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Thema: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

  1. #1
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    Post Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    Vor dem Prolog




    Vor dem Vorhang ein Schaukelstuhl. Viel ist nicht zu sehen. Jemand in einem weissen Unterhemd. Es ist dunkel. Der Jemand schaukelt. Öffnet eine Flasche Bier. Trinkt.


    eine minute nichts


    Der Jemand steht auf und entrollt, von einem Scheinwerfer eingefangen, einen roten Teppich. Der Teppich wird gründlich gekehrt, wobei der Jemand immer wieder seine Tätigkeit unterbricht, um Bier zu trinken. Setzt sich wieder in den Schaukelstuhl. Schaukelt. Trinkt.
    Nur der Teppich ist beleuchtet.


    eine minute nichts


    In Einerkolonne marschieren sieben Männer mit Gitarren an dem Jemand vorbei und stellen sich rechts von diesem in Reih und Glied auf. Es sind orthodoxe Juden mit riesigen schwarzen Bärten und Zöpfen. Allesamt tragen sie Kittel der Heilsarmee. Der Jemand schlägt eine Stimmgabel an seine Bierflasche. Der Chor beginnt zu singen. Die Internationale. Nach: "Wacht auf, Verdammte dieser Erde" lacht der Jemand. Der Chor spielt und singt lauter. Immer wieder lacht der Jemand an Stellen, wo man es nicht versteht. Jedesmal spielt und singt dann der Chor lauter. Gegen Ende des Liedes zerreissen einige Saiten. Der Gesang ein Gebrüll. Wie das Lachen des Jemand.


    Prolog


    Prolog, Conradi


    Die Bühne ist sichtbar. Stellt ein Krematorium dar. Ein Sarg ist zu sehen. Ein Blumenbouquet. Eine Truhe, offen.
    Der Jemand rollt den Teppich zusammen. Schleppt ihn zum Ofen und stopft ihn in eine der beiden Öffnungen. Feuer ist zu sehen. Der Jemand setzt sich wieder in den Schaukelstuhl, der noch an der gleichen Stelle steht. Schaukelt. Trinkt. Schwitzt aus. Tupft sich mit einem Taschentuch die Stirn.
    Es ist hell jetzt. Man sieht sein Alter.


    Conradi:
    Das ist das städtische Krematorium. Und ich bin der Brennwart. Conradi, mein Name. Heute Schweizer. Vor 1923 Russlandschweizer. Sie wissen Bescheid. Die Familie von den Bolschewiken dahingerafft. Samt Hab und Gut. Verdammte Umwälzungen. Nun gut. Ist lange her. Mittlerweile ist ja der Kommunismus ganz bachab gegangen. Gut so. Hab mich ja gerächt.


    nimmt einen Schluck Bier und zeigt hinter sich.


    Conradi:
    Ist nicht von Topf und Sühne. Hat nur zwei Retorten. -Pause-
    (Vielleicht wird an dieser Stelle das Publikum unruhig, vielleicht rutschen einige Stühle. Vielleicht.)
    Aber machen Sie sich keine Sorgen. Das soll eine blosse Anspielung bleiben. Ein Einfall des Regisseurs. Dem Zeitgeist wegen. abschätzig Als ob es diesen mal nicht gäbe! Auch das mit dem Teppich und den Juden. Allzu bedeutungsschwanger, wenn Sie mich fragen. Schliesslich sind Sie ja nicht alle dumm. Oder? -Pause- Wieviel haben Sie eigentlich für den Eintritt bezahlt? -Pause- Sie scheinen sich aber was leisten zu können.


    er trinkt. tupft sich die Stirn. zeigt wieder hinter sich.


    Conradi:
    Lassen Sie mich ein wenig gescheit daherschwatzen.


    er räuspert sich. trinkt.


    Die Bestattung Verstorbener im Feuer ist uralt. Sie wurde schon lange vor der christlichen Zeitrechnung neben anderen, teils eigenartigen Bestattungsarten ausgeübt. Ist auch zweckmässig, meiner Meinung nach.
    Schon in den literarischen Werken des Altertums und des Frühmittelalters wird die Feuerbestattung erwähnt. Bei Homer und Vergil zum Beispiel, im Nibelungenlied. Und im alten Rom galt ein Feuergrab als äusserst vornehm. Das leuchtete dann Karl dem Grossen gar nicht ein und er legte das Verbrennen 785 mit seinem Dekret, die Beerdigung galt fortan als alleinige christliche Besatzungsart und die Friedhöfe wurden die einzigen erlaubten Beisetzungsstätten, erst mal auf Eis. Sie erlauben mir das kleine Wortspiel.


    er nimmt einen weiteren Schluck


    Ist noch zuwenig heiss für den Sarg. 1000 Grad sollte es schon haben für eine vollständige Verbrennung. Und das verlangt die Vorschrift, auch weisse, reine und leicht zu sammelnde Asche. Gott sei dank sind der Technik einige Durchbrüche gelungen. War eine echte Plackerei für den Brennwart, als es noch Koksöfen gab. Mit den Gasöfen wurde es einfacher. Und heute ist es ein Kinderspiel. Ein Knopfdruck und die Anlage heizt sich elektrisch auf, 54 kW pro Einheit! Da hat die Firma Brown, Boveri & Cie. AG gute Arbeit geleistet. Eine Kremation dauert durchschnittlich noch etwa 50 Minuten. Zeit ist Geld. Und es wird ja immer häufiger gestorben. -Pause- Dauert noch ein Weilchen. Habe übrigens meinen letzten Tag heute. -Pause- Darum hab ich auch den Teppich verbrannt. Ist eigentlich gegen die Vorschriften. -Pause- Bei Karl bin ich stehengeblieben. Nun, ein paar Jahrhunderte lief dann gar nichts. Erst in nachreformatorischer Zeit nahmen sich italienische und deutsche Ärzte unserer Zunft wieder an. Einer war gar der Arzt und Geheimkämmerer Papst Alexanders VII. wenn ich mich recht erinnere. Auf jeden Fall empfahlen die Ärztekongresse 1869 und 1871 von Rom und Florenz die Feuerbestattung zur Duchführung in einem geschlossenen Raum. 1876 entstand dann in Mailand das erste Krematorium. So viel zum Geschichtlichen. In diesem Sarg liegt mein letzter Toter.


    er trinkt


    Meine letzte Kremierung. Alle andern dieses Stücks schon längst Asche. Der Faden der Ariadne sozusagen, der da im Sarg liegt, ist der Letzte. Apres nous le d'luge! Der Richter, der mich 1923 nach dem Willen der Geschworenen freisprach. Der Richter, der mich 1923 zu den Toten verurteilte, wie er sagte. Ein literarischer Eiferer, h?tte meinetwegen Gedichte schreiben sollen. Nun gut, sein durchaus pädagogisch gemeinter Freispruch findet hier und heute sein Ende. Noch ein paar hundert Grad und ich bin frei.


    er trinkt. tupft sich die Stirn.


    Conradi:
    Eine Anmerkung noch: der Einfachheit halber bleibt im Folgenden das Krematorium im Hintergrund stehen. Eine reine Sparmassnahme. Und entschuldigen Sie die läppischen Verwandlungskünste meinerseits. Ich muss mich selber spielen. Sicher, ich war ich selber, auch im Jahre 23, da hat der Regisseur schon recht. Es handelt sich doch aber recht eigentlich um eine weitere Sparmassnahme.


    er trinkt. geht dann zur Truhe. nimmt Kleidungsstücke und zieht sich noch während er links abgeht ein weisses Hemd an.




    1. Szene, Beatrice von Behren, Welti, Hausmädchen


    Ein Bett, ein grosser Spiegel, ein Nachttischchen. Ein Bild eines französischen Impressionisten hängt in der Luft.


    Beatrice von B. sitzt im Nachthemd auf der Bettkante. Reibt sich den Schlaf aus den Augen. Betrachtet sich im Spiegel.




    B. von B: Wie immer habe ich im Traum nach meinem toten Vater gerufen. Ein von Behren! Ach, was waren das noch Zeiten. seufzt Heute, und hier im Speziellen, ist es kaum noch auszuhalten. Angetraute Welti. Frau Nationalrat Welti. Aber in diesem Fall: was heisst das schon! Und Genossin Welti bedeutet für mich nun wirklich nicht die Welt. Überhaupt scheint mich dieses angehängte, vermaledeite i von der Welt zu trennen. Das Welti in meiner Biografie ist ein einziges Missverständnis. Was war ich doch ein naives Tö! Wenn er nur nicht so eine robuste Natur hätte. seufzt


    sie klingelt


    B. von B.: Was musste ich allein für das Hausmädchen Überzeugungsarbeit leisten! Von dem monatlichen Flattieren ihres Salärs wegen ganz zu schweigen. Dieser grobschlächtige Welti will einfach nicht einsehen, dass es zu einer von Behren gehört, zu präsentieren! fährt sich durch das Haar


    Hausmädchen: Ja, Madame?


    B. von B.: Meine Liebe! Was steht heute an, gesellschaftlich?


    Hausmädchen: Nach dem Frühstück kommt der Herr Abgesandte Worowsky zum The, Madame.


    B. von B.: Richtig. Kämmen Sie mein Haar und beraten Sie mich. Wie soll ich mich kleiden?


    Hausmädchen: Es passt die Kleidung zur zurechtgelegten Persönlichkeit, Madame, nicht umgekehrt. Ihr Mann, mit Verlaub, ist ein Bauer. Und er bleibt auch einer hinter seidigen Krawatten. Euch, Madame, empfehle ich Voile-Bluse, weiss, die mit dem Handhohlsaum und Valencienne, dazu einen Jupon, schwarz, und das neue Foulard, mit dem Ihnen der Herr Abgesandte aufgewartet hat. Sie werden ihm schmeicheln.


    B. von B.: gerührt Ach, meine Liebe! Wie Sie selbst unlängst sagten: er ist ein Mann mit Manieren und von Welt. Schade nur, dass er Russe ist, dass er gerade in dieser Zeit Russe sein muss.


    man hört ein Klingeln


    Hausmädchen: Der Herr Nationalrat!


    B. von B.: Man könnte die Uhr nach ihm richten! Gut, gehen Sie. Und vergessen sie den täglichen Tropfen nicht.


    Hausmädchen: Oui, Madame.


    Hausmädchen links ab, es wird dunkel und gleich wieder hell.


    Gleiches Mobiliar. Nur hängt jetzt ein Portrait Lenins in der Luft.


    Nationalrat Welti hockt im Nachtrock und einer Schlafkappe auf der Bettkante. Er reibt sich den Schlaf aus den Augen. Betrachtet sich im Spiegel.


    Welti: Aus bäuerlichen Verhältnissen hab ich mich emporgelitten. Fleiss und Ehrgeiz sind meine Tugenden. Dabei hab ich meine Wurzeln nicht vergessen. Die Zeit gibt mir heute recht. Bis zum Nationalrat hab ich es gebracht. Im nachhinein betrachtet wäre es nicht einmal nötig gewesen, die Behren wegen Ihres von zu ehelichen. Was soll`s! Bin eben auch kein Hellseher. Freilich, heute reut`s mich. Doppelt. Eine von Behren! Ein entfernter Stammbaumableger von diesem Sauschwab von einem Kruppdirektoren! Und gar heute noch hochnäsigst stolz auf dieses von. Verdammte Kriegsgewinnler! Soll er doch auf seine dicke Bertha hocken, der Sauhund! Es wird Zeit, dass Bolschewiken und Arbeiter in diesem faschistischen Europa mal so zünftig wüst tun!


    Er pfeffert seine Schlafkappe in eine Ecke


    Welti: Ihr Blagieren ist mir eine tägliche Qual geworden. Verfluchtes Franzosgewort! Wie ich das hasse, dieses nobel tun! Gott sei dank haben wir seit Jahren getrennte Schlafzimmer. Seit einem Jahr haben wir gar ein Dienstmädchen! In meinem Hause!


    er klingelt


    Hausmädchen: Grüss Gott, Herr Nationalrat.


    Welti: Den gibt es nicht! Nicht offiziell! Und schon gar nicht in meinem Schlafzimmer! Merk Sie sich das ein für allemal!


    Hausmädchen: Entschuldigung, Herr Nationalrat. Ihr Tonikum, Herr Nationalrat.


    Welti: trinkt Bäh, wird immer bitterer! Meine Kleider!


    Hausmädchen wieder ab.
    Welti steht auf, geht auf das Bild zu, schlägt die Hacken zusammen und salutiert.


    Welti: Machst es wohl auch nicht mehr lange, Genosse.


    Hausmädchen: Bitte sehr, Herr Nationalrat.


    Welti: Endlich! Nun soll Sie endlich schauen, dass Frühstück auf den Tisch kommt!


    Hausmädchen: Sehr wohl, Herr Nationalrat.


    Welti: Und hör Sie endlich auf mit diesem Getue!


    Hausmädchen: Wie Herr Nationalrat wünschen.


    Welti: fuchsteufelswild Und vergiss Sie nicht wieder, den gerahmten Stalin aus dem Keller zu holen und abzustauben! Oder meint Sie, mein Geld faulenzend zu verdienen?


    Hausmädchen: mit faschistischem Gruss Jawohl, Genosse Welti!


    Hausmädchen ab


    Welti: Freches Weibsbild! Herrgott sackarament! zu Lenin Entschuldige Genosse.


    Welti zieht sich an. Es wird langsam dunkel.

  2. #2
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    AW: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    Das Stück beginnt mit einem Jemand im Schaukelstuhl, der Bier trinkt und schweigt. Dann betreten 7 orthodoxe Juden in Heilsarmeeuniformen die Bühne und singen die Internationale. Der Jemand denunziert dies später als Einfall des Regisseurs. Er fragt dann die Zuschauer auch, was sie für die Billets bezahlt haben. Versucht also, den Bühnenschein zu durchbrechen (was bekanntlich unmöglich ist).

    Die Bühne stellt den Vorplatz eines Verbrennungsofens im Krematorium dar. Der Jemand entpuppt sich als der Brennwart Conradi. Er stellt sich vor und sagt, vor 1923 sei er "Russlandschweizer" gewesen. "Sie wissen bescheid," sagt er. Nein, ich weiß nicht bescheid. Russlandschweizer? Vertrieben durch die Revolution? Oder dorthin gelockt als begeisterte Linke? Hier Erklärungsbedarf für Nichtschweizer, es sei denn, dass auch Schweizer das nicht wissen und das Stück es später beantwortet. Dann eine Einführung in die Geschichte des Verbrennens von Toten. Der schlichte Brennwart entpuppt sich fast als Professor für Geschichte. Das stört mich. Ich fänd besser, er bliebe ein schlichter Brennwart. Diese Infos kann man ja ins Programmheft drucken! Dann kündigt er an, er müsse sich auch als den viel Jüngeren spielen, der er vor 1923 war. O je! Dann ist er vielleicht Jahrgang 1900 und jetzt 102 Jahre alt? Riesenzeitstrecken, die hier in einer Person überbrückt werden sollen. "Man sieht sein Alter," heißt es. Mit 102 noch im Job? Nun, auf der Bühne ist alles möglich - aber nicht alles überzeugt. Ein Sarg steht da mit Blumenbukett. Er enthält Conradis letzten Toten. Er heizt ihm gerade vor.


    Aber in der nächsten (ersten) richtigen Szene tritt er wohl noch nicht auf. Hier begegnen wir einer Dame, die sich von ihrem Hausmädchen die richtige Garderobe empfehlen läßt, denn der russische Abgesandte Worowsky wird zum "The" erwartet. Da hätten wir dann die Titelfigur. Die Dame scheint diesen Gesandten sehr viel interessanter zu finden als Herrn Welti, ihren bäurischen Ehemann. Dieser zeigt sich uns in seiner ganzen Bäurischkeit. Er verrät, dass er seine Gattin nur geheiratet hat, weil sie ein "von" in ihrem Namen hat. Außerdem verachtet in ihr die Deutsche, nennt ihren Vater, einen Kruppdirektor, einen "Sauschwab". Er bereut diese Ehe und haßt das ihm von der repräsentationsgierigen Ehefrau aufgedrängte Hausmädchen.


    Prognose: Eine hübsche Dreiecksgeschichte bahnt sich an: Frau (deutsch) zwischen zwei Männern (schweizerisch und russisch). Wer ist die Leiche in dem zur Verbrennung anstehenden Sarg? Juden in Heilsarmeeuniformen vor Verbrennungsofen... Makaber bis geschmacklos. Würde gern mehr lesen.


    Personen:
    Conradi, Brennwart am Krematorium (zu Anfang "Jemand")
    Frau Beatrice Welti, geb. von Behren
    Herr Welti, Nationalrat
    Worowsky, russ. Abgesandter (bisher nur erwähnt)
    Hausmädchen
    7 orthodoxe Juden

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    Hallo,


    Quoth, ich verstehe deine Alterstheorie nicht. Wir wissen doch gar nicht, wann die Geschichte spielt, also wann "Heute" ist. Wurde nicht erwähnt, oder doch?


    Uns fehlen eh noch viele Informationen. Beispielsweise finde ich es nicht schlimm, daß ein Brennwart sich mit der Geschichte der BESTATTUNG auskennt. Vielleicht hat er sich belesen. Diese Information müßte dann aber noch kommen. Selbiges gilt für den Rußlandschweizer. Ich nehme mal an, diese Geschichte wird jetzt erzählt. Das mit den Juden ist wohl ziemliche Ironie, wo wir ebenfalls noch nich zusammenreimen können. Es ist ja auch sehr witzig wie dieser bekennende Kommunist ein Hausmädchen behandelt. Sehr witzig: Der faschistische Gruß des Hausmädchens.


    Also: Ich will auch mehr lesen.


    tt

  4. #4
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    AW: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    Du hast diesen Satz überlesen, tt:


    Mittlerweile ist ja der Kommunismus ganz bachab gegangen.

    Damit positioniert der Autor (durch den Brennwart) die Geschichte in den letzten zehn Jahren - also Gegenwart im weiteren Sinne. Und Indizien für eine andere Zeit - oder ein zeitloses Jenseits - finden sich nicht. Also ist der Bursche um die 100! Und wird wahrscheinlich zum Schluß selbst in den (leeren) Sarg springen und ein Autodafe veranstalten... Stimmt, bernouilly, was?

    Gruß

    Quoth

  5. #5
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    AW: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    quoth: (...)Versucht also, den Bühnenschein zu durchbrechen (was bekanntlich unmöglich ist).


    b.: nicht nur weil es toyota gibt, lass es mich riskieren. ich denke nach wie vor, dass es gehen könnte.


    quoth: (...)Nein, ich weiß nicht bescheid. Russlandschweizer? Vertrieben durch die Revolution? Oder dorthin gelockt als begeisterte Linke?


    b.: ein wenig mehr steht ja noch. die eltern ermordet, ich denke, man kann getrost schon auf die "roten" schliessen, enteignet, sprich die habe "verstaatlicht". so ging es vielen. auch vielen schweizern. so viel steht. soll einen ersten eindruck vermitteln. über conradi erfährt man aber noch genaueres. etwa in der dritten szene.


    quoth: (...)Der schlichte Brennwart entpuppt sich fast als Professor für Geschichte. Das stört mich. Ich fänd besser, er bliebe ein schlichter Brennwart. Diese Infos kann man ja ins Programmheft drucken!


    b.: wie du richtig rechnetest, ist der gute über hundert jahr alt. warum? weil mir das absurde schon gefällt. und das stück auch mit dem absurden spielen soll. und als solcher "centaurier" weiss er zwangsläufig bescheid über die kremation. er ist nicht nach freiem willen brennwart. aber vor allem, und was als antwort eigentlich nicht zählt: weil es der autor so will.


    quoth: (...)nennt ihren Vater, einen Kruppdirektor, einen "Sauschwab".


    b.: nein, nur ein entfernter stammbaumableger von dem herrn krupp himself.


    quoth: Wer ist die Leiche in dem zur Verbrennung anstehenden Sarg?


    b.: der richter. sein richter. aber vielleicht...


    quoth: (...)wird wahrscheinlich zum Schluß selbst in den (leeren) Sarg springen und ein Autodafe veranstalten...


    b.: ...vielleicht übernehm ich diese idee tatsächlich, vielleicht, weil geil ist sie wirklich. wär schon ne schöne variante, das.


    quoth und traumtänzer: Würden gern mehr lesen.


    b.: das freut mich wirklich. komme der bitte gerne nach.


    tt: Uns fehlen eh noch viele Informationen. Ich nehme mal an, diese Geschichte wird jetzt erzählt.


    b.: ich hoffe, dem gerecht zu werden. erzählen tu ich schon. aber verlassen tät ich mich nicht darauf.


    tt: ist teilweise witzig.


    b.: das freut mich. ich bedanke mich bei euch.


    amicalement b.

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    was im word kursiv ist, ist hier leider kerzengerade. ich hoffe, es ist trotzdem leserlich.


    2. Szene / Vorige, Worowsky, Diwillowsky


    Ein Tisch. Biedermeier wohl. Gedeckt mit Porzellan, in der Art Meissnerschem. Ein Kronleuchter. Zwei St?hle. Rechts ein Sofa, blumiges Muster. Ein Thetischchen, modern. Ein Kerzenständer, abstrakt, mit Kerze.


    Beatrice von Behren sitzt ihrem Gatten gegenüber. Sie trinkt Kaffee, spreizt dabei den kleinen Finger ab. Welti umfasst die Tasse mit beiden Händen. Trinkt schlürfend. Das Hausmädchen kommt von rechts mit zwei Frühstückseiern.


    Hausmädchen: Die Eier der Herrschaften.


    B. von B.: Vielen dank, meine Liebe.


    Welti: Mhm.


    Hausmädchen: Haben Herrschaften noch einen Wunsch?


    Welti: Wie lange soll ich noch auf die Zeitung warten?


    Hausmädchen: Kommt sofort, Herr Nationalrat.


    B. von B.: Ein echter Sukkurs. Es bräche Ihnen bestimmt kein Zacken aus der Krone, befolgten Sie auch nur die elementarsten Regeln zwischenmenschlichen Zusammenseins.


    Welti: Hm. Was sagen Sie?


    B. von B.: Ich sagte, ich wolle nicht jeden Morgen von Ihren Manieren an Ihre Herkunft erinnert werden.


    Hausmädchen: Die Zeitung, Herr Nationalrat.


    Welti: Ja ja, schon gut. Firlefanz!


    B. von B.: Wenn Sie mir bei der Maniküre ein wenig zur Hand gehen könnten, meine Liebe?


    Hausmädchen: Sehr wohl, Madame.


    Welti: Sie soll zuerst abtischen!


    Das Hausmädchen räumt das Geschirr weg und putzt den Tisch. Geht ab. B. von B. setzt sich auf das Sofa. Welti verschwindet hinter der Zeitung.
    Das Hausmädchen kommt mit einem Frotteetuch und einem Necessaire und setzt sich neben die B. von B.. Beginnt mit der Maniküre.


    Welti: Kognak! Brissago!


    Hausmädchen: Jawohl, Herr Nationalrat.


    B. von B.: leise Der Hass zerstört den Geist im Menschen auf eine vernichtende Weise.


    Welti zieht an seiner Brissago. Die Damen beim vorig erwähnten.


    B. von B. despektierlich Franz, sagen Sie mir, was in der Zeitung steht.


    Welti: Wie Sie wissen, steht in der NZZ ohnehin nur faschistisch Angehauchtes und bürgerlich Verklärtes.


    B. von B.: 'jour sind Sie ja, wenn auch plafoniert. Lesen Sie bitte!


    Welti: Nun gut, es gehört ja auch zu meiner kommunistischen Pflicht, die Argumentationen der Gegner nach dem Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Sie sollten aber endlich den "Vorwärts" als Lektüre bevorzugen lernen.


    B. von B.: Ich bitte Sie!


    Welti: In Italien brach der Aetna aus. Oder gehört das als Aphorismus zum nachfolgenden Artikel über Mussolinis Einstellung zum Frauenstimmrecht?


    B. von B.: gelassen Die Spotterei steht Ihnen nicht gut zu Gesichte. Sie erröten dann jedesmal unter Ihrem hygienischen, preussischen Haarschnitt. Sie müssten recht eigentlich Wülti heissen.


    Welti: Chabis! Jetzt hören Sie lieber zu: Terror im besetzten Ruhrgebiet, Werdener Schreckensurteil. Urteil im Prozess gegen Fabrikdirektoren schafft deutsche Märthyrer, schweisst gar Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammen. Dies leidige Geldgefordere vom Franzos, der am Karsamstage vierzehn deutsche Arbeiter bluten liess. Die Täter: genüsslich französische Soldaten. Das übliche halt. Die französische Justiz eine Dirne des französischen Militärs. Und der Präsident Loebe spricht, die stehenden Mitglieder des Parteitages rufen an den richtigen Stellen ihr Pfui!, allseitige Solidaritätsbekundigungen und Schreie nach Repressalien. Und selbstverständlich vorwurfsvoll erwähnt, dass nur die Kommunisten nicht anwesend waren. Ein Lumpenpack, diese Schreiberlinge! Natürlich waren die nicht anwesend. Unseretwegen sollen sie die ruhig einlochen, oder meinetwegen auch grad abtun! Da stigmatisiert uns die Rechte wieder einmal, und diese läppischen Journalisten schreien ihr auch noch das Arbeitervolk als Rückendeckung nach. Lächerlich!


    B. von B.: Übertreiben Sie nicht, Genosse Welti, die Welt ist komplexer als Ihr anzunehmen beliebt. Und es wird sich wie in der Dreyfuss-Affäre mit Bestimmtheit ein Zola, um nur einen Dichter zu erwähnen, finden, der dem militärischen Gericht die Maske vom Gesicht reisst. Das Paris der zauberischen Perspektiven, der Anmut und des Schalks wird nicht so schnell zu Grabe getragen. Dafür sind die unsterblichen Idole der Gleichheit, Brüderlichkeit und der Freiheit zu stark in aller Welt verankert!


    Welti: Geschwätz! Was sollen die deutschen Arbeiter mit zauberischen Perspektiven, wenn sie kaum Brot zu fressen haben? Die alte Leier Eurer Zuneigung für alles Französische, für die abschätzig Kultur! Reiner Luxus ist das! Und hungrige Mäuler werden so nicht gestopft. Überhaupt haben Sie beim Zustandekommen dieser von Euch unsterblich geschumpfenen Idole verklärt aristokratisch das Wesentliche übersehen: die Revolution an sich!


    B. von B.: Fürwahr! Ihr Gerede beelendet mich. Sie sollten jetzt in Ihr Zentralsekretariat pressieren. Täuschen Sie den allfälligen Passanten Gewichtigkeit vor.


    Welti: Nur eins noch: Aus der Rubrik kleine Auslandnachrichten: Das Kaiser Wilhelm-Denkmal in Trier ist von unbekannten Tätern vom Sockel gestürzt worden. So, habe die Ehre!


    Welti ab.
    Hausmädchen ihm hinterhereilend.


    B. von B.: Was für ein Grobian! Hoffentlich kommt Waclaw in Bälde. Seufzt


    Hausmädchen: Der Herr Abgesandte mit seinem Sekretär wünschen empfangen zu werden.


    B. von B.: Bitten Sie die Herren freundlichst herein.


    Worowsky: der von B, die aufgestanden ist, die Hand küssend Es ist mir eine Freude!


    B. von B.: Wenn Sie bitte Platz nehmen wollen. Sie trinken eine Tasse The mit mir?


    Worowsky: Wer könnte einer Frau wie Ihnen eine Bitte ausschlagen. Mit dem allergrössten Plaisir.


    Die beiden setzen sich. Das Hausmädchen serviert The und stellt sich danach neben den Sekretär, der steif hinter dem Sofa stehenbleibt. Sie halten einander an der Hand.


    B. von B.: Hat denn unsere Liebe überhaupt eine gemeinsame Zukunft?


    Worowsky tätschelt zärtlich den Unterarm der B. von B. Sie zaubert Rot auf ihre Wangen.


    Worowsky: Meine Liebe, alles kommt anders, wenn der Wind zu Hause weiss wird.


    Der Vorhang fällt.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    Sehr gut, daß über das Liebesgesülze der Vorhang sich schließt, wohingegen der Dialog des frustrierten Ehepaars genüßlich ausgebreitet wird. Liebe ist mit Sicherheit das in Literatur und Foren meistüberschätzte Motiv...
    Wenn Du den 100Jährigen willst, würde ich ihn das thematisieren lassen: Nicht nur bereits 100 sondern auch noch aktiv im Job... Es gibt heute in Deutschland 40mal mehr ü90Jährige als vor 40 Jahren... Da wär ja was dran!


    Wo bleibt die nächste Szene? Ich finde, "work in progress" verpflichtet zu einer gewissen, gemäßigten, aber erkennbaren Regelmäßigkeit der Befriedigung erweckter Neugier.

  8. #8
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    erste Eindrücke: sprödes staccato vieler Einfälle, die ihren geheimen Punkt noch suchen, der aber ist auf dem Theater alles
    plausible Charaktere, lassen wir sie doch schön schräg sein, auch HIST. unwirklich, die Phantasie des Zuschauers ersetzt sich das schon, was nicht erklärt werden kann


    JEMAND nicht nennen, nur beschreiben. Erklärungen vermeiden. Aber auch sieht sich der Leser hier mehr als der Schauspieler. Ich wage zu bezweifeln, mit Stereotypen sehr viel mehr als augenblickliche Lacher zu evozieren. Die allerdings sind für den Anfang eines Textes erforderlich wie zerstörerisch. Wie wär's mit etwas mehr Exzeptionellem?
    Trotzdem drei Punkte.

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    erstellt von bernouilly: Vor dem Prolog
    Vor dem Vorhang ein Schaukelstuhl. Viel ist nicht zu sehen. Jemand in einem weißen Unterhemd. Es ist dunkel. Der Jemand schaukelt. Öffnet eine Flasche Bier. Trinkt.


    eine minute nichts
    letzte Bemerkung überflüssig; die Reihenfolge der Regieanweisung geht durcheinander; wenn es dunkel ist, dann ist eh nicht viel zu sehen; wenn das Schaukeln wichtig ist, dann stellt sich die Frage, ob er beim Schaukeln die Flasche öffnet, was ja eine metaphysische Bedeutung hat, ob er beim Schaukeln trinkt, was schwierig ist und zu Hustanfällen führen kann; versuch es einmal; außerdem ist nicht klar, was für ein Schaukelstuhl es ist; das scheint mir hier wichtig zu sein, wenn der Zuschauer erst einmal eine Minute auf einen biertrinkenden Mann auf einer dunklen Bühne schaut; auch ist nicht klar, ob der Mann angestrahlt wird oder im Dunkeln schaukelt
    Der Jemand steht auf und entrollt, von einem Scheinwerfer eingefangen, einen roten Teppich. Der Teppich wird gründlich gekehrt, wobei der Jemand immer wieder seine Tätigkeit unterbricht, um Bier zu trinken. Setzt sich wieder in den Schaukelstuhl. Schaukelt. Trinkt. Nur der Teppich ist beleuchtet. Eine Minute nichts.
    Es wirkt ein bißchen demonstrativ. Der Anfang eines Stückes sollte das nicht sein. Aber gut. Warten wir mal ab!
    In Einerkolonne marschieren sieben Männer mit Gitarren an dem Jemand vorbei und stellen sich rechts von diesem in Reih und Glied auf. Es sind orthodoxe Juden mit riesigen schwarzen Bärten und Zöpfen. Allesamt tragen sie Kittel der Heilsarmee. Der Jemand schlägt eine Stimmgabel an seine Bierflasche. Der Chor beginnt zu singen. Die Internationale. Nach: "Wacht auf, Verdammte dieser Erde" lacht der Jemand. Der Chor spielt und singt lauter. Immer wieder lacht der Jemand an Stellen, wo man es nicht versteht. Jedesmal spielt und singt dann der Chor lauter. Gegen Ende des Liedes zerreißen einige Saiten. Der Gesang ein Gebrüll. Wie das Lachen des Jemand.
    Das ist eine klare Markierung, was den Zuschauer erwartet. Eklektizismus. Modernes Theater. Das Durcheinander der Stilebenen und die Gratwanderung mit Denkschablonen. Und eben dieses Plakative. Überleg es Dir gut, ob Du schon am Anfang in diese Schublade, die sich bei mindestens 90% Deiner Zuschauer öffnet, gesteckt werden willst. Ich würd mir wünschen, daß es ein wenig moderater daherkäme.
    Prolog



    Prolog, Conradi

    Die Bühne ist sichtbar. Stellt ein Krematorium dar. Ein Sarg ist zu sehen. Ein Blumenbouquet. Eine Truhe, offen.

    Der Jemand rollt den Teppich zusammen. Schleppt ihn zum Ofen und stopft ihn in eine der beiden Öffnungen. Feuer ist zu sehen. Der Jemand setzt sich wieder in den Schaukelstuhl, der noch an der gleichen Stelle steht. Schaukelt. Trinkt. Schwitzt aus. Tupft sich mit einem Taschentuch die Stirn. - Es ist hell jetzt. Man sieht sein Alter.
    Kein guter Anfang. Kai aus der Kiste! Pladautz. Da sind wir. Lach lach. Abmarsch. Und weiter? Was willst Du durch diesen umständlichen Anfang erreichen? Eine Situation schaffen, die den Zuschauer gleich knebelt? Was denkt der wohl? Juden mit Gitarren, ein Alter im Schaukelstuhl, Teppiche, Dunkelheit und Gelächter. Willkommen in Absurdistan? Ich denke jetzt: 'Wo will er mit mir hin? Muß ich jetzt meine Dechiffriermaschine anstellen oder will er vielleicht mal endlich etwas Expositionelles loseisen?' Aber gut, ich bin ein geduldiger Mensch. Will mal sehen, was sprechenderweise geschieht!
    Conradi:

    Das ist das städtische Krematorium. Und ich bin der Brennwart. Conradi, mein Name. Heute Schweizer. Vor 1923 Rußlandschweizer. Sie wissen Bescheid. Die Familie von den Bolschewiken dahingerafft. Samt Hab und Gut. Verdammte Umwälzungen. Nun gut. Ist lange her. Mittlerweile ist ja der Kommunismus ganz bachab gegangen. Gut so. Hab mich ja gerächt.
    Ein Erzähler? Dialogtheater? - ich kreide Dir auch das an, daß Du Deinen Helden dem Publikum direkt mitteilen läßt, wer und was wie gehauen und gestochen. Das ist eine dramaturgische Verzichtserklärung. Aber gut, ich bin ja geduldig. Sehen wir weiter!


    nimmt einen Schluck Bier und zeigt hinter sich

    Conradi: Ist nicht von Topf und Sühne. Hat nur zwei Retorten. -Pause- (Vielleicht wird an dieser Stelle das Publikum unruhig, vielleicht rutschen einige Stühle. Vielleicht.)

    Aber machen Sie sich keine Sorgen. Das soll eine bloße Anspielung bleiben. Ein Einfall des Regisseurs. Dem Zeitgeist wegen. abschätzig Als ob es diesen mal nicht gäbe! Auch das mit dem Teppich und den Juden. Allzu bedeutungsschwanger, wenn Sie mich fragen. Schließlich sind Sie ja nicht alle dumm. Oder?
    Das ist jetzt gut. So könnte es gehen. Endlich ein Bruch, endlich so etwas wie ein dramatisches Moment. Weiter. Eine neue Figur muß her. Ein Konflikt muß her, aber bitte nicht in diesem alten Mann austragen, und bitte nicht so bedeutungsschwanger daherkommen.
    -Pause- Wieviel haben Sie eigentlich für den Eintritt bezahlt?-Pause-Sie scheinen sich aber was leisten zu können.




    er trinkt. tupft sich die Stirn. zeigt wieder hinter sich.
    zu parodistisch
    Conradi:


    Lassen Sie mich ein wenig gescheit daherschwatzen.


    er räuspert sich. trinkt. Die Bestattung Verstorbener im Feuer ist uralt. Sie wurde schon lange vor der christlichen Zeitrechnung neben anderen, teils eigenartigen Bestattungsarten ausgeübt. Ist auch zweckmäßig, meiner Meinung nach. - Schon in den literarischen Werken des Altertums und des Frühmittelalters wird die Feuerbestattung erwähnt. Bei Homer und Vergil zum Beispiel, im Nibelungenlied. Und im alten Rom galt ein Feuergrab als äußerst vornehm. Das leuchtete dann Karl dem Großen gar nicht ein und er legte das Verbrennen 785 mit seinem Dekret, die Beerdigung galt fortan als alleinige christliche Besatzungsart und die Friedhöfe wurden die einzigen erlaubten Beisetzungsstätten, erst mal auf Eis.
    Kein guter Satz. Das ist kein Text für die Bühne, zumal an dieser Stelle nicht, sondern einer fürs Programmheft. Wenn Du parodieren willst, dann laß das Publikum hier den text lesen. Während der Vorstellung! Meinetwegen so.
    Sie erlauben mir das kleine Wortspiel.





    er nimmt einen weiteren Schluck


    Ist noch zuwenig heiß für den Sarg.
    Ist nicht heiß genug!
    1000 Grad sollte es schon haben für eine vollständige Verbrennung. Und das verlangt die Vorschrift, auch weiße, reine und leicht zu sammelnde Asche.
    umständlich gebaute Sätze; warum? Subjekt-Prädikat-Objekt, zumal für die Rußlandschweizer, denn im Russischen gilt diese Satzstellung auch; strenger noch als im Deutschen
    Gott sei Dank sind der Technik einige Durchbrüche gelungen. War eine echte Plackerei für den Brennwart, als es noch Koksöfen gab. Mit den Gasöfen wurde es einfacher. Und heute ist es ein Kinderspiel. Ein Knopfdruck und die Anlage heizt sich elektrisch auf, 54 kW pro Einheit! Da hat die Firma Brown, Boveri & Cie. AG gute Arbeit geleistet. Eine Kreamtion dauert durchschnittlich noch etwa 50 Minuten. Zeit ist Geld. Und es wird ja immer häufiger gestorben. -Pause- Dauert noch ein Weilchen. Habe übrigens meinen letzten Tag heute. -Pause- Darum hab ich auch den Teppich verbrannt. Ist eigentlich gegen die Vorschriften. -Pause- Bei Karl bin ich stehengeblieben. Nun, ein paar Jahrhunderte lief dann gar nichts. Erst in nachreformatorischer Zeit nahmen sich italienische und deutsche Ärzte unserer Zunft wieder an. Einer war gar der Arzt und Geheimkämmerer Papst Alexanders VII. wenn ich mich recht erinnere. Auf jeden Fall empfahlen die Ärztekongresse 1869 und 1871 von Rom und Florenz die Feuerbestattung zur Duchführung in einem geschlossenen Raum. 1876 entstand dann in Mailand das erste Krematorium. So viel zum Geschichtlichen. In diesem Sarg liegt mein letzter Toter.






    er trinkt
    Was alles und gar nichts erzählt hat. Den Sinn dieser Einführung mußt Du erst noch zeigen. Bislang bin ich nicht überzeugt.
    Meine letzte Kremierung. Alle andern dieses Stücks schon längst Asche. Der Faden der Ariadne sozusagen, der da im Sarg liegt, ist der letzte. Apres nous le d'luge! Der Richter, der mich 1923 nach dem Willen der Geschworenen freisprach. Der Richter, der mich 1923 zu den Toten verurteilte, wie er sagte. Ein literarischer Eiferer, hätte meinetwegen Gedichte schreiben sollen. Nun gut, sein durchaus pädagogisch gemeinter Freispruch findet hier und heute sein Ende. Noch ein paar hundert Grad und ich bin frei.
    Reicht nicht. ist nicht pointiert. Wichtig ist dieser teil, weil endlich ein Ich auftaucht. das erzählst Du so nebenbei. meinetwegen, wenn es zum Charakter des Ich gehört. Um so wichtiger ist es, dieses schemenhafte Ich durch ein konturenvolleres Du zu konterkarieren. Das macht dann auch den Anfang anschaulicher. Und darum muß es auf dem Theater immer gehen, um Anschaulichkeit.
    er trinkt. tupft sich die Stirn Conradi:
    Eine Anmerkung noch: Der Einfachheit halber bleibt im folgenden das Krematorium im Hintergrund stehen. Eine reine Sparmaßnahme. Und entschuldigen Sie die läppischen Verwandlungskünste meinerseits. Ich muß mich selber spielen. Sicher, ich war ich selber, auch im Jahre 23, da hat der Regisseur schon recht. Es handelt sich doch aber recht eigentlich um eine weitere Sparmaßnahme.

    er trinkt. geht dann zur Truhe. nimmt Kleidungsstücke und zieht sich noch während er links abgeht ein weißes Hemd an.

  10. #10
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    Question AW: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    hinreißend find ich die entschuldigung bei lenin für den sakralen fluch
    wie flucht man eigentlich im sozialismus/kommunismus? "kicher"

  11. #11
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    Lightbulb AW: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    gute frage: fluchen nennt sich das dann nicht, sondern barsche reflexion subjektiver unzulänglichkeit, die auf einen mangel zurückzuführen ist, objektiv notwendige prozesse im ganzen zu durchschauen und an die eigene individualität zu binden.

  12. #12
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    AW: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    ist vielleicht ne bisschen komplizierte erklärung von dir - aber was ist eigentlich die struktur eines fluches? ich hab keine ahnung, aber wenn sich im christlichen die heiligsten wörter dazu eigneten, welche wörter eignen sich dann im kapitalistischen, kommunistischen, globalisierten, tv-isierten?

    der frage sollte man mal nachgehen!

  13. #13
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Worowsky / vor dem Prolog / Prolog / 1. Szene

    Eine Stimmung mit absurden Stellungseinfällen erzeugt zwar eine Bühnendynamik resp. -präsenz, aber noch kein Theaterstück. Das Expositionelle bleibt hier stümperhaft entwickelt, derweil ist doch genau das die BAsis ejdes guten Stücks: klare Charaktere, versteckte Minen, plausible Handlung, die dann doch überraschende Wendungen erzeugt. Es gibt hier nur hübsche, irrwitzige Einfälle, aber keine Dramaturgie. Früher oder später muß ein Autor hieran scheitern, denke ich.

  14. #14
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Drama und Ironie

    Der Zusammenhang zwischen Ironie und Drama scheint mir erstmals literaturhistorisch in jener Zeit zwischen Klassik und Vormärz/Biedermeier aufgekommen zu sein. Büchner und Grabbe sind wohl diejenigen, die eine deutsche Variante der westlichen Ironie in der deutschen Literatur hoffähig machten. Es scheint mir in diesem Kontext kein Zufall zu sein, daß weder der tiefromantische ETA, noch die Juden Heine und Börne (beide Vormärzler durch und durch), die in dieser Zeit im deutschsprachigen literarischen Diskurs tonangebend waren, sich dramatisch betätigten.

    Da denke ich noch ein wenig drüber nach.

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