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Thema: Der Abszess (Romananfang)

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Der Abszess (Romananfang)

    Flo hatte sie geweckt. Morgens um vier. Sunny taumelte aus dem Bett, ging ins Bad, sah in den Spiegel und bemerkte, dass ihre stahlblauen Augen noch müde aussahen und dass das schwarze kurze Haar durchzogen von einzelnen silbrigen Strähnen nach allen Seiten abstand, bis sie feststellte, in der Po-Falte tat es weh. Aber nein nicht schon wieder! Eines dieser Biester. Sie hatte wieder einen Abszess am Hintern. Das konnte doch nicht wahr sein! Warum erwischte es immer sie? Sunny machte ein weiteres Licht an und betrachtete das Ding im Handspiegel, denn anders konnte sie es nicht sehen, schließlich hatte sie keinen Gummihals. Danach tapste sie mürrisch ins Wohnzimmer und schaltete den Computer ein.



    Der Bildschirm leuchtete neonfarben und wie Kirschen poppten die Bilder auf, als Sunny nach „Abszess“ googelte. Der Abszess war nicht grün oder blau, denn der Eiterherd war im Moment ein schmerzendes Etwas, das nicht mehr in olivgrün gleich Kriegsfarbe passte, sondern dann doch eher in das Farbschema Rot, Rotkreuz, kranke Farben fiel, was sie dazu veranlasste, endlich mal auf eine andere Internetseite zu gehen… und da, da tauchte etwas beruhigenderes auf, ein Cyan, genannt lAight-Therapie. Sie setzte sich auf die rechte Seite des Hinterns, da es schmerzte, wenn sie auf dem Abszess, der auf der linken Seite lokalisiert war, saß, denn dieser war so geschwollen, dass sie gar nicht mehr wusste, wie sie hier in dem jetzigen Zustand überleben sollte, dass sie doch kaum noch in der Lage war, nach irgendwelchen Krankheitsbildern und deren Heilung zu googeln oder sich selbst mit Zureden im Geiste zu beruhigen. Auch war das Aufpoppen von Farben in diesem Zustand so extrem lästig, dass sie sich sogar überlegte, den Computer mit seinen grellen Farben auszuschalten.
    Stattdessen ging sie nun morgens um halb fünf dazu über, Kaffee zu machen. Das rote Maschinchen sandte sein brummendes Geräusch in ihr Arbeitszimmer, während die braune Flüssigkeit, eine Beruhigungsfarbe, durchrauschte, etwas Milch dazu und der Kaffee war perfekt wie eine kleine Droge, die sie jetzt mit so wenig Schlaf unbedingt brauchte. Im Schlafzimmer hörte sie Flo schnarchen. Nun gut, er hatte sie geweckt und eigentlich war es ja ok, dass er sie geweckt hatte, sie musste sich ja jetzt wieder um diesen blöden Abszess kümmern, der, sogar wenn sie die drei Schritte zum Kaffeemaschinchen ging, enorme Schmerzen verursachte, so als ob da ein Keim in ihr wäre, der gar nicht zu ihrem Körper gehörte, ein Phantomschmerz, der nicht ausschaltbar war.
    Sunny erinnerte sich nicht, wie viele von diesen entzündlichen Stellen sie im letzten Jahr gehabt hatte, 20 vielleicht? Dank der Homöopathie waren sie immer aufgepoppt wie die roten Farben auf dem Bildschirm. Gelb kam dann Eiter heraus, als ob man Popcorn zum Platzen brachte. Die Kügelchen, sie musste sie nehmen, damit der Eiterherd nicht verschlossen blieb. Sie warf jeweils drei Kügelchen von zwei verschiedenen Mitteln ein und löste drei weitere in Leitungswasser auf, das sie nach Anweisung des Homöopathen über den Tag verteilt schluckweise gegen die Schmerzen trinken sollte.
    Mit dem Kaffee und einer Zigarette setzte sie sich an die Balkontür, schaute in den dunklen Garten und lauschte, wie die Vögel in neongelben Farben auf sie ein piepsten, wobei sie einen Ton heraus hören konnte, der wie ihr eigener Handy-Wecker klang, knallpink.
    Sunny wandte sich wieder dem Bildschirm zu und las alles, was die lAight-Therapie betraf im Internet durch. Ursprünglich war ein Gerät, das zu kosmetischen Zwecken eingesetzt worden war, entdeckt worden, um auch die Abszesse zu lindern. Es brauchte keinen OP-Eingriff, den sie vor Jahren schon hinter sich gebracht hatte und in sehr schlechter Erinnerung hatte, denn der Eingriff hatte gar nichts gebracht, da die Abszesse wieder kamen. Die lAight-Therapie dagegen arbeitete mit elektromagnetischen Wellen, genauer Licht und Radiofrequenz. Mit der Therapie konnte die Lebensqualität der Patienten erheblich erhöht werden.
    Sie sah auf die Uhr: halb sechs. Ohje, das war ja noch ewig bis die Praxis in Mainz, die die lAight-Therapie anbot, öffnen würde. Was sollte sie an diesem schwarzen Morgen bloß machen? Weiter Kaffee trinken und rauchen? Die Option, ins Bett zurück zu gehen verwarf sie, denn wie sie sich kannte, würde sie sich nur von einer Seite auf die andere werfen, ohne auch nur ein Sekündchen in erholsamen Schlaf zu fallen und das Schnarchen von Flo machte es nicht besser, denn es tönte immer noch bis hierher in ihr Arbeitszimmer.
    Sie könnte ja an einem Gedicht und einer Skizze für die Leinwand weiterarbeiten, aber mit diesen Schmerzen im Hintern? Aber da kam es ihr wieder in den Sinn, dass der Homöopath ihr empfohlen hatte, wenn sie so ein Ding am Hintern hätte, sollte sie ein Handtuch nehmen, es zu einer Wurst wickeln und als Ring auf den Stuhl legen, so dass die schmerzende Stelle keinen Druck bekomme. Gedacht, getan. Der Ring war nun perfekt und sie konnte sich an die Arbeit wagen.
    Flo stieß gerade wieder einen lauten Schnarcher aus und ihr fiel ein, dass seine Augen öfters aussahen, als ob es in ihnen blutete, die Äderchen im Weiß des Auges, dem Augapfel rot gefärbt. Dabei fragte sie sich, warum es Augapfel hieß, ein Apfel war schließlich grün oder rot, aber nicht weiß. Und jedesmal, wenn eines seiner Augen von roten Äderchen durchzogen war, dann schmerzte sie dies so sehr, dass sie Angst bekam, er könnte nichts mehr sehen oder sogar daran sterben. Plötzlich hatte sie wieder so eine Angstattacke. Ihr gesamte Oberleib inklusive Brustkorb und Bauch krümmte sich zusammen, um einen Klumpen pochendes Gedärm in ihrem Magen zu hinterlassen, so dass sie in dem Moment nicht wusste, ob sie eine Atemübung machen sollte oder endlich ein Wort auf das Weiß des Papiers hinterlassen sollte. Sie atmete viermal laut aus, trank danach eine halbe Flasche Mineralwasser und dann kam die Hitzewallung. Das Blut stieg ihr in den Kopf, Schweißperlen sammelten sich auf der Stirn und am liebsten wäre sie in die Dusche gestiegen, aber stattdessen schrieb sie mit schwarz auf weiß:
    Wenn dein Auge blutet, krümmt sich meine Seele an dir, weiß ich doch, ich werde blind.
    Die Attacke war weg und sie kicherte in sich hinein, denn dieser Satz war sowas von gelungen. Kurz überlegte sie sich, ob sie zur Belohnung etwas essen sollte, unterließ es aber, denn seit sie in den Wechseljahren war, hatte sie schon einige Kilos zugelegt, was ihr gar nicht gefiel, war es doch so, dass man sich dann selber hasste und sich wie ein Nilpferd auf dem Trockenen fühlte. Ihre Gedanken schweiften weiter zu einem Ausspruch, den mal eine Freundin getätigt hatte und dann musste sie so darüber lachen, dass sie auf Facebook teilte: „Wenn Frauen in die Wechseljahre kommen, werden sie entweder zur Kuh oder zur Geiß.“ Manche Frauen konnten nur an einer Konditorei vorbeilaufen und hatten schon zwei Kilo mehr auf den Hüften, andere dagegen konnten ganz viel essen, halbierten sich aber trotzdem. Und die letzteren sahen doch ziemlich ungesund aus, während, wenn man ein paar Kilos mehr hatte, immer noch prächtig ins pralle Leben schaute.
    Sie bewegte ihren Hintern von links nach rechts, es schmerzte, sie schlug die Beine übereinander, es schmerzte. Wohin mit diesem blöden Ding am Hintern? Am liebsten hätte sie es einfach so im Abfall entsorgt, aber es klebte an ihr wie Tapetenkleister. Das war ja wie die Pest, Beulenpest. Und Pest war eindeutig schwarz, dunkel, liederlich, verschlagen.
    Sie sah auf die Uhr. Mittlerweile war es sieben Uhr morgens, aber immer noch zu früh, um in der Arztpraxis anzurufen. Vielleicht sollte sie Flo wecken? Sie tapste ins Schlafzimmer und da lag er immer noch zufrieden schnarchend. Nein, sie durfte ihn nicht wecken, da er ja immer so spät ins Bett taumelte.
    Mittlerweile war es hell geworden. Sommer, Sonne, nur sie hatte wieder einmal nichts davon, denn mit einem Abszess ins Freibad zu gehen, war einfach unmöglich, denn man denke nur, das Ding platzte beim Schwimmen und die ganzen anderen Badegäste müssten ihren Eiter schlucken oder das Ding entzündete sich an dem, was die anderen Badegäste in das Becken entleerten. Man musste das jetzt auch nicht ausführen. Aber Schwimmen ging nicht, obwohl Sunny so gerne schwamm. Wie ein halber Fisch konnte sie durch das Wasser gleiten, nein, eigentlich war sie ein kleiner Delphin, dem nur die Rückenflosse fehlte. Laufen ging auch nicht in dem Zustand, da das Ding bei jedem Schritt schmerzte, Radfahren noch viel weniger, denn das würde die Stelle ja noch mehr anheizen, also war sie mal wieder zum Stillstand gezwungen, was bestimmt wieder ein Kilo mehr auf der Waage bedeutete. Sie seufzte laut auf. Das alles war schlichtweg eine Katastrophe.
    Plötzlich raschelte es im Schlafzimmer, Flo stand auf. Und kurz darauf stand er in ihrem Arbeitszimmer. Er schien es fast auszufüllen, so breit und groß war er, ein Bulle von einem Mann mit längerem kastanienbraunem dichtem Haar und Augen so schwarz wie Löcher.
    Sunny, was ist los, meine Kleine?“
    Es ist zum Heulen, Flo! Ich hab wieder so ein Ding!“
    Oh nein, das kann nicht sein!“ Dabei nahm er sie in den Arm.
    Sunny schluchzte in seinen großen Bauch, der sich ganz warm anfühlte wie bei einem Grizzly-Bär und dabei dachte sie, dass es doch so tröstlich war, dass sie ihren Flo, der eigentlich ein Bär war, hatte. Er würde sie nie verlassen, da war sie sich todsicher.
    Ich habe gegoggelt, Flo, da gibt es eine neuartige Therapie, ich rufe da nachher gleich mal an.“
    Seine Augen blitzten erfreut, leuchten konnten sie nie, da sie so schwarz waren.

  2. #2
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Der Abszess (Romananfang)

    Ah, Bowle lockt mal wieder mit einem Romananfang... Besprechung später. Erster Eindruck: nicht so eklig, wie es zu erwarten war. Ich suche mal den Aufhänger.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Der Abszess (Romananfang)

    Danke Robert für die Rückmeldung. Ich schreibe da an einer Apokalypse, die sich am Ende extrem zuspitzt...

  4. #4
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Der Abszess (Romananfang)

    abgefahrene Story - hoffe es geht auch so weiter
     
    habs mal für mich...nicht als Kritik...im Präsens geschrieben - einfach nur zum Vergleich
     
    Um vier Uhr morgens von Flo geweckt, taumelt Sunny aus dem Bett, geht ins Bad, schaut in den Spiegel und bemerkt, dass ihre stahlblauen Augen noch müde aussehen, das schwarze kurze Haar - durchzogen von einzelnen silbrigen Strähnen - nach allen Seiten absteht. In der Po-Falte spürt sie einen Schmerz. Nein, nicht schon wieder eines dieser Biester - ein Abszess am Hintern. Das kann doch nicht wahr sein! Warum erwischt es immer sie? Sunny knipst ein weiteres Licht an und betrachtet das Ding im Handspiegel, das ohne Gummihals anders nicht zu erspähen ist. Mürrisch tapst sie ins Wohnzimmer und schaltete den Computer ein.


    Der Bildschirm leuchtet neonfarben. Während Sunny nach Abszess googelt, erinnern aufpoppende Bilder an reife Kirschen.

  5. #5
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    AW: Der Abszess (Romananfang)

    Liebe anderedimension,
    das ist lustig, ich habe das Exposé im Präsenz geschrieben und die Story in der Vergangenheit. Würdest du echt das Präsenz wählen?
    Wäre gut zu wissen!
    Ja, die Story geht so abgefahren weiter...
    Liebe Grüße Patina

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Abszess (Romananfang)

    Präsens, nicht Präsenz, Bowle!

    Bei Abszeß klinke ich mich aus. Das schlägt mir Hypochonder dann zu sehr auf den Magen. Mit Weltuntergangsszenarien, Dystopien, die schwer in Mode sind, oder kruden Splatter-Geschichten habe ich eher weniger Probleme, aber diese Hautsachen sind für mich eklig.

    Zur Geschichte nur so viel: Wenn Du das alles in Präsens schreibst, wird es greifbarer, vielleicht auch spannender. Es wird aber auch schwieriger für Dich, den Überblick zu behalten.

  7. #7
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    AW: Der Abszess (Romananfang)

    Hallo Robert, ja natürlich Präsens, sorry!
    Dann würdes du es also nicht lesen wollen, oder?
    Mal sehen, was ich mit dem Präsens oder der Vergangenheit mache, ich stehe im Moment ja noch am Anfang... und habe Zeit zu überlegen.

  8. #8
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Der Abszess (Romananfang)

    Hallo Patina,

    jede Zeitform hat so ihre Vor-und Nachteile. Nachteil des Präsens: Gefühle...die aus einer rückblickenden Betrachtung erwachsen...wie z.B. die Wehmut...finden im Präsens quasi nicht statt...weshalb Dichter gerne zur Vergangenheitsform greifen. Das, was gerade im Moment passiert...kann erst später zu einem "großen Gefühl" verarbeitet werden - das gilt z.B. auch für den Hass. In jenem Moment...in dem dir ein anderer vermeintlich etwas angetan hat...wirst Du diese Person nicht direkt dafür hassen. Dieses Gefühl baut sich erst auf. Die Tragweite eines Ereignisses wird dir erst in der Zukunft bewusst.

    Für deine Geschichte spielt es vermutlich keine so große Rolle...zu welcher Zeitform Du greifst, da tiefe Emotionen wohl nur eine untergeordnete Rolle spielen werden. Der Präsens hat halt den Vorteil, dass Du gezwungen bist dicht an deiner eigenen Geschichte zu bleiben - das macht diese authentischer. Synergieeffekt sind die "weichen" Verben und Adjektive, die Du im Präsens erntest - "leuchten" klingt halt schöner als "leuchteten"...und verzaubern schöner als verzauberten. Im Einzelfall nicht von großer Relevanz...aber in der Summe kann das den Unterschied ausmachen.

    Gruß, A.D.

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Der Abszess (Romananfang)

    Liebe anderedimension,
    die tiefen Emotionen kommen aber noch im Laufe des Romans. Also, dann doch lieber die Vergangenheitsform?
    Herzlichen Dank und liebe Grüße
    Patina

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