Die Kulinarischen Abenteuer des Mucius (Auszug)


Bei neu aufgesottenem Rauschbaumsaft, der auf mit Steinöl frisch getränkter Flamme köchelte, bei Hammelfleisch und Dattelsirup, ergaben sich die beiden dem Geschichtenzauber. Sie kauerten auf kordeligen Liegeteppichen, der Eine warm eingerollt und mit glänzenden Augen, der Andere singend und schwelgend.
Es waren schwerwiegende Geschichten, traurig und schauderhaft. Diodotus wußte viele dieser Fabeln die in fernen Städten spielten, in Städten, die ganz aus Rosenbaumholz gebaut waren, oder aus Basalt oder Arabesco, und von denen manche golden überdacht waren. Er wußte von Ungeheuern, von schwanzköpfigen Vieläugern, die in fremden Wunderwelten wohnten, er wußte um Kriege, um Mordbuben und Halsabschneider, schöpfte großzügig aus diesem Fundus und legte den Ertrag hier aus, wie ein Kaufmann seine weit hergeholte Tingel-Tangelware unterbreitete, hier auf den Teppich, Mucius zu Füßen und unter die Augen.
Diodotus rief sie herbei, die farbenprächtigen Figuren aus den Mären der Vorzeit. "Hast du's schon vernommen, was die Alten sangen?" pflegte er seine Oden zu öffnen. Dann begann er, Unglaubliches aus seiner Lyra herauszuspielen. Mit vielfarbenen Tinten malte er die Gottessöhne, Riesen und Menschentöchter vor Mucius' Auge, malte die hochberühmten Helden und ihre Scheiterwege. So sang er zum Beispiel von Kleostratos aus der Stadt Thespiai, dessen Todeslos schon gefallen war, als überraschend sein Geliebter und Gefährte Menestratos sich dem Drachen in den Schlund warf, zum Opfer an des anderen Statt.
Mucius trank großzügig aus der Schale mit dem heißen, schwer-süßen Trunk, der die Augen trübte für diese, sie aber weitete für jene Welt. Ihm wurde wohlig zu Gemüt, und bald sah er nicht mehr den fleißigen Geschichtenmaler, sondern sah nur noch die langsam schief sich verbiegenden Wände, und er sah, riesenhaft, die tönende Krötenschale, aus der jetzt, und Mucius rieb sich ungläubig die schweren Lider, geflügelte Wesen aufstiegen, größer kaum als die Flämmchen der Steinöllampen, mit sehr langen Nasen, über die sie silbern schielten, langsam gegen die Decke schwebend, wo sie sich schon zu einer beträchtlichen Schar versammelt hatten...
Und wie Mucius noch lauschte, da kam über ihn ein Gefühl des Schwebens, ein leichtes Wiegen nur, wie in einem Boot, das sanft von glucksenden Wellen geschaukelt wurde. Die Stimme des Freundes säuselte dahin. Längst unterschied Mucius nicht mehr einzelne Worte und Sätze. Im Gleichklang schwang und wankte alles, die Hütte wogte hin und her und mit ihr die Dinge, die darin waren. All das Klingel- und Klangelzeug, das von der Decke bammelte, begann zu tanzen, die huschigen Schatten flüsterten sich etwas zu. Auch die Weinranken tuschelten jetzt, die Balken verschworen sich, es bangten die Flämmchen auf dem ziegelnen Altar, und stolz ereiferten sich die Kurzschwerter an der Wand. Mucius sah hastig um sich. Da waren die Masken an den Wänden, mit großen, runden Mundöffnungen: Stumme Rufer und blicklose Starrer.
Erschrecklich wurde es, als er gewahrte, daß er tatsächlich schwebte, langsam anstieg, höher, bis er nur ein Weniges noch unter der Raumesdecke verweilte, wo viel langnasiges Volk versammelt war, geflügeltes Märenvolk, das den Heraufkommenden aber nicht beachtete. Mucius vergaß jetzt den Freund, der wohl irgendwo drunten noch sang und erzählte. Fort wollte er aus der Höhle des Argwohns, wo Dinge, die eigentlich tot, sich verhext und beseelt plötzlich gegen den Knaben erhoben, fort wollte Mucius, zu Silpa, die vorhin die Augen gegen ihn gesenkt hatte und zu ihrer Mutter wollte. Und als er nur solches gedacht, da kam sie herbei, die Ersehnte - er wankte noch unter der Decke - und hielt ihm die Hand hin, die er sogleich faßte. Hinaus gings im Fluge, durchs hölzerne Gitter am Fenster, ins Dunkel, immernoch wiegend, wo stummes Geblitz die Umgegend kürzer als Augenblicke taghell erleuchtete. Er sah von oben die Hütte, wie sie dort hockte und geizig ihr Inneres hütete, dem er dennoch entronnen war. Als er Psyches etwas feuchte, warme Hand spürte, gingen ihm die Augen über vor Schmerzen und Glück.


Mucius glaubte sich am Ende seiner Sehnsucht, und da im Gefolge solcher Glückseligkeit, gleichsam als ihr Schatten, häufig eine Dumpfheit einhermarschiert, konnte es geschehen, daß der Junge es versäumte, sich angesichts der doch wohl recht fragwürdigen Situation zu wundern. Oder war es etwa nicht des Verwunderns wert, wenn einem just die Geliebte um die Ohren flog, einen bei der Hand nahm, damit man sich mit ihr durchs Fenster verflüchtigte, als sei man ein Gas oder Rauch?
Psyche verflog jedoch schon bald wieder stumm lachend und mit ihr die zufriedene Fraglosigkeit. Diodotus war's jetzt, den der Schwebende an der Hand hielt, oder dessen Trugbild, und es ging aufwärts mit ihnen, immernoch schwankend, in windig-kühle Höhen, aus welchen hinunterzublicken, wäre es heller Tag gewesen, den Mageninhalt zu aufbegehrlichen Tendenzen enthemmt hätte. Warum, wollte Mucius wissen, all dies geschehe, und überhaupt, wo sei denn das Mädchen geblieben, so plötzlich. Als er aber dies noch fragte, da war's schon gar nicht mehr Diodotus, sondern Eulalia, seine Mutter, die Gestorbene.
So ging es weiter und schneller hinauf und fort von der Erde, bis in die Wolken hinein, wo Feuer war und mächtiges Geläut, das ihm die Ohren bersten ließ. Mit ihm schwebte jetzt nicht mehr die Mutter, sondern Menekrates, sein Lehrer, danach war's Sirene, dessen Weib, dann Xantes, Ptolomaios und immer wieder andere. Bald stieg er über die Wolken hinaus, weit, sehr weit nach oben, bis dorthin, wo es wieder licht wurde, wo sich der Horizont in bläulichem Schimmern krümmte und die gewaltige Erde ihre Kugelgestalt ahnen ließ. Es war stille hier oben.
Hier oben? War Mucius nicht vielmehr hinuntergefallen vom Erdkreis ins sternenbesprenkelte Schwarz, dem er rücklings entgegenstürzte, die blaue Riesenblase über sich zurücklassend? An der Hand hielt ihn gerade der Vater, auch dieser ein stummes Gespenst, das bald wieder verblich. Mucius fiel und fiel, fort von der Erde, ohne ein Halten und ohne Boden, er fiel einfach in den Schlund hinein. Gehörig sauste es ihm in den Ohren. Ein enger Kanal, ein Saugen und Schlürfen, und weit über ihm die fliehende Erde, bis auch sie im Finstern verschluckt war. Eine hurtige Niederfahrt in den Geschichtenschlund war es, in die Ursuppe hinein, aus der die Figuren heraufstiegen, wenn der Flüsterer sie rührte und dichtend verdichtete, ein Gebräu aus Fleischgewordenem.