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Thema: Klageordner

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Klageordner

    Bitte schön! Hier ist der Ordner, angestoßen von einer Bemerkung Yoram Kaniuks, der zurecht feststellt, daß es nach dem Krieg in Deutschland niemand für nothwendig hielt, ein Klagelied über den Tod von sechs Millionen Juden zu schreiben. Ich habe diese Trauer. Und ich werde diese in Worte fassen. Hier ist der Ordner für diese Worte... Unendliches Meer.

  2. #2
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    AW: Klageordner

    zigeunermusik hör ich,
    dazu, höre ich klänge derer, die -
    mein weinen geht niemanden,
    keinereiner vermag -
    ich bin doch,
    als wäre ich nicht... -
    1966!
    also später.
    bitte nicht jetzt, walser und literaturpapst -
    alt und abgegriffen -
    und existenzkalkül, wie ärmlich,
    selbst die denkenden,
    die, die das geschriebene wort erkoren -
    kinderkrieg, kram und sand... -
    sollen spielen!
    ja, ich kenne nur die ableger -
    die unerträgliche leichtigkeit oder das leben ist schön oder itzt polanski, der pianist -
    grausam!
    wir!
    menschen!
    das versteh ich schon.
    das versteh ich nicht!
    nein.
    stefan zweig hat sich in brasilien, das weiß ich... -
    wissen tät ich schon.
    trauren auch.
    nein, ich bin 66 erst.
    später.
    zigeunermusik hör ich.
    hör ich deren lieder.
    trauer ich für alle.
    auch die, die stalin.
    alle die unmenschlich.
    auch heute.
    alle die.
    immer.
    ende des gedichts!

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Klageordner

    mist, ich hoffe, es heißt jetzt nicht "thema verfehlt", ich gab mir so viel mühe, mit meiner "lyrik":


    nacht des zerbrochenen glases


    in häusern fügen sich seelen zusammen


    "die kochende volksseele"
    in schwarz
    klettert flure hinauf
    draußen splittern
    die fenster
    hier das holz
    der tür


    "die kochende volksseele"
    in schwarz
    stürmt die wohnung
    dumpfe schläge
    auf körper
    schluchzende frauen
    decken kinder


    am morgen
    beklagt man die sachschäden


    in häusern wurden seelen zerbrochen

  4. #4
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Klageordner

    Als Text ganz passabel, wenn auch...
    Thema verfehlt, ganz recht. Das ist kein Klagelied; NUR Ansätze. Yoram Kaniuk hat da wohl eher die Diktion der Klagelieder JEREMIAE im Ohr, denke ich. Oder aus den Psaltern Buch 51. So was in der Art. Dein Text ist mehr ein Anklagetext, vielleicht ein Erlebnisbericht, aber er ist kein Klagelied.

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Klageordner

    Das glaube ich nicht mal, du nimmst das, glaube ich, zu wörtlich.


    Er sucht einfach den Versuch, Bedauern und Verlust literarisch aufzuarbeiten.


    Aber Klagelieder haben auch etwas...

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Klammer
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    AW: Klageordner

    Das ist zweifelsohne eine gute Idee, trotzdem seien mir als Nichtlyriker ein paar Anmerkungen gestattet.


    Können wir Nachgeborenen überhaupt das Leid und den Schmerz der Menschen nachvollziehen, die dem 3. Reich zum Opfer fielen?
    Können wir den Verlust einer Kultur empfinden, die wir nicht erlebt, sondern höchstens durch Dritte erfahren haben?
    Ist es nicht Anmaßung, vielleicht sogar Verhöhnung der Opfer, wenn wir, die wir satte, zufriedene Wohlstandsbürger sind, auf den Schrecken des Holocaust ein Gedicht machen?
    Ein Beispiel: Ein Lyriker,den ich kenne, hat mir ein Gedicht zum Lesen gegeben, in dem er beschreibt, wie er durch den Winterwald stapft. Ihm ist kalt, er friert, das Gehen durch den hohen Schnee fällt ihm schwer. Eben war er im Kino, er hat "Stalingrad" gesehen. Jetzt versteht er, so seine Gedanken, wie es den Menschen damals an der Ostfront ging.
    Verzeih mir, Kyra, aber diesen Lyriker hätte ich am Liebsten hingerichtet: Seine Argumentation war, als würde er sagen, ich habe heute früh nichts gegessen, daher weiß ich jetzt, wie sich ein Kind fühlt, das in der Sahelzone verhungert.
    Viele der Gedichte hier ähneln aber leider genau diesem Gedanken; vielleicht sollten wir keine Klagelieder, sondern Anklagelieder schreiben.




    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - http:\\klammerle.wordpress.com

  7. #7
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Klageordner

    Klammer, ich will klagen. Es ist mein Schmerz. Das ist der Punkt. Es sind meine Leute, die ich verlor. Und ich habe diesen Schmerz. Das ist wahr. Ich habe diesen Verlust und spüre ihn immer dann am stärksten, wenn ich in einem Text stolpere, wenn ich in mir nach einem Weiter suche, das ich von irgendwo her kenne. Es sind Ahnungen, die in mir Sprache suchen, Gottesnähe.
    Ich muß mir da nichts vormachen. Mein Mir-etwas-vormachen beschränkt sich darauf, daß ich glaube, dieses Forum und diesen Verlag irgendwann in schwarze Zahlen führen zu können. Beim Schmerz mache ich mir nichts vor, den spüre ich.


    Man lese Rathenau oder Benjamin. Das waren Patrioten. Keine Frage. Juden? Na und? Bäcker? Na und? Presbyterianer? Na und? Wiedergetaufte? Na und? Das interessiert mich nicht. Für mich ist deutsch nun mal nicht ans Blut oder an den Glauben gebunden, sondern an den Willen, für eine Gemeinschaft da zu sein. Das ist der Punkt.
    Und deswegen kann ich es den Nazis nie verzeihen, daß sie sehr viele meiner Landsleute ermordeten. ich werde es allerdings verstehen lernen müssen, daß sie das Deutschsein NICHT an den Willen, sondern ans Blut banden. Und dieser Gedanke hat auch etwas, also der gemeinschaftsstiftende Gedanke übers Blut. So funktionieren unsere Familien. Aber ist der Staat etwas nicht nur quantitativ, sondern v.a.qualitativ eine andere Sphäre. Doch wie... Also, es ließe sich sehr lange weiterfragen.
    Ich bin aber nun auch keiner, der sich hinstellt und mit dem Finger auf die Nazis zeigt und sagt: Ihr da!
    Ich sage statt dessen: Wir haben von uns gemordet.
    Und: Das ist die Klage. Das ist der Schmerz. Ein Auge rausreißen! Die Juden waren per definitionem Volksfeind. Das ist aus meiner heutigen Sicht so, als ob ich einen Teil meines Körpers zu meinem Feind erklären würde. Ich könnte dann auch den Gedanken, den ich gerade dazu hatte, zu meinem Feind erklären, was den Gedanken selber...


    Achtpanther, so verstehe ich auch den revanchistischen Kaniuk. Und mal zugegeben, vieles von dem, was er schreibt, klingt doch sehr rabiat revanchistisch. Also, wenn ich so was sagen würde, was er manchmal sagt (Textkritik im Kritikordner), dann würde man mir sofort mit der Nazikeule kommen. Das Dumme: Er hat zumeist recht, zumindest mit dieser Feststellung, daß nach dem Kriege keiner der deutschen Dichter klagte. Klammer hat es auch gleich falsch verstanden. Das ist kein Zufall. Es besteht ein riesiger emotionaler Graben zwischen einer Klageschrift und einer Anklageschrift. Man muß die Nazis sozusagen ausklammern und sich auf das beschränken, was die Folge ihres Tuns war/ist. Der Deutsche neigt dazu, das, was er für eine Folge hält, auch immer zugleich in ihren Ursachen zu betrachten. Er glaubt, andernfalls, er würde oberflächlich bleiben müssen, täte er es nicht, also das Ursachenforschen und -betrachten.

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Klageordner

    Jakob Silberstein
    Eva Grünauge
    Raphael Rothschild
    Lilith Goldschmied
    gesäuerte Milch in euren Augen
    blaß
    leichtes Klavierspiel in der Ferne
    die Sprachgitter sind erloschen
    weggenommen
    fortgenommen
    verblaßt
    leichtes Klavierspiel in der Ferne
    kein Gespräch im Gebirg warnt
    husch die Stapel weg
    aus den Augen
    wir wollen sie nicht sehen
    ihr seit vereint dort
    an anderer Stelle
    leichtes Klavierspiel in der Ferne
    trotzdem wir weinen
    ob der Milch in euren Augen

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Klageordner

    Klavierspiel und Sprachgitter korrespondieren nicht unbedingt miteinander...
    WIR WOLLEN SIE NICHT SEHEN (???) Die Stapel, die Vereinten?


    Aber sonst ist es gut.

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Klageordner

    Die Stapel der Leichen wollen wir nicht sehen. Bei dem Klavierspiel dachte ich an Beerdigungsmusik.

  11. #11
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    Laufkundschaft

    AW: Klageordner

    Ergänzend hierzu sei bemerkt:
    Trauern Deutsche um die ermordeten Juden?
    In einem Forschungsprojekt, das seit 1990 am Psychologischen Institut der Universitaet Erlangen-Nuernberg durchgefuehrt wird, wurde untersucht, wie Zeitzeugen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs mit dem erschuetternden Schicksalandererumgehen: ausser Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit verlor von den 80 untersuchten Buergern aus Koeln, Wuerzburg, Dresden, Nuernberg und Wien kein einziger
    ein Wort "ueber das unfreie und wuerdelose Leben der Gefangenen und der Zwangsarbeiter oder ueber die Not in den Lagern. An keiner Stelle versuchen Zeitzeugen dieser Art, sich in die Situation der damaligen Mitmenschen zu versetzen, die fuer sie bis heute Fremde geblieben sind. Sie werden vollstaendig und distanziert aus dem eigenen Denken und Fuehlen ausgeschlossen, wie schon damals.

  12. #12
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Klageordner

    @pati: "Jakob Silberstein Eva Grünauge Raphael Rothschild Lilith Goldschmied"


    diese Namen sind eindeutig jüdisch und bleiben doch blaß....


    Barbra Streisand / Cary Grant / William Shatner / Walter Matthau /
    Jeff Goldblum / Bob Dylan / Elizabeth Taylor / Alicia Silverstone /
    Gwyneth Paltrow / Wynona Ryder / Sarah Jessica Parker /
    Natalie Portman / Harrison Ford / David Duchovny / Robert Downey, Jr. /
    Paul Newman / Bette Midler / Woody Allen / Dustin Hoffman /
    Kirk Douglas / Michael Douglas / Goldie Hawn / Daniel Day-Lewis /
    Mel Brooks / Ben Kingsley / Yves Montand / Leonard Nimoy /
    Peter Falk / Harvey Keitel / Peter Sellers / Richard Dreyfuss /
    Michael Landon / Lisa Bonet / Douglas Fairbanks / Lou Reed /
    Billy Joel / Leonard Cohen / Randy Newman / Neil Diamond /
    Paul Simon / Art Garfunkel / K.D. Lang / Paula Abdul / Lenny Kravitz /
    David Lee Roth / Arlo Guthrie / Gene Simmons / Steven Spielberg /
    Stanley Kubrick / Billy Joel / Mel Brooks / Roman Polanski /
    Oliver Stone / Louis B. Mayer / Samuel Goldwyn / Billy Wilder /
    Brian Epstein / Marcel Marceau / Jerry Lewis / The Marx Brothers /
    Allen Ginsberg / J.D. Salinger / Saul Bellow /




    (diese Aufzählung ist sehr unvollständig)




    Was wäre wenn? Verlust ist nur in kleinen Häppchen begreifbar.

  13. #13
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Question AW: Klageordner

    Allerdings ist Bob Dylan kein Jude. Er trieb sich, nachdem er aus der amerikanischen Provinz nach Neu York gekommen war, mit etlichen Juden in Greenich Village herum, die im Showgeschäft viel zu sagen hatten. Aber im übrigen ist das schon erstaunlich, wie viele Juden in der Unterhaltungsindustrie einen Namen haben. Aber ist das unser Ordnerthema?

  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Klageordner

    vielleicht am thema vorbei, aber aktuell;
    indem ich mich diesem thema nicht gewachsen fühle, bin ich sehr unsicher, was den text betrifft. er handelt von der synagoge in baden (bei wien), um die zur zeit ein politstreit aufgezogen wird, ob sie wiederaufgebaut werden soll oder nicht. und wer was zahlt oder nicht.


    synagoge in baden
    verlassen und leer
    stehst du da
    vielen im weg
    auf dem gang ins vergessen
    den doppelten mord
    altes bethaus
    morsch und verfallen
    stehst du da
    klage und anklage
    derer im schatten
    die nicht verstummen
    synagoge in baden
    beraubt und geplündert
    stehst du da
    ein denkmal
    für verlogenheit
    seit 64 jahren
    synagoge in baden
    stummer zeuge
    heut scheidest du die geister
    die öffentlich betroffen
    um deine zukunft
    werbewirksam streiten
    'unsere heimat zuerst'
    plakatieren die nationalen
    und nennen grosse zahlen
    für unser volk
    doch besser angelegt
    als einen judentempel
    synagoge in baden
    bist störenfried
    im heimatsumpf
    und eine fremde
    wirst du bleiben

  15. #15
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Klageordner

    Es geht nicht um Amerikaner, auch nicht naturalisierte Amerikaner. Es geht auch nicht um einen eventuellen Verlust, auch nicht um das eventuelle Verlustempfinden, sondern um das konkrete. Und ganz eigentlich geht es auch nicht um Juden, sondern um Menschen. Ein Klagelied! Schreib Dein Klagelied in diesen Ordner, Aufzählungen sind da kaum angebracht.
    Von psychologischen Untersuchungen ist zu halten, was von psychologischen Untersuchungen zu halten ist. Ich wurde nicht gefragt. Du auch nicht. Meine Tochter auch nicht. Meine verstorbene Großmutter auch nicht. Aber man nimmt an, daß WIR auch erfaßt sind. Die bösen Deutschen, die. Völlig unempfindlich!

  16. #16
    schreibt hier hin und wieder
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    Lightbulb AW: Klageordner

    .....Ich sage statt dessen: Wir haben von uns gemordet.
    Und: Das ist die Klage. Das ist der Schmerz. Ein Auge rausreißen!



    Dafür, daß "der Jude" Dir bisher eher fremd war, wie Du des öfteren sagtest, reißt Du ihn jetzt sehr unvermutet an die deutsche Brust.

  17. #17
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Lightbulb AW: Klageordner

    Mir sind auch sehr viele Deutsche fremd, sehr viele in diesem Forum, etliche in meiner Familie, die meisten meiner Mitmenschen. Abgesehen davon ist es deutsch, eben die Widersprüche nicht nur in sich auszuhalten, das Eigenfremde, sondern v.a. das Fremde als Herausforderung zu begreifen, sich einzuverleiben, so es denn will und es zuläßt, um es als Gedanken doch fremd zu belassen. Wenn Du das begriffen hast, Kyramauß, bist Du zur Deutschen geworden. Andernfalls bleibst Du nur fremd. Und schließlich ist es doch auch klein, nationell zu bleiben. Ein Mensch ist zuerst einmal Mensch und kein politisch oder indoktriniert Wesen. Siehste!

  18. #18
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Klageordner

    Es geht mir um ein sehr konkretes Verlustempfinden. Das dennoch vage bleibt, ein "was wäre wenn". Und das ich durch den Blick nach anderswo versuche, mir fassbarer zu machen. Wie gesagt, nur ein kleines Zugangs-Häppchen.


    Kyra ".....Ich sage statt dessen: Wir haben von uns gemordet. "


    Ja, das trifft es recht gut, glaube ich.


    "Dafür, daß "der Jude" Dir bisher eher fremd war, wie Du des öfteren sagtest, reißt Du ihn jetzt sehr unvermutet an die deutsche Brust."


    Da mußte er so antworten... aber zum Hintergrund. Es gibt von diesem Yoram Kaniuk ein ziemlich böses Buch "Der letzte Berliner", ich wollte ihn damit eigentlich provozieren - doch anscheinend verstehen sich die Herren recht gut.

  19. #19
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Klageordner

    Ich bin ein Mensch von vielen, der zu beklagen hat das Elend der Vielen.
    Denn der Vielen sind viele in die Finsternis versetzt; sie sind tot.
    Ich aber muß weiterleben, doch mein Weg ist mir vermauert.
    Und wenn ich auch schreie und jammre; sie können mich nicht hören, denn das ist Teil der Buße, die mir auferlegt wurde für die Sünden meiner Eltern Eltern, meiner Sünden.


    Meine Seele sehnt sich nach dem Guten; sie ist verlassen davon.
    Kein Gedenken, und so klagt mein Herz.
    Es ist so voll und kann doch nichts sagen, denn der Worte waren viel; sie halfen dem Tod, der mich nahm und wieder ausspie, nur einen Teil nahm, den besten.


    Und heute sollt ich schweigen, doch wie schweigen, wenn das Herz den Kummer nicht tragen kann?


    Das ist der Kern der Buße, nichts sagen zu dürfen, denn die Worte meiner Sprache führten zur Vernichtung, machten das Zuhören zum Gehorsam, zur Ohnmacht des Denkens, dem aufgegeben war, das Herz eben auszusetzen, und so müßt ich eben schweigen.
    Aber ich kann nicht.


    Es muß doch einen Ausweg geben!


    Denn der HErr verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.
    Doch sechs Millionen Ermordete - mein Volk mordete sich sechsmillionenfach! -; wie könnte da Erbarmen walten?


    Ich will mich bessern und die Strafe annehmen, will prüfen meine künftigen Absichten und mein Herz ausbreiten, daß es daliege den Menschen.


    "Der Jude" - sofern so etwas überhaupt möglich ist, aber nun gut - ist mir fremd, sonst wär ich selbst Jude. Ich bin aber immer neugierig, ja gierig darauf, fremdes Denken zu verstehen, denn ich suche die Quintessenz des Menschen, u.a. (Manchmal suche ich auch Pilze, manchmal miese Leute auf, manchmal suche ich nur meine Ruhe...), jedenfalls suche ich auch den deutschen Juden (in mir), der eine besondere Spezies innerhalb der Gattungsbezeichnung (?) JUDE ist. Und den deutschen Juden muß ich nicht an meine BRUST reißen, wie Du so schlecht sagst, er ist Teil meiner Brust. Genau das ist ja mein Schmerz, daß ich ihn mir selbst rausriß!


    Leider hat sich außer Paul keiner zu einem Klagelied hinreißen lassen. Das ist beredt genug.

    Kaniuk scheint mit seiner Einschätzung nicht ganz falsch zu liegen.

  20. #20
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Klageordner

    Original erstellt von Aerolith:
    ... jedenfalls suche ich auch den deutschen Juden (in mir), der eine besondere Spezies innerhalb der Gattungsbezeichnung (?) JUDE ist. ...

    M.E. ist das der falsche Ansatz. Das Judentum gehört nicht in die Ethnologie - es ist eine Glaubensrichtung. So wie das Christentum oder die muslimisch/mohammedanische Glaubensrichtung, etc. In allen Ländern dieser Welt gibt es Juden, wie es auch überall Zeugen Jehovas gibt. Die Gattung "Jude" zu suchen führt ins Leere.

  21. #21
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Klageordner

    Eben nicht. Jude ist nach den mosaischen Gesetzen nur der, der dem Blute Ruths entstammt. [Allerdings streiten die Juden da bis heute, ob das wirklich so ist...], aber ich will den Erkenntnissen eines siebzigjährigen Lebens glauben (gemeint ist der Gedanken Yoram Kaniuks, eines Juden, der eben genau diese Wesensverwandtschaft zwischen Juden und Deutschen geltend machte). Es ist dagegen der falsche Ansatz, Judentum und Deutschtum allein an Glaubensinhalten oder Blut (Herkommen) festzumachen. Ich fasse das mit der Zugehörigkeit symbolisch. Dadurch ist eine Freiheit möglich, die bislang verschlossen blieb.


    Ich lehne eine reine WILLENSKUNDGEBUNG DES EINZELNEN ZU EINEM Staatskonstrukt, einer Verfassung oder dergleichen, einem Glaubenskanon, einer W?hrung etc. ab - das ist der westliche (französische, amerikanische und englische) Ansatz der Staatsdefinition. Imgleichen lehne ich die Definition des einzelnen zu einer blutsmäßig verwobenen Schicksalsgemeinschaft als ausschlaggebenden Teil seiner Identität ab - das war bis vor kurzem der deutsche Ansatz für die Selbstdefinition des Deutschseins. Beides sind Teilwahrheiten des Menschseins. Der Mensch steht mit beiden Beinen fest auf der Erde und sehnt sich nach dem Übersinnlichen. Beidem muß also entsprochen werden. Dem jüdischen Deutschen muß genau so wie dem protestantischen oder atheistischen Deutschen ein gleichberechtigtes Leben in Deutschland gegeben sein! Jede Glaubensrichtung (selbst die Indifferenten verfolgen ihre spirituellen Ziele) steht gleichberechtigt neben der anderen.


    Mein Vergleich in bezug auf die Juden, speziell die deutschen Juden, die in Deutschland assimiliert, eben hier den Teil ihres Ichs, ihres Überkommens, besonders gefördert wußten, der die Willenskundgebungen, die Distinktion zu Sprache, Wort und Künstlertum förderte - eine Pflanze, die auf deutschem Boden besonders gedieh! -, diese Juden sind deutsch, keine Frage. Und die "Deutschen", die seit Jahrhunderten in ihren Familien dümpeln (existieren), die tragen bestenfalls die Anlage zum Deutschsein in sich, sind es aber nach meiner Definition nicht. (Aber sie sind deshalb keine minderen Menschen, damit das gleich klar ist; sie sind eben nur keine Deutschen.)

    Aber ich kann das itzt nicht weiter ausführen. Das Ordnerthema läßt das nicht zu und bedrängt mich.

  22. #22
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Klageordner

    mechanisierung der welt: geht einher mit dem verlust des ganzmenschen, dem des glaubens, der numinosen bewegnis des menschen. rathenau hat dies bereits vor hundert jahren den deutschen ins stammbuch geschrieben; allerdings ist das kein prozeß in deutschland, sondern ein weltweiter. heuer nennt man das gern globalismus oder so. es meint das gleiche, nämlich die herauslösung des menschen aus seinem das soziale eigentlich prägen müssenden numinosen stamm, seiner endzeitlichen suche nach dem ist im sein. der mensch will heuer nur noch sein, er vergißt darüber das suchen.
    die juden hatten in deutschland den ruf, besonders mechanisch zu sein, sachlich, anpassungsfähig, analytisch. das ertrugen viele deutsche nicht, diese wesensgleichheit mit sich.

  23. #23
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Klageordner

    Das ist einer von mehreren Ordnern zum Thema. Einige Texte entstanden seinerzeit, aber nichts befriedigendes. Neue Versuche erwünscht!

  24. #24
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Klageordner

    Zitat Zitat von rodbertus Beitrag anzeigen
    die juden hatten in deutschland den ruf, besonders mechanisch zu sein, sachlich, anpassungsfähig, analytisch. das ertrugen viele deutsche nicht, diese wesensgleichheit mit sich.
    Wenn das so ist, dann ist ja klar, warum niemand klagte. Hatten die Juden nicht auch den Ruf, erfolgreich und geschäftstüchtig zu sein?
    In beiden Fällen liegt das Nicht-klagen dann einer Selbstentfremdung, wie o.g., zugrunde. Abgelehnt wird das, was ohnehin nicht verbindend/unerreichbar war.
    Ich weiß nur, dass die Haarberge in Auschwitz mir Todesangst gemacht haben. Wem diese Haare nun gehörten, war in dem Moment gar nicht relevant für mich.

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