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Thema: Herr Lauter

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Wink Herr Lauter

    überarbeitete fassung.


    auf kommentare pfeif ich natürlich, liest ja eh kein schwein, meine


    idee des verschwindens.


    aber auf diese weise schliesst ein hund wie ich eben ein jahr wie dieses ab in diesem forum. yepp. guten rutsch, liebe schreiberlinge, und auf ein neues. prosit.


    Mr. Jones








    Herr Lauter


    oder


    die Idee des Verschwindens


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    Aus und zerrissen: alle Seiten aus meinem Tagebuch. Ein paar fixierte Erinnerungen zwischen Zeitfugen also, ein bisschen Vergangenheit, schwarz auf weiss, die ebenso wie beschrieben hätte sein können. Und auf lange, gerade Geleise gespült dann, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. Herr Lauter reibt sich nach verübtem Attentat zufrieden die Hände. Ich protestiere nicht. Oder nur innerlich, einmal mehr. Und einmal mehr richtet sich mein wortloser Einspruch weniger gegen ihn, den Terroristen, als vielmehr gegen mich selbst und meinen Nichtprotest, den er natürlich als stillschweigendes Einverständnis empfinden muss. Dabei zittere ich. Ob vom gleichmässigen Stampfen des Zuges oder aus einem anderen Grund, weiss ich nicht und bin froh darüber. Stattdessen sehe ich zu, wie Herr Lauter eine Flasche Whisky öffnet, daran schnuppert und schliesslich trinkt. Ich versuche zu schlafen, aber die Augen fallen nicht zu, sondern starren ins Schwarz des Fensterrechtecks und sehen die Tinte meiner Worte verschwimmen auf den Tagebuchseiten draussen, auf den Eisenbahnschienen, im Regen. Das Gestern zerrissen, das Morgen im Dunkeln. Herr Lauter hat das Licht ausgemacht. Aber er ist noch da. Ich höre seinen Atem, laut und schwer vom Whisky, ich rieche, dass er eine Zigarette raucht, und sehe den roten Punkt in der Dunkelheit. Wie überlebt man, frage ich mich, mit dem Gefühl der Leere in sich, dem Gefühl des Verlassen- und Vertrieben-, des Gescheitert- und Entwurzeltseins?
    Ich sehe den roten Punkt in der Dunkelheit und weiss keine Antwort. Weiss nur, er ist noch da, Herr Lauter, und wird immer da sein, vielleicht.




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    Sogar im Traum ist er da. Und im Traum scheint er mir noch gefährlicher zu sein, denn im Traum legt er: Bomben. Wobei Herr Lauter kaum je Bombe sagt zur Bombe, sondern: das Heurekading, das Ei des Kolumbus oder auch die Frucht vom Baum der Erkenntnis. In all den Städten, die wir bereist haben, hat er, während ich schlief, mindestens eine explodieren lassen, jedenfalls. Etwa letzte Woche: Ich sass in einem Strassencafe, als ich den Klang einer Drehorgel hörte. Ich sah mich um, aber weder der Musiker noch das Instrument waren zu sehen. Stattdessen hatte ich plötzlich meine Kindheit vor Augen: Ich, an der Hand meiner Grossmutter, als ein Leierkastenmann am Strassenrand spielte und Grossmutter zu weinen anfing, weil ihr die Musik so gut gefiel - wie sie sagte. Heute allerdings glaube ich an einen anderen Grund für ihre Tränen. Die Musik weckte damals irgendwelche Erinnerungen in ihr, wie letzte Woche in mir - bis ich in der folgenden Nacht dann träumte von Herrn Lauter: wie er zehn, zwanzig Drehorgeln in die Luft sprengte. Seither fällt es mir schwer, mich zu erinnern an Grossmutter. Überhaupt gibt es die Vergangenheit und ihre Spuren jetzt kaum noch. Stattdessen: gibt es ihn.




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    Im Schweigen, einem verdoppelten, und im Regen reisen wir, Herr Lauter und ich. Und bewegen uns dabei immer im Gravitationsfeld einer Situation, welche sich ergab: zu einem zufälligen Zeitpunkt an einem beliebigen, unbedeutenden und allemal austauschbaren Punkt im Weltganzen. Dem Bahnhof von Eden. Übrigens einem Eisenbahnknotenpunkt, weswegen die Schnellzüge auch regelmässig hier, zwischen der Stadt, in der ich wohnte, und jener, in der ich als Geschäftsmann tätig war, anhielten. Ein lästiger Umstand, selbstverständlich, zumal er den, der schon ungeduldig über die Unterbrechung war, auch noch zwang, einen kleinen trostlosen Bahnhof zu betrachten, eine Minute lang, tagein, tagaus.




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    Warum ich ausgerechnet hier aus dem Zug gestiegen bin, anstatt wie üblich weiterzufahren nach der Stadt, wo ich von meiner Frau mit ihren grundgestimmt traurigen Augen und den Kindern erwartet wurde: Es gibt keinen vernünftigen Grund. Sei es aus einer gewissen Neugier, sei es, weil ich, freilich unbewusst, einfach nicht nach Hause wollte - wovon Herr Lauter jedenfalls überzeugt ist -, fest steht einzig: Nach einem gelangweilten Blick zurück ins leere Nichtraucherabteil habe ich den Zug verlassen, damals.




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    Feucht und kalt lag spinnwebdünner Nebel in der Luft. Ich war der einzige Fahrgast, der aus dem Zug gestiegen war. Unschlüssig stand ich auf dem Bahnsteig, betrachtete den Platz vor mir, dessen Kopfsteinpflaster im Mondlicht schimmerte, und die wenigen kahlen Bäume und Häuser, die ihn säumten: Ein altes Hotel, das aussah wie alle Hotels, die bei einem Bahnhof stehen und Bahnhof heissen; ein Kiosk, der, wäre er nicht als solcher bezeichnet, einfach ein Schuppen gewesen wäre, Latten und Holzpfähle; daneben in neuerem Zustand die obligatorische Telefonzelle; weiter ein Postamt, ein paar Wohnhäuser und ein glattgesichtiger Büroklotz, der nicht so recht ins Bild passen wollte. Ich warf einen Blick auf die Bahnhofsuhr, die über mir schwebte. Sie zeigte eine Minute vor Mitternacht. Unerklärlicherweise - bis mir das Bild wieder einfiel: das Bild einer grinsenden Teufelsfratze, der die Zunge aus dem Mundwinkel hing und rote Hörner, lange, spitze, aus der Glatze wuchsen. Ein Bild, gemalt in blau und rot und schwarz und grau. Der Wind hatte es mir vor die Füsse geweht, als ich auf dem Weg zum Bahnhof der Stadt, in welcher ich einen weiteren Tag als Geschäftsmann verlebt hatte, durch einen Park gegangen war. Ich erinnere mich: ich hatte das Bild aufgehoben und betrachtet, selbstvergessen und offenbar stundenlang. Zuletzt im Schein der Parklichter. Aber dies realisierte ich erst jetzt, eine Minute vor Mitternacht, hier, am Bahnhof von Eden, wo ich aus dem Zug gestiegen war. Das Bild übrigens: zuletzt hatte ich es zerrissen und weggeworfen.




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    So stand ich auf dem Bahnsteig, ein bisschen ratlos, ein bisschen schuldbewusst, als ich vor mir auf dem Boden, keine zwei Schritte entfernt, ein schwarzglänzendes Etwas bemerkte, gross und rund wie ein Fussball. Für Augenblicke war mir, als warte das Etwas, hier, an diesem verlassenen Ort: auf mich. Zögernd hob ich es auf. Es war schwer und aus Metall. Und: es tickte. Die ganze Zeit schon war dieses Ticken in meinen Ohren gewesen, aber unbewusst hatte ich es auf die Bahnhofsuhr zurückgeführt. Hält man jedoch einmal eine Bombe in den Händen, erkennt man seinen Irrtum mit einer Plötzlichkeit, die ihresgleichen sucht. Denn sofort und zweifellos begreift man, auch wenn man nie zuvor eine gesehen haben sollte, um was es sich dabei handelt.




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    Ich und eine Bombe. Eine Bombe und gleichmässiges Ticken. Ich und gleichmässiger Pulsschlag. Ich: ruhig, ratlos, ein wenig ärgerlich über mein Aussteigen vielleicht, jedoch nicht erschrocken, ja kaum überrascht und wenn, dann höchstens ein bisschen, weil ich überhaupt nicht entsetzt war. Obschon ich das Ungeheuerliche des Ereignisses doch sogleich begriff. Ich und eine Bombe in meinen Händen. Eine Bombe, die keine grossen Unterschiede bedeutete, mich kalt liess. Während ich zusah, wie die roten Ziffern auf ihrem Display sekundenschnell wechselten und rückwärts zählten: dreiundzwanzig, zweiundzwanzig, einundzwanzig...




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    Immer wieder verfolge ich die Kausalkette zurück, welche das Jetzt mit meinem Damals verknüpft, doch komme ich nie weiter als bis zu jenem Punkt, dem Fixpunkt meiner Gegenwart. Der Bahnhof von Eden. Sechsunddreissig Jahre meines Lebens: liegen seither im Schatten meines Gedächtnisses wie ein mit Stacheldraht abgesperrtes Gelände. Nichtssagend, weil: mir nichts sagend, weil: nichts aussagend über mich. Nichtssagend also die Eltern und die Eltern der Eltern. Eine Frau mit grundgestimmt traurigen Augen. Kinder. Ausserdem die Häuser, die ich bewohnte, und die Strassen, auf denen ich ging. Und nichtssagend vor allem: einer, der fast konturlos und nur halb und ungefähr lebte im Einerlei dieses öden Geländes eines schweizerischen Alltags, ein Mann der Eile und Routine, der Wirtschaft, der Zahlen und Diagramme, ein Geschäftsmann, unpersönlich, formell, beziehungslos, einer, der sich mit oder ohne Sonnenbrille von der Welt distanzierte: eine Scheinexistenz halt, ein Schatten nur seiner selbst: ich.




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    Im Schweigen, einem verdoppelten oder gespaltenen, und im Regen reisen wir, Herr Lauter und ich. Und bewegen uns dabei immer im Gravitationsfeld einer Situation, welche sich ergab: zu einem zufälligen Zeitpunkt an einem beliebigen, unbedeutenden und allemal austauschbaren Punkt im Weltganzen. Dabei wissen wir beide, wir können nicht entkommen. Allein flüchten können wir, immerfort und in alle Himmelsrichtungen, vielleicht.




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    Der Zug gleitet dahin in seinem monotonen Ta-dam-ta-dam, dem Ende der Nacht entgegen. Ich spähe hinaus, ahne hinter den Regentropfen auf der Scheibe: Landschaften, Städte, ferne Lichter, Leuchtreklamen. Das Reiseziel bleibt unbekannt. Eine Standortbestimmung unmöglich. Ich begreife, ich habe die Orientierung verloren, endgültig. Endlich, sagt Herr Lauter. Sein Schweigen hat Lücken, manchmal. Er redet dann, meistens ohne viel zu sagen dabei. Und nur mit sich. Während Flasche um Flasche geleert wird, während Station um Station vorbeizieht an uns. Um den Dingen gewachsen zu sein, meint er etwa, sei es wichtig zu übertreiben. Und lauter wird er dann, als er weiterspricht, lauter mit jedem Schluck, den er nimmt. Einmal frage ich ihn: Wie überlebt man mit dem Gefühl der Leere in sich? Er gibt keine Antwort. Oder antwortet: indem er von den Toten spricht. Ihnen gehöre nichts, gar nichts, erläutert er, weder der Anzug im Schrank noch die Bilder im Fotoalbum noch irgendwelche Briefe oder Geld. Sobald einer verschwinde unter der Erde oder im Feuer oder sonst wo, verliere er alles, die ganze Welt, und werde also frei, endlich unendlich frei. Die Toten: Herr Lauter sagt, ich sei einer von ihnen, ein Toter, der wandle, namenlos, abgetan lange schon, gemeldet nirgends mehr. Aber meistens verstehe ich ja nicht, was er meint, denn immer versponnener, immer sehnsüchtiger, immer hoffnungsloser werden üblicherweise seine Selbstgespräche, je länger die Reise andauert. Bis er nur noch einzelne Begriffe in den Raum schleudert, Begriffe wie: Gültiges und Endgültiges, Weggeworfenes, Verlorengegangenes, Verkohltes, Menschenmögliches und Unmögliches. Um anschliessend zu verkünden: Die Wahrheit ist eben auch nur ein Besäufnis. Und zuletzt brüllt er dann: So fliesst der Whisky und die Seele weint, der Irrwitz blüht, die Bombe platzt! - Bombe, brüllt er: Vielleicht das einzige Mal, dass er die Dinge beim Namen nennt. Dabei kommt ihm ein fast irres Lachen über die Lippen, und auch ich beginne zu lachen. Vorerst über die ausweglose Situation, in der wir uns befinden. Dann über mich, der ich dieses Schicksal doch selbst gewählt habe. Und endlich über den längst nur noch fragmentarischen Film in meinem Kopf, dessen unfreiwillige Komik darin besteht, dass nicht ich und auch nicht Herr Lauter die Hauptrollen spielen in ihm. Sondern die Luft, die ich atme. Die Landschaftskulissen. Die Hotelzimmertapeten.




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    Meine Gegenwart: Eine Reise, für die es nie eine Abfahrt gegeben hat. Und ebenso werden wir nie ankommen irgendwo, er und ich. Meine Gegenwart: Eine Reise wie in einer Glaskugel, aussenkontaktlos. Ein Mikrokosmos von Zügen und Hotelzimmern, entstanden aus lauter Zufälligkeiten. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: dass die Zufälle, die diese Reise ausmachen, mir verwandt sind, allesamt. Vor allem die Bombe, deren Unfreiheit es ist zu ticken, dreizehn, zwölf, elf, zu ticken, bis-




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    Noch einmal ist alles da: Ich und eine Bombe. Eine Bombe und gleichmässiges Ticken. Ich und gleichmässiger Pulsschlag, gleichmässig seit Jahren schon. Und noch einmal sehe ich, wie die roten Ziffern auf dem Display sekundenschnell wechseln. Dreizehn, zwölf, elf, tickte die Bombe. Und blieb, anstatt weiter zu zählen: stehen. Bei sieben. Augenblicklich, jäh. Das Ticken erlosch, und es war, als erstarrte alle Zeit in dieser Sekunde: da Herr Lauter in mein Leben trat, lautlos. Mit einem Lidschlag war er einfach da, stand eine Armlänge entfernt von mir, und auch wenn sein Blick mir verborgen blieb hinter seinen dunklen Sonnenbrillengläsern, so fühlte ich doch, dass mir dieser Mensch jetzt direkt in die Augen sah. Während er seinen gelben Koffer abstellte und öffnete. Herr Lauter nahm mir die Bombe aus den Händen, packte sie in den leeren Koffer, behutsam, und machte diesen wieder zu. Herr Lauter: Nichts Fremdes, nichts Unbekanntes an ihm, obwohl wir uns nie vorher begegnet waren - als machte ich Bekanntschaft mit mir selbst. Leise sagte ich: Das einzige, was mich für Augenblicke erschreckt: dass ich mein Leben verpassen könnte wie einen Zug, der abgefahren ist. Er nickte. Grinsend flüsterte er mir ins Ohr: Sprich, oder schweig für immer. Dann ging er an mir vorbei in den Zug. Und wie ein angerufener Schlafwandler folgte ich ihm.



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    Und also ab und untergetaucht dort, aufgetaucht hier. Eine Stadt, die vor mir steht wie ein traniger Hund, dessen ganzer Körper zittert vor Kälte. Der Himmel hat seine Vorhänge zugezogen an diesem Morgen, oder noch nicht aufgemacht. In der Luft ein Nieseln aus allerleisesten Wasserteilchen, halb Regen, halb Nebel. Herr Lauter marschiert los, geht vor mir her, eilig: als wüsste er, in welcher Richtung die Zukunft liegt. Mit seinem Koffer in der einen, einer Flasche Whisky in der anderen Hand. Ich, versunken in Gedankenlosigkeit, folge ihm durch unbekannte Strassen. Den Blick nach unten gerichtet. Die Hände in den Taschen. Völlig geräuschlos und nahe daran, unsichtbar zu werden, wenn ich das nicht schon lange geworden bin. Aus den Augenwinkeln nur nehme ich wahr: Häuserreihen wie Scherenschnitte, schemenhafte Umrisse von Menschen, manchmal der Schatten eines Gesichts.




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    Abenddämmerung. Wir sind an einem Fluss angekommen. Vor uns eine Brücke. Herr Lauter bleibt stehen, abrupt, als sei er soeben ins Leere getreten. Ich schaue auf. Und zucke zusammen. Aus der dunklen Masse der Menschen, die uns umgeben, brennt sich, wie der Blitz eines Fotoapparates, in meine Augen: ein Gesicht, das eigentlich kein Gesicht ist, sondern vielmehr eine Fratze, wild, wahnsinnig, entgeistert, verblödet. Obendrein hängt ihr wie einem hechelnden Hund die Zunge aus dem geifernden Maul. Ich verharre: Warum kann ich mich von dieser Grimasse eines buckligen Männchens nicht losreissen? Das Männchen: ein Zwerg, der da hockt, am Anfang der Brücke, greisenhaft, glatzköpfig, spindeldürr. Im schwarzen, zerfetzten Regenmantel. Auf einem Klappstuhl an einer Staffelei. Ringsum Farbkübel und Pfützen unzähliger Bilder, Bilder: in blau und rot und schwarz und grau. Er, der Zwerg, macht keine Bewegung, nicht einmal einen Schlag der Augenlider. Einzig sein verkrüppeltes rechtes Ärmchen malt mit wilden Bewegungen auf die Leinwand, was die weit aufgerissenen Augen erblicken im tellergrossen Spiegel, den er in der Hand hält: die Fratze eines irren Teufels, dem der Zwerg zuletzt rote Hörner, lange, spitze, auf den Kopf pinselt.




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    Dann plötzlich: hebt der Zwerg seine Augen, seine schwarzen, wimpernlosen Augen. Sein Blick schweift über die Vorübergehenden oder geht durch diese hindurch: ein Lichtblick, der schliesslich Herrn Lauter findet und fixiert. Oder aber nein: vielmehr mich findet. Es ist ein Moment des Wiedererkennens. Dem Zwerg fährt aller Wahnsinn aus dem Anlitz: die Verkrampfung seiner Gesichtsmuskeln löst sich, die Züge werden glatt. Und als er auch noch die Zunge zurück in den Mund zieht, ist da plötzlich: ein Gesicht, ein wirkliches, ein menschliches. Immer noch hässlich zwar, zerfurcht und vernarbt, aber zumindest: menschlich. Trotzdem oder deswegen schaudert mich. Mir kommt es vor, als sähe ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht lediglich die übliche Maske meines Badezimmerspiegelichs, sondern- Das Gesicht meines tiefsten Innern, schiesst es durch meinen Kopf. Der Gedanke schreckt mich auf, hilfesuchend nach allen Seiten blicke ich mich um nach Herrn Lauter: jedoch er ist verschwunden. Herr Lauter, will ich rufen, aber der Name gelingt nicht, bleibt lautlos hängen an meinen Lippen.




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    Zurück geht mein Blick: zum Zwerg. Der hat sein Gesicht schon wieder verloren, malt wie eh und je mit wilden Bewegungen seines verkrüppelten Ärmchens, was er sieht im Spiegel: seine Fratze. Als mir grundlos Vergessenes wieder einfällt: Mutter. Und dass wir nie zusammen getanzt haben, sie und ich. Der Gedanke bestürzt mich und macht mich auf einen Schlag tieftraurig: Es kommt mir vor, als gäbe es kein grösseres Versäumnis in meinem Leben. Mutter, ich brauche einen Tanz, jetzt und hier, tanzen im Regen, tanzen auf dieser Brücke mit dir, hörst du, Mutter, ich brauche einen Tanz mit dir! Oder einen Regenschirm, vielleicht.




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    Da springt das Männchen mit einem gurgelnden Aufschrei und einem gewagten Überschlag, den ihm kein Mensch zugetraut hätte, rückwärts vom Klappstuhl: um dann, affenartig, mit zwei, drei gewaltigen Sprüngen auf mich zuzuschnellen und mir mit ausgestrecktem Ärmchen den Spiegel vors Gesicht zu halten. Verwirrt blicke ich in ihn, bereit, mein Gesicht darin zu sehen, Nieselregentröpfchen auf den Wangen, vielleicht vermischt mit Schweiss und Tränen. Doch wie ein Spiegel, der den anderen reflektiert, bleibt dieser: leer. Ich verstehe nicht. Auch nicht, als das Männchen die krummen Finger seiner Hand öffnet und der Spiegel, der bildlose, zu Boden fällt und zersplittert.




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    Dreiundzwanzig Glasscherben, und darin dreiundzwanzigmal und überall: Herr Lauter, der mir den Rücken zukehrt und davon geht, hinein in die Tiefe von dreiundzwanzig Spiegeln: wo ihn dichter Nebel verschluckt, dreiundzwanzigmal am Ende von dreiundzwanzig Brücken.
    Und ich laufe los, über die Brücke hin, als schnappe der Teufel nach meinen Fersen: Herrn Lauter hinterher. Alles ist vergessen jetzt, verloren und vergessen: die Mutter, der Malerzwerg, die ganze Welt.




    5


    Auch dieser Tag endet: in einem Zimmer in irgendeinem Hotel. Am Anfang war ich es, der Herrn Lauter manchmal darin einschloss. Mittlerweile ist das anders. Halb stosse ich ihn von mir, halb reisst er sich los. Und während er sich draussen herumtreibt und seine Bomben zündet, sitze ich bis zwei Uhr nachts auf dem Bett, im Halbschatten und im Rauch der Zigaretten, höre Musik vielleicht und starre die immergleiche Tapete an: wartend auf das Schmettern, das der Wind herträgt, wartend darauf, ein leichtes Beben an den Fusssohlen zu spüren. Heute wird er die Brücke sprengen, auf der meine Mutter mit mir hätte tanzen sollen.




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    Als Herr Lauter nicht auftaucht, nicht in dieser Nacht und auch nicht den ganzen nächsten Tag über, begreife ich schliesslich: Ich habe mich ganz auf ihn verlassen - und er hat mich ganz verlassen. Ich stelle mich ans Fenster, sehe aber nichts, weder die gegenüberliegende Häuserreihe noch das Kopfsteinpflaster der Strasse, nichts als Nebel. Ich blicke über meine Schulter zur Tür. Natürlich ist sie verschlossen, ich kenne Herrn Lauter: In solchen Dingen ist er gewissenhaft. Und also starre ich wieder hinaus an die Nebelwand. Der Teufel soll ihn holen, Herrn Lauter, denke ich. Noch bilde ich mir ein, irgendetwas sei zu entscheiden wie mit einer Münze, die ich werfe: Kopf oder Zahl - während ich das Fenster öffne. Er ist irgendwo da draussen in diesem Nebel, verloren ohne mich, vielleicht. Und ich setze mich auf das Fenstersims, springe in die Tiefe, noch bevor ein weiterer Gedanke Kontur annehmen kann in meinem Kopf.




    3


    Die Stadt ist ein Labyrinth, dunkles, stilles Mauerwerk im Nebel. Irgendwo darin: Ich. Ich renne. Dabei schreie ich über die dunklen Gassen hin immer wieder denselben Namen. Hoffnungsloser, verzweifelter mit jedem Ruf, den die Nacht verschluckt. So renne ich und höre nicht auf zu rennen, auch nicht, als sich meine Beine zu verweigern beginnen, langsamer, schwerer werden, und auch nicht, als mir schwindlig wird und der Atem versagt. Ich renne und höre ich nicht auf zu rennen, verbissen - bis mir schwarz wird vor Augen. Ein Gedanke, ein letzter, schiesst durch meinen Kopf: Nebel und Schweigen sind eins und dasselbe. Dann verliere ich auch diesen Halt. Die Mauer, an die ich mich lehnen will, gibt nach. Ich: falle.




    2


    Wasserpfützen. Rinnsale in den Spalten des Kopfsteinpflasters. Dazu der erste Gedanke, der in mein Bewusstsein tropft: ein Zurücksehnen der Ohnmacht. Doch kämpfe ich mich auf die Beine. Und erblicke: einen ausgestorbenen Platz; wenige kahle Bäume, einige Häuser, die ihn säumen. Ein altes Hotel, das Bahnhof heisst. Ein Kiosk, der, wäre er nicht als solcher bezeichnet, einfach ein Schuppen wäre. Weiter eine Telefonzelle, ein Postamt, ein paar Wohnhäuser und ein glattgesichtiger Büroklotz, der nicht so recht ins Bild passen will. Ich begreife, ich bin angekommen: am Bahnhof von Eden. In meinem Rücken fährt soeben der Zug los, langsam, wie in Zeitlupe. Dann zunehmend schneller. Ich drehe mich herum, gerade noch rechtzeitig, um in der erleuchteten Fensterreihe die verschwommene Silhouette eines einzigen Reisenden an mir vorbeigleiten zu sehen. Ich brauche ihn nicht deutlicher zu erkennen, ich weiss genau, dass er es ist: Herr Lauter.




    1


    Der Zug löst sich auf im Nebel, lange bevor man ihn nicht mehr hört. Bald erreicht mich auch sein Rauschen nur noch schwach. Aber nicht ganz still ist es zuletzt, sondern lauter, lauter, lauter: wird das Ticken in meinen Ohren. Noch meine ich, irgendetwas sei zu entscheiden wie mit einer Münze, die man wirft: Kopf oder Zahl. Während mein Blick von der schwebenden Bahnhofsuhr zu einem Koffer geht, einem gelben, der verloren oder vergessen auf dem Bahnsteig herum steht. Und wieder zurück zur Uhr. Eine Minute vor Mitternacht... vorbei.




    Ich?
    Zerrissen und aus.




    _______________________
    Mr. Jones

  2. #2
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Red face AW: Herr Lauter

    Wer so hartnäckig sich selbst verleugnet, nicht ohne die weinerliche Attitüde des Selbstbewußten, der hat eine Abreibung verdient.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Herr Lauter

    nee, robertus, tu dir das nicht an - und mir auch nicht. halt die ohren steif, stattdessen, und vielleicht überzeugt dich n anderer text von mir, würd mich freuen. an diesem hier hab ich immer noch genug zu basteln auch ohne deine textarbeit, und dir wird er dann immer noch nicht passen. zu eigenwillig, zu spiralig, zu abgehoben, zu luftig, zu wässrig ist er, und da ich auf die philosophie der bombe verzichte darin, ists dir obendrein noch zu wenig. schreiben. ist doch so ne sache, das. alles scheint schon gesagt und gedacht, und wenn einer heute noch mit dem bewusstsein schreibt, niemand könne etwas sagen wie er, dann hut ab vor dem kerl. ich tu mein bestes, ich schreib mich durch, um dahin zu kommen, wo ich sagen kann: yea, das ists. weniges, was ich lese, berührt mich, weniges, was ich schreibe, mag ich ein zweites mal lesen. glaubs mir, es ist mir egal, ob der lauter dir gefällt oder nicht. ein weiteres übungsstück ists, besser als manches andere von manchem anderen, sicher anders, aber was heisst das schon?


    Mr. Jones

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Herr Lauter

    23


    Aus und zerrissen: alle Seiten aus meinem Tagebuch.
    Lese ich spiegelverkehrt: Alle Seiten aus meinem Tagebuch: zerrissen und aus. Dann wär's ein guter Schluß/Anfang. Halte mich hier - ausnahmsweise - an Brecht, der nur Anfang und Ende las, um zu wissen, ob der text gelungen sei. Danach gehend, könnte ich mich hier heute noch erfreuen. Das allerdings gilt nur in der verdrehten Optik, so, wie's jetzt dasteht, isses schlicht.
    Ein paar fixierte Erinnerungen zwischen Zeitfugen also, ein bißchen Vergangenheit, schwarz auf weiß, die ebenso wie beschrieben hätte sein können.
    Das ist jetzt aber wirklich kein guter Einstieg. Zu komplex und nebulös. Wörter wie BISSCHEN würd ich meiden wollen; EBENSO ist als Vergleichspartikel gut, aber hier lufthänglich. Fehlt da nicht was? Die Aussage ist mir nicht gegenwärtig.
    Und auf lange, gerade Geleise gespült dann, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt.
    Das ist kein Satz; als Ellipse nicht verträglich. Streich ihn oder zieh den Erstsatz mit Deinem Helden vor, den schieb dann an passenderer Stelle, meinethalben auch als Ellipse nach. Eine Ellipse muß vorbereitet werden.
    Herr Lauter reibt sich nach verübtem Attentat zufrieden die Hände. Ich protestiere nicht. Oder nur innerlich, einmal mehr. Und einmal mehr richtet sich mein wortloser Einspruch weniger gegen ihn, den Terroristen, als vielmehr gegen mich selbst und meinen Nichtprotest, den er natürlich als stillschweigendes Einverständnis empfinden muß. Dabei zittere ich. Ob vom gleichmäßigen Stampfen des Zuges oder aus einem anderen Grund, weiß ich nicht und bin froh darüber.
    Solche Erklärungen stören hier in der Exposition. Sie verwässern.
    Statt dessen sehe ich zu, wie Herr Lauter eine Flasche Whisky öffnet, daran schnuppert und schließlich trinkt.
    weiter? Dabei bleiben..
    Ich versuche zu schlafen, aber die Augen fallen nicht zu, sondern starren ins Schwarz des Fensterrechtecks und sehen die Tinte meiner Worte verschwimmen auf den Tagebuchseiten draußen, auf den Eisenbahnschienen, im Regen.
    Keine gute Satzkonstruktion: wirkt ein wenig so, als ob Du gestückelt hättest.
    Das Gestern zerrissen, das Morgen im Dunkeln. Herr Lauter hat das Licht ausgemacht. Aber er ist noch da. Ich höre seinen Atem, laut und schwer vom Whisky, ich rieche, daß er eine Zigarette raucht und sehe den roten Punkt in der Dunkelheit. Wie überlebt man, frage ich mich, mit dem Gefühl der Leere in sich, dem Gefühl des Verlassen- und Vertrieben-, des Gescheitert- und Entwurzeltseins?
    Ich sehe den roten Punkt in der Dunkelheit und weiß keine Antwort. Weiß nur, er ist noch da, Herr Lauter, und wird immer da sein, vielleicht.
    Zwei WEISS streichen, gegebenenfalls ersetzen, graduieren.

  5. #5
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    Post AW: Herr Lauter

    Zwei WEISS streichen, gegebenenfalls ersetzen, graduieren.

    weiss streichen, wo es doch so schön finsterdunkelschwarz sein soll... aber im ernst: was zum teufel meinste mit "graduieren"? is doch kein thermometer, das.


    23


    Alle Seiten aus meinem Tagebuch: zerrissen und aus. Ein paar fixierte Erinnerungen zwischen Zeitfugen also, Vergangenheit, schwarz auf weiss, die auch wie beschrieben hätte sein können. Herr Lauter reibt sich nach verübtem Attentat zufrieden die Hände. Ich protestiere nicht, oder nur innerlich. Dabei zittere ich. Ob vom gleichmässigen Stampfen des Zuges oder aus einem anderen Grund, weiss ich nicht und bin froh darüber. Stattdessen sehe ich zu, wie Herr Lauter eine Flasche Whisky öffnet, daran schnuppert und schliesslich trinkt. Während ich versuche zu schlafen. Aber die Augen fallen nicht zu, sondern starren ins Schwarz des Fensterrechtecks, wo sie die Tinte meiner Worte verschwimmen sehen auf den Tagebuchseiten, die draussen im Regen liegen auf langen, geraden Geleisen. Das Gestern zerrissen, das Morgen im Dunkeln. Herr Lauter hat das Licht ausgemacht. Aber er ist noch da. Ich höre seinen Atem, laut und schwer vom Whisky, ich rieche, dass er eine Zigarette raucht, und sehe den roten Punkt in der Dunkelheit. Wie überlebt man, frage ich mich, mit dem Gefühl der Leere in sich, dem Gefühl des Verlassen- und Vertrieben-, des Gescheitert- und Entwurzeltseins?
    Ich sehe den roten Punkt in der Dunkelheit und bleibe ohne Antwort. Stattdessen ist er da, Herr Lauter, und wird immer da sein, vielleicht.

  6. #6
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    AW: Herr Lauter

    Hallo Mr. Jones,

    Dein Text ist doch schon längst bei der Maya Anthologie drin, Du hast die 3. Runde geschafft.
    Gratulation!
    Willst Du trotzdem noch an dem Text weiterarbeiten?
    Ich freue mich auf Neues...im Neuen Jahr

    Viele Grüße

    Kyra

    PS. Natürlich will ich damit auf hinterhältige Weise verhindern, daß Du Textarbeitsenergie von unserem Spielverderber abziehst....das gebe ich zu

  7. #7
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    AW: Herr Lauter

    Der Spielverderber, wie Du ihn nennst, liebe Kyra, muss mir nichts beweisen und ist mir nichts schuldig. Er weiss das, und ich weiss das.


    Du hast recht, der Lauter hat seinen Weg gemacht, anderorts. Aber ein Text ist kaum je fertig, es lässt sich ewig dran rumbasteln. Und man lernt dabei sich selbst ein bisschen besser kennen als Schreiberling, wenn ein anderer die eigenen Sätze auf die Probe stellt. Man ist dankbar, ohne es sein zu wollen.


    Neues von mir? Bald. Zuerst prüft man mich aber in anderer Art und Weise, da muss ich durch und bestehen.


    dear greetings
    Mr. Jones

  8. #8
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Herr Lauter

    22, das V. Ein VON muß her, damit sich's besser leben ließe! Zu Deinem text:
    22


    Sogar
    Du mußt schon verzeihen, daß ich gleich am ersten Wort etwas auszusetzen habe. SOGAR - ein was? Ein Adverb? Ein Modalwort, ein Mittelding zwischen zwei Vergleichspunkten, dient also zur Steigerung, zur Anzeige einer Steigerung. Na, meinetwegen, dann steigern wir eben mit der Rückhand. Aber was?
    im Traum ist er da.
    Also das Dasein eines ER wird gesteigert! Er ist SOGAR ... da. Da und dort, vorhanden. Keine Rückbezüglichkeit, kein Rankommen an ein Vergleichbares. Das Sogar hängt in der Luft. ich wußte es beim ersten Lesen. Weiter.
    Und im Traum scheint er mir noch gefährlicher zu sein, denn im Traum legt er: Bomben. Wobei Herr Lauter kaum je Bombe sagt zur Bombe, sondern: das Heurekading, das Ei des Kolumbus oder auch die Frucht vom Baum der Erkenntnis.
    Hier lieferst Du etwas nach. Die Deskription der Handlung. Aber sag mal ehrlich: Geht's nicht ein bissel durcheinander? da haben wir das gesteigerte Nichtvorhandenpartikelunseiende, dann haben wir ein ER, dem jetzt Erkenntnis an die Seite gestellt wird, das Ganze würzt Du mit einer blitzfeinen Bombe, die Du vorzüglich beschreibst. Sag mal: Wer ist denn nun Handlungsträger? Um wen oder was geht es? Wir steigern und hängen in der Luft, wir tänzeln mit einem Nichtvorhandenen und bereisen doch die Welt. Das ist ja nun schon wieder lustig.
    In all den Städten, die wir bereist haben, hat er, während ich schlief, mindestens eine explodieren lassen, jedenfalls. Etwa letzte Woche: Ich saß in einem Strassencafe, als ich den Klang einer Drehorgel hörte. Ich sah mich um, aber weder der Musiker noch das Instrument waren zu sehen. Statt dessen hatte ich plötzlich meine Kindheit vor Augen: Ich, an der Hand meiner Großmutter, als ein Leierkastenmann am Straßenrand spielte und Großmutter zu weinen anfing, weil ihr die Musik so gut gefiel - wie sie sagte. Heute allerdings glaube ich an einen anderen Grund für ihre Tränen. Die Musik weckte damals irgendwelche Erinnerungen in ihr, wie letzte Woche in mir - bis ich in der folgenden Nacht dann träumte von Herrn Lauter: wie er zehn, zwanzig Drehorgeln in die Luft sprengte. Seither fällt es mir schwer, mich zu erinnern an Großmutter. überhaupt gibt es die Vergangenheit und ihre Spuren jetzt kaum noch. Statt dessen: gibt es ihn.
    Merkwürdige Interpunktion. Merkwürdige Kommunikation. Du weißt, daß Interpunktion Kommunikation ist. Wie Du's abtrennst, so stellt sich Dein Diskurs dar. Also, die Großmutter wird ganz schön eingeschnürt. Herr Lauter nicht. Das DU, wo steckt es nur? Parenthesen zu Hauf, wünschte mir hier eine klarere Disposition. Laß doch erst mal eines beiseite und stell statt dessen statt dessen aus! Verstehst? Ein Schritt nach dem anderen, nicht alles auf einmal anzeigen. Bei 23 Zwischenschritten hast Du eine lange Leine. Großmutter oder Herr Lauter? Wer ist Dir wichtiger? Herr Lauter. Dann streich wenigstens eine Großmutter und ein statt dessen. Und einen Doppelpunkt würd ich auch merzen. Wir wollen langsam und betulich die Sätze aneinanderstellen, nicht auf Teufel komm raus! radebrechen.

  9. #9
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    Post AW: Herr Lauter

    22


    Selbst im Traum ist er da. Und im Traum scheint er mir noch gefährlicher zu sein, denn im Traum legt er: Bomben. Wobei Herr Lauter kaum je Bombe sagt zur Bombe, sondern: das Heurekading, das Ei des Kolumbus oder auch die Frucht vom Baum der Erkenntnis. In all den Städten, die wir bereist haben, hat er, während ich schlief, mindestens eine explodieren lassen.




    21


    Letzte Woche etwa. Ich sass in einem Strassencafe, als ich den Klang einer Drehorgel hörte. Ich sah mich um, aber weder der Musiker noch das Instrument waren zu sehen. Stattdessen hatte ich plötzlich meine Kindheit vor Augen: Ich, an der Hand meiner Grossmutter, als ein Leierkastenmann am Strassenrand spielte und Grossmutter zu weinen anfing, weil ihr die Musik so gut gefiel - wie sie sagte. Heute allerdings glaube ich an einen anderen Grund für ihre Tränen. Die Musik weckte damals irgendwelche Erinnerungen in ihr, wie letzte Woche in mir. Bis ich in der folgenden Nacht dann träumte: Von Herrn Lauter, wie er zehn, zwanzig Drehorgeln in die Luft sprengte. Seither fällt es mir schwer, mich zu erinnern an Grossmutter. Überhaupt gibt es die Vergangenheit und ihre Spuren jetzt kaum noch. Dafür gibt es ihn.

  10. #10
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    AW: Herr Lauter

    19


    Feucht und kalt lag spinnwebdünner Nebel in der Luft. Ich war der einzige Fahrgast, der aus dem Zug gestiegen war.
    nEBENSATZ ZUMINDEST IN SEINER sCHönheit anzweifelbar. Nötig?
    Unschlüssig stand ich auf dem Bahnsteig, betrachtete den Platz vor mir, dessen Kopfsteinpflaster im Mondlicht schimmerte, und die wenigen kahlen Bäume und Häuser, die ihn säumten: Ein altes Hotel, das aussah wie alle Hotels, die bei einem Bahnhof stehen und "Bahnhof" heißen;
    Semikola? Vergiß es!
    ein Kiosk, der, wäre er nicht als solcher bezeichnet, einfach ein Schuppen gewesen wäre, Latten und Holzpfähle; daneben in neuerem Zustand die obligatorische
    ein strapaziertes Wort OBLIGAT meinst Du, -isch nennst Du das nomen beim Ungeist
    Telefonzelle; weiter ein Postamt, ein paar Wohnhäuser und ein glattgesichtiger Büroklotz, der nicht so recht ins Bild passen wollte. Ich warf einen Blick auf die Bahnhofsuhr, die über mir schwebte. Sie zeigte eine Minute vor Mitternacht. Unerklärlicherweise - bis mir das Bild wieder einfiel: das Bild einer grinsenden Teufelsfratze, der die Zunge aus dem Mundwinkel hing und rote Hörner, lange, spitze, aus der Glatze wuchsen.
    das ist gut. So setz den Kreidestrich in die Fratze!
    Ein Bild, gemalt in blau und rot und schwarz und grau. Der Wind hatte es mir vor die Füße geweht, als ich auf dem Weg zum Bahnhof der Stadt, in welcher ich einen weiteren Tag als Geschäftsmann verlebt hatte, durch einen Park gegangen war.
    Solche Hilfsverbenkonglomerate hasse ich. Zudem hast Du eine Ellipse voran gestellt. Das nennt man überfrachten. Einfacher und mehr. Verstehst?
    Ich erinnere mich: Ich hatte das Bild aufgehoben und betrachtet, selbstvergessen und offenbar stundenlang. Zuletzt im Schein der Parklichter. Aber dies realisierte ich erst jetzt, eine Minute vor Mitternacht, hier, am Bahnhof von Eden, wo ich aus dem Zug gestiegen war.
    Wiederholungsfehler. Wieder eine Ellipse, der ein Nebensatzkonglomerat folgt. Du mußt nicht kompensieren, mein Lieber.
    Das Bild übrigens: zuletzt hatte ich es zerrissen und weggeworfen.
    Ist insgesamt nicht schlecht, könnte aber mehr Detailliertheit vertragen.

  11. #11
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Ellipsen

    Ellipse: Eigentlich fehlt ein Satzglied, zumeist das Verb, trotzdem wird der Satz - der dann im strengen Sinne keiner ist - vom Leser verstanden.
    Hier: Zitat Herr Jonathan: Ein Bild, gemalt in blau und rot und schwarz und grau. Im strengen Sinn fehlt hier ein Subjekt, wenigstens eine Referenzstufe des Subjekts. Der Satz wäre korrekt mit Es war ein Bild... ODER Dieses Bild ward gemalt... Das sind alles weniger schöne Konstruktionen als die Deine, aber Deine Konstruktion wird nur schöner, weil Du etwas mitsagst, was eigentlich formell nicht dasteht. Das nennt man eine sinnvolle Ellipse. (Deutsch-Lehrer neigen dazu, diese in Aufsätzen als Ausdrucks-Fehler anzuzeigen.)
    Ein anderes Beispiel: erstellt von Jonathan Zuletzt im Schein der Parklichter. Das ist auch kein Satz, jedenfalls kein vollständiger. Aber auch hier kann stilistische Relevanz nachgewiesen werden, denn eine Wiederholung des Hilfsverbs wäre eben schlechter als das Vermeiden gewesen.

    18


    So stand ich auf dem Bahnsteig, ein bißchen ratlos, ein bißchen schuldbewußt, als ich vor mir auf dem Boden, keine zwei Schritte entfernt, ein schwarzglänzendes Etwas bemerkte, groß und rund wie ein Fußball. Für Augenblicke war mir, als warte das Etwas, hier, an diesem verlassenen Ort: auf mich. Zögernd hob ich es auf. Es war schwer und aus Metall. Und: es tickte. Die ganze Zeit schon war dieses Ticken in meinen Ohren gewesen, aber unbewußt hatte ich es auf die Bahnhofsuhr zurückgeführt. Hält man jedoch einmal eine Bombe in den Händen, erkennt man seinen Irrtum mit einer Plötzlichkeit, die ihresgleichen sucht. Denn sofort und zweifellos begreift man, auch wenn man nie zuvor eine gesehen haben sollte, um was es sich dabei handelt.
    Tatsächlich? Na, meinetwegen mach et so, atze! Ich hätte zwar systematischer aufgebaut, auch die Zusammenrückungen vermieden, außerdem die Satzlänge erhöht, eventuell alternierend, und nicht so wischiwaschi repulsiert, aber sonst: es liest sich.

    17


    Ich und eine Bombe. Eine Bombe und gleichmäßiges Ticken. Ich und gleichmäßiger Pulsschlag. Ich: ruhig, ratlos, ein wenig ärgerlich über mein Aussteigen vielleicht, jedoch nicht erschrocken, ja kaum überrascht und wenn, dann höchstens ein bißchen, weil ich überhaupt nicht entsetzt war.
    Wenn Du parataktisch schreibst, dann hüte Dich vor den Hilfsverben im Folgesatz. Das WAR ist tödlich für einen Stilisten. Du mußt die Parataxen einkleiden, also vorne ein Vollverb, das Du dann nach dem Einsatz der sinnvoll geführten Stilfigur wieder aufnimmst und erweiterst. (Das nennt man Kunst, Johnny.)
    Obschon ich das Ungeheuerliche des Ereignisses doch sogleich begriff.
    Nein. Das wird eine Überkonstruktion. Hier mußt Du den Leser an die Hand nehmen, ihm einen klaren S-P-O-Satz geben. Dann die Reflexion des Ichs.
    Ich und eine Bombe in meinen Händen. Eine Bombe, die keine großen Unterschiede bedeutete, mich kaltließ. Während ich zusah, wie die roten Ziffern auf ihrem Display sekundenschnell wechselten und rückwärts zählten: dreiundzwanzig, zweiundzwanzig, einundzwanzig...
    Semantisch nicht respondabel, informativ, doch abgehackt. Keine Fülle im letzten Teil, kein Reinkommen, die Spannung setzt auch aus. Das mußt Du umschreiben, in einen neuen Kontext setzen, Anfang und Ende dieses Abschnitts klar markieren, dann vielleicht einen Kontrapunkt setzen, eben das Abzählen vielleicht. Die Idee, es mit der Gesamtkonstruktion des Textes korrelieren zu lassen, also den Coutdown, finde ich gut.

  12. #12
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    AW: Herr Lauter

    der lauter gefällt dir ja wirklich! freut mich.


    dear greetings
    Mr. Jones

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Herr Lauter

    Bei meinem Tempo bin ich Mai 2003 durch.
    16



    Immer wieder verfolge ich die Kausalkette zurück, welche das Jetzt mit meinem Damals verknüpft, doch komme ich nie weiter als bis zu jenem Punkt, dem Fixpunkt meiner Gegenwart.
    Eine Kausalkette verknüpft nicht, sie verbindet. Gründe benötigen Platz, um sich zu entfalten, in der Vorstellung, in der Weite des Unermeßlichen. Es ist eine Eigenschaft des Menschen, daß er einmal durchdachte Zusammenhänge, die zu einer Urteilsfindung benötigt wurden, nicht wieder zurückdenken kann. Er beginnt vielleicht am gleichen Punkt, den er einst andachte, aber er KANN nicht eine Kausalkette zurückdenken! Lies Herrn Kant dazu, der von den Antinomien unseres Denkens davon beredtes Beispiel gibt.
    Der Bahnhof von Eden. Sechsunddreißig Jahre meines Lebens:
    Okay, Du willst hier einen Doppelpunkt. Da ist also ein Bruch, eine Unterbrechung des Satzkontinuums. Warum? Warum immer wieder dieses Gespreizte? Der Doppelpunkt kann fallen, aber Du könntest den Gedanken des Doppelpunktes, den Sinn, der sich dahinter verbirgt, aufnehmen und in einer Parenthese verworten. HÄLFTE des LEBENS fällt mir ein, Sinngedröhne und Aufenthalt auf Schienenstrang 16. Meinethalben so.
    liegen seither im Schatten meines Gedächtnisses wie ein mit Stacheldraht abgesperrtes Gelände. Nichtssagend, weil: mir nichts sagend, weil: nichts aussagend über mich.
    Nun, übertreiben wir hier nicht ein wenig?
    Nichtssagend also die Eltern und die Eltern der Eltern. Eine Frau mit grundgestimmt traurigen Augen. Kinder. Außerdem die Häuser, die ich bewohnte, und die Straßen, auf denen ich ging. Und nichtssagend vor allem: einer, der fast konturlos und nur halb und ungefähr lebte im Einerlei dieses öden Geländes eines schweizerischen Alltags, ein Mann der Eile und Routine, der Wirtschaft, der Zahlen und Diagramme, ein Geschäftsmann, unpersönlich, formell, beziehungslos, einer, der sich mit oder ohne Sonnenbrille von der Welt distanzierte: eine Scheinexistenz halt, ein Schatten nur seiner selbst: ich.
    Vergiß es! Wiederholungen bei Syntax und Wortkörper. Umschreiben. Keine Zuspitzung, sondern eine Linie. Brüche ohne Katalysatorwirkung. Aufzählung beliebig. Schlecht.

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Herr Lauter

    mai 2003 - liegt ja voll im zeitplan...

    ich bleib dran, jedenfalls, und im mai 2003 (oder 2004, man weiss das bei dir ja nicht so genau im voraus) stell ich dann, so du gestattest, die neue fassung des herrn lauter vor.

    greetings,

    Mr. Jones

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Herr Lauter

    Und weiter geht's im Höllentempo...
    15


    Im Schweigen, einem verdoppelten oder gespaltenen, und im Regen reisen wir, Herr Lauter und ich. Und bewegen uns dabei immer im Gravitationsfeld einer Situation, welche sich ergab: zu einem zufälligen Zeitpunkt an einem beliebigen, unbedeutenden und allemal austauschbaren Punkt im Weltganzen. Dabei wissen wir beide, wir können nicht entkommen. Allein flüchten können wir, immerfort und in alle Himmelsrichtungen, vielleicht.
    Ein WIR zuviel. Eine Information zuwenig, ein Gedanke fehlt, das Du vielleicht. Man könnte hier auch einen Gedanken zirkulieren lassen, ein Abtropfgedänkli, das dann austrinken und formulieren, in einer antithetischen Verschränkung. Verstehst?

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Herr Lauter

    das, lieber robert, müsstest du mir beispielhaft vormachen, damit ichs versteh...

  17. #17
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Herr Lauter

    Was ich exemplifizieren will? Du schreibst, Im Schweigen, einem verdoppelten oder gespaltenen, und im Regen reisen wir, Herr Lauter und ich. Und bewegen uns dabei immer im Gravitationsfeld einer Situation, welche sich ergab: zu einem zufälligen Zeitpunkt an einem beliebigen, unbedeutenden und allemal austauschbaren Punkt im Weltganzen... Wir haben hier das anfängliche Schweigen (Wortfeld 1), dann setzt Du den Regen (Bedeutungsumfeld 2), in dem zwei persona non grata (Du und ein anderes Du) Wirkung ursachen. Bewegung nennst Du es. Dann der Sprung zur Gravitation. Ich muß doch bitten. Dann auch noch ein ZUFALL, der mit Gravitation nun gar nichts zu tun haben kann, BELIEBIGKEIT generiert eine Vagheit, die dem Augenblick nicht gerecht werden kann.


    So, und jetzt fragst Du mich, was hier zuviel ist??! Streich am besten zwei Bedeutungsträger und verbinde die übriggebliebenen. Wie? Indem Du das Gegenteil behauptest und Dich an den Faxen ergötzt. Das nenn ich dann Humor. Und auch noch ein Beispiel, ein kurzes, denn ich bin ja bloß ein blöder Lektor...


    Im gedoppelten Schweigen stolperten Lauter und ich durch südrigen Regen, jenen Regen, der die Zeit still stehen läßt. Schweigen und Tropfen, Höhlung weckt der Mond. Er schaute aus dumpfen Augen, in meinem Hirn überschlugen sich Hoffnung und Stille, doppelt gespalten. Der Regen wusch aus, wusch rein, stolz gingen wir weiter. Gesagt, nichts, und im Regen reisen wir, Herr Lauter und ich.. Genug des Doppelbödigen.

  18. #18
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Herr Lauter

    Was ich exemplifizieren will? Du schreibst, Im Schweigen, einem verdoppelten oder gespaltenen, und im Regen reisen wir, Herr Lauter und ich. Und bewegen uns dabei immer im Gravitationsfeld einer Situation, welche sich ergab: zu einem zufälligen Zeitpunkt an einem beliebigen, unbedeutenden und allemal austauschbaren Punkt im Weltganzen... Wir haben hier das anfängliche Schweigen (Wortfeld 1), dann setzt Du den Regen (Bedeutungsumfeld 2), in dem zwei persona non grata (Du und ein anderes Du) Wirkung ursachen. Bewegung nennst Du es. Dann der Sprung zur Gravitation. Ich muß doch bitten. Dann auch noch ein ZUFALL, der mit Gravitation nun gar nichts zu tun haben kann, BELIEBIGKEIT generiert eine Vagheit, die dem Augenblick nicht gerecht werden kann.


    So, und jetzt fragst Du mich, was hier zuviel ist??! Streich am besten zwei Bedeutungsträger und verbinde die übriggebliebenen. Wie? Indem Du das Gegenteil behauptest und Dich an den Faxen ergötzt. Das nenn ich dann Humor. Und auch noch ein Beispiel, ein kurzes, denn ich bin ja bloß ein blöder Lektor...


    Im gedoppelten Schweigen stolperten Lauter und ich durch südrigen Regen, jenen Regen, der die Zeit still stehen läßt. Schweigen und Tropfen, Höhlung weckt der Mond. Er schaute aus dumpfen Augen, in meinem Hirn überschlugen sich Hoffnung und Stille, doppelt gespalten. Der Regen wusch aus, wusch rein, stolz gingen wir weiter. Gesagt, nichts, und im Regen reisen wir, Herr Lauter und ich.. Genug des Doppelbödigen.

    14
    Der Zug gleitet dahin in seinem monotonen Ta-dam-ta-dam, dem Ende der Nacht entgegen.
    Was willst Du durch diese ungewöhnliche Satzstellung erreichen?
    Ich spähe hinaus, ahne hinter den Regentropfen auf der Scheibe: Landschaften, Städte, ferne Lichter, Leuchtreklamen.
    Der Doppelpunkt verwirrt, imgleichen der Satzbau, wieder. Ein UND oder ein neuer Satz, denn eigentlich verdient das Ahnen mehr Beachtung.
    Das Reiseziel bleibt unbekannt. Eine Standortbestimmung unmöglich. Ich begreife, ich habe die Orientierung verloren, endgültig. Endlich, sagt Herr Lauter. Sein Schweigen hat Lücken, manchmal.
    Das solltest Du nicht so einsam stehen lassen, es bedarf einiger Ausarbeitung, Einleitung und Verdichtung ins Detail. Das lückichte Schweigen ist ein sehr schönes Bild.
    Er redet dann, meistens ohne viel zu sagen dabei.
    ]schlecht, weil eine Plattitüde
    Und nur mit sich. Während Flasche um Flasche geleert wird, während Station um Station vorbeizieht an uns.
    Parataxen sind gelegentlich notwendig, aber nicht zu Hauf! Ellipsen in Vielzahl zerstören mehr, als der Dichter gewinnen kann.
    Um den Dingen gewachsen zu sein, meint er etwa, sei es wichtig zu übertreiben. Und lauter wird er dann, als er weiterspricht, lauter mit jedem Schluck, den er nimmt. Einmal frage ich ihn: Wie überlebt man mit dem Gefühl der Leere in sich? Er gibt keine Antwort. Oder antwortet: indem er von den Toten spricht. Ihnen gehöre nichts, gar nichts, erläutert er, weder der Anzug im Schrank noch die Bilder im Fotoalbum noch irgendwelche Briefe oder Geld. Sobald einer verschwinde unter der Erde oder im Feuer oder sonst wo, verliere er alles, die ganze Welt, und werde also frei, endlich unendlich frei.
    Konjunktiv hier meiden, damit nicht der Eindruck einer indirekten Rede entsteht. Aber dieser Teil ist dicht und gut.
    Die Toten: Herr Lauter sagt, ich sei einer von ihnen, ein Toter, der wandle, namenlos, abgetan lange schon, gemeldet nirgends mehr. Aber meistens verstehe ich ja nicht, was er meint, denn immer versponnener, immer sehnsüchtiger, immer hoffnungsloser werden üblicherweise seine Selbstgespräche, je länger die Reise andauert. Bis er nur noch einzelne Begriffe in den Raum schleudert, Begriffe wie: Gültiges und Endgültiges, Weggeworfenes, Verlorengegangenes, Verkohltes, Menschenmögliches und Unmögliches. Um anschließend zu verkünden: Die Wahrheit ist eben auch nur ein Besäufnis.
    Hängt sehr in der Luft. Schlagworte, meinetwegen, um die Sachlichkeit und existenzielle Leere anzuzeigen, aber dann muß ein Kontrapunkt erfolgen, eventuell durch den Erzähler, vielleicht auch durch ein eintreffendes Ereignis, ein äußeres.
    Und zuletzt brüllt er dann: So fließt der Whisky und die Seele weint, der Irrwitz blüht, die Bombe platzt! - Bombe, brüllt er: Vielleicht das einzige Mal, daß er die Dinge beim Namen nennt. Dabei kommt ihm ein fast irres Lachen über die Lippen, und auch ich beginne zu lachen. Vorerst über die ausweglose Situation, in der wir uns befinden. Dann über mich, der ich dieses Schicksal doch selbst gewählt habe. Und endlich über den längst nur noch fragmentarischen Film in meinem Kopf, dessen unfreiwillige Komik darin besteht, daß nicht ich und auch nicht Herr Lauter die Hauptrollen spielen in ihm.
    überkonstruierter, weil zu oft ÜBER benutzt, Satz, wenigstens eine Präposition streichen.
    Sondern die Luft, die ich atme.
    Zu wichtig, um so unterzugehen.
    Die Landschaftskulissen. Die Hotelzimmertapeten.
    kein guter Schluß

    Du hast hinsichtlich der Struktur des Gesamttextes auch die Möglichkeit, von anfangs straffen Satzkonstruktionen zu schlaffen, schließlich sich auflösenden hinüberzugleiten. Ins Nichts.

  19. #19
    schreibt hier hin und wieder
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    Thumbs up AW: Herr Lauter

    sofortiger abschuß.
    nabelschauen sind langweilig.
    wenn das nicht unser text wird, nimm ihn mit... zeige ihm den weg.
    danke kyra!


    pferde sind keine wiederkäuer!

  20. #20
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    Lightbulb AW: Herr Lauter

    viel berechtigtes, guter r., ich danke abermals und ändere zwei drei dinge aufgrund deiner bemerkungen.


    Mr. Jones

  21. #21
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Herr Lauter

    Mein liebes Gäuli! Wir betreiben hier kein Kommerzunternehmen, sondern verstehen uns doch als Dienstleister an unserer Literatur; ein kleines Licht, zugegebenermaßen, sind wir, aber nihilominus wollen wir doch hier die Pferde nicht scheu machen und uns einer Reihe derjenigen hintanstellen, die für weniges viel verlangen. Daher geht's weiter im munteren Tonscheibenschießen..
    13


    Meine Gegenwart: Eine Reise, für die es nie eine Abfahrt gegeben hat. Und ebenso werden wir nie ankommen irgendwo, er und ich. Meine Gegenwart: Eine Reise wie in einer Glaskugel, außenkontaktlos. Ein Mikrokosmos
    außen kontakt los und Mikrokosmus (bevorzuge hier Schillers Schreibweise) sind Denotate, die nicht zusammenpassen können. Stehen sie so eng beinander, muß dem aufmerksamen ein Gedanke durch den Kopf zucken, der sie zusammendenken will. Was Du nicht willst. Löse also eine hier nur etwaige Verbindung, indem Du sie weiter auseinander stellst.
    von Zügen und Hotelzimmern, entstanden aus lauter Zufälligkeiten.
    LAUTER verfängt hier nicht. Suche ein Synonym.
    Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: daß die Zufälle, die diese Reise ausmachen, mir verwandt sind, allesamt.
    Welche Funktion hat hier der Doppelpunkt? KLARER sollte in 13 noch nichts werden. Bleib vage und nimm solche Etüden des Rationellen aus dem Gewort!
    Vor allem die Bombe, deren Unfreiheit es ist zu ticken, dreizehn, zwölf, elf, zu ticken, bis-
    Du hast ganz offensichtlich Probleme mit dem Schluß Deiner Textabschnitte. Dieser wirkt gesetzt, beinahe plakativ. Beschreibe das Ticken, wenn Du es schon thematisieren willst, aber nenn es hier nicht; wirkt hier wie eine Werbung, ja, eine Werbung.

    12


    Noch einmal ist alles da: Ich und eine Bombe. Eine Bombe und gleichmäßiges Ticken. Ich und gleichmäßiger Pulsschlag, gleichmäßig seit Jahren schon. Und noch einmal sehe ich, wie die roten Ziffern auf dem Display sekundenschnell wechseln.
    Das letzte gleichmäßig ist nervig. Wechselnde Ziffern? Genauer.
    Dreizehn, zwölf, elf, tickte die Bombe.
    Ziffern und Bombe sind jetzt wesensgleich?
    Und blieb, anstatt weiter zu zählen: stehen.
    die Bombe?
    Bei sieben. Augenblicklich, jäh. Das Ticken erlosch, und es war, als erstarrte alle Zeit in dieser Sekunde: da Herr Lauter in mein Leben trat, lautlos. Mit einem Lidschlag war er einfach da, stand eine Armlänge entfernt von mir, und auch wenn sein Blick mir verborgen blieb hinter seinen dunklen Sonnenbrillengläsern, so fühlte ich doch, daß mir dieser Mensch jetzt direkt in die Augen sah.
    UND-Konstruktionen. Sehr lang, dieser letzte Satz. Herr Lauter pirscht sich aber nicht an, er kommt auch nicht mit einem Trara, er ist sehr abgegriffen in seinem Pladauzen. Komische Mischung aus Lang- und Kurzsatz. Aber nicht sehr stilvoll. Pappyrossi im Silberetui.
    Während er seinen gelben Koffer abstellte und öffnete.
    Solche Sätze hasse ich.
    Herr Lauter nahm mir die Bombe aus den Händen, packte sie in den leeren Koffer, behutsam, und machte diesen wieder zu. Herr Lauter: Nichts Fremdes, nichts Unbekanntes an ihm, obwohl wir uns nie vorher begegnet waren - als machte ich Bekanntschaft mit mir selbst. Leise sagte ich: Das einzige, was mich für Augenblicke erschreckt: daß ich mein Leben verpassen könnte wie einen Zug, der abgefahren ist. Er nickte. Grinsend flüsterte er mir ins Ohr: Sprich, oder schweig für immer! Dann ging er an mir vorbei in den Zug. Und wie ein angerufener Schlafwandler folgte ich ihm.
    Hier ist der Schluß gut, aber der Anfang...

  22. #22
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Herr Lauter

    11
    Und also ab und untergetaucht dort, aufgetaucht hier. Eine Stadt, die vor mir steht wie ein traniger Hund, dessen ganzer Körper zittert vor Kälte.
    Der Sinn der Permutation muß sich erst noch erweisen. Wirkt sperrig, ja gespreizt.
    Der Himmel hat seine Vorhänge zugezogen an diesem Morgen, oder noch nicht aufgemacht.
    Wieder so eine Umstellung ohne Not. HAT ist ein klassisches Hilfsverb, dem die letzte Stelle eines prosodischen Satzes gebührt, keine Zweitstellung.
    In der Luft ein Nieseln aus allerleisesten Wasserteilchen, halb Regen, halb Nebel.
    Ein sehr mißratenes Bild. Der Spannungsaufbau ist hier auch unklar. Sprünge ohne Akzeleranz.
    Herr Lauter marschiert los, geht vor mir her, eilig: als wüßte er, in welcher Richtung die Zukunft liegt.
    eine ALS-OB-Konstruktion wäre hier stärker, dann aber Konjunktiv!
    Mit seinem Koffer in der einen, einer Flasche Whisky in der anderen Hand.
    Klischee.
    Ich, versunken in Gedankenlosigkeit, folge ihm durch unbekannte Straßen.
    Die Sprungtechnik ist schlecht. Kein wirkliches Spiel, nur lala-Gesülz.
    Den Blick nach unten gerichtet.
    Das ist kein Satz. ich sehe hier keine Not.
    Die Hände in den Taschen. Völlig geräuschlos und nahe daran, unsichtbar zu werden, wenn ich das nicht schon lange geworden bin.
    Alles keine Sätze, Du kannst sie noch so lang machen...
    Aus den Augenwinkeln nur nehme ich wahr: Häuserreihen wie Scherenschnitte, schemenhafte Umrisse von Menschen, manchmal der Schatten eines Gesichts.
    Der Satz ist gut. Den nimm an den Anfang, schreib diesen Abschnitt noch einmal.

  23. #23
    Tochter aus gutem Hause
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    Question AW: Herr Lauter

    Bescheidene Frage, Herr Maulpimpf: Wie wirkt der Schatten eines Gesichtes auf einem schwarzen Scherenschnitt?


    Muß der löbliche Moderator aus dem Orbis denn auf alles achten?

  24. #24
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Herr Lauter

    Hannemännle, kümmre Er sich um sein Schlachtschiff in der Mutter aller Schlachten, das mir kurz vor dem Untergehen scheint.
    Angesprochener Satz enthält eine Aufzählung, keine Nachordnung. Neben- statt Nachordnung. Also ist's sehr wohl möglich.

    10


    Abenddämmerung. Wir sind an einem Fluß angekommen. Vor uns eine Brücke. Herr Lauter bleibt stehen, abrupt, als sei er soeben ins Leere getreten. Ich schaue auf. Und zucke zusammen. Aus der dunklen Masse der Menschen, die uns umgeben, brennt sich, wie der Blitz eines Fotoapparates, in meine Augen: ein Gesicht, das eigentlich kein Gesicht ist, sondern vielmehr eine Fratze, wild, wahnsinnig, entgeistert, verblödet.
    Das Wie würde ich da nicht sehen wollen. Vielleicht findest Du eine Metapher. Das Ich taucht aus dem Nichts auf, denn eigentlich sollte es nicht Herrn Lauter so begleiten. Wenn doch, dann gehört es umrissen. Aber das würdest Du niemals wollen. Zu viele Allgemeinplätze. Weniger wäre hier mehr. Beschreibungen mit KEIN sind immer schlecht. Da müßtest Du Dich schon sehr weit aus dem Fenster lehnen, um mich da nicht mit dem Text davoneilen zu sehen.
    Obendrein hängt ihr wie einem hechelnden Hund die Zunge aus dem geifernden Maul. Ich verharre: Warum kann ich mich von dieser Grimasse eines buckligen Männchens nicht losreißen? Das Männchen: ein Zwerg, der da hockt, am Anfang der Brücke, greisenhaft, glatzköpfig, spindeldürr.
    Benjamin? Bucklicht Männlein? Mit Anspielung verdichten. Wenn Du diese Schiene betrittst, dann kömmst Du da nicht wieder runter, dann denkt fortan Dein gebildeter Leser die Diaspora mit. Also, Vorsicht bei bekannten Allegorien.
    Im schwarzen, zerfetzten Regenmantel. Auf einem Klappstuhl an einer Staffelei. Ringsum Farbkübel und Pfützen unzähliger Bilder, Bilder: in blau und rot und schwarz und grau. Er, der Zwerg, macht keine Bewegung, nicht einmal einen Schlag der Augenlider. Einzig sein verkrüppeltes rechtes Ärmchen malt mit wilden Bewegungen auf die Leinwand, was die weit aufgerissenen Augen erblicken im tellergroßen Spiegel, den er in der Hand hält: die Fratze eines irren Teufels, dem der Zwerg zuletzt rote Hörner, lange, spitze, auf den Kopf pinselt.
    -e oder was? Zu viele Beschreibungen, die den Hang haben, sich selbst gefallen zu wollen. Handlung wird hier nebensächlich. Empfehle Beschreibung aus Handlung, in der Handlung. Kommas stören. Man könnte einige streichen. Kein guter Abschnitt, so leger und waberig.

  25. #25
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Herr Lauter

    ein weiteres merci, guter robert, fürs dranbleiben.


    gespannt bin ich dann, wie du den schluss bewertest, da bin ich mir nämlich sehr unsicher. bis dahin dies merci also. freu mich drauf, mal mit dir anzustossen.


    Mr. Jones

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