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Thema: Notiz über meine Oma

  1. #1
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    Post Notiz über meine Oma

    meine Oma ist 89 Jahre alt.
    sie erledigt in 24 Stunden das,
    wozu ich eine Stunde benötige -
    wir haben etwas gemeinsam:
    wir warten beide auf das Ende und
    keiner weiß,
    wann es denn soweit sein wird -
    wir verstehen uns sehr gut
    und gemeinsam lauschen wir den Nachrichten des Tages...

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Notiz über meine Oma

    Ich liebe solche Texte. Sie machen mich sattsam ruhig. Ich arbeitete im Altersheim, um dieser Passion zu frönen, schämte mich dann aber, weil ich eben für mich arbeitete, doch erheuchelte... Nun, der Franke, mein Lehrer, der meinte immer, daß es nichts Schändlicheres gebe als das Pharisäertum, mithin das Leben um eines Buchstabens willen, mithin das Leben um seiner selbst willen. Da nahm ich Abstand.
    Und heute habe ich immer noch diese Bangigkeit im Herzen, wenn ich mich mit alten Menschen unterhalte. (ironische Randnotiz: Manche Menschen sind schon mit zwanzig Lenzen steinalt; bei denen empfinde ich die gleiche Bangigkeit, die gleiche Erwartung des Todes)


    Also, lange Rede für meinen Finger in die Höhe. Alerdings müßten wir über formale Dinge noch mal RADSCHLAGEN.

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Notiz über meine Oma

    Lieber Paul! Ich bin Dir sehr dankbar, daß Du dieses Thema angefaßt hast. Ich habe Deine Erfahrungen, vielleicht nicht in der Dauer, aber ich habe sie. Lies meine Bewältigung, sofern dies hier zutrifft:


    In respektvollem Abstand zu einem gegenwärtig kaum beachteten Dichter aus der mutmaßlichen Blütezeit der Stadt lag auch das Familiengrab der Familie Isas. Edgar blieb stehen. Unter etlichen wuchernden Pflanzen versteckte sich die ihm bekannte Inschrift der Ruhestätte. Laut las er die Namen der Verstorbenen, die ihm ungeläufig bleiben würden; nur einen kannte er, den von Isas Großmutter. Er las ihn laut, mehrere Male.


    Eine schwere Krankheit hatte ihr nacheinander Bewegung, Stimme und schließlich das Leben genommen. Vor einigen Jahren trug er sie auf seinen Armen vom oberen Geschoß ihres Hauses an den Kamin im Paterre. Sie wollte vor dem warmen Feuer sitzen. Die Augen sagten es. Sie schenkten sich manchen Nachmittag die Milde eines vertraulichen Beieinander. Isas Großmutter hatte Edgar lieben gelernt wie er sie. 'Versprach sie nicht, wieder zurück zu kommen?' dachte er. Was immer auch es gewesen sein mochte, Isas Großmutter sprach zu ihm mit ihren Augen, diesen tiefen braunen Augen, die er von irgendwoher kannte. Er spürte noch den leichten Druck auf den Unterarmen, als er sie hinabgetragen hatte vom oberen Stockwerk hinunter an den Kamin, als feststand, daß sie ihr Haus nicht mehr würde nutzen können zu buntem gesellschaftlichem Vielerlei, weil Konvulsionen ihrem Körper die Kräfte raubten und keine Arznei Linderung versprach; als beide im Augenblick, da er sie hinabtrug, wußten, daß sie sich ihm, Edgar, und ihrem Haus anheimbefohlen hatte, daß sie von beiden Schutz und Wärme die verbleibende Zeit des stillen Erwartens annehmen durfte. Und es wurde sogar noch mehr: Eine knöcherne Hand hielt die seine seinerzeit umkrampft, ließ nicht los und war still ein Flehen nach dem Ende. Doch manchmal lächelten nach diesen entsetzlichen Erfahrungen warme aufregende große Augen, und er war froh, daß sie es taten und noch einige Male zu tun versprachen. Und somit saß Edgar an ihrem Bett und versuchte Wünsche aufzufangen, die wie Seifenblasen den Raum füllten. Er erfüllte die geretteten Wünsche schnellstmöglich, holte Wein und Gebäck -ihr Lieblingsessen: in Rotwein getunktes Salzgebäck-, spielte gelegentlich mit ihr ein wenig mühevoll Romme oder Patience oder las aus Büchern vor, die sie ihm zu bestimmen wußte. Die stumme Verständigung war nur anfangs schwierig. Edgar entwickelte ein System zur Bestimmung der Buchstaben mit Hilfe der Augenstellung. Sie übten und eines Tages konnte er in ihren Augen erkennen, welche Worte (aneinandergereihte Buchstaben!!!) ihm Geschäfte oktroyierten, wozu er nur allzugern bereit. Er las also abwechselnd vor und ab, schaute dazu wiederholt in ihr Gesicht, nach neuen Aspekten suchend, nach Einwänden oder Affirmationen seines Tuns, das gerichtet war auf ihr und somit sein Wohlbefinden. Sie war lebendige Vertrautheit für den Geschichtendurstigen, sie war gütig, sie war hold. Im Charme der fast toten alten Dame schwang die Anmut und Vertrauen begründende Güte eben mit, die genannte Charaktereigenschaften urgründet. Güte, das ist Herzenswärme, ist die Achtung jeglichen Lebens um seinet selbst willen, ist die zweithöchste Form des menschlichen Miteinander, nur durch Liebe übertroffen und jedenfalls mit ihr verwandt. Edgar lernte in den Tagen des langen Abschieds den tiefsinnigen Unterschied zwischen Leben und Existieren, kannte nach ihrem Tode den Grund für sein Leben, immer auch ein Ohr zu haben für all jene, die der Sprache nicht mächtig! Hatte nicht sie selbst ihn nur als Kranke kennengelernt und nicht als jungfräuliches und wunderschönes Mädchen? Daß Isa heute ihrer einst jungen Großmutter aufs Haar glich, wer würde dies abstreiten können?
    Wenn Edgar irgendwann gut gewesen war, dann in diesen traurig qualvollen und doch wunderschönen einmaligen Monaten von "Großmutters" körperlicher Marter, da das Leben der alten Dame jeden Tag ein wenig mehr und vor allem spürbar schwand, er zwar litt, aber den langen Abschied willkommen hieß als schlagenden Beweis für die Wiederkehr des liebenden Gefühls. Im Todeskampf der Großmutter fand Edgar den Glauben an die allem zugrundeliegende Wahrhaftigkeit der inneren Stimme. Er lernte zu lieben.


    5.9...


    Sie machte sein Leben sicher, verschaffte ihm die Selbstsicherheit des Zukünftigen. Einerseits.
    Als Isas Großmutter ihn verließ, nahm sie seine Unschuld gegenüber dem Tod mit ins Grab. Andererseits.


    Er kannte seit jenem Tage das Gefühl des Verlustes, des Unwiederbringbaren. Der Tod des geliebten Menschen blieb, auch im metaphysischen Sinn, trostlos. Sie hatte in ihm sich aufgehoben, doch würde sie ihm dennoch fehlen; ein völliges Weiterbestehen ihrer Werte, die nun auch zu den seinen geworden, schien ihm unmöglich. Er litt daran, daß der Tod doch ein unüberwindlicher Feind der Liebe geblieben war, er ihn weder überwinden konnte noch würde durch fürsorgend-praktizierende Abbitte.

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Notiz über meine Oma

    Robert, ich hab dieser Geschichte lange zugehört, sie hat mich sehr angerührt, etwas melancholisch hinterlassen, aber es weigert sich mir, dieses zu kommentieren, es würd der Wirkung ein Verlust werden.
    Was ich jedoch sage: Es hat mich erstaunt, dass es dies noch gibt? Und hat mir den Autor von einer besonderen Seite gezeigt.

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Notiz über meine Oma

    hi paul,


    dein text steuert sein ziel direkt und ohne umwege an, verzichtet auf sprachliche schnörkel, verkrampft nicht, ist gerade dadurch sehr wirkungsvoll.

  6. #6
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    AW: Notiz über meine Oma

    aero, Deine Darstellung der Bewältigung ist wunderbar - offen vor allem, drin ich Wahrheit vermute - nackt beinahe und darob verletzlich - und darob stark!
    Das behagt mir sehrsehr!
    Schön, wenn das Gefühl den Intellekt zu überrumpeln vermag - der Tod ist das beste Beispiel hierfür, aber auch Freiheit, Glaube, Liebe ergeben im theoretischen Sinne nur Buchstabengeschwülste - hierfür verwende man entweder Samthandschuhe oder man lasse doch "einfach" die Arbeitshandschuhe an -
    ein wenig Stirnrunzeln bekam ich durch die Aussage, dass der Tod der Feind der Liebe sein soll - mit der Verbindung Liebe-Tod kämpfe ich schon länger, doch Feindschaft ist falsch -
    die Oma ist tot - Du liebst immer noch -
    Feindschaft?
    ohne itzt Gefühle martern, gar analysieren, gar blanklegen zu wollen - ich würdige dies, sei gewiss!!! - aber da ist irgendwo ein Fehler verborgen... -
    wollen wir ihn finden?


    hezlichst, Paul

  7. #7
    rodbertus
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    AW: Notiz über meine Oma

    Pythagoras und Apoll haben heute Geburtstag, sagt man.
    Geburt und Tod umschließen das Leben, sagt man.

    Ich möchte gerne auf einem Vulkan tanzen, sage ich. Und mir Notizen machen über die Entstehung des Lebens. Das weiß ich.

    Ist ein schöner Ordner, vielleicht einer meiner Lieblingsordner.

  8. #8
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    Cool AW: Notiz über meine Oma

    oh wie schön.
    wärme flutet die elbe längs.


    jau, man kömmt zuweilen nicht umhin, über die entstehung des lebens zu sinn-oder unsinnieren... . just derzeit besfasse ich mich viel mit derlei. über das ich an sich, den freien willen, den menschen, was er ist oder denkt zu sein. was ihn lenkt. gott, biochemie, die liebe. all die schlauen wissenschaftler. der urknall im all, der urknall in der zelle, die hämmernde zeit.
    aber mit zunehmenden alter bahnt sich eine sicherheit an, die das suchen an sich weniger hektisch gestaltet. man ahnt seinen weg. vermag mehr den weisungen des himmels zu lauschen. oder den amseln. oder wer oder was immer von bedeutung ist. und wie vieles nicht. so lange die leidenschaft in einem glüht, ist man am leben.
    und der weg kann nur der der liebe sein. eine allumfassende liebe. sie könnte der quell für schönheit sein. alles andere scheint mir mumpitz.
    jau, ein tänzchen auf dem vulkan muß man zuweilen schon wagen. das leben klopft nicht zu hause im stillen kämmerlein bei einem an und sagt: tag genosse, es geht los. wenn da einer klopft, dann kann's zu spät sein. (bleibt nur die hoffnung, daß wodka und zwiebeln dem sensemann genügen würden, um ihn abzulenken...).
    towarisch, gestern kam mir der gedanke, daß ich diesen sommer den jakobsweg entlang marschieren könnte. heute jener, einfach mal die elbe längs wandern. das wär auch was.
    man weiß nie was kommt.
    sei es ein pilger-paul...


    p.s.: a quadrat + b quadrat ist c quadrat...

  9. #9
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Notiz über meine Oma

    Wie wenig sich doch in manchem ändert. Auch heute noch pilgere ich wöchentlich zum Grabe meiner geliebten Omama, rede mit ihr über Belangloses, meist, zuweilen aber frage ich sie doch, was ich in dem einen oder anderen Falle entscheiden sollte. Die Zahl der geliebten Toten wächst. In diesem Jahr kamen zwei weitere dazu, beide aus einer vergangenen Welt. Ich habe sie überlebt, aber der Preis ist hoch. Ich hoffe, nicht zu hoch.

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