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Thema: Über Fiktion und Autobiographie

  1. #1
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    Post Über Fiktion und Autobiographie

    Ich habe schon oft in Foren die Erfahrung gemacht, daß Fiktion und Autobiografie von vielen Autoren letztlich in einen Topf geschmissen werden. Das ist von Nachteil für beide - für die Fiktion, die mit den Lehmklumpen des Autobiographischen an den Füßen nur mühsam vorankommt, für die Autobiographie, die sich durchs Fiktionale entstellt zu fühlen berechtigt ist. Ich plädiere für die exakte Trennung der beiden - nicht, indem ich das persönliche Erfahrungmaterial der fiktionalen Verwertung vorenthalten möchte (das wäre unsinnig und unmöglich), sondern indem ich Autoren, die sich zur Fiktion aufraffen, ermutige, hier dann auch weit zu gehen und nicht zu glauben, aus Rücksicht auf das Autobiografische irgendwas mitschleppen oder verantworten zu müssen, ja, sie müssen bis an den Punkt gelangen, an dem die Fiktion sich von ihnen löst und es nur noch auf ihre Stimmigkeit in sich ankommt. Mit der Entscheidung für die Fiktion betritt ein Autor ein eigenes Reich, und dieses darf vom Kritiker ohne jede Rücksicht auf die Biografie des Autors zergliedert, beurteilt und eventuell auch mal mit Ironie oder Spott überzogen werden. Ich will ein Beispiel geben dafür, wozu die andere, die Ineinentopfschmeißmethode, führen kann.
    In einem Forum beschrieb ein Autor in der Form eines Ich, das für eine mit ihm nicht identische Frau stand, den Tod des Vaters der Heldin. Diese Beschreibung war sprachlich so mißlungen, daß ein Kritiker mit Recht einen ordentlichen Eimer Häme darüber ausgoß.
    Nun berief sich der Autor plötzlich darauf, daß doch in der Heldin er selbst versteckt gewesen sei, er den Tod seines eigenen leiblichen Vaters gerade genau so, wie er es beschrieben hatte, erlebt habe - und er outete sich als zutiefst verletzt durch die Kritik des Kritikers.
    Ja, das ist eben Scheiße! Entweder - oder - darf ich mit aller kierkegaardschen Schärfe hier mal fordern.
    Hätte dieser Autor sein Tagebuch vom Sterben des Vaters als solches publiziert - man hätte gelesen oder auch nicht - ihm kondoliert, Berührtheit gezeigt oder nicht - sprachliche Kritik zurückgehalten - fertig. Aber er meinte, fiktional werden zu sollen - und verwechselte das mit einer bloßen Maskerade.
    Fiktion ist keine maskierte Autobiografie - sondern ein aliud. Im strengsten Sinne ein aliud.


    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 21. Oktober 2002 editiert.]

  2. #2
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    stimme zu.
    gehe sogar noch weiter und sage, jeder der einen text veröffentlicht, sei der text nun autobiografisch oder fiktional - was, substanziell nie zu trennen ist, aber wenigstens von der absicht her klar deklariert sein sollte - setzt sich unweigerlich der kritik aus und muss mit ihr leben. davon auszunehmen wären nur private texte, die zum zeitpunkt ihrer entstehung nicht zur veröffentlichung bestimmt waren (z. b. briefe).


    ein autor darf, was seine texte angeht, nicht empfindlich sein,


    gruss eule.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    Aber diese maskierten Autobiografien, hinter denen ein verletzliches Ich hockt und nur darauf wartet, angepiekst zu werden, um sich zu enthüllen, sind wie aufgestellte Fallen, in die hineinzutappen jedesmal ärgerlich ist.

  4. #4
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    Ja, ein Autor, der sich angepiekst fühlt,
    hat noch nicht die Reife für seinen Text.
    Er ist dann Augenblicksmoment.


    Ich halte es immer für ausgesprochen unklug, sich zu outen. Ein Text soll ein Text sein, der literarisch ist, der den Ansprüchen der Leser entgegenkommen soll.
    So gesehen muss auch die Auseinandersetzung eben nicht stattfinden, oder besser auf der sachlichen Grundlage stattfinden.
    Ich meine man sollte das können.


    Das andere ist, das Kommentare eigentlich immer beinhalten sollten, das der Text von keiner Maschine geschrieben worden ist, sondern von einem fühlenden Wesen.


    Eine absolut klare Trennung von Ausgedachtem und biographischen Anteilen ist wohl kaum möglich, das angelesene Wissen, das Sehen, Hören, Verstehen spielt auch eine Rolle, und gehört damit auch zum Autor. Leider, möchte ich fast sagen, gibt es keine Himmelsleiter, die uns anderswo hinführt. Mit Drogen eventuell, aber wer will die nehmen? Ist auch ein blödes Beispiel , über das ich gar nicht reden kann.

  5. #5
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    quoth, ich sollte eigentlich nicht antworten, da ich mich aufgrund deiner ausdrucksweise in den letzten beiden sätzen, nicht in der lage dazu sehe. aber ich denke eh, du sprichst von (an sich) selbstverständlichem. ich lächle immer ganz milde über solche rechtferigungsversuche der autoren, rege mich gar nicht darüber auf. andererseits muß man natürlich auch darauf aufmerksam machen, daß sehr oft (vielleicht öfter?) der LESER dem mißverständnis erzähler = autor, erliegt.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    Lieber Quoth,

    Natürlich gibt es das oft genug, dass die sprachlichen Möglichkeiten nicht ausreichen, ein biografisches Erlebnis literarisch zu verarbeiten. Nichts desto trotz macht m. E. genau dies, nämlich die eigene Autobiografie darzustellen, den künstlerischen Akt aus. Was ich damit meine, habe ich in "Tradition" und in der "Nachschrift" dargelegt.

    Jeder Autor, du hast das ja auch gesagt, geht von seiner Autobiografie aus. Natürlich ist es verkehrt, sich gegen Kritik mit dem Argument wehren zu wollen, die sei tatsächlich so erlebt. Trotzdem steht am Anfang des Schreibens immer das Bedürfnis, Erlebtes aufzubewahren, "aufzuheben", ob das nun im Tagebuch oder in einer Geschichte passiert. Oft ist es der ungeschickte Versuch, sich selbst zu therapieren oder sich an dritte zu wenden mit dem Besten, das man zur Verfügung hat. Anders steht es nun mit dem Veröffentlichen. Warum zerre ich diese persönlichen Erfahrungen vor andere, was will ich zeigen? Es muss also noch andere Gründe zum Schreiben geben, etwas Verallgemeinerndes, das an den anderen, den Leser gerichtet ist. Dies geschieht in der Regel durch ein Neuordnen des Autobiografischen. Ich gebe dir allerdings in einem recht: Die Fiktion darf nie vom Biografischen eingeschränkt werden. Die handelnden Personen müssen ein Eigenleben entwickeln, nur dann sind sie glaubwürdig. Die Personen selbst und ihre Probleme werden aber immer aus dem persönlichen Lebensumfeld des Autors stammen, selbst wenn er sie wie Kassandra (und Bradbury) auf den Mars stellt, der ja nichts anderes als eine Seelenlandschaft ist.
    Im übrigen gilt wohl die Bemerkung Goethes, wie vergeblich alle Anmerkungen zu eigenen Werken seien, "denn je mehr man seine Absicht klar zu machen gedenkt, zu desto mehr Verwirrung gibt man Anlass. Ferner mag ein Autor bevorworten, so viel er will, das Publikum wird immer fortfahren, die Forderungen an ihn zu machen, die er schon abzulehnen suchte."

    Gruß, Klammer

    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 24. Oktober 2002 editiert.]
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  7. #7
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    Klammer
    es ist Kunst, seine Autobiographie so zu schreiben, dass niemand mehr erkennt, wer dahinter steckt.


    Und, es ist Kunst, sich so zu verstellen, als wäre alles nur Fiktion.


    Als Leser, insbesondere als Moser-Leser kommt man zuweilen zu Fremden Texten zu Fragestellungen, wo der Autor annehmen kann, man gehe davon aus es sei autobiographisch.
    Und, es gibt in der Tat Texte, da kommt es aus irgendwelchen Gründen so herüber, als wäre es autobiographisch. Das ist wenn ich lese eher selten der Fall, aber kommt vor, dass ich als Leser das denke.

  8. #8
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    Das stellt meinesteils den Kopf auf die Füße. Typisch für Menschenverkenner, Westeuropäer, Amerikaner, als der Du Dich wiederholt hier äußertest, Quoth. Sei so und so, dann wirst du frei sein, Künstler sein, Mensch sein. Also, klammre als Künstler dein Ich aus, klammre deine Phantasie aus, klammre deine Fiktionalität aus, klammre aus aus aus, dann wirst du ein besserer und angepaßterer Schriftsteller sein.


    Als Denküberlegung - wenn Du es so verstanden wissen möchtest, Quoth - würde ich es hinsichtlich eines Denkraumes zur Erzeugung eines selbigen akzeptieren wollen, selbst in Hinsicht auf die Erziehung des Schriftstellers, als Diktum zur Erzeugung eines poetischen Textes allerdings ist Deine Forderung (?!) ebenso unsinnig wie menschenverachtend, zumindest menschenverkennend, um ein nicht ganz so degoutantes Wort zu benutzen.


    Kurze Begründung: Wir bestehen aus Fleisch und Blut, Vergangenheit und Zukunft, ein klein bißchen Gegenwart, verglichen mit dem Zuvor und Danach jedoch marginal. Menschen Welt ist seine Ahnung, begriffen aus dem Jetzt, vergriffen ins Künftige und mit Hoffnung verbunden. Das sind eh alles Konstruktionen. Dekonstruktion und strikte Observanz des Gegenwärtigen hieße, den Menschen zu reduzieren, auszusparen.
    Der Dichter aber muß gerade das Gegenteil behaupten/leisten. Verzichtet er zugunsten des faßbaren Augenblicks, der zudem noch WAHR oder NUR ERDACHT sein soll auf die Umgreifung des Menschen, so macht er den Menschen platt. Platt wie ne Flunder.

  9. #9
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    .....Typisch für Menschenverkenner, Westeuropäer, Amerikaner, als der Du Dich wiederholt hier äußertest, Quoth

    Oha, Menschenverkenner?
    Wann? Wo? Nenn die Stellen!
    Westeuropäer bist Du ja wohl auch, oder lebst Du auf einer deutschen Insel? Wird mit der Zeit nicht nur geistig einsam werden, sondern Du wirst auch nicht viel Freude mit Deinen Mitinselbewohnern haben.
    Als Amerikaner hat Quoth sich nun wirklich nicht geäussert, außer Du fasst den Begriff des Amerikaners so weit, wer nicht immer Deiner Ansicht sei, mache sich gemein mit dem Imperialistischen Amerika.
    Es gibt aber auch ein anderes Amerika, z.B. Hemingway, Faulkner und Chaplin nicht zu vergessen. Und viele andere - gut mag sein Du lehnst Popper ab, aber was ist mit Bertrand Russel - Oder Steinbeck, Twain usw.
    Du schießt auf einer sehr persönlichen und sehr unsachlichen Ebene zurück.
    Dabei denke ich, geht es Dir um Schiller und Kleist. So!

  10. #10
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    Steht doch oben, was ich damit meine. Aussparung und Reduktion. Was will ich mit Chaplin? Nicht das Feld unnötig verbreitern. Reduktion auf das Funktionieren, Menschen einpassen auf ihre Funktionalität als Bestandteil eines Systems, keinem vertrauen, den einzelnen als austauschbar apostrophieren... usw., all das findest Du in jedem zweiten amerikanischen Film thematisiert. Mach die Augen auf, Kyra! Selbst bis in die Sprach-und Literaturwissenschaft hast Du diesen Ansatz, der den Teil aussiebt und zum Ganzen nicht machen kann, der immer darauf sinnt, sich selbst zu verkleinern, um fixiert und funktionabel gemacht werden zu können.
    Und hier soll mir das gleiche mit Schyller geschehen? Mitnichten. Den Schuh laß ich mir nicht anziehen. Alles in allem zu sein, was lebt, das ist Menschensinn. Alles andere ist Hundekacke, uninteressant.
    Lies, was ich schreibe, nicht, was Du hineininterpretieren kannst. Setz Dich neben Dich.


    Ich bin nicht in einem westeuropäischen Kontext verortbar. Deren Ansatz ist nicht meiner, nicht der von allen großen deutschen Philosophen, allen großen deutschen Dichtern, nicht der von allen nur mittelmäßig tiefgründig denkenden Menschen aus der MITTE Europas wie meinereiner. Willst Du es exemplifiziert haben, lies in meinem Manifest nach, da habe ich es ausführlicher dargelegt. Ich lebe also nicht auf einer Insel, sondern in einem Strom der Zeit und des Raumes, zu dem Westeuropa auch gehört, dieser winzige Teil der Welt. (übrigens habe ich auich gegen den östlichen Ansatz gewichtige Gründe geltend zu machen; und jetzt kömmt's, meine Liebe: tertium datur! Aus dem Westlichen und dem Östlichen ergibt sich nicht das Zentrale, sondern: Östliches und Westliches sind Teile des Ganzen, peripheres Denken. Das sind Dinge, wie sie erstaunlicherweise nicht einmal die Deutschen zuerst feststellten, sondern mein russischer Liebling Dostojewski, der und der (einst) jüdisch-westeuropäische Denker Spinoza, der so recht zu einem Deutschen wurde - in England, Frankreich oder Amerika ist sein Denken nicht bedeutsam geworden. Warum? Weil er alles zusammendenken wollte, eben. Und weil er im Guten auch das Schlechte fixierte. Sic! Zusammendenken! Das war für die uninteressant, weil schrecklich unpraktisch. [Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb ihn die Juden aus ihrer Gemeinde ausstießen und er ein Schreibverbot in Holland bekam?!]

    Der Autor nun, der sich in einem Gewebe aus Fiktion und Wirklichkeit befinden muß, hat die Aufgabe, die Fiktion zur Wirklichkeit für den Leser werden zu lassen. Das ist das Brot des Autoren. Daß er darüber einen teil seiner selb opfern muß, sollte ihm Gewißheit sein; andernfalls empfehle ich die Aufgabe seiner Mission und eine Ausbildung zum Schuster oder Kaufmann.

    Ich habe hier fertig.

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    Ich spüre eine Art von Verbitterung bei Dir, Robert, die herbeigeführt zu haben ich bedauere. Lassen wir einander doch unsere Halbgötter: Ich Dir Schiller (warum schreibst du den immer mit y?), du mir Kleist - und sehen wir zu, wohin wir damit kommen. Ich muss zugeben, ich habe mit dem Elend des Vergleichens angefangen - es bringt nichts, du hast Recht, es bringt nichts - beide waren sie auf ihre Weise gut, erfüllten das jeweils in ihnen liegende Gesetz, und wenn Kleist fähig war, Komödien zu schreiben, so brachte er sich doch um, während der Tragiker Schiller eine Familie gründete, von der meines Wissens heute noch Nachkommen leben.
    Also lass uns das Kriegsbeil wieder einbuddeln - ich verzeihe Dir den Amerikaner, der vor allem ein zu süßer Kuchen ist, und Du mir den humorlosen Schiller, der übrigens gar nicht schenkelklopfend gemeint war...
    Die Karawane zieht weiter...
    Oder nicht?

  12. #12
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    Ich habe nichts gegen Kleist. Im Gegenteil, ich schätze ihn. Als Dramatiker. Sonst nicht.
    Verbittert? Aber geh! Solche Attribute vermag ich bei mir nicht auszumachen. Ein verbitterter Mensch schreibt kein Manifest, in dem er sich Gedanken über die Zukunft macht, und in dem die Zukunft nicht so beschrieben wird, als daß sie eine Kompensation für erlittnes Leid sein soll(te). Aber was soll ich Dich hier belehren? Mach nur Dein Ding, mein Lieber! Meines ist es nicht.
    Schyller ist auch nicht mein Halbgott. Ich habe an ihm auch vielerlei Kritik zu üben, aber eben, weil ich ihn achte, nicht weil ich mich an ihm reiben wollte. Achtung und Kritik hängen zusammen. Nur habe ich an ihm weniger zu kritisieren als an anderen.
    Bin Protestant. Als dieser trage ich Gott in mir, brauch keine Entsetzungen. Ich fang schon wieder an zu belehren.
    Beinahe alles an Deinem Schreiben regt mich auf, Quoth, nur manchmal finde ich einen Satz, der mir gefällt. Aber den kann ein aufmerksamer Leser bei jedem finden. Kann Kriegsbeil nicht begraben, Deine Ästhetik und Weltwahrnehmung sind es gerade, gegen die ich vorgehe; will auch nicht RECHT behalten, auch nicht rechtbehalten, das liegt jenseits meines Interesses; von Schyller leben keine Nachkommen mehr (von Goethe übrigens auch nicht), Kleist war impotent, konnte also nicht usw. usf.... Frisch mal Deine Kenntnisse auf! Karawane zieht nicht weiter, Karawane hinterläßt Spuren. Merkst Du nicht, daß mich das alles stört, was Du da so schreibst? Aber in einem hast du recht, das muß man aushalten und alös Ansporn begreifen. Der Kampf bleibt, aber Kampf bedeutet keineswegs Vernichtung. Das weiß jeder gute Kämpfer, wie schlecht Vernichtung des Gegners auch die eigenen Kräfte erschlaffen läßt. Wachheit ist es, um die es uns gehen muß. Und damit komme ich zu Deinem Eingangstext zurück:
    Er wirft ein wichtiges Problem auf. Doch warum bietest Du keine Lösungen an, Gesprächsrelevanz stellt sich ohne diese nicht her.

  13. #13
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    Question AW: Über Fiktion und Autobiographie

    Ich frage mich gerade, auch angesichts des Ordnerthemas, ob sich Spinoza noch als Jude bezeichnete, nachdem er 1656 per Cherem von der jüdischen Gemeinde das Verbot zur Kommunikation erhielt. Fortan durfte kein Jude mehr Kontakt zu ihm haben, sonst verfiele er einem Bannfluch.
    Ob Spinoza deswegen eine Philosophie entwickelte, wie er sie eben entwickelte, eine pantheistische? Spielt die Autobiographie bei der Entwerfung eines Eigenbildes eine bedeutsame Rolle, selbst bei solchen bedeutsamen Personen wie Spinoza? Oder ist es umgekehrt, daß also Spinoza wegen seines Charakters bestraft wurde und aus Trotz diese gescholtenen Ansichten weiterentwickelte und nur deshalb bedeutsam wurde?

    Hätte, um hier Quoths Eingangsfrage aufzunehmen, der klagende (anonyme) Dichter sein Leid transparenter gemacht, wenn er deutlich seine Betroffenheit thematisiert hätte? Wie viel Abstand verträgt ein durch und durch autobiographischer Text?

  14. #14
    Administrator
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    Dieses Thema war in diesem Jahr auch eines der Abiturthemen: Zur Hölle mit der Authentizität! (Juli Zeh) Aber das Thema ist ein altes, ein immer wiederkehrendes. Im letzten Jahr sah sich der Bundesgerichtshof veranlaßt, ein Grundsatzurteil zu sprechen. Leider hatten die Herrschaften nicht den Mut, sich hier eindeutig für die dichterische Freiheit der Gestaltung auszusprechen und spielten das Recht der Einzelperson auf Wahrung ihrer Selbstherrlichkeit gegen das des Dichters, eben Menschen als Material zur Darstellung der Wirklichkeit zu (be)nutzen, aus. Ein fauler Kompromiß und typisch für die Postmoderne. Derweil ließe sich das einfach beheben. Statt Müller muß der Autor eben M. schreiben. So war das üblich in den vergangenen Jahrhunderten, um bloß niemandem auf den Schlips zu treten; im übrigen zieht sich jeder die Jacke an, die ihm eben paßt.
    Schreiben ist in jedem Falle autobiographisch, bei den einen mehr, bei anderen weniger. Es ist selbstverständlich für jeden Schriftsteller, seine Umwelt in seine Werke einzubauen. Das geht gar nicht anders. Und wer über Frauen, Beziehungen und Freunde schreibt, der eben immer auch über seine. Wie sollte das anders gehen?
    Ja, aber... könnte jetzt jemand einwenden, die Menschen dürften nicht instrumentalisiert werden, seien nicht nur Material; sie besäßen Rechte auf ihre Privatsphäre.
    Pillepalle. So ein Schriftsteller wächst nicht aus dem Nichts. Jede Frau, die sich mit einem Schriftsteller einläßt, muß das wissen. Soll ein Schriftsteller jeden, dem er ans Bein pinkeln will, vorher um Erlaubnis fragen? Wo soll das enden? Ein Schriftsteller, der sich von seiner Liebsten Zeilen abhandeln läßt, um ein wenig mehr Frieden in seiner Beziehung zu haben, kasteit sich. Abgesehen davon könnte nun beinahe jeder aus dem Bekanntenkreis eines Schriftstellers vor Gericht ziehen und Persönlichkeitsrechte geltend machen, da er sich in der einen oder anderen Szene eines Buches wiederfand, kritisiert fand. Wollte ich diesen Gedanken weiterspinnen, könnte halb Lübeck Thomas Mann verklagen, hätte Satire ausgespielt, könnten selbst Nazis oder Kuzis ihre Biographen unter dem Vorwand einer Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte verklagen. Der Schriftsteller trägt eben andere Gesetze in sich als das BGB.
    Das Reale, so muß hier konstatierend behauptet werden, löst sich bei Dichtern und Schriftstellern immer in Kunst auf, bei Dichtern mehr, bei Schriftstellern weniger. Das Dichten wird seltener beschnitten, das Schriftstellern dagegen schon. Es wird der Kunstproduktion weniger verdächtigt. Ist es aber nicht minder. Ein Buch muß nicht unbedingt einem künstlerischen Konzept folgen, um Kunst zu sein. Jede Darstellung hat das Recht auf Wahrhaftigkeit, aber es besitzt nicht die Pflicht dazu. Jeder Schreibende will einen Nerv treffen und sucht die ihm gemäßen Mittel. Ob da nun Racheakte mitspielen oder nicht, sei dahingestellt. Wer will das nachprüfen? Und wer will das dann zum Gradmesser machen wollen? Hat das etwas mit Kunstlosigkeit zu tun, wenn jemand Rache oder Vergeltung als stärkstes Antriebsmoment besitzt? Ich kann hier keinen zwangsläufigen Zusammenhang erkennen.

    Fiktion und Wirklichkeit. Bei Schriftstellern geht sie Hand in Hand. Ich möchte den sehen, der hier genau trennen kann, was was sein soll. Wirklichkeitswahrnehmung ist immer subjektiv; eine verobjektivierte Wirklichkeit mag es geben, sie muß immer vom Einzelwahrnehmer ausgehen. Perspektivität ersetzt mitunter autobiographische Ansätze, aber was sind die anderes als Ausflüchte aus dem Nachprüfbarkeitsdilemma, in dem viele Autoren stecken, denen vorgeworfen wird, sich in Parallelwelten zu flüchten. Der schizoide Schreiberling!
    Ein Wort zu den Partnern der Schriftsteller. Sie sind meist zu bedauern. Sie werden früher oder später zu Material. Selbst bei kontemplativen Typen oder Groschenheftschreibern, das nennt sich Metonymie oder auch nur Projektion.
    Vorsicht also allen, die sich mit Schriftstellern einlassen. Lauft! Lauft weit! Lauft schnell! Sonst werdet ihr Material, ausgepreßt, ausgesaugt, benutzt und weggeworfen, wenn ihr leer seid!

  15. #15
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    AW: Über Fiktion und Autobiographie

    sehr gut, scheff. ein thema, das mich derzeit auch beschäftigt, wie man unschwer an meinem letzten "abschnitt" erkennen kann (sofern einem die gabe des erkennens...).
    ergo: das fleisch ist wort geworden...(mein nächster buchtitel?)

  16. #16
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    Post AW: Über Fiktion und Autobiographie

    obwohl noch totmüde, auch mein scherflein beitragein form eines alten essays:


    kunst und leben
    oder
    bohlen, biller, herbst




    wenn durch gerichte bücher verboten werden, in denen lebendige menschen beschrieben sind, ist das kein fall von zensur.
    warum? zensur gibt vor, leser zu schützen vor geschriebenem. das ist ihr einziger rechtfertigungsgrund.


    bei den gerichtlichen eingriffen werden aber beschriebene vor den lesern geschützt. das ist so, als wollte man lebendiges leben davor schützen, beschrieben zu werden. wenn man aber damit anfängt, darf sehr bald die wahrheit nicht mehr beschrieben werden:
    also keine dokumentationen, reportagen, berichte mehr: nur noch märchen!
    das würde zwar gut in die spaßgesellschaft passen, entzöge aber jedem ernsthaften schreiben die wortwörtliche "lebensgrundlage".


    das problem ist so alt, dass meiner erinnerung nach fast jedes buch den vorspann enthielt: "jede ähnlichkeit mit lebenden oder toten personen ist rein zufällig". und damit waren es die lebenden oder toten personen meist auch schon zufrieden, konnten sie doch in der anonymität bleibend, sich schmeicheln, eine gewisse ähnlichkeit mit einer buchgestalt gehabt zu haben. und bei den schreibern unterstellte man ohnehin noch die fähigkeit, übertrieben, verfremdet, erfunden, ausgedacht und ausgeschmückt zu haben.


    heute hat sich das problem dadurch verschärft, dass die schreiber mangels phantasie und guter schreibe eine 1 zu 1 wirklichkeit von sich geben, die aller novalistischen tradition widersagt. die gerichte verstehen sich jedoch ihrerseits nicht als vorkämpfer guter literatur, sondern als der exekutive zuarbeitende judikative, deren aufgabe es ist, menschenrechte, hier: das persönlichkeitsrecht des beschriebenen einzelnen zu schützen. aber wo kein kläger: da kein richter. warum also klagen die beschriebenen:


    weil sie nicht gut beschrieben sind!


    hätte man ihnen stanzen und sonette gesungen, großartige liebesbeschreibungen, eine beatrice oder julia wäre jubelnd im stillen erröten versunken, hätte allenfalls unter freundinnen geraunt: it's me!
    so aber, offenbar nackend und bloßgestellt im menschlich, allzumenschlichen, sind sie: verletzt! zu recht! denn die im privaten begangenen menscheleien wollen nicht in die öffentlichkeit gezogen werden. das müssen sich, nach aller rechtsprechung zu bild, satire, witz und karikatur allenfalls die ohnehin in der öffentlichkeit stehenden: "personen des öffentlichen lebens" gefallen lassen.


    die freiheit der literatur beginnt bei literatur!


    diese setzt im gegensatz zur reportage eine literarische filterung voraus, der es allerdings gestattet sein muss, so viel "welt" als nötig zu verarbeiten, um selbst noch lebendig zu sein und nicht blutleeres gesabbere. den einzelmenschen also echtnamentlich zu benennen, ist eine eindeutige grenzüberschreitung, außer man habe sein vorheriges einverständnis dazu eingeholt. ihn als typus bis ins letzte detail zu konturieren, muss - bei aller dann möglichen erkennbarkeit - gestattet bleiben, will die literatur nicht überhaupt ihren lebensraum verlieren.


    was kann man den menschen sagen?: haltet euch von schreibern fern! prüft zuerst, ob es denn literaten seien! und sind es personen von öffentlichem interesse, so teilt ihr dieses!





    ****




    was quoth aber am meisten gestört haben dürfte, das war die wehleidigkeit, mit der autoren in ihrer befindlichkeit auf kritiken reagierten, die halt nur den text im auge hatten, nicht aber die zwischenmenschliche tröstung des autors. der besprecher kriegt dann ein schlechtes gewissen aufgebrummt, obwohl er das ja nicht wissen kann. das ist uns in foren häufig passiert.

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