Der Ziegenbock oder Das Glück


Ein Mann teilte sich mit seinen zwei Kindern und seiner Frau ein Zimmer. Die Enge war die Quelle seines ganzen Unglücks. Voller Verzweiflung wendete er sich an seinen besten Freund und schilderte ihm die Umstände, die so auf seinem Gemüt lasteten. Mit einem Lächeln sagte dieser er habe einen Plan, dem Todunglücklichen zu helfen. Begierig forderte der Mann seinen Freund auf, ihm zu sagen, was er zu tun habe.


"Kauf dir einen Ziegenbock, quartiere ihn in deinem Zimmer ein und in drei Wochen sehen wir uns wieder."


Allen Einwänden des Mannes zum Trotz blieb der Freund bei seinem Ratschlag und wünschte ihm viel Glück. Der arme Mann, der ernsthaft an der Vernunft seines Freundes zu zweifeln begann, kratzte dennoch sein letztes Geld zusammen und ging auf den Markt, um den Ziegenbock zu kaufen.
Durch die Anwesenheit des Ziegenbocks im Zimmer der armen Familie vervielfachte sich ihr Elend und der Mann verfluchte seinen Freund, da er vermutete, er habe ihm einen bösen Streich gespielt. Nach drei Wochen trafen sich die beiden wie verabredet. Mit Tränen in den Augen berichtete der Mann seinem Freund von den fürchterlichen Umständen, in denen er lebte.


"Halt noch drei Wochen aus, dann sprechen wir uns wieder."


Das harte Leben der Familie ging weiter und der Mann wurde immer schwächer. Zwei Wochen nach dem letzten Treffen mit seinem Freund hielt er es nicht mehr aus. Er nahm den Ziegenbock und brachte ihn zum Schlachter. Bald darauf traf er seinen Freund.


"Wie geht es dem Ziegenbock?"
"Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Er ist fort."
"Und wie fühlst du dich?"
"So gut wie nie zuvor. Kein Dreck mehr, kein Lärm, viel mehr Platz im Zimmer. Endlich können wir alle wieder frei atmen. "


***


Glück ist immer relativ. Wer glaubt Glück sei ein Dauerzustand, den man mit ausgiebigen Konsum oder mit der/dem "Traumfrau/mann" erreichen kann, irrt gewaltig und fordert das Unglück heraus. Es kommt darauf an sich öfters einen Ziegenbock ins Boot zu holen, um das Alltägliche wieder genießen zu können. Was bringt mir ein Urlaub, in dem ich mich so verwöhnen lasse, daß ich nur mit Horror und Herbstdepressionen den Alltag angehen kann? Gerade wir, die Menschen der modernen Industrieluxusgesellschaft, müssen lernen uns bewußt zu machen, wieviel wir haben und nicht immer darauf zu schielen, was uns fehlt.