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Thema: Geschenk

  1. #1
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    Post Geschenk

    gebrochenen Herzens
    quillt schwarze Tinte
    mir aus dem Schädel,
    Du bist Schwan mir
    im Fluß meiner Tränen,
    der geflankt von Sehnsucht
    mäandert in Nächten,
    deren Glut wir sind -
    ich lege
    ein heilig Wort
    Dir zu Füßen,
    Madonna,
    und ich weiß:
    im Schweigen ist Lächeln!

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Geschenk

    Vor der Kritik an diesem Text hier eine indirekte Erwiderung aus meinem Roman "Herbstzeitlos":

    Das ging eine ganze Weile so. Sie waren alle beschäftigt, nahmen keine Notiz voneinander. Offensichtlich nicht. Mit einem Ruck nach vorn löste sich Edgar von seiner rindigen Lehne und ging zu Marcus hinüber. Marcus malte einen roten Schwan, dem Blut aus dem Halse troff. Der grüne Hintergrund war von einzelnen braunen Gebilden durchsetzt, die Edgar nicht im einzelnen auseinanderhalten konnten. Das mochte daran liegen, daß er väterlicherseits eine Rot-Grün-Schwäche geerbt hatte und deswegen sowieso mit der Malerei keine Bekanntschaft schließen mochte.
    "Immer malst du Schwäne, Marcus", rief er schmollend, "wie wäre es mit etwas kleinerem Gefieder?" Marcus antwortete nicht. Das war seine Art, Unmut auszudrücken. Statt dessen lachte er verschämt. Edgar wendete sich ab und ging zu Johann-Jakob. "Sie sind neu hier, scheint mir", sprach er den geschaßten Schauspieler an, dessen Augen halbgeöffnet auf den beiden Neuankömmlingen verhaftet blieben. Allein dieser Blick faszinierte Edgar. Er zeigte lachend auf den Döser: "Schau Marcus, da liegt ein Stück stinkendes Menschenfleisch und läßt sich's wohl ergehen. Wie wäre es, wenn du dieses Bild festhieltest?"
    Johann-Jakob setzte sich aufrecht, schaute Edgar bohrend doch gütig an und gab ihm die Flasche: "Hinter deinem Lachen herrscht ödes Dunkel. Du bist zerrissen wie ich, Bruder", sagte er halblaut.
    'Das war das verwunderlichste und bestgeträumte Wort seit Jahren', dachte Edgar. Eine unbestimmte Scheu hinderte ihn, Johann-Jakob mit seinem Herzen anzunehmen. Statt den Fremden wegen der offenkundigen Verwandtschaft zu umarmen, wegen dieses Blickes, der dem Menschen Johann-Jakob Edgar als Menschen hätte anzeigen müssen, der Edgar die längst zugeschlagene Pforte freundschaftlicher Seelenverwandtschaft neu öffnen könnte, hielt der Wanderer der letzten Tage dumpf Abstand, scheute sich, diese zu überwinden, die er nur theoretisch, besser gesagt, durch dichterischen Eifer als Not wendende Kredenz des Menschseins predigte:


    Ferne!
    Sitzt in meiner Nähe
    ähnlichem Tische,
    grübelst mir gleich
    über Unsinn Sinn
    wortgewalt'ger Ehemaliger,
    überkluger Gegenwärt'ger.


    Deine sanfte Stimme
    spricht zu mir ge-
    heime Zeichen stiller Liebe,
    diese still Distanz besiegte.


    Derweil
    befiehlt Abschied Abstand,
    verlebten innig-endlich
    lebendige Zeit,
    nun folgen wir kindisch
    entfohlenden Spuren.


    Dein Schatten sendete Duft
    vergoß Liebe aus unschuldigem Traum...
    Einst die Weite flieht!


    Dies hatte er geschrieben im Zeichen des Abschieds von einer jungen Dame, die er während seiner Studienzeit nur aus dem Bibliotheks-Lesesaal kannte, vom Sehen; nicht jedoch den Mut fand, sie anzusprechen. Er glaubte sie als Göttin! Vielleicht war es mehr als achtungsvolle Scheu; es muß Demut vor der eigenen Verwurzelung gewesen sein; etwas, woran er im Tiefsten seines Herzens glaubte, etwas, was ihm verbot, mit dieser Wunderschönen ein Abenteuer auch nur zu wollen. Sie saßen einander gegenüber, über Bücher gebeugt, über dies und das und übereinander nachdenkend, überdies überfordert und überaus übellaunig, vor allem im Sommer, wenn übermäßig produzierter Schweiß die Lüfte im sowieso stickigen Lesesaal überlagerte und freies Athmen unmöglich machte. Sie hielten die vagen Blicke für Ausblicke, emporgetaucht aus stickigem Morast wohlweislicher Druckerschwärze. Der Abstand blieb, sie nicht und er auch nicht. Sie kam nicht und er ging nicht hin.


    P.S. Paulchen, schreib bitte auch zu anderer Getexte etwas! Und: Ein Ordner pro Tag ist hinreichend. Wir wollen doch hier keine Ordnerinflation.

  3. #3
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    Post AW: Geschenk

    überaus überraschend,
    dein return -
    ein tiebreak zur späten stund,
    genosse -


    verzeih, das
    übermäßige eröffnen
    neuer sätze -


    bin ein paar tage
    in der heimat -
    das ist wie
    der regen einer kumuluswolke -


    naß wird der,
    der den regenschirm
    nicht spannte


    über den wolken
    herrschen jedoch
    andere gesetze -


    aber das ist eine andere geschichte.


    a bientot

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Geschenk

    "sie kam nicht und er ging nicht hin", wäre das nicht der beginn einer wundervollen geschichte?

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Geschenk

    In der Tat, Pamina. Und wie wundersam doch so ein Getexte sein kann! Ist die persönliche Note nicht die Bedeutsamste? Wenn einer schon nicht hingeht, dann fragt sie sich doch, warum er nicht kommt. Er aber fragt sich, ob sie ihm ein Zeichen zu geben verstand: Und siehe, da haben wir einen circulum vitiosis, es ist ein Entrinnen nur durch ein Drittes möglich. Und dieses Dritte sitzt außerhalb; oder sollte ich hier sagen: Man muß die gewohnten Bahnen des Denkens verlassen, dann erst wird ein Geschicht' daraus!


  6. #6
    howah
    Laufkundschaft

    AW: Geschenk

    Der rote Schwan ist nur als kleine Illustration gedacht.

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Edgar geht sich ereignen

    Johann-Jakob stand hinter seiner Staffelei und malte blutrote Schwäne. Edgar stellte sich hinter den manum ultimam operi imponendum und betrachtete das Gemalte. Es widerte ihn an. Verstellte Perspektiven saugten den Blick auf und entließen den Betrachter unfrei in die Verbannung des Geschauten. Edgar haßte es, vom Künstler gleich welcher Mode oder Moralität in dessen Gedankengänge hineingezogen zu werden. Auch vermutete er den erhobenen Zeigefinger immer dann am stärksten, wenn das Gegenteil behauptet wurde. Ein leichter Ekel verdroß Edgar zudem. Er suchte nach Worten, die treffen sollten, Sicherheit nehmen sollten, um vorzubereiten auf seinen Anschlag:
    "Immer wieder malst du Schwanenhälse mit triefenden Wunden. Sind das verkappte Allegorien des Widerwärtigen?"
    "Hallo, Edgar", begrüßte ihn Johann-Jakob. Er schaute dazu kurz hoch.
    "Warum dieses viele Blut?"
    Johann-Jakob blickte Edgar ungläubig an, strich die rote Farbe des Pinsels an der Schürze ab und setzte gezielt zu einem schwungvollen Strich an. Über die Staffelei hinweg blickte er vorwurfsvoll-trotzig: "Sie recken die Köpfe zum Himmel. Wird's da nicht Zeit, daß einer ihnen hineinschneidet an den Stellen, wo's am meisten wehtut?"
    "Wem wehtut?"
    "Ich wehre mich."
    "Deine Bilder sind Schläge..., sie treffen mich tief und schmerzhaft." Das letzte Wort drang schwerfällig wie beladen hervor. "Du quälst die Betrachter deiner Bilder."
    "Ich gebe nur zurück..."
    "Du bist ein Popanz."


    6.9...


    "Bist du gekommen, um mir das zu sagen?"
    "Ich habe eine Idee, wie du wehtun kannst und gleichzeitig im trüben fischst."
    "Hört sich interessant an. Ich bin dabei." Sie schwiegen. Edgar hatte sich ins Gras gesetzt und in altbekannter Manier eine Flasche Wein und Zigarren ausgebreitet. Johann-Jakob spähte neben der Staffelei vorbei auf das Angepriesene und nahm kurze Zeit später neben Edgar Platz. Wortlos bediente er sich. Sie lehnten im Gras und pafften Kakis Zigarren.
    "Hast du schon einmal eine schöne Frau gemalt?" fragte Edgar.
    "Die Schönen zieren sich; nur die Hübschen sind wohlfeil in ihrer Geilheit."
    "Und das interessiert dich nicht!"
    "Nein, es langweilt dieses Gepose."
    "Ich nehme den Popanz zurück. Aber nur, weil du ES sagtest." Sie dachten beide nach und schmauchten das nach Mist und harnreicher Erde schmeckende Zigarillo eigener Produktion.
    "Wir können keine Freunde werden. Kurz vor dem Sprung weichst du aus und ereignest dich woanders", brach Johann-Jakob zuerst das Schweigen.
    "Das mag stimmen. Ich habe es jedenfalls schon einige Male so gemacht."
    "Und bist du glücklich damit?"
    "Das ist die Frage. Als ob ich ein Glücksritter wäre."
    "Bist du nicht...?"
    "Ist das Glück nicht auch eine langweilige Sache? Wir sind nicht dafür gemacht. Stell dir bloß mal eine Horde glücktriefender homo sapiens vor. Wie öde muß deren Gesellschaft sein."
    "Das ist eine Frage der Definition."
    "Ach komm, lassen wir das sein und reden über wichtige Dinge! Wo waren wir stehengeblieben?"
    "Bei der schönen Frau."
    "Ja", sagte Edgar und stand auf, "du solltest eine malen, eine, die wirklich schön ist. Ich glaube, dann wirst du ein glücklicher Mensch sein."
    "Was ich nicht will."
    "Und dann könnten wir Freunde werden..."
    "Was ich auch nicht will."
    "Gut! Ich geh mich dann ereignen."
    "Komm wieder, Edgar!"


    Und Edgar ging.


    Schwant Dir etwas in dieser Art?

  8. #8
    howah
    Laufkundschaft

    Lightbulb Edgar geht sich ereignen

    Nicht so ganz; wie Edgar bin ich angewidert vom Bild eines blutenden Schwans. Johann-Jakobs Begründung sticht nicht: Schwäne recken die Köpfe nicht zum Himmel. Nicht einmal, wenn sie die Schwingen auffalten und mit kräftigen Schlägen sich kurz oberhalb des Wassers vorwärts bewegen; dann strecken sie den Hals, und peilen ihr Ziel an, halten also den Kopf waagerecht überm Wasser.
    Mein Schwan Sepp ist in die tiefschwarzen, ewigen Gewässer geschwommen, sein Gefieder ist jetzt rot, und er lockt mich. .

  9. #9
    Mitgestalter
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    Edgar geht sich ereignen

    hm, äußerst spannend! ich bin ganz vernarrt in dieses Bild des blutenden Schwanes (ob Johann-Jakob eines übrig hätte? - es erinnert mich an so vieles, daß es letzendlich in dem einen Bild des blutenden Schwanes gut aufgehoben ist - eine Assoziation z.B. ist Jesus, obwohl ich hier weiss Gott keine Glaubensdiskussion vom Zaun brechen will, da ist das Thema zu edel... -
    eher jedoch entdecke ich in diesem Bild die blutende SCHÖNHEIT an sich, die Schönheit, deren Wert heutzutage kaum mehr erkannt wird - wie oft hört man: das ist schön - vielmehr: das ist teuer, das ist billig... - wie klischheebeladen das auch klingen mag... - und auch die schöne Frau blutet zuweilen, Edgar... -
    und natürlich der weiße Vogel, Sinnbild des Reinen und Unschuldigen, das wir nie erlangen werden - darf nicht auch hier ein wenig Blut fließen???
    und und und...
    Ach, ich bin ganz vernarrt in dieses Bild des blutenden Schwanes... -
    nur Narr...
    Paul

  10. #10
    rodbertus
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    Edgar geht sich ereignen

    ist gut, Paulchen. JJ sitzt jetzt in der Klapper. Er ermordete im Wahn Isa, die vollkommene Schönheit, die Edgar ihm schickte, damit der die Form vollends vor Augen habe.
    Willst Du wirklich ein Bild eines Mörders?

  11. #11
    Kurzvormabschussiger
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    Post Edgar geht sich ereignen

    blutende schwäne kenne ich aus den märchen. dort sind sie verzauberte prinzen und lassen sich nachts wieder in menschen verwandeln, wenn ich mich recht erinnere. allerdings passiert bei den metamorphosen immer wieder ein unglück, so daß ein blutender schwan, oder eben ein blutender prinz zurückbleibt. zeichen, die von den metamorphosen bleiben.


    und weiter: die weißen tiere, wie z.b. der schimmel, ebenfalls ein solches bild. das märchen mit dem weißen fallada, dessen kopf in einem torbogen hing, und der sprechen konnte (mir ist der titel des märchens entfallen).


    schneeweißchen und rosenrot.
    blutende weiße prinzessinnenfinger, die sich an einer spindel stechen. blutstropfen auf weißen tüchern. Schneewittchen, "eine haut so weiß wie schnee, und lippen so rot wie blut".


    und hier von enzensberger:


    Fund im Schnee


    Eine Feder die hat mein Bruder verloren
    der Rabe
    drei Tropfen Blut hat mein Vater vergossen
    der Räuber
    ein Blatt ist in den Schnee gefallen
    vom Machandelbaum
    einen feinen Schuh von meiner Braut
    einen Brief vom Herrn Kannitverstan
    einen Stein einen Ring einen Haufen Stroh
    wo sie der Krieg begraben hat
    das ist lang her


    Zerreiß den Brief
    zerreiß den Schuh
    schreib mit der Feder auf das Blatt:
    weißer Stein
    schwarzes Stroh
    rote Spur
    ach wie gut daß ich nicht weiß
    wie meine Braut mein Land mein Haus
    wie mein Bruder
    wie ich heiß




    sind übrigens nur gedankenfolgen. hat wohl weniger mit dem beitrag zu tun. manchmal gehe ich diesen spuren nach.




    rot-weiß (nein, ich denke jetzt NICHT an die EM...!!!)

  12. #12
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    AW: Geschenk

    ...und die Surrealisten darf man auch nicht vergessen, ich weiß nicht mehr, war es Chirico oder Magritte, eine weiße Statue, die blutet, oder natürlich Dali, welch kraftvoller Schwan... -
    und ich weiß noch, einst war ich mit Freunden im Schwarzwald auf irgendwelchen Bergeshöhen, die winterlich beschneit - wir hatten Sekt dabei, roten Sekt - wie gebannt waren wir alle von den Spritzern im Schnee fasziniert... - (nennt man dies einen erhabenen Augenblick???) -
    tja, was den Mörder anbelangt, ist natürlich die Frage, wer oder was Isa war (Buddha hab sie auf alle Fälle selig...) - und warum JJ zu dieser Tat getrieben wurde - damit kämen wir vom Thema Liebe-Tod zu Schönheit-Schmerz - dabei fällt mir wiederum eine Anthologie russischer Autoren ein, deren Titel: "das Leben ist schön und traurig!" lautet - treffender hätte der Titel nicht sein können! - und zu guter letzt: hat jemand einmal Schwäne beim Kopulieren gesehen??? - das Vorspiel gleicht einem einstudierten Wasserballett - und beim Oragasmus (sofern er nicht vorgetäuscht war...) breitete der Schwanerich die Flügel aus und reckte seinen Hals gen Himmel - wohlwahr...

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Katadokeo

    Johann-Jakob bewohnte seinen Elfenbeinturm in Orange und Indigo. Die Sonne hatte ihre liebe Müh, durch das von Schwalbennestern, Fliegendreck,Insekten- und Taubenkot verdreckte Deckenfenster zu dringen. Was kam, ward gebrochen, photochrom verändert. Die Konturen verschwammen, Gegenstände und ihre Schatten gingen ineinander über. Den meisten Raum seiner Behausung nahmen ein Kanapee aus der Gründerzeit, das geerbte französische Bett und der selbstgebaute riesige Kleiderschrank ein. Dielen ohne Teppiche ließen Schritte widerhallen, zumeist mit knirschendem Geräusch, schließlich lagen Dreckpartikel der letzten fünfzehn Jahre darauf verteilt herum. Eine graue Katze namens Margot streunte umher. Aus einer Dose schleckte sie, um kurz darauf furios einem Rascheln nachzujagen. Beides verlor sich, und die gewöhnlich hier vorherrschende Stille garantierte wieder ungestörtes Arbeiten. Außer dem genannten Mobiliar standen ein Tisch und zwei Stühle im Zimmer, dazu eine Staffelei. Überall waren Farbtöpfe und Pinselgläser aufgestellt. Neben der Tür stand ein Klavier und behinderte jeden Eintretenden, doch verrieten dem aufmerksamen Beobachter das rostige Deckel schloß und etliche darauf stehende Gegenstände, daß das Instrument nicht in Gebrauch war. Derselbe aufmerksame Beobachter würde davon überrascht sein, daß sich bisauf eines keine Bilder finden ließen: Das stand an die Wand gelehntauf dem Klavier; darauf starb ein blutender Schwan, was ein rotäugig-dunkelhaariger Mann in schwarzem Leder mit dem Messer inder Hand kalten Blicks abwartete.


    SCHWARZ-WEIß-ROT


    Auf dem Kanapee saß eine Frau. Sie war nackt. Den Kopf hielt sie seitlich, vom Malerauge weg. Glatte Haare fielen bis zu ihren Brüsten hinunter. Der schwanengleich lange Hals war frei und gestreckt. Hinter einer Staffelei produzierte sich Johann-Jakob mit verkniffenen Zügen, ein Abbild zu schaffen und auf die gespannte Leinwand zu bannen. Einen Pinsel hielt er zwischen den Zähnen fest, mit einem anderen zog er gerade eine Linie nach, um dann wütend festzustellen, daß die Farbe nicht den rechten Ton besaß. Er suchte im Zimmer nach einem Glas, einer Tube, etwas Wasser und dergleichen mehr, hob etliche dafür in Frage kommende Gegenstände hoch und stellte sie kurzerhand wieder zurück:
    Es sind nicht die kleinen Dinge,die nach dem Mehr verlangen, Lisa. Es ist die Größe. Es ist die Wut aus dem Inneren, die sie will, die gierig den Pflaumenkuchen vertilgt und sich lächelnd entblößt, wenn es mißlingt.“ Er stockte. Isa hatte den Kopf nicht bewegt. Er entließ die Deklamation und ging nah an sie heran. „Deine Haut ist von einem Farbton, den ich noch nie sah. Sie ist weich und rein, gleich an Hals und“, er zögerte, „dieser herrlichen Partie an deinen Schenkeln. Wie soll ich das nur malen, ohne etwas schlechter zumachen, als es ist? Nein, sei ruhig! Diese Pose ist spröde und verführerisch zugleich. Ich will es versuchen. Haben wir nicht alle Zeit der Welt? Antworte nicht! Deine Schönheit ist nicht vergänglich. Sie ist Ausdruck deiner wahren Fähigkeit, nämlich zu lieben. Das dürfte es sein. Ich muß dich malen als Liebende, als reinen Herzens Liebende.“ Er malte und sann nach, plötzlich schreckte er aus seiner Konzentration. „Wen liebst du? Du kommst zu mir mit einem erfüllten Herzen? Antworte nicht! Deine Sprache muß behütet sein, muß rein bleiben. Ich darf dich nicht in Versuchung führen, mir mit einer Lüge zu antworten. Deine Reinheit würde sonst leiden und du würdest etwas Gewöhnliches werden. Er muß glücklich sein, der Glücklichste. Vielleicht ist er auch der Unglücklichste, der Gefährdetste. Vielleicht weiß er’s gar nicht. Oder hat er dich benutzt und dein Herz hängt unschuldig an einem Büßer? Antworte nicht! Ich will es selbst hervorkehren, vor allem aber dich malen als Gioconda, als Ebenbild meiner Träume und Ängste. Erklärung würde nur zerstören.“ Wieder vertiefte er sich in seine Arbeit.
    Isa stöhnte leise und versuchte, eine andere Körperhaltung einzunehmen. Das beinah unmerkliche Verändern wurde allerdings vom Maler bemerkt; er schaute kurz und strafend hoch: „Ist ein hartesBrot, ich weiß. Aber stell dir nur vor, welche Mühen ich auf mich nahm, als ich mich meinen Ängsten stellte. Ich wähle immer den schwierigeren Weg.“ Er ging zum Klavier und zeigte auf das Schwanenbild. „Hier, sieh dir dieses Bild an! Es ist Schund, es ist nur eine Probe für das Ziel meines Berufes. Vielleicht war’s sogar die Nadelprobe. Und ich lebe noch!“ Er hielt inne, ging beunruhigt in seiner Kammer auf und ab und blieb dann so nah vor Isa stehen, daß sie seinen alkoholvernebelten Atem riechen konnte. „Keiner wird mich ansehen als das, als... Was, meinst du, bin ich in den Augen der meisten Menschen?“
    Isa sah Johann-Jakob lange an. Sie bezog wenig auf sich. ‚Sucht nicht jeder Maler seine Mona Lisa?’ hatte sie gedacht. Es schmeichelte ihr, daß er sie dafür hielt und gleichzeitig war sie überrascht davon, daß sie nicht erkannt wurde. Selbst der zugegebenermaßen noch recht unerfahrene Maler Johann-Jakob schaute nicht das hinter der Maske Liegende, sondern vertiefte sich in die geoffenbarte Natürlichkeit. Isa spürte plötzlich eine große Gefahr. Sie hielt Johann-Jakob für überspannt genug, mit entsprechenden Mittelchen die anerzogen gesellschaftliche und menschlich notwendige Distanz schnell zu überwinden und beschloß, mit einfachen Sätzen seine Hirngespinst ein beherrschbaren Bahnen zu halten:
    Ichdenke, ein Künstler“, sagte sie liebevoll.
    Johann-Jakobs Gesicht verzerrte sich. Der Teint schwand ins Verborgene. Die Augenkniff er zusammen, öffnete den Mund zur Artikulation eines O-Lautes,um dann doch erschlafft zusammenzufallen. Die dunklen Augenbrauen über dem aschfahlen Angesicht glätteten sich, gezwungen durch die Kälte der Ohnmacht. Der Pinsel, gerade noch bereit, das Schöne als Befreiendes zu malen, flog quer durch den Raum. Vom Boden riß er eine halbgefüllte Weinflasche an seine Brust, entkorkte sie und trank. Nach mehreren kräftigen Zügen wischte er mit dem Ärmel über den Mund, daß Farbe daran haften blieb. Seine Gesten wurden fahriger, doch suchte er Konzentration. Die Muskeln seines Gesichtes vibrierten: „Nein, eine Null, ein Sonderling, einer, dervon dem Geld der anderen lebt, einer ohne größeren Sinn oder gar von Nutzen, verstehst du? Ich bin ein Mensch ohne Gewicht,geringer als die Geringsten. Das bin ich!!“ platzte es aus ihm heraus.
    Isaverstand die Bestürzung. Hier war kein Malen mehr. Sie stand aufund zog sich an. Johann-Jakob riß ihr die Sachen aus der Hand undbedeutete, sich wieder in die vorgeschriebene Position zu setzen. Hier war auch kein Widerspruch möglich.
    DieMenschen sind dumm“, sagte sie ohne Betonung und setzte sich.
    Ja,darin hast du recht, meine Schöne! Dummheit hat Gewicht. Sei dumm, versessen, borniert und gerissen, und du giltst etwas! Die Regel ist nicht die meine. Ich werte mich selbst“, schrie der Erboste und malte mit kühnem Schwung sein Kürzel unter das unfertige Bild. „Das bringt Unglück. Ich weiß. Doch warumsollte mir nicht auch das Unglück einmal geschehen? Habe ich nicht schon längst jeden Kontakt zu den Menschen verloren, als daß ich über Glück und Unglück nicht erhaben sein sollte? Oder, glaubstdu, daß ich noch jemals Frieden zu finden hoffte, indem ich mich an irgend welche Regeln hielte?!“
    Ein Einsamer im Walde“, murmelte Isa.
    Nein, ich bin reich“, antwortete Johann-Jakob, der nicht und nichts verstanden hatte. „Weißt du, warum ich dich verewige?“
    Weil ich vollkommen bin?“ fragte Isa schüchtern.
    Nein!“ sagte Johann-Jakob hart. „Ich glaube nicht, daß es IHN gibt, weil Vollkommenes auf dieser Welt lebt. Was sollte ich zum Lobe auch singen, tanzen, malen, springen? Haha! Weil du reich und unschuldig bist. Weil du den entsetzten Blick in deinen Augen trägst, der dem Bürgermädchen Ekel heißt, weil du Gierige verlangst,was dir zuzustehen beliebt. Deswegen... Du bist gierig auf all das, was IHM irgendwann einmal die Not abbedang, auf diesen Jammerplaneten zu steigen und Emanzipation zu predigen. Ich aberwill nicht länger an Unschuld und Befreiung glauben. Das ist mein Ekel! Ich kann es einfach nicht wahrhaben, daß es einen Jemand da oben geben kann, der mich befreit. Wozu? Was soll die Liebe anderes sein, als das ewige Vorbeireden aneinander, als das Plätschern hormoneller Säfte, geboren aus dem Willen, sich den anderen einzuverleiben? Ha! Ich kann niemals daran glauben, daß die verkrachten Existenzen, die manche noch größenwahnsinnig Individuum nennen, etwas anderes seien als zufällige Produkte genetischer Fehlentwicklungen. Wer empfindet wie ich, der trete vor!- Ich sag’s dir, Lisa: Der Dreck unter meinen Stiefeln ist nichts weiter als Affenscheiße! Ich bin allein, gottverdammt, allein warich, bin ich und werde ich sein. Da ist nichts und niemand.“
    In dir bin ich.“
    Johann-Jakob stutzte. Isa wich nicht. In den Worten seines gestaltbaren Objekts setzte sich maßvoll ein Willen durch, der dem seinen glich in Intension. Er schrak auf: War das noch die volle Erwiderung auf seine Ängste? Sie zierte sich nicht, sie wartete wie ein Opferlamm. Es. Würde sie jemals ihm die Hand reichen und sagen: ‚Komm, ich bin’s, auf die du so lange gewartet?’ Da er dies dachte, war ihm die Fehlbarkeit seines Wünschens bewußt, war aus den unbewußten Tiefen Gewißheit geworden. Johann-Jakob griff nach ihr, und Isa wich keinen Deut, aber wie lange noch würde sie dies tun? Schnell registrierte er, daß diese Frage nebensächlich bleiben mußte, und er gab seine Berührung auf. Sie war nicht hier, weil sie ihm helfen und eine Pforte zur Erweiterung seines Wahrnehmens aufstoßen,sondern weil sie selbst einen Sprung machen wollte. Sie saß regungslos, bildschön. Ihr Körper war das gemeißelte Ebenbild der gegenwärtigen Mode, straff und prall zugleich, geschwungen und elegant in der Linienführung, samtig und zart, doch voller Kraft und Gleichmäßigkeit. Er wüßte sie schon ins rechte Bild zu bringen. Vielleicht ein wenig gebrochen in einzelnen Partien, aber so, daß ein grantiger Beckmesser keinen Anstoß würde nehmen können. - Sie? Warum war sie hier? Wollte sie ihm auflauern, gar erniedrigen? Nein! Die Frage verwarf er schnell. Ihr Dasein war an ihm zumessen! Sie ward geboren, um ihn zu küssen. Ihr Schicksal lag in seinen Händen, und sie hatte das erkannt. Sie hatte erkannt, daß er derjenige sein müsse, der sie zu kebsen imstande. Aber würde sie Gewalt, die ihn ausmachte, zu tragen wissen? An der Unfehlbarkeit seines künstlerischen Wollens würde sie keinen Abstrich machen, doch an der Lauterkeit seines Hasses könnte sie Anstoß nehmen und ihn verbürgerlichen. Auch die Reinheit steht eben auf bürgerlichen Füßen und duldet keine anmaßende Filigranität. Was nur?
    Mußtest du deine Würde einmal beweisen?“ fragte er schroff. Isa nahm die Frage ernst und nickte. Aber das konnte ihn jetzt nicht beirren. „Jedenfalls ist es dir in den Schoß gelegt, das glückliche Leben. Ja, das glückliche Leben. Es löscht dem ungeratenen Sohn den letzten Hoffnungsschimmer und macht ihn zum Sklaven der Gewalten.“
    Brandung höhlt stärksten Fels“, sagte Isa lautlos. Dann war es still.
    Wie alles“, antwortete Johann-Jakob beunruhigt nach längerem Schweigen. Woher nur konnte sie seine Phantasiegebilde und Ängste erraten? „Weißt du, es ist fürchterlich, immer verlacht zu werden, immer nur verlacht zu werden. Ich bin eben ehrlich. Sie mögen’s nicht, die Menschen.“
    Keiner mag die Ehrlichkeit.“
    Dabei ist sie bloß meine Sprache. Mein Stolz. Und weil sie es nicht verstehen, lachen sie, erniedrigen mich hernieder in ihre ausweglos-dunklen Sümpfe des Es.“
    Auf Finsternis folgt Licht“, flüsterte Isa nach einiger Zeit.
    Der Maler stand am Tisch und zündete Kerzen an. Sie waren das einzige Licht im Zimmer. „Ja. Licht!“ faselte er. „Ich habe mir immer geschworen, meine Kräfte aufzusparen für den einen großen Wurf, das eine große Werk. Ich habe das Gefühl,nur ein wenig bang ist mir, daß es heute soweit sein könnte. Nie sah ich ein schöneres Ebenbild der Liebe. Deine Linien und dein Gesicht verdienen es, auf ewig einen Augenblick festzuhalten. Nur fehlt ihm noch etwas! Vielleicht die Faszination des Erschreckens? Ich weiß noch nicht. Du sagst: ‚Auf Finsternis folgt Licht.’ Das ist eine erstaunliche Erkenntnis. Wenn es denn nur eine wäre, könnte man meinen, ich scherzte. Das tu’ ich aber nicht. Es hält auf und stiehlt lediglich Zeit, kostbare Zeit zum Schaffen.“ Erspielte mit dem Licht, was einen Schatten an der Wand hervorrief. Johann-Jakob blickte gebannt auf die entstehenden und vergehenden Figuren seiner Handbewegungen, hielt inne und wischte zaubernd weg, lachte wegen der Allmacht, die er über sich und diese Gebilde, Traumgespinste, Abbilder, Abbildungen ausübte. „Liebst du mehr als meine Schatten?!“ fragte er unsicher und blickte Isa ernst ins Gesicht.
    Isa stand auf. Sie mußte handeln, die Situation drohte ihr zu entgleiten. Sie streichelte sanft seine Hände: „Er fordert mein Bestes“, sagte sie.
    Johann-Jakob drückte sie an sich und streichelte ihre Brüste, ihre Schultern,ihren Bauch. Sie führte ihn und genoß es. Als er sie nahm, war ihr, als ob es erste Mal wäre. Sie schrie vor Schmerz, er aber war jenseits der sonnenbeschienenen Bergkuppen in den Tälern aller Lust.
    Und die Sünde? Lachte. Ihre Körper gehorchten dem fernen Willen, faßten die Strafe aus Adams Zeiten empfindungsreich und schamlos.
    Danach lagen sie kurzzeitig auf dem Kanapee, dann stand Johann-Jakob auf. Er ging unruhig im Zimmer auf und ab, als sich seine Seele ergoß:„Gestern nahte ein Sturm. Wart einen Augenblick! Es ist wichtig,was ich dir zu sagen habe. Es ist wichtig. Ich habe lange überlegt,wem ich es sagen könnte. Du bist es! Du hast dich mir hingegeben. Niemals zuvor hatte ich das Gefühl, daß sich ein Mensch so hingeben kann. Das war nicht gespielt. Du bist selbst Gewitter, reinigend und rein. Lisa, ich liebe dich!“
    Er umarmte Isa, hielt sie mit den Händen an den Schultern, dann deklamierte er mit wild fuchtelnden Armen, wobei sein starrer Blick merkwürdig kalt blieb: „Gewitterwolken ballten sich zu tosendem Grollen und schlugen hinab. Es brach hernieder; über mir brach es zusammen, dieses schreckliche Grollen. Ich versuchte zu fliehen,später dann auf Leinwand zu fassen. Es ging nicht. Mein Wille war schwach, mein Ernst zu gering vor diesen Gewalten. Aber ich überlebte! Und wie soll ich mein Entsetzen vor diesen Gewalten fixieren, ihnen Gestalt geben? Wie nur? In deinen schönen Zügen,Geliebte, das ist die Lösung. Es macht unsere Angst, das ist der Tod, der uns umklammert. Das macht schöner! Erlösung macht schön. Nur erlöst sind wir ewig und Kinder des ewigen Gottes. Ich seh’ dich erschreckt. Hab Vertrauen, Geliebte! Wir sind auf der Erde nur Gäste mit einer Konzeption der Unvollkommenheit, wovon wir befreit werden müssen. Sind wir nicht eine Art von utopischer Essenz, mit Mängeln wie dem Lieben ausgestattet und nur in unseren Träumen endlos? Befreiung davon schafft uns die Möglichkeit,wieder Kinder des einen Gottes zu werden und als Ewige zu leben? Ja, ich habe begriffen, deine Schönheit ist Abbild der Ewigkeit. Aber wo ist deine Angst? Du bist so fest, so sicher, so... Im Entsetzen, Lisa, ahnen wir Unsterblichkeit. Komm, befreien wir uns!“
    Beiden letzten Worten war er auf die Knie gesunken und hatte die Hände gefaltet, als erwartete er Isas Segen. Isa blieb liegen, aber ihre Hände wurden kalt. Johann-Jakob war aufgestanden, als ob er den erwarteten Segen empfangen hätte und näherte sich seinem Modell,seiner Geliebten, seiner fleischgewordenen Sehnsucht. Behutsam zog er die Decke zu Boden, rückte Isas Kopf in die ihm genehme Position. Doch auf seinem Gesicht verzerrten sich die Züge, sein Gesicht war blöd und tot. Eine entsetzlicher Verdacht stieg in Isa hoch:
    Welche Vollendung meinst du?“ schrie sie entsetzt und wollte aufspringen.
    Doch Johann-Jakob drückte sie in die alte Position. Sie kämpften. Vom Hals riß er ihr Holzkreuz ab. Isa schrie um Hilfe, doch Johann-Jakob war schon längst jenseits aller wirklichen Wahrnehmungen.
    Du birgst Angst, sie ist dein Kind. Laß es heraus! Ich bin die Ahnung in deiner Tiefe, in deinem reichen Schoß und mache dich ewig in diesem Augenblick. Ein Opfer unsrer Härte. Vor dem Altar der Kunst. - Ich muß dich malen, wie sich die plastische Natur das Bild dachte: ohne den Abfall, den die Zeit dir anhing. Dein Stoff widerstrebt zwar, aber erste Risse sind unvermeidlich gewesen. Nur ein wenig schimmert der reine Glanz noch hindurch, die Idee, die dir auf den Weg gegeben. Ich will sie ergründen. - Du kamst zu mir, um zu lernen von den Gründen, von den Tiefen. Ich habe dich erwartet. Ich schaffe unser Kind, ich bin der Vater. Ich drücke, drücke, drücke dieses Kind heraus und du bist frei. Frei von allem, wer wünschte sich das nicht. Frei von der Erinnerung,frei von der Empfindung, frei von Leid und Liebe.“ Er ließ los. Isa sank tot zu Boden. Er setzte sie mit den verzerrten Zügen in die angestammte Position, versicherte sich, daß sie nicht würde wieder irgend etwas verändern können und holte einen Pinsel aus dem leeren Wasserglas auf dem Klavier, tauchte den ins Wasser einer Waschschüssel und malte Isas Haut. „Es ist zu hell“, stellte ernüchtern fest. „Ich muß das Leuchten erfassen. Jetzt oder nie. Ich muß sie auffangen und für die Ewigkeit behalten. Jetzt oder nie! Wer, wenn nicht ich! Nur, wird sie so bleiben? Nein, ich muß mich eilen, bevor sie sich wieder bewegt und alles verloren ist. Ja, jetzt ist’s schön. Mein Gott, bist du schön, Lisa! Nie sah ich einen Menschen mit reineren Zügen, rein und ebenmäßig, zart und doch mit einem Quentchen Charakter. Sag nichts dazu! Du zerstörst nur meinen Eindruck. Dein Schweigen ist das dir Gemäße. Schweig weiter und genieße diesen Augenblick des unerprobten Höhepunkts! Höhepunkt? Ein wenig erinnerst du mich da an jemanden. Wenn man die Haare... Nein, wir belassen es dabei. So ist die Position. Wir probieren das jetzt und wollen doch einmal sehen, ob nicht alle das schön finden müssen, ob es nicht allen gefällt!“
    Er faselte noch eine ganze Weile so fort. Nachdem er die Kerzen auf dem Tisch ausgeblasen hatte und im Zimmer fast völlige Dunkelheit herrschte, ging er zur Staffelei zurück und malte weiter: „Ja, so ist’s gut“, murmelte er. „Die Farben, sie leuchten jetzt kräftig, ich finde Gestalt. Ja, jetzt ist’s gut.“

  14. #14
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Geschenk

    an pauls text gefiel mir die contradictio in adiecto, IM SCHWEIGEN IST LÄCHELN! dieses gewort beschreibt aufs anschaulichste eine meiner lieblingsbeziehungen.

    im übrigen war das wohl der erste schwanen-ordner des KvW-forums.

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