Ich habe schon oft in Foren die Erfahrung gemacht, daß Fiktion und Autobiografie von vielen Autoren letztlich in einen Topf geschmissen werden. Das ist von Nachteil für beide - für die Fiktion, die mit den Lehmklumpen des Autobiographischen an den Füßen nur mühsam vorankommt, für die Autobiographie, die sich durchs Fiktionale entstellt zu fühlen berechtigt ist. Ich plädiere für die exakte Trennung der beiden - nicht, indem ich das persönliche Erfahrungmaterial der fiktionalen Verwertung vorenthalten möchte (das wäre unsinnig und unmöglich), sondern indem ich Autoren, die sich zur Fiktion aufraffen, ermutige, hier dann auch weit zu gehen und nicht zu glauben, aus Rücksicht auf das Autobiografische irgendwas mitschleppen oder verantworten zu müssen, ja, sie müssen bis an den Punkt gelangen, an dem die Fiktion sich von ihnen löst und es nur noch auf ihre Stimmigkeit in sich ankommt. Mit der Entscheidung für die Fiktion betritt ein Autor ein eigenes Reich, und dieses darf vom Kritiker ohne jede Rücksicht auf die Biografie des Autors zergliedert, beurteilt und eventuell auch mal mit Ironie oder Spott überzogen werden. Ich will ein Beispiel geben dafür, wozu die andere, die Ineinentopfschmeißmethode, führen kann.
In einem Forum beschrieb ein Autor in der Form eines Ich, das für eine mit ihm nicht identische Frau stand, den Tod des Vaters der Heldin. Diese Beschreibung war sprachlich so mißlungen, daß ein Kritiker mit Recht einen ordentlichen Eimer Häme darüber ausgoß.
Nun berief sich der Autor plötzlich darauf, daß doch in der Heldin er selbst versteckt gewesen sei, er den Tod seines eigenen leiblichen Vaters gerade genau so, wie er es beschrieben hatte, erlebt habe - und er outete sich als zutiefst verletzt durch die Kritik des Kritikers.
Ja, das ist eben Scheiße! Entweder - oder - darf ich mit aller kierkegaardschen Schärfe hier mal fordern.
Hätte dieser Autor sein Tagebuch vom Sterben des Vaters als solches publiziert - man hätte gelesen oder auch nicht - ihm kondoliert, Berührtheit gezeigt oder nicht - sprachliche Kritik zurückgehalten - fertig. Aber er meinte, fiktional werden zu sollen - und verwechselte das mit einer bloßen Maskerade.
Fiktion ist keine maskierte Autobiografie - sondern ein aliud. Im strengsten Sinne ein aliud.


[Diese Nachricht wurde von Quoth am 21. Oktober 2002 editiert.]