Notiz über Unsichtbarkeit




Karl hörte die Anderen seinen Namen rufen. Der Park war nicht groß - eigentlich gab es nicht viele Verstecke, aber Karl gelang es immer sich so lange zu verbergen, bis seine Freunde die Suche aufgaben.
Sei bester Freund bat ihn einmal, ihm folgen zu dürfen, aber zusammen wurden sie schnell entdeckt. Der andere Junge verstand es einfach nicht, sich unsichtbar zu machen.
Ratlos fragte er Karl, was meinst du, soll ich die Luft anhalten oder was?
Karl konnte es ihm nicht richtig erklären, versuchte es trotzdem - du musst so sein wie ein Busch. Du versteckst dich dahinter. Das ist falsch. Du musst zu einem Gebüsch werden.
Sein Freund sah ihn verständnislos an.
Vielleicht hatte Karl es gelernt sich unsichtbar zu machen um seinem Vater nicht unter die Augen zu kommen, wenn der getrunken hatte. Leider trank dieser sehr oft - und dann wurde er traurig. Sobald er seinen Sohn sah verprügelte er ihn. Nicht, weil er böse war, sondern aus Trauer. Wenn Karl dann weinte wurde der Vater noch trauriger.
So war es das Beste die meiste Zeit unsichtbar zu sein.
Die Unsichtbarkeit wurde ihm zu einer Gewohnheit.
Nachdem er die Schule beendet hatte, ging Karl zur Bundeswehr. Verpflichtete sich nach kurzer Zeit für Jahre, so gut gefiel ihm das Leben in der Kaserne.
Er tat seine Arbeit immer ordentlich, fiel niemandem auf. Selbst in der lauten Stube empfand er Ruhe. Selten wurde er angesprochen. Aber, ohne sich darum zu bemühen, stieg er langsam immer einen Dienstgrad höher. Bis er eines Tages das Gefühl hatte, alle Soldaten würden ihn grüßen.
Bekümmert quittierte er den Dienst, mietete sich in einem kleinen Dorf ein Haus mit Werkstatt und begann sich im Schnitzen zu üben.
Karl war nicht ungeschickt, fleißig hobelte, feilte er an widerspenstigen Holzstücken. Er begann mit Elefanten, arbeitet sich zu Mäusen vor, wagte sich schließlich an Zwerge und Faune. Als er diese Figuren in der Stadt in verschiedenen Geschäften anbot, fand er genug Abnehmer, um davon leben zu können.
Im Dorf kümmerte sich niemand um ihn. Er hielt seinen Garten in Ordnung, wusch sein Auto regelmäßig und grüßte die Nachbarn. Aber es war nie möglich ihn in ein Gespräch zu verwickeln, merkte er einen Funken Neugier in einem Gesicht, wandte er sich bereits freundlich nickend ab.
Mehr musste er nicht tun, um unbeachtet zu bleiben.
Eigentlich war Karl ein ganz normaler Mann, so liebte er die Haut der Frauen, ihre Zärtlichkeit und Nähe wie jeder andere auch.
Er stillte diese Sehnsucht seit Jahrzehnten bei käuflichen Frauen. Nie wurde er bei einer Stammkunde, dies wäre ihm unangenehm gewesen. Aber er hatte im Laufe der Jahre gelernt, sich die Richtigen Huren auszusuchen. Keine ganz jungen, keine schönen, eher die etwas unauffälligen, deren Antlitz weich geblieben war.
Sie waren gut zu ihm, weil sie seinen Respekt spürten, weil er großzügig zahlte, unkompliziert war.
In diese Häuser ging Karl zweimal im Monat. Niemals wäre ihm der Gedanke gekommen, sich eine Frau zu suchen - um etwa zu heiraten. Obwohl er nicht viel über Frauen wusste, war ihm klar - wenn es Gefühl gab, würde er sichtbar werden. Für immer - vielleicht sogar für alle.

Es verging eine lange Zeit, Karl wurde immer geschickter, seine Kobolde, Wichte, Drachen verkauften sich gut, er aber wurde unzufrieden - lieferte nicht mehr regelmäßig, verlor die Lust das Holz zu bearbeiten. Nicht einmal mehr die Locke einer Späne konnte ihn aufheitern.
Seit einigen Monaten hatte er einen neuen Nachbar. Eine Frau. Nicht dass sie ihn störte - sie bemerkte ihn nicht einmal. Nur er sah öfters in ihren Garten hinüber. Dies erfüllte ihn mit rauem Missmut. Auf langen Wanderungen zertrat er ihn unter seinen Stiefeln.
Bei einem dieser Märsche stolperte er einmal über eine knorrige Wurzel, die einem Lindwurm glich. Später fand er noch einen fünffach verzweigten Ast, eine schmale Elfenhand. Beides nahm er mit sich.
In seiner Werkstatt bemalte er die Fundstücke, suchte in den nächsten Tagen weiter, fand immer neue wunderbare Wesen, Trolle, Hexen, Schafe.
Mit ein wenig Farbe sahen diese Holzgestalten viel schöner aus, als alles was er bisher gefertigt hatte.
Begeistert wurden ihm die Figuren abgenommen. Fast konnte er nicht genug liefern, so schnell wurden sie verkauft.
Sein Herz wurde wieder froh, er sah nicht mehr in den Nachbargarten, verbrachte viel Zeit im Wald. Sah und erkannte immer mehr.
Eines Tages fand er in einem Bachlauf ein rundes Stück Holz. Während er es von Blättern befreit, konnte er einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. Er hielt die vollkommen geformte Skulptur eines Männerkopfes in den Händen. Breite niedrige Stirn, in die struppig eine Haarsträne fiel, von Lachfalten umgebene Augen, eine kurze Nase und ein schelmischer Mund.
Hier brauchte es keine Farbe mehr, niemand könnte dieses Gesicht verbessern.
Aber als er diesen Kopf mit anderen Figuren seiner Händlerin vorlegte, schüttelte sie nur unwillig den Kopf - da ist ja nichts dran gemacht, das könnte ja jeder finden. Einfach ein Stück Holz. -
Seine Unsichtbarkeit ließ keinen Streit zu, widerwillig griff er einen Stift von ihrem Tisch, malte rasch die Augen, die Lippen, ein paar Striche für die Haare.
Nun war alles in Ordnung.
Karl war sehr erstaunt, diesen bemalten Kopf wenige Wochen später bei seiner Nachbarin auf dem Gartentisch zu sehen.
In der nächsten Nacht schlich er sich in ihren Garten, entfernte sorgfältig mit einem Lappen jede Spur der Farbe vom Holz, stellte den Kopf leise wieder an seinen Platz.
Am nächsten Tag lauerte er hinter seinem staubigen Werkstattfenster, beobachtete wie seine Nachbarin die Holzskulptur ansah, stutzte, sie hochhob. Sie sah direkt in das Holzgesicht.
Nickte.
Während Karl seine Schuhe schnürte, pfiff er leise. Gleich würde er wieder im Wald sein.




[Diese Nachricht wurde von Kyra am 01. November 2002 editiert.]