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Thema: Notiz über Nichts

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Notiz über Nichts

    Notiz über Nichts


    Wann ich es zum ersten Mal bemerkte? Vielleicht als die Meise im Frühling gegen die Scheibe flog. Ich dachte nur - plopp - das war alles. Ich trat ans Fenster, sah den Vogel an, den Kopf seitlich verdreht lag er auf den Fliesen der Terrasse. Ein kurzes Zittern, dann war er nur noch ein Büschel Federn.
    In diesem Augenblick wartete ich auf einen Anflug von Trauer, ein leises Bedauern - kein großes Gefühl, nur eben ein zucken der Seele - aber nichts geschah.


    Von diesem Tage an beobachtete ich mein Verhalten genauer. Die Veränderung war kaum zu bemerken, so langsam verfiel in mir das, was der Mensch gemeinhin als Seele bezeichnet.

    Ich bin ein alter Mann, andere haben offene Beine, Herzstörungen oder das Gehirn wird porös. So nahm ich es gelassen hin, warum soll sich nicht die Seele auflösen? Ich fühlte kein Leid. Kennen Sie Wundbrand? Heutzutage gibt es so etwas nur noch selten, oder nehmen sie Lepra. Fäulnis ist schmerzlos, stinkt höchstens.
    Nach einiger Zeit meinte ich in meinem Atem einen süßlichen Geruch zu bemerken. Seit dem trage ich immer ein Mundspray bei mir.
    Sie könnten jetzt denken, der arme alte Mann, einsam ist er sicher, bräuchte eine Familie, Freunde. Das würde helfen. Ich muß sie enttäuschen. Meine Kinder wohnen in der Nachbarschaft, die zwölf Enkel besuchen ihren Opa gerne. Bisweilen glaube ich sogar, sie lieben mich umso mehr, je weniger ich empfinden kann. Auch meine Söhne suchen jetzt öfter Rat bei mir.

    Als es Herbst wurde schienen die letzten Spuren meiner Gefühle getilgt. Mein jüngster Enkel stürzte bei einem Besuch die steile Steintreppe hinunter. Ich sah in verschwinden, hörte das Überschlagen seines kleinen Körpers auf den Stufen. Stille.
    In diesen Sekunden suchte ich nach Empfindungen. Außer einem unwilligen Schreck konnte ich nichts feststellen. Dennoch wusste ich was zu tun war, rannte hinunter, hob den Jungen hoch - da begann er auch schon zu brüllen. Aber wenn er ruhig geblieben wäre, mit gebrochenem Genick? Es hätte mich nicht berührt.
    Damals bemerkte ich die Leere. Die Abwesenheit von Trauer, die Unfähigkeit zu Empfinden. Gefühllos.
    Ein Wort, leicht ausgesprochen. Sie selber haben es sicher schon einmal jemanden vorgeworfen. Aber sie wussten nicht wovon sie sprechen. Kein Mensch der es nicht erlebt hat, kann es sich vorstellen. So wenig wie jemand sich den Tod vorzustellen vermag. Es ist das Nichts, aber umgeben von einem lebendigen Körper, einem denkenden Geist. Sie mögen jetzt sagen, dies sei unmöglich. Das Nichts kann nicht umhüllt sein. Ich will ihnen nicht widersprechen, sie können es glauben oder nicht. Dies ist ein Bericht, keine Bekenntnis.
    Noch immer bemerkte niemand eine Veränderung. Ich wurde oft eingeladen, war ein beliebter und willkommener Gast. Wo meine Kinder früher Geheimnisse vor mir hatten, sprachen sie nun die intimsten Dinge vor mir aus. Wollten meine Meinung hören.
    Sollte die Seele nur störend gewesen sein? So fühlte ich zwar keine Nähe, verstieß aber keinen durch hitzige Urteile.
    Trotzdem fehlte mir etwas im Leben. Das kann ich nicht abstreiten. Diese kurzen Augenblicke?., sie wissen schon, diese Momente von Glück, die Sorgen, das zornige Grübeln. Hilflosigkeit. Ja, selbst die kann einem Menschen fehlen. Ich war perfekt geworden - mir fiel kein anderes Wort dafür ein, so unpassend es auch erscheinen mag.
    Kurz vor Weihnachten nahm ich einen Anlauf Gefühle in mir zu wecken. Welche Jahreszeit wäre für einen alten Mann geeigneter? Der Frühling sicher nicht mehr. Hörte sentimentale Lieder, ging sogar in die Kirche, bastelte eine Krippe und schmückte am 23. Dezember einen üppigen Christbaum. Morgen würden sie alle zu mir kommen, fast die ganze Familie. Insgeheim hoffte ich, völlig lächerlich, auf die Nacht - hatte ich doch eben noch die Wehnachtsgeschichte von Dickens gelesen.
    Am Morgen erwachte ich leider nicht als neugeborener Scrooge. Alles war wie immer. Keine Freude aber die Gewissheit alles geregelt zu haben. Plötzlich fiel mir ein, das Geschenk für meinen ältesten Enkel Karl war noch nicht fertig.
    Er war ein etwas zurückgebliebener Junge von fast achtzehn, der aber Gemüt und Verstand eines Kindes hatte. Nicht wirklich verblödet, gutmütig und in einer eigenen Welt lebend, half er meinem Sohn auf dem Hof. Er versorgte die Tiere, sprach beim Melken mit den Kühen, liebte sogar die Schweine. War immer fröhlich.
    Karl hatte sich von mir ein Portrait zum Fest gewünscht, ein Bild von mir, seinem lieben Opa. Da ich früher Grafiker war, dürfte mir dies nicht schwer fallen. Mit einem Zeichenblock auf den Knien setzte ich mich vor den Garderobenspiegel. Haaransatz, Gesichtskonturen waren schnell skizziert. Aber als es an die Augen ging, den Mund starrte ich immer wieder in den Spiegel, versuchte zu behalten, was ich dort sah, es aufs Papier zu bringen. Ohne es zu wirklich zu bemerken, malte ich erst kleine schwarze Kreise für die Augen.
    Ich musste sie immer größer malen, bis sie sich zu einem dunklen Rund vereinigten, das immer weiter wuchs und schließlich zu meinem Gesicht wurde.
    Als ich das Bild sah, fühlte ich einen unerwarteten Schmerz.




    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 21. Oktober 2002 editiert.]

  2. #2
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    AW: Notiz über Nichts

    Ich glaube, die gefällt mir. Die Notiz. Gar am besten von allen.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Notiz über Nichts

    Ich habe mich gefragt, ob das von Dir. Zu sicher schlüpfst Du in die Haut eines alten Mannes. Dem, der intensiv gelebt, wird irgendwann auch das Teuerste wurscht, Gefühle sterben.
    Paule sagt es, Deine beste Notiz. Gott sei Dank mir noch nicht wurscht.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Notiz über Nichts

    Einfühlsam ist es schon niedergeschrieben, aber doch ein wenig unglaubwürdig. Es besitzt zu viel Kraft, da es aus der Innensicht des schlappen Alten niedergeschrieben wurde. Da sollte ein Gran mehr Aphasie die Sprache schänden. Es ist alles klar, beängstigend logisch, wie der Zerfallsprozeß beim Alten selbst eine Geschichte zum besten gibt. Andererseits wird in diesem text übers Nichts zu viel vom Ichts gesprochen, zu viele Gefühle, Ramdösigkeit und Tränendrückerei. Dadurch wirkt das alles, Prozeß, Entwicklung, Innensicht, konstruiert und unglaubwürdig.

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