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Thema: Eine andere Art der Liebe

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Eine andere Art der Liebe - Erzählung

    Eine andere Art der Liebe


    Raiser klopft seinen Oberkörper ab. Er senkt die Arme. Seltsam, er hätte wetten können. Er tritt zu seinem Mantel. Der hängt an einem aufdringlichen Haken neben der Eingangstür. Raiser findet in der Innentasche die Zigaretten und das Feuerzeug.
    Ich darf nicht rauchen. Das ist der Grund für die schlecht durchbluteten Beine. Das hat der Arzt gesagt.
    Raiser ist neunundreißig. Mit vierzig ist Schluss mit dem Rauchen. Vierzig ist die Hälfte des Lebens. Das wäre doch etwas. Jetzt ein Krebs, nachdem er die Stelle von Kerner hat und Geld verdient. Christine muss nicht mehr Halbtagsjobs machen. Sie kann zu Hause bleiben. Raiser hat gesund zu bleiben. Das ist er Christine und dem Büro schuldig.
    Er raucht nur noch in Ausnahmesituationen. Der Gedanke ist ein gutes Alibi. Nur noch in Ausnahmesituationen rauchen. Auf jeden Fall weniger rauchen. Zwei Schachteln am Tag waren zu viel. Das weiß er auch ohne Arzt, erzählt ihm schließlich sein Schwager Henri bei jedem Treffen. Der isst nur noch vegetarische Vollkost und macht Jogging. Gut, das ist nicht schlimm. Jeder hat das Recht, den Tag auf seine Weise kaputt zu machen. Was ihn stört, ist das Sendungsbewusstsein, das Henri hat. Raiser käme mit seinem Schwager gut aus, wenn diese Unart nicht wäre. Ihm gefällt Henris Lächeln. Raiser sieht dann Christine, wie sie früher war.
    Jetzt ist eine Ausnahmesituation. Raiser bringt sein Anzünderitual ruhig hinter sich. Niemand hier im Wartezimmer braucht zu bemerken, wie nötig er den Tabak hat. Das geht nur ihn und seine Beine etwas an.
    Er wird beobachtet. Das spürt er, ohne aufzusehen. Dafür hat er einen Sinn entwickelt. In dem Großraumbüro, in dem er bisher arbeitete, wurde er immer beobachtet. Raiser spürt ein Zielen über der Nasenwurzel, genau in der Mitte der Stirn, an der Stelle, die seine als Schutz vor der Flamme des Feuerzeugs hochgezogenen Augenbrauen erreichen. Es ist ein kaltes Zielen, das er tief im Schädel spürt. Es kitzelt ihn. Aber noch sieht er nicht auf. Das wäre eine Blöße. Raiser überlegt, ob ihn eine der Frauen im Wartezimmer betrachtet. Der Gedanke gefällt ihm. Obwohl er meist treu ist, mag er kurze, erwartungslose Flirts.
    Er versucht, sein Feuerzeug mit einer lässigen Handbewegung zu schließen. Dabei bemerkt er Unruhe. Sein Körper zittert. Der Unterleib ist kalt. Raiser nimmt einen tiefen Zug. Da ist ein beifälliges Nicken in seiner Lunge, als könne sie nur mit diesem Rauch richtig atmen.
    Raiser sieht auf und seinem Beobachter in die Augen. Er hatte recht. Es ist eine Frau, leider nicht die, auf die er gehofft hat. Die kümmert sich gar nicht um ihn. Die andere, die Fette, ist es. Sie sieht allerdings sofort weg, runter in die Illustrierte, die auf ihren Oberschenkeln liegt.
    Jetzt ist Raiser am Zug. Er beobachtet. Er ist der Meinung, dass er das gut kann: Die Fette ist in seinem Alter, vielleicht ein wenig jünger. Trotzdem sieht sie verbraucht aus, aufgedunsen, speckig. Das lockige, blonde Haar ist unvorteilhaft, verlogen. Ihre Bluse spannte über der beachtlichen und sehr tief auf dem Bauch aufliegenden Brust. Sie trägt eine Jerseyhose. Soll wohl das Fett verbergen, aber Raiser glaubt eher, es sei die einzige Sorte Hose, die dehnbar genug ist, ihr ein bequemes Sitzen zu ermöglichen. Er mag keine Jerseyhosen. Er verbindet mit ihnen penetranten Schweißgeruch.
    Raiser ekelt sich. Der schlechte Geschmack auf der Zunge kann aber auch von der Zigarette kommen. Es ist seine erste in dieser Woche.
    Aber noch sieht er nicht weg. Etwas fehlt noch. Raiser nimmt noch einen Zug und wartet. Diese Zigarette schmeckt überhaupt nicht. Der erste Zug war wunderbar gewesen, aber jetzt schmeckt der Rauch abgestanden, lau, da ist ein widerlicher Belag auf der Zunge.
    Endlich blickt die Fette auf. Das musste kommen, darauf hat Raiser gewartet: Sie muss kontrollieren, ob er sie noch beobachtet. Nun ist sie ertappt, hat er sie. Ein kurzer Augenaufschlag, ein schnelles Wenden des Kopfes, Hilfesuchen im Raum. Alle sind mit sich und den Zeitschriften beschäftigt. Ihr Blick taucht erneut in die Illustrierte.
    Sie ist rot geworden, bildet sich Raiser ein. Sie schämt sich. Er tritt nahe an die Frau heran, drückt seine halbgerauchte Zigarette in einem Aschenbecher auf dem niedrigen Tisch vor ihr aus. Sie reagiert nicht, starrt in ihr Magazin. Ruhig lehnt sich Raiser wieder an die Wand, schließt halb die Lider.
    Seine Unruhe ist nicht vergangen, sie ist nicht einmal kleiner geworden, aber jetzt tritt Langeweile neben sie. Beide gemeinsam erzeugen zerfahrene Leere in seinen Gedanken. Raiser ist nun Körper und spürt. Der schwache Harndrang und das flaue Krampfen des Magens treten hervor. Er lehnt und bildet sich ein, Zeuge am Entstehen seines ersten Magengeschwürs zu sein. Raiser hat genau den Punkt, in dem sich die sanfte Übelkeit fast zum Schmerz verdichtet.
    Er erinnert sich flüchtig an ein Molierestück, das er kürzlich im Stadttheater gesehen hat. Er kehrt zurück von seinem Ausflug in den eigenen Körper und entscheidet sich, zornig zu werden. Der Warteraum ist voll, abgefüllt. Raiser ist nicht der einzige, der steht. Auch die anderen Wartenden werden langsam unruhig.
    Raiser kontrolliert mit einem schnellen, zornigen Bick die Uhr, drei, vier Leute im Raum ahmen sofort diese Geste nach. Er wartet jetzt beinahe eine Stunde. Wieder zählt der die Personen, die vor im da waren, es sind noch immer drei Leute.
    Ich hätte zu Hause frühstücken können. Ich nehme mir einen Tag frei und stehe mir im Wartezimmer die Beine in den Bauch. Dabei muss ich noch wegen der Lohnsteuerkarte meiner Frau ins Einwohnermeldeamt. Die schließen Mittags. Ich will doch nur einen Befund abholen, den kann mir doch auch die Kleine am Empfang geben!
    Hier entsteht ihm ein Gedanke, wird beherrschend, deutlich löst er sich aus dem wirren Knoten der anderen. Diesen Gedanken verdrängt er schnell. Von ihm will er nichts wissen.
    Und wenn sie etwas ernsthaftes gefunden haben?
    Das ist der Gedanke, den er nicht brauchen kann.
    Die Tür neben ihm öffnet sich ein wenig. Die Arzthelferin streckt schüchtern ihren Kopf durch den entstanden Spalt, muss den Namen wiederholen, bis Raiser bemerkt, dass er gemeint ist. Er hebt er sich von der Wand, sieht kurz und entschuldigend in die Runde.
    Raiser geht hinter dem Mädchen her. Sie sieht gut aus. Ärzte wählen ihre Sprechstundenhilfen nicht unbedingt nach sachlichen Gesichtspunkten aus. Das ist ihm symphatisch, erinnert ihn an seine Sekretärin.
    Das Mädchen öffnet eine Tür, verzieht den Mund zu einer eingeübten, freundlichen Maske.
    "Nehmen Sie doch bitte schon einmal Platz", sagt sie, "der Herr Doktor kommt sofort."
    Raiser murmelt ein paar Worte, verfolgt den schwungvollen Abgang, die Beine unter dem knielangen weißen Rock.
    Wäre nicht schlecht, wenn ich Zeit hätte...
    Seine Hose ist ihm im Schritt zu eng. Er sucht sich schnell einen Stuhl, interessiert sich für den Raum, in dem er nun sitzt.
    Hier sieht es ihm nicht wie ein medizinischer Untersuchungsraum, sondern nach dem Empfangzimmer eines Rechtsanwalts aus. Hübsch nach Farben sortierte Fachbücher beherrschen die Regale der linken Wand. Ein impressionistischer Druck hängt hinter dem Schreibtisch. Er ist aus schwerem Holz, die Arbeitplatte zumindest aus Marmorimitat. Geöffnete Aktenordner und kleine gelbe Notizblätter liegen auf ihr. Der Chefsessel dahinter hat einen dunkelbraunen, brüchigen Lederbezug. In der Ecke steht ein PC, dessen Bildschirm Werbung für ein Kopfschmerzmittel macht.
    Der Stuhl, auf dem Raiser Platz genommen hat, wirkt schon weit weniger ehrfurchtgebietend. Und er ist niedrig, unbequem und quietscht, wenn er sich bewegt. Raiser fühlt sich wie ein Schüler, der wegen eines dummen Streiches auf den Direktor warten muss. Seine Erektion fällt so schnell in sich zusammen wie sie kam.
    Hier ist rauchen sicherlich verboten. Erstaunlich genug, dass man im Wartezimmer...
    Durch eine Seitentür, die Raiser bisher nicht bemerkt hat, kommt der Arzt herein. Er trägt ebenfalls die freundliche, aufgeschlossene Maske. In den Augen hat er diesen „Ich-glaube-an-das-Gute-im-Menschen“-Blick, der Ärzte und Pfaffen so vertrauenserweckend wirken lässt.
    Und Psychologen. Die üben das, glaube ich.
    Raiser steht unsicher auf.
    Der Händedruck ist selbstverständlich fest und trocken. Der Arzt weiß den Namen seines Patienten, ohne auf den schmalen Akt in seiner linken Hand zu sehen.
    „Nehmen Sie doch bitte wieder Platz, Herr Raiser. Wie geht es Ihnen heute?“ Er geht um den Tisch herum und setzt sich energisch in seinen Sessel.
    Tatkraft, denkt Raiser, Lebensbejahung.
    Er nickt nur. Er weiß: Der Arzt bereitet mit dieser Frage nur vor.
    „Ist denn Ihre Frau heute nicht mitgekommen?“ Der Doktor lehnt sich nach vorn, über die Marmorplatte. Natürlich, er verschränkt seine Arme nicht. Er ist offen, spricht ein akzentuiertes, gedehntes Hochdeutsch. So würde Raiser nur mit Kindern oder Ausländern reden.
    „Nein“, antwortet er, lehnt sich zurück. Die Lehne seines Stuhles quietscht.
    Ich verschränke meine Arme, ich halte Abstand.
    Der Gedanke ist wiedergekehrt. Raiser erwartet schlimme Nachrichten.
    „Ja, Herr Raiser, die Probe ist ausgewertet. Ich habe das Ergebnis hier“, sagt der Arzt zögernd und macht eine Kunstpause.
    „Ja“, wiederholt er, als ihm Raiser nicht antwortet, „es ist, wie wir erwartet haben: Ihre Frau, das wissen wir ja von den Untersuchungen, ist organisch völlig gesund: Sie ist in der Lage, ein Kind zu empfangen und auszutragen. Auch psychische Ursachen sind ja doch, so weit abzusehen, auszuschalten.“
    Raiser wartet. Nichts neues bisher, aber jetzt lässt er die Katze aus dem Sack.
    „Ich habe Ihre Probe ins Labor geschickt. Das Ergebnis des Spermiogramms ist jetzt definitiv. Es tut mir aufrichtig leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Sie sind im Augenblick nicht zeugungsfähig...“
    Jetzt sieht Raiser auf.
    „Ja, sehen Sie, Herr... ahm, Raiser, es ist so: Einfach ausgedrückt ist Ihr Sperma verändert, es ist nicht fähig, sich zum Ei in der Gebärmutter vorwärts zu bewegen. Im Normalfall sind etwa 20 % der Spermien eines Ejakulates unbeweglich oder unreif. Bei Ihnen sind es nahezu alle. Das heißt, ihre Spermiogenese funktioniert nicht, wie sie sollte. Warum das so ist, lässt sich noch nicht sagen, dazu müssen wir eingehende Untersuchungen machen. Es gibt wahrscheinlich nicht nur eine Ursache. Umweltgifte, ja, Allergien spielen da eine Rolle, Spätfolgen von Erkrankungen, auch Hitze, wie in der Sauna zum Beispiel..., äh, in Amerika leidet laut neuesten Untersuchungen bereits jeder achte Mann zeitweise daran. Hier...“
    Der Arzt beginnt nun näher zu erklären. Er nimmt sich Zeit, seine psychologische Aufgabe ernst, zeigt Mikroskopaufnahmen von Raisers und von gesundem Sperma, hat Statistiken bei der Hand.
    Raiser sitzt wie betäubt. Er hört kaum, versteht wenig und nickt unaufhörlich. Sein Magen schmerzt wieder, er ist übersäuert, Sodbrennen steigt die Speiseröhre aufwärts.
    Raiser erkennt: Er ist schockiert.
    Nicken, das kann er.
    Aber sonst?
    Was ist eigentlich so schlimm an dieser Eröffnung, die er halb erwartet hat? Was ändert sich? Gut, kein Kind dann eben, zumindest nicht jetzt. Das ist doch nicht so schlimm.
    Also liegt es an mir. Christine hat die erniedrigenden Untersuchungen ganz umsonst gemacht. Hätte ich mich nur früher überreden lassen, mein Sperma untersuchen zu lassen.
    Warum ist er dann so entsetzt? Was schockiert ihn an den Aufnahmen seiner Spermien mit ihren abgeknickten, verdoppelten Schwänzen und ihren deformierten Köpfen? Sie sehen lächerlich hilflos und schwach aus. Sie sind verkrüppelt. Und sie kommen aus Raiser, aus seinem Selbst. Etwas versinkt, ein Selbstwertgefühl, eine Entscheidungskraft.
    Der Arzt redet. Sein Thema sind nun wieder die Ursachen, die er im Augenblick nur mutmaßen könne, da Raiser organisch gesund sei. Umweltverschmutzung, Hypothyreose, Gifte in den Lebensmitteln, allergische Reaktionen, ungesunde Lebensweise...
    „Sie rauchen, nicht wahr? Aber daran kann es eigentlich nicht liegen.“ Atempause, dann jovial:
    „Das kann jedem passieren. Damit ist Ihr Wunsch nach einem Kind aber nicht unerfüllbar. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Veränderung an Ihren Spermien eine vorübergehende ist. Ich empfehle Ihnen dringend weitere Untersuchungen. Sie wissen, es gäbe da beispielsweise noch die Möglichkeit, ein Kind zu adoptieren, Sie sollten sich das gemeinsam mit Ihrer Frau ernsthaft überlegen...“
    Der Arzt redet weiter, immer weiter. Er öffnet und schließt seinen Mund, stößt Laute aus, die Raiser nicht versteht. Er nickt.
    Ich muss das erfassen. Was bedeutet das? Mir ist schwindlig, auch mein Atem ist anders. Der Arzt müsste das doch bemerken. Ich glaube, ich gehe gleich nach Hause, die dumme Lohnsteuerkarte muss eben warten. Ich werde mich ein wenig hinlegen. Ich muss jetzt nachdenken. Der Arzt steht auf. Was sagt er?
    Auch Raiser hebt sich aus seinem unbequemen Stuhl. Das geht problemlos, trotz des Schwindels. Nur die Beine sind wieder einmal eingeschlafen.
    Der Arzt nimmt ihn bei der Hand, will beruhigen. Raiser sieht ihn überrascht an.
    Der ist älter als ich dachte. Er hat Falten. Wahrscheinlich ist sein Haar gefärbt. Vielleicht trägt er auch eine Perücke. Aber eine gute, ich sehe keinen Ansatz. Nein, das ist sein eigenes Haar, aber er hat es getönt.
    Raiser will lächeln und sagen, dieser Beruf sei doch ganz schön anstrengend. Immer fröhlich und optimistisch sein. Er könne das nicht. Er will damit auch weiteren Vertröstungen zuvorkommen, zeigen, dass er verstanden hat.
    Aber da fällt ihm sein Schwager ein. Bevor er sein Sodbrennen hinunterschlucken kann, sagt der Arzt:
    „Sehen Sie, Herr Raiser, das ist kein Beinbruch. Sag ich immer. Sie sind genauso Mann wie vorher. Auf Ihr Geschlechtsleben hat das alles keinen Einfluss.“
    Mach jetzt keinen Witz, denkt Raiser. Bitte. Mach keinen Witz.
    Die Miene des Arztes wird augenblicklich ernst, als habe er Raiser verstanden.
    „Ich kann verstehen“, sagt er, „dass Sie diese neue Situation im Moment etwas überfordert. Sie müssen ins Reine kommen. Das benötigt seine Zeit. Lassen Sie sich vorne bitte für weitere Untersuchungen einen neuen Termin geben. Wenn Sie darüber hinaus mit mir sprechen wollen, stehe ich ihnen im Rahmen meiner Sprechzeiten gerne zur Verfügung.“
    Raiser hat sein Nicken wieder aufgenommen.
    „Und denken Sie daran: Es hat sich nichts geändert. Sie sind immer noch der selbe.“


    Ämter sind für Raiser niederdrückend, gewalttätig. Er fühlt sich dort in einem rechtsfreien Raum, wittert hinter jedem gleichmütigen Beamtengesicht einen Hinterhalt und Hass. Er ist überhaupt nur schwer zu überreden, in eine Behörde zu gehen. Christine muss ihre sämtlichen Überredungskünste anwenden.
    „Guten Tag“, sagt er übertrieben freundlich, reicht Christines Personalausweis durch den Schalter.
    „Meine Frau hat in diesem Jahr noch keine Lohnsteuerkarte bekommen. Man hat sie an ihrem Arbeitsplatz deswegen ermahnt.“
    Der Beamte nickt langsam, sieht sich die abgenutzte, in Plastik eingeschweißte Karte so aufmerksam an, als würde er dort die Antwort auf jede Antwort finden.
    „Einen Augenblick.“
    Er nickt wieder und wendet sich zu seinem Computer, tippt mit zwei Fingern. Der Beamte kratzt sich am Kopf, hebt ihn dann unwillig.
    „Ihrer Frau wurde bereits eine mit der Post zugeschickt, vor etwa zwei Wochen“, sagt er.
    „Nein, das ist nicht wahr“, stottert Raiser ertappt, „sonst wäre ich doch nicht hier.“
    „Ich habe es hier in meinen Daten“, unterbricht ihn der Beamte, tippt mit dem Finger auf den Bildschirm, den Raiser nicht einsehen kann, „Sie haben die Karte bereits zugeschickt bekommen. Sind sie vielleicht umgezogen und haben vergessen, das zu melden?“
    „Nein, wir sind nicht umgezogen. Da hat sich nichts geändert. Meine Frau hat nur in diesem Jahr keine Lohnsteuerkarte bekommen und sie braucht natürlich eine. Das...“ Es ist so weit. Raiser verwickelt sich in seine hilflose Wut.
    „Das ist nicht möglich. Falls Sie sie verloren haben und eine neue beantragen wollen, muss schon Ihre Frau selbst kommen. Ihnen darf ich keine aushändigen. Aber sehen Sie doch noch einmal zuhause nach, vielleicht haben Sie sie nur verlegt.“
    „Ich sagte...“ Raiser stockt. Der Beamte sieht ihn stumm an. Raiser weiß es genau. Der Mann glaubt ihm nicht.
    Raiser fällt auf, wie verwahrlost der Mann aussieht, wie ein Alkoholiker. Er ist nachlässig gekleidet, hat fettiges, zurückgekämmtes Haar, ist übernächtigt, grau, der Blick schwimmt trübe auf roten Rändern. Er reicht Raiser den Ausweis zurück, gähnt dabei unterdrückt in die Hand.
    „Ich möchte gerne mit Ihrem Vorgesetzten reden.“ Ein schwacher Versuch. Der Beamte zuckt sofort mit den Schultern.
    „Bitte schön. Zimmer 403, 4. Stock. Sie müssen sich bei der Sekretärin anmelden. Einen schönen Tag noch“, erwidert er kühl und wendet sich wieder seinem Bildschirm zu.
    Raiser schüttelt den Kopf und tritt ein paar Schritte zurück. Aufmerksam beobachtet er den Mann, der keine Notiz mehr von ihm nimmt.
    Der freut sich jetzt bestimmt auf seine Mittagspause. Ist auch keiner mehr in der Schalterhalle außer mir. Dann zählt er die Stunden bis zum Abend. Hat daheim eine Frau, ein paar Kinder. Muss sie ernähren, deshalb macht er diesen Scheiß hier. Fällt ihm schwer, jeden Morgen aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, ich sehe es ihm an. Seine Erfüllung ist das nicht. Da war er einmal vor langer Zeit zu faul in der Schule, hat sich wegen irgendwelchen Träumereien nicht die Folgen bewusst gemacht. Die Büros und Ämter sind voll von diesen Menschen. Der Mann ist so alt wie ich. Zwanzig Jahre steht er schon an dem Schalter und er weiß genau: Die nächsten zwanzig macht er das gleiche.
    Trotzdem ist da etwas, was den Beamten von Raiser entfernt. Es ist seine Stellung, die Macht, die hinter ihm steht und die er repräsentiert. Es ist eine gesichtslose, bösartige Macht, die Raiser zum Lügner stempelt.
    Der Beamte sieht auf, bemerkt Raiser Blicke. Raiser fühlt sich ertappt, Blut schießt in sein Gesicht. Er ist ein Lügner. Unsicher wendet er sich ab, er weiß: Der Beamte sieht ihm hinterher. Und er hat diese Situation schon einmal erlebt.
    Vor zwei Wochen stürzte Kerner an Raisers Tisch im Großraumbüro. Raiser hob ruhig den Blick vom PC: Er sah Kerner schwitzen, auf der Stirn standen Perlen.
    „Aber Herr Kerner, was haben Sie denn?“ fragte er, obwohl er die Antwort wusste. Seit Tagen bereitete er sich auf diesen Moment vor.
    „Raiser, die neue Lohnbuchhaltung ist abgestürzt.“
    Kerners Stimme war rauh.
    Jetzt muss ich einfach ruhig bleiben. Er darf nichts merken.
    „Aber im Probelauf war doch alles einwandfrei,“ erwiderte Raiser. Er hoffte, der andere kaufte ihm seine Bestürzung ab. Aber Kerner war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf einen falschen Ton in der Stimme des anderen zu achten.
    „Scheiß Probelauf! Wir haben drei Probeläufe gemacht. Das Programm müsste narrensicher sein. War es auch!“ Kerner sah ihn scharf an, jetzt sehr scharf, sehr genau.
    „Da hat einer hier im Büro sabotiert. Einer von uns. Der hat sich in mein Zimmer geschlichen, ist über mein Passwort und meinem Terminal ins CICS und hat das Programm verändert. Das ist ja kein großes Problem, wenn man sich auskennt.“
    Raiser richtete sich beteiligt auf. Hatte Kerner ihn schon im Verdacht? Von allen Tischen wanderten Blicke zu den beiden. Raiser konnte sie spüren, ohne sie zu sehen.
    Keinen Fehler jetzt. Ungläubig reagieren.
    „Aber wer kennt denn ihr Passwort?“
    „Das bietet doch jemandem mit Erfahrung keine Schwierigkeiten. Außerdem sind es eh nur die ersten drei Buchstaben meines Namens.“
    Die erste Falle, dachte Raiser, es sind die ersten fünf und es ist der Name seiner Tochter.
    „So?“ fragte er harmlos. „Aber wer hatte denn die Möglichkeit? Ich meine, man kann doch nicht einfach in Ihr Büro spazieren und an Ihrem Terminal spielen!“
    Kerner zuckte mit den Schultern, setzte sich ächzend zu Raiser. Er sah, dass er seinen Vorgesetzten geschafft hatte.
    Er ist reif.
    „Ich kann vor der Geschäftsführung nichts beweisen. Eine Sabotage nimmt mir niemand ab. Der Absturz bleibt an mir hängen.“
    „Ist denn der Fehler so schlimm?“, mischte sich Hallard vom Nebentisch ungläubig ein. „Ich meine, können wir denn das nicht schnell beheben? Wir müssen doch die Backup-Kopie haben, die jeden Abend erstellt wird.“
    Kerner sackte in sich zusammen.
    „Das Backup ist durch die neue, falsche Version ersetzt worden. Wer immer das war, Hallard, er hat ganze Arbeit geleistet. Das Programm hat sich beim Anfahren selbst zerstört, indem es sich auf die 3812er Platte kopierte und dann wieder zurück.“
    Hallard war sprachlos.
    „Die sind doch nicht kompatibel, die 3812er ist...“ sprang Raiser ein und rief dann laut, als würde ihm alles jetzt erst bewusst:
    „Mein Gott! Die ganze Buchhaltung ist nur noch Schrott?“
    In Hallard kam wieder Leben.
    „Aber der Administrator..., ich meine, der Operator...“
    „Es ist passiert, Hallard“, erwiderte Kerner leise. Und während er das sagte, wurde er bleich. Raiser schien es, als würde jemand Kerners Kopf mich Milch füllen. Langsam, von Kragen her aufsteigend, wich die Farbe aus seinem Gesicht.
    „Raiser, ich bin ruiniert“, sagte er erstaunlich ruhig, „der Alte setzt mich auf die Straße. Die da oben müssen doch glauben, dass ich das verhunzt habe. Die Arbeit von einem halben Jahr. Ich kann froh sein, wenn sie keinen Schadenersatz einfordern...“
    Raiser unterdrückte nur mühsam ein triumphierendes Lächeln.
    Hab ich dich. Endlich.
    Eine Woche später saß Raiser auf Kerners Stuhl.


    Raiser steht auf dem Bürgersteig vor dem Einwohnermeldeamt. Es ist kühl. In der Nacht fiel ein wenig Schnee. Längst hat er sich in dickflüssiges, braunes Wasser verwandelt, das wie Klebstoff auf dem Asphalt liegt.
    Raiser weiß nicht, in welche Richtung er gehen soll. Er lässt sich von eiligen Menschen anrempeln.
    Ein Fels in der Brandung bin ich. Allein mit mir.
    Weder die Stöße der anderen, noch das Lärmen der Geschäftsstraße dringen bis zu ihm vor. Nur ein dünnes Pfeifen steht in seinem Ohr.
    Raiser senkt den Kopf.
    Ich bin erschöpft, denkt er und macht einen Schritt zur Seite. Er rutscht aus, fällt aber nicht.
    Damit reiht er sich willig in den Strom ein, taucht in die Menge. Es ist schön, mit ihr zu gehen, dorthin, wohin alle gehen, sich treiben zu lassen, aufgehen. Anonym und ohne Selbst. Raisers aufgewühlter Geist wird eins mit der Menge, ist Menge und verliert seine Gedanken in dem Fluss aus Leibern, der ihn mitreißt.
    Doch die Straße mündet bald, der Strom ergießt sich in einen großen Platz. Hier steht Raiser noch einmal still. Er kramt aus seinem Mantel einer Zigarette hervor. Erst als er sie in den Mund steckt, kommen ihm Zweifel.
    Das ist die zweite in kurzer Zeit. Das habe ich nicht nötig.
    Er schiebt die Zigarette zurück in die Tasche, dort zerkrümelt er sie langsam zwischen den Fingern.
    Raiser sieht sich dabei um.
    Jetzt hindert mich nichts mehr, heim zu gehen, Christine zu begegnen. Wie soll ich das erklären?
    Er hat sie schließlich gedrängt, sich untersuchen zu lassen. Damit ging es los. Er will das Kind. Sein Schwager Henri hat drei. Ein potenter Mann. Alle sind sie gesund: Henri, seine gedrungene Frau, die lauten und rücksichtslosen Kinder. Sie tragen ihre Gesundheit wie einen Orden. Jeder muss sie bewundern. Nur sie allein wissen, wie man richtig lebt.
    Ein einziges Mal hat Raiser seinen Schwager besiegt. Das war an Christines Geburtstag vor knapp einem Jahr. Es ging wie immer los: Henri erzählte, was für ein toller Hecht er sei und sein Lauftraining nur Vorteile habe, solange man nicht der Idee verfalle, es zu übertreiben oder irgendwelches Zeug zur Muskelbildung fresse.
    „Du weißt nicht, was das für ein Körpergefühl ist. Da, fühl: Ich habe auch ohne Proteine meinen Oberarmumfang fast verdoppeln können. Das ist der Bizeps. Und hier der Trizeps, hier. Ich bin viel ausdauernder. Weißt schon.“ Henri zwinkerte seiner Frau zu, die verlegen lächelte. Raiser verzog nur einen Mundwinkel.
    „Mein Körper verträgt jetzt viel mehr als früher. Ich habe seit zwei Jahren keine Erkältung. Und was Kopfschmerzen sind, weiß ich schon gar nicht mehr.“ Henri machte eine bedeutsame Pause, sah zu, wie sich Raiser ein Bier öffnete.
    „Ich vertrage jetzt auch wesentlich mehr Alkohol als andere, ist mir aufgefallen. Ich kann jeden unter den Tisch saufen.“
    „Bravo, du bist ein Held!“ Das kam von Christine, die mit einer Schüssel Kartoffelchips ins Wohnzimmer kam. Raiser sah dankbar zu ihr. Da schlug ihm sein Schwager mit der flachen Hand auf die Schulter.
    „Wetten?“ fragte er. Raiser sah ihn erstaunt an.
    „Na, wollen wir es nicht mal ausprobieren? Wir beide, gegeneinander?“ Henri nahm sich ebenfalls ein Bier, öffnete es, stellte es vor sich hin.
    „Ich dachte, du hättest die Pubertät inzwischen hinter dir. Aber bei Männern dauert das ja etwas länger“, bemerkte Christine und Henris Frau lachte, „ich glaube auch nicht, dass Jochen diesen Unsinn mitmacht. Ja?“
    Christine wand sich zu Raiser. Einen Moment war er verwirrt, sein Blick wanderte zwischen der Bierflasche und seiner Frau. Dann sah er zu Henri, der die muskulösen Arme verschränkt hatte und ihn überlegen anlächelte.
    „Wenn du willst“, Raiser nahm seine Bierflasche in die Hand und leerte sie in wenigen Zügen. „Das war zum Warmwerden. Ich hole den Schnaps.“
    Henri lachte, er klopfte sich dabei auf die Oberschenkel. Raiser bemerkte Christines missbilligende Augenbraue. Auch die Schwägerin schien nicht gerade begeistert. Aber jetzt konnten die beiden Männer keinen Rückzieher mehr machen.
    Raiser denkt nicht gerne an diese Wette zurück. Beide soffen sich nahe an die Bewusstlosigkeit, aber er, Raiser, trug den Sieg davon. Sie tranken gleich viel Alkohol und waren auch im gleichen Stadium der Trunkenheit, aber ihm war nicht schlecht geworden. Henri kotzte den Gang voll.
    Christine war zwei Wochen böse mit ihrem Mann und nahm nun seltsamerweise ihren Bruder in Schutz, betrachtete ihn als das Opfer.
    Jemand rempelt Raiser an. Es ist eine junge, gutaussehende Frau, die ebenso gedankenverloren die Straße geht. Sie lächelt flüchtig und entschuldigend, dann ist sie weiter. Raiser sieht ihr hinterher.




    (...wird fortgesetzt)




    ------------------
    hks


    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 06. Oktober 2002 editiert.]
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  2. #2
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Eine andere Art der Liebe - Erzählung

    Du hast manchmal so eine Art, die einem Angst macht. Ist das nun gut? Ohohoh, wir verfolgen da verschiedene Ansätze mit unserem Dichten. Hier gilt tertium datur! Also plädiere ich dafür, Dich nicht zu erschießen, wie ich das gelegentlich für Renitenzler vorschlage, sondern Dich mal zu lassen. Vielleicht pickst Du einen Garten um. Wie sagte mein Freund Gartenschlauch immer even a blind chicken finds a kernel of corn now and then

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Eine andere Art der Liebe - Erzählung

    ein ziemlich gelungenes porträt bis jetzt. eines allerdings irritiert mich sehr: wo in mitteleuropa gibt es (noch) ein wartezimmer - bei einem arzt! - wo geraucht werden darf???


    oder hab ich da was total überlesen???


    gruss eule.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Eine andere Art der Liebe - Erzählung

    Lieber Till,


    der Einwurf hat seine Berechtigung. Ich habe auch lange überlegt, ob ich Raiser rauchen lasse. Das musste aber einfach sein, um seine Person zu vervollständigen.
    Nun, bei meinem Hausarzt gibt es tatsächlich noch ein Raucher-Zimmer, auch wenn er es mit Bildern von Teer-Lungen geschmückt hat. Nimm einfach an, die Geschichte spielt vor dreißig Jahren.


    Gruß, Klammer
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  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Eine andere Art der Liebe - Erzählung

    Hallo Klammer,
    ich erwarte deine Fortsetzung. Dieser Charakter ist sehr präzise geschildert. Ein Genuß, den Text zu lesen. Bin gespannt auf den Befund.
    Grüße Patina

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Eine andere Art der Liebe - Erzählung

    hier hätt ich lust, ein bisschen textarbeit zu machen. und ein kommentar zum geworte kribbelt mir in den fingerspitzen. aber ich wart noch. auch ich. auf das ende der story.


    bis dahin.


    Mr. Jones

  7. #7
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    AW: Eine andere Art der Liebe - Erzählung

    Potenzangst des Mannes, und nur, weil Frauen stets das EINE wollen.


    Oh Gott, ich kann nicht mehr... Nacht und es regnet immer noch. Zeit, sich nicht mehr vor dem Bett zu drücken.

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Eine andere Art der Liebe

    Eine andere Art der Liebe - Schluss


    Raiser geht langsam die Treppe hinauf. Er ist nicht erwartungsvoll, nichts zittert in seinem Körper. Er spürt keine Lust. Er sieht sich auch nicht nach der Prostituierten um, die er auf der Straße angesprochen hat.
    Trotzdem: Er ist hier...
    "Wir sind da", sagt die Frau, drängt sich, in ihrer Tasche nach dem Zimmerschlüssel kramend, an ihm vorbei. Sie trägt hohe, schwarze Stiefel und einen Pelz. Raiser mustert abschätzend ihre Beine.
    Was will ich hier?
    Träge tritt er hinter der Frau in das Hotelzimmer und schließt hinter sich die Tür.
    Endgültig...
    Die Hure dreht sich zu Raiser, schlüpft aus ihrem Pelz. Sie legt ihn vorsichtig auf den Sessel neben dem Bett. Sie hat darunter nur ein kurzes Kleid an. Raiser bemerkt einen Kaffeefleck unterhalb des Ausschnitts.
    Ihr war sicher kalt da draußen. Im Schnee.
    Er sieht der Frau ins Gesicht, versucht, sie hinter der dicken Makeup-Schicht und den gefärbten Haaren zu erkennen. Er schätzt sie auf vierzig, mindestens. Aber sie bleibt puppenhaft und unwirklich: Ihr Blick ist leer, abwartend. Sie sehen sich an, dann senkt sie ihren Augen.
    "Willst du was trinken?" fragt sie. "Der Empfang kann uns Sekt raufbringen."
    Raiser schüttelt den Kopf. Er langt in seinen Mantel und holt die Brieftasche hervor. Umständlich zieht er zwei Geldscheine heraus und reicht sie ihr.
    Sie nickt, nimmt das Geld vorsichtig mit zwei Fingern, schiebt es ihn ihre Handtasche. Die Nägel sind grün lackiert.
    "Genau umgerechnet, bei uns gibt's keinen Teuro", stellt sie lächelnd fest. Raiser reagiert nicht. Die Hure zuckt mit den Schultern, öffnet sie ihr Kleid, lässt es zu Boden fallen, steigt aus ihm heraus und legt es sorgfältig über den Pelz.
    Sie ist mager. Die Hautlappen ihrer Brust senken sich, als sie den BH abnimmt. Raiser sieht eine Gänsehaut auf ihrer Schulter.
    Interessiert mich nicht, denkt er.
    "Komm, zieh dich aus", sagt sie, kommt einen Schritt näher.
    "Lass die Strümpfe an", sagt er, beginnt sich auszuziehen. "Und die Stiefel."
    Er lauscht seiner Stimme. Sie klingt normal.
    Die Hure gehorcht und entledigt sich nur ihres Slips.
    Beide legen sich auf Bett. Sie greift an sein Geschlecht, das sofort reagiert.
    "Willst du französisch?" fragt sie. "Das kostet aber zusätzlich."
    Nein, das will er nicht. Jetzt ist Raiser doch erregt. Die Hure fischt aus der Nachttischschublade ein Kondom, das sie ihm geschickt überstreift. Sie legt sich neben ihn, die Beine gespreizt.
    Raiser wälzt sich herum, über die Frau, dringt in hektischer Eile in sie. Für einen Augenblick hat er das Gefühl, das er suchte, wegen dem er hier ist. Er betrachtet das Gesicht der Hure aus der Nähe, ihre durch die Puderschicht porenlose, fettglänzende Haut, die halbgeschlossenen Lider, das verkrampfte Lächeln ihres schmalen, lippenstiftverkleisterten Munds. Er presst seinen Kopf in ihre Halsbeuge, konzentriert sich keuchend auf seine Bewegungen, auf ihr weiches, breiartiges Nachgeben und die klatschenden Berührungen der Leiber.
    Raiser denkt an Christine.
    Die Frau unter ihm stöhnt. Es ist ein künstliches Stöhnen, es stört ihn.
    "Sei still", zischt Raiser atemlos, wühlt weiter. Die Nutte verstummt sofort.
    Das Ende kommt schnell. Er hat einen Erguss, spürt das Vibrieren seines Geschlechts, Aufbäumen. Sein Herz schlägt wild, die Adern pochen, ein kurzes Ächzen dringt aus seinem Mund. Doch er hat nichts dabei gefühlt, es war ein überlaufen, eine Reaktion. Nur Leere war in seinem Schädel.
    Raiser kippt zur Seite. Die Hure steht sofort auf, geht ins Badezimmer, um sich zu reinigen. Die Handtasche nimmt sie mit. Raiser hört Wasser rauschen.
    Jetzt sollte er aufstehen, sich anziehen, gehen, aber dazu ist er nicht fähig. Er befreit sich angeekelt von dem schmierigen Kondom, das er achtlos zur Seite schleudert.
    Raiser hält die Augen weit geöffnet und starrt zur niedrigen Decke. Er hat Mitleid mit sich. Wie eine Welle überflutet es ihn, wirbelt ihn herum, nimmt ihm die Luft zum Atmen. Druck ist auf seinen Lidern. Fast muss er weinen.
    Am Heiligen Abend vor zwei Jahren wurde viel getrunken. Christines Mutter war bereits in die Christmette gegangen, Henri mit seiner Familie beim Skiurlaub. Nur Raisers Eltern waren zu Besuch, sein Vater vom Punsch betrunken. Sein Gesicht glühte.
    Raiser ging mit ihm in den Keller, eine besondere Flasche Rotwein holen. Er hielt seinen Vater am Arm gefasst, denn er hatte bereits Schwierigkeiten beim Treppensteigen...
    Vater und Sohn hatten sich noch nie verstanden, aber die Zeit hatte eine Gewöhnung, einen Waffenstillstand, geboren. Raiser mochte ihn auf eine unbestimmte Weise schon, seinen alten Herrn, der bereits seit Stunden vom Krieg redete.
    Der Vater nahm ihn an der Schulter und zog ihn herum. Raiser roch die Fahne.
    "Sag mal, wollt ihr denn kein Kind?" fragte der Vater. Raiser kannte den Wunsch, aber sein Vater hatte ihn noch nie so deutlich ausgesprochen. Der Alkohol sprach aus ihm, der Wein und Weinachten. Raiser legte sich ein paar Ausreden zurecht.
    "Ach, weißt du. Momentan wollen wir noch kein Kind. So lange ich keine bessere Position in der Firma habe, können wir uns auch keines leisten." Raiser dachte an seinen Vorgesetzten Kerner. Dieser unfähige Mann hielt seinen Posten.
    "Das ist eine Ausrede. Die Zeiten waren nie besser. Und früher hatten die Leute auch Kinder. Meinst du, für uns war es in den Sechzigern einfacher? Wir hatten auch kein Geld..."
    "Glaub mir, wir wollen schon ein Kind...", beharrte Raiser und fühlte sich als schlechter Lügner durchschaut. Sein Vater schob sich näher an ihn heran, drückte sich eng an seinen Sohn. Raiser befürchtete, er würde ihn jetzt streicheln.
    "Weißt du, Enkelkinder wären schön, schau...", der Alte verstummte, zwinkerte ihm zu, "das wäre die größte Freude, die du mir und Mutter noch machen könntest. Ein Enkel..."
    "Du bekommst einen, wenn wir es uns leisten können", erwiderte der gute Sohn und dachte dabei an seine Frau, die kein Kind wollte.
    Noch am gleichen Abend hatte das Ehepaar seinen ersten Streit. Christine verwahrte sich fast hysterisch gegen die Vorstellung, ein Kind in die Welt zu setzen, nur um seinen Eltern eine Freude zu machen. Nachdem sie wutentbrannt das Zimmer verlassen und die Tür laut hinter sich zugeschlagen hatte, saß Raiser still vor dem niedergebrannten Adventskranz und wunderte sich. Worum stritt er? Schließlich war er ja der gleichen Meinung wie seine Frau.
    Nach einem Jahr verdiente Raiser mehr und Christine gab sich ganz plötzlich geschlagen. Sie wirkte auf ihren Mann wie ein müdegekämpfter Krieger, der die Waffen vor der Übermacht streckt. Sie gab auf und setzte die Pille ab.
    Doch sie wurde nicht schwanger. Es war Raisers Vater, der der darauf beharrte, Christine solle sich doch einmal untersuchen lassen. Eine unfruchtbare Frau sei nur eine halbe Frau.
    Christine ging nur zum Arzt, um dem Gerede ein Ende zu setzen. Die Untersuchung zeigte, dass sie organisch völlig gesund war und jederzeit ein Kind empfangen und austragen konnte.
    Henri, der die Erniedrigung seiner Schwester sehr wohl gespürt hatte, nahm Raiser an dem Abend ihres Wettsaufens beiseite:
    "Willst du dich nicht auch mal untersuchen lassen?"


    "Willst du liegenbleiben?" fragt die Hure. Sie zieht sich erstaunlich schnell an.
    "Ich habe unten für eine Stunde bezahlt", erklärt Raiser müde und ärgert sich.
    Die Frau nickt gleichgültig, sieht noch einmal in ihrer Handtasche nach dem Geld.
    "Also, auf ein andermal...", sagt sie, zögert kurz. Die Tür fällt kaum hörbar ins Schloss.
    Ich bin allein, denkt Raiser.
    "Ich war die ganze Zeit allein", sagt er laut. Jetzt weint er doch.


    Raiser rührt in der Kaffeetasse. Er raucht. Eben hat er sich von der Bedienung eine neue Schachtel bringen lassen.
    Ihm ist wieder übel, der Espresso wühlt in seinem Magen, auch der Durchfalldruck ist zurückgekehrt. Raiser weiß: Diese Unbilden seines Körpers existieren nur in seiner Einbildung. Einzig seine verkrüppelten Spermien sind echt, alles andere ist psychosomatisch.
    Im Warmen im Cafe sitzen, rauchen, in einer Tasse rühren, nahe dran am Glück.
    Raiser hat sich einen Platz in der Nähe der Heizung ausgesucht. Sie blubbert. Viele Tische sind leer. Das Lokal ist am frühen Nachmittag kaum besucht. In der Ecke hockt ein junger, ungepflegter Kerl. Er hat fettige Haare und einen Vollbart. Aufmerksam zeichnet er in einem großen Block, die Kohlestifte liegen vor ihm auf dem Tisch.
    Das ist ein Maler, denkt Raiser. Er sieht oft auf und zu mir herüber. Ich bin sein Modell.
    Er fragt sich, ob man seine Behinderung in seinem Gesicht entdecken kann.
    Ich könnte ihn fragen, sollen gute Beobachter sein, die Maler.
    Die Bedienung geht zu dem Mann hinüber. Sie lässt sich von ihm an der Hüfte umfassen, während sie in seinen Block sieht und beifällig lacht. Sie beugt sich vornüber. Ihre Bluse klafft. Der Maler sagt ein paar Worte und greift sich eine Brust.
    Raiser bemüht sich nicht, wegzusehen. Die Bedienung strahlt eine ältliche, ranzige Sexualität aus, der Rock ist viel zu kurz für die stämmigen Beine.
    Und damit bin ich wieder beim Thema, denkt Raiser. Alles dreht sich nur ums Ficken. Alle tanzen ums goldene Kalb.
    Aber Raiser ist nun anders. Seit eben, seit er hier sitzt. Er ist ein anderer Mensch. Er kann anders lieben, die Balz ist ihm fremd. Er hat sich verändert. Keinen Weg gibt es mehr zurück. Alles wird anders.
    Noch sind diese Gedanken unklar und verworren. Aber er erkennt eine Linie, er hat das Puzzle, kennt das Bild, nur die vielen Teile verwirren ihn noch. Im Moment ist ihm das noch neu und ungewohnt, aber er wird es verstehen, damit leben, besser als bisher.
    Ich habe das Ficken hinter mir. Ich bin das Ende. Jetzt kann ich mein Leben ganz auf Christine konzentrieren. Was kümmert mich Henri mit seiner Stierpotenz? Ich bin edel, wie ein Priester. Das ist wie Epilepsie, etwas ehrfurchtgebietendes. Es macht mein Leben wertvoller, tiefer. Das werde ich ihm sagen. Das muss ich Christine sagen.
    Raisers Gedanken verwirren sich, immer wichtigere Erkenntnisse kommen ihm. Eilig hat er es nun, nach Hause zu kommen. Er winkt der Bedienung. Sie beugt sich weit über den Tisch, um sein Geld in Empfang zu nehmen. Nun darf Raiser unter ihre Bluse sehen und ihre Brüste mit dem großen, dunklen Warzenhof bewundern. Aber er lächelt nur. Nirgendwo ist Begierde, nirgendwo Verlangen. Nur Gleichgültigkeit. Er begegnet der Frau ruhig, sein Geschlecht ist gesichert und ruhig. Er sieht sie wissend an und lächelt breiter, überheblich.
    Endlich bin ich gesund, denkt er und erfreut sich an dem Paradox.
    Er tritt aus dem Lokal. Es schneit wieder, kleine, harte Flocken wehen in Raisers Gesicht. Das Wetter passt zu seiner Stimmung. Endlich geht er heim.
    Er sieht Christine ihre Erwartung an. Schon von der Tür aus bemerkt er ihre Neugierde. Sie sitzt im Wohnzimmer und strickt. Das Radio läuft. Schlager.
    Sorgfältig hängt Raiser seinen Mantel in den Schrank, stopft seine nassen Schuhe mit Zeitungspapier aus, lässt sich Zeit, bevor er ins Zimmer geht. Er küsst seine Frau auf die Wange, setzt sich neben sie.
    Christine fragt nicht, wo er gewesen ist. Eine Weile schweigen die beiden. Raiser blättert in der Fernsehzeitung.
    Wo ist die Fernbedienung?
    "Ich habe deine Lohnsteuerkarte nicht bekommen", sagt er plötzlich, wirft das Heft vor sich auf den Tisch. "Die wollten mir keine geben..." Ein Anfang ist gemacht, denkt er. Er holt aus, erzählt von seinem Erlebnis auf dem Amt, spürt dabei wieder die Wut und die Hilflosigkeit. Christine sieht nur kurz von ihrer Strickarbeit auf, runzelt unwillig die Stirn.
    "Und was wusste der Arzt?" unterbricht sie ihn schließlich. Sie klingt sehr beiläufig.
    "Kein Ergebnis. Bei mir ist alles in Ordnung", lügt Raiser glatt.
    Warum mache ich das? Ich wollte ihr doch die Wahrheit sagen. Ganz entspannt, einfach mich zu ihr setzen, sie in Arm nehmen und von der neuen Liebe erzählen. Ihr deutlich machen: Das ist belanglos. Sie soll spüren, dass es nicht wichtig ist. Wir wollen doch beide keine Kinder.
    Jetzt hat alle Lösungen, die er im Cafe gefunden hat, verloren, sie haben sich aufgelöst. Der Magen schmerzt wieder und der Gedanke kehrt zurück:
    Ich bin ein Versager.
    Raiser sieht seine Frau trotzig an, nimmt seine Lüge nicht zurück.
    Sag was, denkt er.
    Tu was.
    Sein Blick gleitet an ihr herab, bleibt an dem dunkeln Nylon ihrer Knie hängen. Raiser will rauchen, aber er hat die Schachtel mit den Zigaretten im Cafe liegengelassen.
    "Ich will mit dir schlafen", sagt er, rückt an seine Frau heran. Er küsst sie, sucht mit seiner Zunge nach ihrer. Noch zögert Christine, aber sie legt das Strickzeug beiseite. Sie wehrt sich nicht. Raiser schiebt eine Hand unter ihren Rock. Jetzt begehrt er sie wirklich. Das Paar kippt seitwärts auf die Couch. Noch ist Christine ein wenig starr. Raiser schiebt mit der freien Hand ihren Pullover nach oben, küsst halb beißend den durchsichtigen Stoff ihres BHs, spürt an den Lippen, wie ihm ihre Brustwarzen entgegenwachsen. Nun bewegt sich Christines Unterleib, ihre Beine gleiten auseinander, Raiser findet einen Weg unter die Strumpfhose, er fühlt Feuchtigkeit an den Fingern.
    Zielbewusst und fest reibt Christine an seiner Hose, öffnet ungeschickt den Reißverschluss. Sie atmet hechelnd, greift nach.
    Plötzlich ist das Ticken der Wohnzimmeruhr zu hören.
    Beide sind still. Raiser spürt hitzige Scham. Ein Vorwurf ist zuerst in Christines Augen, dann eine Frage. Sie zieht ihre Hand von seinem schlaffen Penis zurück, richtet sich halb auf. In ihrem Gesicht sind hektische rote Flecken.
    Raiser fühlt Endgültigkeit, ein letztes Versinken.
    "Ich bin ein Krüppel", sagt er. Christine erwidert kein Wort.






    ------------------
    hks
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  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Eine andere Art der Liebe

    ...eine nette Studie aus dem bürgerlichen Familienleben.

  10. #10
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    AW: Eine andere Art der Liebe

    Nette Studie, schöne Geschichte, ganz gut das Teil...

    Oh Quoth, manche Leutchen verstehen rein gar nichts. Lies Deine Bibel!

    Freund Klammer, darüber reden wir beim Eiswein auf Berg Tabor.

  11. #11
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    AW: Eine andere Art der Liebe

    Da mein Lob Hannemann offenbar zu lasch ausgefallen ist, will ich diese Laschheit begründen.
    Raiser, Klammers Held, bekommt die ihn niederschmetternde Nachricht seiner Infertilität. Das ist ein interessantes Thema, die Selbstverständlichkeit, mit der wir Männer bei Unfruchtbarkeit immer zuerst die Frau verdächtigen, wird angesprochen, hierin liegt eine der Ursachen für Raisers Krise.
    Die stärkste Szene ist, wie er nach der Nummer mit der Nutte heult - vor Selbstmitleid, aber natürlich auch, weil für ihn wie für jeden das Wort des Plinius gilt: "Post coitum animal semper triste." In dieser Szene kommt Klammer nah an das heran, was in dem Thema für meine Begriffe optimal drinläge: Eine Komödie auf den Männlichkeitswahn, der durch die Nachricht von den lahmen, gelähmten Spermien in den Solarplexus getroffen wird.
    Im Grunde ist Raiser ein Mann, der zum Lachen, auch zum Mitgefühl reizen könnte - wenn nur seine Eigenarten noch zugespitzter - und nicht einige recht miese darunter wären.
    Wir erfahren ja einiges Mehr über ihn: Wie unwohl er sich in Behörden gegenüber Beamten fühlt (Inferioritätskomplex), daß er es dem von Gesundheit und Kindern strotzenden Schwager gegenüber für nötig hält, ihn unter den Tisch zu trinken, daß er mit einem ausgesprochen linken Mittel, nämlich einer Computersabotage, Karriere macht. Aber gerade diese Szenen verhindern eine Identifikation mit ihm, machen ihn zu einer miesen Type, von der man sagen könnte: Was soll's, wenn so eine linke Sau sich nicht auch noch vermehren kann.
    Am Schluß, als er keinen mehr hochkriegt - sei es, weil er bei der Nutte war, sei es aus angeschlagenem Selbstbewußtsein (es wäre gut, wenn das klarer wär), bezichtigt er sich im Schlußwort:
    "Ich bin ein Krüppel", sagt er. Christine erwidert kein Wort.

    Mein Mitgefühl ist gleich Null. Hier liegt der Grund für mein schlappes Lob. Meines Erachtens steuert Klammer die Geschichte in die falsche Pointe.
    Wenn es meine Geschichte wär, ich würde sie anders enden lassen.
    Fünf oder zehn Minuten vorher.
    Christine wehrt die Attacke Raisers ab und sagt: "Wollen wir nicht lieber zusammen ein Glas Wein trinken?"
    Raiser: "Warum?"
    Christine (strahlend, verschämt): "Ich bin schwanger!"
    Allein Raisers Gesicht bei dieser Mitteilung - ich gäb was dafür, es zu sehen!

  12. #12
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    AW: Eine andere Art der Liebe

    ... und Raisers Antwort: " Von wem?"


    Quoth, es gefällt mir, daß Du Dich dem Wesentlichem näherst, den überaus großen Schwierigkeiten eines Manne in der Mitte seines Lebens mit der Unfruchtbarkeit. Natürlich wäre es gefundenes Fressen für eine Komödie, mir würde aber besser gefallen, wenn diese Geschichte noch mehr auf die seelischen Belange von Raiser einginge, seiner durchaus männlichen Erkenntnis: Ich bin kein Vollwertiger mehr!
    Ob der Typ ein Sympath oder Fiesling ist völlig wurscht, solches trifft ins Mark. Die Umstände oder Nicht-Stände seines Lebens sind nur die Dekorationen des Autors.
    Das Problem, mit dem Versagen umzugehen, muß jedoch jeder betroffene Mann für sich alleine lösen. Und das ist beileibe nicht lustig. Diese Männer haben mein Mitgefühl... wie jeder andere "Krüppel" auch.

  13. #13
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Eine andere Art der Liebe

    Lieber Quoth, lieber Hannemann,


    ich wollte in dieser Geschichte (wie ich das meist tu) einen Menschen zeigen, der am Scheideweg steht. Entweder lernt Raiser (engl. to raise) mit dem Problem umzugehen, wie es in der Cafeszene angedeutet wird, oder er scheitert. Der Schluss zumindest bleibt bewusst offen. Der Leser soll ihn selbst ziehen.
    Wenn ich allerdings die Geschichte noch einmal schreiben und anders schreiben werde, dann werde ich mir allerdings Quoths Schluss für sie ausdenken (Falls es mir gelingt, witzig zu sein). So, wie der Text im Moment dasteht, wäre eine Untreue Christines nicht glaubwürdig und aufgesetzte Effekthascherei.


    Gruß, Klammer
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  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Eine andere Art der Liebe

    Ah was - Untreue - eins der Spermien hat es, heroisch und wider Erwarten, doch geschafft, hat sich durchgekämpft bis zum harrenden Ei! Wie sagte doch der Arzt:
    Im Normalfall sind etwa 20 % der Spermien eines Ejakulates unbeweglich oder unreif. Bei Ihnen sind es nahezu alle.
    Nahezu!!!!
    Ein klein bissel Wunder gehört doch zu einer guten Geschichte dazu!
    Findet Quoth, Liebhaber von happy-ends


    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 21. Oktober 2002 editiert.]

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Eine andere Art der Liebe

    Lieber Quoth,


    ich hasse es, wenn man versucht, mich mit meinen eigenen Texten zu widerlegen.
    Aber du hast natürlich recht, das "nahezu" steht drin.
    Trotz allem ist mir ein offener Schluss hier lieber als ein "Happy End". Eine Schwangerschaft von Christine wäre übrigens keines, da sie nicht schwanger werden will und, wie es in einer frühen Fassung des Textes heißt, "jede Wiederkehr ihrer Regel mit Triumph und Genugtuung quittiert." Jedoch habe ich mich entschlossen, diese Geschichte ausschließlich aus der weinerlichen und selbstmitleidigen Sicht von Raiser zu schreiben und deshalb das Seelenleben seiner Frau außen vor gelassen (Kyra ist eh der Meinung, dass ich mich nicht in Frauen eindenken kann).


    Gruß, Klammer
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  16. #16
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Eine andere Art der Liebe

    Kyra kennt dich sicherlich besser als ich, weshalb ich keinen Grund habe, ihr beizupflichten. Allerdings scheinst du tatsächlich nicht zu wissen, wie entsetzt eine Frau über eine gewollte und wie entzückt sie über eine ungewollte Schwangerschaft sein kann. Es ist dieser absolute Unberechenbarkeitsfaktor, der das weibliche Geschlecht so aufregend, unterhaltsam und grauenvoll macht.

    Gruß

    Quoth

  17. #17
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    AW: Eine andere Art der Liebe

    "Der kluge Mann widerspricht der Frau nicht; er wartet, bis sie es selbst tut."

    In der Art, oder? Tut mir leid, ich halte dieses "Ach, wie so trügerisch"-Gerede für Ideologie.
    Aber nimm die Geschichte, gib ihr den Schluss, den du für richtig erachtest. Damit habe ich bereits das erreicht, was ich wollte: Auseinandersetzung mit dem Thema. Für mich ist der Text so gut. Vielleicht noch ein paar sprachliche Änderungen, die eine oder andere Szene geschliffen, vielleicht Raiser noch eine symphatische Eigenschaft beigeben... Mag sein, dass sich Robert noch dazu äußert, schließlich wäre das sein Job. Wenn nicht (schließlich hat er auch noch anderes zu tun), mache ich mit einem anderen Text weiter. Ich habe noch zwei Leute im Regen am Berg stehen, die werden schon ungeduldig. Und den Geheimrat muss ich auch noch über den Jordan bringen.


    Gruß, Klammer
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  18. #18
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Eine andere Art der Liebe - Erzählung

    erstellt von Klammer: Raiser klopft seinen Oberkörper ab. Er senkt die Arme. Seltsam, er hätte wetten können. Er tritt zu seinem Mantel. Der hängt an einem aufdringlichen Haken neben der Eingangstür.
    Das machst Du manchmal, diese knappen Sätze. Damit machst Du mir eine Freude. Wenn ich am Anfang eines Textes sukzessive in eine Textwelt eingeführt werde, dann lese ich zumeist gespannt weiter. Hier stört mich AUFDRINGLICH, weil es illustriert und mir eine Richtung der Wahrnehmung aufdrängt. Könntest Du Dich entschließen, solche Begleitungen bei der Einführung zu vermeiden? - Andererseits ist das eine respektable Personifikation eines Gegenstandes.
    Raiser findet in der Innentasche die Zigaretten und das Feuerzeug.
    Sind die Artikel nötig?
    Ich darf nicht rauchen. Das ist der Grund für die schlecht durchbluteten Beine. Das hat der Arzt gesagt.
    Raiser ist neunundreißig. Mit vierzig ist Schluß mit dem Rauchen. Vierzig ist die Hälfte des Lebens. Das wäre doch etwas.
    Das ist jetzt schlecht. a) Der Held tritt als jämmerlicher Kränklicher auf. Damit ist er unsympathisch. Er sucht einen Bezug seiner selbst über einen Dritten. Damit setzt Du den Helden in eine Ecke, könntest ihn beinahe nur mit Gewalt da rausreißen, schränkst somit seine Entwicklung ein. b) Du bist mit der Beschreibung des Lebensumfeldes noch nicht fertig und solltest Dir hier ruhig ein bißchen mehr Zeit nehmen. Nichts ist so wichtig wie die gute Exposition!
    Jetzt ein Krebs, nachdem er die Stelle von Kerner hat und Geld verdient. Christine muß nicht mehr Halbtagsjobs machen. Sie kann zu Hause bleiben. Raiser hat gesund zu bleiben. Das ist er Christine und dem Büro schuldig.
    Er raucht nur noch in Ausnahmesituationen. Der Gedanke ist ein gutes Alibi. Nur noch in Ausnahmesituationen rauchen. Auf jeden Fall weniger rauchen. Zwei Schachteln am Tag waren zu viel. Das weiß er auch ohne Arzt, erzählt ihm schließlich sein Schwager Henri bei jedem Treffen. Der ißt nur noch vegetarische Vollkost und macht Jogging. Gut, das ist nicht schlimm.
    Diese Innensicht ist nun gut, aber ich denke, sie steht hier falsch. Nach der Beschreibung des Lebensumfeldes sollte in diesem etwas geschehen, dann könntest Du über die Handlung denm Helden setzen, das verleiht dem Text mehr Dynamik. Gut an dieser Beschreibung ist die Entwicklung eines Du. Dieses Du ist wichtig.
    Jeder hat das Recht, den Tag auf seine Weise kaputt zu machen.
    gut
    Was ihn stört, ist das Sendungsbewußtsein, das Henri hat. Raiser käme mit seinem Schwager gut aus, wenn diese Unart nicht wäre. Ihm gefällt Henris Lächeln. Raiser sieht dann Christine, wie sie früher war.
    Zu viel auf einmal! Stört und hemmt hier den Lesefluß. Man kommt nach einigem Nachdenken hinter den Sinn dieser Worte, aber sie bringen eine Dimension in den Text, der HIER noch nicht sinnvoll ist, mehr abträglich...
    Jetzt ist eine Ausnahmesituation. Raiser bringt sein Anzünderitual ruhig hinter sich. Niemand hier im Wartezimmer braucht zu bemerken, wie nötig er den Tabak hat. Das geht nur ihn und seine Beine etwas an.
    Und schon wieder eine neue Ebene. Nein, hier springst Du zu sehr.

  19. #19
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Eine andere Art der Liebe - Erzählung

    Ordner wie dieser veranlaßten mich, die Bearbeitung eingestellter Texte auf 48 Stunden zu verringern.

  20. #20
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Eine andere Art der Liebe - Erzählung

    ... wie auch immer. Ich dachte damals irrtümlicherweise, dieses Forum sei der geeignete Ort, an meinen Texten zu feilen und zu schleifen. "Die andere Art der Liebe" jedenfalls ist inzwischen eine vollkommen andere und doppelt so lange Geschichte. Sie gehört zusammen mit "Stromausfall" und den erst kürzlich hier wieder emporgeschwemmten "Labyrinthen" zu einer Trilogie, die ich in diesem Jahr noch binden und in meinem kleinen Eigenverlag veröffentlichen werde.
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  21. #21
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Eine andere Art der Liebe - Erzählung

    Ja, schon, Klammer, aber die Ergebnisse der "Feilerei" sollten nicht dazu führen, den Ordnereingangstext zu verändern. Der sollte und soll unverändert als eine Art Ausgangslage bleiben und nicht benagt werden.

    Mich würde ein Exemplar dieser Trilogie schon interessieren. Kostenpunkt?

  22. #22
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Eine andere Art der Liebe - Erzählung

    Wahrscheinlich hast du recht. Das Buch wird in etwa soviel kosten wie meine anderen im Eigenverlag erschienen Bücher, also als Paperback-Ausgabe ungefähr 8 - 9 €, die E-Book-Variante 2,49 €; das ist in etwa der Selbstkostenpreis.

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