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Thema: Gottfried Benn: "Wozu Dichter in dürftiger Zeit?" (Interview, 1956)

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Richard
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    Gottfried Benn: "Wozu Dichter in dürftiger Zeit?" (Interview, 1956)


  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Gottfried Benn: "Wozu Dichter in dürftiger Zeit?" (Interview, 1956)

    Wir leben in einer dürftigen Zeit, um es mit Hölderlin zu sagen, einer an Geist armen und Taten reichen Zeit. Dichter kümmern sich nicht um Zeiten, sie leben außerhalb derselben, sind zeit-los. Die Zeit ist ihnen nicht gleichgültig. Sie verweigern sich der Institution "Kunst", bedürfen ihrer aber meist, um das tägliche Brot zu verdienen; insofern sind Institutionen durchaus für den Dichter wichtig. Er ist im Betrieb des Kunstschaffens, der ihn dazu treibt, etwas zu schreiben. Wir haben etwas zu besprechen - immer wieder neu. Das Besprechen ist der Ausdruck, der Bau des Gedankens im Satz. Aber denkt der Dichter nicht eher über den Bau des Satzes nach als über den Inhalt? Kaum. Wir formulieren Dinge, suchen die Form für das, was in der Zeit steht.

    Benn irrt, wenn er behauptet, die Sprache der Moderne sei einheitlich gewesen, egal ob Goethe, Paul, Schiller, Hölderlin oder Platen. Ihre Sprache steht zwar in der Zeit, geht aber eigenen Sprachfindungsprozessen nach, zumal Inhalt auch Sprache formt. Das Was, was ausgedrückt wird, folgt Regeln, aber Regeln in Kreisen. Diese können zu Lebzeiten des Dichters anerkannt werden - oder nicht. Was aber nicht bedeutet, daß der anerkanntere Dichter auch derjenige ist, der seine Zeit in ein sprachliches Muster pressen konnte. Ob Stifter seine Zeit besser in eine Form preßte als andere seiner Zeit, ist eine Frage der Rezeption, die oft politischen Diskursen folgt.

    Aber fragen wir danach, was den Dichter kennzeichnet. Bleibt er? Steht der Dichter außerhalb der Zeit? Ja, meine ich. Der Schriftsteller steht in der Zeit, der Dichter bedarf der Zeit nur, um aus ihr Material für seine Ideen zu holen. Dichtung ist deshalb monologisch, ganz recht.

    Daß sich der Interviewer und Benn nicht darauf einigen konnten, ob der Dichter nunmehr einsam schafft, unverstanden bleibt und bleiben will und für sein Wirken letztlich nur den Lohn im säkularisierten Himmelreich erwarten kann oder ob sein Wirken doch etwas auslöst, er immer auch andere mit seinen Worten berührt usw.

    Ich bin da auf Benns Seite: ein Dichter, der schon vorhat, mit seinen Worten, andere zu erreichen, der hat seinen Beruf verfehlt. Soller doch Schriftsteller werden.

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