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Thema: Die weißen Schmetterlinge

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Die weißen Schmetterlinge

    Nach längerer Durststrecke ist die neue Story nun doch (vorläufig) fertiggeworden. Es wird sich zwar kaum jemand die 17 Seiten antun, aber da ich vier Monate daran gearbeitet habe, wollte ich dieses Ereignis der Allgemeinheit nicht vorenthalten.


    Die weißen Schmetterlinge
    Old Man's Dream


    Die Rakete sank herab aus dem All.
    Noch vor Minuten war sie ein winziger Lichtpunkt am Himmel gewesen, Stern unter Sternen. Jetzt glänzte ihr mächtiger Rumpf im Schein der Bremstriebwerke, während sie in einer eleganten Kurve heranschwebte und scheinbar bewegungslos über dem vorgegebenen Landeareal verharrte.
    Langsam sank die weiße Flammensäule, die das Raumschiff trug, in sich zusammen. Die Spitze der Rakete begann leicht zu zittern. Die Männer im Tower beobachteten das Manöver mit angehaltenem Atem. In dieser Phase konnte jede Sturmböe, die geringste Unaufmerksamkeit des Piloten das fragile Gleichgewicht der Kräfte stören und das Schiff zur Seite ausbrechen lassen ...
    Doch die Katastrophe blieb aus. Erst als das Frachtschiff endlich die Landestützen ausgefahren hatte und das Feuer der Hecktriebwerke erloschen war, fand Perkins, der Cheflotse, die Sprache wieder.
    „Saubere Arbeit, Edison“, knurrte er in das Mikrofon seiner Sprechgarnitur. „Punktlandung. Das nächste Mal machen Sie es hoffentlich weniger spannend. Over and out.“
    Perkins nahm die Kopfhörer ab und lehnte sich auf aufatmend zurück. „Teufelskerl, dieser Edison“, sagte er mehr zu sich selbst als zu dem kleinen Mann neben ihm, der halblaut Anweisungen an das Bodenpersonal durchgab.
    Sein Assistent nickte zustimmend. Es kam nicht häufig vor, daß ein Schiff der 1000-Tonnen-Klasse eine Landung riskierte. Die Frachter der Marsgesellschaft blieben normalerweise im Orbit, bis ihre Ladung gelöscht und auf Shuttlefähren umgeladen worden war. Die „Eternity“ gehörte einer Chartergesellschaft und war mit einer Sondergenehmigung gelandet. Über Passagiere und Fracht ging merkwürdigerweise nichts aus den Unterlagen hervor ...
    „Die müssen Geld wie Heu haben, wenn sie sich Edison leisten können“, murmelte Perkins nachdenklich. „Legends - wenn ich nur wüßte, wo ich den Namen schon mal gehört habe.“
    „Legends Media?“ erkundigte sich der kleine Mann überrascht. „Sie meinen, das Schiff gehört dem alten Hopkin?“
    „Wem?“ erkundigte sich der Lotse stirnrunzelnd.
    „Lewis Hopkin, the Rock - eine ganz große Nummer im Showgeschäft, besitzt ein Dutzend Plattenfirmen und handelt mit allem, was Lärm macht ...
    „Ach, den Hopkin meinen Sie“, versetzte Perkins gleichmütig, „müßte der nicht inzwischen auf die hundert zugehen? Der fliegt bestimmt nicht mehr zum Mars.“
    „Das glaube ich allerdings auch, Sir“, lächelte der kleine Mann und wandte sich wieder seinem Terminal zu.


    ***


    Mit 98 Jahren ging Lewis B. Hopkin in der Tat „auf die hundert zu“, aber die beiden Angestellten irrten sich dennoch. Denn der alte Mann hatte das Unternehmen nicht nur finanziert, sondern befand sich auch in eigener Person an Bord der „Eternity“. Allerdings hatte er sich für die Zeitdauer des Fluges in Tiefschlaf versetzen lassen, um der Langeweile der Überfahrt zu entgehen. Beflissen summende Maschinen hatten ihn mit Sauerstoff und Nahrungskonzentraten versorgt, während winzige, käfergleiche Stimulatoren seine Muskeln und Nerven in Spannung hielten. Jeder Herzschlag des prominenten Passagiers war aufgezeichnet worden, jede Schwankung seines Blutdrucks, sogar die Menge der ausgeschiedenen Flüssigkeit. Anlaß zur Sorge hatte allerdings zu keinem Zeitpunkt bestanden. Nach Auffassung der Maschinen war Lewis B. Hopkin kerngesund.
    Im Augenblick war der Bordarzt damit beschäftigt, seinen Patienten so rücksichtsvoll wie möglich mit der Notwendigkeit eigenen Atmens vertraut zu machen. Das Vorhaben gelang, hatte aber zur Folge, daß sich der alte Mann nach einem heftigen Hustenanfall die Beatmungsmaske herunterriß und den Mediziner mit heiserer, aber durchaus verständlicher Stimme anwies, sich davonzuscheren.
    „Darüber reden wir noch“, knurrte Lewis gereizt, als der Arzt keine Anstalten machte, seinem Befehl nachzukommen, ließ sich dann aber doch von ihm aufhelfen und in seine Kabine bringen.
    Knapp zwei Stunden später erinnerte nichts an seiner Erscheinung mehr an das hilflose Objekt medizinischer Fürsorge, das Lewis B. Hopkin sechs Monate lang gewesen war. Er hatte geduscht und seine „Uniform“ angelegt: verwaschene Jeans, ein beigefarbenes Leinenhemd und eine Lederjacke unbestimmbaren Alters. Gerüchte, sie sei aus der Haut eines Dinosauriers gefertigt, entbehrten der Grundlage, aber sie sah auch nicht unbedingt neu aus. Sein schulterlanges, weißes Haar hatte er wie gewohnt straff nach hinten gekämmt und im Nacken zu einem Zopf gebunden.
    über seine Herkunft war wenig bekannt - ein Umstand, der zu abenteuerlichen Spekulationen Anlaß gab. Besonders hartnäckig hielt sich das Gerücht, nach dem Lewis B. Hopkin nicht sein richtiger Name sei. Böse Zungen behaupteten sogar, der gebürtige Engländer sei seinerzeit mit gefälschten Papieren in die Vereinigten Staaten gelangt - möglicherweise, um sich der Strafverfolgung durch die britischen Behörden zu entziehen.
    Hopkin schwieg zu Vorwürfen dieser Art. Wenn er interviewt wurde, beschränkte er sich auf Andeutungen, wie die, daß er seine Jugend in der Nähe von London verbracht habe und schon früh gezwungen gewesen wäre, selbst für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Mehr war weder von Hopkin selbst noch aus seinem Umfeld zu erfahren - aus gutem Grund, denn der Schleier des Geheimnisses, der die Person des Firmengründers umgab, und die Verbindung zu der Totenstadt trug nicht wenig zum geschäftlichen Erfolg der Legends MC Inc. bei. Der alte Mann war seit sechzig Jahren im Geschäft, und auch die mißgünstigsten Kritiker mußten zugeben, daß er selten etwas ohne Grund tat ...
    Die Crew und die Passagiere der „Eternity“ hatten sechs lange Monate Zeit gehabt, darüber zu spekulieren, was the Rock dazu bewogen hatte, mit etwa 600 Tonnen „Marschgepäck“ zum Mars zu fliegen. Zu einem plausiblen Ergebnis war keine der beiden Gruppen gekommen.
    Die Instruktionen waren allerdings präzise gewesen und der Zeitrahmen realistisch. Es war also anzunehmen, daß das Projekt Hand und Fuß hatte.
    Für die Mannschaft der „Eternity“ war die Mission bereits mit der Ankunft des Schiffes in Port Marineris beendet. Nur ein Dutzend Männer - fast ausschließlich Techniker aus Hopkins Firma - hatte den Auftrag, die Fracht auf dem Weg zu ihrem bislang unbekannten Bestimmungsort zu begleiten. Die Bezahlung war großzügig, allerdings an die Verpflichtung zum Stillschweigen bis zum Abschluß der Arbeiten gebunden.
    Angesichts dieser Umstände war die Unruhe der Männer nur zu verständlich, die in der Zentrale des Schiffes auf neue Anweisungen warteten. Keiner von ihnen war jemals auf dem Mars gewesen, und so galt ihr Interesse zunächst den Monitoren der Außenkameras, die jedoch außer der grauen Betonfläche des Landeplatzes und ein paar verschwommenen Lichtpunkten kaum etwas erkennen ließen.
    „Guten Morgen, die Herren!“
    Die Männer fuhren herum und starrten den alten Mann überrascht an. Wenn Hopkin noch unter den Nachwirkungen der langen Bewußtlosigkeit litt, dann wußte er das geschickt zu verbergen. Er verzichtete sogar darauf, sich zu setzen, während er die Männer in gewohnt knapper Form über den weiteren Ablauf informierte. The Rock hatte wie selbstverständlich wieder das Kommando übernommen ...
    Stunden später verließen zwanzig schwer beladene Sattelschlepper den Raumflughafen von Port Marineris und erreichten nach kurzer Fahrt den Eastern Steelway, die neue Schnellstraße in Richtung Gebirge. Die Fahrzeuge gehörten der NCMC, der New Charleston Mining Company, und pendelten normalerweise zwischen den Loxit-Minen im Norden und den Verarbeitungsbetrieben am Stadtrand. Wieviel Lewis B. Hopkin der Gesellschaft gezahlt hatte, wußte niemand; die Summe mußte enorm sein, denn Transportkapazitäten waren rar. Die einheimischen Fahrer empfanden den Auftrag als wohltuende Abwechslung vom täglichen Einerlei. Bereitwillig gaben sie Auskunft über ihre Lebensumstände und erkundigten sich ihrerseits nach dem neuesten Klatsch von der Erde. Den Krieg erwähnten sie nicht. Vielleicht hatten sie Angst, ihre Befürchtungen bestätigt zu finden ...
    Als es dämmerte, verstummten die Gespräche. Fasziniert beobachteten die Neuankömmlinge, wie die winzige, lachsfarbene Sonne über den Hügeln des Vorgebirges aufstieg, eingehüllt in eine Aura kraftloser Farben, die sich nur zögernd zu einem blassen Lichtstreifen ausbreitete.
    Die Einheimischen lächelten nachsichtig und ein wenig verlegen wie Gastgeber einer nicht sonderlich gelungenen Theateraufführung. Für die Männer, von denen die meisten schon seit Jahren auf dem Mars lebten, hatte das Schauspiel längst seinen Reiz verloren.
    Tom Benett, der Fahrer des Führungsfahrzeug, beschäftigte sich unterdessen mit den Unterlagen, die ihm sein Passagier überlassen hatte. Er schien ein wenig irritiert.
    „Ich weiß ja nicht, weshalb Sie unbedingt zum Ravius-Krater wollen, Mister Hopkin, aber das ist eine verdammt öde Gegend. Da hinauf verirren sich nicht einmal Steinsucher, und die kommen wirklich viel rum.“
    „Steinsucher?“ erkundigte sich der Angesprochene, ohne auf die Frage des Fahrers einzugehen.
    „Das sind Leute, die auf eigene Rechnung nach Sonnensteinen graben. Die Dinger sind ziemlich gefragt, weil sie das Tageslicht speichern können und im Dunklen leuchten. Kein Mensch weiß, warum.“
    „Interessant“, murmelte der alte Mann, lehnte sich zurück und schloß die Augen. Es dauerte nicht lange, und er hatte die Gegenwart und den Mars verlassen ...


    ... der Junge rannte.
    Er wußte, daß er zu spät kommen würde, viel zu spät, dennoch lief er weiter. Eine trotzige, durch nichts begründete Hoffnung ließ ihn die Zeit und die Schmerzen in seiner Lunge vergessen.
    Vielleicht wäre er schneller gewesen, wenn er in Vauxhall auf die U-Bahn gewartet hätte, aber das hatte seine Ungeduld nicht zugelassen. Er mußte etwas tun, mußte laufen, den Zorn über sein Mißgeschick verdrängen, die Wut auf die Polizisten, die ihn solange festgehalten hatten, bis es endgültig zu spät gewesen war.
    über die Themsebrücke war er die Vauxhall Bridge Road entlang in Richtung Grosvenor Place gelaufen, hatte Victoria Station hinter sich gelassen, das Apollo-Theater, das bereits hell erleuchtet war.
    Jetzt lag der Park vor ihm - dunkel und schweigend. Wenn das Konzert noch lief, müßte er die Musik jetzt hören ... wenigstens die Bässe ... Doch es blieb still. Noch aber war der Junge nicht bereit aufzugeben. Vielleicht hatte es eine Verzögerung gegeben, oder es wurde gerade umgebaut.
    „He, was rennsten so?“ rief ihm jemand aus einer Gruppe Hippies entgegen, die mit Rucksäcken und Campingutensilien beladen in Richtung in Richtung U-Bahnstation marschierte. „Suchst wohl deine Schwester?“ Die Geste des Langhaarigen war eindeutig und wurde mit grölendem Gelächter quittiert.
    Der Junge wich der Gruppe aus und tauchte in das Dunkel des Parks ein. Der Wind trieb ihm den Geruch von frisch gemähtem Gras und den Hauch eines schweren, süßlichen Duftes entgegen, der wie Nebel zwischen den Zweigen der riesigen Bäume hing. Die Wiesen ringsum waren mit Blüten übersät, in denen sich das Mondlicht spiegelte.
    - Die Achilles-Statue. Hier hatten sie sich verabredet, Sally und er. Bis zuletzt hatte er sich der unsinnigen Hoffnung hingegeben, daß sie auf ihn warten würde. Trotz allem ...
    Der Junge spürte, wie ihm die Tränen in die Augen schossen. Seine Beine waren plötzlich bleischwer. Langsam, wie in Zeitlupe sank er in die Hocke und verbarg sein Gesicht in den Händen. Noch bevor das Dunkel über ihm zusammenschlug, erkannte er plötzlich, daß die leuchtenden Flecken keine Blüten waren, sondern weiße Schmetterlinge ...



    ... sekundenlang verharrte der alte Mann orientierungslos, bevor er in die Wirklichkeit zurückfand. Er warf einen verstohlenen Blick zur Seite und registrierte erleichtert, daß das Interesse des Fahrers ausschließlich der Straße galt. Obwohl Hopkin seit Jahren von diesem - immer gleich verlaufenden - Traum heimgesucht wurde, schätzte er es nicht, wenn er dabei beobachtet wurde.
    Sally war tot. Der alte Mann wußte es, obwohl er keine Nachforschungen angestellt hatte. Er hatte sie nie wiedergesehen ...Vorsichtig berührte Lewis die Haut unter seinen Augen, fand aber keine Spur von Feuchtigkeit. Um so besser. Weinende alte Männer waren etwas Widerliches, jedenfalls in den Augen der Jüngeren ... Ob die Träume wohl aufhören würden, wenn er Erfolg hatte?
    Lewis B. Hopkin wußte es nicht. Er dachte noch darüber nach, als ihn das monotone Summen der Motoren in einen angenehmen Halbschlaf hinüberdämmern ließ.
    - Nach einigen Stunden Fahrt endete die Schnellstraße. Die letzte winzige Ortschaft lag zwanzig Meilen hinter ihnen, und es gab nicht den geringsten Hinweis darauf, weshalb man die Straße überhaupt so weit geführt hatte. Eine vierspurige Betonpiste, die plötzlich im Nichts endete - der Anblick war irritierend. Es gab kein Hinweisschild, keinen weiterführenden Weg, nicht einmal Reifenspuren. Vor ihnen erstreckte sich ein scheinbar endloses Geröllfeld, das sanft anstieg und sich am Horizont kaum vom schmutzigen Beige des Himmels abhob. Erst in diesem Augenblick wurde den Männern von der Erde bewußt, wie winzig das von den Kolonisten erschlossene Areal im Grunde war. Jenseits der Straße erwartete sie der wirkliche Mars, eine fremde Welt, die noch nie eines Menschen Fuß betreten hatte ...
    „Auf geht’s“, murmelte Tom und schaltete den Allradantrieb ein. „Halten Sie sich fest, Mister, es wird ein wenig holpern.“
    Der Hinweis kam keinen Augenblick zu früh, denn kurz darauf begann die Fahrerkabine zu schaukeln wie ein Boot auf hoher See. Die riesigen Ballonreifen nahmen die Hindernisse zwar mühelos, dennoch waren die Unebenheiten des Bodens deutlich zu spüren. Manchmal vollführten die Fahrzeuge sogar kleine Luftsprünge, die das Schaukeln der Kabinen noch verstärkten. Einige der Männer verspürten ein flaues Gefühl im Magen, das erst verging, als sie ihren Widerstand gegen die ihnen aufgezwungenen Bewegungen aufgaben. Die Einheimischen schienen das Schlingern dagegen kaum zu bemerken. Die Fahrer hatten den Autopiloten eingeschaltet und dämmerten vor sich hin. Innerhalb der von Führungsfahrzeugen aufgewirbelten Staubfahne war ohnehin kaum etwas von der Umgebung zu sehen.
    Tom Bennett verfolgte den schnurrgeraden Weg der Fahrzeugkolonne auf seinem Bildschirm und warf hin und wieder einen nachdenklichen Blick auf den schlafenden Mann neben ihm. Er wußte nicht, was sich in den Containern und Holzkisten befand, die sie transportierten. Die Fahrer hatten nur die Order, Fracht und Passagiere an den gewünschten Bestimmungsort zu bringen und Hopkins Leuten beim Entladen zur Hand zu gehen. Ein Blankoauftrag sozusagen, offenbar hatte der alte Mann nicht einmal die NCMC eingeweiht ...
    Stunden vergingen. Die lachsfarbene Sonne hatte ihren Zenit längst hinter sich gelassen, und die Schatten wurden länger. Die Männer waren es mittlerweile leid, durch die staubigen Scheiben nach draußen zu starren. Die Eintönigkeit der träge vorüberfließenden Landschaft hatte ihre Augen ermüdet. Einige schliefen, andere beschäftigten sich mit ihren Unterlagen oder kosteten appetitlos vom mitgebrachten Proviant.
    Die Dämmerung fiel rasch herein, und bald erinnerte nur noch ein fahler Lichtfleck im Westen an den Ort, wo die winzige Sonne hinter den Bergen verschwunden war.
    Allmählich verstummten die letzten Gespräche, die Fahrer schalteten die Nachtbeleuchtung ein und halfen den Passagieren beim Einrichten ihrer Liegesitze. Das monotone Summen der Motoren und das Schaukeln der Kabinen ließen die Männer von der Erde schon bald in den Schlaf hinübergleiten, während der Konvoi unbeirrt seinen Weg durch die froststarren Geröllfelder der Ceresi-Ebene fortsetzte.
    Es war bereits hell, als das Aufheulen der Turbinenantriebe die Passagiere aus dem Schlaf riß. Eine Lautsprecherstimme forderte sie auf, die Lehnen aufzurichten und Sicherheitsgurte anzulegen. Verwirrt und noch immer halb orientierungslos beeilten sich die Männer, den Anweisungen nachzukommen.
    Erst als sie sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatten, bemerkten sie, daß sich der Charakter der Landschaft mittlerweile grundlegend geändert hatte: Ihr Ziel, das Ravius-Massiv, lag unmittelbar vor ihnen.
    Obwohl der Gipfel kaum zwei Meilen hoch war, bot er einen imponierenden Anblick. Was im ersten Augenblick wie ein Schattenspiel am dunstverhangenen Horizont ausgesehen hatte, erwies sich bei näherer Betrachtung als ein mächtiges Vulkanmassiv, dessen Kraterränder im Schein der noch unsichtbaren Morgensonne goldfarben schimmerten.
    Die langgestreckten Hänge an seinen Flanken ließen zwar zunächst keine übermäßige Steigung erkennen, dennoch konnte sich keiner der Männer vorstellen, daß es möglich sein sollte, die Lastwagen auch nur in die Nähe des Kraters zu bringen.
    Darauf angesprochen, lächelten die Fahrer freundlich und murmelten etwas, das wie „mal sehen“ klang.
    Das Gelände wurde allmählich steiler und felsiger, dennoch verminderte der Konvoi seine Geschwindigkeit kaum. Manchmal waren die Fahrer gezwungen, Hindernissen auszuweichen - gewaltigen Findlingen, die die Hand eines Riesen aus dem Berg gebrochen und in die Tiefe geschleudert hatte - doch sie hielten Kurs.
    Die Turbinen liefen auf Hochtouren, und mit jeder Meile, mit der sich die Fahrzeuge ihrem Ziel näherten, verlor der Gipfel vor ihnen ein wenig an Größe und Bedrohlichkeit.
    „Wie lange noch?“
    Tom Bennett fuhr herum und warf einen erschrockenen Blick auf seinen Beifahrer. Der alte Mann hielt die Augen nach wie vor geschlossen, doch seine Stimme verriet keine Spur von Müdigkeit.
    Der Fahrer zog den Bordcomputer zu Rate, bevor er antwortete: „Etwa eine Stunde, wenn wir die Geschwindigkeit halten können.“
    „Spricht etwas dagegen?“
    „Eigentlich nicht. Aber die Passage durch den Ringwall könnte trotzdem zum Problem werden.“
    „Inwiefern?“
    „Weil Satellitenaufnahmen täuschen können, auch wenn sie relativ aktuell sind.“
    „Sie meinen, es gibt da oben möglicherweise gar keine Bresche?“
    „Nein, das meine ich nicht.“
    „Was meinen Sie dann? Erklären Sie es mir.“ Der alte Mann richtete sich auf und musterte den Jüngeren aufmerksam.
    „Das ist nicht so einfach, Mister, besonders gegenüber jemanden, der gerade erst angekommen ist.“
    „Versuchen Sie es trotzdem.“
    „Okay, aber Sie werden mich vermutlich auslachen ... Es ist nur so, daß wir um manche Orte einen Bogen machen. Wir halten uns von ihnen fern, ... weil sie ... nicht für uns bestimmt sind. Die Ravius-Region gehört aller Wahrscheinlichkeit nach nicht dazu, sonst hätten wir den Auftrag nicht angenommen. Aber genau werden wir das erst wissen, wenn wir oben sind. Die Passage durch die Bruchstelle ist der kritischste Ort, weil es keinen anderen Zugang zum Krater gibt - und da wollen Sie ja wohl hin ...“
    „Und was werden Sie tun, wenn Ihnen etwas an der Passage nicht gefällt?“
    „Umkehren, Mister, oder darauf warten, daß Sie jemanden finden, der den Job übernimmt.“
    „Auch wenn Sie Ärger bekommen?“
    „Auch dann.“ Die Antwort kam prompt und ließ keinerlei Zweifel zu.
    „Und woran erkennen Sie, wenn so ein Ort nicht für uns bestimmt ist?“
    Tom lächelte verlegen, doch er hielt dem forschenden Blick des alten Mannes stand.
    „Man spürt es ganz einfach“, erwiderte er dann achselzuckend. „Hier gibt es keine geheimnisvollen Lichterscheinungen oder Stimmen aus dem Jenseits, falls Sie so etwas meinen.“
    Das stimmte nicht ganz, aber sollte Tom dem Fremden vom Flüstern des Windes erzählen, dem Rauschen der Brandung längst ausgetrockneter Ozeane, dem Nachhall einer Musik, die vor Milliarden Jahren verstummt war? Der alte Mann würde ihn für einen Narren halten ...
    „Entschuldigen Sie, Tom. Ich darf Sie doch Tom nennen?“ Das Bedauern in der Stimme des Älteren klang echt.
    „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Mister Hopkin, und Tom ist schon okay.“
    „Gestern haben Sie mich gefragt, was ich auf Ravius Tholus vorhabe, und ich bin Ihnen die Antwort schuldig geblieben.“
    „Das war ihr gutes Recht, schließlich geht es mich auch nichts an.“
    „Mag sein“, murmelte der alte Mann, bevor er fortfuhr: „Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, etwas Wichtiges in Ihrem Leben versäumt zu haben?“
    Ein Schatten glitt über das Gesicht des Fahrers, bevor er sich zu einer Antwort zwang: „Ich denke schon, Mister. Da kommt wohl so einiges zusammen ...“
    „Nicht doch, Tom.“ Das Mißverständnis war Hopkin sichtlich peinlich. „Ich habe mich vielleicht nicht präzise genug ausgedrückt. Meine Frage bezog sich eher auf ein Ereignis, eine bestimmte Gelegenheit, die sie nur um eine Winzigkeit, ein paar Minuten oder einen Tag verpaßt haben.“
    „Nicht, daß ich wüßte“, erwiderte der Jüngere nach einigem Nachdenken. Dann hellte sich seine Miene plötzlich auf. „Sie meinen ... eine zweite Chance?“
    „So ähnlich“, bestätigte der alte Mann. „Es heißt, daß man sich im Alter wieder der Kindheit nähert. Eine vornehme Umschreibung für Senilität, wenn Sie mich fragen, aber dennoch nicht ganz falsch. Es gibt eine Menge Dinge, an die sich die Leute erinnern, wenn sie meinen Namen hören: Skandale, juristische Auseinandersetzungen, Frauen, Stars, die durch die Firma groß geworden sind ... Würden Sie mir glauben, daß ich das meiste davon längst vergessen habe?“
    „Warum nicht?“ erwiderte der Tom abwesend. Der Sattelschlepper passierte gerade einen Anstieg, der seine volle Aufmerksamkeit beanspruchte. Gequält heulten die Turbinen auf, wenn eines der Räder auf dem glatten Felsuntergrund durchdrehte und das Fahrzeug aus der Spur riß. Die Maschine verlor rasch an Geschwindigkeit und drohte, seitlich wegzurutschen. Rasch schaltete Tom auf Handsteuerung um und aktivierte den Hilfsantrieb. Knirschend fraßen sich die stählernen Raupenketten in das Gestein und schoben das schwere Fahrzeug im Schneckentempo bergan.
    „Okay“, murmelte Tom und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich glaube, das Gröbste haben wir hinter uns. - Sie wollten mir etwas über verpaßte Gelegenheiten erzählen.“
    „Worauf ich hinauswollte“, nahm der alte Mann den Gesprächsfaden wieder auf, „war, daß die meisten Dinge mit den Jahren an Bedeutung verlieren. Wenn jemand lange wie ich im Geschäft ist, dann beginnt er sich irgendwann zu langweilen. Und mit der Zeit verschwimmt alles in einer Art Nebel: Gesichter, Schlagzeilen, Preisverleihungen. Man weiß zwar, daß man irgendwie beteiligt war, empfindet aber nichts mehr dabei ...“
    „Es gibt sicher eine Menge Leute, die gern mit Ihnen tauschen würden“, wandte Tom ein.
    „Mag sein, ich beklage mich ja auch nicht. Es ist durchaus angenehm, wohlhabend zu sein, Nur kann das Geld die Jahre nicht zurückholen. Und erst recht nicht die Züge, die irgendwann ohne uns abgefahren sind.“ Ein trotziges Lächeln huschte über sein Gesicht, als er fortfuhr: „Es sei denn, man schafft die perfekte Illusion.“
    „Ein ziemlich teures Vergnügen“, murmelte der Jüngere und deutete nach hinten in Richtung Ladefläche. „Aber warum hier und nicht irgendwo auf der Erde?“
    Der alte Mann schwieg einige Sekunden, bevor er sich zu einer Antwort entschloß:
    „Weil ich allein sein möchte ... damit. Würden Sie gern ein Dutzend Reporter dabeihaben, wenn sie etwas tun, das im Grunde ziemlich albern ist? Und einen NSC-Helikopter über sich, der alles auf Video aufnimmt? Sie vergessen, daß sich die Vereinigten Staaten im Kriegszustand befinden. Ein Projekt dieser Größenordnung läßt sich nicht organisieren, ohne daß die Behörden und die Presse Wind davon bekommen.“
    „Wahrscheinlich nicht - wobei ich mir nicht sicher bin, ob so etwas überhaupt möglich ist: die perfekte Illusion.“
    „Morgen werde ich es wissen - Was ist los? Warum halten Sie?“
    Das Fahrzeug hatte das Steilstück eben hinter sich gelassen und die „Passage“ Erreicht - einen erstarrten Lavastrom, der wie eine breite, sanft geschwungene Straße zum Krater führte. Noch verbargen die Felswände das Kraterinnere, aber in einiger Entfernung konnte man bereits die Bresche erkennen, die die Lavamassen in den Ringwall gerissen hatten. Noch ein paar hundert Yards, und sie hatten ihr Ziel erreicht ...
    „Keine Sorge, Mister Hopkin, ich bin gleich wieder da.“
    Ein eisiger Luftschwall fegte in die Kabine, als Tom die Tür aufriß und hinauskletterte. Im Rückspiegel konnte Hopkin erkennen, daß die anderen Fahrern in ihren Kabinen blieben. Auch Tom entfernte sich nur ein paar Schritte vom Fahrzeug und verharrte dann reglos wie eine Statue, den Kopf lauschend zur Seite geneigt.
    Worauf wartete er? Was konnten er da draußen schon hören außer dem Rauschen des Windes?
    Der alte Mann wußte es nicht. Er erinnerte sich allerdings noch recht gut an das, was Tom über die Passage gesagt hatte, und war beunruhigt.
    Würden die Männer tatsächlich die Weiterfahrt verweigern, wenn sie zu der Auffassung kamen, mit der Bruchstelle stimme etwas nicht?
    Er konnte es nicht ausschließen ...
    Tom schien mittlerweile zu einem Ergebnis gekommen zu sein, denn er hatte seine starre Haltung aufgegeben und kehrte sichtlich entspannt zum Fahrzeug zurück.
    „Alles okay?“ erkundigte sich der alte Mann wie beiläufig, als der Fahrer wieder seinen Platz hinter dem Lenkrad eingenommen hatte.
    „Sieht so aus“, war die unbefriedigende Antwort, und auf eine Erklärung des seltsamen Zwischenspiels wartete Lewis Hopkin vergeblich.
    Ein paar Sekunden später erfüllte jedoch das beruhigende Summen der Turbinen wieder das Fahrerhaus, und der Transporter setzte sich sanft schaukelnd in Bewegung.
    Wer oder was auch immer da draußen mit Tom Benett gesprochen hatte, der Weg zum Krater war frei ...
    Die Fahrt zur Bruchstelle verlief problemlos. Allerdings wurde die Geduld der Männer, die darauf brannten, einen Blick in das Kraterinnere werfen zu können, auf eine harte Probe gestellt. Während im Osten die Sonne träge über dem Gipfel aufstieg, lag die Kluft in der Kraterwand nach wie vor in tiefem Schatten. Das Gegenlicht verstärkte die Kontraste so stark, daß sich die Bruchstelle kaum vom Dunkel der Felswände abhob.
    Als das Führungsfahrzeug in den Schatten der Schlucht eintauchte, verlor der alte Mann für Sekunden die Orientierung. Erst als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, vermochte er den schwachen Lichtschein wahrzunehmen, der von der anderen Seite in die Schlucht fiel.
    Noch einmal heulten die Turbinen auf, das Licht wurde heller und bald konnten die Männer Einzelheiten erkennen. Doch erst als sie Schlucht und Schattengrenze hinter sich gelassen hatten, offenbarte sich ihnen das grandiose Panorama des Ravius-Kraters - einer kreisförmigen Ebene von mehr als drei Meilen Durchmesser, die von einem gewaltigen Ringwall gesäumt wurde. Die Wände des Walles liefen am Fuß in einer sanften Steigung aus, so daß der Eindruck einer riesigen Arena entstand, einer Arena allerdings, die mehr als hundert Fußballfelder gewöhnlicher Größe aufnehmen konnte und Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Zuschauern.
    Lewis Hopkin hatte sich eingehend mit der Marsgeographie beschäftigt, bevor seine Wahl auf Ravius Tholus gefallen war. Er hatte Hunderte von Luftaufnahmen aus verschiedenen Höhen und Winkeln analysiert und zuletzt ein maßstabsgetreues Modell anfertigen lassen. Die Planung war überaus akribisch gewesen, und mehr als einmal hatte der alte Mann die am Projekt beteiligten Techniker durch seine Detailkenntnisse verblüfft.
    Aber nichts, absolut nichts von alldem hatte ihn auf diesen atemberaubenden Anblick vorbereiten können.
    Der alte Mann spürte einen dumpfen Druck in den Schläfen und den schnellen, schmerzhaften Schlag seines Herzens, das wie ein gefangenes Tier gegen die Gitterstäbe seiner Rippen anrannte. Einen Augenblick lang fürchtete er, ohnmächtig zu werden, bis es ihm gelang, langsamer und tiefer zu atmen und der Beklemmung Herr zu werden.
    Mittlerweile hatten auch die letzten Fahrzeuge des Konvois die Bruchstelle passiert und in Zweierreihen Aufstellung genommen. Die Transporter waren fast 15 Fuß hoch und etwa fünfmal so lang, doch in der gewaltigen Felsenschüssel des Kraters wirkten sie winzig und verloren wie Spielzeugautos in einer Baugrube.
    Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft auf dem Mars beschlichen den alten Mann Zweifel am Sinn des Unternehmens. Zweifel, die - das wußte niemand besser als er selbst - jeder objektiven Grundlage entbehrten. Bis jetzt war alles nach Plan abgelaufen. Wenn die Männer sich beim Abladen beeilten, konnten sie noch vor Einbruch der Dunkelheit mit der Montage beginnen. Es gab zudem keinerlei Anlaß, an der Leistungsfähigkeit der mitgebrachten Ausrüstung zu zweifeln: Die Technik war im Vorfeld exakt auf die Größe des zur Verfügung stehenden Areals abgestimmt worden ...
    Dennoch fühlte sich Lewis B. Hopkin unbehaglich. Sein Vorhaben erschien ihm plötzlich anmaßend und lächerlich, und das hatte nicht nur mit den gewaltigen Dimensionen der „Arena“ zu tun. Noch mehr bedrückte ihn die Vorstellung einer Landschaft, die seit Millionen von Jahren nichts anderes gesehen hatte als das Blinzeln der Sterne und das kalte Licht einer fernen, kraftlosen Sonne. Dieser Ort war sich selbst genug. Er träumte seine eigenen Träume und bedurfte der Menschen nicht ...
    Irgend etwas stimmt nicht mit mir, dachte der alte Mann verunsichert und schloß die Augen. Doch die Bilder, die er sich ins Gedächtnis rief, blieben blaß und verschwommen, beinahe unwirklich ...
    Was soll das? Seit wann läßt du dich so schnell einschüchtern? meldete sich sein Unternehmungsgeist zurück. Die Zurechtweisung war deutlich, und je länger Lewis B. Hopkin darüber nachdachte, desto lächerlicher und belangloser erschienen ihm seine Vorbehalte. Schließlich hatte sich nicht das geringste geändert ...
    Ich werde alt.
    Das war keine neue Erkenntnis, aber vielleicht hatte ihn die Fahrt doch stärker mitgenommen, als er sich eingestehen wollte. Ein wenig frische Luft würde ihm sicher guttun.
    „Ich möchte aussteigen“, wandte er sich an seinen Begleiter. „Spricht etwas dagegen?“
    „Nichts, außer, daß es draußen ziemlich kalt ist und daß sie zur Sicherheit eine Sauerstoffmaske mitnehmen sollten.“
    „Quatsch“, knurrte Hopkin und zog den Reißverschluß seines Overalls zu.
    Tom lächelte, als sich die Türen zischend öffneten, und der alte Mann mit entschlossener Miene aus der Kabine kletterte.
    „Warten Sie, ich komme mit!“ rief er dann, aber sein Passagier war schon auf dem Weg nach unten.
    Die Kälte war beißend, aber nicht unerträglich. Vor dem Ausstieg hatte Hopkin einen Blick auf die Außentemperaturanzeige geworfen: fünfzehn Grad unter Null. Sein Atem dampfte weiß. Er konnte spüren, wie die winzigen Wassertröpfchen auf seinen Wangen gefroren. Es war noch früh am Tag ...
    Als der alte Mann das untere Ende der Leiter erreicht hatte, tastete er den Boden vorsichtig mit den Zehenspitzen ab, bevor er sein Gewicht auf die Füße verlagerte. Der felsige Untergrund hätte auch nicht nachgegeben, wenn hinter ihm ein Elefant von der Ladefläche gesprungen wäre - eine Vorstellung, die sich aus unerfindlichen Gründen in Hopkins Bewußtsein festsetzte und ein Lächeln um seine Mundwinkel spielen ließ.
    Endlich spürte er wieder festen Boden unter den Füßen, konnte sich frei bewegen, gehen, wohin er wollte. Die erzwungene Untätigkeit während der langen Fahrt war bedrückend gewesen. Kein Wunder, daß er sich am Ende so unwohl gefühlt hatte ...
    Während er seine Lungen mit kühler Marsluft füllte, spürte der alte Mann, wie seine Zuversicht zurückkehrte. Die Abneigung, die er eben noch gegen diesen Ort empfunden hatte, schmolz dahin wie die Eiskristalle auf seinen Lippen.
    Jetzt, da er diesen Ort mit seinen Füßen in Besitz genommen hatte, verlor er jegliche Bedrohlichkeit. Was blieb, war der Krater eines längst erloschenen Vulkans, wie es sie auf den Mars zu Dutzenden gab, allerdings nicht mit einer so phantastischen Zufahrt.
    „Na, kommt schon, Leute!“ murmelte der alte Mann ungeduldig und lief mit raumgreifenden Schritten, die fast schon Sprünge waren, den hinteren Fahrzeugen entgegen. „Wird Zeit, daß ihr was für euer Geld tut.“
    Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal körperlich so wohl gefühlt hatte. Die geringe Schwerkraft lockte zu höheren Sprüngen, und es fiel ihm schwer, der Versuchung zu widerstehen. Unwillig verlangsamte er seine Schritte auf ein Maß, das der Würde seines Alters entsprach.
    Die Besatzungen der anderen Lastwagen hatten mittlerweile ebenfalls die Fahrerkabinen verlassen und standen in kleinen Gruppen zusammen.
    Ob sie wohl eine Rede erwarten? fragte sich Lewis Hopkin, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Erklärungen konnte er auch noch abgeben, wenn die Generatorstation und der Wohncontainer aufgebaut waren. Jetzt galt es, das Tageslicht auszunutzen und mit den Arbeiten zu beginnen ...
    Ein halbe Stunde später war der Ort von lärmender Geschäftigkeit erfüllt. Turbinen heulten auf, zischend senkten sich Ladeklappen herab. Aufzüge wurden ausgefahren und Paletten mit Maschinen und Ausrüstungsgegenständen entladen. Preßlufthämmer fraßen sich in das Gestein, während anderenorts bereits die Träger für den Tomahawk-IV-Reaktor montiert wurden. Schließlich wurde der tonnenschwere, mattschwarz schimmernde Koloß an Stahlseilen herabgelassen und glitt mit einem Knirschen in die vorbereiteten Halterungen. Noch schlief die Bestie in seinem Leib. Aber vielleicht schon morgen würde sie erwachen und mit ihrem Feuer all die wunderbaren Maschinen in Gang setzen, der er - Lewis B. Hopkin - mitgebracht hatte.
    Morgen, dachte der alte Mann erschauernd. Morgen werden sie für mich spielen. Und alles wird sein wie damals ...
    „Bist du sicher?“
    Erschrocken fuhr Hopkin herum, doch es war niemand in der Nähe. Die Männer, die in einiger Entfernung Kabelrollen abluden, hätten schon sehr laut rufen müssen, um den Lärm der Maschinen zu übertönen.
    Hatte er sich die halblaut geflüsterten Worte vielleicht nur eingebildet?
    Unwillig schüttelte er den Kopf. Nein - noch gehörte er nicht zu den Leuten, die Gedanken mit „Stimmen“ verwechselten. Er hatte etwas gehört, dessen war er sich sicher. Die Stimme hatte zweifelnd geklungen, beinahe besorgt ...
    Noch einmal blickte sich der alte Mann mißtrauisch um, dann zuckte er mit den Schultern und machte sich auf den Weg zur nächsten Besprechung. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, und sie hatten keine Zeit zu verlieren.
    Hopkins Männer arbeiteten ohne aufzublicken. The Rock hatte ihnen eine Prämie in Aussicht gestellt, falls die Montagearbeiten bis zum Abend abgeschlossen würden. Aber das war nicht der einzige Grund für ihre Eile. Die meisten von ihnen konnten es nicht erwarten, von hier wegzukommen. Sie waren Profis, und nachdem die ersten Masten aufgestellt waren, konnte ihnen nicht verborgen bleiben, welchem Zweck die Anlagen dienten.
    Der Boss plante eine Show.
    Doch was sollte das für eine Show werden - ohne Musiker und ohne Zuschauer? Eine Veranstaltung, die allem Anschein nach noch nicht einmal im Fernsehen übertragen wurde? Eine Show ohne Kameraleute, Reporter und Interviews? Der Schluß, der sich ihnen angesichts dieser Umstände aufdrängte, war eindeutig: Sie arbeiteten für einen Mann, der nicht mehr Herr seiner Sinne war ...
    Lewis B. Hopkin waren die Befindlichkeiten seiner Mitarbeiter weitgehend gleichgültig, solange sie seine Anweisungen befolgten. Er hatte nicht vor, sich vor ihnen zu rechtfertigen. Wenn die Arbeiten weiter so zügig vorangingen, würde er ihrer Dienste nicht mehr lange bedürfen.
    Als die Schatten länger wurden, und die Sonne hinter dem Ringwall versank, verstummte der Lärm der Baumaschinen allmählich. Die Masten mit den Projektoren säumten die Arena wie riesige stumme Wächter, der Generator war betriebsbereit und das Containergebäude bezugsfertig. Die Männer hatten sich ihre Schecks redlich verdient.
    Noch am Abend machten sich die meisten der angemieteten Fahrzeuge mit ihren Besatzungen auf den Rückweg. Zurück blieben nur fünf Menschen: zwei Techniker, O’Brian, der Chefingenieur, Tom Benett und Lewis B.Hopkin selbst.
    „Kann ich Sie etwas fragen, Sir?“ wandte sich Tom nach dem Abendessen an Hopkin.
    „Natürlich“, die Stimme des alten Mannes klang abwesend. Er war todmüde und gleichzeitig aufgeregt wie ein Schuljunge am Vorabend seines Geburtstags.
    Die Techniker waren bereits zu Bett gegangen; die beiden Männer standen am Fenster und starrten hinaus in die sternenglitzernde Nacht.
    „Was werden Sie tun, wenn die Sache hier ...“, Tom deutete hinaus in die Dunkelheit, - „vorbei ist? Zurück zur Erde fliegen?“
    „Ich weiß es nicht“, erwiderte der alte Mann zögernd. „Würden Sie mir glauben, daß ich darüber noch nicht einmal nachgedacht habe?“
    „Genau das hatte ich angenommen.“
    „Tatsächlich?“ Hopkin schien überrascht.
    „Mitunter sieht man die Dinge als Außenstehender um einiges klarer ... oft sogar klarer, als man sich eigentlich wünschte.“
    „Was meinen Sie damit?“ Der alte Mann hatte sich vom Fenster abgewandt und suchte den Blick des Jüngeren. Irgendwie habe ich sein Gesicht anders in Erinnerung, dachte er in plötzlichem Unbehagen, aber das macht vielleicht das schlechte Licht ...
    Ein paar Sekunden starrten sich die beiden Männer wortlos an, bevor Tom aussprach, was beide wußten:
    „Sie werden nicht zurückfliegen, Mister Hopkin. Ganz egal, wie es ausgeht ...“
    „Nein“, sagte der alte Mann und wunderte sich ein wenig, wie leicht ihm die Antwort von den Lippen ging.
    „Gute Nacht, Mister Hopkin.“
    „Gute Nacht, Tom.“
    ***
    In dieser Nacht schlief Lewis B. Hopkin zum ersten Mal seit langer Zeit tief und traumlos.
    Ganz gegen seine Gewohnheiten erschien er sogar einige Minuten zu spät zum Frühstück und verblüffte seine Mitarbeiter mit dem Eingeständnis, verschlafen zu haben. Die anschließende Besprechung verlief in entspannter Stimmung, und schon bald machten sich die Männer wieder an die Arbeit.
    Tom half den Technikern beim Transport der Boxen und dem Verlegen der Kabel, während O’Brian den Hauptgenerator startklar machte. Gespannt verfolgte Hopkin auf dem Kontrollschirm, wie die Loxitstäbe in die mit Schutzgas gefüllte Brennkammer geschoben wurden. Von unsichtbaren Feldern gesteuert, glitten sie wie schwerelos in das Zentrum des Reaktorraums. O’Brian hob grinsend den Daumen und deutete auf einen rot beleuchteten Druckknopf in der Mitte des Schaltpultes.
    „Beschickung und Sicherheitscheck abgeschlossen, Chef!“ verkündete der stämmige Ingenieur gut gelaunt, „Wenn Sie möchten, können wir loslegen.“
    Der alte Mann bedankte sich und betätigte den Startknopf.
    Ein Tonsignal bestätigte die Eingabe, während Hopkin mit klopfendem Herzen auf den Monitor starrte. Er hatte mit einer Stichflamme gerechnet, einem grellen Aufleuchten, doch nichts dergleichen geschah. Statt dessen stieg eine ölige Flüssigkeit in der Reaktorkammer auf, erreichte die Brennstäbe und füllte den Innenraum schließlich vollständig aus.
    Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen, eine Art Summen, träge an- und abschwellend, so tief, daß der Boden unter seinen Füßen zu vibrieren schien. Das Geräusch wurde lauter, die Pulsationen rascher, bis sie schließlich miteinander verschmolzen und ein gleichmäßig dumpfes Dröhnen, knapp oberhalb der Hörschwelle, den Schaltraum erfüllte.
    „Der Generator!“ rief ihm O’Brian grinsend zu und hob abermals den Daumen.
    Diese Iren sind allesamt Kindsköpfe, dachte der alte Mann und mußte unwillkürlich lächeln. Haben wohl sonst nicht viel zu lachen auf ihrer Insel ... Dann fiel ihm etwas ein, und seine gute Laune verflog.
    Nach der Mittagspause rief Hopkin die Männer zu einer letzten Besprechung zusammen. Mit einem Kopfnicken nahm er die Berichte der Techniker zu Kenntnis, überflog die Protokolle und Checklisten und ließ sich zuletzt in die Funktionen der zentralen Steuereinheit einweisen. Die fragenden Blicke der Männer waren ihm unangenehm. Er wußte, daß er ihnen eine Erklärung schuldig war, konnte sich aber nicht dazu durchringen.
    Der Aufbruch verlief in kühler, beinahe frostiger Atmosphäre.
    Der alte Mann vermied es, O’Brian in Augen zu sehen, als sie sich zum Abschied die Hände reichten.
    „Leben Sie wohl, Chef. Ich hoffe, bei Gott, daß Sie wissen, was Sie tun.“ Hopkin spürte den unterdrückten Groll in den Worten des Iren, doch es gab nichts, was er hätte sagen oder tun können. Er tröstete sich mit dem Gedanken, daß O’Brian in ein paar Monaten wieder in Kalifornien bei seiner Familie sein würde, ausgestattet mit einem kleinen Vermögen, das sie über die nächsten Jahre bringen würde.
    Und ich, wo werde ich sein?
    „Ihre Tasche, Mr. Hopkins“, riß ihn die Stimme des Fahrers aus seiner Erstarrung. Tom Benett war noch einmal ausgestiegen und reichte Hopkin den braunen Aktenkoffer, den er zur Sicherheit in der Kabine zurückgelassen hatte. Er enthielt nichts außer einer stoßsicheren Box mit CROMs, Kristallscheiben, auf denen die Daten des Projekts gespeichert waren. Ein halbes Dutzend Programmierer hatte länger als zwei Jahre daran gearbeitet ...
    „Danke, Tom“, Hopkin runzelte mißtrauisch die Stirn, „falls Sie wirklich Tom heißen.“
    Irgend etwas irritierte ihn an dem jungen Mann, der trotz seines bescheidenen Auftretens den Eindruck erweckte, als könne ihn nichts wirklich überraschen. Beinahe beschämt mußte sich der alte Mann eingestehen, daß er ihm Dinge anvertraut hatte, von denen nicht einmal seine engsten Mitarbeiter und Freunde etwas ahnten ...
    „Würde Ihnen ein anderer Name besser gefallen?“ Die Antwort des Jüngeren schien Hopkins Verdacht zu bestätigen. Aber es bestand keine Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden.
    „Nein, natürlich nicht. Entschuldigen Sie.“
    Für Sekunden begegneten sich die Blicke der beiden Männer, und plötzlich war sich Hopkin sicher, daß ihm der Fremde die ganze Zeit über etwas vorgespielt hatte. Der Mann, der sich Tom Benett nannte, hatte gewußt, was Lewis vorhatte, vom ersten Augenblick an ...
    „Ich wünschte, ich könnte dabeisein“, sagte Tom mit einem Lächeln und deutete auf die Projektoren, die die „Arena“ säumten. „Es wird sicher eine großartige Vorstellung.“
    „Nichts dagegen“, erwiderte der alte Mann augenzwinkernd, „wenn Sie es bis heute abend zum Flughafen und wieder zurück schaffen. Der Eintritt ist jedenfalls frei.“
    „Wirklich, Mr. Hopkin?“ Ein Windstoß wischte das Lächeln von Toms Gesicht und trug es davon. „Ist er das jemals?“
    Noch bevor der alte Mann antworten konnte, hatte er sich abgewandt und war auf dem Weg zu seinem Fahrzeug. Tom drehte sich auch nicht um, als er die Leiter zum Fahrerhaus erklommen und hinter dem Steuer Platz genommen hatte. Es schien, als hätte er es plötzlich sehr eilig.
    „Gute Fahrt!“ rief ihm Lewis B. Hopkin nach, dann heulten die Turbinen des stählernen Kolosses auf und übertönten jedes andere Geräusch.
    Der alte Mann kam sich plötzlich klein und hilflos vor.
    Die Hand zu einem halbherzigen Abschiedsgruß erhoben, beobachtete er, wie der Transporter Fahrt aufnahm, allmählich kleiner wurde und schließlich im Schatten der Bruchstelle verschwand. Erst als sich der aufgewirbelte Staub gesetzt hatte und das Motorengeräusch verklungen war, ließ er den Arm sinken.
    Er war allein.
    Eigentlich hätte er sich erleichtert fühlen müssen, schließlich hatte er es selbst so gewollt. Dennoch kam er sich vor wie ein kleiner Junge, den die Eltern allein auf dem Spielplatz zurückgelassen hatten: Spiel schön, wir holen dich nachher wieder ab.
    Der Blick des alten Mannes glitt über die Kette der Lichtmasten, die Lautsprechersäulen und das Generatorgebäude.
    Das war sein Spielplatz, der auf ihn wartete.
    Aber es würde niemand kommen, um ihn abzuholen, wenn das Spiel vorbei war oder keinen Spaß mehr machte.
    Oder doch ...?
    Lewis B. Hopkin schüttelte unwillig den Kopf. Grübeleien dieser Art verdarben ihm nur die Laune. Und heute war doch sein großer Tag, oder etwa nicht?
    Der alte Mann griff nach seinem Aktenkoffer und ging mit festen Schritten zurück zum Gebäude. In knapp drei Stunden würde die Vorstellung beginnen, und bis dahin war noch einiges zu tun ...
    ***
    Die Maschinen erwachten zum Leben.
    Magnetventile klickten und gaben Rohrleitungen frei. Düsen sprühten Aerosole in die Dämmerung, die aufstiegen und sich über dem Krater zu einer feinen Dunstschicht formierten. Schaltschätze krachten, und es wurde Sommer. Im unsichtbaren Feuer versteckter Laserbatterien erstrahlte der Himmel in leuchtendem Blau.
    Lautlos begannen die Speicherscheiben in den Vakuumkammern zu rotieren. Winzige Impulse wurden verstärkt, rasten mit Lichtgeschwindigkeit durch ein Labyrinth von Kabeln und brachten die Röhren der Projektoren zum Glühen.
    Blenden glitten summend zur Seite:
    Sssst - und der staubige Felsboden verwandelte sich in eine satt grüne Rasenfläche.
    Fffft - mächtige Roßkastanien und Eichen strecken ihre Kronen in den blauen Sommerhimmel.
    Tsszz- ein blitzender See entstand, Ruderboote glitten lautlos über die spiegelglatte Oberfläche.
    Weitere Projektoren wurden zugeschaltet, und plötzlich war der Rasen mit einem bunten Flickenteppich bedeckt: tausenden und abertausenden leicht bekleideter Menschen, die es sich auf Liegestühlen, Matratzen und Decken bequem gemacht hatten und wie gebannt in eine Richtung starrten. Dorthin, wo sich ein Panzerwagen wie ein urzeitliches Ungeheuer im Schrittempo seinen Weg in zu einer hölzernen Bühne bahnte, die im gleichen Augenblick aus dem Nichts entstanden war.
    Ein leises Knacken ertönte, das aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen schien: Die Verstärker waren bereit.
    Dann erwachte die Szene schlagartig zum Leben. Ein Flut von Geräuschen - Stimmen, Gelächter, Kindergeschrei und Lautsprecherdurchsagen - brach mit unwiderstehlicher Gewalt über die sommerliche Parklandschaft herein. Nicht wirklich laut nach irdischen Maßstäben, dennoch buchstäblich ohrenbetäubend angesichts der tiefen Stille, die den Ort bis zu diesem Zeitpunkt erfüllt hatte.
    Doch es gab niemanden, der die Veränderung bemerkte.
    Lewis B. Hopkin, der einzige Mensch im Umkreis von 1000 Meilen, lag im Bett und hatte sich die Decke über den Kopf gezogen.
    Er hatte Angst.
    Die Furcht des alten Mannes hatte nichts mit den äußeren Umständen zu tun. Er hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, daß er keine Hilfe zu erwarten hatte, wenn ihm hier etwas zustieß. Sehr viel Zeit blieb ihm ohnehin nicht mehr, das war ihm gestern klargeworden, als er beinahe das Bewußtsein verloren hätte. Sein Herzschlag hatte sich zwar mittlerweile wieder beruhigt, aber konnte spüren, daß sich etwas verändert hatte. Der Einheimische, der sich Tom Benett nannte, hatte gewußt, wie es um ihn stand: Sie werden nicht zurückfliegen, Mister Hopkin. Ganz egal, wie es ausgeht ...
    Die Einsamkeit machte ihm nichts aus, im Gegenteil. Wenn er allein war, konnte er tun oder lassen, was er wollte, mußte sich nicht verstellen. Längst war er es leid, seine Rolle als the Rock zu spielen, das unverwüstliches Relikt der Siebziger Jahre. Sie war zur Staffage geworden, zu einer Lüge, die nur deshalb unbemerkt geblieben war, weil sich kein Mnesch mehr für die naiven Ideale der frühen Jahre interessierte. Er hatte sie verloren, irgendwo auf dem Weg, und es nicht einmal bemerkt. Manchmal hatte er mit dem Gedanken gespielt, nach England zurückzukehren, doch es war nie etwas daraus geworden. Immer waren andere Dinge wichtiger gewesen, bis ihm der Krieg schließlich die Entscheidung abgenommen hatte. Heute bleichten auf den Straßen der Stadt, die damals Mittelpunkt seiner Welt gewesen war, die Knochen ihrer Bewohner ...
    Nein, nur nicht daran denken! Nicht heute.
    Der alte Mann sah auf das Leuchtzifferblatt seiner Uhr. Noch zehn Minuten, dann würde er diesen Raum verlassen und eine neue Welt betreten ... nein, keine neue, sondern ein wiedererstandene Welt, in der er, Lewis B. Hopkin, keinen Tag älter als fünfzehn Jahre sein würde.
    Und wenn nicht?
    Das war der Gedanke, den er am meisten fürchtete. Er durfte nicht zulassen, daß die Zweifel Macht über ihn gewannen. Nicht heute, wo es um alles oder nichts ging!
    Der alte Mann hatte sein gesamtes Vermögen in das Projekt investiert, aber die aufgewendete Zeit wog schwerer. Acht Monate seines Lebens hatte allein der Flug hierher verschlungen, von den Jahren der Vorbereitung ganz zu schweigen. Es war keine leichte Aufgabe, eine Welt zu erschaffen, auch wenn diese Welt nicht größer als ein paar Quadratmeilen war und nur für Stunden Bestand haben mußte. Er hatte diese Aufgabe auf sich genommen - eines Traumes wegen. Manchmal erschien es ihm, als hätte alles, was er bis dahin getan hatte, in gewisser Weise der Vorbereitung gedient, und vielleicht stimmte das sogar.
    Jetzt war er am Ziel.
    Wirklich?
    Gleich würde er es wissen, noch zwei Minuten ...
    Der alte Mann spürte, wie seine Hände zu zittern begannen. Schweiß drang ihm aus allen Poren und lief als klebriges Rinnsaal in seinen Nacken.
    Hastig schüttelte er die Decke ab und richtete sich auf. Gedämpftes Stimmengewirr drang an seine Ohren, gelegentlich übertönt von einzelnen Trommelschlägen.
    Vielleicht war Charlie schon auf der Bühne ...? Er mußte sich beeilen.
    Lewis sprang auf und verspürte ein leichtes, beinahe angenehmes Schwindelgefühl, das ihn einen Augenblick lang innehalten ließ. Auf dem Weg zur Tür registrierte er - zunächst nur unbewußt - daß sich etwas verändert hatte.
    Lag es wirklich nur an der geringen Schwerkraft, daß er sein Gewicht kaum noch spürte?
    Irgend etwas stimmte nicht. Sein Körper gehorchte ihm zwar, reagierte aber anders als gewohnt, irgendwie leichter, müheloser. Und er sah auch anders aus. Verwirrt starrte Lewis auf die glatte, braungebrannte Haut seiner Unterarme und fuhr ungläubig mit beiden Händen über sein Gesicht.
    Es war kein Zweifel möglich: Er war wieder jung!
    Er spürte die Veränderung in jeder Muskelfaser, jeder Nervenzelle und selbst in der Art seiner Wahrnehmung. Das Gefühl war unbeschreiblich. Eine Flut von Bildern, Geräuschen und Düften stürmte auf ihn ein, als er langsam, immer noch ein wenig ungläubig die Tür nach draußen öffnete.
    Einen Augenblick später war Lewis Teil der Menge. Die Hitze des Sommertages trieb ihm den Schweiß auf die Stirn, während er nach Sally und den anderen Ausschau hielt.
    Er wich einem Trupp Hell’s Angels aus, finster blickenden Vorstadttypen in schwarzen Lederanzügen, und lief in Richtung eines Hügels, von dem aus er sich eine besseren Überblick erhoffte.
    „Hey Lew! Brauchst du `ne Brille?“
    Beinahe wäre er über Sallys Picknickkorb gestolpert.
    War das wirklich Zufall?
    „Hallo Sally, hallo Leute.“ Der Junge spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht schoß. Er grinste verlegen und reichte Sally und ihren beiden Begleitern die Hand. Das andere Mädchen, Susan, kannte er vom Sehen; der Junge daneben schien ihr Freund zu sein.
    Vorsichtig ließ sich Lewis auf dem winzigen Flecken Decke nieder, den Sally für ihn freigehalten hatte. Es war eng, und so legte er seinen rechten Arm um die Schultern des Mädchens. Sally schien nichts dagegen zu haben, auch wenn er ihr den Ärger über seine Unpünktlichkeit immer noch ansah.
    „Ich kenne jemanden, der um eins am Denkmal sein wollte“, stellte das Mädchen fest, ohne die Stimme zu heben.
    „Tut mit leid“, stammelte Lewis verlegen, „hab den Zug verpaßt ...“
    Als er die Enttäuschung in Sallys Gesicht sah, korrigierte er sich: „Na ja, nicht direkt verpaßt. Es gab Ärger ...“
    „Ärger?“
    „Mmh, weil ich keine Fahrkarte hatte“, murmelte der Junge unglücklich.
    Jetzt war es heraus. Die drei mußten ihn für einen Trottel halten, weil er sich beim Schwarzfahren hatte erwischen lassen, aber es war nun einmal passiert.
    „Na klasse“, versetzte Sally und warf ihm einen strafenden Blick zu, der durch das kaum wahrnehmbares Zucken ihrer Mundwinkel Lügen gestraft wurde. „Und ich stehe mir zwei Stunden die Beine in den Bauch und verpasse King Crimson ...-
    „Tut mir leid“, wiederholte Lewis und zuckte zusammen, als das Mädchen plötzlich laut herausplatzte. Als sich ihre Blicke trafen, begriff Lewis, daß Sally längst nicht mehr wütend war, sondern die Situation genoß.
    „Tut mir leid!“ keuchte sie zwischen zwei Lachsalven. „aber ich hatte doch keine ... Fahrkarte!“
    Dabei imitierte das Mädchen seinen schuldbewußten Gesichtsausdruck so hinreißend, daß Lewis aus vollstem Herzen mitlachen mußte, bis auch ihm die Tränen kamen.
    „Ihr müßt ja einen Spaß haben“, bemerkte Susan, als ihnen schließlich die Luft ausging. „Sieht übrigens so aus, als würde es gleich losgehen.“
    Vorn auf der Bühne verlas ein schnauzbärtiger Mann gerade die Namen von verlorengegangenen Kindern, die ihre Eltern am Bootshaus erwarteten. Sam Cutlers von Wohlwollen getränkte Stimme - woher kannte er eigentlich den Namen des Mannes? - erinnerte an einen Hilfsgeistlichen und stand im grotesken Gegensatz zum martialischen Aufzug der Angels, die die Bühne mittlerweile von überzähligen Personen geräumt hatten.
    Hinter dem Banner des Veranstalters, Blackhill Enterprises, hing ein riesiges Farbphoto an der Bühnenrückwand. Es war Brian, der nie wieder auf einer Bühne stehen würde. Was von ihm übrig war, wartete in der Pathologie des Queen Victoria-Krankenhauses auf die Freigabe zur Bestattung ...
    „Ist dir nicht gut?“ Sallys Stimme riß den Jungen aus seinen Gedanken. Das Mädchen mußte ihm seine trüben Gedanken angesehen haben.
    „Ach was“, Lewis schüttelte den Kopf und lächelte verlegen.
    Wie schön sie ist, dachte er, als er Sallys Blick erwiderte. Ich will nicht, daß sie traurig ist.
    „Wirklich“, versicherte er. „Ich bin okay.“
    „Na gut, Schwarzfahrer“, das Mädchen entspannte sich und griff nach dem Picknickkorb. „Möchte jemand ein Bier?“
    Die Vorstellung war so verlockend, daß Lewis das Wasser im Mund zusammenlief. Es war brütend heiß. Die Sonne brannte unbarmherzig, und es wehte nicht das leiseste Lüftchen.
    „Wir haben Watney’s oder Watney’s“, grinste Sally und lüftete mit großer Geste das Tuch, das die Flaschen bedeckte. „Was möchtet ihr?“
    „Watney’s“, sagte der fremde Junge.
    „Watney’s“, bestätigte Susan.
    „Watney’s klingt gut“, stellte Lewis fest und griff nach der Flasche, die Sally ihm reichte.
    Das Bier war lauwarm, aber es linderte das Brennen in seiner Kehle, und so trank der Junge mit tiefen Zügen, bis nur noch Schaum übrig war. Fast augenblicklich fühlte er sich besser, seine Unruhe verging und wich einem Gefühl trägen Wohlbehagens. Die Gemurmel der Menge verschwamm in einem dumpfen Rauschen - nah und zugleich unwirklich fern. Lewis lehnte sich zurück und schloß die Augen.
    „He, es geht los!“
    Erschrocken fuhr der Junge auf. Sally grinste und deutete in Richtung Bühne. Im gleichen Augenblick ging das Murmeln der Menge in einen Beifallssturm über, und eine weiß gekleidete Gestalt trat ans Mikrofon.
    Die vor ihnen Sitzenden sprangen auf und versperrten ihnen die Sicht. Rasch waren Sally und Lewis auf den Beinen, Teil einer Bewegung, die sich wie eine Woge von der Bühne in Richtung Park Lane und darüber hinweg ausbreitete.
    „A-awright!“ rief der Weißgekleidete in die Menge, ohne sich mehr als nur kurzfristig Gehör verschaffen zu können. Es war natürlich Mick, auch wenn er in seinem langen Rüschenhemd wie ein etwas zu groß geratenes Schulmädchen aussah.
    Er vermasselt es, dachte Lewis, während die Begeisterungsrufe der Menge zur Bühne zurückfluteten und Micks Bitte um einen Augenblick Ruhe beinahe übertönten.
    „Hört mal zu ... nur einen Moment. Ich möchte wirklich gern etwas zu Brian sagen ...“ Aus unerfindlichen Gründen hielt Charlie Watts den Augenblick für geeignet, ein paar Trommeln seines Schlagzeuges auszuprobieren. Beifall und Geschrei schwollen an, und Micks Bitte um Aufmerksamkeit ging im allgemeinen Lärm beinahe unter.
    „Okay!“ rief er nun lauter und fast schon ein wenig erbost. „Wollt ihr nun zuhören oder nicht?“
    Fast augenblicklich wurde es still. So still, daß die wenigen Zwischenrufer vor dem Klang ihrer eigenen Stimmen erschraken und verstummten.
    Wie ein Kind, das ein Geschenk hinter seinem Rücken versteckt hat, zog Mick ein Buch hervor, warf sein Haar mit einer seltsam anmutigen Geste zurück und begann vorzulesen:


    Peace, peace! He is not dead, he doth not sleep -
    He has awakened from the dream of life -
    'Tis we, who lost in stormy visions, keep
    With phantoms an unprofitable strife ...


    Trotz der drückenden Hitze spürte der Junge, wie ihm eine Gänsehaut über dem Rücken lief.


    ... And in mad trance, strike with our spirit's knife
    Invulnerable nothings.- We decay
    Like corpses in a charnel; fear and grief
    Convulse us and consume us day by day,
    And cold hopes swarm like worms within our living clay.


    Jaggers Stimme, von einem Dutzend Bühnenverstärker zu machtvoller Lautstärke erhoben, war fern von jeder Künstlichkeit und klang so unerwartet aufrichtig, daß es Lewis die Tränen in die Augen trieb. Es war nicht nur Trauer, die den Jungen bewegte, sondern die Erkenntnis, daß die Totenfeier für Brian hier und heute stattfand - auf die einzig mögliche Art ...
    Ein kleine Pause entstand, als Mick eine andere Seite des Buches aufschlug und schließlich weiterlas:


    The One remains, the many changes and pass;
    Heaven's light forever shines, Earth's shawdows fly;
    Life, like a dome of many-coloured glass,
    Stains the white radiance of Eternity,
    Until Death tramples it to fragments.- Die,
    If thou wouldst be that which thou dost seek!

    Als die letzten Worte im betroffenem Schweigen der Menge verhallt waren, traten Männer aus dem Schatten des Bühnenhintergrundes, die niemand vorher bemerkt hatte. Sie schwenkten braune Kartons und schüttelten etwas heraus, das aus der Entfernung wie weißes Konfetti aussah. Aber es war kein Konfetti, denn ein Teil der weißen Wolke erhob sich aus eigener Kraft über die Köpfe der Zuschauer und bald war die Luft über dem dichtbevölkerten Rasen mit weißen Schmetterlingen übersät.
    Der Junge stand schweigend und wischte sich mit einer verstohlenen Bewegung die Tränen aus den Augen. Seine Knie zitterten, und er war froh, daß ihm Sallys Nähe Halt gab. Er spürte die Wärme ihres Körpers und ertappte sich bei dem Gedanken, ob sie wohl miteinander schlafen würden, heute abend, wenn das Konzert vorbei war ...
    Als die Musik einsetzte, fiel die Anspannung von ihm ab. Sein Körper nahm den Rhythmus auf, und bald bewegte er sich wie in Trance, ohne die einzelnen Titel überhaupt noch bewußt wahrzunehmen. Der Geruch von frisch gemähtem Gras verband sich mit Aroma von Tabakrauch und Patschuliöl zu einem betäubenden Gemisch, und obwohl Lewis nur ein einziges Bier getrunken hatte, spürte er, wie ihm ein wenig schwindlig wurde. Die Empfindung war keineswegs unangenehm, im Gegenteil: Er fühlte sich großartig.
    „Bist du noch böse?“ flüsterte Lewis dem Mädchen ins Ohr, obwohl er die Antwort zu kennen glaubte. Sally antwortete nicht, sondern zog ihn einfach an sich. Ihre Lippen fanden sich wie von selbst, und so standen sie eng aneinander geschmiegt wie auf einer Insel im Meer aus Körpern, Gesichtern und stampfenden Rhythmen.
    Halt mich fest, dachte der Junge, als die Musik und der Lärm der Menge plötzlich verstummten und das Schwindelgefühl übermächtig wurde. Er war müde, sehr müde, und so flößte ihm die aufsteigende Dunkelheit keinerlei Furcht ein. Lewis B. Hopkin hatte einen langen Weg hinter sich, doch jetzt war er angekommen. Endlich ...


    ***


    Wenn es Nacht wird, liegt ein blaues Leuchten über dem Gipfel des Ravius-Massivs hoch über den Geröllfeldern des Vorgebirges. Niemand nimmt davon Notiz, die nächste Siedlung ist mehr als fünfhundert Meilen entfernt.
    Noch immer rotieren die Kristallscheiben in den Vakuumkammern, der Generator summt, und aus den Boxen dröhnt laute Musik, deren Echo gespenstisch von den Kraterwänden widerhallt.
    Eine weiß gekleidete Gestalt tanzt wie ein Derwisch über die Bühne, angefeuert von einer bunt gekleideten Menge, die sich zuckend im Rhythmus der Trommeln bewegt.
    Der alte Mann sitzt im Schatten. Seine Haut ist dünn und vertrocknet wie welkes Laub. Der Wind spielt in seinem weißen Haar, das im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden ist. In den gefrorenen Pupillen des Toten spiegelt sich das Blau des Himmels.
    Der alte Mann bewegt sich nicht, ebensowenig wie jüngere, der das Geschehen regungslos von seinem Ehrenplatz an der Hinterwand der Bühne aus beobachtet. Beide lächeln, der eine selbstbewußt und ein wenig spöttisch, der andere einfach nur glücklich. Die beiden Männer sehen sich ähnlich, trotz ihres unterschiedlichen Alters, doch davon nimmt niemand Notiz. Die nächste Siedlung ist mehr als fünfhundert Meilen entfernt ...


    © 2002 by Frank W. Haubold

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    Angry AW: Die weißen Schmetterlinge

    Keiner versteht mich, ich hab's gewußt.

    K.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Red face AW: Die weißen Schmetterlinge

    Gott, was bist du ungeduldig! Lass mich doch deinen Text erst einmal lesen.
    Wenn ich schon heulen würde, wenn es ein paar Stunden dauert, bis sich jemand zu einer Antwort auf meine literarischen Ergüsse befleißigt, hätte ich mich in den letzten Wochen schon umgebracht.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die weißen Schmetterlinge

    Hast recht, aber das Zeichen hatte schon seine Berechtigung.

    Ich neige ja auch nicht dazu, mir längere Geschichten auf dem Bildschirm zu Gemüte zu führen und kurzfristig Kommentare dazu abzugeben.

    Gruß


    K.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Die weißen Schmetterlinge

    Lieber Kassandra,
    Deine Geschichte habe ich gelesen.
    Mein Eindruck ist zweigeteilt. Zum einen gefällt mir die Geschichte, weil ich das Motiv dieses Sterbens der Ruhe und Aufgelöstheit in einer Vergangenheit gerne lese. Einen Traum suchen, finden und dann sterben, das ist die eine Seite, die Du beschreibst. Beim Wort "beschreiben" bin ich aber schon bei der anderen Seite. Die geballte Traumenergie in Holodeck-Manier auf dem Mars anzusiedeln ist sicherlich ein Recht, wenn eine Geschichte in SF-Manier daherkommt. Dein Leser kennt das aber schon? SF ist nur Mittel zu Deinem Zweck, Transportmittel Deiner Botschaft. Ist es stimmig genug hier? Wann tritt der Mars in den Vordergrund, welche Rolle spielt er dabei? Muss es auf dem Mars sein? Welche Rolle spielt die Andeutung, auf der Erde herrsche Krieg? Was ist das Geheimnsivolle an Tom? Es ließen sich noch weitere Neben-neben-Handlungsfäden und Andeutungen aufzählen. Lenken sie oder lenken sie ab? Wie steuert der Erzähler auf Hopkins Ende zu? Ab wann kann man es sich denken? Ganz entfernt erinnert es mich an Edward G. Robinson in Soylent Green.
    Auf jeden Fall war ich nach dem Lesen nicht frustriert, eher das Gegenteil, eine melancholischen Unterhaltung hatte stattgefunden. Ein Nachgeschmack bleibt: Ein mit bombastischem Aufwand betriebener Epitaph auf eine Liebe und ein Tod in Schönheit an einem mystischen Ort - subjektiv gesehen.


    herzlichst uis

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die weißen Schmetterlinge

    Hallo uis,


    danke für Deine freundliche und über weite Strecken auch zutreffende Einschätzung.


    "bombastischer Aufwand" ist leider richtig, ich schrieb ja bereits, daß ich seit Juni an der Geschichte arbeite. Ein Autor, der in vier Monaten nur knapp dreißig Normseiten zustande bringt, sollte wohl keinen Roman ins Auge fassen ...


    Richtig ist auch, daß der Mars als Handlungsort aus dieser einen Story heraus nicht unbedingt zwangsläufig ist.


    "Die weißen Schmetterlinge" ist allerdings als Teil eines Mars-Zyklus' ("Martin Lundgrens Traum") konzipiert, der mich schon seit Jahren beschäftigt. Das Vorbild (Bradburys Mars-Chroniken) ist sicherlich bekannt, und der alte Herr hat sehr freundlich auf meine diesbezüglichen Intentionen reagiert (wahrscheinlich nimmt er an, daß ich es ohnehin nicht hinbekommen).


    Im Grunde ist der Mars auch nur Mittel zum Zweck, denn wie schon beim Vorbild handeln die Geschichten von sehr irdischen Problemen, Neurosen und Psychosen, und die Einsamkeit des Nachbarplaneten dient nur der romantischen Verklärung.


    Ich bin in das Projekt vernarrt, weil ich eigentlich nie etwas anderes machen wollte, und jetzt bin ich erstmal sehr froh, daß diese Story "im Kasten" ist.


    Danke noch einmal fürs Lesen!


    Herzliche Grüße


    K.


    Frank Haubold .

  7. #7
    rodbertus
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    AW: Die weißen Schmetterlinge

    Das ist hübesch, Kassandra. Freut mich, daß Du nach längerer Zeit einmal wieder von Dir hören läßt. Ich habe bei Dir auch den Eindruck, daß Du es ernst meinst. Textarbeit folgt.

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die weißen Schmetterlinge

    Hallo Robert,

    hier also sind sie abgeblieben, die Schmetterlinge. Ich wollte sie eigentlich rauswerfen, da ich in den letzten drei Tagen schon noch einige Mängel und Nachlässigkeiten gefunden und korrigiert habe.

    Fehlerfrei wird natürlich auch die neue Version nicht sein, so daß ich mir beinahe sicher bin, daß Du einiges zu bemängeln hast.

    Daß die Shelley-Verse mittlerweile recht abgegriffen sind, ist mir schon klar, ich selbst finde sie auch nicht so toll, aber ein wenig Authentizität mußte an dieser Stelle sein.

    So harre ich also gespannt Deiner Anmerkungen.

    Gruß


    K.

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die weißen Schmetterlinge

    Da schmeicheln wir uns aber, meine Liebe! Nur zu! Ab und an mag ich Streicheleinheiten. (Wenn nur meine Rike wieder bei mir wär!) Zu Deinem Text, erste Versuchung. Wie immer arbeite ich die Orthographie- und Setzfehler gleich raus:
    erstellt von Kassandra: Die weißen Schmetterlinge
    Old Man's Dream


    Die Rakete sank
    [/b]sicher? Raketen sinken eigentlich nicht
    herab aus dem All.
    Noch vor Minuten war sie ein winziger Lichtpunkt am Himmel gewesen, Stern unter Sternen. Jetzt glänzte ihr mächtiger Rumpf im Schein der Bremstriebwerke, während sie in einer eleganten Kurve heranschwebte und scheinbar bewegungslos über dem vorgegebenen Landeareal verharrte.
    Langsam sank
    Nein. Okay, ich habe begriffen, daß sich Dein Raumgefährt nicht seinem "Naturell" gemäß bewegt, scheinbar SCHWEBT und SINKT. Meinetwegen soll sie das tun. Empfehle eine klare Abreiße des Verbumfelds. SCHWEBEN SINKEN VERHARREN dazu noch SCHEINBAR ist zu diffus. Weniger ist hier mehr. Schweben und Sinken sind zweierlei.
    die weiße Flammensäule, die das Raumschiff trug, in sich zusammen. Die Spitze der Rakete begann leicht zu zittern.
    Du weißt, daß diese BEGANN ZU-Konstruktionen minderer Qualität sein müssen.
    Die Männer im Tower beobachteten das Manöver mit angehaltenem Atem. In dieser Phase konnte jede Sturmböe, die geringste Unaufmerksamkeit des Piloten das fragile Gleichgewicht der Kräfte stören und das Schiff zur Seite ausbrechen lassen...
    wozu hier das Komma? drei Gründe wären auch besser fürs Gleichgewichtsempfinden des Lesers
    Doch die Katastrophe blieb aus. Erst als das Frachtschiff endlich die Landestützen ausgefahren hatte und das Feuer der Hecktriebwerke erloschen war, fand Perkins, der Cheflotse, die Sprache wieder.
    "Saubere Arbeit, Edison", knurrte er in das Mikrophon seiner Sprechgarnitur. "Punktlandung. Das nächste Mal machen Sie es hoffentlich weniger spannend. Over and out.!
    Perkins nahm die Kopfhörer ab und lehnte sich auf aufatmend zurück. "Teufelskerl, dieser Edison", sagte er mehr zu sich selbst als zu dem kleinen Mann neben ihm, der halblaut Anweisungen an das Bodenpersonal durchgab.
    Sein Assistent nickte zustimmend. Es kam nicht häufig vor, daß ein Schiff der 1000-Tonnen-Klasse eine Landung riskierte. Die Frachter der Marsgesellschaft blieben normalerweise im Orbit, bis ihre Ladung gelöscht und auf Shuttleführen umgeladen worden war.
    Die letzten Sätze dehnen den text, ohne daß da expositionell Wichtiges mitgeteilt würde. Für den Spannungsaufbau ist das schädlich.
    Die "Eternity" gehörte einer Chartergesellschaft und war mit einer Sondergenehmigung gelandet. Über Passagiere und Fracht ging merkwürdigerweise nichts aus den Unterlagen hervor...
    Das mußt Du jetzt mitteilen? Wozu? Welches Motiv? Bleibt vage, löst sich aber vielleicht noch.

    Für eine Exposition ist dieser Anfang nicht gelungen. Aber ich weiß nicht, inwiefern die Geschichte Bestandteil eines Zyklus ist, der Leser also die wichtigsten Protagonisten schon kennt, die Verfahren kennt, in denen sich Handlung bewegen muß und dergleichen mehr. Stünde die Geschichte aber für sich, wäre dies kein guter Anfang.

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die weißen Schmetterlinge

    Da schmeicheln wir uns aber, meine Liebe! Nur zu! Ab und an mag ich Streicheleinheiten. (Wenn nur meine Rike wieder bei mir wär!)

    Ich schmeichle? Da wirst Du nicht viele finden, die das bestätigen ...


    --------------------------------------------------------------------------------
    erstellt von Kassandra: Die weißen Schmetterlinge
    Old Man's Dream
    Die Rakete sank


    --------------------------------------------------------------------------------

    sicher? Raketen sinken eigentlich nicht

    Sorry, der Einstiegssatz ist ein Insider-Zitat: April 2000: Die dritte Expidition - Das Schiff sank herab aus dem All ...


    Zitat:
    --------------------------------------------------------------------------------
    herab aus dem All.
    Noch vor Minuten war sie ein winziger Lichtpunkt am Himmel gewesen, Stern unter Sternen. Jetzt glänzte ihr mächtiger Rumpf im Schein der Bremstriebwerke, während sie in einer eleganten Kurve heranschwebte und scheinbar bewegungslos über dem vorgegebenen Landeareal verharrte.
    Langsam sank
    --------------------------------------------------------------------------------

    Nein. Okay, ich habe begriffen, daß sich Dein Raumgefährt nicht seinem "Naturell" gemäß bewegt, scheinbar SCHWEBT und SINKT. Meinetwegen soll sie das tun. Empfehle eine klare Abreiße des Verbumfelds. SCHWEBEN SINKEN VERHARREN dazu noch SCHEINBAR ist zu diffus. Weniger ist hier mehr. Schweben und Sinken sind zweierlei.

    Darüber muß ich erst nachdenken, ich war eher der Meinung, daß sich diese Bewegungsarten nicht konkurrierend gegenüberstehen.
    Zitat:
    --------------------------------------------------------------------------------
    die weiße Flammensäule, die das Raumschiff trug, in sich zusammen. Die Spitze der Rakete begann leicht zu zittern.
    --------------------------------------------------------------------------------

    Du weißt, daß diese BEGANN ZU-Konstruktionen minderer Qualität sein müssen.

    Was wäre die Alternative? "Die Spitze der Rakete zitterte leicht?" Ist das wirklich besser?
    Zitat:
    --------------------------------------------------------------------------------
    Die Männer im Tower beobachteten das Manöver mit angehaltenem Atem. In dieser Phase konnte jede Sturmböe, die geringste Unaufmerksamkeit des Piloten das fragile Gleichgewicht der Kräfte stören und das Schiff zur Seite ausbrechen lassen...
    --------------------------------------------------------------------------------

    wozu hier das Komma? drei Gründe wären auch besser fürs Gleichgewichtsempfinden des Lesers

    Ersetze das Komma durch ein "oder", und Du wirst feststellen, daß es grauslich klingt. Ein dritter Grund will mir zudem nicht einfallen ...
    Zitat:
    --------------------------------------------------------------------------------

    Doch die Katastrophe blieb aus. Erst als das Frachtschiff endlich die Landestützen ausgefahren hatte und das Feuer der Hecktriebwerke erloschen war, fand Perkins, der Cheflotse, die Sprache wieder.
    "Saubere Arbeit, Edison", knurrte er in das Mikrophon seiner Sprechgarnitur. "Punktlandung. Das nächste Mal machen Sie es hoffentlich weniger spannend. Over and out."
    Perkins nahm die Kopfhörer ab und lehnte sich auf aufatmend zurück. "Teufelskerl, dieser Edison", sagte er mehr zu sich selbst als zu dem kleinen Mann neben ihm, der halblaut Anweisungen an das Bodenpersonal durchgab.
    Sein Assistent nickte zustimmend. Es kam nicht häufig vor, daß ein Schiff der 1000-Tonnen-Klasse eine Landung riskierte. Die Frachter der Marsgesellschaft blieben normalerweise im Orbit, bis ihre Ladung gelöscht und auf Shuttleführen umgeladen worden war.
    --------------------------------------------------------------------------------

    Die letzten Sätze dehnen den text, ohne daß da expositionell Wichtiges mitgeteilt würde. Für den Spannungsaufbau ist das schädlich.

    Das kann man durchaus so sehen, aber irgendeinen Grund braucht der Asistent für sein zustimmendes Nicken. Schließlich wird der gute Mann noch für den nachfolgenden Dialog gebraucht ...

    Zitat:
    --------------------------------------------------------------------------------
    Die "Eternity" gehörte einer Chartergesellschaft und war mit einer Sondergenehmigung gelandet. Über Passagiere und Fracht ging merkwürdigerweise nichts aus den Unterlagen hervor...
    --------------------------------------------------------------------------------

    Das mußt Du jetzt mitteilen? Wozu? Welches Motiv? Bleibt vage, löst sich aber vielleicht noch.

    Hier gebe ich Dir recht, den letzten Satz kann man weglassen, zumal er auch inhaltlich nicht 100%ig stimmt.

    Vor den ersten Satz habe ich in der korrigierten Version ein "aber" eingefügt, um den Unterschied zu den Schiffen der Marsgesllschaft zu betonen.

    Dennoch - ein sehr moderater Einstieg für einen passionierten Textzerpflücker. Die richtig schwierigen Stellen kommen allerdings auch noch ...

    Gruß
    K.

  11. #11
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    AW: Die weißen Schmetterlinge

    "Die müssen Geld wie Heu haben, wenn sie sich Edison leisten können", murmelte Perkins nachdenklich. "Legends - wenn ich nur wüßte, wo ich den Namen schon mal gehört habe."
    "Legends Media?" erkundigte sich der kleine Mann überrascht. "Sie meinen, das Schiff gehört dem alten Hopkin?"
    "Wem?" erkundigte sich der Lotse stirnrunzelnd.
    "Lewis Hopkin, the Rock - eine ganz große Nummer im Showgeschäft, besitzt ein Dutzend Plattenfirmen und handelt mit allem, was Lärm macht..."
    "Ach, den Hopkin meinen Sie", versetzte Perkins gleichmütig, "müßte der nicht inzwischen auf die Hundert zugehen? Der fliegt bestimmt nicht mehr zum Mars."
    "Das glaube ich allerdings auch, Sir", lächelte der kleine Mann und wandte sich wieder seinem Terminal zu.


    ***


    Mit 98 Jahren ging Lewis B. Hopkin in der Tat "auf die Hundert zu", aber die beiden Angestellten irrten sich dennoch. Denn der alte Mann hatte das Unternehmen nicht nur finanziert, sondern befand sich auch in eigener Person an Bord der "Eternity". Allerdings hatte er sich für die Zeitdauer des Fluges in Tiefschlaf versetzen lassen, um der Langeweile der Überfahrt zu entgehen.
    überflüssige Erklärung, wenn Du sie nicht wieder aufnimmst; überhaupt: erklär nicht so viel, gib der Phantasie Deines Lesers mehr Stoff zum nachdenken; das Geschnatter der Lotsen ist allerdings glaubhaft
    Beflissen summende Maschinen hatten ihn mit Sauerstoff und Nahrungskonzentraten versorgt, während winzige, käfergleiche Stimulatoren seine Muskeln und Nerven in Spannung hielten.
    Das nun bitte etwas genauer. Wie funktioniert das?
    Jeder Herzschlag des prominenten Passagiers war aufgezeichnet worden, jede Schwankung seines Blutdrucks, sogar die Menge der ausgeschiedenen Flüssigkeit. Anlaß zur Sorge hatte allerdings zu keinem Zeitpunkt bestanden.
    Das ist nicht genau. Wozu Sorge? Wer sorgt sich? Die Maschinen? Ein Angehöriger? Ein gieriger Nachfolger? Auch ein Nachreichen kann Dich hier nicht retten, es bleibt ungenau und steht eben so rum, zusammenhanglos.
    Nach Auffassung der Maschinen war Lewis B. Hopkin kerngesund.
    Im Augenblick war der Bordarzt damit beschäftigt, seinen Patienten
    Hier beißt sich etwas. Haben die Maschinen Auffassungen? Oder entscheidet doch der Bordarzt? Wenn Du hier die Allmacht von Maschinen sarkastisch konnotierst, dann besser vorbereiten.
    so rücksichtsvoll wie möglich mit der Notwendigkeit eigenen Atmens vertraut zu machen. Das Vorhaben gelang, hatte aber zur Folge, daß sich der alte Mann nach einem heftigen Hustenanfall die Beatmungsmaske herunterriß und den Mediziner mit heiserer, aber durchaus verständlicher Stimme anwies, sich davonzuscheren.
    "Darüber reden wir noch", knurrte Lewis gereizt, als der Arzt keine Anstalten machte, seinem Befehl nachzukommen, ließ sich dann aber doch von ihm aufhelfen und in seine Kabine bringen.
    Das geht hier alles munter drunter und drüber. Du springst zwischen den Erzählsträngen, ein Thema ist hier immer noch nicht erkennbar: Ist es der alte Mann und die lange Reise, die Macht der Maschinen, die Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben, Abenteuerliches auf Reisen im Raum der Zukunft... Was steht im Zentrum Deines Interesses?

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die weißen Schmetterlinge

    Hallo Robert,

    Was Deine Anmerkungen anbetrifft: Was willst Du hören? Was im Zentrum meines Interesses steht? Wenn ich das erklären muß, dann taugt entweder die Geschichte nichts oder der Leser hat etwas nicht mitbekommen. Ich weiß nicht, was in diesem Fall zutrifft. Im übrigen geht es mit weniger um eine Botschaft (Welche sollte das auch sein: Aber der Mensch ist gut, Alles ist vergänglich, Das Abendland ist dem Untergang geweiht, Jeder ist allein ...?) als vielmehr um die Atmosphäre, die das Interesse und die emotionale Beteiligung des Lesers wecken soll.
    Sollte dies nicht gelungen sein, kann ich es auch nicht ändern. Mir gefällt die Geschichte (mit den Änderungen, die ich noch vorgenommen habe), und das ist - bei allem Respekt vor meinen Mitmenschen - das für mich einzig Wesentliche, was nicht bedeutet, daß ich für den ein oder anderen Literaurpreis nicht dankbar wäre.

    Nachdenkliche Grüße


    K.

  13. #13
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    Post AW: Die weißen Schmetterlinge

    Hier bringst Du Dein Schreiben in ein völlig neues Licht, ein dunkles, um es als Oxymoron zu formulieren, ein Dunkellicht. Ist das der Traum des altgewordnen Schmetterlings, dem die Kräfte schwanden, von Blüte zu Blüte zu fliegen?
    Kassandra, Du gibst ja auf?! Ich bin entsetzt. Und hätte es gar nicht bemerkt, wenn ich in meinem nämlichen Trott fortgefahren wäre. Nun aber, da ich mir mehr Zeit und Obacht für die einzelnen Beiträge nehme, da les ich doch
    Mir gefällt die Geschichte (mit den Änderungen, die ich noch vorgenommen habe), und das ist - bei allem Respekt vor meinen Mitmenschen - das für mich einzig Wesentliche...
    , und ich bin darüber schon verwundert. Ich möchte Dir hier aus meiner Poetik ein paar Worte ins Stammbuch schreiben. Deine Meinung dazu würde mich - weil ich doch hier spüre, daß Du aus einer ganz anderen Schreibmotivation heraus agierst - sehr interessieren, denn bei allem Widerspruch und Streit, den wir beide miteinander unser nennen, so könnten, ich betone, KÖNNTEN wir doch vielleicht eine Möglichkeit finden, nicht alle Türen zuzuschlagen, weil eben der andere nicht so will wie man selbst es möchte. Okay?


    Hier die Passage aus meinem Manifest (ohne Fußnoten):


    Freiheit und Würde


    Freiheit ist ein Gefühl des Augenblicks, wenn die Welt überwunden scheint. Doch wie sollte der menschliche Körper mit all seinen Forderungen nach Lustbefriedigung, mit all seinen im Alter zunehmenden Leiden Freiheit verlangen können? Er kann es nicht. Freiheit liegt nicht im Physischen. Freiheit ist ein Begriff der Seele, die aber ohne Geist, ohne Sprache nicht dorthin findet, wo keine Last sie drückt und Zeit begrüßt werden kann.
    Unsere Poetik ist eine des Weges, keine des Zieles. Das Ziel, die Bewußtwerdung der Freiheit aus der Aufnahme der Sprache, wird sie selten zuwege bringen. Freiheit verstehen wir nicht in einem politischen Sinne, diese fällt ab, ist sekundär. Wenn ich Mensch in mir die Vermittlung gegenstrebender Kräfte begehre, so erkenne ich die Probleme der Welt als mir innewohnende. Ich erkenne, daß aller Erkenntnisdrang und jeder Leidensweg in mir beginnt und enden muß, wobei die Veränderung der Realität keine Änderung meines persönlichen Weges zwangsläufig herbeiführt. Und eben sekundär ist!


    Der jeweilige Leidensweg ist ein Prozeß des Wechsels, des Spiels, in dem sich Würde von selbst findet. Unsere Poetik ist also eine Poetik der Würde des einzelnen in der Gemeinschaft und insofern auch politisch. Politisches Handeln ergibt sich aus der inneren Haltung. Und das Innere formt Sprache, die auf den Charakter trifft und diesen zu bilden sich anschickt. Haltung und Charakter sind wesensverwandt, aber nicht identisch. Haltung ist willensbedingter, Charakter wesensbedingter.
    Unsere Poetik ist eine der Haltung, die eines festen Charakters bedarf. Das bedeutet Arbeit, Unterhaltung des Charakters, Speisung des Willens, Arbeit am Wortwerk. Es gilt nicht, anderer Wort zu zerstören, sondern durch Auseinandersetzung aufzubauen, Widerspruch zur Stärkung des eigenen Willens, sich selbst eine Wortwelt erzeugen zu können, die auf Kommunikation, nicht auf Rechthaberei basiert. Der Charakter wird stumpf, wenn er ins Recht sich setzt. Er wird/bleibt gerade, biegsamer und unzerbrechlicher, wenn er das andere sucht. Poesie gebiert, aufeinander zuzugehen, nicht die Wege übers Land zu vermeiden.



    In diesem Sinne, Kassandra. Ich hoffe, ich seh' Dich.

    Gruß, Robert.

  14. #14
    resurrector
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    AW: Die weißen Schmetterlinge

    Vielleicht finden sich heute, sechzehn Jahre später, neue Stimmen zu diesem doch eher zeitlosen Text. SF ist schon ein interessantes Metier. Wer heute Texte der Klassiker liest, wird weniges finden, was sich bewahrheitete, vieles scheint doch abgegriffen und verfehlt. Wahrscheinlich muß man auch ein Pessimist sein, um SF zu schreiben, zumal der Grundton in diesen Texten meist düster und zukunftsfeindlich, nein, das Wort ist falsch, dystopisch, warnend oder auch kassandraesk sein muß, andernfalls nähmen die Leser das wohl nicht ernst. Wer will schon einen Text lesen, der fröhlich von der Zukunft handelt? Und dann hatte mich sintemalen eine Mitteilung kassandras überrascht, daß nämlich die Stimmung, also das Kolorit, wichtiger als die Geschichte oder der Aufbau selber seien. Das glaube ich nicht, daß ein Autor so an die Konstruktion seiner Texte herangehen sollte.

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