
    "Und das Fenster nebenan? Etwas lichter, das schauerliche Gerüst? Vielleicht eine Guillotine, Robespierre, die französische Revolution?"
    "Robespierre? Schafscheiß, denk an deinen Beruf! Der da ist Escoffier, Küchenkünstler, welcher gerade von einem Baugerüst heimlich die Diva Melba beim Schrubben ihrer Pfirsichhaut belurt. Paß auf, gleich kriegt er einen Ständer und fällt danach von der Leiter. Erinnere dich nur deiner alten Träume!"
    Es war zu wahr. Oder eine Meinung? Wie oft war er schweißgebadet aus eben dieser feuchten Szene aufgewacht, hatte traumtrunken mit seinem Kopf die Phantasiebilder geschüttelt. Geblieben war stets die Verwunderung, Bewunderung. Jetzt aber scheißegal, der Umgang mit solchen Wundern war ein außergewöhnliches Staunen wert: "Ja, mi leckst am Arsch, die Seelenwanderung!"
    "Den Arsch zum Lecken besitzt du - oder was von dir noch übrig ist - zwar nicht mehr, aber ansonsten geht das klar: Du Seele bist Du-Seele, und du Seele bleibst auch Du-Seele! Der Rest ist nur Körper, Standardausgabe, die man wechseln kann."
    "So ist das also, doch wie steht es mit meiner jüngsten Vergangenheit? Ich kann da leider gar nichts erkennen."
    "Die war nicht so bedeutend für eine Weltgeschichte, dieses Fenster bleibt wohl dunkel. Halt, da flackert ein Licht... wird heller... scheint doch etwas los gewesen zu sein."
    "Laß mich mal! Ich will auch einmal durchsehen!"
    "Nicht so hastig! Da, tatsächlich, sie errichten dir ein Denkmal!"
    "Wer errichtet mir ein Denkmal? Ich will auch mal!" Die ungeduldige Seele zappelte, ungeduldiges Seelchen schrie sogar.
    "Die Gemeinde Bad F, ein Denkmal mit einem großen Kochlöffel darauf. Aufschrift: Dem großen Sohn aus unserer Mitte."
    "Die überaus ehrenwerte Gemeinde Bad F.? Wieso kommen ausgerechnet Bad F. und seine Gemeinderäte dazu, mir ein Denkmal zu errichten? Die haben mich doch zu meinen Lebzeiten völlig übergangen."
    "Ist das ein Wunder? Anstatt ernsthaft zu kochen, hast du doch meistens nur rumgevögelt, und zwar ihre Frauen. Ziemlich klar, daß die Oberen sauer auf dich waren."
    "Was ein Mann, ein Koch, braucht, das braucht er eben. Aber warum dann dennoch ein Denkmal für mich?"
    "Die Frauen, ihre Frauen stecken dahinter. Es hat den Anschein, als ob du sehr gut gewesen bist, wenigstens auf diesem bestimmten Gebiet."
    "Man ist, was man ist, und mein Ich-Trieb bleibt mein Ich-Trieb!"
    "Oder was von ihm noch übrig ist. Letztendlich, im wahrsten Sinne eines Wortes, Vergangenheit. Komm, wir gehen zu den drei Möglichkeiten, zu den Türen."


    "Dies sind sie, und hinter jeder Tür stehen dir drei Bilder zur Wahl: Glaube, Hoffnung und Liebe."
    "Warum nur so wenige? Der Raum hat doch unzählig viele Türen. Ich denke, da müßte doch ein bißchen mehr geboten werden als nur der alte stinkende kirchliche Salm. Zum Beispiel: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!"
    "Teufelszeug! Wie kannst du nur? In Glauben, Hoffnung und Liebe ist doch alles enthalten, was du dir nur wünschen kannst!? Stimmchen war zornig. "Jedes Lebewesen wählt seine Türen, doch ich sage dir was, im unendlichen Raum kannst du dir die Freiheit schnitzen! Und Brüderlichkeit auch, hier wird bestimmt und für immer gehorcht! Es reicht jetzt aber, nimm endlich dein erstes Bild!"
    "Ich wähle... ich möchte erst einmal ganz unverbindlich, sozusagen mit Rücktrittsgarantie, eine Tür des Glaubens."
    "Selbstredend, mit Rücktrittsgarantie. Und welche Abart des Glaubens, bitte sehr, wünscht der gnädige Herr - oder das, was von ihm noch übrig ist?"
    "Ich dachte, es gibt nur den einen wahren Glauben, den mit dem Lobpreisen zum guten Schluß, Halleluja- und Hosiannahsingen. Der Glaube an die durchwegs und rundherum strahlende Seligkeit."
    "Du denkst zuviel, und das meine ich absolut ernst. In diesem einen angesagten Glauben ist Denken nicht gefragt. Aber bitte, da ist die Tür. Doch nur bis zu Fußabstreifer, von wegen Rücktrittsgarantie und so."


    Farben, Töne begannen sich zögernd zu rühren. Aus den Fellen von Trommeln stiegen blau-graue Wirbel kirchlichen Staubes, endlos geschlagen von riesigen Schwarzen im lila Ornat. Die Taktmeister, die Zuchtmeister! Von Kränzen aus Rosen mit Demut umschlungen, von Kanzelgetöse gehorsam durchdrungen, duckten sich Seelen wie päpstlich erwünscht, schrieen das Preisen aus heiseren Kehlen. Doch unerbittlich dröhnten die Trommeln, zwingender Rhythmus, wo Seelchen nur mit muß: "Miteinanda Hosiannah, jubilate der Oblate! Halleluja, heil'ger Stuhl da! Urbi et Orbi! Niemals mehr Schweigen, Jauchzen im Reigen, vom Takt wild gepackt. Der pax sei vobiscum trotz Knacksen im Bistum, ein Seelchen ist nackt!"
    "Wieso ist eine Seele nackt?"
    "Nur eine? Nicht mehr? Das wundert mich schon auch. Normalerweise frißt dir dieser Glaube schon bei der Geburt das erste Hemd vom Leib... vom letzten ganz zu schweigen."
    "Äußeres Stimmchen, lieber Genosse, mir gefällt's hier nicht. Diese blassen Wesen haben alle einen blöden, belemmerten Ausdruck in ihren seligen Gesichtern, so ein Hinnimm-Lamm-Gottes-Geschau!"
    "Massensuggestion, pure Massensuggestion. Aber du - oder das, was von dir noch übrig ist - mußt nicht hier bleiben, hast immer noch zwei andere Möglichkeiten." Und wie zur frommen Bestätigung drehte sich ein schwarzer Trommler und schrie ein paar heilige Kanons: "Ora et labora! Weiche, du Heide! Tür zu, hier zieht's!"
    Die aufgewühlten Farben, Töne wagten noch einen Blubb, dann versanken sie wieder im öligen Schweigen ihrer Töpfe.
    "Als nächstes wähle ich die Liebe und natürlich auch nur mit Rückfahrschein."
    "Natürlich, wie immer halt. Möchtest du die körperliche oder eine von sinnlicher Begierde freie, mehr geistige Liebe? Vielleicht in der Art wie Brentano schon sagte: Das mit der richtigen Liebe zu Liebende, das Liebenswerte, ist das Gute im weitesten Sinne des Wortes. Sprich, was verstehst du unter der Liebe?"
    "So rein und gut dann wiederum auch nicht, ein unanständig Maß an Körpern dürfte schon sein. Nein, meine Liebe sollte ruhig und aufbrausend zugleich, glatt und kühl, danach leicht gekräuselt bis hin zu heißen, stürmischen Wogen sein. Sie müßte mich durchdringen, mich durchströmen, mich erfüllen, unverzichtbarer Teil meines Lebens werden. Sie muß mein Sein begleiten, ja, die Liebe muß es sogar erhalten! Die Liebe müßte mich reinigen und pflegen, meinen Körper und Geist erfrischen, durch immerwährende Anwesenheit dafür sorgen, daß mir die bösen Säfte des Verzichtes keine Pickel auf den Hintern zaubern. Auch wenn ich sie im Übermaß koste, in blinder Leidenschaft durchschwimme, dann dürfte die wahre Liebe mich nicht zerstören, mich nicht ersticken und mein Wesen nehmen. Sie sollte groß, unermeßlich groß, immer in Bewegung und trotzdem begreiflich, anfaßbar und nahe sein. Schlicht gesagt, sie sollte Element sein."
    "Brav gebrüllt, mein Freund - oder das, was von dir noch übrig ist. Auch lautmalerisch durchaus ansprechend und in der Wortwahl wohl überlegt, besonders das mit den Pickeln an deinem Arsch, den du nicht mehr besitzt. Gut, ich will dir also deine Liebe des niemals ruhenden Raumes zeigen. Da ist die betreffende Tür, doch denke an den Fußabstreifer!"
    Die Türflügel schwangen weit auf. Still ruhte ein See, und ein ganz klein wenig lud er auch zum Bade. "Wasser, nur Wasser? Ist das alles?"
    "Wie, ist das alles? Du hast sie beschrieben, die Liebe des Wassers. Das Ruhige und das Kühle, das Kräuseln und die wilden Wogen. Höre, du wurdest dazu erschaffen, Weiber und Wasser zu lieben. Und das Wasser liebt dich ebenso. Schau in den See, in das Auge des Raumes, und der klare Spiegel zeigt dir - oder dem Rest, der von dir noch übrig ist - die Tiefe deiner wahren Natur. Schau und sage mir, was du siehst!"
    Der alte Alptraum: Irgend ein Jemand, irgend ein Etwas, der oder das ihn liebte, wollte wieder einmal von ihm wissen, wer er in Wirklichkeit war. Er wußte es doch selbst nicht, und normalerweise wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, um aus diesem Trauma zu erwachen. Diesmal nicht, kein gnädiges Erwecken, und das Wissen um das eigene Tot-Sein, nicht mehr im alten Körper zu sein, drückte auf seine Stimmung. Er trat auf den Fußabtreter der Rückfahrversicherung und starrte in den See. Der See starrte zurück. Sonst nichts. Nur Nichts. Kein Bild, keine Identifikationsfigur. Nichts, einfach nichts, was er auf sich beziehen konnte. Er sah nur Wasser. "Ich sehe nur Wasser!"
    "Ist wohl sonst nichts mehr übrig von dir. Logisch, Wasser ist die Tiefe deiner wahren Natur. Wasser ist das Element der Liebe, ihr Urstoff, und der fließt... von hier nach dort."
    "Das ist mir zu blöd. Von nun an hasse ich das Wasser und scheiß auf die Liebe. Ich wähle die Hoffnung. Die Hoffnung ist grün."


    Grün ist die Hoffnung, grüne Bewegung. Hinter der Tür ein Wallen und Wogen, Kräuseln und Säuseln wie spielender Wind in einem hellgrünen Haferfeld. Strippen, Bänder, Schnüre und Fäden in Wellen von oben nach unten, Anfangsknüpfpunkte nicht zu erfassen, endend in einem Zettel ganz dicht vor seiner ehemaligen Nase. "Was soll nun wieder dieses Strippenzeug?"
    "Seidene Fäden! Unsere Hoffnungen hängen immer an grünen seidenen Fäden."
    "Und das Gewackel?"
    "Schwankende Hoffnungen, die müßtest du doch kennen."
    Stimmchen wußte Bescheid, solche kannte er wirklich genau. Zum Beispiel die schwankende Hoffnung, daß endlich die Richtige kommt. Wie oft gehabt? Und niemals erfüllt. Nur Blonde am Wegesrand, geistlose Körper, glatte Schönheiten mit straffer Haut, später, im Alter, von Fettheit gebläht. Genauso die Schwarzen, glühende Kohlen, knisternde Geilheit, die sich an eigener Hitze verzehrt. Nichts übrig für Fremde, selbst stolz vor dem Spiegel, dem Ort, an dem ihre Jahre vergehen. Kaum anders die Braunen, willfährige Seelchen, immer da und immer um ihn herum. Streichelnd, schmeichelnd, sanft und fröhlich bis zum Kotzen. Am Halse hängend, bald zum Halse heraushängend.
    Nie gekannt die Roten, Töchter des Mondes, Wunschgespielinnen der schlaflosen Nächte. Nie erfahren Salomes tödlichen Charme: Rote Haare, Fahnen kupferfarbener Wollust, flatternd getragen von Lilith, dem Weib, das vor Eva war. Sie waren seine Hoffnung gewesen, Rothaarige mit grünen Augen und Sommersprossen, leicht umflossen von grauer Seide, in der zierlichen Hand mit blutroten Nägeln eine lange geflochtene Leine, an der ein weißer Dalmatiner zog. Anbetungswürdige Geschöpfe - gut auf den Köter hätte er zur Not verzichten können. Aber sonst... nein, die Rothaarigen blieben Buch mit sieben Siegeln, Geheimnis. Besser so?
    "Ich glaube... nein, ich weiß, daß ich nicht weiß, ob ich überhaupt noch Hoffnung will."
    "Na hör mal, wer bist du eigentlich, daß du keine Hoffnung möchtest? Wer warst du, daß du Glaube, Hoffnung und Liebe verleugnest?"
    "Ich war Hannemann, und manchmal fast vom Glück gestreift."
    "Ach so, ja. Mensch Hannemann, nimm wenigstens einen Faden. Du kannst bei uns nicht ohne Hoffnung leben! Entschuldigung, im Totenreich bestehen. Nur einen Zettel!"
    "Okay, weil du es bist, und weil wir früher so inniglich verbunden waren. Na dann, ich ziehe meinen Faden... Öha, das ist ja unglaublich! Ein Zettel und ein Würfelbecher! Das habe ich wirklich nicht erwartet. Aber paßt schon, damit kann ich leben!"
    "Lies vor! Mensch, mach schon! Ich platze noch vor lauter Neugier. Ach gib mir den Zettel. Was steht denn da? Na sowas, hier steht: Würfle und setze alles auf die Hoffnung, daß deine Gedanken frei für jedermann lesbar in großen Büchern stehen. Wenn du aus diesem Gefängnis freikommst, geh erneut über das Los des Lebens. Dann kommt vielleicht auch eine Rote!"
    "Nicht wahr, mein inneres Stimmchen, ein wahrer Segen des Raumes! Ich darf leben, hoffen auf eine Wunderschöne. Ich glaube, ich liebe sie schon jetzt."


    "Stimmchen, war das nun alles?"
    "Eigentlich schon. Nur noch eines vielleicht: Wer zum Teufel ist eigentlich Pfannkuchen-Kyra?"

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Alte Geschichte, wegen Regen neu geschrieben

    die höllenfahrt des kochgenies h. aus bad f. oder zu lange über dem kochtopf gehangen, dabei berauschende dämpfe im übermass genossen und deren auswirkung allhier verfasst und beschrieben.

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Alte Geschichte, wegen Regens neu geschrieben

    verschließt sich mir; Eklektizismus ist's auch nicht, dafür wird nicht einmal der Versuch eines Gedankens angenommen; Gedanke ist gedenken, ist Mitteilung, nicht Plattitüde, nicht Klischee, nicht Anfall von Einfall, nicht der Kalauer
    - keine versprochenen Worte, sondern blasser Dünkel


    Tot ist (denn als tot kann nur bezeichnet werden, was einst lebte, also noch in einer Erinnerung verlebendigt werden kann - wir wollen uns zudem nur mit dem befassen, was mitteilsam ist, nicht, was nicht mitteilsam ist, wobei hier einschränkend gesagt werden muß, daß unsere Phantasie wundersame Wege geht, vieles durch Sprache erst wird), aber nichts ist ewig; wenn Äußeres, dann nur in antithetischer Verschränkung denkmöglich, sonst nur Harlekinade
    Aber auch Harlekine haben Gesetzmäßigkeiten (zu berücksichtigen) in ihrem Witzeln, sonst versteht sie keiner. Und wie traurig ist ein unverstandener Harlekin?! Träume folgen strengen Regeln.


    Text ist meinesteils nicht rettbar. Neues versuchen.

    Ein Gedanke aber gefiel mir, nämlich der der Großmütigkeit Gottes. Klarerweise hätte ich mir hier mehr gewünscht, also mehr auf diesem Wege.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Alte Geschichte, wegen Regen neu geschrieben

    Text ist meinesteils nicht rettbar.


    Wurde auch nicht verlangt. Bewältige Du erst eimal Deine Hormonschwierigkeiten, Schlieren im Kopf, dann klärt sich auch Dein Blick für "Perlen süddeutscher Literatur".


    Ich fabuliere weiter nach Lust und Laune!

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Alte Geschichte, wegen Regen neu geschrieben

    Lieber Hannemann,


    das ist eine alte Geschichte, wohl wahr. Sie kreist um deine Themen, um 264, um Meinung und Wahrheit, die Leiden des alten Kochs, um Rothaarige und Kosmologie. Es fehlt eigentlich nur noch ein Druide. Für eine Wiedersehensfreude, ein zustimmendes Nicken und erwartungsfrohes Vorwegkichern, wenn man mal wieder "Dinner for one" sieht und weiß, jetzt wird er gleich wieder über das Tigerfell stolpern, dafür ist der Text leider zu lang und zu ereignislos... oder zu wenig absurd. Immerhin ist der tote Hannemann alles andere als selbstmitleidig, das zeichnet diesen Text gegenüber anderen in diesem Forum aus.
    Ich warte und hoffe auf eine "neue Geschichte, wegen des Regens alt geschrieben".


    Wobei die Idee, eine alte Geschichte aus der Erinnerung neu zu schreiben, allerdings ohne zu spicken oder gar abzuschreiben, eine interessante Erfahrung ist. Das wäre ein Experiment wert.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  6. #6
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Alte Geschichte, wegen Regens neu geschrieben

    heilige nächte, die zwölfernächte bis zum dreikönigstag. die erste nacht sah mich durch löcher in engstehenden häusern kriechen, bunt bemalt, verschachtelt. kinder sprangen auf den treppen, rutschten sie hinunter, ich wollte nach oben. ein rondell, eine grinsekatze und zwei oder drei frauen, die an mir herumzerrten, ich wußte aber nicht, was sie wollten. ich war eher so etwas wie ein zankapfel.

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