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Thema: Abschied

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Abschied

    Soll ich hier weiterschreiben?


    Hallo Julian,
    ich habe die Gläser weggeräumt und die Reste des Parmesankäse gegessen. Der Herbststrauß thront nun in der Mitte der Küche. Vielen Dank für den Fotoapparat, den du mir geliehen hast. Er steht neben dem Blumenstrauß. Leider habe ich es nicht mehr geschafft, die Gläser zu spülen. Ich rauche nun eine Zigarette, da die anderen es hier auch getan haben. Ich habe den Blumenstrauß noch mehr ins Licht gerückt. Ich werde das Licht ausmachen. Ich versprechs dir. Ich habe auch die Tabletten genommen. Ich verspreche dir, sie immer zu nehmen, wenn ich weit weg von dir bin. Ich erhebe das Glas auf dich. Schon immer wolltest du deine Geburtstage ohne mich feiern. Das wird das letzte Mal sein. Meine Mutter hat sich gefragt, was das für ein Mann sei, der seine Geburtstage alleine feiert. Wahrscheinlich hast du noch nie bemerkt, wie alleine ich war, obwohl du warst.
    Dein Schätzchen


    Lieber Julian,
    Wie ich es liebte. Dein Gesicht an meinem Schlüsselbein, wenn ich auf dir lag. Oder meine Nase geborgen neben deiner, den Duft einsaugend. Dich solange küssend bis du hinwegschliefst in jenes andere Land, in welches ich dir nicht folgen konnte. Wenn ich mich dann leise aufmachte, um in deiner Küche ein Zigarette zu rauchen, war ich froh, deine regelmäßigen Atemzüge zu hören.


    Ich liebte deine Souveränität bei gemeinsamen Essen auswärts. Wie du dich von den Kellnern bedienen ließest. Distanziert, Ruhe ausstrahlend, ohne eine Spur davon, den Kellner in deinen Bann ziehen zu wollen. Obwohl, du hättest es tun können. Warum hast du darauf verzichtet? Das fragte ich mich oft. Aber wahrscheinlich hattest du diesen Eifer um Begeisterung einfach nicht nötig. Dir haftet jene sanfte Erhabenheit an, die kein Erfolg haschen braucht. Denn du hast Erfolg. Beruflichen Erfolg. Und den kann dir keiner nehmen. Vielleicht war es jener, der unsere Trennung hinaufbeschwor. Ich konnte nicht neben dir bestehen. Wie ich immer versuchte meine ausgewaschenen T-Shirts unter den billigen Jacken zu verstecken. Wahrscheinlich hast du sie gar nicht wahrgenommen. Aber ich war da und nahm sie wahr.


    Unser letztes Essen wird mir in Erinnerung bleiben. Das exklusive Restaurant war fast leer, als wir ankamen. Ich trug mein teuerstes Abendkleid. Zum ersten Mal. Seit einer Woche hatte ich mich darauf gefreut, es zu tragen. Ich hatte mir blickdichte Seidenstrümpfe besorgt. Ich und Seidenstrümpfe! Wie sehr ich sie haßte, diese Dinger. Der Schritt hing immer so tief, daß sich noch gut eine Handbreit darin hätte verbergen könnte. Wahrscheinlich haßte ich diese Dinger, da meine Mutter sie mir immer aufzwang, als ich noch klein war. Soweit ich mich erinnere waren sie dunkelblau. Darüber mußte ich diese scheußlichen Jerseyhosen tragen, die knisterten, wenn ich sie über die Strumpfhose zog. Als ich schon in der Schule war, habe ich die Strümpfe und die Hosen vollgepinkelt, da ich mich nicht traute auf ein fremdes Klo zu gehen. Noch heute überfällt mich die Angst vor einem Schloß in öffentlichen Gebäuden. Wenn ich daheim ankam mit nassem Schritt, maulte meine Mutter mich an, ob ich es nicht fertig bekäme, in der Schule aufs Klo zu gehen. Jedenfalls stellte ich fest, daß die Seidenstrümpfe nur beim Laufen störten. Saß ich erst mit übereinandergeschlagenen Beinen wohlbehütet unter dem Blick der Kellner, war das Gefühl wie weggeblasen. Ich war erstaunt. Und sogar du warst erstaunt, vermeinte ich zu fühlen. Aber wahrscheinlich merkte nur ich es. Als der Kellner das Besteck gelegt hatte, begann ich damit, den Löffel an seinem Stiel auf und ab zu wippen. Ich war nervös. Ich war gespannt auf deine Reaktion. Und tatsächlich entfuhr dir: „Laß das. Das tut man nicht!“ Ich sagte aufgeregt: „Laß mich doch, ich bin nervös.“ Das konnte mich nicht daran hindern, mit Stolz meine Jakobsmuscheln, danach die Spaghetti mit den Gambaretti zu verspeisen. Zwischen den Gängen hingen meine halbgerauchten Zigaretten. Du sagtest nie etwas, wenn ich rauchte zwischen den Gängen. Schließlich war auch das verpönt. Aber wie sehr ich mich vor der bestellten Wildente fürchtete. Sie würde mir das Kleid versauen. Aber selbst diese aß ich mit Souveränität. Alles schien perfekt. Wenn da nicht dieser klitzekleine Makel gewesen wäre. Er hatte das Faß zum überlaufen gebracht. An jenem Abend hatte ich dich nicht gebeten, die Scheidung einzureichen. Dieses Mahnmal, das unsere Beziehung seit ich dich kannte, beschnitt. Ich war darüber hinweggeschritten. Ich schien erhaben dessen, was mich einst so sehr beschäftig hatte.


    Ich bin nun weit weg von dir und starre auf eine Betonwand. Mein Zimmer, es ist kein Zimmer. Es ist ein Bett. Sobald ich anfange, mich hier drin zu bewegen, stoße ich an eine Wand. Sie ist bekleistert mit kleinen Blumen. Du weißt, daß ich Kitsch liebe. Aber dies grenzt an das äußere meines Verstandes. Du weißt, meine Mittel lassen nicht mehr zu. Also, ich hoffe, du entschuldigst mich dafür, daß ich jetzt in dieser Absteige sitze. Ich habe es nicht geschafft, Kim mit herzunehmen. Er ist bei seinem Vater. Ich habe Kim gesagt, ich sei auf unbestimmte Zeit hin verreist. Er wird mir fehlen mit seinem Lachen. Mit seinem Feixen. Mit seinem Willen zu leben. Ich habe mir eine Auszeit genommen, weg vom wirklichen Leben, um wieder zu mir zu kommen.


    Ich stehe am Fenster und rauche eine Zigarette. Dabei muß ich mich an deine Balkontür erinnern. Ich war in Panik. Die Tür klemmte. Ich rieß wie wild an der Tür und habe sie nicht aufbekommen, immer mit deinem Blick im Nacken, die Zigarette würde im Raum verpuffen und zu stinken anfangen. Ich weiß, das ist diese Paranoia, die noch von meinem Exmann herrührt, aber ich konnte das Gefühl nicht abschütteln. Er sah zuerst durch dich, dann durch mich. Als Exraucher hattest du nie Probleme mit meinen Zigaretten. Manche Exraucher sind panisch, wenn sie eine Zigarette riechen. Bei dir war das nie der Fall. Mein Exmann hat die Zigaretten gehaßt, obwohl er sich hier und da im Freien eine Zigarre gönnte. Wahrscheinlich hat er mich und meine Zigaretten so gehaßt, da er Angst hatte, ich könnte Kim mit seinem Asthma den Atem nehmen. Der Kleine nahm schlichtweg den Eltern ihren Atem, indem er hustete und keine Luft bekam. Nächtelang. Den ersten Anfall hatte er, als er 4 Monate alt war. Ich erinnere mich noch, wie ich ihm als kleines Bündel auf der bunten Patchworkdecke zusammengeknautscht, versuchte den Bronchialsaft einzugeben. In halbjährigem Abstand folgten Phasen, in denen wir keinen Schlaf fanden, um immer wieder zu dem Kind zu eilen, das keine Luft bekam. „Du bist schuld! Du hast während der Schwangerschaft geraucht!“ wurde mir ständig um die Ohren geschlagen. Und trotzdem, wenn mir jetzt diese Zigarette im Schlund sitzt, fühle ich kaum Schuldbewußtsein. Ich glaube nicht daran, daß Kim meine Zigaretten den Atem nahmen. Es war allein er, mein Exmann. Vielleicht ist er Schuld an der Trennung von ihm und letztendlich an unserer.


    Noch gestern überfiel mich die Panik, nachts alleine durch die Wohnung zu laufen. Ich wußte, Kim schlief sanft in seinen Kissen. Es war erst wieder gut, als ich vor dem Bildschirm saß und Buchstaben in den Computer hackte. Unfertige Manuskripte häufen sich in meinem Zimmer. Ich werde sie nie zu Ende bringen. überhaupt, ich werde nie etwas zu Ende bringen. Weder eine Beziehung, noch ein Kind. Ich bin verantwortungslos. Ich bin froh, daß im Moment niemand davon weiß, denn ich bin weit weg von euch mit eurer Verantwortung füreinander.


    Ich habe die Zigarette weit weg von mir geschmissen, so daß sie auf der Straße landete. Hinterher habe ich mir gleich die nächste angezündet. Weißt du, es ist richtig schön, einmal hemmungslos rauchen zu können, ohne Blicke im Nacken. Aber das ist auch schon alles. Ich weiß nicht, was ich tun soll an diesem Ort. Zum Lesen fehlt mir die Konzentration. Spaziergehen will ich auch nicht, obwohl ich weiß, daß unten das Meer ruft. Es ist kalt hier in dieser Absteige. Ich habe mir zwei Pullis übereinandergezogen und stehe mit klappernden Zähnen am Fenster. Wahrscheinlich ahnst du schon, wo ich bin. Du hast diesen Ort geliebt. Wir waren nie im Winter hier. Das wäre auch für dich ein neues Erlebnis. Aber sei dir sicher. Du wirst mich hier nicht finden. Ich habe mir ein Zimmer genommen in diesem Ort fernab von unserer sonstigen Unterkunft. Morgen werde ich dir den ersten Brief zukommen lassen, damit du weißt, wie es mir geht. Aber jetzt überkommt mich die Platzangst. Ich werde dich für wenige Minuten verlassen, um nach draußen zu schnuppern.


    Ich kam hier rein, wie ein reudiger Hund, klatschnaß, die Haare durchweicht. In meinen Klamotten klebte das salzige Meer. Ich habe daheim die Regenjacke vergessen. An meinen Füßen hing der knirschende Sand. Meine Augen waren schwarze Höhlen. Das Make-up lief an meinen Wangen herunter. Aber was für ein Schauspiel sich mir draußen geboten hat! Das Meer war wütend. Ständig klatschten Brecher auf die Kaimauer. In den Rinnsteinen sammelten sich reißende Flüsse. Und die Autos, die auf dem Damm fuhren, wurden ständig von oben begossen von geischender Gischt. Ich bin an unserem Restaurant mit dem Panoramablick auf das Meer vorbeigeschlichen. Ich habe mir ausgemalt, wie ich mit dir zusammen dort drin süße und dieses Schauspiel im Trockenen beobachtete. Ich hätte eine Jakobsmuschel auf der Gabel gehabt und in die Naturgewalt geblickt. Aber nein, ich war draußen. Gerade, als ich meinen Hals reckte, erwischte mich eine tosende Flutwelle. Das Wasser in seiner Gewalt fiel über mich her wie ein Geist Neptuns. Ich mußte an mich halten, um nicht zu stürzen. Vielleicht war das eine Orkanböe. Ich war von einem Moment auf den anderen von oben bis unten naß. Dies hat mir gereicht. Panisch rannte ich den weiten Weg zurück in mein Zimmer. Ich bin noch ganz aufgeregt. Mein Herz pocht vom Laufen. Mein Gesicht ist rot vor Anstrengung. Ich spüre es. Es gibt hier im Raum keinen Spiegel.


    Der Hunger überfällt mich. Ich habe nur ein paar von diesen trockenen Reiskeksen mitgenommen. Ich reiße die Packung auf und stopfe sie in mich rein. Drei nacheinander, aber sie sind keine Befriedigung. Ich habe Sehnsucht nach einer Flasche Wein, aber ich habe nur diese eine armselige Wasserflasche. Die Kraft nach draußen zu gehen, habe ich nicht mehr. Vielleicht fürchte ich mich auch vor den Menschen da draußen. Daß sie sich lächerlich über mich machen könnten. Ich werde jetzt die Tabletten doch nicht nehmen. Ich bin wild entschlossen, es ohne sie und dich zu schaffen.




    Ich bin müde und werde mich hinlegen. Ich wünsche mir jetzt Kim neben mich, nicht dich, nein Kim mit seinem kindlichen Atem, seiner weichen unbedarften Haut. Wie gern ich sie streichelte, ihm über die Wangen strich und ihm sagte, daß ich ihn liebe. Ihn leicht massierend den RÜcken entlang, dann ein leises Streicheln über seine Pobacken. Manchmal warf er sich dann auf mich. Ich lag auf dem Bauch und er hatte sich auf meinen RÜcken geschwungen, die letzte Wärme meines Körpers auskostend. Ich konnte kaum Atmen, aber ich habe es, glaube mir genossen, das Kind auf mir zu spüren, das keinen Atem bekam und mir gleichzeitig den Atem nahm. Als er dann sanft entschlummerte, habe ich mich heimlich aufgemacht und bin davongegangen. Ich habe ihn kaum gestört in seinem Schlaf. Manchmal zuckte er noch auf und zog seinen Arm etwas fester um mich und sagte: „Mama dableiben.“ Dann bin ich selbstverständlich noch geblieben. Wie hätte ich diesem kleinen Chameur widerstehen können. Eines Nachts träumte ich, er läge auf mir und dann hat er mich ganz sanft genommen mit seinem winzigkleinen Penis.


    Die Müdigkeit beginnt, mich wegzutragen. Ich schaffe es nicht mehr, mich zu waschen. Ich ekle mich auch vor dem Bad auf dem Gang. Die Rohre sind rostig. Wahrscheinlich fließt das Wasser ganz rot aus dem Wasserhahn. Das Make-up abzuwaschen habe ich schon vor Jahren abgestellt. Abends fehlt mir einfach die Kraft dazu. Ich schaffe es gerade noch, die Zähne zu putzen. Und selbst dazu bin ich heute nicht in der Lage. Mein Zahnarzt hat mir prophezeit, daß mir in fünf Jahren die Zähne ausfallen werden aufgrund von Paradontose. Es komme vom rauchen. Jetzt ist es mir gerade egal. Sollen sie doch ausfallen. Die blöden Dinger. Für wen sollte ich noch schön sein. Ich werde auch nicht mehr zum Zahnarzt gehen. Sogar wenn sich das Nikotin auf den Zähnen ablagert und schwarze Stellen reinfrißt. Ich habe nur noch ein Bedürfnis. Zu schlafen. Solange zu schlafen bis ich mich in meiner Trägheit wälzen kann.


    Ich habe bis 13.00 Uhr geschlafen. Dann bin ich mit wackligen Beinen wieder aufgestanden. Meine Glieder schmerzen entsetzlich. Die Handgelenke scheinen reißen zu wollen. Als ob zwei Seilzüge in verschiedene Richtungen ziehen würden. Dies sind die ersten Anzeichen von Verlust. Der Verlust von dir und von Kim. Ich habe das schon vorhergesehen.


    Als ich ins Bad torkelte, hat mich die gleiche entsetzliche Blümchentapete wie in dem Zimmer erwartet. Die gelblichen Kacheln sahen so aus, als ob jemand darüber gepinkelt hätte. Und ich glaube das Abflußrohr ist nicht ganz dicht. Es stinkt entsetzlich. Ich habe nur einen kurzen Blick in den Spiegel mit dem Sprung geworfen, habe gepinkelt und bin dann wieder zurückgekehrt in mein Zimmer. Zuallererst habe ich den Koffer ausgepackt. Ich habe nur das Nötigste mitgenommen. Ich werde hier nicht viel brauchen. Die paar wenigen Kleider waren schnell in den Schrank geräumt.


    Komischerweise habe ich auch ein Foto von uns eingepackt. Es ist eine dieser Selbstauslöseraufnahmen. Du weißt, wie sehr ich es liebte, diese Fotos zu schießen. Zuerst das Suchen eines Ortes, wo ich die Kamera aufstellen könnte. Dann die Spannung beim Auslösen, ob ich auch noch auf das Bild mit draufkäme. Schließlich das Rennen, da nur 10 Sekunden Zeit waren. Atemlos blickte ich immer in die Kamera. Auf jenem Foto hast du den Arm um mich gelegt. Ich bin neben deiner riesigen dürren Gestalt klein und pummelig. Mein Arm hängt haltlos vor meinem Bauch. Aber ich lächle in die Kamera. Das Fotos ist ganz am Anfang unserer Beziehung entstanden. Wie glücklich wir noch miteinander waren! Obwohl du 18 Jahre älter als ich bist, habe ich das nie als Makel in unserer Beziehung befunden. Nein, ich hatte einen ganz besonderen Stolz auf dich. Mit deinen 1 Meter 95 warst du schon von der Größe her eine imposante Erscheinung. Auch dein graues volles Haar habe ich an dir gemocht. Wenn du braun im Gesicht warst leuchteten deine Haare. Das Schlenkern deiner zu kurzen Arme an deinem langen Körper hat mich nie gestört. Und wie schön es war deine schlanken Finger auf mir zu spüren, wie sie zuerst zärtlich, dann immer fordernder werdend über meine Körper strichen? Jetzt wirst du dich fragen, warum ich das alles hinter mir lasse. Einige Gründe habe ich schon erwähnt. Aber weißt du auch, wie wichtig es ist, daß ich ein einziges Mal in meinem Leben auf mich selbst gestellt sein mu.“


    So, jetzt werde ich mir die Jacke überziehen und den Brief zur Post bringen. Suche bitte nicht nach mir. Ich werde weiter von mir hören lassen.


    Elisabeth


    Lieber Julian,
    ich kehre gerade zurück von meinem Ausgang. Zuerst habe ich die Post gesucht. Leicht verloren bin ich fünfmal um den gleichen Block gelaufen. Und das im strömenden Regen. Triefnaß erblickte ich schließlich das Postzeichen. Ich mußte lange warten in der Schlange, um den Brief aufzugeben. Die Leute schickten mitleidige Blicke auf mich. Ich kam mir vor wie ein Würmchen. Wahrscheinlich lag es an meiner armseligen Kleidung und an meinen ungewaschenen nassen Haaren. Oder habe ich mir diese Blicke nur eingebildet? Der Postbeamte starrte dann mürrisch auf den Brief. Die Tinte war durch den Regen zerflossen und die Buchstaben kaum mehr lesbar. Er herrschte mich an, daß das so aber nicht gehe. Er nahm einen Aufkleber und heftete ihn auf die unleserlichen Buchstaben. Dann hieß er mich, die Adresse erneut auf den Kleber zu schreiben. In jenem Augenblick wäre ich gern zu einem Mäuschen geworden, um in meinem Loch verschwinden zu können. Ich raffte aber alle meine Kräfte zusammen und schrieb nochmals deine Adresse auf. Ich wäre am liebsten davongerannt, aber schließlich sollte der Brief dich ja erreichen.


    Als ich bezahlt hatte, ging ich wieder hinaus in den strömenden Regen. Ich wollte noch einkaufen gehen. Mir war klar, daß ich diese Einkäufe sofort tätigen mußte. Wenn ich mal wieder auf meinem Zimmer wäre, würde mich kein Erdbeben dazu veranlassen aus dem Zimmer zu gehen. Ich suchte eine ganze Weile. Die Leute auf der Straße schienen sehr geschäftig. Sie rannten alle mit einem Ziel in eine bestimmte Richtung, während ich mich leicht benommen auf dem Gehweg herumdrückte. Rein zufällig entdeckte ich ein Lebensmittelgeschäft. Leider war es einer dieser Tante Emma Läden. Ich hätte mir einen großen anonymen Supermarkt gewünscht, wo mich niemand beachtete. Aber ich hatte keine Kraft weiterzusuchen. Also betrat ich den Laden. Ich nahm mir einen Plastikkorb und begab mich in den kleinen dunklen Gang. Ich hatte keine bestimmte Vorstellung, was ich kaufen würde. Ich wußte auch nicht, auf was ich Appetit haben würde. Ziellos packte ich Käse, Wurst und Brot ein. Alles abgepackt. An die Frischetheke hinter der die Verkäuferin stand, wagte ich mich nicht. Auf dem Weg zur Kasse nahm ich auch noch zwei Flaschen Wein und eine Flasche Wasser. Drei Päckchen Zigaretten ließ ich wie zufällig an der Kasse in den Einkaufskorb fallen. Die Verkäuferin musterte mich hinter ihrer Brille scharf, als sie den Preis der Weinflaschen und der Zigaretten eintippte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Kassenbon mit einem Rattern aus dem Schlitz kam. Ich war froh, daß das Rattern so laut war. Das enthob uns eines Gesprächs. Ich zählte dann das Geld auf die Ablage. Schließlich war ich entlassen. Erleichtert betrat ich die Straße und hieß den Regen willkommen. Ich konnte als ein Partikel ohne Namen fliehen.


    Auf dem Weg zur Pension kam ich an einem Cafe vorbei. Ich hatte noch nichts gefrühstückt. Niemand würde mir etwas anhaben können, wenn ich hier ein paar Spiegeleier aß. Mit meinen Einkaufstüten beladen betrat ich den Raum. Hinter der Theke stand ein etwas dicklicher Mann in mittleren Jahren. Seine Kleidung war so ärmlich wie meine, aber er grinste mich so nett an, daß ich dachte, daß ich mich hier wohl fühlen würde. Ich lächelte zurück und setzte mich. Es war das erste Mal an diesem Morgen, daß mich jemand angelächelt hatte. Der Raum war klein und die Tische standen eng nebeneinander. Ich nahm die Karte und suchte nach Spiegeleiern. Tatsächlich sie waren auf der Karte. Ich war genau richtig. Aus der Küche rief jemand: „Matteo!“ Der Mann hinter der Theke drehte sich um und lief in die Küche. Er hieß also Matteo. Als er aus der Küche kam, trat er zu mir an den Tisch und fragte: „Was darf ich Ihnen bringen?“ Dabei grinste er wieder direkt in mein Gesicht. Sein Haar war schwarz. Wahrscheinlich war er Südländer. Ich fragte ihn: „Was hat Sie in den Norden verschlagen?“ Er schien überrascht, daß ich ihn das fragte. Er überlegte kurz und dann sagte er: „Die Familie.“ Ich wollte auch schon nicht mehr wissen. Ich hatte nur aus Höflichkeit gefragt, da er so nett schien. Ich hatte mich für meine Begriffe sowieso schon weit vor gewagt, diese Frage zu stellen. Ich antwortete also: „Die Familie also. Ich hätte gern zwei Spiegeleier und einen Kaffee.“ Damit hatte ich es vermieden, mit ihm ein persönliches Gespräch anzufangen. Er notierte die Bestellung und verschwand in der Küche. Ich begann meinen Blick schweifen zu lassen. Ein jugendliches Pärchen gab sich Küsse. Ein älterer Mann schlürfte seinen Kaffee. Aber dann im hintersten Eck entdeckte ich dich. Ich sah nur die Zeitung und über der Zeitung schwebten graue Haare. Ich reckte meinen Kopf nach dem Titel der Zeitung. Es war die Süddeutsche. Wer liest hier im Norden von Deutschland die Süddeutsche? Das konntest nur du sein. Ich wollte mich schon vom Sitz erheben und „Julian!“ schreien. Aber ich schien wie festgenagelt. Meine Stimmbänder rumorten. Aber mir entwich kein Laut. Fieberhaft überlegte ich. Ich sagte mir: „Du mußt warten, bis du sein Gesicht siehst.“ Matteo brachte den Kaffee und die Spiegeleier. Ich schlang alles in mich rein, ohne zu bemerken, daß ich aß. Der Eidotter sammelte sich auf meinem Mantel. Ich wischte ihn nicht ab, da ich immer wieder zu dir hinüberstarren mußte. Schließlich liest du die Zeitung sinken. Du schautest auf die Straße, kein Blick galt mir. Aber das warst du. Ich hätte es schwören können. Eindeutig. Kann man auf die Entfernung von 10 Metern einen Menschen erkennen? Ich meine schon. Ich stand hastig auf und ging zu Matteo, um zu bezahlen. Mein Herz klopfte, daß ich die Schlagader fühlte. Du warst mir also gefolgt. Aber wie konntest du wissen, daß ich hier in dieser Stadt bin? Der Brief hat dich doch noch nichteinmal erreicht. Hastig fragte ich Matteo, ob er eine Aushilfe bräuchte. Er blickte mir in die Augen und sagte: „Hier und da bräuchten wir schon jemand.“ „Soll ich morgen früh anfangen.“ „Ja, komm morgen früh. Zum Frühstück sind immer einige Gäste da.“ Ich warf noch einen Blick auf dich zurück. Du lehntest mit ausgestreckten Beinen zurückgelehnt im Stuhl. Keinerlei Panik war dir anzumerken.



    [Diese Nachricht wurde von Patina am 09. November 2002 editiert.]

  2. #2
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    AW: Abschied

    Wie ich es liebte. Dein Gesicht an meinem Schlüsselbein, wenn ich auf dir lag. Oder meine Nase geborgen neben deiner, den Duft einsaugend. Dich solange küssend bis du hinwegschliefst in jenes andere Land, in welches ich dir nicht folgen konnte. Wenn ich mich dann leise aufmachte, um in deiner Küche ein Zigarette zu rauchen, war ich froh, deine regelmäßigen Atemzüge zu hören.
    Damit beginnst Du. Das ist gut. Hier bekommt der Leser einen Einblick in Deine Seele, das mußt Du als Schwungmasse benutzen, um dann anderes zu entwickeln, worum es Dir eben geht.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Abschied

    Pati,


    dann will ich mal über den Text herfallen. Nein, so schlimm ist es nicht. Gerade der Anfang, den Robert ansprach, gefällt mir auch sehr gut. Meine Vermutung ist, du willst hier eine Depressive beschreiben.


    Aber du hast m. E. manchmal so seltsame Sprünge im Text. Du erzählst was, brichst das plötzlich ab und beginnst was neues zu erzählen. So kam es mir jedenfalls oft vor. Dann kapier ich den Anfang wiederum nicht ganz. Du schreibst einen Brief an "Schätzchen" (muß das sein? ). Dann unterschreibst du auch wieder mit "Schätzchen". Ok, aber dann kommt keine neue Anrede. Vergessen? Denn so versteh ich es überhaupt nicht. sprachlich gibt es einiges zu mäkeln, z. B.


    überhaupt, ich werde nie etwas zu Ende bringen. Weder eine Beziehung, noch ein Kind.


    Das ist zu hoffen, daß sie nie ein Kind zu Ende bringt.


    Aber da soll sich Robert drauf stürzen, auf das sprachliche. Versuch es weiterzuschreiben, wenn du meinst, es lohnt sich.Du wirst aber auf jeden Fall noch ne Menge ÜberArbeitung damit haben.

  4. #4
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    AW: Abschied

    Hallo tt,


    Zuerst mal vielen Dank fürs Lesen.


    Mit der Anrede hast du recht. Ich werde am Anfang einen ordentlichen Namen drüberschreiben und mit "dein Schätzchen" unterschreiben. Dann hast du auch recht, daß über dem zweiten Absatz eine Anrede fehlt. Wird noch eingefügt. Ich war so in meinem Schreibfieber, daß ich es nicht gemerkt habe.


    Ja die Sprünge. Da muß mir wohl Robert helfen, sie zu eliminieren. Ich hab das Ganze zuerst einmal hingerotzt. Klar daß da noch Überarbeitung notwendig ist.


    Jedenfalls macht es mir Spaß mal wieder was längeres zu schreiben. Den Drang hatte ich schon lange nicht mehr. Am liebsten würde ich einen kleinen Roman draus machen. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte.


    Ich wollte keine Depressive, sondern eine Schizophrene beschreiben. Es wird noch einiges kommen, wenn sie wieder in ihrer Psychose endet, da sie die Medikamente nicht nimmt. Ich bin also mal wieder bei meinem alten Thema angelangt.


    Viele Grüße von Pati

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Abschied

    Nicht alles, Bowle! Das wirst Du mir nachsehen, gelle? Ich mach jetzt diesen zweiten Teil des Textes. Daraus sollte meine Meinung schon hervorgehen. Durch den Aderlaß hab ich ja jetzt mehr Zeit für Deine Sachen. Hat also auch sein Gutes.
    Ich liebte deine Souveränität bei gemeinsamen Essen auswärts.
    Was eigentlich nur besagt, daß diese daheim nicht angenehm empfunden wurde. Die Satzstellung ist ungebräuchlich, hat hier aber keine stilistische Funktion... ?
    Wie du dich von den Kellnern bedienen ließest. Distanziert, Ruhe ausstrahlend, ohne eine Spur davon, den Kellner in deinen Bann ziehen zu wollen. Obwohl, du hättest es tun können. Warum hast du darauf verzichtet? Das fragte ich mich oft.
    etwas geschwätzig, zumal unverdichtet
    besser: Beschreibung ohne Wertung, Begeisterung durchscheinen lassen, Freiheit vermitteln, Leichtigkeit und entweder expositionell oder anschlüssig koordinieren
    Aber wahrscheinlich hattest du diesen Eifer um Begeisterung einfach nicht nötig. Dir haftet jene sanfte Erhabenheit an, die keinen Erfolg zu haschen braucht.
    BRAUCHT ist ein zu häufig eingesetztes Wort im Deutschen. Hier ist es mißverständlich. Das ZU ist hier unvermeidlich. Dann aber klingt es gestelzt und wird poetisch beliebig. Überleg Dir den Gebrauch!
    Denn du hast Erfolg. Beruflichen Erfolg. Und den kann dir keiner nehmen. Vielleicht war es jener, der unsere Trennung hinaufbeschwor.
    herauf... Klingt nur eindimensional; keine Facette; Stilmuster BRIEF? Duhast hier keine Konkretation; bitte um Einzelheiten; Beispiele und persönliche Bezüge
    Ich konnte nicht neben dir bestehen. Wie ich immer versuchte, meine ausgewaschenen T-Shirts unter den billigen Jacken zu verstecken.
    Das ist kein schöner Satz. Genauer. Persönlicher. ... Weißt Du noch, wie ich im HILTON versuchte,...
    Wahrscheinlich hast du sie gar nicht wahrgenommen.
    Das ist richtig. So mußt Du aufbauen. DU DU DU hast das und das nicht... Und dann...
    Aber ich war da und nahm sie wahr.


    Unser letztes Essen wird mir in Erinnerung bleiben. Das exklusive Restaurant war fast leer, als wir ankamen. Ich trug mein teuerstes Abendkleid. Zum ersten Mal. Seit einer Woche hatte ich mich darauf gefreut, es zu tragen. Ich hatte mir blickdichte Seidenstrümpfe besorgt. Ich und Seidenstrümpfe! Wie sehr ich sie haßte, diese Dinger. Der Schritt hing immer so tief, daß sich noch gut eine Handbreit darin hätte verbergen könnte. Wahrscheinlich haßte ich diese Dinger, da meine Mutter sie mir immer aufzwang, als ich noch klein war. Soweit ich mich erinnere waren sie dunkelblau.
    JA, jetzt wirst Du konkreter, aber zugleich versinkst Du in einer unnötigen Vertiefung der Erinnerung. Dazwischen erzähl nur; stell zum Du einen Bezug her.
    Darüber mußte ich diese scheußlichen Jerseyhosen tragen, die knisterten, wenn ich sie über die Strumpfhose zog. Als ich schon in der Schule war, habe ich die Strümpfe und die Hosen vollgepinkelt, da ich mich nicht traute auf ein fremdes Klo zu gehen. Noch heute überfällt mich die Angst vor einem Schloß in öffentlichen Gebäuden. Wenn ich daheim ankam mit nassem Schritt, maulte meine Mutter mich an, ob ich es nicht fertig bekäme, in der Schule aufs Klo zu gehen. Jedenfalls stellte ich fest, daß die Seidenstrümpfe nur beim Laufen störten. Saß ich erst mit übereinandergeschlagenen Beinen wohlbehütet unter dem Blick der Kellner, war das Gefühl wie weggeblasen.
    Besser ist es, wenn Du diese Geschichte früher erzählen könntest. Das bedeutet eine völlige Umstellung des Textes.
    Also, es ist schon okay, wenn Du in dem Restaurant diese Erinnerungen hast, sie sind jetzt aber irgendwie verwirrend. Und da Du Dich am Anfang Deines Textes befindest, solltest Du den Leser erst einmal in Ort und Stunde einführen, dann so nach die Dinge um diesen Ort greifen lassen, damit Spannungsmomente erzeugen, die durch Voriges angezeigt wurden. Da reicht dann ein Blick auf die Seidenstrümpfe, und der Leser weiß sofort, was er bedeutet. Das nennt man immanente Spannungserzeugung. Sie ist fundamental für einen guten Roman. Um sie erzeugen zu können, mußt Du sehr gut vorbereiten. Hier geht's durcheinander. Vorbereitung und Explikation sind beinahe eins.
    Ich war erstaunt. Und sogar du warst erstaunt, vermeinte ich zu fühlen. Aber wahrscheinlich merkte nur ich es.
    Ja, und? weiter...
    Als der Kellner das Besteck gelegt hatte, begann ich damit, den Löffel an seinem Stiel auf und ab zu wippen. Ich war nervös.
    keine Erklärungen des Gemütszustandes, sondern eine Beschreibung...
    Ich war gespannt auf deine Reaktion. Und tatsächlich entfuhr dir: "Laß das! Das tut man nicht!? Ich sagte aufgeregt: "Laß mich doch, ich bin nervös."
    So ist es okay. Sagen darf sie es.
    Das konnte mich nicht daran hindern, mit Stolz meine Jakobsmuscheln, danach die Spaghetti mit den Gambaretti zu verspeisen. Zwischen den Gängen hingen meine halbgerauchten Zigaretten. Du sagtest nie etwas, wenn ich rauchte zwischen den Gängen. Schließlich war auch das verpönt. Aber wie sehr ich mich vor der bestellten Wildente fürchtete. Sie würde mir das Kleid versauen. Aber selbst diese aß ich mit Souveränität. Alles schien perfekt. Wenn da nicht dieser klitzekleine Makel gewesen wäre. Er hatte das Faß zum überlaufen gebracht. An jenem Abend hatte ich dich nicht gebeten, die Scheidung einzureichen.
    Dieser letzte Satz hängt jetzt plötzlich in der Luft. Hm. Da muß ich erst mal schauen, was da noch passiert. Eine merkwürdig verquere Verschränkung der einzelnen Ereignisse. Muß aber nicht stören, wenn Du den Leser so bei der Stange hältst, schließlich betrachtet er eine Kopfverquere, gelle?
    Dieses Mahnmal, das unsere Beziehung seit ich dich kannte, beschnitt.
    Mahnmal Scheidung? Völlig unklar, was Du hier meinst, wen Du meinst, wie Du es meinst. Es gibt da hundert Möglichkeiten für die Erklärung.
    Ich war darüber hinweggeschritten. Ich schien erhaben dessen, was mich einst so sehr beschäftigt hatte.
    etwas geschraubt

  6. #6
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    Post AW: Abschied

    Unser letztes Essen wird mir in Erinnerung bleiben. Das exklusive Restaurant war fast leer, als wir ankamen. Ich trug mein teuerstes Abendkleid. Zum ersten Mal. Seit einer Woche hatte ich mich darauf gefreut, es zu tragen. Ich hatte mir blickdichte Seidenstrümpfe besorgt. Ich und Seidenstrümpfe! Wie sehr ich sie haßte, diese Dinger. Der Schritt hing immer so tief, daß sich noch gut eine Handbreit darin hätte verbergen könnte. Wahrscheinlich haßte ich diese Dinger, da meine Mutter sie mir immer aufzwang, als ich noch klein war. Soweit ich mich erinnere waren sie dunkelblau. Darüber mußte ich diese scheußlichen Jerseyhosen tragen, die knisterten, wenn ich sie über die Strumpfhose zog. Als ich schon in der Schule war, habe ich die Strümpfe und die Hosen vollgepinkelt, da ich mich nicht traute auf ein fremdes Klo zu gehen. Noch heute überfällt mich die Angst vor einem Schloß in öffentlichen Gebäuden. Wenn ich daheim ankam mit nassem Schritt, maulte meine Mutter mich an, ob ich es nicht fertig bekäme, in der Schule aufs Klo zu gehen. Jedenfalls stellte ich fest, da? die Seidenstrümpfe nur beim Laufen störten. Saß ich erst mit übereinandergeschlagenen Beinen wohlbehütet unter dem Blick der Kellner, war das Gefühl wie weggeblasen. Ich war erstaunt. Und sogar du warst erstaunt, vermeinte ich zu fühlen. Aber wahrscheinlich merkte nur ich es. Du saßest da und studiertest die Speisekarte. Du fragtest, was ich wohl essen möge, während ich nur hin und wieder mit dem Finger zu meinem Schritt ging, um an der Seidenstrumpfhose zu zupfen. Ich schlug meine Beine wieder auseinander. Die Handbreit war immer noch da. Schlichtweg diese Leere störte. Ich frage dich: "Könntest du jetzt?" Dabei wurde ich rot. Unbedarft fragtest du: "Was?" Ich murmelte unhörbar für dich: "Mich stört diese Leere. Es ist nichts." "Also wir nehmen zusammen eine Portion Spaghetti mit Garnelen?" Ich zupfte wieder und antwortete mit einem tapferen "Ja."


    Als der Kellner das Besteck gelegt hatte, begann ich damit, den Löffel an seinem Stiel auf und ab zu wippen. Ich saß mit dem Rücken im Nichts. Wäre da eine Wand gewesen in meiner Rückseite, wäre es mir nicht so ergangen. Da war nur dieser fadenscheinige Paravent, der drohte umzufallen, wenn ich nach hinten kippte. Ich war gespannt auf deine Reaktion. Und tatsächlich entfuhr dir: "Laß das. Das tut man nicht!" Ich sagte aufgeregt: "Laß mich doch, ich bin nervös." Das konnte mich nicht daran hindern, mit Stolz meine Jakobsmuscheln, danach die Spaghetti mit den Gambaretti zu verspeisen. Zwischen den Gängen hingen meine halbgerauchten Zigaretten. Du sagtest nie etwas, wenn ich rauchte zwischen den Gängen. Schließlich war auch das verpönt. Aber wie sehr ich mich vor der bestellten Wildente fürchtete. Sie würde mir das Kleid versauen. Aber selbst diese aß ich mit Souveränität. Alles schien perfekt. Wenn da nicht dieser klitzekleine Makel gewesen wäre. Er hatte das Faß zum überlaufen gebracht. An jenem Abend hatte ich dich nicht gebeten, die Scheidung einzureichen, wie sonst. Immer tauchte an diesen Abenden das Thema von meiner Seite auf. Ich hatte es übergangen. Es würde keinerlei Diskussionen geben, wieviel dich die Scheidung kosten würde. Das, was mich einst so beschäftigt hatte, konnte mich nicht mehr berühren.


    Trotzdem ich liebte deine Souveränität. Deine Blicke in den Raum, wenn du den Kellner erblicktest, waren ruhig wie stehendes Gewässer. Kein Anflug davon, mit ihm in ein leichtes Geplätscher versinken zu wollen.
    Deine Blicke ruhten nur bei mir. Der Kellner war ein Werkzeug, der das Essen brachte. Aber wahrscheinlich hattest du diesen Eifer um Begeisterung einfach nicht nötig. Dir haftet jene sanfte Erhabenheit an, die kein Erfolg haschen notwendig macht. Denn du hast Erfolg. Beruflichen Erfolg. Und den kann dir keiner nehmen. Vielleicht war es auch jener, der unsere Trennung hinaufbeschwor. Dein Gehalt überstieg mein eigenes um das zehnfache. Ständig berichtestest du von deinen erfolgreichen Geschäftsreisen. Welche Erfolge du erzieltest. Daß das Unternehmen unter deinem Vorstand auf das beste florierte, obwohl Wirtschaftsflaute war. Oft warst du weit weg und riefst mich noch spät abends an, wie gut das Geschäft verlaufen sei und daß du nun leider nicht mehr zu mir kommen könntest. Ich verblieb dann wartend auf den nächsten Abend, an dem du mir auch noch absagtest. Als mir dann noch meine Kündigung ins Haus stand, wußte ich nicht mehr wie ich neben dir bestehen konnte. Eine Kündigung ist endgültig. Dann bist du arbeitslos. Dein letztes Selbstbewußtsein wird dir genommen. Alles was du sagtest, als ich dir das Schreiben auf den Tisch legte, war: "Ich geh mit dir einkaufen." Was willst du mit mir einkaufen gehen? Ein Abendkleid? Weißt du noch, wie ich einst auf Fuerteventura in dem pickfeinen Saal versuchte mein ausgewaschenes T-Shirts unter der billigen Jacke zu verstecken? Wahrscheinlich hast du das gar nicht wahrgenommen. Aber ich war da und nahm es wahr. Ich sehe keine Zukunft in unserer Beziehung. Du bietest mir keine Perspektive.

  7. #7
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    Post AW: Abschied

    So, werter Mr. Jones, jetzt können Sie sich die Zähne ausbeißen an diesem Werk. Ich hoffe sie sind gut. Ich meine die Zähne. Es ist noch ein kleiner Teil dazugekommen. Für die nachfolgenden Texte werde ich neue Ordner eröffnen. Der Übersichtlichkeit halber.




    [..]


    Ich bin nun weit weg von dir und starre auf eine Betonwand. Mein Zimmer, es ist kein Zimmer. Es ist ein Bett. Sobald ich anfange, mich hier drin zu bewegen, stoße ich an eine Wand. Sie ist bekleistert mit kleinen Blumen. Du weißt, daß ich Kitsch liebe. Aber dies grenzt an das Äußere meines Verstandes. Du weißt, meine Mittel lassen nicht mehr zu. Also, ich hoffe, du entschuldigst mich dafür, daß ich jetzt in dieser Absteige sitze. Ich habe es nicht geschafft, Kim mit herzunehmen. Er ist bei seinem Vater. Ich habe Kim gesagt, ich sei auf unbestimmte Zeit hin verreist. Er wird mir fehlen mit seinem Lachen. Mit seinem Feixen. Mit seinem Willen zu leben. Ich habe mir eine Auszeit genommen, weg vom wirklichen Leben, um wieder zu mir zu kommen.


    Ich stehe am Fenster und rauche eine Zigarette. Dabei muß ich mich an deine Balkontür erinnern. Ich war in Panik. Die Tür klemmte. Ich riß wie wild an der Tür und habe sie nicht aufbekommen, immer mit deinem Blick im Nacken, die Zigarette würde im Raum verpuffen und zu stinken anfangen. Ich weiß, das ist diese Paranoia, die noch von meinem Exmann herrührt, aber ich konnte das Gefühl nicht abschütteln. Er sah zuerst durch dich, dann durch mich. Als Exraucher hattest du nie Probleme mit meinen Zigaretten. Manche Exraucher sind panisch, wenn sie eine Zigarette riechen. Bei dir war das nie der Fall. Mein Exmann hat die Zigaretten gehaßt, obwohl er sich hier und da im Freien eine Zigarre gönnte. Wahrscheinlich hat er mich und meine Zigaretten so gehaßt, da er Angst hatte, ich könnte Kim mit seinem Asthma den Atem nehmen. Der Kleine nahm schlichtweg den Eltern ihren Atem, indem er hustete und keine Luft bekam. Nächtelang. Den ersten Anfall hatte er, als er 4 Monate alt war. Ich erinnere mich noch, wie ich ihm als kleines Bündel auf der bunten Patchworkdecke zusammengeknautscht, versuchte den Bronchialsaft einzugeben. In halbjährigem Abstand folgten Phasen, in denen wir keinen Schlaf fanden, um immer wieder zu dem Kind zu eilen, das keine Luft bekam. "Du bist schuld! Du hast während der Schwangerschaft geraucht!" wurde mir ständig um die Ohren geschlagen. Und trotzdem, wenn mir jetzt diese Zigarette im Schlund sitzt, fühle ich kaum Schuldbewußtsein. Ich glaube nicht daran, daß Kim meine Zigaretten den Atem nahmen. Es war allein er, mein Exmann. Vielleicht ist er Schuld an der Trennung von ihm und letztendlich an unserer.


    Noch gestern überfiel mich die Panik, nachts alleine durch die Wohnung zu laufen. Ich wußte, Kim schlief sanft in seinen Kissen. Es war erst wieder gut, als ich vor dem Bildschirm saß und Buchstaben in den Computer hackte. Unfertige Manuskripte häufen sich in meinem Zimmer. Ich werde sie nie zu Ende bringen. Überhaupt, ich werde nie etwas zu Ende bringen. Weder eine Beziehung mit einem Mann, noch eine Beziehung zu einem Kind. Ich bin verantwortungslos. Ich bin froh, daß im Moment niemand davon weiß, denn ich bin weit weg von euch mit eurer Verantwortung füreinander.


    Ich habe die Zigarette weit weg von mir geschmissen, so daß sie auf der Straße landete. Hinterher habe ich mir gleich die nächste angezündet. Weißt du, es ist richtig schön, einmal hemmungslos rauchen zu können, ohne Blicke im Nacken. Aber das ist auch schon alles. Ich weiß nicht, was ich tun soll an diesem Ort. Zum Lesen fehlt mir die Konzentration. Spaziergehen will ich auch nicht, obwohl ich weiß, daß unten das Meer ruft. Es ist kalt hier in dieser Absteige. Ich habe mir zwei Pullis übereinandergezogen und stehe mit klappernden Zähnen am Fenster. Wahrscheinlich ahnst du schon, wo ich bin. Du hast diesen Ort geliebt. Wir waren nie im Winter hier. Das wäre auch für dich ein neues Erlebnis. Aber sei dir sicher. Du wirst mich hier nicht finden. Ich habe mir ein Zimmer genommen in diesem Ort fernab von unserer sonstigen Unterkunft. Morgen werde ich dir den ersten Brief zukommen lassen, damit du weißt, wie es mir geht. Aber jetzt überkommt mich die Platzangst. Ich werde dich für wenige Minuten verlassen, um nach draußen zu schnuppern.


    Ich kam hier rein, wie ein räudiger Hund, klatschnaß, die Haare durchweicht. In meinen Klamotten klebte das salzige Meer. Ich habe daheim die Regenjacke vergessen. An meinen Füßen hing der knirschende Sand. Meine Augen waren schwarze Höhlen. Das Make-up lief an meinen Wangen herunter. Aber was für ein Schauspiel sich mir draußen geboten hat! Das Meer war wütend. Ständig klatschten Brecher auf die Kaimauer. In den Rinnsteinen sammelten sich reißende Flüsse. Und die Autos, die auf dem Damm fuhren, wurden ständig von oben begossen von geischender Gischt. Ich bin an unserem Restaurant mit dem Panoramablick auf das Meer vorbeigeschlichen. Ich habe mir ausgemalt, wie ich mit dir zusammen dort drin süße und dieses Schauspiel im Trockenen beobachtete. Ich hätte eine Jakobsmuschel auf der Gabel gehabt und in die Naturgewalt geblickt. Aber nein, ich war draußen. Gerade, als ich meinen Hals reckte, erwischte mich eine tosende Flutwelle. Das Wasser in seiner Gewalt fiel über mich her wie ein Geist Neptuns. Ich mußte an mich halten, um nicht zu stürzen. Vielleicht war das eine Orkanböe. Ich war von einem Moment auf den anderen von oben bis unten naß. Dies hat mir gereicht. Panisch rannte ich den weiten Weg zurück in mein Zimmer. Ich bin noch ganz aufgeregt. Mein Herz pocht vom Laufen. Mein Gesicht ist rot vor Anstrengung. Ich spüre es. Es gibt hier im Raum keinen Spiegel.


    Der Hunger überfällt mich. Ich habe nur ein paar von diesen trockenen Reiskeksen mitgenommen. Ich reiße die Packung auf und stopfe sie in mich rein. Drei nacheinander, aber sie sind keine Befriedigung. Ich habe Sehnsucht nach einer Flasche Wein, aber ich habe nur diese eine armselige Wasserflasche. Die Kraft nach draußen zu gehen, habe ich nicht mehr. Vielleicht fürchte ich mich auch vor den Menschen da draußen. Daß sie sich lächerlich über mich machen könnten. Ich werde jetzt die Tabletten doch nicht nehmen. Ich bin wild entschlossen, es ohne sie und dich zu schaffen.


    Ich bin müde und werde mich hinlegen. Ich wünsche mir jetzt Kim neben mich, nicht dich, nein Kim mit seinem kindlichen Atem, seiner weichen unbedarften Haut. Wie gern ich sie streichelte, ihm über die Wangen strich und ihm sagte, daß ich ihn liebe. Ihn leicht massierend den Rücken entlang, dann ein leises Streicheln über seine Pobacken. Manchmal warf er sich dann auf mich. Ich lag auf dem Bauch und er hatte sich auf meinen Rücken geschwungen, die letzte Wärme meines Körpers auskostend. Ich konnte kaum Atmen, aber ich habe es, glaube mir genossen, das Kind auf mir zu spüren, das keinen Atem bekam und mir gleichzeitig den Atem nahm. Als er dann sanft entschlummerte, habe ich mich heimlich aufgemacht und bin davongegangen. Ich habe ihn kaum gest?rt in seinem Schlaf. Manchmal zuckte er noch auf und zog seinen Arm etwas fester um mich und sagte: „Mama dableiben.“ Dann bin ich selbstverständlich noch geblieben. Wie hätte ich diesem kleinen Chameur widerstehen können. Eines Nachts träumte ich, er läge auf mir und dann hat er mich ganz sanft genommen mit seinem winzigkleinen Penis.


    Die Müdigkeit beginnt, mich wegzutragen. Ich schaffe es nicht mehr, mich zu waschen. Ich ekle mich auch vor dem Bad auf dem Gang. Die Rohre sind rostig. Wahrscheinlich fließt das Wasser ganz rot aus dem Wasserhahn. Das Make-up abzuwaschen habe ich schon vor Jahren abgestellt. Abends fehlt mir einfach die Kraft dazu. Ich schaffe es gerade noch, die Zähne zu putzen. Und selbst dazu bin ich heute nicht in der Lage. Mein Zahnarzt hat mir prophezeit, daß mir in fünf Jahren die Zähne ausfallen werden aufgrund von Paradontose. Es komme vom rauchen. Jetzt ist es mir gerade egal. Sollen sie doch ausfallen. Die blöden Dinger. Für wen sollte ich noch schön sein. Ich werde auch nicht mehr zum Zahnarzt gehen. Sogar wenn sich das Nikotin auf den Zähnen ablagert und schwarze Stellen reinfrißt. Ich habe nur noch ein Bedürfnis. Zu schlafen. Solange zu schlafen bis ich mich in meiner Trägheit wälzen kann.


    Ich habe bis 13.00 Uhr geschlafen. Dann bin ich mit wackligen Beinen wieder aufgestanden. Meine Glieder schmerzen entsetzlich. Die Handgelenke scheinen reißen zu wollen. Als ob zwei Seilzüge in verschiedene Richtungen ziehen würden. Dies sind die ersten Anzeichen von Verlust. Der Verlust von dir und von Kim. Ich habe das schon vorhergesehen.


    Als ich ins Bad torkelte, hat mich die gleiche entsetzliche Blümchentapete wie in dem Zimmer erwartet. Die gelblichen Kacheln sahen so aus, als ob jemand darüber gepinkelt hätte. Und ich glaube das Abflußrohr ist nicht ganz dicht. Es stinkt entsetzlich. Ich habe nur einen kurzen Blick in den Spiegel mit dem Sprung geworfen, habe gepinkelt und bin dann wieder zurückgekehrt in mein Zimmer. Zuallererst habe ich den Koffer ausgepackt. Ich habe nur das Nötigste mitgenommen. Ich werde hier nicht viel brauchen. Die paar wenigen Kleider waren schnell in den Schrank geräumt.


    Komischerweise habe ich auch ein Foto von uns eingepackt. Es ist eine dieser Selbstauslöseraufnahmen. Du weißt, wie sehr ich es liebte, diese Fotos zu schießen. Zuerst das Suchen eines Ortes, wo ich die Kamera aufstellen könnte. Dann die Spannung beim Auslösen, ob ich auch noch auf das Bild mit draufkäme. Schließlich das Rennen, da nur 10 Sekunden Zeit waren. Atemlos blickte ich immer in die Kamera. Auf jenem Foto hast du den Arm um mich gelegt. Ich bin neben deiner riesigen dürren Gestalt klein und pummelig. Mein Arm hängt haltlos vor meinem Bauch. Aber ich lächle in die Kamera. Das Fotos ist ganz am Anfang unserer Beziehung entstanden. Wie glücklich wir noch miteinander waren! Obwohl du 18 Jahre älter als ich bist, habe ich das nie als Makel in unserer Beziehung befunden. Nein, ich hatte einen ganz besonderen Stolz auf dich. Mit deinen 1 Meter 95 warst du schon von der Größe her eine imposante Erscheinung. Auch dein graues volles Haar habe ich an dir gemocht. Wenn du braun im Gesicht warst leuchteten deine Haare. Das Schlenkern deiner zu kurzen Arme an deinem langen Körper hat mich nie gestört. Und wie schön es war deine schlanken Finger auf mir zu spüren, wie sie zuerst zärtlich, dann immer fordernder werdend über meine Körper strichen? Jetzt wirst du dich fragen, warum ich das alles hinter mir lasse. Einige Gründe habe ich schon erwähnt. Aber weißt du auch, wie wichtig es ist, daß ich ein einziges Mal in meinem Leben auf mich selbst gestellt sein muß?


    So, jetzt werde ich mir die Jacke überziehen und den Brief zur Post bringen. Suche bitte nicht nach mir. Ich werde weiter von mir hören lassen.


    Elisabeth


    Lieber Julian,
    ich kehre gerade zurück von meinem Ausgang. Zuerst habe ich die Post gesucht. Leicht verloren bin ich fünfmal um den gleichen Block gelaufen. Und das im strömenden Regen. Triefnaß erblickte ich schließlich das Postzeichen. Ich mußte lange warten in der Schlange, um den Brief aufzugeben. Die Leute schickten mitleidige Blicke auf mich. Ich kam mir vor wie ein Würmchen. Wahrscheinlich lag es an meiner armseligen Kleidung und an meinen ungewaschenen nassen Haaren. Oder habe ich mir diese Blicke nur eingebildet? Der Postbeamte starrte dann mürrisch auf den Brief. Die Tinte war durch den Regen zerflossen und die Buchstaben kaum mehr lesbar. Er herrschte mich an, daß das so aber nicht gehe. Er nahm einen Aufkleber und heftete ihn auf die unleserlichen Buchstaben. Dann hieß er mich, die Adresse erneut auf den Kleber zu schreiben. In jenem Augenblick wäre ich gern zu einem Mäuschen geworden, um in meinem Loch verschwinden zu können. Ich raffte aber alle meine Kräfte zusammen und schrieb nochmals deine Adresse auf. Ich wäre am liebsten davongerannt, aber schließlich sollte der Brief dich ja erreichen.


    Als ich bezahlt hatte, ging ich wieder hinaus in den strömenden Regen. Ich wollte noch einkaufen gehen. Mir war klar, daß ich diese Einkäufe sofort tätigen mußte. Wenn ich mal wieder auf meinem Zimmer wäre, würde mich kein Erdbeben dazu veranlassen aus dem Zimmer zu gehen. Ich suchte eine ganze Weile. Die Leute auf der Straße schienen sehr geschäftig. Sie rannten alle mit einem Ziel in eine bestimmte Richtung, während ich mich leicht benommen auf dem Gehweg herumdrückte. Rein zufällig entdeckte ich ein Lebensmittelgeschäft. Leider war es einer dieser Tante Emma Läden. Ich hätte mir einen großen anonymen Supermarkt gewünscht, wo mich niemand beachtete. Aber ich hatte keine Kraft weiterzusuchen. Also betrat ich den Laden. Ich nahm mir einen Plastikkorb und begab mich in den kleinen dunklen Gang. Ich hatte keine bestimmte Vorstellung, was ich kaufen würde. Ich wußte auch nicht, auf was ich Appetit haben würde. Ziellos packte ich Käse, Wurst und Brot ein. Alles abgepackt. An die Frischetheke hinter der die Verkäuferin stand, wagte ich mich nicht. Auf dem Weg zur Kasse nahm ich auch noch zwei Flaschen Wein und eine Flasche Wasser. Drei Päckchen Zigaretten ließ ich wie zufällig an der Kasse in den Einkaufskorb fallen. Die Verkäuferin musterte mich hinter ihrer Brille scharf, als sie den Preis der Weinflaschen und der Zigaretten eintippte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Kassenbon mit einem Rattern aus dem Schlitz kam. Ich war froh, daß das Rattern so laut war. Das enthob uns eines Gesprächs. Ich zählte dann das Geld auf die Ablage. Schließlich war ich entlassen. Erleichtert betrat ich die Straße und hieß den Regen willkommen. Ich konnte als ein Partikel ohne Namen fliehen.


    Auf dem Weg zur Pension kam ich an einem Cafe vorbei. Ich hatte noch nichts gefrühstückt. Niemand würde mir etwas anhaben können, wenn ich hier ein paar Spiegeleier aß. Mit meinen Einkaufstüten beladen betrat ich den Raum. Hinter der Theke stand ein etwas dicklicher Mann in mittleren Jahren. Seine Kleidung war so ärmlich wie meine, aber er grinste mich so nett an, daß ich dachte, daß ich mich hier wohl fühlen würde. Ich lächelte zurück und setzte mich. Es war das erste Mal an diesem Morgen, daß mich jemand angelächelt hatte. Der Raum war klein und die Tische standen eng nebeneinander. Ich nahm die Karte und suchte nach Spiegeleiern. Tatsächlich sie waren auf der Karte. Ich war genau richtig. Aus der Küche rief jemand: „Matteo!“ Der Mann hinter der Theke drehte sich um und lief in die Küche. Er hieß also Matteo. Als er aus der Küche kam, trat er zu mir an den Tisch und fragte: „Was darf ich Ihnen bringen?“ Dabei grinste er wieder direkt in mein Gesicht. Sein Haar war schwarz. Wahrscheinlich war er Südländer. Ich fragte ihn: „Was hat Sie in den Norden verschlagen?“ Er schien überrascht, daß ich ihn das fragte. Er überlegte kurz und dann sagte er: „Die Familie.“ Ich wollte auch schon nicht mehr wissen. Ich hatte nur aus Höflichkeit gefragt, da er so nett schien. Ich hatte mich für meine Begriffe sowieso schon weit vor gewagt, diese Frage zu stellen. Ich antwortete also: „Die Familie also. Ich hätte gern zwei Spiegeleier und einen Kaffee.“ Damit hatte ich es vermieden, mit ihm ein persönliches Gespräch anzufangen. Er notierte die Bestellung und verschwand in der Küche. Ich begann meinen Blick schweifen zu lassen. Ein jugendliches Pärchen gab sich Küsse. Ein älterer Mann schlürfte seinen Kaffee. Aber dann im hintersten Eck entdeckte ich dich. Ich sah nur die Zeitung und über der Zeitung schwebten graue Haare. Ich reckte meinen Kopf nach dem Titel der Zeitung. Es war die Süddeutsche. Wer liest hier im Norden von Deutschland die Süddeutsche? Das konntest nur du sein. Ich wollte mich schon vom Sitz erheben und „Julian!“ schreien. Aber ich schien wie festgenagelt. Meine Stimmbänder rumorten. Aber mir entwich kein Laut. Fieberhaft überlegte ich. Ich sagte mir: „Du mußt warten, bis du sein Gesicht siehst.“ Matteo brachte den Kaffee und die Spiegeleier. Ich schlang alles in mich rein, ohne zu bemerken, daß ich aß. Der Eidotter sammelte sich auf meinem Mantel. Ich wischte ihn nicht ab, da ich immer wieder zu dir hinüberstarren mußte. Schließlich liest du die Zeitung sinken. Du schautest auf die Straße, kein Blick galt mir. Aber das warst du. Ich hätte es schwören können. Eindeutig. Kann man auf die Entfernung von 10 Metern einen Menschen erkennen? Ich meine schon. Ich stand hastig auf und ging zu Matteo, um zu bezahlen. Mein Herz klopfte, daß ich die Schlagader fühlte. Du warst mir also gefolgt. Aber wie konntest du wissen, daß ich hier in dieser Stadt bin? Der Brief hat dich doch noch nichteinmal erreicht. Hastig fragte ich Matteo, ob er eine Aushilfe bräuchte. Er blickte mir in die Augen und sagte: „Hier und da bräuchten wir schon jemand.“ „Soll ich morgen früh anfangen?“ „Ja, komm morgen früh. Zum Frühstück sind immer einige Gäste da.“. Ich warf noch einen Blick auf dich zurück. Du lehntest mit ausgestreckten Beinen zurückgelehnt im Stuhl. Keinerlei Panik war dir anzumerken.


    Ich kehrte zurück in mein Zimmer. Ich bemerkte, daß das Cafe gerade einen Block von meiner Pension entfernt war. Ich würde morgen früh nicht weit zu gehen haben. Das war wichtig für mich. Denn lange Strecken zu laufen ertrug ich nicht. Es war gegen 16.00 Uhr. Sofort legte ich mich ins Bett. Es hämmerte. Mein Kopf schwoll an. Ich konnte es nicht ertragen, daß du jetzt in dieser Stadt warst. Deine Anwesenheit hielt mich wach. Ich fand keinen Schlaf. Also stand ich wieder auf und stellte mich ans Fenster, um zu rauchen. Der Blick auf die Betonwand war nicht gerade erbauend. Ich erinnerte mich der Weinflaschen, die ich gekauft hatte. Einen Öffner - ich wunderte mich über meine Weitsicht - hatte ich tatsächlich eingepackt. Ich öffnete eine Flasche Weißwein. Dann trank ich Zug um Zug. Dazwischen rauchte ich. Die Gedanken kamen und gingen. Bis ein kleines Silvesterfeuerwerk in meinem Kopf explodierte. Ich weiß, du kennst das nicht. Aber es ist so, als ob jemand den Schalter in deinem Kopf umlegt. Dieses Bild hatte immer mein Psychologe verwendet. Aber dieses Bild ist die Wahrheit. Es hält stand. Ich war wie ausgewechselt. Ich weiß jetzt noch, daß es gefährlich ist, dies zu sagen und zu denken. Demnächst werden mich die Dämonen überfallen. Du wirst mich dafür hassen.


    Eingeschweißtes Plastik. Ich muß mich da herausschälen. Ich werde den Kristall solange halten, bis es aus dem Inneren herausblitzt. Du weißt nicht, daß in mir der Dämon sitzt. Du hast nur die netten Seiten kennengelernt. Vielleicht habe ich mich deswegen zurückgezogen, um ihm nocheinmal kräftig die Peitsche zu geben. Vielleicht langweilte mich deine Anwesenheit, dein Blick in die Zeitung und ich suchte nach etwas Neuem.


    Ich lief von einem Eck in das andere. Ich kam mir vor wie der Panther von Rilke in seinem Käfig. Ich erinnerte mich des Traums, den ich letzte Nacht hatte. Eine Hexe verwandelte mich in einen winzigkleinen aufgeplusterten Vogel. Meine dunkelbraunen Federn waren weich wie Flaum, wie die eines Babyvogels. Der Körper war ganz rund und dick. Ich flog mehrmals gegen Eisenstäbe, immer die Hexe im Auge, die mich gleich auslöschen würde. Ich suchte nach meinem Psychologen. Ich fand ihn schließlich und bettelte ihn an, er solle mich erkennen. Er fragte: „Wer bist du?“ Ich unternahm zahlreiche Versuche, mich erkennen zu geben. Schließlich fand ich meinen Schlüssel. Ich zeigte ihn ihm. Er hatte ihn vor Augen. Er hatte mich erkannt. Dann fragte er: „Warum soll ich dich zurückverwandeln?“ Meine Gedanken rasten. Warum wollte er mich nicht zruückverwandeln. Mußte ich erneut diesen steinigen Weg einschlagen? Diesen Weg, auf dem mir keiner folgen will?


    Nach der Erinnerung des Traums schob sich wieder Kim in meine Gedanken. Ich mußte immer wieder nur eines denken. Kim in der Badewanne laut singend. Immer das gleiche Lied: „Das ist der Schülerblues.“ Danach sagte er: „Ich war jetzt Frau Müller.“ Frau Müller ist seine Lehrerin. Trägt Kim das gleiche Gen in sich mit seiner Lust an Verwandlung? Eine Angst, die nicht unbegründet ist. Er sieht mir sehr ähnlich. Seine kohlrabenschwarzen Augen, sein helles Haar, das runde Gesicht.


    Wenn er sich dann in der Badewanne umdrehte und auf dem Bauch zu liegen kam, zeigten sich seine kleinen weißen Pobacken, in die ich gerne hineingebissen hätte. Aber welch ein Schreck, als ich nochmals einen Blick riskierte: Er war nicht mehr der kleine Säugling. Er füllte die gesamte Badewanne aus. Wie schnell war er groß geworden! Und all dies war an mir vorübergegangen, ohne daß ich es gemerkt hatte. Ich hatte es schlichtweg verpaßt, ihn aufwachsen zu sehen. Er war mit entglitten. Aus diesem Grund habe ich mir ein weiteres Kind von dir gewünscht. Ich wollte nocheinmal die Entwicklung eines Kindes erleben, da Kim damals so weit weg von mir war. Du hast mir diesen Kinderwunsch immer verweigert. Ich hasse dich dafür.


    Mein Körper zitterte nach diesen Gedanken. Ich setzte mich auf das Bett und sagte mir: „So jetzt wirst du essen. Essen wie ein normaler Mensch.“ Ich zerrte die Salami aus der eingeschweißten Verpackung und legte sie auf das trockene Brot. Ich hatte vergessen, Butter einzukaufen. Die Salami auf dem trockenen Brot schmeckte, wie ein in Salzsäulen eingepackter Stein. Ich mußte würgen. Obwohl ich hungrig war, konnte ich keinen Bissen herunterbekommen.

  8. #8
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    Das Abendlicht im August zog die Schatten über das Helldunkel der Gräser. Die nicht beschienen Wipfel der Bäume waren wie mit Pech bestrichen. Immer wieder schwappte das türkisblaue Wasser an den Rand des Pools. Ruhe war eingekehrt an diesem Sommerabend. Nichts ließ darauf schließen, daß der Friede gestört werden könnte. Ein paar weiße Mumien lümmelten in ihren Bademänteln am Rande des Pools. Ein schwules Pärchen gab sich Küsse im Unterholz.


    Mit 24 Jahren hatte ich, so dachte ich damals, den Mann für mein Leben gefunden. Mit 28 zeugte ich mit ihm zusammen ein Kind. Als Kim drei Jahre alt war, stand die Scheidung ins Haus. Eine schreckliche Krankheit hatte mich während der Trennung überfallen. Noch heute dreht sich mir der Kopf, wenn ich an die Worte denke, die mein Exmanne damals zu mir sagte: „Mit so jemand, der so krank ist, will ich nicht zusammen sein.“ Darauf konsultierte mußte ich einen Psychologen und hatte endlose Sitzungen, aber die endlosen Sitzungen führten mich in immer tiefere Ungewissenheit. Ich fühlte mich ungebraucht, wie ein alter, leerer Schrank, den man in den Keller gestellt hat.


    Ich saß am Beckenrand des Schwimmbads auf einer Bank, die Beine ausgestreckt eine Zigarette in der Hand. Ich war vertieft in Marcel Prousts - Schatten junger Mädchenblüte? Eine Fuge von Bach, die ihren Ursprung in meinem Kopf hatte, schwoll in meinen Gedanken. Mehre Tonlagen flossen gleichzeitig, als meine Augen über die Zeilen glitten. Ein Satzteil erhob sich, klang wieder aus, während schon der nächste mich ereilte, um mich in diesem Labyrinth der Grammatik gefangen zu halten. Es war, als ob ich die Blütenblätter einer Blume pflückte und versuchte zum Zentrum zu kommen. Ich liebe dich, ich liebe dich nicht. Aber jedesmal, wenn ich nahe bei dem Stempel der Blume, dem Kern des Satzes angelangt war, verlor ich das Verb aus den Augen.


    Plötzlich sah ich in den Augenwinkeln weit ausholende Schritte auf mich zukommen. Ich wußte von unzähligen Abenden am Beckenrand, wer im Augustlicht baden ging. Es war eine eingeschworene Gemeinschaft, die kaum Eindringlinge zuließ. Diese Schritte kannte ich nicht. Es machte nicht platsch platsch, als ob jemand Plattfüße hätte, sondern diesen Schritten haftete eine gewisse Eleganz an. Obwohl die Schritte schnell kamen, war keine Hektik zu bemerken. Diese Schritte liefen bestimmt und zielgenau auf mich zu. Aus dem Klacken auf dem Asphalt konnte ich schließen, daß die Füße in Schuhen mit Ledersohlen steckten. Aber es waren keine hochhackigen Schuhe, wie sie meine Chefin trug. Ihr Getrippel auf dem Gang mit dem Plastikfußboden konnte ich kaum ertragen, denn jedesmal, wenn ich dieses Geräusch auf dem Gang hörte, wußte ich, daß es in Hektik ausarten würde. Was jetzt auf mich zukam strömte Sicherheit aus.


    Ich blickte nach oben, direkt in das Gesicht des Mannes, der diese Schritte wagte. UnwillkürlichIch mußte ich an Clint Eastwood in seinen besten Jahren denken, als er an mir vorbeiging. Ich ließ das Buch sinken und starrte ihm hinterher. Proust war vergessen. Der Mann schien mich nicht bemerkt zu haben. Ich sah, wie er seinen Rucksack auf die Bank legte und eine Zeitung auspackte. Dann fiel mir ein. Ich war mit einer Freundin verabredet. Als ich das Freibad verließ, konnte ich noch sehen, wie er mit einer Fußspitze das Wasser testete. Ich war enttäuscht darüber, daß ich ihn nicht beobachten konnte, wie er ins Wasser stieg. Um die Zeit verzögern, hatte ich meine Sachen betont langsam und träge zusammengepackt.


    Als ich in der Kneipe ankam, war ich zu früh da. Aus Nervosität über das vorangegangene Geschehen, rauchte ich drei Zigaretten hintereinander. Den Wein dazu trank ich, als ob ich einen Kübel in mich hineinleerte. Ich kehrte immer wieder den Bierdeckel um und dachte, mein Exmann, Klaus hätte ihn parallel zur Kante des Tisches gelegt und sein Glas daraufgestellt. Ich ertappte mich dabei, wie ich es ihm gleich tat und nahm dann den Bierdeckel und schob ihn weit von mir. Mein Glas stellte ich dann aus Wut über meine Handlung, so auf den Tisch, daß es überschwappte. Ein Rinnsaal des Rotweins kam meinem Rock sehr nahe. Ich nahm erneut den Bierdeckel und stoppte den Fluß. Ich betrachtete diesen dummen Bierdeckel und überlegte mir, wer in seinem Stumpfsinn den Bierdeckel erfunden hatte. Manchmal notierten Bedienungen die Bestellungen der Gäste mit Strichen auf diesen Dingern. Aber bestimmt nicht in diesem Lokal. Ich kam mir schlichtweg bescheuert vor, wie ich allein in dieser Kneipe über Bierdeckel philosohpierte. Meine Gedanken gingen wieder zu dem Ereignis des Tages. Es war noch nichts geschehen. Trotzdem fühlte ich mich wie ein Seiltänzer, der auf einer Hochspannungsleitung balanciert. Schließlich sah ich aus dem Fenster und stellte mit etwas Erleichterung fest, daß Corinna ihren dunklen Golf direkt vor dem Fenster parkte. Ich ertrug es nicht, für länger allein in einer dunklen Kneipe zu sitzen. Außerdem mußte ich das Erlebnis irgend jemanden erzählen. Ich konnte nie meinen Mund halten, wenn es meine persönlichen Dinge betraf. Ich brannte darauf, ihr die neuesten Geschehnisse, direkt ins Gesicht zu schreien. Corinna stand dann in der Tür. Ihre teure Kleidung mußte sie immer zu Schau tragen. Papas Liebling stand in der Tür. Papa war Industrieboss und erlaubte ihr allerlei Spirenzien. Einmal hat sie mir ihre Uhr gezeigt, nachdem sie das Rauchen aufgehört hatte.
    „Elisabeth, hat mir Papa geschenkt, auf daß ich nie wieder rauchen werde. Ist 2500 Euro wert.“
    Sie stand da an der Tür und ich dachte, sie ist nur eine bessere Bekannte. Eine richtig gute Freundin hatte ich mir immer gewünscht, aber all die Frauengestalten in meinem Leben waren in meiner Erinnerung abgelegt und waren zu blassen Fassaden verkommen. Corinna war die einzige Frau, zu der ich im Moment noch persönliche Beziehungen pflegte. Das Geklapper ihrer hochhackigen Stiefel im Büro nervte mich immer. Dieses Geräusch fuhr mir direkt ins Hirn. Ich habe ihr nie gesagt, daß sie etwas leiser sein könnte, damit ich mich auf meine Arbeit konzentrieren könnte. Ich habe es stumm ertragen, wie einen demütigen Hund, den man schlägt. In jenen Momenten sagte ich mir, sie ist nur eine bessere Sekretärin.


    Sie setzte sich zu mir und begann sofort zu sprudeln. „Elisabeth, wie sieht dein Haar aus! Warst du schwimmen? Aber da mußt du unbedingt was tun!“ Ich sagte dann nur : „Ach!“ und strich mir durch das strähnige Haar. e schon angesetzt, um weiter zu quasseln, als ich ihr sagte:
    „Ich habe heute einen Mann gesehen.“
    Sie unterbrach mich und fragte erstaunt:
    wie er redet, was er macht, ob er eine feste Beziehung hat. So einfach geht das nicht, Elisabeth. Du kannst dich doch nicht einfach in das Aussehen eines Mannes verlieben. Du bist ja wie ein Teenie, der ein Starschnittposter in der Bravo vergöttert. Komm mal runter auf den Boden.“
    Sie sprudelte weiter und weiter und versuchte mir die Sache auszureden. Aber ich hatte mir etwas in den Kopf gesetzt. Diesen Mann kennenzulernen. Ich würde von nun an jeden Abend in das Freibad gehen, um mir diesen Mann zu schnappen. Als wir schließlich zwei Stunden später die Kneipe verließen, war ich stinkbesoffen. High setzte ich mich ins Auto, drehte die Musik auf Hochtouren und fuhr nach Hause.


    Das Bad war an jenem Abend fast wie ausgestorben, da es etwas kühler geworden war. Vereinzelte Partikel schwammen verloren in dem nun riesig erscheinenden Becken. Wenn er es wagen sollte an diesem Abend zu kommen, trotz der Abkühlung des Wetters, mußte er mich wohl doch bemerken. Ich hatte mich dorthin gesetzt, wo er das letzte Mal sein Kleiderhäuflein hinterlassen hatte. Diesmal jedoch war ich vorbereitet. Die Zweifel überfielen mich. War ich nicht eine graue Maus, die kaum ein Mann anblickte? In jungen Jahren hatte ich mir die Haare kurzgeschnitten und gebleicht. Das war sehr auffällig und hatte so manchen Blick eingetragen. Heute trug ich meine faden brünetten Haare zu einem Knoten verschlungen hinter dem Kopf. Ich kam mir vor wie eine alte Jungfer. Am liebsten wäre ich davongesprungen, um mir meine Haare zu färben. Er setzte sich mir schräg gegenüber auf eine Bank in zehn Meter Entfernung und blickte auf das Schwimmbecken. Vielleicht hatte ich auch nur im Moment eine etwas falsche Perspekive von mir, da mich mein Exmann verlassen hatte. Ich versuchte mich zu retten, indem ich den Knoten meines Haares löste. Kurz dachte ich, er hätte einen Blick auf mich geworfen, als ich den letzten Haarstrang löste. Es hätte aber auch Einbildung sein können. MIr fielen meine Schuhe ein. Immer trug ich diese männlichen großen Latschen. Mit einem Kick verstaute ich sie unter der Bank und hoffte, daß er sie nicht gesehen hatte. Auch meine schwarz gefärbte Bundeswehrjacke drängte ich ganz weit in Richtung Lehne. Es war doch zu peinlich, daß ich diese Klamotten trug. Ich hatte sie immer aus Protest meinem Exmann gegenüber tragen und hatte mich immer noch nicht von diesem alten Zopf gelöst. Ich erinnere mich eines morgens, als wir auf dem Weg in den Urlaub waren. Wir standen am S-Bahnsteig. Das was er Nachts in mich reingepumpt hatte, lief wieder aus mir heraus. Ich kam mir eklig vor. Dieses nach Fisch stinkende Etwas würde meine Unterhose versauen. Wird man nach sieben Jahren so abgeklärt, daß einem dies die Abscheu ins Gesicht treibt? Er mußte es mir angesehen haben. Er fragte mich: „Hast du immer diese Klamotten tragen? Du siehst aus wie ein Teenie. Du bist die Frau eines bekannten Architekten, also verhalte dich auch so. „Ich sagte darauf nichts und schaute ihn nur verächtlich an. Dabei dachte ich mir: ein besserer Techniker bist.oweit, bis es lächerlich erschien. Normalerweise tat ich das nie, da ich immer dachte, daß meine große Brust zu aufreizend erschien. Wenn er nicht da gewesen wäre hätte ich mich zu einem Knäul zusammengeschlungen an den Beckenrand gesetzt, hätte mir die Brille auf das Gesich gesetzt und wäre abgetaucht. Mit einer leichten Wehmut dachte ich an meinen oder unseren Strand. Dort hatte ich an den Schnackenstichen so gekratzt, daß sich die schwarzen Algen rot gefärbt hatten. Die roten Bojen, die meine Schwimmbahn eingrenzten gegen die Unendlichkeit des Meeres, leuchteten nun in meinem Kopf. Wer könnte den Salzgeschmack des Meeres zurückbringen und das Getragensein von dem Kristall. Wie leicht doch der Körper dort war. Leicht auslaufende Wellen setzten sich in meinem Kopf fest. Du mußt das erspüren, erahnen. Ich nahm die Schwimmbrille, zog sie über den Kopf und drückte sie fest auf die Augenhöhlen. Die Sicht war nun begrenzt durch die Brechung, die die Brille erzwang. Dann setzte ich mich an den Rand des Beckens und ließ die Beine im Wasser baumeln. Meine Zunge malte am Gaumen Achterbahnkreise. Die Kälte stieg sofort bis zum Herz hoch. Ich spürte, wie der Hosenboden naß wurde. Die erste Hürde war überwunden. Nun gab es kein Zurück mehr. Ich stützte mich auf die Arme, die Muskeln begannen schon zu arbeiten und ich ließ den Körper langsam in das Wasser gleiten. Die Kälte fing an, mich zu umfangen. Auf der Haut prickelte es, als ob sie voll von Blutegeln wäre. Eine Ermahnung: Die erste Bahn, dann hast du es geschafft. Ich japste, wie ein junger Hund, der ins Wasser geworfen wurde. Dann der Abstoß. Nein, der Kopf bleibt noch über Wasser. Es ist noch zu kalt. Zügig schwomm ich in regelmäßigen Brustzügen eine Bahn. Die Außenhaut erwärmte sich, während ich innerlich noch fror. Erneuter Abstoß. So, jetzt kannst du vorsichtig auch den Kopf unter das Wasser wagen.


    Das war die Befreiung. Das Wasser umhüllte mich gleich einem Mantel und drang in jede Körperöffnung ein, so daß ich der Versuchung widerstehen mußte in das tiefe Grab auf den Grund zu sinken. Es kam der Umarmung eines anderen Leibes gleich. Erstickt von schweißnassen Muskelsträngen. Klappernde Kiefer, die sich aufeinander zubewegten. Der Körper pendelte sich sofort auf einen Rythmus ein. Mit schnellen Kraulbewegungen durchmaß ich das Becken. Es war fast wie Fliegen. Der Körper wollte sich wie eine Feder in die Luft erheben. Ich mußte nur die Körperspannung bewahren. Die Beine hielten das Gleichgewicht. Nur ein Plätschern gemahnte, daß sie da waren. Nein, Beinschlag brauchte ich nicht. Der nahm jedem Schwimmer die Eleganz. Ich beherrschte den Dreierzug wie keine andere. Linksatmen in der Armbeuge. Der linke Arm schnellt nach vorne. Das Gesicht geht wieder unter Wasser. Gurgel. Ausatmen. Luftblasen sammeln sich. Der rechte Arm schnellt nach vorne. Das Gesicht bleibt unter Wasser. Und da schnellt schon wieder der linke Arm nach vorne. Jetzt endlich wieder Atmen in der rechten Armbeuge. Ich jubilierte innerlich. Diese regelmäßige Gelassenheit bot eine nicht zu übertreffende Körperbeherrschung auf. Während der Atemzüge konnte ich sehen, wie die Badegäste, vielleicht auch er, mich anblinzelten. Ich wußte, welch herrliches Schauspiel ich ihnen darbot. Wahrscheinlich hatten sie noch nie jemand gesehen, der so mit dem Element Wasser eins war. Einatmen. Ausatmen. Eine seltene Geborgenheit machte sich in mir breit. Während das Wasser mich Bahn um Bahn trug, lud der Geist zum Meditieren ein. Er war fast ausgeschaltet, da die Aufmerksamkeit dem Körper galt. Seine einzige Beschäftigung: das Zählen der Bahnen.


    Und dann welch Glück. Ich war bei 800 Metern angelangt. Die Sonne ergoß ihr Strahlenkostüm über das Becken. Unzählige Schlangenlinien bewegten sich in einem Geflirr von Auf und Ab auf dem Grunde. Ich betete, daß die Sonne bis zum Ende standhielt gegen die eiserne Wolkenfront.


    Ich flog der 1500 Meter-Marke entgegen. Ich war eine halbe Stunde geschwommen. Früher hatte ich das gleiche Pensum in 18 Minuten bewältigt. Aber das war Vergangenheit. Ich lebte im Jetzt. Ich zog meinen Körper aus dem Wasser. Das war der schönste Moment. Der Kopf war frei und schien drei Meter über dem Körper zu schweben. Mit herausforderndem Blick stieg ich ihm entgegen. Er schaute direkt auf die Knospen, die er unter dem Schwimmeranzug erhaschen konnte.


    Ich setzte mich auf die Bank. Einatmen. Ausatmen. Die Sonne hatte sich nicht den Wolken ergeben. Der Leib pulsierte, als die Sonne die ersten Wasserperlen wegbrannte. Der Körper schüttete Glückshormone aus. Eine Droge, auf die ich mich jederzeit schwingen konnte. Eine Manie.


    Ich begann, Marcel Proust und Zigaretten auszupacken. Ich versuchte, nicht in seine Richtung zu blicken. Als ich mich eingerichtet hatte mit Buch und Zigaretten und spürte, wie die untergehende Sonne meinen Badeanzug zu trocknen begann, wagte ich leise Blicke seitwärts. Er schien immer noch sehr vertieft, in seine Zeitung zu sein. Aber einmal, als er kurz aufsah, trafen sich unsere Blicke. Danach versuchte ich noch weitere Male, seinen Blick zu erhaschen. Aber es gelang mir nicht. Schließlich ging er zur Umkleidekabine, ein Markierungspunkt, der direkt zwischen unseren Bänken stand. Als er seine Kleidung gewechselt hatte, trat er hinaus und mußte meinen intensiven Blick gespürt haben. Seine Augen hingen direkt auf mir. Hatte er blaue oder braune Augen? Meine Gedanken zappten hin und her. Auf die Ferne konnte ich es nicht erkennen. Dann wandte er sich dem Wasser zu und begann zu schwimmen. Ich tat so, als ob ich weiterhin Proust lesen würde. Die Sätze, die ich las, bildeten ein einziges nicht zu entwirrendes Buchstabengeflecht, da ich immer wieder aufschaute, um ihn unter den Schwimmern zu suchen. Schließlich stieg er aus. Den Kopf wegen seiner Größe nach vorne gesenkt, betrat er die Umkleidekabine. Ich las wieder zwei Absätze in meinem Buch. Er kam wieder aus der Umkleidekabine heraus, gekleidet in eine olivefarbene Short mit einem T-Shirt darüber in den gleichen Farben. Das waren genau meine eigenen Farben. Das mußte Vorhersehung sein. Er begann dann, seine Sachen zu packen und als er an mir vorüberging, wagte ich ein: „Guten Abend.“ Leicht erstaunt gab er mit einem Lächeln im Gesicht ein „Guten Abend“ zurück. Unsere Wege trennten sich. Jenes charmante Lächeln raubte mir damals den Boden unter den Füßen.




    Am nächsten Abend war ich im Wasser, als er ankam. Während des Luftholens, konnte ich beobachten, wie er sein Kleiderhäuflein direkt neben meines ablegte und danach das Wasser bestieg. Immer wieder, während ich meine endlosen Bahnen zog, schwamm ich direkt an ihm vorbei, jedesmal darauf hoffend, einen Hauch seiner nassen Haut spüren zu können. Einmal erwischte mein Arm wie zufällig seinen Fuß. Ich jubilierte. Glücklich, ihn erhascht zu haben, schwomm ich weiter. Fast gleichzeitig stiegen wir aus dem Becken. Ich zuerst, er kurz nach mir. Wer würde zuerst die Umkleidekabine erreichen? Ich hatte mich schon mit meinem Kleiderhäuflein bewaffnet. Er war noch dabei, sich abzutrocknen. Ich ging in die Kabine, kleidete mich hastig um, zog den Vorhang auf und da stand er mit seinem charmanten Lächeln. Ich lächelte zurück, schob lässig den Vorhang zur Seite und überließ ihm das Feld. Ich hatte es mir schon auf der Bank bequem gemacht, als er zurückkehrte. Wieder hatte sich das Lächeln auf sein Gesicht geschoben. Ich kicherte leise in mich hinein, während ich vorgab Proust zu lesen. Derweilen hatte er seine Zeitung ausgepackt. So saßen wir nebeneinander, bis die Sonne ihre letzten Strahlen dem Himmel schenkte. Kein Wort fiel. Wir saßen in schweigender Übereinkunft, jeder in seine Lektüre vertief, wie ein altes Ehepaar auf der Bank. Schließlich packte er seine Sachen. Meine Augen fielen auf seine feingliedrigen Finger, die den Rucksack füllten. Ich sagte kein Wort. Wie beklommen lauschte ich seinen Packbewegungen. Ich hätte diesen Moment anhalten und ihn ansprechen wollen, aber er war so seltsam beschäftigt, daß ich ihn nicht in seiner Ruhe stören wollte. Außerdem war ich mir nicht so sicher, ob ich es wagen könnte, diesen Mann anzusprechen, diesen Mann, der es mir so angetan hatte. Er verließ mich mit einem guten Abend auf den Lippen. Ich folgte ihm, nachdem ich hastig meine Sachen gepackt hatte, und sah, daß er in einen dunklen großen Mercedes stieg.


    Diesmal hatte er nicht seinen sonstigen Platz gefunden. Sein Kleiderhäuflein parkte Meter weit entfernt von meinem. Wir waren beide geschwommen. Ich zuerst. Er danach. Ich hatte ihn beobachtet beim Schwimmen. Diesmal würde ich die erste sein, die ging und dann würde ich ihn fangen. Als ich meine Sachen packte, faßte ich mir ein Herz und sagte zu mir: „Heute wirst du es wagen, ihn anzusprechen.“ Ich ging schnurstracks auf ihn zu, setzte mich neben ihn und sagte: „Guten Tag. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich zu Ihnen setze?“ Er lächelte: „Jetzt sind Sie mir aber zurvorkommen. Eigentlich wollte ich Sie ansprechen.“Er hob seine Hand, um seine nassen grauen Haare zurückzustreichen. Das Augustlicht leuchtete noch einmal. Und in ihm gefangen, sah ich den goldenen Ehering blitzen. Ich war leicht irritiert und überlegte mir, warum er sich wohl auf mich einließ. Was hatte ich zu bieten? Vielleicht war mein Aussehen damals nicht ganz so schlecht, wie in langen Wintermonaten, wenn mein Gesicht einfiel und die dunkelbraunen Augen mein blasses Gesicht verätzten, sondern meine Haut war gebräunt und duftete von der Sonnenmilch, die ich mir auf die Haut trug. Ich sagte kein Wort, was auf den Ring hätte hindeuten können. Ich war so fasziniert von seiner Ausstrahlung, daß ich den Gedanken, er könnte verheiratet sein, weit weg von mir schob. Wir verabredeten uns für den nächsten Donnerstag. Bis dahin mußte ich drei Tage alleine verbringen. Solange war er auf Geschäftsreise.




    2
    Du trugst dein olivfarbenes T-Shirt. Mein langer Rock hatte die gleiche Farbe. Wir wandelten auf Blumen. Der Springsprunnen untermalte unsere Schritte. Du hattest mich in den Rosengarten entführt und mich gefragt, ob ich dich heiraten möchte. Du kanntest mich nicht und ich dich nicht. Aber ich habe dich beim Wort genommen. Es steht noch immer im Raum. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht mehr deiner Worte. Sie sind dir entflohen in ein Universum, das ich nicht kenne. Ich weiß, ich kenne die Worte meiner Mutter: „Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen.“ Damals habe ich Gedichte an dich geschrieben. Heute sind sie verbrannt.


    Nach zwei Wochen sagtest du deiner Frau, daß du mich kennengelernt hattest und zogst in meine Wohnung, die ich gerade frisch bezogen hatte. Wir verbrachten leidenschaftliche Nächte, wunderbare Wochenenden und Urlaube, in denen ich wie in Watte gehüllt träumerisch vor mich hinwandelte. Es war schlichtweg das Paradies für mich. Meine Krankheit schob sich immer mehr in den Hintergrund. Ich hatte dir gegenüber kein Wort von meiner Krankheit erwähnt. Wozu auch? Mir ging es gut. Du warst der Balsam für meine Seele. Aber schließlich wurde auch Eva aus dem Paradies vertrieben. Warum sollte es mir anders gehen? Es begann mit deinen Erstickungsanfällen in einem Hotel in Sevilla. Du liefst kreuz und quer durch das Zimmer und suchtest den Balkon, der nicht vorhanden war. Immer wieder jammertest du. „Ich halte das nicht aus!“ Auf meine Fragen warum, gabst du mir kaum Antwort. Es waren nur Andeutungen, daß es deine Familie beträfe. Aber der Abend kam, an dem die Entscheidung ins Haus stand.


    Du lagst auf dem Boden im Wohnzimmer und hörtest immer das gleiche Lied. Immer wieder krächzte die Stimme von Neil Young zu mir in die Küche: razor love. It cuts me through? Ich legte mich zu dir und legte meinen Nasenflügel an deinen. Du sagtest: „Laß mich, ich habe Atembeschwerden. Ich bekomme keine Luft mehr. Die Platzangst breitet sich wieder aus. „Das hörst du dir denn da auch die ganze Zeit an? Ist es sie, die dich umtreibt? „Haß treibt mich nicht um. Die Familie ist es. Die Kinder“, jammertest du. Ich war empört und stand auf. Dann überfiel es mich. Ich würde dich herausfordern. „Dann geh doch zurück!“ Du hobst erstaunt deinen Kopf. In deinen Augen standen dicke Tränen. Ich hatte dich noch nie weinen sehen. „Nein.“ sagtest du. Aber mich ritt in jener Situation der Teufel. „Ich kann das nicht mit ansehen, wie du herumhängst. Das ist nun schon seit zwei Wochen so. In Hotelzimmern hast du Panikattacken. Und mir tust du auch weh mit deinem Geschwätz von deiner blöden Familie. „Das ist keine blöde Familie.“ Wütend standest du auf. Ich wurde zu einem Winzling neben deiner Größe. Mit haßerfüllten Augen starrtest du mich an. Daß du mich nicht geschlagen hast, war auch schon alles. Ich wich zurück. Der Teufel ritt mich immer weiter. „Häh! Gib mir sofort den Wohnungsschlüssel.“ Ich hatte eine sehr empfindlich Stelle in dir getroffen. Du schriest: „Ich lasse mich nicht herausschmeißen!“Ich wurde noch wütender und krächzte dir direkt ins Gesicht: „Verschwinde, oder ich hole die Polizei!“Wutentbrannt ranntest du ziellos durch die Wohnung und packtest deine Habseligkeiten zusammen. Noch heute sehe ich dich die Treppe hinunterlaufen. Der Kopf gebeugt aufgrund deiner Größe. Die Hände bepackt mit Tüten. In meinem Bauch zeriss eine Naht, als ich dich so sah. Ich wollte dir folgen, dir hinterherrufen, aber ich stand wie verwachsen mit der Erde auf einem Fleck von einer höheren Macht festgehalten und konnte mich nicht rühren.


    Ohnmächtig tigerte ich danach durch die Wohnung. Was hatte ich angerichtet? Ich hatte den wertvollsten Menschen in meinem Leben von mir vertrieben. Ich schwankte. Gedanken einer Freundin von mir kamen mir: zen und meine Sehnsucht im Alkohol ertränken. Noch in der gleichen Nacht, nachdem du mich verlassen hattest, griff ich zum Telefon. Ich lag im Bett. Neben mir eine Flasche Rotwein. Ich hatte mir eine Zigarette angezündet. Meine Hand zitterte, als ich die Nummern eingab. „Hallo, ich bins. Kommst du wieder zurück? Es tut mir leid.“ Du sagtest nur mit kalter bestimmter dunkler Stimme: „Nein.“Schweigen. „Aber du weißt doch, daß ich dich liebe“, piepste ich ins Telefon. „Elisabeth, laß es gut sein.“ Dann legtest du auf. Ich griff nach der Weinflasche neben mir, leerte mir das Glas voll und zündete mir eine weitere Zigarette an. Es konnte doch nicht sein, daß er nicht mehr zurückkehrte. Ich wählte erneut die Nummer. „Julian, es tut mir wirklich leid. „Elisabeth, ich muß wieder zur Besinnung kommen. All diese Wochen mit dir waren ja schön. Aber ich war nicht in der Realität. Ich muß für meine Familie sorgen.“Deine Stimme klang hart wie Stahl. „Schläfst du mit ihr in einem Zimmer?“ „Nein, aber was geht dich das an?“ Wütend legte ich auf. Ich sah auf die Uhr. Es war ein Uhr nachts. Er saß noch in seinem Arbeitszimmer. Kurz dämmerte ich weg. Als ich wieder auf die Uhr sah, war es vier Uhr morgens. Immer in extremen Situatuionen erwachte ich vier Uhr morgens. Ich nahm erneut den Hörer und wählte. Ich ließ es lange tuten. Niemand nahm ab. Du warst mit deiner Frau in einem Zimmer und schliefst. Meine Gedärme rumorten. Ich stand auf und ging aufs Klo. Ich hatte Durchfall.


    Am nächsten Morgen kam ich nicht mehr vom Klo. Ich meldete mich bei der Arbeit krank. Ich rief dich erneut an. Du warst kurz angebunden. „Elisabeth, ich bin in einer Sitzung. Ich muß irgendwann noch arbeiten können. Laß mich in Ruhe. Ich habe eine Familie zu ernähren.“ Dann legtest du wieder auf. Ich stellte mir vor, wie du letzte Nacht mit deiner Frau Versöhnung gefeiert hast. Du hast sie ganz sanft genommen. Mir wurde speiübel bei diesem Gedanken.


    Du riefst mich an und sagtest: „Elisabeth, ich will sehen, was aus dir wird. Können wir nicht eine freundschaftliche Beziehung pflegen?“ Ich überlegte kurz und sagte knallhart: „Nein, was soll das? Nach all dem? Nach all unserer Leidenschaft füreinander? Hat sie dir das eingesagt?“ „Was soll das? Sie sagt mir überhaupt nichts ein. Ich bin autonom. „Ist sie nicht ständig versucht, dich zu bevormunden? Du warst ein kleines Spätzchen, das das Geld heranschaffte. Und die Familie hatte sie unter Kontrolle? Ich glaube du, ja du hast deine Familie nicht unter Kontrolle. Bleib nur weiter unter ihrer Fittiche. „Du warst sprachlos. Ich legte auf.




    3
    Lieber Julian,


    wenn du diesen Brief erhältst, bin ich weit weg von dir. Ich bitte dich, nicht nach mir zu suchen.


    Wie ich es liebte. Dein Gesicht an meinem Schlüsselbein, wenn ich auf dir lag. Oder meine Nase geborgen neben deiner, den Duft einsaugend. Dich solange küssend bis du hinwegschliefst in jenes andere Land, in welches ich dir nicht folgen konnte. Wenn ich mich dann leise aufmachte, um in der Küche ein Zigarette zu rauchen, war ich froh, deine regelmäßigen Atemzüge zu hören.


    Unser letztes Essen wird mir in Erinnerung bleiben. Das exklusive Restaurant war fast leer, als wir ankamen. Ich trug mein teuerstes Abendkleid. Zum ersten Mal. Seit einer Woche hatte ich mich darauf gefreut, es zu tragen. Ich hatte mir blickdichte Seidenstrümpfe besorgt. Ich und Seidenstrümpfe! Wie sehr ich sie haßte, diese Dinger. Der Schritt hing immer so tief, daß sich noch gut eine Handbreit darin hätte verbergen könnte. Wahrscheinlich haßte ich diese Dinger, da meine Mutter sie mir immer aufzwang, als ich noch klein war. Soweit ich mich erinnere waren sie dunkelblau. Darüber mußte ich diese scheußlichen Jerseyhosen tragen, die knisterten, wenn ich sie über die Strumpfhose zog. Als ich schon in der Schule war, habe ich die Strümpfe und die Hosen vollgepinkelt, da ich mich nicht traute auf ein fremdes Klo zu gehen. Noch heute überfällt mich die Angst vor einem Schloß in öffentlichen Gebäuden. Wenn ich daheim ankam mit nassem Schritt, maulte meine Mutter mich an, ob ich es nicht fertig bekäme, in der Schule aufs Klo zu gehen. Jedenfalls stellte ich fest, daß die Seidenstrümpfe nur beim Laufen störten. Saß ich erst mit übereinandergeschlagenen Beinen wohlbehütet unter dem Blick der Kellner, war das Gefühl wie weggeblasen. Ich war erstaunt. Und sogar du warst erstaunt, vermeinte ich zu fühlen. Aber wahrscheinlich merkte nur ich es. Du saßt da und studiertest die Speisekarte. Du fragtest, was ich wohl essen möge, während ich nur hin und wieder mit dem Finger zu meinem Schritt ging, um an der Seidenstrumpfhose zu zupfen. Ich schlug meine Beine wieder auseinander. Die Handbreit war immer noch da. Schlichtweg diese Leere störte. Ich frage dich: „Könntest du jetzt?“ Dabei wurde ich rot. Unbedarft fragtest du: „Es?“ Ich murmelte unhörbar für dich: „Mich stört diese Leere. Es ist nichts.“ „Also wir nehmen zusammen eine Portion Spaghetti mit Garnelen?“ Ich zupfte wieder und antwortete mit einem tapferen „Ja.“


    Als der Kellner das Besteck gelegt hatte, begann ich damit, den Löffel an seinem Stiel auf und ab zu wippen. Ich saß mit dem Rücken im Nichts. Wäre da eine Wand gewesen in meiner Rückseite, wäre es mir nicht so ergangen. Da war nur dieser fadenscheinige Paravent, der drohte umzufallen, wenn ich nach hinten kippte. Ich war gespannt auf deine Reaktion. Und tatsächlich entfuhr dir das. Das tut man nicht!“ Ich sagte aufgeregt: „Laß mich doch, ich bin nervös.“ Das konnte mich nicht daran hindern, mit Stolz meine Jakobsmuscheln, danach die Spaghetti mit den Gambaretti zu verspeisen. Zwischen den Gängen hingen meine halbgerauchten Zigaretten. Du sagtest nie etwas, wenn ich rauchte zwischen den Gängen. Schließlich war auch das verpönt. Aber wie sehr ich mich vor der bestellten Wildente fürchtete. Sie würde mir das Kleid versauen. Aber selbst diese aß ich mit Souveränität. Alles schien perfekt. Wenn da nicht dieser klitzekleine Makel gewesen wäre. Er hatte das Faß zum überlaufen gebracht. An jenem Abend hatte ich dich nicht gebeten, die Scheidung einzureichen, wie sonst. Immer tauchte an diesen Abenden das Thema von meiner Seite auf. Ich hatte es übergangen. Es würde keinerlei Diskussionen geben, wieviel dich die Scheidung kosten würde. Das, was mich einst so beschäftigt hatte, konnte mich nicht mehr berühren.


    Trotzdem ich liebte deine Souveränität. Deine Blicke in den Raum, wenn du den Kellner erblicktest, waren ruhig wie stehendes Gewässer. Kein Anflug davon, mit ihm in ein leichtes Geplätscher versinken zu wollen.
    Deine Blicke ruhten nur bei mir. Der Kellner war ein Werkzeug, der das Essen brachte. Aber wahrscheinlich hattest du diesen Eifer um Begeisterung einfach nicht nötig. Dir haftet jene sanfte Erhabenheit an, die kein Erfolg haschen notwendig macht. Denn du hast Erfolg. Beruflichen Erfolg. Und den kann dir keiner nehmen. Vielleicht war es auch jener, der unsere Trennung hinaufbeschwor. Dein Gehalt überstieg mein eigenes um das zehnfache. Ständig berichtestest du von deinen erfolgreichen Geschäftsreisen. Welche Erfolge du erzieltest. Daß das Unternehmen unter deinem Vorstand auf das beste florierte, obwohl Wirschaftsflaute war. Oft warst du weit weg und riefst mich noch spät abends an, wie gut das Geschäft verlaufen sei und daß du nun leider nicht mehr zu mir kommen könntest. Ich verblieb dann wartend auf den nächsten Abend, an dem du mir auch noch absagtest. Als mir dann noch meine Kündigung ins Haus stand, wußte ich nicht mehr wie ich neben dir bestehen konnte. Eine Kündigung ist endgültig. Dann bist du arbeitslos. Dein letztes Selbstbewußtsein wird dir genommen. Alles was du sagtest, als ich dir das Schreiben auf den Tisch legte, war: „Ich geh mit dir einkaufen. „Was willst du mit mir einkaufen gehen? Ein Abendkleid? Weißt du noch, wie ich einst auf Fuerteventura in dem pickfeinen Saal versuchte mein ausgewaschenes T-Shirt unter der billigen Jacke zu verstecken? Wahrscheinlich hast du das gar nicht wahrgenommen. Aber ich war da und nahm es wahr.

    Ich bin nun weit weg von dir und starre auf eine Betonwand. Mein Zimmer, es ist kein Zimmer. Es ist ein Bett. Sobald ich anfange, mich hier drin zu bewegen, stoße ich an eine Wand. Sie ist bekleistert mit kleinen Blumen. Du weißt, daß ich Kitsch liebe. Aber dies grenzt an das äußere meines Verstandes. Du weißt, meine Mittel lassen nicht mehr zu. Also, ich hoffe, du entschuldigst mich dafür, daß ich jetzt in dieser Absteige sitze. Ich habe es nicht geschafft, Kim mit herzunehmen. Er ist bei seinem Vater. Ich habe Kim gesagt, ich sei auf unbestimmte Zeit hin verreist. Er wird mir fehlen mit seinem Lachen. Mit seinem Feixen. Mit seinem Willen zu leben. Ich habe mir eine Auszeit genommen, weg vom wirklichen Leben, um wieder zu mir zu kommen.


    Ich stehe am Fenster und rauche eine Zigarette. Dabei muß ich mich an die Balkontür erinnern. Ich war in Panik. Die Tür klemmte. Ich riß wie wild an der Tür und habe sie nicht aufbekommen, immer mit deinem Blick im Nacken, die Zigarette würde im Raum verpuffen und zu stinken anfangen. Ich weiß, das ist diese Paranoia, die noch von meinem Exmann herrührt, aber ich konnte das Gefühl nicht abschütteln. Er sah zuerst durch dich, dann durch mich. Als Exraucher hattest du nie Probleme mit meinen Zigaretten. Manche Exraucher sind panisch, wenn sie eine Zigarette riechen. Bei dir war das nie der Fall. Mein Exmann hat die Zigaretten gehaßt, obwohl er sich hier und da im Freien eine Zigarre gönnte. Wahrscheinlich hat er mich und meine Zigaretten so gehaßt, da er Angst hatte, ich könnte Kim mit seinem Asthma den Atem nehmen. Der Kleine nahm schlichtweg den Eltern ihren Atem, indem er hustete und keine Luft bekam. Nächtelang. Den ersten Anfall hatte er, als er 4 Monate alt war. Ich erinnere mich noch, wie ich ihm als kleines Bündel auf der bunten Patchworkdecke zusammengeknautscht, versuchte den Bronchialsaft einzugeben. In halbjährigem Abstand folgten Phasen, in denen wir keinen Schlaf fanden, um immer wieder zu dem Kind zu eilen, das keine Luft bekam. „Du bist schuld! Du hast während der Schwangerschaft geraucht!“ wurde mir ständig um die Ohren geschlagen. Und trotzdem, wenn mir jetzt diese Zigarette im Schlund sitzt, fühle ich kaum Schuldbewußtsein. Ich glaube nicht daran, daß Kim meine Zigaretten den Atem nahmen. Es war allein er, mein Exmann. Vielleicht ist er Schuld an der Trennung von ihm.


    Noch gestern überfiel mich die Panik, nachts alleine durch die Wohnung zu laufen. Ich wußte, Kim schlief sanft in seinen Kissen. Es war erst wieder gut, als ich vor dem Bildschirm saß und Buchstaben in den Computer hackte. Unfertige Manuskripte häufen sich in meinem Zimmer. Ich werde sie nie zu Ende bringen. Überhaupt, ich werde nie etwas zu Ende bringen. Weder eine Beziehung mit einem Mann, noch eine Beziehung zu einem Kind. Ich bin verantwortungslos. Ich bin froh, daß im Moment niemand davon weiß, denn ich bin weit weg von euch mit eurer Verantwortung füreinander.


    Ich habe die Zigarette weit weg von mir geschmissen, so daß sie auf der Straße landete. Hinterher habe ich mir gleich die nächste angezündet. Weißt du, es ist richtig schön, einmal hemmungslos rauchen zu können, ohne Blicke im Nacken. Aber das ist auch schon alles. Ich weiß nicht, was ich tun soll an diesem Ort. Zum Lesen fehlt mir die Konzentration. Spaziergehen will ich auch nicht, obwohl ich weiß, daß unten das Meer ruft. Es ist kalt hier in dieser Absteige. Ich habe mir zwei Pullis übereinandergezogen und stehe mit klappernden Zähnen am Fenster. Wahrscheinlich ahnst du schon, wo ich bin. Du hast diesen Ort geliebt. Wir waren nie im Winter hier. Das wäre auch für dich ein neues Erlebnis. Aber sei dir sicher. Du wirst mich hier nicht finden. Ich habe mir ein Zimmer genommen in diesem Ort fernab von unserer Unterkunft. Morgen werde ich dir den ersten Brief zukommen lassen, damit du weißt, wie es mir geht. Aber jetzt überkommt mich die Platzangst. Ich werde dich für wenige Minuten verlassen, um nach draußen zu schnuppern.


    Ich kam hier rein, wie ein reudiger Hund, klatschnaß, die Haare durchweicht. In meinen Klamotten klebte das salzige Meer. Ich habe daheim die Regenjacke vergessen. An meinen Füßen hing der knirschende Sand. Meine Augen waren schwarze Höhlen. Das Make-up lief an meinen Wangen herunter. Aber was für ein Schauspiel sich mir draußen geboten hat! Das Meer war wütend. Ständig klatschten Brecher auf die Kaimauer. In den Rinnsteinen sammelten sich reißende Flüsse. Und die Autos, die auf dem Damm fuhren, wurden ständig von oben begossen von geischender Gischt. Ich bin an unserem Restaurant mit dem Panoramablick auf das Meer vorbeigeschlichen. Ich habe mir ausgemalt, wie ich mit dir zusammen dort drin säße und dieses Schauspiel im Trockenen beobachtete. Ich hätte eine Jakobsmuschel auf der Gabel gehabt und in die Naturgewalt geblickt. Aber nein, ich war draußen. Gerade, als ich meinen Hals reckte, erwischte mich eine tosende Flutwelle. Das Wasser in seiner Gewalt fiel über mich her wie ein Geist Neptuns. Ich mußte an mich halten, um nicht zu stürzen. Vielleicht war das eine Orkanböe. Ich war von einem Moment auf den anderen von oben bis unten naß. Dies hat mir gereicht. Panisch rannte ich den weiten Weg zurück in mein Zimmer. Ich bin noch ganz aufgeregt. Mein Herz pocht vom Laufen. Mein Gesicht ist rot vor Anstrengung. Ich spüre es. Es gibt hier im Raum keinen Spiegel.


    Der Hunger überfällt mich. Ich habe nur ein paar von diesen trockenen Reiskeksen mitgenommen. Ich reiße die Packung auf und stopfe sie in mich rein. Drei nacheinander, aber sie sind keine Befriedigung. Ich habe Sehnsucht nach einer Flasche Wein, aber ich habe nur diese eine armselige Wasserflasche. Die Kraft nach draußen zu gehen, habe ich nicht mehr. Vielleicht fürchte ich mich auch vor den Menschen da draußen. Daß sie sich lächerlich über mich machen könnten. Ich werde die Tabletten nicht nehmen. Ich bin wild entschlossen, es ohne sie und dich zu schaffen. Du fragst dich sicherlich, warum ich Tabletten nehme. Ich habe sie immer heimlich geschluckt. Dieses Thema werde ich für mich behalten.


    Ich bin müde und werde mich hinlegen. Ich wünsche mir jetzt Kim neben mich, nicht dich, nein Kim mit seinem kindlichen Atem, seiner weichen unbedarften Haut. Wie gern ich sie streichelte, ihm über die Wangen strich und ihm sagte, daß ich ihn liebe. Ihn leicht massierend den Rücken entlang, dann ein leises Streicheln über seine Pobacken. Manchmal warf er sich dann auf mich. Ich lag auf dem Bauch und er hatte sich auf meinen Rücken geschwungen, die letzte Wärme meines Körpers auskostend. Ich konnte kaum Atmen, aber ich habe es, glaube mir genossen, das Kind auf mir zu spüren, das keinen Atem bekam und mir gleichzeitig den Atem nahm. Als er dann sanft entschlummerte, habe ich mich heimlich aufgemacht und bin davongegangen. Ich habe ihn kaum gestört in seinem Schlaf. Manchmal zuckte er noch auf und zog seinen Arm etwas fester um mich und sagte: „Mama dableiben.“ Dann bin ich selbstverständlich noch geblieben. Wie hätte ich diesem kleinen Chameur widerstehen können. Eines Nachts träumte ich, er läge auf mir und dann hat er mich ganz sanft genommen mit seinem winzigkleinen Penis.


    Die Müdigkeit beginnt, mich wegzutragen. Ich schaffe es nicht mehr, mich zu waschen. Ich ekle mich auch vor dem Bad auf dem Gang. Die Rohre sind rostig. Wahrscheinlich fließt das Wasser ganz rot aus dem Wasserhahn. Das Make-up abzuwaschen habe ich schon vor Jahren abgestellt. Abends fehlt mir einfach die Kraft dazu. Ich schaffe es gerade noch, die Zähne zu putzen. Und selbst dazu bin ich heute nicht in der Lage. Mein Zahnarzt hat mir prophezeit, daß mir in fünf Jahren die Zähne ausfallen werden aufgrund von Paradontose. Es komme vom rauchen. Jetzt ist es mir gerade egal. Sollen sie doch ausfallen. Die blöden Dinger. Für wen sollte ich noch schön sein. Ich werde auch nicht mehr zum Zahnarzt gehen. Sogar wenn sich das Nikotin auf den Zähnen ablagert und schwarze Stellen reinfrißt. Ich habe nur noch ein Bedürfnis. Zu schlafen. Solange zu schlafen bis ich mich in meiner Trägheit wälzen kann.


    Ich habe bis 13.00 Uhr geschlafen. Dann bin ich mit wackligen Beinen wieder aufgestanden. Meine Glieder schmerzen entsetzlich. Die Handgelenke scheinen reißen zu wollen. Als ob zwei Seilzüge in verschiedene Richtungen ziehen würden. Dies sind die ersten Anzeichen von Verlust. Der Verlust von dir und von Kim. Ich habe das schon vorhergesehen.


    Als ich ins Bad torkelte, hat mich die gleiche entsetzliche Blümchentapete wie in dem Zimmer erwartet. Die gelblichen Kacheln sahen so aus, als ob jemand darüber gepinkelt hätte. Und ich glaube das Abflußrohr ist nicht ganz dicht. Es stinkt entsetzlich. Ich habe nur einen kurzen Blick in den Spiegel mit dem Sprung geworfen, habe gepinkelt und bin dann wieder zurückgekehrt in mein Zimmer. Zuallererst habe ich den Koffer ausgepackt. Ich habe nur das Nötigste mitgenommen. Ich werde hier nicht viel brauchen. Die paar wenigen Kleider waren schnell in den Schrank geräumt.


    Komischerweise habe ich auch ein Foto von uns eingepackt. Es ist eine dieser Selbstauslöseraufnahmen. Du weißt, wie sehr ich es liebte, diese Fotos zu schießen. Zuerst das Suchen eines Ortes, wo ich die Kamera aufstellen könnte. Dann die Spannung beim Auslösen, ob ich auch noch auf das Bild mit draufkäme. Schließlich das Rennen, da nur 10 Sekunden Zeit waren. Atemlos blickte ich immer in die Kamera. Auf jenem Foto hast du den Arm um mich gelegt. Ich bin neben deiner riesigen dürren Gestalt klein und pummelig. Mein Arm hängt haltlos vor meinem Bauch. Aber ich lächle in die Kamera. Das Fotos ist drei Wochen nach unserem Kennenlernen entstanden. Wie glücklich wir miteinander waren! Obwohl du 18 Jahre älter als ich bist, habe ich das nie als Makel in unserer Beziehung befunden. Nein, ich hatte einen ganz besonderen Stolz auf dich. Mit deinen 1 Meter 95 warst du schon von der Größe her eine imposante Erscheinung. Auch dein graues volles Haar habe ich an dir gemocht. Wenn du braun im Gesicht warst, leuchteten deine Haare. Das Schlenkern deiner zu kurzen Arme an deinem langen Körper hat mich nie gestört. Und wie schön es war deine schlanken Finger auf mir zu spüren, wie sie zuerst zärtlich, dann immer fordernder werdend über meine Körper strichen?


    So, jetzt werde ich mir die Jacke überziehen und den Brief zur Post bringen. Suche bitte nicht nach mir. Ich werde weiter von mir hören lassen.




    4
    Elisabeth


    Lieber Julian,
    ich kehre gerade zurück von meinem Ausgang. Zuerst habe ich die Post gesucht. Leicht verloren bin ich fünfmal um den gleichen Block gelaufen. Und das im strömenden Regen. Triefnaß erblickte ich schließlich das Postzeichen. Ich mußte lange warten in der Schlange, um den Brief aufzugeben. Die Leute schickten mitleidige Blicke auf mich. Ich kam mir vor wie ein Würmchen. Wahrscheinlich lag es an meiner armseligen Kleidung und an meinen ungewaschenen nassen Haaren. Oder habe ich mir diese Blicke nur eingebildet? Der Postbeamte starrte dann mürrisch auf den Brief. Die Tinte war durch den Regen zerflossen und die Buchstaben kaum mehr lesbar. Er herrschte mich an, daß das so aber nicht gehe. Er nahm einen Aufkleber und heftete ihn auf die unleserlichen Buchstaben. Dann hieß er mich, die Adresse erneut auf den Kleber zu schreiben. In jenem Augenblick wäre ich gern zu einem Mäuschen geworden, um in meinem Loch verschwinden zu können. Ich raffte aber alle meine Kräfte zusammen und schrieb nochmals deine Adresse auf. Ich wäre am liebsten davongerannt, aber schließlich sollte der Brief dich ja erreichen.


    Als ich bezahlt hatte, ging ich wieder hinaus in den strömenden Regen. Ich wollte noch einkaufen gehen. Mir war klar, daß ich diese Einkäufe sofort tätigen mußte. Wenn ich mal wieder auf meinem Zimmer wäre, würde mich kein Erdbeben dazu veranlassen aus dem Zimmer zu gehen. Ich suchte eine ganze Weile. Die Leute auf der Straße schienen sehr geschäftig. Sie rannten alle mit einem Ziel in eine bestimmte Richtung, während ich mich leicht benommen auf dem Gehweg herumdrückte. Rein zufällig entdeckte ich ein Lebensmittelgeschäft. Leider war es einer dieser Tante Emma Läden. Ich hätte mir einen großen anonymen Supermarkt gewünscht, wo mich niemand beachtete. Aber ich hatte keine Kraft weiterzusuchen. Also betrat ich den Laden. Ich nahm mir einen Plastikkorb und begab mich in den kleinen dunklen Gang. Ich hatte keine bestimmte Vorstellung, was ich kaufen würde. Ich wußte auch nicht, auf was ich Appetit haben würde. Ziellos packte ich Käse, Wurst und Brot ein. Alles abgepackt. An die Frischetheke hinter der die Verkäuferin stand, wagte ich mich nicht. Auf dem Weg zur Kasse nahm ich auch noch zwei Flaschen Wein und eine Flasche Wasser. Drei Päckchen Zigaretten ließ ich wie zufällig an der Kasse in den Einkaufskorb fallen. Die Verkäuferin musterte mich hinter ihrer Brille scharf, als sie den Preis der Weinflaschen und der Zigaretten eintippte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Kassenbon mit einem Rattern aus dem Schlitz kam. Ich war froh, daß das Rattern so laut war. Das enthob uns eines Gesprächs. Ich zählte dann das Geld auf die Ablage. Schließlich war ich entlassen. Erleichtert betrat ich die Straße und hieß den Regen willkommen. Ich konnte als ein Partikel ohne Namen fliehen.


    Auf dem Weg zur Pension kam ich an einem Cafe vorbei. Ich hatte noch nichts gefrühstückt. Niemand würde mir etwas anhaben können, wenn ich hier ein paar Spiegeleier aß. Mit meinen Einkaufstüten beladen betrat ich den Raum. Hinter der Theke stand ein etwas dicklicher Mann in mittleren Jahren. Seine Kleidung war so ärmlich wie meine, aber er grinste mich so nett an, daß ich dachte, daß ich mich hier wohl fühlen würde. Ich lächelte zurück und setzte mich. Es war das erste Mal an diesem Morgen, daß mich jemand angelächelt hatte. Der Raum war klein und die Tische standen eng nebeneinander. Ich nahm die Karte und suchte nach Spiegeleiern. Tatsächlich sie waren auf der Karte. Ich war genau richtig. Aus der Küche rief jemand: „Matteo!“ Der Mann hinter der Theke drehte sich um und lief in die Küche. Er hieß also Matteo. Als er aus der Küche kam, trat er zu mir an den Tisch und fragte: „Was darf ich Ihnen bringen?“ Dabei grinste er wieder direkt in mein Gesicht. Sein Haar war schwarz. Wahrscheinlich war er Südländer. Ich fragte ihn: „Was hat Sie in den Norden verschlagen?“ Er schien überrascht, daß ich ihn das fragte. Er überlegte kurz und dann sagte er: „Die Familie.“ Ich wollte auch schon nicht mehr wissen. Ich hatte nur aus Höflichkeit gefragt, da er so nett schien. Ich hatte mich für meine Begriffe sowieso schon weit vor gewagt, diese Frage zu stellen. Ich antwortete also: „Die Familie also. Ich hätte gern zwei Spiegeleier und einen Kaffee.“ Damit hatte ich es vermieden, mit ihm ein persönliches Gespräch anzufangen. Er notierte die Bestellung und verschwand in der Küche. Kurz danach kam es mir: Noch einer der Familie hatte. Ich hatte keine mehr. Du, lieber Julian, warst zurückgekehrt zu deiner Familie und ich saß hier nun einsam an meinem Cafetischen. Flutwellen überrollten mich und jagten mir den Rücken hinunter. Meine Hände zitterten, als ich mir eine Zigarette anzündete. Während der Autofahrt hierher war mein Kopf so taub gewesen, also jemandem der Arm einschläft. Und plötzlich nun sehe ich die Tatsachen in ihrer Schärfe. Ich sagte mir: „Beruhige dich.“ Vorsichtig tastend begann ich meinen Blick schweifen zu lassen. Ein jugendliches Pärchen gab sich Küsse. Ein älterer Mann schlürfte seinen Kaffee. Aber dann im hintersten Eck entdeckte ich dich. Ich sah nur die Zeitung und über der Zeitung schwebten graue Haare. Ich reckte meinen Kopf nach dem Titel der Zeitung. Es war die Süddeutsche. Wer ließt hier im Norden von Deutschland die Süddeutsche? Das konntest nur du sein. Ich wollte mich schon vom Sitz erheben und „Julian!“ schreien. Aber ich schien wie festgenagelt. Meine Stimmbänder rumorten. Aber mir entwich kein Laut. Fieberhaft überlegte ich. Ich sagte mir: „Du mußt warten, bis du sein Gesicht siehst.“ Matteo brachte den Kaffee und die Spiegeleier. Ich schlang alles in mich rein, ohne zu bemerken, daß ich aß. Der Eidotter sammelte sich auf meinem Mantel. Ich wischte ihn nicht ab, da ich immer wieder zu dir hinüberstarren mußte. Schließlich ließt du die Zeitung sinken. Du schautest auf die Straße, kein Blick galt mir. Aber das warst du. Ich hätte es schwören können. Eindeutig. Kann man auf die Entfernung von 10 Metern einen Menschen erkennen? Ich meine schon. Ich stand hastig auf und ging zu Matteo, um zu bezahlen. Mein Herz klopfte, daß ich die Schlagader fühlte. Du warst mir also gefolgt. Aber wie konntest du wissen, daß ich hier in dieser Stadt bin? Der Brief hat dich doch noch nichteinmal erreicht. Hastig fragte ich Matteo, ob er eine Aushilfe bräuchte. Er blickte mir in die Augen und sagte: „Hier und da bräuchten wir schon jemand.“ „Soll ich morgen früh anfangen?“ „Ja, komm morgen früh. Zum Frühstück sind immer einige Gäste da.“. Ich warf noch einen Blick auf dich zurück. Du lehntest mit ausgestreckten Beinen zurückgelehnt im Stuhl. Keinerlei Panik war dir anzumerken.


    Ich kehrte zurück in mein Zimmer. Ich bemerkte, daß das Cafe gerade einen Block von meiner Pension entfernt war. Ich würde morgen früh nicht weit zu gehen haben. Das war wichtig für mich. Denn lange Strecken zu laufen ertrug ich nicht. Es war gegen 16.00 Uhr. Sofort legte ich mich ins Bett. Es hämmerte. Mein Kopf schwoll an. Ich konnte es nicht ertragen, daß du jetzt in dieser Stadt warst. Deine Anwesenheit hielt mich wach. Ich fand keinen Schlaf. Also stand ich wieder auf und stellte mich ans Fenster, um zu rauchen. Der Blick auf die Betonwand war nicht gerade erbauend. Ich erinnerte mich der Weinflaschen, die ich gekauft hatte. Einen Öffner - ich wunderte mich über meine Weitsicht - hatte ich tatsächlich eingepackt. Ich öffnete eine Flasche Weißwein. Dann trank ich Zug um Zug. Dazwischen rauchte ich. Die Gedanken kamen und gingen. Bis ein kleines Silvesterfeuerwerk in meinem Kopf explodierte. Ich weiß, du kennst das nicht. Aber es ist so, als ob jemand den Schalter in deinem Kopf umlegt. Dieses Bild hatte immer mein Psychologe verwendet. Aber dieses Bild ist die Wahrheit. Es hält stand. Ich war wie ausgewechselt. Ich weiß jetzt noch, daß es gefährlich ist, dies zu sagen und zu denken. Demnächst werden mich die Dämonen überfallen. Du wirst mich dafür hassen.


    Eingeschweißtes Plastik. Ich muß mich da herausschälen. Ich werde den Kristall solange halten, bis es aus dem Inneren herausblitzt. Du weißt nicht, daß in mir der Dämon sitzt. Du hast nur die netten Seiten kennengelernt. Aber jetzt bricht wieder die alte Wunde auf. Das Verlassenwerden ist ein Augenblick, der in mir das Gehirn aufweicht. Ich weiß dann nicht mehr ein, noch aus.


    Ich lief von einem Eck in das andere. Ich kam mir vor wie der Panther von Rilke in seinem Käfig. Ich erinnerte mich des Traums, den ich letzte Nacht hatte. Eine Hexe verwandelte mich in einen winzigkleinen aufgeplusterten Vogel. Meine dunkelbraunen Federn waren weich wie Flaum, wie die eines Babyvogels. Der Körper war ganz rund und dick. Ich flog mehrmals gegen Eisenstäbe, immer die Hexe im Auge, die mich gleich auslöschen würde. Ich suchte nach meinem Psychologen. Ich fand ihn schließlich und bettelte ihn an, er solle mich erkennen. Er fragte: „Wer bist du?“ Ich unternahm zahlreiche Versuche, mich erkennen zu geben. Schließlich fand ich meinen Schlüssel. Ich zeigte ihn ihm. Er hatte ihn vor Augen. Er hatte mich erkannt. Dann fragte er: „Warum soll ich dich zurückverwandeln?“ Meine Gedanken rasten. Warum wollte er mich nicht zruückverwandeln. Mußte ich erneut diesen steinigen Weg einschlagen? Diesen Weg, auf dem mir keiner folgen will?


    Nach der Erinnerung des Traums schob sich wieder Kim in meine Gedanken. Ich mußte immer wieder nur eines denken. Kim in der Badewanne laut singend. Immer das gleiche Lied: „Das ist der Schülerblues.“ Danach sagte er: „Ich war jetzt Frau Müller.“ Frau Müller ist seine Lehrerin. Trägt Kim das gleiche Gen in sich mit seiner Lust an Verwandlung? Eine Angst, die nicht unbegründet ist. Er sieht mir sehr ähnlich. Seine kohlrabenschwarzen Augen, sein helles Haar, das runde Gesicht.


    Wenn er sich dann in der Badewanne umdrehte und auf dem Bauch zu liegen kam, zeigten sich seine kleinen weißen Pobacken, in die ich gerne hineingebissen hätte. Aber welch ein Schreck, als ich nochmals einen Blick riskierte: Er war nicht mehr der kleine Säugling. Er füllte die gesamte Badewanne aus. Wie schnell war er groß geworden! Und all dies war an mir vorübergegangen, ohne daß ich es gemerkt hatte. Ich hatte es schlichtweg verpaßt, ihn aufwachsen zu sehen. Er war mit entglitten. Aus diesem Grund habe ich mir ein weiteres Kind von dir gewünscht. Ich wollte nocheinmal die Entwicklung eines Kindes erleben, da Kim damals so weit weg von mir war. Du hast mir diesen Kinderwunsch immer verweigert. Ist es berechtig, daß du drei Kinder hast und ich nur eines, das mir schon entglitten ist?


    Mein Körper zitterte nach diesen Gedanken. Ich setzte mich auf das Bett und sagte mir: „So jetzt wirst du essen. Essen wie ein normaler Mensch.“ Ich zerrte die Salami aus der eingeschweißten Verpackung und legte sie auf das trockene Brot. Ich hatte vergessen, Butter einzukaufen. Die Salami auf dem trockenen Brot schmeckte, wie ein in Salzsäulen eingepackter Stein. Ich mußte würgen. Obwohl ich hungrig war, konnte ich keinen Bissen herunterbekommen.

    [Diese Nachricht wurde von Patina am 13. Dezember 2002 editiert.]

  9. #9
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    AW: Abschied

    An dem neuen Anfang werde ich auch noch hier und da umbauen. Also stört euch nicht, wenn ich hier und da editiere. Nur heut Abend nicht mehr, da fall ich nämlich satt und besoffen ins Bett.

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Abschied

    ...das ist viel text vor der hütte, lass mir zeit, bis ich ihn gehackt habe...


    sind eh grade nicht viele da, die was zu sagen haben.


    geduld,


    Klammer, der dich beachtet...
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  11. #11
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    AW: Abschied

    Ich denke, da hast einiges zu tun. Ist ein Entwurf, ein erster. Jetzt gilt es, Ballast abzuwerfen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, denke ich.


    Das Augustlicht zog seine Schatten über das Helldunkel der Gräser.


    licht/schatten: hebt sich irgendwie auf. Klingt schief. Vorschlag: Zusammenfassen. Dass es Abend ist. Dass es August ist. Dass es dämmert. In etwa so: Der August legt seine abendlichen Schatten über da Helldunkel der Gräser und die Wipfel der Bäume.


    Immer wieder schwappte das türkisblaue Wasser an den Rand des Pools und verlor sich mit einem Gurgeln im Abfluß. Ruhe war eingekehrt an diesem Sommerabend.


    Lerne verzichten! Was willst Du hier wirklich? Dass es gurgelt oder dass es ruhig ist? Entscheide Dich. Denn ein kurzer Satz über das türkisblaue Wasser genügt. Dann die paas weissen Mumien noch, eventuell auch das schwule Pärchen.


    Eine städtische Badeanstalt im Süden von Deutschland.


    die hast du dann also skizziert. Sei sparsam, vor allem weil du das dann doch noch schreibst, um was es sich handelt. "Eine städtische Badeanstalt im Süden von Deutschland an einem Sommerabend". Eigentlich steckt da alles drin. Also, was speziell willst Du erwähnen, was streichen?

    Den ganzen Sommer über hatte ich einen undefinierbaren Hunger im Bauch gespürt.


    wenn du hier hunger schreibst und die metapher brauchen willst, dann brauch sie auch. Bau das weitere auf dem Hungergefühl auf, und schreib nichts von undefinierbar. Wer Hunger hat, sucht sich Nahrung. Ein Feinschmecker sucht sich Delikatessen. Was ist hier die Protagonistin? Bleib beim Hunger. Die Ereignisse, die Reisen, sind dann die Speisen, die nicht schmecken, oder nicht sättigen. Darum hungert unsere Protagonistin, ganz im sinne von Kafkas Hungerkünstler.

    Nichts passierte. Ein seltsamer Stillstand war eingekehrt in meinem Leben.

    Stillstand. Das ist immer interessant. Aber Du machst nichts aus dem Wort. Du behauptest Stillstand, ohne ihn mir zu zeigen.


    Davor hatten sich die Ereignisse ständig überstürzt, bedingt durch meine eigene Ruhelosigkeit. Ständig war ich unterwegs gewesen in einer blinden Suche nach dem gewissen Kick. Meine Reisen hatten mich in die USA verschlagen. Zuerst New York, dann San Francisco. Auch beruflich hatte ich ständig gewechselt, bis ich schließlich eine Perspektive gefunden hatte, die mir eine scheinbare Ruhe gab.

    also, den Abschnitt hier hätt ich gern im Zeichen des Hungers gelesen. Jemand, der sich satt frisst, um am Schluss trotzdem ein Hungergefühl zu haben...

    Ich dachte, ich hätte gefunden, was ich suchte, aber dieser Beruf war nervenaufreibender als jede Reise. Mit 24 Jahren hatte ich, so dachte ich damals, den Mann für mein Leben gefunden.

    Hier springst etwas abrupt vom Beruf zum Mann.

    Mit 28 habe ich mit ihm zusammen ein Kind gezeugt. Die Ehe verlief nicht so, wie sie hätte sein sollen. Als Kim drei Jahre alt war, stand die Scheidung ins Haus. Die Scheidung von meinem Mann hatte mich mit diesem Nichts hinterlassen. Eine schreckliche Krankheit hatte mich während der Trennung überfallen. Noch heute dreht sich mir der Kopf, wenn ich an die Worte meines Exmannes denke: "Mit so jemand, der so krank ist, will ich nicht zusammen sein." Nach der Scheidung konsultierte ich einen Psychologen. Ich erinnere mich an endlose Sitzungen, die zu immer mehr Ungewißheiten führten. Mir war nicht klar, wie ich dieses Loch, das die Scheidung verursacht hatte, auffüllen konnte. Ich fühlte mich nutzlos, ungebraucht, wie einen alten Schrank, den man in die Ecke stellt.

    Ein Loch im Bauch. Eine Leere. Nutzlos oder ungebraucht? Entscheide Dich. Schreib dafür: Wie einen alten leeren Schrank. Dann hast die Leere. Streich dafür das Loch. Skizzier die Sache nochmals. Als Geschichte für sich. Erzähl mal nur das. Beginn der Geschichte: Sie als 24jährige. Ende der Geschichte: Sie als Wrack, als alter leerer Schrank. Diese Skizze muss sehr präzis sein, denk ich, sonst kannst den Rest vergessen. Das heisst, Du musst in möglichst wenigen Sätzen möglichst alles sagen. Machen wir darum eine absolute Höchstgrenze aus: 7 Sätze. 7 glasklare, schöne Sätze. Lieferst die? Bis wann?


    So far,
    Mr. Jones

  12. #12
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    AW: Abschied

    Hallo Mr. Jones,
    danke für deine Anmerkungen. Ich hoffe, daß ich am Wochenende Zeit habe, dir diese sieben glasklaren Sätz zu liefern. Obs nur sieben werden, kann ich dir nicht versprechen. Eigentlich hatte ich mir vorgestellt, den Anfang noch länger, als er jetzt dasteht zu gestalten.Ich wollte das mit dem Exmann noch ausbauen und vielleicht ein zwei Erlebnisse aus New York und San Francisco dazusetzen oder findest du das unnötig am Anfang. Anfänge sind ja so wichtig. Da will man den Leser fesseln. Vielleicht kannst du mir bis zum Wochenende noch ein Statement zu diesen Gedanken liefern. Ich werde mal sehen, wos mich hintreibt. Bis denne.

    Schönen Nachmittag
    Patina

  13. #13
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    AW: Abschied

    ich täte mal nur skizzieren. sieben sätze, wie gesagt. wobei die zahl sieben nicht das wesentliche ist.
    ich denke, du solltest nicht alles vorweg erzählen. damit man neugierig bleibt. kratze an der oberfläche, und liefere später im text die details. zum beispiel kim.

    hier noch ein fragment. arbeite damit, wenn du magst. ich denk, hier ist alles drin, was hier drin sein muss.


    Mit 24 Jahren hatte ich, so dachte ich damals, den Mann für mein Leben gefunden. Mit 28 habe ich mit ihm zusammen ein Kind gezeugt. Als Kim drei Jahre alt war, stand die Scheidung ins Haus. Eine schreckliche Krankheit hatte mich während der Trennung überfallen. Ich konsultierte einen Psychologen und hatte endlose Sitzungen, die zu immer mehr Ungewißheit führten. Ich fühlte mich ungebraucht, wie ein alter, leerer Schrank, den man in die Ecke stellt.


    ich tauch mal wieder ab, für ne weile.


    bis dann,
    Mr. Jones

  14. #14
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    AW: Abschied

    Hallo Mr. Jones,
    habe den Anfang überarbeitet. Der Exmann mit seiner Äußerung blieb allerdings. Das wollte ich doch nicht verloren gehen lassen. Ich wollte noch etwas anfügen im weiteren Text, aber das packt mein Rechner nicht. Ich werde vielleicht noch einen weiteren Ordner öffnen müssen, aber das ist für viel später.


    Schönen Abend
    Patina

  15. #15
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    AW: Abschied

    "Ich saß am Beckenrand des Schwimmbads, vertieft in Marcel Prousts 'Im Schatten junger Mädchenblüte'. Eine Lektüre, die sich in endlos langen Sätzen verliert, konnte nur dazu gut sein, meine Ohnmacht zu verstärken."



    >>>ich sass am beckenrand des schwimmbads. wie sitzt du da? Ich bin als leser interessiert an dir. auch an dir. liegestuhl oder nicht? füsse im wasser oder nicht? aber das nebenbei. eigentlich wollt ich auf proust hinaus. du bringst seinen namen ins spiel. über die schreibe dieses autors erfahre ich als unerfahrener oder erfahrener leser nicht mehr und nicht weniger als: eine lektüre, die sich in endlos langen sätzen verliert. meinetwegen. aber die aussage ist plump. auch das mit der ohnmacht. Wenn schon, dann ohnmachtsgefühl. sonst wird's zu stark. Aber denken wir doch drüber nach. liesse sich da nicht ein besseres, ein wirkliches bild finden? Nicht die lektüre nämlich verliert sich in endlos langen sätzen - prousts schreibe ist ziemlich präzise, gerade in den langen sätzen -, sondern: du! lange sätze. lange gänge. endlos lang sogar. ein labyrinth fällt mir jetzt spontan ein, in dem sich die protagonistin (also du - verzeih mir, dass ich dich dauernd mit der protagonistin gleichsetze, aber das erleichtert mir die arbeit, okay?!) verläuft, verliert, keinen ausweg mehr denken kann. Verstehst? Du musst die gelegenheit hier ergreifen und ein interessantes bild (!) dem leser vorhalten. was hältst davon?

  16. #16
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    AW: Abschied

    Werter Mr. Jones,
    ich dachte mir auch, daß da bei Proust noch was hingehört. Ist bißchen arg dürftig. Ich habe da auch schon eine Idee. Ich werde die Sätze entweder mit einer Fuge von Bach vergleichen oder/und als ob man einer Blume die Blütenblätter entreißt, - sie liebt mich, sie liebt mich nicht - um zum Kopf der Blüte, der den Kern, das Verb des Satzes, darstellt, vorzudringen. Klingt kompliziert. Ich hoffe, daß ich es schaffe, dies zu formulieren. Ich werde mich heute abend dransetzen und den Text überarbeiten.

    Robert, du bist ein alter Quatschkopf. So jetzt werde ich mich ans überarbeiten machen...see you later.

    So, das ging schnell. Vielleicht sollte man sich als kleiner Schreiberling immer nur einen Satz pro Tag vornehmen.


    übrigens Mr. Jones: Laß die Protagonistin raus. Das ist zum größten Teil wirklich nur mein Ich, das hier schreibt. Sag einfach du.


    Vielen Dank, bis denne


    Patina

  17. #17
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    Mit 24 Jahren hatte ich, so dachte ich damals, den Mann für mein Leben gefunden. Mit 28 habe ich mit ihm zusammen ein Kind gezeugt.
    >>>mit 28 zeugte ich mit ihm ein kind.


    Als Kim drei Jahre alt war, stand die Scheidung ins Haus. Eine schreckliche Krankheit hatte mich während der Trennung überfallen.
    >>>nicht hatte überfallen, sondern: überfiel mich.


    Noch heute dreht sich mir der Kopf, wenn ich an die Worte meines Exmannes denke:
    >>>...an die worte denke, die mein exmann damals zu mir sagte....


    "Mit so jemand, der so krank ist, will ich nicht zusammen sein." Ich konsultierte einen Psychologen...
    >>>darauf konsultierte ich... oder: darauf musste ich einen p. konsultieren... oder: ich konsultierte dann einen... oder: ich konsultierte also einen...


    ...und hatte endlose Sitzungen, die zu immer mehr Ungewißheit führten.
    >>>besser fände ich dies sätzchen im aktiv: ...aber die endlosen sitzungen führten (mich) in immer tiefere ungewissheit. Oder sowas in der art.


    Ich fühlte mich ungebraucht, wie ein alter, leerer Schrank, den man in den Keller stellt.
    >>>gestellt hat.


    Ich saß am Beckenrand des Schwimmbads auf einer Bank, die Beine ausgestreckt mit einer Zigarette in der Hand.
    >>>die beine ausgestreckt, eine zigarette in der hand.


    Nach dem Inhalieren, hielt ich immer meine Hand leicht abgeknickt und blies den Rauch mit Genuß in die Luft. Meine Haare waren noch naß von dem Bad, das ich soeben genossen hatte. Aber was gab es schöneres, als nach dem Schwimmen eine Zigarette zu rauchen. Die Lunge war noch ganz frisch und unbedarft. Der Genuß damit umso größer. Ich war vertieft in Marcel Prousts "Im Schatten junger Mädchenblüte".
    >>>vertieft, und gerade noch am schwimmen gewesen? Ich würde alles streichen, von nach dem inhalieren bis umso grösser. Ausser, du brauchst dringend dein nasses haar.


    Eine Fuge von Bach schwoll in meinem Kopf.
    >>>mach klar, dass nicht irgendwo ein radio läuft. Schreib was in der art: eine fuge von bach, die ihren ursprung in meinem kopf hatte...


    Mehre Tonlagen flossen gleichzeitig, als meine Augen über die Zeilen glitten. Ein Satzteil erhob sich, klang wieder aus, während schon der nächste sich ereilte,
    >>> sich ereilte? oder mich ereilte?


    ...um mich in diesem Labyrinth der Grammatik gefangen zu halten. Es war, als ob ich die Blütenblätter einer Blume pflückte und versuchte zum Zentrum zu kommen. Ich liebe dich, ich liebe dich nicht. Jedesmal, wenn ich nahe bei dem Stempel der Blume, dem Kern des Satzes angelangt war, verlor ich das Verb aus den Augen.
    >>>aber jedes Mal, wenn ich...? ansonsten sehr schön.


    Patina, das sind Kleinigkeiten, die ich hier noch aufgezählt habe. Alles in allem hast gut gearbeitet, finde ich. Gefällt mir so besser. Dir?

    vergiss nicht, der leser will immer wieder überrascht werden. deshalb empfehle ich eine kleine satzumstellung.


    1. Plötzlich sah ich in den Augenwinkeln weit ausholende Schritte auf mich zukommen.
    2. Ich wusste von unzähligen Abenden am Beckenrand, wer im Augustlicht baden ging. Es war eine eingeschworene Gemeinschaft, die kaum Eindringlinge zuließ.
    3. Diese Schritte kannte ich nicht.


    "Diese Schritte kannte ich nicht." du kennst die badegäste derart, dass du sie aufgrund ihrer schritte auseinanderhalten kannst? Dann bist wetten dass-würdig. Was ist das besondere an diesen schritten? Was grenzt sie ab gegen die schritte aller anderen badegäste? Diese schritte dürften deine nächste herausforderung schriftstellerischer art sein. du weißt, zu wem diese schritte gehören. Vielleicht schaffst du es, etwas über diesen typen auszusagen nur anhand seiner schritte? Dann hast nachher zwei möglichkeiten: das gesicht passt nicht zu den schritten. Oder es passt perfekt. Das wär doch was: einen menschen skizzieren, von dem der leser erst die schritte kennt... du kannst auch aus der gegenwart, also rückblickend, zwei drei gedanken einwerfen. Die schritte reflektieren. wenn du lust hast, würd ich das probieren. Zumal als schreibübung. Verwerfen kannst es immer noch, wenn's misslingt.

    Ich blickte nach oben, direkt in das Gesicht...
    ...Proust war vergessen.


    >>>klingt nach unterste-schublade-bravo-story, der ganze abschnitt! Der erste satz geht noch. dann stellst dir ein bein nach dem anderen. Ein mann, den der himmel schickt, muss ein engel sein. ich glaub aber nicht, dass du sagen willst, er habe ein grundgütiges lächeln. Du meinst vermutlich eher einen, mit verlaub, dicken schwanz in seiner badehose? Also: Dir gefällt ein typ. Er sieht gut aus. Du kennst ihn aber nicht.
    folgendermassen: erstens würde ich von anfang an mal sagen, dass er an dir vorbei geht... und ins wasser springt, oder den fuss ins wasser hält, oder das kannst auch später sagen - aber das vorbeigehen ist wichtig, das musst erwähnen. Denn der leser hat die erwartungshaltung, der typ meine dich, komme auf dich zu. Dann würde ich deine reaktion beschreiben. das buch sinken lassen, ihm zuschauen. Und dann ein einziger, banaler satz, höchstens dieser eine, wo du lapidar feststellst: der kerl sah besser aus als brad pitt. Oder wie du es sagen willst.
    Bisher sagst über dich: "Wenn mich in jenem Moment jemand gemalt hätte, dann hätte er wohl kaum jenen Ausdruck von fassungslosem Staunen festhalten können. Mit offenem Mund starrte ich ihm hinterher und ließ das Buch gedankenverloren sinken. Proust war vergessen."
    Bisher sagst über ihn: "Diesen Mann, der in jenem Moment, ohne einen Blick auf mich vorbeiging, konnte nur der Himmel geschickt haben. Etwa einen Meter und fünfundneunzig groß, schlank mit feinen zarten Gliedern."
    Nee, so geht's nicht. Ich kann Dir nicht mal Textarbeit machen. Das muss gestrichen und neu geschrieben werden, punkt. Sorry, ich bin direkt, aber ehrlich. Du verkraftest das, hoffe ich. Sonst sags mir bitte.


    Ich blickte nach oben, direkt in das Gesicht dieses Mannes, der diese Schritte wagte.
    >>>dieses mannes; diese schritte. Besser: das gesicht des mannes, der diese schritte...

    Ich mußte an Clint Eastwood in seinen besten Jahren denken, als er an mir vorbeiging.
    >>>hier fände ich ein unwillkürlich passend: unwillkürlich musste ich...

    Proust war vergessen. Er schien mich nicht bemerkt zu haben.
    >>>das ist wirklich geil: Du vergisst proust, und, wohlgemerkt, proust scheint dich nicht bemerkt zu haben...

    Ich sah, wie er seinen Rucksack auf die Bank legte und seine Zeitung auspackte. Plötzlich fiel mir ein, daß ich mich mit einer Freundin verabredet hatte.
    >>>seine zeitung... na gut, meinetwegen, aber „eine“ zeitung täts auch, oder? Wichtiger aber: “plötzlich“ sollte etwas wichtigeres einleiten. Damit solltest sparsam umgehen, mit solchen worten wie plötzlich. Die halten die zeit kurz an, diese worte. Da hat man nachher grosse einfälle und nicht einen „übrigens bin ich eigentlich noch verabredet“-einfall. Vielleicht schreibst so was in der art: leider fiel mir gerade jetzt ein, dass ich mich mit einer freundin...“ aber dass-sätze hasst robert ja, wie wir wissen, darum muss ich ihm zuliebe auch hier den zeigefinger heben. Bringst das „dass“ weg, sprich: schaffst den satz ohne komma?

    Enttäuscht darüber, daß ich ihn nicht beobachten konnte, wie er ins Wasser stieg, packte ich trüge meine Sachen zusammen.
    >>>das tönt jetzt, als stünde eine mauer dazwischen, und weil du nicht durch mauern sehen kannst, kannst nicht beobachten, wie... drum bring ruhig die zeit ins spiel: weil die zeit nicht hinreicht.

    Als ich das Freibad verließ, konnte ich noch sehen, wie er mit einer Fußspitze das Wasser testete.
    >>>dieser satz zuerst, dann den vorigen (?): Als ich das Freibad verließ, konnte ich noch sehen, wie er mit einer Fußspitze das Wasser testete. Enttäuscht darüber, daß ich ihn nicht beobachten konnte, wie er ins Wasser stieg, packte ich trüge meine Sachen zusammen... ja, klar, geht so nicht auf, erst gehen, dann sachen packen. Aber wenn du an den richtigen satzgliedern drehst und wendest und rumhantierst, wird was draus. ausserdem: vielleicht hast noch nen letzten gedanken für den leser auf lager, irgendwas, das dir durch den kopf schiesst – so als letzten satz des abschnitts, der wieder mal ein bisschen dich selbst ins zentrum rückt und was über deine gedankenwelt verrät?

  18. #18
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Abschied

    Es freut mich, daß hier gut gearbeitet wird. Jonathan gibt Dir ganz schön Feuer, meine Liebe. Das ist gut, aber steck mal nicht so viel ein und feure zurück! Aber nicht mit seinen Waffen, sondern mit Deinen - würd ich Dir empfehlen; vielleicht hast Du ja noch eine Geheimwaffe, einen Menschen, der Theodor persönlich kannte und sagt: "Es war alles ganz anders!" oder wie es mein Kumpel BEH sagen würde: "Man weiß es nicht genau!"

  19. #19
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    AW: Abschied

    Hallo Jonathan,
    weitere Änderungen sind durchgeführt. Wenn du so weiter machst, gewinnen wir beide noch einen Preis. Weiß bloß noch nicht welchen.


    Hallo Robert,
    der Junge macht das schon richtig so. Ich vermisse dich fast gar nicht. Nur glaube ich nicht daran, da? er sich durch einen ganzen Roman durchbeißt. Das wäre auch etwas viel verlangt. Mein Roman und dazu noch Minne von Klammer gegen sein Bühnenstück.
    Wenn du Einwände hast an Jonathans Korrekturen, kannst du ja auch mal deinen Senf dazu ablassen.


    Bis bald ihr zwei,
    Patina

  20. #20
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    AW: Abschied

    ich sags, wies ist: so geht das nicht. ich gähne bereits. fangen wir jetzt wieder von vorne an, ja?


    ich frag Dich, was fehlt zwischen diesem angeschnittenen abschnitt und dem anfang? richtig. es fehlt "etwas". das treffen mit der freundin? keine ahnung. aber etwas, das den superman einen abschnitt lang vergessen macht. reiss hier eine story an, die nebenbei läuft. meinetwegen eine sitzung beim psychotherapeuten am nächsten morgen. was weiss ich. ich kenn dein leben als literarische figur in diesem text hier nicht. aber reiss etwas an, was nachher weitergesponnen werden kann. nun, hast ne idee? da kömmt ja noch ne menge text, nicht wahr? wir brauchen hier etwas, hier und jetzt, bevor du wieder ins schwimmbad gehst. weil wenn du wieder ins schwimmbad gehen wirst, dann wirst du es aus einem einzigen, dir nur halbbewussten grund tun: um den superman wiederzusehen. also sorg dafür, dass ich ihn kurz vergessen kann. hol mich in ne andere welt...

    Am darauffolgenden Abend hatte ich mich dorthin gesetzt, wo er das letzte Mal sein Kleiderhäuflein hinterlassen hatte...

    ich frag Dich, was fehlt zwischen diesem angeschnittenen abschnitt und dem anfang? richtig. es fehlt "etwas".


    nun, was schlägst vor hier, patina?

    "Als ich in der Kneipe ankam, war ich zu früh da... Ich ertrug es nicht, für länger allein in einer dunklen Kneipe zu sitzen."


    du baust hier einen abschnitt ein, ohne loszukommen von clint eastwood. meinetwegen. aber dass du dann gleich so hudelig und schnell schnell die dinge abhandelst, wenn es nicht um clint geht... du hockst also allein in dieser kneipe. also gut, nützen wir das. die situation ist die: warten. du hast zeit. der fokus ist auf dich gerichtet. mach eine "kurze geschichte" draus. schreib auch zwei drei deiner gedanken auf, die nichts mit clint zu tun haben, die aber meinetwegen immer wieder zu clint zurückkehren. es geht hier um dich, du kannst kurz philosophieren, darfst stumpfsinn denken, was auch immer. aber mach dich zum zum zentrum des abschnitts, bis die freundin vorführt und dich aus den gedanken reisst.

    schlag subtil eine brücke zum ex-mann, aber nur am rande, nur vage, denn du verdrängst ihn gleichzeitig.

    Am darauffolgenden Abend hatte ich mich dorthin gesetzt, wo er das letzte Mal sein Kleiderhäuflein hinterlassen hatte. Wieder geschah das gleiche, wie am Abend zuvor. Er ging an mir vorbei und setzte sich mir schräg gegenüber auf eine Bank.

    >>>der einleitungssatz will mir nicht gefallen. Wenn er dir gefällt, ists aber okay. ansonsten, find einen besseren. //anstatt wieder geschah das gleiche... etwas unmittelbareres, so in der art: diesmal war ich vorbereitet, als er mit so und so einem schritt... // er ging an mir vorbei kannst einfach streichen, ist mehr als überflüssig hier.


    Er hatte mich keines Blickes gewürdigt.


    >>>hatte? Und jetzt, während er schräg gegenüber sitzt, starrt er dich dafür an? Oder wie, was wo? Anstatt dass du sagst, er sieht dich nicht an, beschreib doch besser, wohin er sieht. Der Leser darf ruhig selbst merken, dass du da nicht dabei bist, wo er hinsieht. Du sagst oftmals zuviel, wo du es nicht sagen brauchst, und zuwenig oder nichts, wo es etwas aussagen tät. Verstehst?


    Ich begann, leicht an mir zu zweifeln.


    >>>Hier brauchts dringend Erläuterung. Ich weiss noch immer nicht, wie Du aussiehst. Bist Du sexy, ja? Schimmern rosig deine Brustwarzen durchs fast unsichtbare Bikini? Und er widersteht Deinen Reizen trotzdem? Dann verstünde ich, dass Du zu zweifeln beginnst. Aber vielleicht bist ja eine hässliche Kröte? Damit ich diesen Zweifel auf etwas beziehen, ihn nachvollziehen kann, musst du mir erstmal klarmachen, warum du eigentlich nicht zweifeln tust von Anfang an, sondern erst jetzt. Woher Dein Selbstvertrauen, wenn die Geschichte mit dem Ex-Mann dieses Selbstvertrauen doch sicherlich angekratzt hat? Du siehst jetzt, weil Du Dich nicht erklärst,versteh ich deine Sätze nicht.


    Obwohl ich schon im Wasser gewesen war, beschloß ich, nocheinmal hinein zu gehen. Vielleicht würde ja dies seine Aufmerksamkeit auf mich lenken. Mein Schwimmstil war schließlich phantastisch.


    >>>Hier machst Du es dann doch noch, und das ist gut so. Nachdem das Nichtgenannte, das Aussehen wohl, nicht funktionierte (darum ja Zweifel), versuchst Du es nun mit Deinem Schwimmstil. Ja, das ist gut.


    Direkt vor seinen Augen befand sich die Leiter ins Wasser. Die Prozedur, die Schwimmbrille aufzudrücken, verlängerte ich bis zur Schmerzgrenze.


    >>>Schmerzgrenze ist sicher ein viel zu übertriebener Ausdruck hier, zumal Du Schmerzen kennengelernt hast in Deiner Vergangenheit. Sei vorsichtig.





    Mr. Jones

  21. #21
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    AW: Abschied

    Ich begann, leicht an mir zu zweifeln.


    >>>Hier brauchts dringend Erläuterung.




    als Frau versteht man das sofort. Komisch, gell? Gerade gutaussehende Frauen beginnen sofort zu zweifeln, wenn ein Mann nicht darauf reagiert. Häßliche rechnen nicht damit zu punkten.

  22. #22
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    AW: Abschied

    Hallo Mr. Jones,
    Scheiße, jetzt bin ich wohl in der Falle. Eigentlich wollte ich sie als blasse unauffällige Person mit einem Allerweltsgesicht beschreiben. Da ich aber selber gut aussehe, scheint mir das nicht so recht gelingen. Wenn ich in diesem Punkt ausrutsche und mich verrate, dann sagt mir das bitte.


    Danke, Kyra, für den Hinweis.


    So demnächst mache ich weiter an diesem Text. Heute ein Stück. Vielleicht wirds ja noch was.


    lg Patina

  23. #23
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    AW: Abschied

    da bin ich. und nicht zufrieden, mit verlaub, mit folgendem abschnitt:


    Am darauffolgenden Abend hatte ich mich dorthin gesetzt, wo er das letzte Mal sein Kleiderhäuflein hinterlassen hatte. Diesmal jedoch war ich vorbereitet. Er setzte sich mir schräg gegenüber auf eine Bank und blickte auf das Schwimmbecken. Die Zweifel überfielen mich.
    >>>du bist also vor ihm da. Das musst du herausheben, auch hier, ein warten, ein ganz anderes allerdings als zuvor in der kneipe. Dann taucht er auf. Das ist das entscheidende moment hier. Zumal du dieses mal vorbereitet bist auf ihn, auf sein bild. Was dann kommt, die zweifel, weil er tut, als bemerke er dich nicht, ist zweitrangig. Zuerst muss er erscheinen und sich dann hinsetzen, schräg gegenüber auf eine bank. Frage: ist diese bank auf der anderen seite des pools oder nur zwei meter von dir entfernt?


    War ich nicht eine graue Maus, die kaum ein Mann anblickte? Vielleicht hatte ich auch nur im Moment eine etwas schräge Perspekive von mir, da mich mein Exmann verlassen hatte.
    >>>aufgepasst hier: die schräge perspektive verbindet sich automatisch mit dem schräg gegenüber sitzenden. Das willst nicht, oder?
    >>>Deine frage War ich nicht eine graue Maus, die kaum ein Mann anblickte? stellt sich, während du auf ihn wartest. Jetzt, im moment, da er erscheint, aber bestimmt nicht mehr, und auch nicht, während er gegenüber sitzt. Allerdings, wenn er dich nicht beachtet, werden diese frage beantwortet und deine zweifel bestätigt. Verstehst?
    >>>die graue maus hat einen körper. Dieser körper kann sich vergewaltigen: sie errötet und kann nichts dagegen tun. Zum beispiel. Jedenfalls ist wohl ihr körper das, was sie zur grauen maus degradiert. Töne hier unbedingt ein wenig ihr verhältnis zu ihrem körper an. zumal sie sich nicht wohlzufühlen scheint in diesem, ihn eher als unscheinbare wand benützt, hinter der sie sich versteckt. Im gegensatz dazu wird sie eins sein mit ihrem körper, wenn sie schwimmt. Davon weiter unten.


    Obwohl ich schon im Wasser gewesen war, beschloß ich, nocheinmal hinein zu gehen. Vielleicht würde ja dies seine Aufmerksamkeit auf mich lenken.
    >>>du erwähnst nirgends, dass er dich ignoriert. Ich frage mich als leser auch, wie er dich nicht bemerkt, sind denn viele leute da oder wenige? Mir ist die atmosphäre an diesem abend überhaupt nicht klar.
    >>>das schwimmen ist dann noch zu beschreiben. das ist wichtig, denn das kannst du. das gibt dir sicherheit, befreit dich auch von der zerbrechlichen vergangenheit. Während du schwimmst, bist du ganz eins, vergisst beinahe den clint eastwood und schwimmst doch allein für ihn. Dein körper gehört dir, du bist bei dir. usw. den akt des schwimmens einfach zu übergehen, das lass ich nicht durch. du musst dir das vielmehr verdienen, bis du dann an der leiter vor deinem traummann auftauchen darfst. Einverstanden?


    du vernachlässigst die menschen, sowohl dich als protagonistin wie auch ihn, das objekt, das dich als prot. am meisten beschäftigt. ich geb ja zu, es ist schwierig, eine begegnung, ein interesse, eine spannung, eine energie zwischen zwei menschen zu beschreiben. aber allein darum kann es gehen, hier, an dieser stelle. nur das interessiert. und du hast dies thema schliesslich gewählt, nicht ich.


    Mr. Jones

    ps.


    liebe patina, ganz grundsätzlich zu obiger mäkelei meinerseits:
    du siehst den typen hier zum zweiten mal. d.h., du siehst ihn recht eigentlich zum ersten mal. seine fassade, die dich zuerst blendete, war die von clint eastwood. mit diesem bild sassest du in der kneipe. wie verändert sich dieses bild jetzt? denn w?hrend der typ unaufmerksam ist, bist du umso aufmerksamer. nichts entgeht dir. es bereitet dir, trotz seiner ignoranz, vergn?gen, ihn zu betrachten, dieses kunstwerk von mann. oder wie ist das für dich, verliebt zu sein? was also geschreiben werden muss: eine beschreibung. die dein verliebtsein in sich trägt.

    viel spass dabei.

  24. #24
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    Post AW: Abschied

    Ich bin schwer am Werkeln zusammen mit Mr. Jones. Hier ein Anfang der fruchtbaren Arbeit....




    Pflanzen sind genügsam, dachte ich und habe ihn weder umgepflanzt noch gegossen. Jetzt ist er kahl, der winzige Setzling von Olivenbaum. Warum auch schreien Pflanzen nicht!


    Ich stehe langsam auf. Meine Knie zittern. Du umarmst mich, kommst meinem Fall zuvor. Mit dem Blick über deiner Schulter sehe ich das Bäumchen. Ein Klammergriff, bei dem mir fast die Luft wegbleibt.


    Aber diese Umarmung ist meine Heimat. Dort bin ich. Es ist, als ob man unter Wasser ist. Wir kommen aus dem Wasser, aus der Fruchtblase.


    Ein spitzer Kuß auf meinen Mund. Dann löst du dich ein wenig und betrachtest mich. Das Zittern ist weg und ich wiege mich noch ein wenig, so als ob du mich noch umarmtest. "Kommst du?" frage ich leise.


    Wir treten nach draussen und hinein in ein verschneites Wintermärchen. Eine grelle Nachmittagssonne scheint uns entgegen. Trotzdem will uns die kalte Luft ersticken mit ihrem Schleier. Wir gehen langsam und schweigsam nebeneinander her von der Haustür bis zur Gartentür. Das eiserne Tor läßt sich nur mühsam öffnen, da der Griff fast zugefroren ist. Ich trete zuerst auf den verschneiten Bürgersteig und überlasse es dir, das Tor zu schließen. Du holst aus mit deinen weiten Schritten. Ich laufe rechts von dir und habe mich bei dir untergehakt. Ich halte gut mit. Unsere Schritte sind fast im Gleichklang. Nach einem kleinen Stück zupfe ich dich an deinem Arm. Wir bleiben stehen. Ich schaue zurück auf die Fußstapfen im Schnee. Du wirst ungeduldig, und diesmal bist du es, der mich am Ärmel zupft.
    Dein Atem sendet kleine Wolken in die Luft.
    "Wo gehen wir hin Elisabeth?"
    "Aber Julian, es ist ein Spaziergang. Brauchen wir ein Ziel? Die Schritte selbst sind das Ziel."
    Ich schweige und schaue auf meine Füße, die sich mit dem Schneepulver vermischen. Schließlich sage ich:
    "Hast du mich geliebt?"
    Auch du schaust bedenklich auf deine Füße und dann entweicht dir mit einem Flüstern:
    "Was glaubst du? Habe ich dich geliebt?" fragst du.
    Ich weiß keine Antwort.


    Ich blinzle, da der Schnee mich blendet. Ich gebe dir einen Kuß auf die Wange. Aber dein Blick bleibt konzentriert auf die Straße, als merkest du meine Lippen nicht. Ich sehe nach der Seite. Dein Kopf wackelt ein wenig hin und her. Manchmal denke ich mir, wenn du so läufst, wiegest du dich in deinen Gedanken. Aber ich weiss es besser. Heute bist du nur abwesend.


    Wir gehen über die Straße auf die kleine Treppe zu, die in den Wald führt. Am Waldrand wölben sich Bäume mit weissen Kronen über uns. Wir lassen die Treppe hinter uns und der Weg führt nun steil bergauf. Bis wir nach rechts abbiegen. Neben uns können wir nun die Straße, an deren Rand sich die kleinen Villen befinden, durch die Bäume sehen. Eine einsame Fußspur zieht sich durch den Schnee. Daneben kleinere Abdrücke von einem Hund. Ich laufe, renne fast, um warm zu werden. Ich halte kurz inne, drehe mich nach dir um. Dein Kopf ist leicht rot und du keuchst ein wenig. Ich rufe dir zu:
    "Ich wollte, wir könnten den Weg als die ersten betreten."
    Du schweigst. Dein Blick ist unverwandt auf die Fußspur gerichtet.


    Die Sonne sendet ihre Strahlen durch das schwarze Gitter der Zweige. Der Himmel ist blau. In der Ferne klopft ein Specht. Im Unterholz knackt es. Ich zucke unter dem Geräusch zusammen. Das Knacken war ganz nahe. Ich suche nach dem Ursprung des Geräusches. Eine Amsel huscht durch das Gebüsch. Ich sehe dich n?her kommen. Dann drückt deine Hand die meine. Wir gehen langsam zusammen weiter.
    "Ich könnte immer so weitergehen."
    "Ich auch. Mit dir, nicht mit ihm. Er ist immer davongerannt, nur um schneller zu sein. Als die anderen. Als ich. Nie hat er gewartet. Nie habe ich ihn eingeholt."
    "Du redest von deinem Exmann."
    "Von Klaus, ja."
    "Ich halte nicht viel davon, sich in Erinnerungen aufzuhalten. Nur das Jetzt zählt."
    Ich seufze und wiederhole leise: "Das Jetzt."
    Ich schaue hoch und in grundloses Blau hinein. Dabei spüre ich, dass du mich anschaust. Dann ziehst du mich an dich, plötzlich und heftig. Für einen langen Kuss.

  25. #25
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Abschied

    Der Ordner zeigt den Werkstattcharakter des Forums. Gar manche Idee wurde hier vorgestellt, manchmal nur, um Schwung für andere Aufgaben zu finden. Andererseits sollte der Ötzi immer unverändert bleiben. Aufgrund der Arbeitsweise in diesem Ordner habe ich die Veränderung eines eingestellten Textes für Mitglieder auf 48 Stunden reduziert, schließlich soll der Text in seiner Entstehung für spätere Nutzer nachvollzogen werden können.

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