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Thema: Bewaffneter Friede (II)

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    Chefchen Avatar von aerolith
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    Post Bewaffneter Friede (II)

    1890: Kronprinz Wilhelm von Preußen kam 1888 als Wilhelm II. zur Kaiserkrone, ein Kalvinist, Freund der westlichen Plutokratie, ein Materialist und so ganz anders in seinem Wesen als der Romantiker Wilhelm I. und sein Kanzler, der ostfälische Pietist Bismarck. Der junge Monarch hatte kein Interesse an Interessenausgleichen und verstand von Diplomatie herzlich wenig: ein Mann der Tat, ein imperialer Denker, der den deutschen Aufstieg zu erkennen glaubte. Er sah die politischen Verhältnisse außerhalb des Reiches und begehrte Veränderungen, angemessene Zustände gemäß den wirtschaftlichen und militärischen Kräfteverhältnissen. Sein körperlicher Makel (eine verkrüppelte Linke) hieß ihn nach außen hin besonders energisch auftreten (Kompensation) und dürfte nicht unwesentlich die Entlassung [1] Bismarcks 1890 beschleunigt haben, was wieder einmal belegt, daß überkommene Weisheit vieles für sich hat. [2] Der junge Kaiser duldete keinen Nebenbuhler um die Macht. Bismarck, betagt und seiner Lebensleistung gewiß, trat zurück. Kein Sturz, ein Rückzug in Achtung vor dem Hause Hohenzollern. Aber Bismarck hatte es versäumt, einen geeigneten Nachfolger für das schwierige Amt des Kanzlers heranzubilden, wobei gefragt werden darf, ob er es denn hätte tun können. Jedenfalls fehlte nach 1890 die ordnende Hand für die Dinge des Reiches. Das Reich blieb nicht mehr strikt bei sich und seinen Angelegenheiten, sondern griff aus, machte Weltpolitik. Augenscheinlich wurde dieser Paradigmenwechsel der deutschen Politik mit der Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages mit dem bereiten Rußland, was Bismarcks Nachfolger Caprivi in Verkennung der strategischen Bedeutung dieses Vertrages unterließ und dem auf Revanche sinnenden Frankreich die Möglichkeit bot, Rußland allmählich auf seine Seite zu ziehen und das Reich in die Zange zu bekommen. Statt dessen bemühte man sich um England (Helgoland-Sansibar-Vertrag 1890) und erreichte einen Gebietstausch, der Helgoland zurück zum Reich brachte. Wilhelm folgte den Wünschen eines prosperierenden und von den Freiheitsverzückungen des Liberalismus durchdrungenen Bürgertums, das die Nähe der Konservativen suchte, auch, weil sich aus dem Liberalismus die Bewegung der Sozialdemokratie abgespaltet hatte, die mit dem Selbstverständnis wissenschaftlicher Weltanschauung zur Macht drängte. Schließlich entstand auf der Rechten aus eben dem Liberalismus auch eine strikt nationalistische Bewegung, vorsichtig noch nach parteilicher Organisation suchend, aber besonders lauthals nach Expansion schreiend. Wilhelm vermochte diese Parteien nicht, wie Bismarck, aufzufangen und zu lenken, dazu fehlte es ihm an intellektueller Spannkraft und wohl auch Autorität. Das Parlament gewann an Macht, was keineswegs gut für die deutsche Politik im Ganzen war, denn es bedrohte das System der ausgleichenden Kräfte, wie sie in der Verfassung manifestiert worden waren. Diese Verfassung, 1867 beschlossen und 1871 übernommen, basierte auf dem Gleichgewicht der Kräfte und ließ ebenjene spielerisch miteinander ringen, forderte das Wachsen jeder Seite, benötigte allerdings auch eine Autorität, die in der Lage war, Widersprüche nicht nur auszuhalten, sondern diese geradezu als Basis gesellschaftlichen Fortschritts rechtzeitig zu erkennen und zu fördern.
    Aber noch funktionierte das von Bismarck geschaffene System. Das Reich gedieh.

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    Ereignisgeschichtliches
    : Der Gebietstausch Sansibar-Helgoland zeigt die Präferenz deutscher Gebietswünsche. Sansibar (etwa 2500 km²) vor der Ostküste Afrikas war für eine auf Koloniebesitz orientierte Seemacht wie Britannien bedeutend, das seinen Plan eines Kolonialgebiets von Ägypten bis zum Kap leichter umsetzen konnte. Das Reich tauschte die zwei Inseln vor Tanganjika (Deutsch-Ostafrika) gern gegen das winzige Helgoland (1,7 km²) in der Nordsee ein, wo man noch nicht einmal einen Militärstützpunkt hätte einrichten können, zu steil war die Küste, zu klein das Ganze. Aber dort lebte eine Handvoll Deutsche.

    Die französische Republik hatte sich als Staatsform von Dauer erwiesen; ihr demokratischer Nationalismus, in Heer und Außenpolitik von klarem Machtsinn geleitet, ohne Bedenken mit dem russischen Zaren im Bunde, gewann die innere Führung der Nation. Dagegen bedeutete in Rußland die Thronbesteigung des weichen, unselbständigen Nikolaus II. 1894 eine tiefe Schwächung des Selbstherrschertums. Nach außen setzte der gewaltige Machtkörper des slawischen Weltreichs […] seine mächtigen Ausbreitungsbewegungen unverändert fort; aber im Inneren wuchs die Spannung, welche die schroffe autokratische Politik Alexanders III. hervorgerufen hatte, und sein Nachfolger trieb ohne Kraft den Stürmen zu, die ihn erwarteten. (Helmuth Göring: Der Weg zum Weltkrieg. Berlin 1935. S. 768.)
    Diese Ereignisse markieren keinen Kurswechsel in der deutschen Außenpolitik [3], obgleich der sprunghafte Charakter des Kaisers und die wachsende Bedeutung des Reiches das mutmaßen lassen könnten. Allerdings verschoben sich die Akzente. Das Parlament errang eine Macht, die in dem ausgewuchteten System „Bismarck“ nicht vorgesehen war, und die das Reich verwestlichte und damit mehr Einfluß in die Außenpolitik brachte, also Fragen der expandierenden Wirtschaft und imperiale Fragestellungen, die wirtschaftlich aufstrebende und politisch meist liberal eingestellte Lobbyverbände auch in die konservativ ausgerichtete deutsche Außenpolitik trugen. Das bedeutet: Im Reich spielten in zunehmendem Maße die politischen Entscheidungsträger nicht mehr ihre eigene Melodie, sondern begaben sich in die Kasualität (nicht Kausalität!) westlicher Argumentationsketten, in imperialistische und pragmatische Denke, die das Moralische als umstandsabhängig bestimmt und dem Zufall bei Entscheidungen mehr Bedeutung beimißt.1892: Die Hoffnungen auf eine Annäherung an Britannien zerschlugen sich, da die liberale britische Regierung keine Annäherung ans Reich wünschte und in ihm mehr den Konkurrenten als den Partner sah. Also bewegte sich Caprivi ab 1892 wieder langsam auf Rußland zu, doch da hatte sich bereits Frankreich mit den Russen verständigt; die befreundeten und verbündeten Nationen hielten in Kronstadt Militärparaden ab und sicherten einander gegenseitige Hilfe in allen Fragen zu. Die Generalstäbe beider Nationen sicherten sich in einem Abkommen die gleichzeitige Mobilmachung im Falle eines Krieges gegen das Reich zu. 1893 zogen die beiden Staatsoberhäupter nach und fixierten das von den Generalstäben Entworfene in Staatsverträgen.
    Damit war der außenpolitische Supergau für das Reich eingetreten. Nur zwei Jahre nach Bismarcks Abgang war das Reich ohne westliche und östlichen Partner. [4] Die Kriegsgefahr wuchs. Rußland trieb immer weiter auf Frankreich zu, das den Russen strategische Verträge verschrieb, wofür die Russen Gold erhielten, das wiederum für Waffen, den Ausbau des westrussischen Eisenbahnnetzes und den Aufbau einer Schwerindustrie benutzt werden sollte und wurde. Zwischen dem Reich und England konnte es im Kontext der damaligen imperialistischen Konkurrenzästhetik auch keinen Interessenausgleich geben, über kurz oder lang waren die Interessen zu ähnlich ausgerichtet und im Zeitalter des Imperialismus nicht friedlich zu lösen.
    In diesen Jahren setzte im Reich ein dato beispielloser Wirtschaftsaufschwung ein. Die englische Wirtschaft wurde 1893 überflügelt, 1914 war die deutsche Wirtschaft ungefähr doppelt so stark wie die französische. Ein Ende dieses Aufschwungs war nicht in Sicht und verschärfte die Ängste der überflügelten Nationen; insbesondere Britannien sah sich in seiner Weltgeltung auf nur mittlere Sicht vom Reich bedroht. Im Raume stand ein deutscher Anspruch auf Weltherrschaft, den im Reich nur wenige aussprachen, der aber in der Logik jener Zeit lag.

    1900: Die Briten waren der Meinung, am mächtigsten allein zu sein. Mit jeder europäischen Großmacht stand das Empire mal gut, mal schlecht, nie jedoch strategisch-prospektiv. Um 1900 führte Britannien den Burenkrieg, einen imperialistischen Raubkrieg gegen ein freies Volk, um die Gold- und Diamantminen um Johannesburg. Die kontinentaleuropäische Öffentlichkeit trat halbherzig für die Freiheit der Buren ein, die aber auf verlorenem Posten standen und der militärischen Übermacht der Briten unterlegen waren: 80000 burische Kämpfer gegen 450000 britische Soldaten. Die Briten brachten die burischen Frauen und Kinder in Konzentrationslager, wo von 120000 Inhaftierten 26000 an Hunger und Krankheiten starben, und zerstörten sämtliche burische Farmen: der erste totale Krieg. Wilhelm II. hielt sich zurück und gab dem öffentlichen Drängen im Reich nicht nach, sich für die Buren auszusprechen. Ein grundsätzlicher Fehler. Die Buren wollten nicht die Segnungen des britischen Weltreiches, sondern in ihrer Lebensweise leben. Britannien hätte das gestattet, wenn es auf dem Gebiet Transvaals keine Goldfunde gegeben hätte. Doch Gold und Diamanten wogen schwerer als die Selbstbestimmung der Buren. Also Krieg. Im Reich wollte man über den Freiheitskampf der Buren nicht die Möglichkeit eines britisch-deutschen Bündnisses aufgeben. Man verkannte, daß die von den Briten im Süden Afrikas gegen die Buren exemplifizierte Einkreisungspolitik schon längst im größeren Maßstab mit dem Reich vorgenommen wurde. Neben dieser Grobstruktur der britischen Außenpolitik fanden sich sowohl auf deutscher als auch auf englischer Seite entscheidende Stimmen gegen ein britisch-deutsches Bündnis:


    • die Deutschen fürchteten, daß England sie gegen Rußland ausnützen würde, denn im Reich glaubte man an eine Todfeindschaft zwischen Britannien und Rußland;
    • die Briten befürchteten, daß sie von den Deutschen zum Schutz ihrer ausufernden Wirtschafts- und Sozialpolitik benützt werden würden, was letztlich eher den Deutschen als ihnen selbst nützte und
    • die Deutschen sahen in den Buren Stammesgenossen, deren Freiheitskampf sie mit mehr Sympathie begegneten als den nimmersatten britischen Plutokraten, denen die Welt offenbar nicht genug war.


    Und so kam es zu keinem Bündnis.

    Die Briten waren ständig im Krieg, denn irgendwo brannte es in ihrem Imperium immer. Spätestens seit dem Sturz Gladstones 1885 war die strategische Ausrichtung Englands entschieden: Empire (Weltreich). Kriege gegen die Mahdi im Sudan, die Einigung mit Frankreich in Faschoda regelte die Interessengebiete im Norden Afrikas, Kriege in Afghanistan, Indien und dann der große Burenkrieg im Süden Afrikas: zwischen 1890 und 1902 kein Jahr ohne wenigstens einen Krieg. Dazu etliche Kriege im Inneren des Empire: in Australien gegen die Aborigines, in Kanada gegen die Indianer, in Britannien gegen die Iren. Die Liste ist endlos.
    Da der große Gegensatz im östlichen Europa zwischen Österreich und Rußland nicht ohne die Veränderung außenpolitischer Paradigmen gelöst werden kann, werden Stellvertreterkriege zwischen kleineren Nationen inszeniert oder motiviert, die am Kräftegleichgewicht rütteln. Im armenischen Siedlungsgebiet (osmanisches Imperium, Rußland, Persien) [5], der Griechisch-Türkische Krieg (Rußland) von 1897 oder auch die ungelöste Kretafrage (Rußland, osmanisches Imperium, Britannien) sind Auseinandersetzungen, die zu einem Weltkrieg hätten führen können.
    Daneben treten Japan und die Vereinigten Staaten als neue Kräfte in die Weltpolitik: Amerika erstmals außerhalb des eigenen Kontinents im Krieg gegen Spanien 1898, der auf Kuba stattfand; Japan konnte sich seit 1894/5 in China und Korea festsetzen und bekämpfte Rußland 1905 erfolgreich, das sich geweigert hatte, seine in der Mandschurei stationierten Truppen nach dem Ende des Boxeraufstandes 1900 zurückzuziehen.
    1899 trat im holländischen Haag erstmals in der Weltgeschichte eine Konferenz zusammen, die globale Konflikte friedlich lösen wollte. Amerika, Japan und China saßen mit am grünen Tisch und berieten das friedliche Zusammenleben aller. Das zeigt, daß um diese Zeit das pazifistische Bewußtsein wuchs, zugleich aber auch, wie wenig Aussicht um 1900 für friedliche Lösungen bestand, denn es wurde munter weiter bellisiert.


    [1] Die Erinnerungen des Kronprinzen Wilhelm aus dem Jahre 1923 verschaffen eine Innensicht. Die heutige Geschichtsschreibung verzichtet darauf weitgehend und lehnt sie mit eben jenem Argument ab, daß fehlende Distanz noch nie dabei half, historische Zusammenhänge zu verdeutlichen. Wilhelm beschreibt ein Regierungs- und Entscheidungsprinzip des Reiches, das System des Dritten. Dieses System kritisiert er. Seiner Meinung nach überträgt es die Macht in die Hände der Ministerialen, die nicht immer Fachleute in ihren Bereichen sind. Aber selbst Fachleute irren, wo die Führerpersönlichkeit die Zusammenhänge erkennt oder herstellen will. Doch wie sollte sie unbefangen Entscheidungen fällen können, wenn die Dritten Berichte vorlegen, die ihnen passen?

    [2] Der deutsche König besaß im Gegensatz zu seinen auswärtigen Prätendenten das Gebot körperlicher Unversehrtheit:
    „…wissen wir doch, daß körperliche Mängel, selbst zu hohes Alter, nach altdeutscher Anschauung den zum Königtume Berechtigten ausschlössen“.

    [3] Die Struktur der deutschen Außenpolitik änderte sich in den Jahren des Reiches nicht, auch wenn der Machtaspekt im Laufe der Jahre an Bedeutung zunahm, so war das Reich doch der große Friedensgarant in Europa, der bis 1914 in keinen europäischen Krieg verwickelt wurde. Die Struktur der französischen Außenpolitik hieß Revanche und Rückgewinnung. Sie blieb konstant bei wechselnden Personalien; die britische Außenpolitik war auf Behauptung der Hegemonie orientiert. Dazu stachelte sie im Angesicht des Aufkommens der Deutschen kleinere Völker an, sich im Falle ihres Erfolges bei der Konkursmasse des osmanischen Imperiums zu bedienen. Die Entente-Mächte initiierten und führten zwischen 1870 und 1914 Dutzende Kriege, die Mittelmächte nur zwei, beide außerhalb Europas: einmal kamen deutsche Truppen im Kontext einer internationalen Brigade zu spät in China an, das andere Mal wurden im Rahmen einer Strafexpedition von Britannien zum Morden aufgeforderte und ausgerüstete afrikanische Nomaden (Herero-Aufstand) niedergerungen.

    [4] Fischer meint, daß die seit 1897 unter Tirpitz und Bülow entwickelte „Weltpolitik“ des Reiches in die Isolierung führen mußte. (Fritz Fischer: Der Griff nach der Weltmacht. Düsseldorf 1967. S. 24.) Aber ist es nicht vielmehr umgekehrt, daß nämlich Britannien das Reich außenpolitisch isolieren wollte, ganz gleich, welche Politik das Reich mit welchen Personen vornahm? Und außerdem: Was heißt hier Isolation? Gelten Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich, Italien oder Bulgarien gar nichts? - Gegen Fischers These stehen auch drei bilaterale Verträge mit Britannien: Angola-Vertrag 1898, Samoa-Vertrag 1899 und Yangtse-Abkommen 1900, die das von Bülow 1898 im Reichstag geäußerte prinzipielle Verhältnis des Reiches zu Britannien fixierten: „Was unser Verhältnis zu England angeht, so möchte ich heute darüber nur dies sagen - damit glaube ich aber eine ganze Menge zu sagen -, daß es allerlei Fragen und mancherlei Punkte gibt, wo wir mit England zusammenkommen können und gern mit England zusammengehen, ohne Schädigung unter vollster Wahrung anderweitiger wertvoller Beziehungen.“ - Britanniens Interesse für das Reich wuchs wie das eines reichen Kaufmanns an einem neureichen. Der reiche Kaufmann will eine Kooperation, aber er will die Regeln bestimmen. Wenn der neureiche nicht mitmacht, wird er eben bekriegt. Das Reich mit einer geplanten und Selbständigkeit betonenden Flotte war der neureiche Konkurrent im internationalen Geschäftsleben.

    [5] Während des Weltkriegs ließen die Türken die orthodoxen Armenier für die russischen Ambitionen büßen und verdächtigten sie der latenten oder offenen Konspiration gegen ihre türkischen Herren. Das führte zu repressiven Maßnahmen gegen die Armenier. Das Reich erhob vergebens Beschwerde gegen das jungtürkische Vorgehen, blieb in diesem Protest aber nicht konsequent, was die Rede des Prinzen von Schonaich im Reichstag vom 24. Juni 1918 belegt. Gegen Schonaich behauptete der für Außenpolitik verantwortliche Staatssekretär Kühlmann, daß man die Türken am Vormarsch nach Transkaukasien gehindert habe, weil diese Gebiete nicht im Frieden von Brest-Litowsk denselben versprochen worden seien, eine dauerhafte Lösung allerdings in Gesprächen in Konstantinopel zu vereinbaren sein werde.




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    AW: Bewaffneter Friede (II)

    Ein Münchner Professor entblödet sich nicht, den Krieg zwischen den Herero und den Siedlern in Südwest als ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts anzuprangern.

    erstellt von n-tv:
    Was vor einem Jahr aus historischer und erinnerungspolitischer Sicht fehler- und lückenhaft war, ist auch ein Jahr später nicht korrigiert. Der Völkermord an den Armeniern, den aramäisch-sprachigen Christen, sowie den in der Resolution nicht erwähnten griechisch-orthodoxen Christen, wie es vollständigerweise heißen müsste, war zwar nach Ansicht der allermeisten seriösen Historiker und Genozidforscher ein Genozid, aber beileibe nicht der erste des 20. Jahrhunderts. Er war deshalb auch nicht der Auftakt für die Völkermorde des 20. Jahrhunderts, wie Gaucks Formulierung suggeriert. Diese zweifelhafte Ehre kommt vielmehr dem Krieg des Deutschen Reiches gegen die Herero und Nama in der damaligen Kolonie Südwestafrika zu, wo deutsche Truppen zwischen 1904 und 1908 etwa 80 Prozent der Hereronation und 50 Prozent der Nama vernichteten beziehungsweise in den Tod trieben, insgesamt wohl bis zu 80.000 Menschen.

    Deutsch-Südwestafrika war Deutschlands einzige Siedlungskolonie und sollte zu einem zweiten Deutschland gemacht werden. Wenn die Deutschen dort wohl auch nicht die Mehrheit haben würden, so sollten diese wenigstens die Herrenschicht bilden, über eine afrikanische Unterschicht, die die harte Arbeit erledigte. So sollte die Kolonie, auf die das Deutsche Reich seit 1884 Ansprüche erhob, durch eine rassistische Utopie in ein ökonomisches Musterland verwandelt werden.
    "Jeder Herero wird erschossen"

    Als sich die Herero und ein wenig später die Nama nur wenige Jahre nach der deutschen Annexion gegen Betrug und Missbrauch, die zunehmende Enteignung und Entrechtung zur Wehr setzten, sandte das Deutsche Reich ein eigenes Expeditionskorps unter General Lothar von Trotha. Letzterer wollte den schnellen militärischen Sieg und setzte, als ihm dieser im Sommer 1904 versagt blieb, auf eine genozidale Vernichtungsstrategie. Er ließ die Herero, einschließlich Frauen, Kinder und Greise, in die weitgehend wasserlose Omahekewüste treiben und diese dann durch seine Soldaten abriegeln, so dass der Rückweg zu den Wasserquellen versperrt blieb. Am 2.Oktober 1904 ließ er seinen Soldaten mitteilen: "Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen (…) Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen". Viele Tausende starben qualvoll den Dursttod.
    Als er diese Politik aufgeben musste, da er die Truppen an anderer Stelle gegen die Nama brauchte, ließ er die Überlebenden in Konzentrationslager bringen, wo viele an den unmenschlichen Bedingungen zugrunde gingen, ja teilweise ganz bewusst ihrem Schicksal überlassen wurden – eine Vernichtung durch Vernachlässigung. Gegen die Nama setzte er ebenfalls auf eine Vernichtungsstrategie – auch gegen die Zivilbevölkerung – und zerstörte systematisch deren Lebensgrundlage. Um den erfolgreichen Guerillakampf der Nama zu unterbinden, ließ er ganze Dörfer ebenfalls in die Konzentrationslager deportieren.
    <aside class="article-aside right"> </aside>Erst am 27. Januar 1908, an "Kaisers Geburtstag" wurden die Überlebenden, die bis dahin Zwangsarbeit leisten mussten, aus den Lagern entlassen. Ihre Freiheit erhielten sie jedoch nicht zurück, denn mittlerweile war über den gesamten Süden und das Zentrum der Kolonie ein weitreichendes System der Kontrolle und Überwachung errichtet worden, in dem alle Afrikanerinnen und Afrikaner sichtbare Passmarken tragen mussten, die von jedem "Weißen" jederzeit kontrolliert werden konnten. Ihre Freizügigkeit war aufgehoben und ihren Wohnsitz durften sie nur mit Genehmigung verlassen. Zur Arbeit waren sie verpflichtet. Komplettiert wurde diese rassische Privilegiengesellschaft durch Verordnungen und Bestimmungen, die Ehen zwischen Deutschen und Afrikanerinnen verboten, ja jegliche sexuelle Kontakte stigmatisierten und auch kriminalisierten. 25 Jahre vor den "Nürnberger Gesetzen" war der erste deutsche Rassenstaat in Südwestafrika Wirklichkeit geworden.
    Bisher hat sich der Deutsche Bundestag noch nicht dazu durchringen können, den Genozid an den Herero und Nama anzuerkennen, wenngleich mittlerweile auch das Auswärtige Amt und auch einzelne Parlamentarier offen von Genozid sprechen. Es ist an der Zeit, dies zu korrigieren, und was für den Genozid an den Armeniern nun geschieht, auch für den Ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts Wirklichkeit werden zu lassen: die offizielle Anerkennung der deutschen Schuld, und anschließend eine offizielle Entschuldigung sowie das Gespräch mit den Betroffenen über geeignete Formen der Wiedergutmachung.
    Jürgen Zimmerer ist Professor für Globalgeschichte (Schwerpunkt Afrika) und Leiter der Forschungsstelle "Hamburgs (post-)koloniales Erbe/Hamburg und die frühe Globalisierung" an der Universität Hamburg. Er ist auch Präsident des International Networks of Genocide Scholars (INoGS).


    Historisch nicht haltbar. Ich habe mich bereits im alten Forum lang und breit über diesen Krieg ausgelassen. Die Herero, ein Nomadenstamm, waren in Südwest kaum länger zugange als die Deutschen. Sie waren plündernd, raubend und mordend aus dem Norden in dieses Gebiet vorgestoßen, hatten die ansässige Bevölkerung versklavt oder anderweitig ausgebeutet, wie es seit Jahrhunderten dort üblich war, hatten sich aber am Widerstand der deutschen Siedler die Zähne ausgebissen. Die deutschen Siedler riefen nach etlichen Greueltaten der Nomaden das Reich um Hilfe, das seine Schutztruppe (die bestand anfangs aus ZWEI (!) Unteroffizieren und sechs afrikanischen Soldaten) aufstockte und nach etlichem Hin und Her schließlich die Sache endgültig regelte, indem es den Herero die Alternative stellte, entweder den Krieg zu beenden und sich zu ergeben oder eben die Konsequenzen zu tragen. Die Herero wählten den Ab-Zug durch die Wüste und kamen zum Großteil dabei um.

    Ich stelle den alten und ausführlicheren Text aus dem alten Forum hier noch einmal ein, sobald ich ihn wiederhabe.

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