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Thema: Charon

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Charon

    Nach dem Leben voller Leere
    Komm ich an den Fluß
    Zum alten Charon :
    Müde, staubig, in der linken
    Hand ein wenig
    Glaubensasche,
    In der Rechten aber trag ich
    Leicht gebückt die schwere
    Fragetasche.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Charon

    spontane eindrücke, iodin:


    das gedicht hat in der grundaussage ein pathos der leere und vergeblichkeit, zu dem das ausstaffierende einiger verse nicht recht passt.


    v.a. "aber trag ich / Leicht gebückt" sind für mein gefühl viele wörter ohne andere als ausmalende und metrisch ausbalancierende funktion.


    und wie ist "zum alten charon" gemeint? klingt seltsam vertraulich, in meinen ohren.


    "in der Rechten trag ich leicht gebückt" kommt mir außerdem als bild etwas schief vor.


    was fehlt in dem gedicht, wenn man es so abmagert:
    Nach dem Leben voller Leere
    Komm ich an den Fluß zu Charon:
    In der linken Hand ein wenig
    Glaubensasche,
    In der rechten Hand die schwere
    Fragetasche.


    das vermittelt meines erachtens die "leere" genauer.

    gruß

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Charon

    Zu Gedichten äußere ich mich mangels Kompetenz sehr ungern. Wenn mir das Urteil jedoch durch einen Vergleich erleichtert wird, wie hier durch Trist, tu ich es doch:


    Ich würde auch die verkürzte Version vorziehen.
    "Fragetasche" finde ich gut.

    marth

  4. #4
    rodbertus
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    Question AW: Charon

    Nur zwei Fragen, iodin:


    nach DEM Leben...?
    ALTER Charon mit Nutzanwendung des Staubigen?

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Charon

    danke euch allen für die schnelle reaktion

    rod:
    - nach dem leben.. na gut, normalerweise heisst es nach dem tod. aber ich mag alliterationen, und ich denke, dass tote sich da sowieso etwas anders ausdrücken.

    - alter charon: staubig, genau. der steht da ja schon ganz schön lange.

    ansonsten: ich glaube, ihr habt recht.. es ist trotz der kürze noch reichlich unnötiges drin. aber der text ist schon ein wenig spielerisch gemeint, so dass das vielleicht doch nicht ganz unberechtigt ist.

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Charon

    Glaubensasche - Fragetasche, ein gewagtes Wortspiel, ja, das spielerische fiel mir auf (wenn ich nur nicht immer an die TRAGEtasche - gelb und von Ikea - denken müßte dabei).
    Die gegenläufige Bewegung leicht/schwer hatte mich am Anfang irritiert, inzwischen finde ich sie aber besser als Trists Version. Was die ersten vier Zeilen angeht schließe ich mich ihm allerdings an (zumal ich, im Gegensatz zu Wolkenstein, die Staubigkeit auf den Protagonisten bezogen habe).
    Ich wälz es noch ein wenig durchs Hirn. Da wälzt sich's schön.

    it

    (PS: was ist denn mit der Hyperfiction?)

  7. #7
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Charon

    die hyperfiction: tut mir leid, im moment fällt mir nix gescheites ein. der text hier ist über 2 jahre alt..
    aber ich glaube, so langsam krieg ich wieder ein bisschen kreativen saft. noch ein kleines weilchen, please..

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Charon

    ich bleib immer an der ersten Zeile 'kleben':
    'voller Leere': auf die Wendung bin ich noch nicht gekommen, Gegenteil von Tautologie?, aber was ist das Gegenteil, he aero!


    Ein melancholischer Text, der zum November passt. Ein Leben mit etwas Glauben und offenen Fragen am Ende, nun gut: Charon wirds nicht kümmern bei der Überfahrt, aber Überfahrt muß sein. Styx (heißt der so, der Fluß?), arme Seelen: ein guter Text, der einlädt zum Meditieren.


    Gruß


    Lester

    P.S. ..dabei fällt mir ein: gehört irgendwie in den Kontext zu 'Letzte Worte', oder?

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Charon

    VOLLER LEERE assoziiert bei mir das Stellen der Frage: Worin ist der Raum? Denn Leere ist nicht. Zumindest ist Leere Raum, also Hülle. Ups. Hülle ist Rand, ist Struktur, ist etwas. Das Nichts ist aber nicht die Leere. Leere ist die Abwesenheit von etwas?! Dann wäre sie logisch interpretierbar. Sie ist aber nicht deckungsgleich mit Nichts. Leere ist also etwas. Leere besitzt Form, sie ist eine Umrandung, in der nichts ist, aber der Rand ist. Der Rand kann spiegeln, etwas spiegeln, was aber dann im Umrandeten nicht widergelesen werden kann. Mehr nicht. Dann ist im Leeren zumindest die Ahnung von etwas Gespiegeltem, das nur als NICHTS wahrgenommen wird, nichtsdestotrotz aber dennoch ist.


    Das erste Bild ist insoweit schief, als daß sich ein Leben nicht im Leeren befinden kann, ohne die Leere zu negieren. Er meint wohl, daß sich in einem bestimmten Leben -nicht DEM- Mißerfolg an Mißerfolg schloß, aber ist das mit Leere assoziierbar? Dislozierte Simulanz.


    Aber eigentlich wollte ich hier über Charon und Chairon sprechen, nicht über Leere, sondern über Lehre.

    Leicester, das Gegenteil einer Tautologie ist die semantische Leerstelle, das Korrelat. Es soll durch die Phantasie des Lesers gefüllt werden. Insofern ist "Charon" durchaus gelungen, denn er regt die Phantasie an, wie auch die vorigen Mitteilungen der Leser belegen.

    Phrasenklopperei ist hier aber auch zu bemäkeln. Du hast den Fluß nicht benannt, das Leben als gelebt gesetzt, auch andere einem Dichter als inkongruent anödende Begriffswolken nicht ausgespart... Nun gib schon zu, daß dieser Versuch wenigstens teilweise mißlungen ist; schieb nicht alles aufs Alter (des Textes)!

  10. #10
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Charon

    lester: der text sollte eigentlich nichts mit "letzte worte" zu tun haben.. aber ich merke schon selbst, dass ich immer um dieselben themen kreise..

    vW: es ging mir gar nicht um charon; ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie er in das gedicht hineingeraten ist. eigentlich ging es mir nur um die fragetasche. - du solltest mal sehen, was ich in der zeit sonst noch so verbrochen hab
    ich selbst schätze den text nicht sehr hoch ein, ich war direkt überrascht über die doch ziemlich positiven reaktionen... ich hab allerdings versucht, am gedicht herumzufeilen, aber das hat überhaupt nichts gebracht. soll es bleiben, wie es ist. ist auch nicht so wichtig.

  11. #11
    grüne tara
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    AW: Charon

    aber nicht doch, iodin!
    mir gefällt "es". ich habe im moment leider keinen internet-anschluß und will die geduld von einer freundin nicht überstrapazieren. daher wünsche ich dir auf diesem weg ein wundervolles weihnachtsfest (und schön brav am heiligen abend in den dom gehen und einen guten rutsch ins neue jahr).

    liebe grüsse,


    grüne tara

  12. #12
    rodbertus
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    AW: Charon

    Hab mich geirrt. Ist Gedankenlyrik, zudem antithetisch und so gar nicht verquarkt.


    Fragetasche ist ein schönes Bild für den, der die letzten Dinge beobachten könnte. Könnte! Ist Charon nicht die letzte Instanz unter den Lebenden? Manches Mal allerdings frage ich mich, ob Charon nicht nur ein starres Bild ist?! Wenn es an dem ist, dann darf er nicht antworten, sondern darf nur hinnehmen.


    iodin, mich würde es interessieren, ob Du und wie Du Charon hier siehst. Davon teilt sich in Deinem Ordnereingangsbeitrag nichts mit.

  13. #13
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Charon

    Robert! Fürwahr eine wunderliche Wandlung ist das - freut mich natürlich.
    Wie ich Charon hier gemeint habe? Es ist nicht so, dass ich beim Schreiben eine bestimmte Absicht verfolgt habe oder ihm eine symbolische Funktion zugewiesen habe; wenn überhaupt, ist er eher atmosphärisch gemeint.
    Also in diesem Gedicht so etwa die Vorstellung, man ist auf einer langen Reise, macht vielerlei Erfahrungen, sammelt so einiges an, und dann kehrt man schließlich müde und staubig zurück - dann ist da diese vertraute Person (zumindest vertraut aus Erzählungen, die einen seit Urzeiten erwartet -; aber die einem möglicherweise auch nicht die "Fragetasche" abnehmen kann. Der Kontext des ganz prosaischen griechischen Totenglaubens, dass es danach (fast) ganz normal weitergeht, nur woanders, passt hier mE gut; gerade im Gegensatz zu der heute wohl vorherrschenden Auffassung, auch bei ganz unreligiösen Menschen, nach dem Tod sei alles klar und alle Fragen gelöst! (wobei ja Christen sowieso alles vorher wissen.)
    Ich fürchte, genauer kann ich selbst nicht werden; das gedicht ist nicht "durchdacht", sondern eher, was die meisten ja wohl auch so gesehen haben, eine art stimmungsbild...

  14. #14
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Lightbulb AW: Charon

    Ja, manchmal muß man mich sanft erinnern. Dieser Ordner könnte mein neuer Lieblingsordner werden. Ich hab etwas gesucht und -wie immer- etwas gefunden.


    ACHERON
    Titanen- und Rheasohn
    - der an dem höllischen Flusse ohne Freude sitzt
    - ermöglichte den Titanen, aus seinem im Titanenkampf noch süßen Flusse zu trinken - nach ZEUS' Sieg wurde er bestraft, sein nun bitterer Fluß selbst zu sein
    - seitdem gilt er als Hüter des Totenflusses (Zusammenfall mit ägypt. Charon! - Hat Orpheus als Überträger ägypt. Kultur hier gewirkt?)
    - zeugte mit der Nacht die Furien ALEKTO, Megara und TISIPHONE


    CHARON
    - graue Haare, schmutziger Mantel, aber feurige Augen
    - der Fährmann der Seelen über den Acheron in den Hades für den Preis eines Obolos, der den Verstorbenen unter die Zunge gelegt wurde
    - Sohn, wie fast alle Hadeswesen, der NYX und des EREBOS


    Diese beiden Einträge finde ich in meiner Datenbank zu Charon, dann gibt es noch einen Historiker, der von persischen Greueltaten während des griech. Befreiungskampfes berichtete und einen Charondas, eigentlich gibt es da viele. Manche behaupten, daß Acheron nur einer der vier Flüsse sei, die aus dem Thron des Hades entspringen. Am überzeugendsten ist immer noch die Etymologie des Übersetzens aus Ägypten. Gerade im Totenkult haben die Griechen hier starke ägyptische Züge, wie schon Rohde berichtete. Aber ich muß da noch ein bißchen forschen; vielleicht findet sich auch eine Fabel, in die sich's packen ließe!

  15. #15
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Charon

    feurige augen.. schön. so soll das sein.
    wie wär's mit einem gedicht über den OBOLOS?
    "ich trollte mich, versonnen den obolos im munde rollend.."

  16. #16
    rodbertus
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    AW: Charon

    interessanter Aspekt: die Griechen kannten Hochwasserfluten nicht, wie hätte sonst Acheron sein Boot lenken können
    Der Mann stand, hatte seine Stelle, an der er wartete; wie hätte er warten können, wenn Hochwasser sein Leben bestimmte?
    Also, wo kam das Wasser her? Klar, aus dem Auge des Zeus. Wenn der Kummer hatte, floß es reichlicher. Wann hatte Zeus Kummer? Warum kann Zeus überhaupt Kummer haben? Weil alles anthropomorph gewest? Sind wir nur Abbilder? Pantheismus ist die einzige Religion, die halbwegs akzeptabel ist. Was heißt hier halbwegs?!

  17. #17
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Charon

    Pantheismus nimmt den Kern der Religion, den Trost, als wär es Beiwerk und unnütz. Ist es aber nur für arge Stoiker. Aber vielleicht hat Boethius Recht und es gibt auch einen der Philosphie. Für den, der es so sieht, ist das Gedicht nervig und eher für Kinder geeignet.
    Muß ich ein Gedicht, sein Inhalt, ernst nehmen, um die 'richtige' Benotung zu finden? Hübsche Frage. Ich denk mal nach.

  18. #18
    rodbertus
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    AW: Charon

    Leicester, der Kern der Religion soll Trost sein? (Wenn ich das jetzt in Dein Schreiben so hineininterpretieren darf, daß Du das DOCH meinst.) Was ist ES im zweiten Satz? Das Trostsein? Wenn Trost der Kern der Religion sein sollte, dann wirklich nur für Stoiker. Den Kern der Religion bilden Hoffnung, Liebe und Glauben. Trost ist ein Teilbereich der Hoffnung. - Keine Bange, ich red jetzt nicht von Stoikern. Bleiben wir bei iodins Gedicht!


    Der Ankommende hat seine Hoffnung nicht verloren. So leer kann sein Leben nicht gewesen sein, wenn Hoffnung sich hielt.


    Ich glaub, wir werden über Pantheismus reden müssen.

  19. #19
    Kurzvormabschussiger
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    Smile AW: Charon

    Böcklin, Die Toteninsel, 1886, Tempera auf Mahagoni


    "Sie erhalten, wie gewünscht, ein Bild zum Träumen. Es muß so stille wirken, daß man erschrickt, wenn angeklopft wird." Böcklin an den Kunsthändler Gurlitt, welcher erst den Titel "Die Toteninsel" ausgewählt hat.


  20. #20
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Charon

    Zeit Zeit Zeit. Sie bleibt ein Unbegreifliches. Ina aus Bärlin weiß nichts mit dem Maspfuhlschen Ordnungsprinzipat anzufangen. Sie empfindet All zu stark, weiß sich geborgen in den abgezehrten Gedanken, die sie wechselweise erhöhen und erdrücken. Was wundert's; man nennt es Leben. Und eben weil all ihr Aufgeschriebenes so sehr nach Leben atmet, wollen wir mit diesem GANG eine andere Seite aufgeschlagen wissen, die der öffnenden und tanzenden Liebe, die faßbar nur wird im Zeitengang, immer wieder. Darauf läßt's sich zählen.

    erstellt von Ina S., 1997:
    Fortwährend ändern sich die Dinge. Ich hätte wissen müssen, daß nichts dies ändert.
    Jene Nacht ging über in einen Vollmond. Jene Nacht ging über in einen Jungen mit Schirm, den er mit beiden Händen wie einen Stock hielt, als wollte er einen Steptanz beginnen. Madame, darf ich Sie begleiten? Warum nicht?
    Ina, nicht. Jene Nacht ging über in das lange und heimliche Schluchzen einer Eule. Sie hatte den Kopf nach hinten gedreht, die vertierte Seele des Schützen, der sich weigerte, auf Selene zu zielen. Ina, nicht.
    Jene Nacht ging über in eine vom Regen erwärmte Straße, ging über in die vierte Stunde, ging über in den Traum von einem Mädchen, ganz in Orange, mit viel zu langen Ärmeln; ein Vogel war ins Naß gefallen, in das Naß aller ziellos Liebenden - and I must be an acrobat to talk like this and act like that (U2, Acrobat).

    Ina nicht.
    Ich hielt auf meinen Lippen eine Unsterblichkeit lang die deinen. Ich hielt an meinem Körper einen Blitz lang mein Kleid, an dem deine Arme Flügel wurden. Und begann meine reise über die Hügel. Abgebrannte griechische Hügel, von denen der Regen die Erde spült. Aber die Erde, sagtest du, sammelt sich anderswo. Aber die Quellen, dachte ich, versiegen. Ina nicht.
    Mein Herz atmete den Rhythmus von einundsiebzig Nähmaschinen nach, die eilig ein Brautkleid erdachten. Mein Herz, ich glaubte, es sei eifersüchtig. Aber nein. Nicht Ina. Es jagte, traktiert von einer orangefarbenen Eulenfeder. Du riefst schuhu schuhu, vorbei vorbei. Und mir war zumute wie einem verstörten Akrobaten mitten auf dem Seil zwischen damals und nie, dem man das Licht ausgeschaltet hatte, weil er längst vergessen war. Trotzdem hielt ich die Balance, hielt meinen orangefarbenen Stift. Und die Nacht ging über in ein großes Tamtam.
    Türen öffneten und schlossen sich wie Münder von Tratschtanten. Wie fühlst du dich in Berlin? Wo bist du so aufgeblüht? Ein neuer Lover? Ja, bedeutete ich. Ja. Ja Ina, doch. Und wechselte den Namen. Kathrin stand mir auf der Stirn. Susanne auf meinem linken Handteller. Eva-Maria quer über der Brust. Charlotte, Lena unter meinen Fußsohlen. Lara, Rabea und Nino drückten Stempel mit ihren Initialien auf all die Stellen meines Körpers, die vorübergehend nicht definiert worden waren. Jetzt mach was draus! Und die Nacht ging über in ein Fest.
    Ich landete neben dem blonden Bryan, mit dem ich Erdbeeren von einem Teller aß. Die letzte blieb. Sie war halbiert und ließ mein Porträt erkennen wie in einem aufgeklappten Medaillon. Im Alter, sagte Bryan, im Alter ist es zu spät. Alle Fixer zielten auf mich mit ihren Spritzen. Denn ich war ein Fixpunkt geworden. Geworden zu verglimmen. Glut der Entwöhnungszigarette zwischen deinen Fingern, Lippen. Verwechslungen. Nicht Ina. Doch Ina.
    Die Zeiten ändern sich unabänderlich. und ich tauchte meine Finger in den Erdbeersaft und schrieb immer abwechselnd unsere Namen auf den Boden des Tellers, als hätte man mich ersucht, Liebe, Geilheit und Sanftmut gerecht zu verteilen. Für jeden immer nur soviel, daß er nicht dran stirbt.
    Und die Nacht ging über in ein Boot. Es brachte mich zu einer dieser vielen kleinen Toteninseln, zum Bahnhof, der Gondel wurde. Bryan legte Hand an. Er übte seinen Selbstmord mit Pistole und wassergefülltem Mund. Wenn man alles erreicht hat, gluckste er, wenn man erst andere befehligt hat, wenn andere erst getan, was man ihnen vorschrieb, dann kann man sterben. Sich ein Haus nehmen und aufs Meer schaun und auf die Berge. Mehr braucht es nicht. Es braucht Meer. Nur dort erkennt der Mensch sich selbst. Als Teil dessen, des Wassers und der Erde, der bewegten und starren Oberflächen, des großen Kreislaufs. Ich war all das. Wenn auch nur auf Bewährung. Bryan verkehrt ohne Führerschein. Christophorus kifft. Der Akrobat wird Vogel, stürzt ohne Netz.
    Und durch Charons Seele ging die Nacht. Sie ließ mir ein Messer. Äpfel lagen auf dem Bett gleich sonderbaren Uhren. Und wieder teilte ich, teilte und behielt. In jede Kammer des Kerngehäuses schloß ich einen Mann. Für Lena, Lara, Charlotte, Susanne, Nino, Rabea, Kathrin, Eva. Für Ina blieb nichts. Blieb jenes Messer, das ich um keinen Preis einzutauschen gedachte gegen die Nähmaschinen, gegen die Perpendikel der Eifersucht. Ich warf mich Charon in die Arme. Und die Nacht ging über in den Tag. Aber dort sah es nicht anders aus. Darf ich Sie begleiten, Madame? Nein.
    Seltsam, nach so viel Zeit, nachdem die Zeiten sich unabänderlich änderten, blieb ich bei meinem Nein. Und blieb bei meinem Ja. So Tod und Leben ein Ja sind und ein Nein unter wechselnden Vorzeichen.


    Charon ändert die Richtung, steuert aufs offene Meer. Und das Meer geht über in die Nacht, in der all jene ertrinken, denen das Rauschen des Meeres Rausch ist. Ina nicht. Doch. Doch, es bleibt der kurze Moment. Der Moment, da ich Vogel war und Ina und Ja, als du sagtest nicht. Und alle Zeit sich verlor. Und ich fing die Zeit. Ging über.-
    Falls ich jemals gefragt werden sollte, warum ich so bin, wie ich bin. Darum eben. Ich bin schon längst übergegangen.

  21. #21
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Charon

    Ja, wie bereits 2001 vermutet, ist das einer meiner Lieblingsordner. Sterben, Hinübergehen, Verwandlung... große und wichtige Themen des Dichters. Ausgebreitet in einem Fluidum. da wundert's die Funktion des Wassers nicht. Tränen sind eine Vorahnung des Kommenden. Und die Nacht ging über in einen Traum.

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