Vermassung, Rationalisierung, Tempo, Gleichförmigkeit lauten zentrale Wörter der Zeit. Vorbei war die Zeit, in der einzelne in der Lage gewesen wären, die Welt zu durchmessen, alles zu begreifen, alle Zusammenhänge zu verstehen. Die Folge davon, zugleich ihre Ursache: Spezialistentum. Dilettanten waren verpönt. Dinge mußten nicht verstanden werden, sondern nur genutzt werden können. Man mußte nicht wissen, wie das Auto funktioniert, sondern nurmehr, wie man es bedienen müsse. Genies hatten Maschinen entwickelt, aber wüßten sie diese auch zu bewältigen?

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Die Zeit um 1900 reflektierte nur unzureichend über diese Gefahr, statt dessen herrschte Technik- und Fortschrittsglaube, Zuversicht, die alle Schichten der Bevölkerung durchzog. Mißtöne gegenüber dem allgemeinen Fortschrittsoptimismus durchklangen die Ränder der Gesellschaft, das Leitmotiv dominierte, eben jenes, das dazu führt, in menschlicher Hybris anzunehmen, man könne mittels der Vernunft (ratio) alle Probleme lösen. Erst nach dem Krieg 1914-18 änderten sich die Mehrheitsverhältnisse zugunsten der irrationalen Metaphoriker und Opportunisten und das Zeitalter der Postmoderne begann, in dem der Verstand nicht mehr unumwunden herrscht, sondern Gefühl, Instinkt, Blut, historische Mission und Ahnung zumindest achtungsvolle Antipoden (Gegensatzpaare) bei der Suche nach Lebenslösungen wurden.
Dennoch bilden die Antipoden Kapitalismus und Sozialismus, Autokratie und Demokratie, Militarismus und Pazifismus, Mitte und Peripherie, Organik und Gleichheitspostulat um 1900 die möglichen Schablonen zur Beschreibung der historischen Wirklichkeit. Viele Lehrbücher neigen dazu, in vorauseilendem Gehorsam gegenüber der von Linksliberalen diktierten political correctness zu interpolieren, d.h., die Zustände um 1900 aus dem Blickwinkel ihrer Maßstäbe zu bewerten. Das ist unhistorisch. Die historische Lesart muß die zu behandelnde Zeit aus sich verstehen lernen und die Zustände beschreiben, nicht aber bewerten. Die Zeit um 1900 waberte zum nächsten Krieg, den die Zeitgenossen jederzeit erwarteten, denn der Krieg war im Bewußtsein der damaligen Menschen etwas Naturgegebenes, etwas Notwendiges, dessen sie wie eine Reinigung, ein Stahlbad, zu bedürfen glaubten, länderübergreifend. Das Zusammendenken der oben genannten Widersprüche hätte nur auf einer höheren Ebene stattfinden können und eines übernationalen Bewußtseins bedurft, das der sozialistische Internationalismus oder der Pazifismus hätten geben können, die allerdings jeweils dogmatisch erstarrt, also reformunfähig waren und somit nur Kristallisationspunkte innerhalb der Ganzheit des historischen status quo abgaben.
Die Zeit zwischen 1860 und 1914 brachte zwei neue Gesellschaftskonzepte hervor:


  1. den wissenschaftlichen Sozialismus und
  2. die Idee des Übermenschen.


Beide Konzepte zielten auf Befreiung, beide kamen zwar aus Deutschland, aber beide entstanden aus dem Liberalismus westlicher Konvenienz, waren also Reaktionen auf westliche Verheißungsideen. Neben diesen die Zeit um 1900 prägenden Neuerungen, grundierten romantische Ganzheitskonzepte die politische Vorstellungswelt der Deutschen und wirkten aus Deutschland auf die Welt, wo aber die Ideen der Französischen Revolution, v.a. die auf dem Gleichheitspostulat basierende Vernunftsidee, die mit Hilfe der technischen Neuerungen eine für alle glückliche Zukunft verhieß resp. verheißen sollte.

Friedrich Michelis: Antidarwinismus
Uneinheitlichkeit und Zerfaserung kennzeichnen die Zeit. Die Einzelbestrebungen der Individuen und der Staaten führten nicht zu einer höheren Einheit, zur Idee eines globalen Ganzen, einer Idee, die notwendig gewesen wäre, um die Konflikte in einem friedlichen Kontext zu lösen. Dabei machten Wissenschaft, Wirtschaft und Technik vor, was gesellschaftlich hätte folgen müssen: das methodische Zusammenwirken und Ineinandergreifen des Verschiedenen zum gegenseitigen Vorteil. In Ansätzen geschah dies nur im Reich mit seiner verantwortungsbewußten und den sozialen Frieden stiftenden Sozialgesetzgebung, seiner klaren Gewaltenteilung und disparaten und einander verfeindeten gesellschaftlichen Strömungen, die sich freier als andernorts entwickeln konnten und das in einem Rechtsstaat, der frei von Korruption, Kriminalität und innerer Gefährdung, wie sie in allen anderen vergleichbaren Staaten usus waren, gedieh. Aber auch das Reich leistete nicht das, was es hätte leisten müssen: es blieb bei aller Progression strukturell beschränkt ausgerichtet, was hier bedeutet, es blickte nur auf sich (!); zudem kennzeichnete seine gesellschaftliche Entwicklung (wie bei vergleichbaren Nationen) der Überhang des zivilisatorischen Fortschritts gegenüber dem kulturellen, der Abrieb des Numinosen gegenüber dem Oberflächlichen: Erfüllungssuche im chique. Dieser Überhang wurde durch die rasante technische Entwicklung immer weiter verstärkt. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse erschlossen der Vorstellungskraft der Ingenieure und Technikern bislang unbekannte Adaptionsmöglichkeiten, die aber mit jahrhundertealten Menschheitsträumen verbunden werden konnten: die industrielle Herstellung von Seife beseitigte hygienische Probleme, die Erkenntnis, daß Krankenhäuser sauber sein müssen, um die Ausbreitung von Krankheitserregern zu hindern, ließ die Müttersterblichkeit sinken; die Entwicklung von Auto und Flugzeug veränderte Reise- und Lebensgewohnheiten; Elektrik ersetzte Kerzenlicht und die Flimmerkiste schuf neue Unterhaltungsmöglichkeiten. All das beschäftigte den Geist und die Phantasie des modernen Menschen fortan mehr als der Streit um religiöse Auffassungen. Damit verbunden war die Frage nach den Rohstoffen zur Herstellung der Konsumgüter, die in wachsender Zahl zur Befriedigung der materiellen Bedürfnisse wachsender Märkte bereitgestellt werden mußten. Gab es Grenzen bei diesem Aufstieg, der in fünfzig Jahren radikal die Lebens- und Sozialverhältnisse änderte und Dinge ermöglichte, die seit jeher Phantasie und Tagewerk der Menschheit beschäftigten? Zugleich verschob der obwaltende Pragmatismus das Selbstbild des Menschen. Der Mensch war Herrscher von Natur und Welt, aber zugleich hatte ihn der Darwinismus von der Anmaßung befreit, ein Gottesgeschöpf zu sein: Er war nach dieser Auffassung das Produkt der Ontogenese, ein Naturprodukt ohne jeden göttlichen Anteil, der im Nichts des unendlichen Weltalls verschwinden mußte. Der Mensch besaß den erkämpften Platz an der Spitze der Nahrungskette, aber dieser Platz mußte der Theorie nach irgendwann abgegeben werden. Und was einerseits zu metaphysischer Gegenreaktion hätte führen müssen (die aufgrund des pragmatisch-orientierten Charakters der Zeit sehr blaß blieb), ließ ganz andere Sumpfblüten aus dem Urgrund hervorbrechen: Rassismus, wissenschaftlicher Sozialismus und Geopolitik.
Diese Exploitationen des menschlichen Geistes dieser Zeit sind allesamt Produkte liberalen Denkens und zugleich ihre Bankrotterklärung. Das liberale Denken hatte in gut pragmatisch-sophistischer Manier den Menschen als v.a. biologisch-soziales Wesen in den Mittelpunkt gerückt. Glücksverheißung für möglichst viele Einzelne innerhalb eines durch das Recht gesicherten Staatswesens lautete die politische Maxime, die daraus zu folgern war. Um das Möglichst entbrannte der Streit. Also Einschränkungen, die biologisch (Rassismus) oder klassenspezifisch (sozialistisch) oder geostrategisch (Geopolitik) oder gar hinsichtlich ihrer Befähigung (also utilitaristisch) erfolgen sollten, was zwangsläufig dazu führen muß, ganze Nationen in diesem Zirkel des begrenzten Denkens zu analysieren und zu bewerten. Diese Beschränkung begründete die ontogenetische Stagnation des Menschen, die bis heute anhält. Das Wegführen von der humanistischen Ganzheit hin zur Selektion, eben das Möglichst!, das Verbannen, die Austreibung, die Bestimmung des Anderen als Krankheit, Zielgruppenorientierung, Parteilichkeit und Minderheitenschutz sind Symptome dieses Weges, der aus Menschen Massepartikeln machte und aus Bürgern eines Gemeinwesens Staatsbürger mit Paß, im schlimmsten Fall über die Zugehörigkeit zu einer Rasse bestimmt. Aber prinzipiell besteht kein Unterschied, ob jemand als Bürger eines Gemeinwesens erst dann aufgenommen wird, wenn er Besitz nachweisen kann oder einer sozialen Klasse zugehört oder wenn er primäre Rassemerkmale aufweise. Alles entspringt der liberalen Selektion, die das Leben erst für wenige, dann für einige und schließlich für die meisten einfacher, sicherer und behaglicher machen möchte, worin Wissenschaft, Versicherungswesen und Technik ihren Zweck und Sinn besitzen sollen.
Diese Zielstellungen der liberalen Parteien von national-liberal bis sozialistisch klangen zu gut in den Ohren der Menschen und bewirkten bei aller prinzipiellen Fehlgeleitetheit zwischen 1860 und 1914 sehr viel Gutes, doch mehr als Nebenprodukt, wie eine Betrachtung des liberalen Steckenpferdes per se, Bildung, zeigt. Interessegeleitete Politik bei allen Ausrichtungen der Liberalen: Die Nationalliberalen fochten für Volksbildung, um die Nation in ihrem Sinne zu beeinflussen, nationale Inhalte und Lobhudelei ersetzte kosmopolitische und humanistische Inhalte; andere liberale Richtungen wollten über die Volksbildung ein Reservoir zur Elitenbildung heranzüchten, so auch heute, und die Sozialisten betrachteten Volksbildung als dasjenige, was notwendig war, um ein Klassenbewußtsein auszuprägen, die Basis ihrer politischen Ziele.
Der Zeitgeist wurde von der Widersprüchlichkeit aus zivilisatorischem Fortschritt und kulturellem Rückschritt geprägt. Der Steigerung des allgemeinen Wohlstands und der Sicherheit stand die politische Polarisierung entgegen, an der auch der zunehmende Volkswohlstand nichts änderte, im Gegenteil, sogar ausprägte. Es waren Brosamen der Reichen, die das Grundgefühl der Besitzlosen nicht änderten, nämlich den Absud der Gesellschaft zu bilden, Verlierer zu sein. Auch deshalb drang der soziale Kampf mehr und mehr in den Vordergrund des politischen Alltags. Die Erfindung des Dynamits, die für die Moderne typische Zunahme der Organisation in allen gesellschaftlichen Gruppen und die letztgenannte Unfähigkeit zur Konzilianz, eine Folge der Polarisierung politischer Parteilichkeit, gab den Unversöhnlichen ein Mittel in die Hand, das sie zu Attentaten auf politische Führer benutzten, zumal die Attentäter glaubten, durch die Tötung politischer Führer das Signal zum allgemeinen Aufstand zu setzen, der das Ende des verhaßten Systems bewirken sollte. Das war ein Gedanke, der auf der Hand lag.
Die einzelnen Staaten in ihrer von nationalen und sozialistischen Liberalen gesteuerten politischen Entwicklung häuften Waffenarsenale an, die die Welt noch nicht gesehen hatte. Das war dem Sicherheitsbedürfnis geschuldet, einem inneren gegenüber den beargwöhnten Besitzlosen, und einem äußeren gegenüber dem wirtschaftlichen Konkurrenten um Absatzmärkte und Rohstoffreservoirs. Die sozialistische Idee sah nicht vor, die Welt im Frieden zu erobern, sondern den kapitalistischen Staat mit seiner Kraft zu übernehmen und gegen die inneren und äußeren Feinde einzusetzen. Im Inneren tobte der Kampf um Einflußnahme auf die Jugend, der sich der Substanz nach gegen alles richtete, was nicht dem sozialistischen Dogma von der historischen Mission der Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Partei entsprach oder dem anderen diesseitsbezogenen Optimismus der Liberalen grundsätzlich widersprach und die Welt in einem anderen Kontext verortete. Das war von Land zu Land unterschiedlich ausgeprägt, aber Zeitgeist, also weltweit der Fall.
Auf der anderen Seite stand ein geradezu unabdingbarer Fortschrittsglaube an die Segnungen der Technik, an die Grenzenlosigkeit der Natur, die als etwas Auszubeutendes begriffen wurde, an ewiges Wachstum, an Rechtszunahme und an die damit verbundene Zunahme der Sittlichkeit. Man verwechselte schlichtweg Zivilisation und Kultur und glaubte parteiübergreifend an eine ewige Herrschaftspflicht der überlegenen weißen Rasse.
Es muß auch nach den konservativen Kräften und ihrem Tun gefragt werden, die diesem zerspaltenen und doch in der Sache einigen Zeitgeist gerichtet sein mußten. Nun, letztlich versagten sie. Das mächtige Erbe der Kirche in ihrer wegweisenden Bedeutung für die Masse der christianisierten Bevölkerung blieb ungenutzt. Das geistige Leben dieser Zeit ging nicht von ihr aus. Die christlichen Kirchen stellten sich zwar gegen den Zeitgeist, aber es war nur eine regressive Haltung, kein tätiges Pro und somit paßten sie sich an, waren kein Hammer, sondern Amboß, was allerdings substantiell christliche Lehre ist. Auf der Pro-Seite können zwei Leistungen vermerkt werden:


  1. der Konservatismus blieb die einzige politische Kraft, die nicht partiell wirkte, sondern den Blick auf die Bewahrung des Ganzen legte und
  2. der Gesellschaftsentwurf einer historisch gewachsenen Bauhütte, in der jeder nicht nur seines Glückes Schmied sein konnte, sondern auch als integraler Bestandteil des Ganzen verstanden wurde, stand zwischen 1860 und 1914 in der politischen Verantwortung, schuf ein funktionierendes Staatswesen und brachte dem Reich die längste Friedensperiode seit jeher, der zugleich von einem wirtschaftlichen, sozialen und wissenschaftlichen Aufschwung gekennzeichnet wurde, der dato ungekannt war.


Das tätige Pro blieb bei den Materialisten, denen die ihnen bekannte Welt nicht genug war und die immer weiter ausgriffen, so daß in den empirischen Lebensbereichen das Maßlose, das Paralytische, als Phänomen der Zeit beschrieben werden kann. Cecil Rhodes, Kitchener, Krupp, Ford, Siemens, Edison, Zeppelin, Baring, Skebelew, Curzon oder Cromer heißen die Propädeutiker der Zeit, Männer, die sich nahmen, was sich bot: pragmatische Paralytiker ohne Idealismus.
Das allenthalben affizierende Wachstumsdenken war noch nicht der Tod der Kunst, die auf hohem Niveau stand, aber tendenziell einem Kunstbetrieb wich, der wiederkäute und, vergleicht man die Produkte dieser Zeit mit der von 1770 bis 1830, zu wenige Werke schuf, die heute noch Bedeutung besitzen. Nur in der Literatur, Musik und Geschichtsschreibung entstanden Werke von Weltgeltung, meist im Reich (Brahms, Bruch, Wagner, Fontane, Delbrück, Trakl, Freud); Rußland (Dostojewski, Tolstoi, Gogol, Turgenjew) und Skandinavien (Ibsen, Strindberg) schlossen kulturell auf, der Westen blieb auf hohem Niveau (Twain, Verdi, Materlinck, Baudelaire, Zola, Wilde), entwickelte aber nichts Neues. Der Roman wurde zur bevorzugten Dichtungsform, denn in ihm konnte man dem Zeitgeist entsprechend kompilieren und alles zusammenbringen, was der sich zerfasernde Alltag zeigte: naturalistische Schilderungen, analytische Seelenbetrachtung, quasiromantische Sehnsüchteleien, instinktbehaftete Schwermut und Selbstzweifel und zugleich konnte moralisiert werden: man schöpfte aus dem faulen Pfuhl des Lebens, dem Grund der modernen Großstadt. Das Theater war keine Schaubühne mehr, die moralisch bilden sollte, sondern vorrangig Amüsiereinrichtung, auf Effekte und Skandal ausgerichtet, verbrämt als Kritik der Zeit verkauft.
Malerei und Bildhauerei blieben auf hohem Niveau, setzten aber keine neuen Impulse, ein Kennzeichen von Verfall.
Bedeutsamer wurden Baukunst und Innenarchitektur zwischen 1860 und 1914. Das reiche Bürgertum wollte behaglich und mondän wohnen. Die in den rasch wachsenden Städten Wohnenden waren mit den kleinräumigen und leicht beheizbaren Bürgerhäuschen der Biedermeierzeit nicht mehr zufrieden: die Räume mußten größer sein, der Komfort der Innenausstattung wuchs, fließendes Wasser aus der Wand und Elektrizität mußten innenarchitektonisch so appliziert werden, daß sie genutzt werden konnten, man die dazu nötigen Rohre und Leitungen aber nicht sah. Versachlichung auch hier, aber im Wettstreit mit dem Schönheitsempfinden der bürgerlichen und adligen Damen, die es bequem und warm haben wollten.

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Die Zeit ist gekennzeichnet von gegenläufigen Tendenzen: dem rasanten Fortschreiten in Wissenschaft, Technik und Zivilisation steht eine Beharrung im Politischen und Kulturellen gegenüber [1], beides steht auf dem Grund einer nachlassenden Bedeutung des Religiösen. Der Tatmensch der Zeit ahnte zwar etwas von den tieferliegenden Instinkten, aber er schritt mit einem sardonischen Lächeln in die optimistisch behauptete Zukunft, in der die rationalisierte Welt fortlaufend neue Profit-Möglichkeiten erzeugte. Ein Akt der Verdrängung oder eine logisch fixierbare Haltung? Die Soziologie entstand als neue Wissenschaft und gab vor, die Gesetze menschlichen Zusammenlebens entschlüsselt zu haben, andere erkannten die Wechselbeziehung zwischen dem Fortschrittsglauben und den schrecklichen Möglichkeiten durch die neuen Waffen. Die Kritiker der Zeit kamen aus allen Denkrichtungen: Nietzsche löste das Problem seiner Zeit mit dem Konstrukt des Übermenschen, verwies also die objektiven Probleme in die Entscheidung des Einzelmenschen, aber er blieb zeit seines Lebens weitgehend unbeachtet; Chamberlain setzte rassisch-kulturelle Aspekte zur Behebung der entnuminosierten Notlage des spätmodernen Germanen; Tolstoi streifte die moderne Hülle ab, die den Menschen von seiner (aus einem natürlich gewachsenen Gottesbild) Menschlichkeit trenne; Sorel betonte die Notwendigkeit einer sozialen Revolution, um die Wirksamkeit der Mythen abzustreifen, wie sie das depravierte und manipulierende Bürgertum mit Hilfe ihrer Fata Morganen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in die Welt getragen habe; Marx, Engels und Lenin wollten die Freiheit der Menschheit erstmals herstellen, indem sie die Entrechteten und Besitzlosen zu den Herren machen wollten. Bis auf Nietzsches Entwurf alles Parteilichkeit, nur Teilbereichsentwürfe, die nicht alle Menschen betreffen konnten, sondern jeweils nur einen Teil des Ganzen.
Vielfalt im Sud des Lebens, aber gedeckelt von den autoritären politischen Führern. Doch was würde geschehen, wenn diese Führer ausgedient haben würden? Das Widersprüchliche der Zeit begründete das Fortschreiten zu immer Neuem, denn Unwohlsein ist ein starkes Antriebsmoment: man fühlte das Morgenrot völlig neuer Zustände und erkannte das Mißverhältnis der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wirklichkeit. Die Spannungen drangen zur Oberfläche, wurden aber noch durch ein robustes politisches System und die schier endlosen Wachstumsmöglichkeiten abgelenkt, wo sie sich weitgehend entluden.


Aufgaben:


  1. Beschreibe den Hauptwiderspruch der Zeit von 1860 bis 1914! (II)
  2. Befasse dich mit den wichtigsten Ideengebern der Zeit und differenziere ihre Auffassungen hinsichtlich der Lösung allgemeiner Lebensprobleme! Entscheide dich für einen Ansatz und begründe deine Auffassung! (III)
  3. Schreibe die Biographie eines herausragenden Vertreters der Zeit und stelle diese Person in einem KV deinen Kursteilnehmern vor! (I)




[1] Der Kulturkampf um 1900 wich ab 1919 dem Kulturstaat, der vorgab, sozialdemokratische, katholische und linksliberale Kulturwerte gleichberechtigt zu allen anderen zu integrieren. Damit verbunden war Nivellierung, denn nur aus dem Konflikt wächst Stärke, aus dem gleichberechtigten Nebeneinander aber Indifferenz, ein Niedergangssymptom. Sofern dann das Politische mit dem Kulturellen verwoben wird und mehr wird als Sponsorentum, sondern an Vorgaben geknüpfte Förderung, wird Kultur zum Verwaltungsobjekt und nicht die Leistungen erbringen, die sie im Kampf widerstreitender Weltanschauungen und Meisterschulen hervorzubringen in der Lage ist. Der Kulturstaat der (zentralistischeren) Weimarer Republik war ein Rückschritt gegenüber dem Kulturkampf zu (konföderativeren) Kaiserzeiten.