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Thema: Der Flug I,2

  1. #1
    howah
    Laufkundschaft

    Post Der Flug I,2

    Die Tür zum Flugzeug, die routiniert lächelnde Stewardess, die die Konrollabschnitte entgegennimmt, das Drängeln durch den engen Gang, die Staus, die sich hinter denen bilden, die ihren Platz nicht finden oder Schwierigkeiten haben, ihr bisschen Gepäck zu verstauen. Vor mir versucht die vermummte Frau, sich aus ihrem Schal zu wickeln, ohne ihre Esstüte loszulassen. Der Schal streift über mein Gesicht, riecht nach Mottenpulver, aber wer benutzt heute noch Mottenpulver, wo es doch die verschiedensten fast geruchslosen Mottenschutzmittel gibt. Jetzt hat sie das riesige Textil in der Hand, versucht es zusammenzufalten, ohne die Tüte loszulassen, sie hat Mühe damit. Ich stehe und warte.
    Wie lange ist das nun her, frage ich mich, eingeklemmt auf dem engen Flugzeuggang zwischen der dicken Frau und dem säuerlich riechenden Mann mit den Turnschuhen. Zuerst schaut man auf die Uhr, rechnet, vermutet, spekuliert, frühestens, spätestens, dann zählt man die Tage, die Wochen, schließlich Monate und Jahreszeiten. Der Sommer geht vorüber, der Herbst; Winter: wann war dieser achtundzwanzigste Juni? Dieses Jahr, oder das vorige?
    Endlich hat die dicke Frau ihr Problem gelöst, das Tuch kurzerhand zusammengeknüllt in die Ablage über den Sitzen gestopft, sich auf ihrem Sitz niedergelassen, einen neuen Keks aus ihrer Tüte gezogen, in den Mund gestopft. Sie wird sich noch totfressen, ehe das Reiseziel erreicht ist, denke ich gereizt und lieblos. Mein Platz ist zwei Reihen vor ihr, ein Fensterplatz, Raucher, ich richte mich ein und schnalle mich an.
    Draußen kurven die Maschinen herum, Köpfe hinter ovalen Fensterchen, Menschen unterwegs, Menschen mit einem Ziel. Gruppen, Paare, Einzelpersonen, in den Urlaub, vom Urlaub nachhause, zum Freund, auf dem Heimweg vom Besuch bei der Liebsten. Zurück von einer Geschäftsreise, zu Frau und Kindern. Auf der Hochzeitsreise. Zur Beerdigung der Mutter. Zur Kur nach langer Krankheit. Zum Shopping in eine der Metropolen, zu einem Opernbesuch, einer Verlobung, einer Konfirmation. Menschen mit einem Ziel, die am Gate abgeholt werden. Umarmungen, Blumen, Küsse. Ankünfte, Abreisen.
    Sie schließen die Türen; welch ein erschreckender Gedanke, die Türen würden sich nicht mehr öffnen. Keine Ankunft, kein Ziel. Vielleicht kein Tag mehr. Auf dem Platz neben mir läßt sich die kleine, schwarze Frau nieder, es geht ihr offenbar besser jetzt, sie schaut um sich, nickt mir zu, lächelt. Ich nicke, lächle zurück, sie zieht ihre schwarzen Handschuhe aus, schließt ihren Gurt, stopft das Täschchen und die Handschuhe in das Netz am Vordersitz, lehnt sich bequem zurück. Sie hat zwei wunderschöne, mit Brillanten und Saphiren besetzte Platinringe an der linken Hand, zwei Goldringe, einen Ehering und einen breiten, ziselierten Reifen an der rechten.
    Das Flugzeug beginnt zu rollen, nimmt eine Rechtskurve und befindet sich, hoffe ich, auf der Startpiste. Die Frau streicht mit ihren ringschweren Händen über ihren Kopf und korrigiert ihre Frisur, und lächelt mir schon wieder zu. Sie macht mich unsicher.
    Kaum etwas kann so irritieren wir unerwartete Freundlichkeit, ein überraschendes Lächeln. Ich stelle mir vor: ein Ehepaar, einer der beiden seit zirka fünfzehn Jahren unfreundlich, gehässig, unkommunikativ, ein(e) NörglerIn, ein(e) verbissene SchweigerIn vom Frühstückstisch bis unter die Bettdecke, ein(e) BrüllerIn, vielleicht sogar ein(e) AggressorIn - und plötzlich, von einem Tag zum anderen, kommt eines frühen Morgens schon beim Aufstehen ein fröhliches "Guten Morgen". Dieser Ehepartner ist plötzlich liebevoll, zärtlich, mitteilsam, anschmiegsam und so weiter: könnte das den anderen Partner nicht dazu bringen, durchzudrehen, aufszuflippen, die Scheidung einzureichen, aus dem Fenster zu springen?
    "Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie an Bord des Mewseas-Fluges 942 und bitte Sie um etwas Geduld. Wir warten noch auf die Starterlaubnis."
    Wir warten. Immer waren. Kurzfristiges Warten mit der Garantie auf ein Ende an der Supermarktkasse, im Arztwartezimmer, am Postschalter, auf dem Bahnsteig, in der U-Bahn, in der Hotelhalle. Wartestationen. Man wartet mittelfristig auf Sonne, auf Schnee, auf den Sonntag, auf den Tag eines ersehnten Wiedersehens, ein ungenaues Warten. Langfristig wartet man meist vergeblich, vielleicht ein ganzes Leben lang und bis es zu spät ist auf Liebe, Wärme, Zärtlichkeit, oder Geld und Luxus. Man muss sich fragen, woher sie eigentlich einschweben, diese unerfüllbaren Wünsche, wer einem das große Glück, die Erfüllung vorgaukelt. Der Bauch. Die Hormone. Das Fernsehen. Die Haut. Die Psychologen. Das Kino. Die Nerven. Der Muttertag. Ein Roman. Die Sehnsucht. Das Abendrot. Die Chemie. Musik.
    Aber es passiert einfach nicht.
    Wenigstens verstehen wollte ich es, aber er tat unbeteiligt. Immer auf der Hut, als könne ich ihm etwas nehmen, aber was hätte ich ihm nehmen können. Immer schon halb auf der Flucht, ein Bein startbereit, niemals ganz da, als könne ich ihn in einem unaufmerksamen Moment anbinden, aber wie und womit, fragte ich mich. Und warum.
    Ich rumpste so lange gegen die Mauer, bis ich zusammenbrach. Aufwachte aus vielständiger Narkose, und sie hatten ein Stück von mir abgeschnitten. Noch benommen stand ich auf, und schwankte, links schwerer als rechts, endgültig völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Mein Gang ein trunkener Schritttanz, ein torkelndes Drehen; ein unsicheres Balancieren auf dem Hochseil ohne Netz. vor und zurück, die Mitte fürchtend, über dunklen Löchern.
    Wer den Alptraum eines solchen Sturzes oft genug durchlitten hat, den kann eine realer Fall, ein Flugzeugabsturz etwa, nicht mehr schrecken. Die Maschine rollt, stoppt, rollt wieder.
    Wie lange werde ich noch am Boden festkleben? Wann ist mein Start frei?

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
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    19.April 2000
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    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Der Flug I,2

    Wer meint er fliege der sehe zu dass er nicht falle...
    und wenn er falle, stehe er auf und schüttle den Dreck von seinem Gewande und betrachte das Gewesne als lauter Kehricht und er buche sein Leben als ein neues.


    Gefällt mir weiterhin SEHR GUT!!

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Flug I,2

    Ja, dieser Teil ist besser. Hier verdichtest Du. Hier wuchtest Du aus, aber es wird nicht indifferent, im Gegenteil, hier bringst Du einen überraschenden Wechsel, eine Zuspitzung, eine Pointierung. Aber mußtest Du soviel Anlauf nehmen? Wenn, dann hättest Du im ersten Teil schon Andeutungen, meinetwegen auch zwischen den Zeilen, machen müssen. Sicherlich hast Du in der Beschreibung eines Ehealltags zwischen Menschen, die sich nichts zu sagen haben, schon Butter aufs Brot geschmiert, doch das war eine andere Ebene, hier ist's endlich sublim. Darin liegt Deine Stärke, denke ich.
    Im ersten Teil würde ich doch - bei aller Liebenswürdigkeit - ein wenig zu streichen wissen.

  4. #4
    walfisch
    Laufkundschaft

    AW: Der Flug I,2

    nein, bitte streiche nichts aus dem ersten teil!
    dort wird teils unterschwellig die stimmung erzeugt, die fuer den schluss unbedingt notwendig ist.
    ausserdem wird hier der zentrale begriff des wartens fuer den leser zur erfahrung, auch wenns nirgends langweilig wird.
    ich erinnere mich an warten auf godot, auch wenn hier das warten, nicht ganz so banalisiert wird, sich stattdessen ua der entlarvung (zwischen-)menschlichen elends widmet.
    sehr, sehr schoen! man wartet
    auf mehr

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    Renommee-Modifikator
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    AW: Der Flug I,2

    hi howah, ich trau mich fast nicht ... aber das ende kapier ich nicht.


    in etwa so:
    sie wurde verlassen von ihm, selbstmordversuch? hat nicht geklappt. und was ist das für ein sonderflug?
    kollektiver selbstmord? ich bin irgendwie ganz durcheinander???


    *grübel*


    gibst du mir einen tipp?


    grüße
    e.

  6. #6
    howah
    Laufkundschaft

    AW: Der Flug I,2

    dpa/reu FFM -08.04.,20.19 - Flugzeug vermisst - Wie die Flughafenverwaltung FFM meldet, ist eine Passagiermaschine der englischen Privatfluggesellschaft Mewseas über dem Atlantik als vermisst gemeldet. Der Flug sei in FFM mit erheblicher Verspätung gestartet, teilt die Pressestelle mit. Flugziel sei nicht bekannt.


    dpa/reu FFM - 08.04., 20.46 - Flugzeug vermisst - weiter - Als Flugziel war Heathrow/London, der Heimatfluighafen der Maschine, angegeben. Die Betankung der Maschine reiche für einen Atlantikflug nicht aus. An Bord befanden sich 21 Passagiere, überwiegend Deutsche, und 4 Mann Besatzung.
    An dpa-Bild: Foto gleiche Maschine erhalten Sie direkt von Heathrow


    dpa/reu FFmM - 08.04,,21.03 Flugzeug vermisst - weiter - Große Besorgnis herrscht wegen der immer noch unauffindbaren Mewseas-Maschine, die sich vermutlich über dem Atlantik befindet Hubschrauber der englischen Küstenwache machen sich auf die Suche. Ausführlicher Gesamtbericht direkt aus Heathrow folgt.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Flug I,2

    danke howah


    richtig schlauer bin ich immer noch nicht. das mit dem selbstmord könnte sein, besatzung springt ab, oder sie hat die maschine entführt, wenn ja, wie?
    *grübelndimselbstgesprächversunken*


    grüße
    e.

  8. #8
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Der Flug I,2

    Die Selbstmordinterpretation habe ich nicht verstanden. Muss ich aber auch nicht. Daß die Herumflieger es ernst meinen, das will mir auch nicht in den Kopf.
    Aber ich muß ja auch nicht alles verstehen.

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