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Thema: Abfahrt

  1. #1
    ear.th
    Status: ungeklärt

    Post Abfahrt

    Abfahrt




    Der Zug fährt ruhig und gleichmäßig schon seit einer gefühlten Ewigkeit, ICE-Verbindung von Basel nach Berlin, Zwischenstopps: Stuttgart, Mannheim, Leipzig.
    Die Farben des Lebens zischen an mir vorbei, wie das Grün der nahen Bäume und Sträucher, wie das Bild in meinem Kopf leise an dem der anderen und leer ist die Stelle in unseren Köpfen, an der wir unsere Hände halten sollten, schwarz dort oder weiß, vielleicht auch blau oder rot, draußen jedenfalls ist alles grün im Vorbeifliegen, bis unser Zug unvermittelt in einen Tunnel fährt, vorher war 'halten und so was sollten wir uns' mein letzter farbloser Gedanke.
    Ich sitze alleine in einem Abteil erster Klasse, besitze allerdings nur eine Fahrkarte zweiter Klasse. Ich fahre immer erste Klasse bis mich ein Kontrolleur in die zweite verweist, aber meistens kommt keiner.
    Das Leben ist eine einzige lange und mies beleuchtete Tunnelfahrt, in einem langsamen Zug durch einen gekrümmten Tunnel und immer wenn wir uns auf der richtigen Seite aus dem Fenster lehnen, können wir eines der wenigen, schwachen
    Lichter erkennen, aber fähig zu lernen, dass dies keines ist, das uns das Gefühl des Lichtes am Ende des Tunnels geben sollte sind wir nicht, jedes Mal sehnen wir uns nach dem bisschen Helligkeit. So sehe ich das jetzt gerade. Zweihundert Meter weiter wahrscheinlich anders. Aber unterschreiben würde ich diesen Satz jederzeit, bestimmt. Das ist auch eine Versöhnung. Wir versöhnen uns mit dem Allzugewissen, nachdem wir es kurz durch den selbstgebrauten Kakao unserer eigenen Unsicherheit gezogen haben. Und sind versöhnt. Wieder angekommen im Sicheren.
    Wir halten in Stuttgart. Hinter dem Vorhang an der Abteiltür gehen Menschen vorbei, gedämpft dringen fragende und antwortende Stimmen und Schrittgeräusche herein.
    Die Abteiltür öffnet sich und zwei ältere Männer betreten den Raum zwischen den Sitzbänken. Wir nicken uns begrüssend zu. Sie suchen den Türrahmen nach Reservierungsschildern ab, finden keine. Etwas ungelenk legen sie ihre grauschwarzen Mäntel ab und legen sie über das Gepäcknetz. Der Raum füllt sich mit dem Geruch teuren Rasierwassers. Sie nehmen mir gegenüber, entgegengesetzt der Fahrtrichtung Platz und schlagen fast gleichzeitig das rechte Bein über das linke, wischen kurz über ihre schwarzen Buntfaltenhosen am Bein des übergelegten Oberschenkels. Jawoll, weg mit den Fuseln. Nach wenigen Minuten fährt der Zug weiter. Beide tragen ein weißes Hemd und reisen ohne Gepäck. Sie scheinen etwa gleich alt zu sein, schütteres graues Haar, ernste Gesichtsfalten an der Stirn, leichte Schatten unter den Augen, beide fest geschlossene Münder. Die Augen des einen sind reglos an die Fensterscheibe geheftet, wechseln selten ihren Fixpunkt an der Scheibe, die des anderen Mann schauen in einer verharrenden, leicht schrägen Kopflage umher als taste er den Raum nach Geistern ab oder folge ihnen durch die Ecken des Raumes. Sie verhalten sich ähnlich, wie an Fäden unbewusst voneinander gelenkt. Keiner bewegt sich alleine; entweder gleichzeitig oder einer zieht eine Bewegung des anderen nach sich. Bis auf ihre Augen bewegt sich nichts an ihnen ohne den anderen. Wenn der Zug auf den Schienen holpert geht ein leichtes Rütteln durch uns alle.
    Sie könnten Lehrer oder Professoren sein oder auch Ärzte oder Antiquitätenhändler, so sehen sie jedenfalls aus.
    Ich könnte aufstehen und auf den Händen gehend das Abteil verlassen, sie würden mir nur hinterhernicken. Ich lehne mich mit dem Kopf ans Fenster, lege die Beine auf die Sitzbank und schlafe wenig später ein.
    Als ich aufwache sind wir gerade in Mannheim angekommen und die beiden verschwunden. Wieder steigen Menschen aus und ein. Der Vorhang vor der Abteiltür ist beiseite gezogen. Eine Hand liegt eine zeitlang auf dem Türknopf, um den zugehörigen durch das Glas sehbaren Arm fällt in grossen Wellen eine rote, weite Bluse, ein schwarzer Lockenkopf schaut den Gang hinab. Ich schließe wieder die Augen und warte unwillkürlich auf die nächsten Eintretenden. Tanja und Katja, wie sie sich mir kurz später vorstellen nehmen wieder mir gegenüber Platz.
    Wir tauschen die Plätze, sie möchten lieber in Fahrtrichtung sitzen, es könnte ihnen schlecht werden. Tanja hat die rote Bluse an, sie liebt Tiere, will Tierärztin werden, findet das Tiermedizinstudium grauenvoll langweilig und mag laute Rockmusik. Sie ist hübsch, ihr hellfarbiges, weißliches Gesicht hebt sich anmutig ab vom schwarzen Lockenrahmen ihrer Haare. 23 Jahre alt.
    Katja ist auch 23, sie kennen sich seit der Grundschule. Katja ist anders als Tanja.
    Hätte ich sie einzeln kennengelernt, ich würde nicht glauben, sie könnten sich gut verstehen. Katja sagt zunächst wenig und fast gar nichts über sich, kommentiert Tanjas Äußerungen meist mit spitzen Anmerkungen, zum Beispiel als Tanja sagt sie höre seit 23 Jahren auf den Namen Tanja und direkt im Anschluss, sie finde diese Art der Vorstellung praktisch, da sie in einem kurzen Satz Alter und Namen erwähne, ohne das typische "ich heiße, ich bin zu benutzen" meint Katja dazu: "wie ein Tier, oder wie, komm Tanja, bei Fuss, put-pute", sehr leise als wäre es nicht Teil der Kommunikation, aber laut lachen sie dann beide. Ich grinse mit. Mein wiederholter kurzer Blick aus dem Fenster macht wahrscheinlich meine Unlust deutlich, irgendwas von mir mitzuteilen.
    Katja lebt mit ihrem Freund zusammen, sie ist Krankenschwester in einem Hospiz, ich erfahre, dass in ein Hospiz nur Menschen kommen, die sterben werden in absehbarer Zeit. Ich finde die Arbeit grässlich, noch grässlicher Katjas Ansicht, dass man dem etwas Interessantes abgewinnen könnte, was Tanja, die Tiermedizinerin, mit mir teilt und worauf Katja mit einem lachenden Kopfschütteln reagiert. Sie lachen beide wieder. Ich grinse fragend mit zusammengepressten Lippen und hochgezogenen Augenbrauen in Katjas Gesicht und lächle schließlich aus dem Fenster.
    Katja leitet ein Gespräch über das Vorhandensein von Schamgefühl bei Tieren ein, flüssig und ihrer Positionen sicher argumentieren sie gegeneinander als hätten sie schon oft darüber geredet. Tanja hält diese Vorstellung für unmöglich. Mir wird bange beim Schamgefühl von Tieren denken, das menschliche unter einer solchen biologisch bestimmten Voraussetzung des Begriffs zu denken klingt mir unmenschlich. Auf das menschliche Schamgefühl kommen sie nicht zu sprechen.
    Ich denke über eine Flucht in ein anderes Abteil nach, um mich ihren Gedankengängen zu entwinden. Ich verstehe die Frage wie Schamgefühl angeboren sein könnte gar nicht. Tanja spricht jetzt doch noch das menschliche Schamgefühl an, nennt es eine Schutzfunktion diktiert von der Zeit, Katja kann mit dem polemischen Beschreibungsgehalt des Begriffes "Diktat der Zeit" nichts anfangen, was am Menschlichen sei das nicht, wer schreibt sein Leben frei. Katja glaubt, dass nicht jeder Moment von Zeit regiert wird, also auch unmöglich von der Zeit als gesellschaftliche. Sie sind wieder beim Organismus und sind sich einig das wohl das meiste Artspezifische angeboren ist und keiner mit einem Tier reden kann, blicken mich fragend an, als würden sie ein Schlusswort erwarten. Katja weiß plötzlich von einem erwiesenen Schamgefühl eines körperlichen Intimitätsraumes bei jungen Affen gegenüber fremden erwachsenen Affen. Daran kann ich gar nicht glauben, mir fällt das Bild sich gegenseitig lausender Affen ein. Ich entschuldige mich unter dem Vorwand Hunger zu haben und verlasse mit meinem Rucksack das Abteil.
    Ein leeres Abteil ist nicht zu finden und ich betrete ein Abteil, das eine lesende alte Frau alleine besetzt. Da sie ihr Gepäck, bestehend aus drei hellbraunen grossen Lederkoffern, auf der Bank gegenüber abgelegt hat, muss ich mich neben sie setzen.
    Sie zieht ihre Handtasche zu sich, lächelt kurz freundlich, während sie für den Platz am Fenster beiseite rutscht und liest in einem Buch weiter. Obwohl das einfallende Sonnenlicht über dem Glanzhardcoverumschlag blendend widerspiegelt entziffere ich den mir unbekannten Titel "Das Buch der Unruhe" von Fernando Pessoa. Ihre Augen gehen langsam und müde über die Zeilen, sie schlägt das Buch manchmal zu und blickt aus dem Fenster. Seit ich sitze hat sie vier Zigaretten geraucht, dabei tief eingeatmet, langsam und bewusst gezogen. Bei der fünften fragt sie mich, wer ich sei und wohin ich möchte. Irgendetwas absurdes liegt mir auf den Lippen, wie ich "weiß nicht wieso ich hier bin, nicht mehr" oder "ich bin nicht mein ziel" oder wenigstens "wer fragt das?", statt dessen gebe ich willig Auskunft und erfahre, dass sie auf dem Weg zu ihrem Bruder ist, um sich seine erste Ausstellung anzusehen. Er sei Maler und fünf Jahre älter, sie überlegt Gedichte für seine Bilder zu schreiben, um einen gemeinsamen Band zu veröffentlichen. Sie fragt, was ich von Gedichten halte.
    Ich gestehe nur selten zu lesen, aber viel Musik zu hören und bestehe hastig darauf in Musik auch Gedichte, sogar Theaterstücke finden zu können. Sie nickt und
    sagt, es habe ihr immer die Zeit gefehlt sich mit Musik ausgiebig beschäftigen zu können. Ich nicke und finde das schade, mir geht es in etwa so mit Büchern.
    Der Zug fährt in den Bahnhof von Leipzig ein, sie muss aussteigen und wir verabschieden uns, indem wir uns mit Namen vorstellen.
    In mein Abteil kommen zwei junge Männer und eine Frau. Alle in dunklen, blauen Anzügen und einem weißen Hemd mit einer gelben Krawatte gekleidet. Jeder hat eine Aktentasche bei sich.
    Die Frau sitzt mit einem der Männer gegenüber, der andere neben mir. Sie unterhielten sich offenbar über Urlaubspläne zuvor, ich höre noch den der Frau.
    Europas Grosstädte in zehn Tagen. Wer auf die Idee kommt an einem Tag sich London anzusehen, was soll der schon am nächsten Tag machen wollen in Berlin. Es interessiert mich nicht.
    Sie hat kurze blonde Haare in einem Pagenschnitt vor kurzem geschnitten.
    Sie reden über Arbeitskollegen. Der Sangel hat nicht das Zeug zum Abteilungsleiter, ihm fehlt jede repräsentative Ausstrahlung und respekteinflößende Autorität, die Frau denkt über eine Bewerbung nach, die beiden Männer finden die Idee gut, sie hätte Chancen, auch wegen der Frauenquote. Ich nehme meinen Discman aus dem Rucksack und stelle die Lautstärke so leise, dass ich ihrem Gespräch folgen kann.
    Ich höre das Album "glee" von Bran Van 3000: "it's not my fault that you lost your way your insanitiy will prevail", rappt die Sängerin gerade als Refrain ins Mikro. Ich drücke ein Lied weiter, denn dieses mag ich nicht.
    Der Mann neben mir entschuldigt sich kurz, um zur Toilette zu gehen, er knallt die Tür, mich wundert, dass er sie nicht offen ließ, fest hinter sich zu. Einer mehr, der mit den Türen knallt. Ich stehe auch auf und laufe ein wenig durch den Zug, schaue in das eine oder andere Abteil und stelle mir vor wie anders es ist hier oder auf einer einsamen Insel zu sitzen und das Spiel "Stell dir so ein Leben vor" zu spielen, von dem ich mal in einem der wenigen Bücher las, die ich las.
    Wenig später sind wir angekommen in Berlin.
    Und das Leben ist wie eine lange Zugfahrt durch einen langen dunklen Tunnel, man muss die Schwärze dort draußen vergessen und sich auf einen Weg durch die Abteile machen, sich darin spüren. Wenn nur diese kleinen Lichter nicht wären, unsere Melancholie, die auch die Stelle in unseren Köpfen füllen kann, wo wir die Hände halten sollten und die Farben des Lebens schillern könnten.
    Ich steige aus und kaufe mir eine Rückfahrkarte nach Basel.

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Abfahrt

    weiß nicht.... ich empfinde dies eigentlich nur als eine aneinanderreihung von gedanken, die beschreibung einiger stunden im zug. in der schule hat man uns glaub ich gesagt, dass in einer kurzgeschichte etwas passieren muss, etwas aus dem die protagonisten verändert hervorgehen, oder so.... könnte es sein, dass die bezeichnung kurzgeschichte nicht ganz hinhaut?
    und warum lässt sich das leben mit einer fahrt durch einen tunnel vergleichen? ist mir leider auch nicht ganz schlüssig...

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Abfahrt

    Mir gefällt es. Das Geschehen wird von unsichtbaren Fäden gehalten, auch ein bißchen bewegt, aber auf Bewegung ist die Geschichte nicht angelegt. Das macht sie sympathisch. Wer versucht schon, ein stehendes Jetzt ins Wort zu fassen? Andererseits, Hexe, kann ich Dein Urteil nachvollziehen. Eine Kurzgeschichte ist es nicht; es fehlt an einer klaren Zielführung, die bei der semantischen Leerstelle am Ende des Textes dem Leser eine (lösbare) Aufgabe stellt. Hier gibt es eine Lösung: zurück zum Anfang!


    textarbeit?

  4. #4
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Abfahrt

    Im Unterschied zu damals gefällt mir der Text heute nicht mehr. Seinerzeit hatte ich selber an einer Kurzgeschichte gebastelt, die das Zugfahren als Motiv benutzte. Vielleicht gefiel mir deshalb damals diese heute als beliebig Aneinandergereihtes wahrgenommene Textur.

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    Renommee-Modifikator
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    AW: Abfahrt

    Ein langer Anlauf zu einem kurzen, lyrischen Text. Der „Anlauf“ ist unspannend, auch faserig, eine Minutenprotokoll. Im Wiederlesen meldet sich Melancholie, aber da wären wir bei den Todsünden, also sagen wir Nachdenklichkeit. Mir gefällt der Anlauf, der Blick auf Mitreisende, der nach draußen, das Vorbeiziehen von Verpasstem. Mag sein, es gibt entbehrliche Sätze, Verbesserungen... ha: Der Lektor fehlt! Aber das Thema mag ich. Und das Ende:

    „Wenn nur diese kleinen Lichter nicht wären,
    unsere Melancholie,
    die auch die Stelle in unseren Köpfen füllen kann, wo
    wir die Hände halten sollten
    und die Farben des Lebens schillern könnten.“

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