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Thema: Ein Sprung ins Blaue

  1. #1
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    Post Ein Sprung ins Blaue

    Eine Kurzgeschichte hätte ich noch.
    it


    Hannes springt.
    Für einen kurzen Augenblick scheint sein Körper zu schweben, unbeweglich gegen den strahlenden Sommerhimmel. Eine Hand hochgereckt im Triumph, Knie und Füsse angewinkelt im Sprung, raumgreifend, dreidimensional, die linke Hand schützend zwischen den Beinen. Er schreit.
    Dann fällt er vom Himmel.
    Fünf nasse Köpfe beugen sich vor und sehen zu, wie das grellblaue Viereck zwischen ihren Füssen zerbirst zu strahlendem Weiss.
    Ein Tropfen löst sich von Timos Haaren, er sieht ihn fallen, fallen, auf die zitternden Linien zu, die sich unter der Wasseroberfläche sammeln, bis Kacheln und Grund wieder deutlich zu erkennen sind. Unten schwimmt Hannes und winkt.
    Sobald die Anspannung sich löst springen die Fünf in ihre Rollen zurück.
    "Okay. Dein Turn, Annette." Sagt Sebastian, umfasst ihre Hüften im Spiel und drängt sie zum Rand.
    Die ganze Zeit hat Annettes linke Hand sich nicht vom Geländer gelöst, und Sebastian weiss, dass sie nicht springen wird. Ihre Hände sind ein wenig zu weiss.
    Dann stehen sie still. Annette streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht, feucht noch, und doch heller an den Rändern. Einzelne Haare lösen sich und fliegen im Wind: sie steht schon lange hier oben. Timo sieht, dass die Pfütze unter ihren braunen Füssen schon langsam am Trocknen ist.
    Sebastians Hand liegt noch immer auf ihrer Hüfte.
    "Du zuerst."
    Woher das Ziehen in seinem Hals kommt, weiss Timo nicht. Die Linie ihrer Schulter, vielleicht. Die blonden Haare auf Bastians Hand auf Annettes Hüfte. Der Raum zwischen ihren Körpern.
    Und denkt: nicht jetzt. Verdammte *******e, nicht jetzt. Er kann sehen, wie sein nackter Brustkorb sich zu schnell hebt und senkt. Die Hitze, die sich zwischen seinen Beinen sammelt, und in seinem Gesicht. Dass er immer so ******* rot werden muss, dass jeder es sieht.
    Sebastian steht jetzt vorn, beugt sich vor, um zu sehen, ob das Wasser frei ist, lässt sich Zeit. Tänzelt.
    Timo blickt zu Boden. Denkt an laufende Tropfen und sonst nichts. Es dauert ewig. Sein Schwanz spannt sich gegen den Stoff der Badehose und drückt sie nach vorn. Gut sichtbar nach vorn, neonrot sichtbar.
    Er dreht sich um und hofft nur, dass niemand die Leiter hochkommt. Peinlich ist gar kein Ausdruck, und spring, Bastian, spring schon endlich denkt er. Mach schon.
    Die anderen treten zurück, als Sebastian Anlauf nimmt und sich mit einem lauten Schrei nach vorne katapultiert. Das Beugen ihrer Köpfe ist eine Verneigung, ihr Atem für kurze Zeit synchron. Timo kann den Aufprall hören und wartet, dass ihre suchenden Augen sich jetzt auf ihn richten.
    Weiss, dass Sebastian da unten noch eine Show abzieht, er wird sich totstellen und treiben lassen, er wird zum Boden tauchen und sie warten lassen, irgendwas fällt ihm schon ein, typisch Sebastian eben, und es wird ewig dauern, bis er weg ist. Und Timo steht vorne am Rand mit dem Ständer des Jahrhunderts und hört den Mädchen beim Kichern zu.
    No way.
    Okay, mir ist schlecht, wird er sagen, mir war einfach schlecht, weiss der Henker, wie alt die Würstchen waren oder das Cola war abgestanden, irgendwas fällt ihm schon ein, sie werden ihm glauben. Fünf Meter, kein Problem, er ist hier schon oft gesprungen.
    "Timo?"
    Selbst sein Nacken ist rot, als er sich abwendet und zur Treppe läuft.
    Aber, *******e, es ist nicht sein Tag. Einen Ständer und die falsche Badehose an, die kleine vom letzten Jahr, weil er seine Boxershorts heute morgen nicht finden konnte und die Mutter sich geweigert hatte, ihm beim Suchen zu helfen, mit irgendwelchen klugen Sprüchen von wegen wenn Du Dein Zimmer aufgeräumt hättest, ja wenn er es hätte, aber das hilft ihm nichts, diese klugen Sprüche kann sie sich an die Wand nageln, nun stell Dich nicht so an, Timo, davon stirbt man nicht. Und ob man davon stirbt, sich zu Tode schämt weil man weiss, wie sie sich das Maul zerreissen werden, nachher, vor dem Eisstand, während sie diskutieren, ob es ein Solero sein soll oder Magnum Mandel vom letzten Geld, und der Hohn in ihren Augen wird kälter sein als jedes Eis.
    An der Treppe kann er Gesines rote Haare sehen, nur wenige Meter unter ihm. Sie hebt den Kopf und sieht direkt in sein Gesicht.
    Einen Augenblick lang überlegt er sich, ob er springen soll, zehn Schritte und aus, aber unten liegt Sebastian im Wasser und spielt Toter Mann.
    Und er mit dieser ******* Beule in der Hose.
    Ein Weg ist noch frei, und er ist zwei Stufen hoch, bevor er es sich überlegen kann.
    Das Holz unter seinen Füssen ist trocken. Kein Mensch geht hier je hinauf. Zehn Meter. Er kann die Knöchel unter seiner Haut spüren, als die Hände um das Geländer greifen.
    Der Wind bläst die Tropfen in schrägen Streifen über seine Haut. Es ist kälter hier oben, er ist jetzt über den Bäumen. Das Geschrei von unten dringt nur noch gedämpft hier herauf, weit weg von dem lärmenden Freibadtag am Boden.
    Sein Mund ist trocken und schmeckt nach Chlor. Über ihm nichts als feine dunstige Wolken, durchzogen von ausfransenden Linien, Kondensstreifen, Sommer.
    Einen Augenblick lang ist er überrascht, dass man von hier oben bis zum Volksparkstadion sehen kann. Dann wendet er sich dem kleinen blauen Becken tief unter seinen Füssen zu.
    Ey, ich wollte doch nicht springen. Nur mal sehen, ob man von da oben das Volksparkstadion sehen kann. Hast Du gewusst, dass man von da oben das Volksparkstadion sehen kann? Von Springen hat keiner was gesagt. Ich bin doch nicht blöd. Mein Bruder hat mal einen gesehen, der hat sich den ganzen Bauch aufgerissen beim Kopfsprung. Kein *******. Aber der Blick von da oben ist echt geil.
    Hannes sieht ihn zuerst, sein hoch gereckter Arm wirkt winzig, aber der Wind trägt seine helle Stimme herauf. Und die Köpfe der anderen folgen.
    "Timo. Timooo!"
    Es ist eiskalt hier oben. Er schlingt seine Arme um die dünne Brust sucht nach Wärme. Seine Zähne machen sich selbstständig, tanzen zwischen den blauen Lippen ihren eigenen Tanz. Tropfen laufen aus seinen Haaren.
    Unten wird es still.
    Nichts als der hohe Himmel über ihm und das Blau in der Tiefe. Er kennt die Gier in den Augen seiner Freunde: Timo springt. Ich fass' es nicht, schau; und er weiss, dass er sich ihrer Enttäuschung nicht stellen kann. Ihrer Enttäuschung nicht, und auch nicht ihrem Hohn.
    Er kann die Linien sehen, die den Boden des Beckens in feine, zitternde Kästchen teilen. So klein. So weit weg.
    Er tastet sich nach vorn, bis die Zehen über den Rand ragen. Bis fast nichts mehr fehlt zum Sprung.
    In die Stimmen von unten mischt sich Ungeduld.
    "Du bringst es eh? nicht!" Sebastian. Und er kann Gelächter hören.
    Da hebt er den rechten Fuss, ganz langsam, behutsam, und während sein Gehirn in Todesangst schreit lässt er sich lautlos fallen in das brausende Blau.

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    hi it,


    sportler-kurzgeschichte. wird gefallen. sport gefällt. mich langweilt sport, verzeih, obwohl dein text gut, sogar sehr gut geschrieben ist.


    obwohl ich laufe. weit, durch die wüste, bis ich wieder zu hause ankomme. aber sport? wer's mag, ja. aber, wie gesagt, ich steh auf distanz dazu. nicht zu dir allerdings.


    küsschen,


    asmodai

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    hi it,


    kommt alles rüber, was du sagen wolltest
    vielleicht eine klitze kleine änderung des schulusssatzes:


    da hebt er den rechten fuss, ganz langsam, behutsam, schreit und lässt sich fallen.

    hi asmodai,


    its thema ist hier alles andere als sport.
    lies doch noch mal.





    grüße
    e.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    Eule, hast Recht, ist ein bisschen dick (Dein Vorschlag ein bisschen dünn). Ich bastle noch, okay?
    Aber kennst Du das Gefühl? Natürlich hat ein Teil - irgendein limbischer, Stammhirn - Teil eine Todesangst.
    Gruslig. it

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    hi it,


    ich stand auch schon mal auf dem 10er und bin nicht gesprungen. als mädel hat frau das dann auch mal einfacher
    klar ist da todesangst - keine frage, das kapiert wohl jeder, und deswegen würde ich es nicht explizit schreiben.
    erinnert mich auch an die bungy-springer. die schreien erst aus angst und dann aus euphorie (so hat mir das einer jedenfalls mal erzählt).


    grüße
    e.

  6. #6
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    Kenn ich. genau das. Die Angst des Tormanns. Die Angst des Schützen. Bin Schütze. Die Angst des Gesalbten. Die Angst vor dem Versagen, vor der Enttarnung auch. Hab ich glücklicherweise hinter mir. Aber diese Jahre waren schlimm. Jugendzeit eben, denke ich. Da macht man sich viel vor.
    Man merkt auch, daß Du Dich mit den psychologischen Prozessen derzeit befaßt. Aber da sind zu viele Personen, die in einer Kurzgeschichte eher verwirren, weil man doch wartet, daß sie eine verifizierbare Funktion erhalten. Gesine ist mir zu blaß, das Wort S c h e i ß e taucht einfach zu oft auf. Timos Bedeutung wird mir nicht klar. Soll er nur hören?, dann aber verdichte das.


    Beginnen wir die Arbeit, so Du dies wünschst, Spatzl.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    Ja. Bin zum Teil schon dran. Danke für die Anmerkungen.
    it

    (PS: *******e, das stimmt Aber bezieht es sich nur auf das Wort, oder auch auf den Stilbruch? Da war ich nicht sicher)

  8. #8
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    psychologisch schön beobachtet und grösstenteils klar und zügig geschrieben (der schluss ist mir etwas kompliziert, obwohl mir deine argumentation einleuchtet, betr. schreiendes hirn. übrigens: bei eulalies vorschlag ende die geschichte mit "fallen", das find ich gut).
    der haupteinwand kam schon - ausnahmsweise zu recht - von wolkenstein: dieses personenaufgebot verwirrt die geschichte, gehört geklärt.
    aber dieses ganze pubertäre gefühl, die scham, die angst vor der lächerlichkeit, das ist treffend und genau gesagt.


    wolfgang

  9. #9
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    "und Sebastian weiss, dass sie nicht springen wird. Ihre Hände sind ein wenig zu weiss."


    Schöner Satz, gefällt mir sehr.

    Gruß Buh

  10. #10
    Kurzvormabschussiger
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    Question AW: Ein Sprung ins Blaue

    kann mal jemand die sternchen aus dem text nehmen?

  11. #11
    Kurzvormabschussiger
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    Exclamation AW: Ein Sprung ins Blaue

    das ist ein verdammt guter text.
    das ist ein verdammt guter text.
    das ist ein verdammt guter text.
    das ist ein verdammt guter text.
    das ist ein verdammt guter text.
    das ist ein verdammt guter text.
    das ist ein verdammt guter text.


    und ich mein das auch so.


    guten morgen, it.
    7schläfer

  12. #12
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    und noch einmal dieser.
    ich schreib dir eine meinung dazu, wenn du willst, it.


    grüsse
    c.

  13. #13
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Ein Sprung ins Blaue

    robortello ist wech, also keine Antwort ihm, aber allgemein: Die Sternchen bleiben. Sie zeigen hier auch eine Schwäche des Textes an, wie it es selbst schon eingestand.


    Sieben, nun ist's gut. Bist Du jetzt wach? it wird Dich wohl kaum gesondert auffordern müssen. Hast Du eine verifizierbare Meinung? Oder haben wir jetzt zwei Forumskasper?

  14. #14
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    hab ich wolkenstein.
    (verifizierb. meing.)


    kaspar?
    bist du der andere?


    *erwach*

  15. #15
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    Der andere Kasper bin ich - nicht mehr . Aber ja, bitte, christa. Je kürzer der Text, desto besser muss jedes Wort sitzen. Es muss glänzen, zum Schluss.
    An den anderen änderungen sitze ich noch - eine ungenau-genaue Beschreibung einer Clique, und einer umfangreichen Sammlung von Schimpfwörtern

  16. #16
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    Hallo it,


    Nicht uninteressant, aber etwas zu lang (für die Handlung), und ein paar Ungenauigkeiten sind auch dabei:


    Die ganze Zeit hat Annettes linke Hand sich nicht vom Geländer gelöst, und Sebastian weiss, dass sie nicht springen wird


    Weiter möchte ich die Krümelknackerei nicht fortführen, aber es wären noch Reserven vorhanden.




    K.

  17. #17
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Ein Sprung ins Blaue

    Könntest Du mir erklären, was daran ungenau sein soll, Kassandra?

  18. #18
    Gast
    Status: ungeklärt

    AW: Ein Sprung ins Blaue

    In diesem Text sind eine Menge Ungenauigkeiten, die ihn trotz manch schöner Formulierung, ziemlich holpern lassen; klar gewollt: ein unwahrscheinlicher Ständer auf dem 10-Meter-Brett ließe mein Herz auch ein wenig holpern,wenn man aber ganze Zeilen nochmal lesen muss nur um zu verstehen, wo genau sich wer in welcher Lage befindet dann wirds einem schnell zuviel, schließlich versteht man danach auch nicht mehr: eine belanglose Fingerübung für eine Kamerafahrt an sich, an anderen und dem gemeinsamen Turm rauf und runter, mit mäßigem Reiz gelesen.

  19. #19
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    Dein Blindenhund hat wohl heute seinen freien Tag, vW?


    Das "springen" bezieht sich - formal gesehen - auf die Hand.


    Gute Besserung!


    K.

  20. #20
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    kassandra, diese eine Ungenauigkeit - formal gesehen hast Du Recht - die erlaube ich mir einfach mal.
    Aber Deine anderen Krümel schaue ich mir trotzdem gern an.
    Wenn man schon nicht mehr als hundert Worte schreibt, dann sollte jedes sitzen.


    it

  21. #21
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Ein Sprung ins Blaue

    Ist nicht unbedingt zwangsläufig, daß sich das SIE auf die Hand beziehen muß. it benutzt zwar hin und wieder auch die alte und rechte Rechtschreibung, aber hier hat sie sauber zwei Hauptsätze voneinander abgetrennt. Das SIE tritt hier also als ein sauberer Akkusativ auf, ein Akkusativ nämlich, der sich auch auf die erste Ebene beziehen kann, also erstinstanzlich ist, nicht ein Genetivakkusativ, der eines Nebensatzes bedürfte, um sauber genannt und angeführt zu sein. Die aber ist SIE, nicht die Hand. Das Wichtigste wird zuerst genannt.
    Ich les den Satz nicht so, daß sich SIE auf Hand, sondern auf den Besitzer der Hand beziehen muß, eben wegen der Abtrennung durchs Komma. Stünde das Komma nicht, so hätt ich's auf Hand beziehen müssen, was Deine Interpretation zugelassen hätte.


    Aber Du hast schon ganz recht, Kassandra, ich brauch mal Urlaub. Vielleicht ist es mir doch zu schwierig, hier einen ordentlichen Sinn hineinzuinterpretieren.


    Gast, so kommst Du mir nicht davon: Nenn gefälligst die Ungenauigkeiten. Aber pronto!

  22. #22
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Ein Sprung ins Blaue

    Hannes springt.
    Für einen kurzen Augenblick (als Gegensatz zum langen Augenblick?) scheint sein Körper zu schweben, unbeweglich gegen den strahlenden Sommerhimmel. Eine Hand hochgereckt im Triumph, Knie und Füsse angewinkelt im Sprung, raumgreifend, dreidimensional, die linke Hand schützend zwischen den Beinen. Er schreit.
    Dann fällt er vom Himmel.
    Fünf nasse Köpfe beugen sich vor und sehen zu, wie das grellblaue Viereck zwischen ihren Füssen zerbirst zu strahlendem Weiss. (vor statt zwischen - oder ist der Turm/ das Sprungbrett durchsichtig?)
    Ein Tropfen löst sich von Timos Haaren, er sieht ihn fallen, fallen, auf die zitternden Linien zu, die sich unter der Wasseroberfläche sammeln, bis Kacheln und Grund wieder deutlich zu erkennen sind. Unten schwimmt Hannes und winkt.
    Sobald die Anspannung sich löst springen die Fünf in ihre Rollen zurück.
    "Okay. Dein Turn, Annette." Sagt Sebastian, umfasst ihre Hüften im Spiel und drängt sie zum Rand.
    Die ganze Zeit hat Annettes linke Hand sich nicht vom Geländer gelöst, und Sebastian weiss, dass sie nicht springen wird. (das hatten wir schon) Ihre Hände sind ein wenig zu weiss. (beide?)
    Dann stehen sie still. (wer - die Hände?) Annette streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht, feucht noch, und doch heller an den Rändern. Einzelne Haare lösen sich und fliegen im Wind: sie steht schon lange hier oben. Timo sieht, dass die Pfütze unter ihren braunen Füssen schon langsam am Trocknen ist.
    Sebastians Hand liegt noch immer auf ihrer Hüfte.
    "Du zuerst."
    Woher das Ziehen in seinem Hals kommt, weiss Timo nicht. Die Linie ihrer Schulter, vielleicht. Die blonden Haare auf Bastians Hand auf Annettes Hüfte (2x auf). Der Raum zwischen ihren Körpern.
    Und denkt: nicht jetzt. Verdammte *******e, nicht jetzt. Er kann sehen, wie sein nackter Brustkorb sich zu schnell hebt und senkt. Die Hitze, die sich zwischen seinen Beinen sammelt, und in seinem Gesicht. Dass er immer so ******* rot werden muss, dass jeder es sieht.
    Sebastian steht jetzt vorn, beugt sich vor, um zu sehen, ob das Wasser frei ist, lässt sich Zeit. Tänzelt.
    Timo blickt zu Boden. Denkt an laufende Tropfen und sonst nichts. Es dauert ewig. Sein Schwanz (kein guter Ausdruck, er ist ja wohl kein Affe?) spannt sich gegen den Stoff der Badehose und drückt sie nach vorn. Gut sichtbar nach vorn, neonrot sichtbar.
    Er dreht sich um und hofft nur, dass niemand die Leiter hochkommt. Peinlich ist gar kein Ausdruck, und spring, Bastian, spring schon endlich denkt er. (Merkwürdige Verknüpfung, die beiden Satzteile haben wenig miteinander zu tun) Mach schon.
    Die anderen treten zurück, als Sebastian Anlauf nimmt und sich mit einem lauten Schrei nach vorne katapultiert. Das Beugen ihrer Köpfe ist eine Verneigung, ihr Atem für kurze Zeit synchron. Timo kann den Aufprall hören und wartet, dass ihre suchenden Augen sich jetzt auf ihn richten. (auf wen?)
    Weiss (wo ist das er geblieben, die Verkürzung irritiert.), dass Sebastian da unten noch eine Show abzieht, er wird sich totstellen und treiben lassen, er wird zum Boden tauchen und sie warten lassen, irgendwas fällt ihm schon ein, typisch Sebastian eben, und es wird ewig dauern, bis er weg ist. Und Timo steht vorne am Rand mit dem Ständer des Jahrhunderts und hört den Mädchen beim Kichern zu.
    No way.
    Okay, mir ist schlecht, wird er sagen, mir war einfach schlecht, weiss der Henker, wie alt die Würstchen waren oder das Cola (das?) war abgestanden, irgendwas fällt ihm schon ein, sie werden ihm glauben. Fünf Meter, kein Problem, er ist hier schon oft gesprungen.
    "Timo?"
    Selbst sein Nacken ist rot, als er sich abwendet und zur Treppe (vorhin war es noch eine Leiter) läuft. (Kann mir jemand sagen, wo er ist? 5m-Brett, 10m-Turm?)
    Aber, *******e, es ist nicht sein Tag. Einen Ständer und die falsche Badehose an, die kleine vom letzten Jahr, weil er seine Boxershorts heute morgen nicht finden konnte und die Mutter sich geweigert hatte, ihm beim Suchen zu helfen, mit irgendwelchen klugen Sprüchen von wegen wenn Du Dein Zimmer aufgeräumt hättest, ja wenn er es hätte, aber das hilft ihm nichts, diese klugen Sprüche kann sie sich an die Wand nageln, nun stell Dich nicht so an, Timo, davon stirbt man nicht. (Du und Dich werden nur im Brief großgeschrieben, außerdem ist der Satz arg schachtelig und auch sonst merkwürdig konstruiert - wenn er es hätte) Und ob man davon stirbt, sich zu Tode schämt weil man weiss, wie sie sich das Maul zerreissen werden, nachher, vor dem Eisstand, während sie diskutieren, ob es ein Solero sein soll oder Magnum Mandel vom letzten Geld, und der Hohn in ihren Augen wird kälter sein als jedes Eis. (pathetische Übertreibung)
    An der Treppe kann er Gesines rote Haare sehen, nur wenige Meter unter ihm. Sie hebt den Kopf und sieht direkt in sein Gesicht. (fragwürdig (schaut?), außerdem habe ich Mühe, mir das bildlich vorzustellen, denn wenn er schon auf Treppe wäre, würde sie allenfalls seine unteren Extremitäten samt gefüllter Badehose sehen).
    Einen Augenblick lang überlegt er sich, ob er springen soll, zehn Schritte und aus, aber unten liegt Sebastian im Wasser und spielt Toter Mann.
    Und er mit dieser ******* Beule in der Hose.
    Ein Weg ist noch frei, und er ist zwei Stufen hoch (grausliche Konstruktion), bevor er es sich überlegen kann.
    Das Holz unter seinen Füssen ist trocken. Kein Mensch geht hier je hinauf. Zehn Meter. (Aha, aber es war nicht eindeutig) Er kann die Knöchel unter seiner Haut spüren, als die Hände um das Geländer greifen. (auch keine glückliche Konstruktion)
    Der Wind bläst die Tropfen in schrägen Streifen über seine Haut. Es ist kälter hier oben, er ist jetzt über den Bäumen. Das Geschrei von unten dringt nur noch gedämpft hier herauf, weit weg von dem lärmenden Freibadtag am Boden.
    Sein Mund ist trocken und schmeckt nach Chlor. Über ihm nichts als feine dunstige Wolken, durchzogen von ausfransenden Linien, Kondensstreifen, Sommer.
    Einen Augenblick lang (schon wieder?) ist er überrascht, dass man von hier oben bis zum Volksparkstadion sehen kann. Dann wendet er sich dem kleinen blauen Becken tief unter seinen Füssen zu.
    Ey, ich wollte doch nicht springen. Nur mal sehen, ob man von da oben das Volksparkstadion sehen kann. Hast Du gewusst, dass man von da oben das Volksparkstadion sehen kann? Von Springen hat keiner was gesagt. Ich bin doch nicht blöd. Mein Bruder hat mal einen gesehen, der hat sich den ganzen Bauch aufgerissen beim Kopfsprung. Kein *******. Aber der Blick von da oben ist echt geil.
    Hannes sieht ihn zuerst, sein hoch gereckter Arm wirkt winzig, aber der Wind trägt seine helle Stimme herauf. Und die Köpfe der anderen folgen. (Wem, der Stimme? Oder folgen die Köpfe seinem Arm? Wie?)
    "Timo. Timooo!"
    Es ist eiskalt hier oben. Er schlingt seine Arme um die dünne Brust sucht nach Wärme. Seine Zähne machen sich selbstständig, tanzen zwischen den blauen Lippen ihren eigenen Tanz. Tropfen laufen aus seinen Haaren.
    Unten wird es still.
    Nichts als der hohe Himmel über ihm und das Blau in der Tiefe. Er kennt die Gier in den Augen seiner Freunde: Timo springt. Ich fass' es nicht, schau; und er weiss, dass er sich ihrer Enttäuschung nicht stellen kann. Ihrer Enttäuschung nicht, und auch nicht ihrem Hohn.
    Er kann die Linien sehen, die den Boden des Beckens in feine, zitternde Kästchen teilen. So klein. So weit weg.
    Er tastet sich nach vorn, bis die Zehen über den Rand ragen. Bis fast nichts mehr fehlt zum Sprung.
    In die Stimmen von unten mischt sich Ungeduld. (Ich bezweifle, daß sich Ungeduld in Stimmen mischen kann, außerdem war es doch gerade noch still.)
    "Du bringst es eh? nicht!" Sebastian. Und er kann Gelächter hören.
    Da hebt er den rechten Fuss, ganz langsam, behutsam, und während sein Gehirn in Todesangst schreit lässt er sich lautlos fallen in das brausende Blau (schön erscheinendes Bild, aber das Blau braust nicht - allenfalls der Wind in seinen Ohren).


    Nur ein paar grundsätzliche Anmerkungen, ohne Krümelknackerei.


    Viele Grüße
    K.

  23. #23
    schreibt hier hin und wieder
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    Wink AW: Ein Sprung ins Blaue

    Danke, Kassandra. Etwa ein Drittel habe ich übernommen - nur mal so als Rückmeldung.


    it

  24. #24
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Ein Sprung ins Blaue

    Das ist einer dieser ungemeinen Ordner, in denen es hochherging. it hat inzwischen das Forum verlassen, es ging ihr alles nicht schnell genug, außerdem konnte sie es dem Betreiber nicht verzeihen, daß er unter von Wolkenstein und Robert doppelt postete. Nun ja.


    Kassandra bewies hier ihr Gespür für gute Textarbeit.


    Tja, alles in allem war's wohl eine lebendige Geschichte, dieser Ordner von it. Küßchen.

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