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Thema: Hunde (Dramolett)

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Hunde (Dramolett)

    Personen: Ein Student, der Geist seiner Freundin, ein Angler


    Ein Studierzimmer.
    Ein Student über Büchern.
    Gekläff von unsichtbaren Hunden.
    Der Geist seiner Freundin tritt durchs Fenster.
    Freundin: Agapimou! Hörst du mich? Agapimou!
    Student: Ja, ich hör dich. Wo bist du?
    Freundin: Mein Vater hat mich heimschaffen lassen. Hier soll ich einen Freund von ihm heiraten. Einen Witwer. Ein junger nimmt mich nicht mehr. Aber eh daß ich den nehm...
    Student: Soll ich dir Geld schicken? Daß du zurückkannst?
    Freundin: Ich habe Angst. Er findet mich überall.
    Die Hunde kläffen.
    Student: Was sind das für Hunde?
    Freundin: Sie sind hier überall. Streunen herum. Krank, wund, ausgehungert...
    Student: Was ist mit dem Kind?
    Freundin: Mit welchem Kind?
    Student: Du warst schwanger. Im sechsten Monat schwanger!
    Freundin: Frag nicht danach, bitte frag nicht danach!
    Hysterisches Gekläff unsichtbarer Hunde.
    Student: Aber was ist damit?
    Freundin: Ich kanns nicht sagen.
    Student: Schenk mir reinen Wein ein!
    Freundin: Nein.
    Student: Ich will's wissen!
    Freundin: Er hat mich geschlagen, bis ich fiel... Und dann in den Leib getreten. Bis es...
    Der Student spring auf, wirft den Stuhl um, brüllt unartikuliert.
    Freundin (hinwegschwindend): Agapimou! Agapimou!


    Szenenwechsel - Flußufer. Erle.
    Ein Angler, Rücken zum Publikum, sitzt, hält die Angelrute.
    Der Student kommt mit Baseballschläger. Er wirft einen Schatten.
    Student: Das ist er. Ja, das ist er. Der Pepitahut. Der breite gerötete Nacken mit den Furchen darin. Das ist er.
    Er hebt den Baseballschläger.
    Student: Doch wenn er's nicht wär... Ich würd ganz umsonst meine Freiheit, kostbare Lebenszeit aufs Spiel setzten... Kallimera!
    Angler (gleichgültig): Guten Tag!
    Langsam, nun doch neugierig, wendet er sich um.
    Der Student ist weitergegangen, hält den Schläger verborgen.
    Der Angler wendet sich wieder dem Fluß zu.
    Der Student kommt zurück.
    Student: Er ist es. Wer so etwas einer Frau antut, ist ein Verbrecher. Ein Vater, der es der eigenen Tochter antut, ist ein Teufel. Hat das Recht auf Leben verwirkt. Ist nur noch Dreck.
    Er erhebt den Schläger. Läßt ihn sinken.
    Student: Aber wie - wenn's gar nicht wahr wär? Wer tut denn sowas? Mit dem Fuß - das eigene Enkelkind... Er tut es. Ich brauch mir nur diesen brutalen Nacken anzuschauen. Das ist ein Nacken, der danach schreit, zerschmettert zu werden.
    Er hebt den Schläger.
    Gekläff von unsichtbaren Hunden.
    Student (erschrickt, läßt den Schläger sinken): Was ist das?
    Der Geist seiner Freundin erscheint in der Erle.
    Freundin: Agapimou! Agapimou!
    Student: Du wieder? Was willst du?
    Freundin. Laß ihn! Laß ihn! Begreif doch!
    Student: Was gibt es da zu begreifen?
    Freundin: Er hatte herausgefunden - ich weiß nicht wie - ich hab's ihm nicht erzählt - daß du - im Knast warst - mich hat es doch nicht gestört - aber begreif ihn doch - er wollte seine Tochter, sein ein und alles - nicht an einen Vorbestraften verlieren, einen Ex-User, einen Chancenlosen, einen loser... Er hat es aus Liebe getan! Aus Liebe!
    Gekläff unsichtbarer Hunde.
    Student: Was habt ihr mit dem Fötus gemacht? Wo habt ihr ihn begraben?
    Freundin: Frag das nicht. Bitte nicht.
    Student: Ich will es wissen! Vielleicht kann ich an dem Gräblein - vergeben lernen.
    Freundin: Es gibt kein Gräblein.
    Student: Was habt ihr damit gemacht?
    Hysterisches Gekläff unsichtbarer Hunde.
    Freundin (schreit): Es gab nichts zu begraben.
    Der Schatten des Studenten wird riesengroß, er hebt den Schläger.
    Freundin: Nein, Agapimou! Nein!
    Licht aus.

  2. #2
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    Question AW: Hunde (Dramolett)

    Schenk mir reinen Wein ein! Du willst doch nicht - gar lustig - mit Obigem andeuten, Hunde, selbst verstorbene, würden einen Fötus fressen? Hunde und ihre Seelen sind Feinschmecker... wenigstens meiner! - bei Kyras Köter bin ich mir allerdings nicht so sicher.
    Oder nur in Griechenland, das heitere Fötusfressen? Das mag eher hinkommen, und dann von Menschen... so wie die Küche dort mundet.
    In Ermangelung besseren Lesestoffs machte ich mir Fötushundegedanken, verscheuchte Zeit.

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Ich will geholfen werden!

    Das ist gut. Gefällt mir beinahe sehr gut. Die Sprache ist nicht ausgewogen, schematisch, was aber bei einem Dramolett okay ist, vielleicht sogar notwendig. Nein, notwendig nicht. Ich hätte da die Idee einer ganzen Reihe von Dramoletts, die alle etwas mit dem Unsichtbaren in uns zu tun haben. Vielleicht schreib ich auch eins. Ist eine spannende Geschichte.
    Das mit den Hunden ist nicht übertrieben, lenkt aber die Orientierung des Lesers zu sehr darauf. Wichtiger ist mir der Teil, in dem der Student Zweifel an der Berechtigung hat. Daran müßte sich noch etwas binden, ein neues Bild, ein Geschehen. Die fötusfressenden Hunde könnten dann eine Art Nachsatz bilden, die das Grauen noch abrunden (insofern Grauen abgerundet werden kann).


    Wer hat eine Idee in bezug auf die Wahrnehmungsvielfalt des Studenten? Was könnte ihn letztlich dazu bringen, doch zuzuschlagen?

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Ich will geholfen werden!

    Es hat sich niemand mit einer zündenden Idee zu Wort gemeldet, ich erweitere an der Stelle vielleicht noch, obgleich mir dies hamletische Zögern eh schon ausgebaut genug erscheint. Hier nun ein zweites


    Dramolett:


    Zuizit


    Personen: Ein Klient, die Dame von der Aufnahme


    Pforte eines Hospitals. Die Dame hat ein Diktiergerät, der Klient steht.


    Dame: Der Klient gibt an, am 31.10.1970 als zweites Kind seiner Eltern geboren zu sein.
    Sie verbessern mich, wenn ich was Falsches sage, ja?
    Klient: Ich will geholfen werden.
    Dame: An Kinderkrankheiten seien ihm Masern, Mumps und Windpocken erinnerlich.
    Klient (faltet die Hände): Ich will geholfen werden!
    Dame: Er sei bei den leiblichen Eltern aufgewachsen und altersgemäß eingeschult worden. Mit drei Jahren sei die Scheidung der Eltern erfolgt. Die Mutter leide an Depressionen, der Vater sei Pflasterer und Alkoholiker. Mit 13 Jahren die erste Zigarette, mit 15 THC, mit 20 Kokain, Heroin, Amphetamine.
    Klient (laut): Ich will geholfen werden.
    Dame: Der Klient sei seit 15 Jahren verheiratet und habe drei Töchter, Sabrina, 15...
    Klient: Sabrina... (grinst)
    Dame: Christina, 13...
    Klient: Christina... (grinst)
    Dame: ...und Katharina.
    Klient: Katharina... (grinst)
    Dame: Er liebe seine Familie sehr und wolle deshalb instandgesetzt werden, ein drogenfreies Leben zu führen.
    Haben Sie noch weitere Angehörige?
    Klient: Ja, einen Bruder.
    Dame: Haben Sie Verbindung zu ihm?
    Klient (nickt eifrig): Er besucht mich nachts.
    Dame. Warum nachts?
    Klient: Er hat vor einem Jahr Zuizit gemacht. Er sagt, ich soll es auch machen. Ich hab schon ein paarmal Zuizit gemacht, er sagt, ich soll es wieder machen. Er sagt, das ist gut für meine Familie, meine Familie dankt es mir.
    Dame: Allergien gegen Hunde- und Katzenhaare sowie eine Hepatitis C sind bekannt.
    Das Telefon schellt. Die Dame nimmt ab und lauscht.
    Dame: Verstanden.
    Sie legt auf.
    Dame: Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihrer Familie etwas zustößt?
    Klient: Was soll ihr zustoßen? Ich liebe meine Familie.
    Dame: Dafür dürfte es nun zu spät sein.
    Klient (fällt auf die Knie, brüllt): Ich will geholfen werden! Ich will geholfen werden!
    Licht aus.

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Ich will geholfen werden!

    Der zweite Text ist unstimmig. Der Mann ist jung, soll aber schon fünfzehn Jahre verheiratet sein. Er spricht anfangs sehr gebrochenes Deutsch, kann später dann aber auf eine Frage mit einer klaren Gegenfrage antworten. Die Motivation zu dieser Änderung seines Sprechverhaltens ist nicht erkennbar.
    Das Bezugsgefüge ist unklar, zu unklar.


    Im ersten Teil hast Du das Unnämliche gut in Szene gesetzt. Als Idee würde ich Dir empfehlen, den Geliebten (agapimou?) zu verwandeln. Dem Anscheine nach. Das bringt Brisanz, bedeutet aber auch, daß Du diese Verwandlung im Vorfeld bis zur Verwandlung durch Beschreibung bestimmter Umstände vorbereiten/andeuten mußt. Vorbereitung allerdings ist in Dramolette eher untypisch und fragwürdig. Das Pladautz ist entscheidend. Es erfolgt meist durch Stereotype, die aber süffisant durch den Kakao gezogen werden.

  6. #6
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Hunde (Dramolett)

    Ich habe ein faible für Dramolette. Irgendwann, ja, irgendwann werde ich mal einen Sack voll davon schreiben - und natürlich aufführen. Der beißende Witz, das Unfertige, das Zugespitzte, das oft damit zusammenhängende Absurde nehmen mich dafür ein.

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