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Thema: Schlangenvertreibung

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Schlangenvertreibung

    Jedesmal spüre ich die Angst des Versagens, wenn ich mit meinen einstmals so starken Händen die Gitterstäbe auseinanderziehe, um meinen Kopf durchzuschieben und sie sehen zu können. Sie steht in einer hinteren Ecke des Hofes und streicht mit einer verlegenen Geste ihr Kleid glatt. Ich spüre ihre Blicke auf mir und drücke ein wenig fester gegen die Stäbe, um meine scheinbare Schwäche zu verbergen, von der ich nicht will, daß sie es bemerkt, daß sie statt dessen an ein Spiel glaubt. Voller Dankbarkeit sieht sie mich an und lächelt.
    Ich sehe, wie sie mit einem Holz auf das Gras schlägt um die Schlangen zu verscheuchen, auf den Boden stampft und etwas ruft, was ich nicht bis hierher verstehen kann. Es hat mit den Schlangen zu tun, das weiß ich, denn so hat sie es immer gemacht, nie hätte sie mir mein Lager bereitet, ohne vorher die Schlangen zu vertreiben.
    In Wirklichkeit weiß ich, daß keine Schlangen da sind. Es ist eine Geste, halb für mich bestimmt. Ich könnte so tun, als ob ich hinunterginge zu ihr, ich könnte dieses Spiel mitspielen. Das Gras scheinbar prüfend betrachten, dann sähe sie mich neckisch an, als wollte sie sagen: glaubst du mir nicht, daß ich die Schlangen für dich verscheucht habe. Ich würde es glauben.
    Aber es fehlt mir die Kraft, die Stäbe noch lange zu halten. Ich denke, daß sie es merkt. Irgend woran merkt sie es. Sie sieht nicht das beginnende Zittern meiner Hände, dafür ist es zu weit. Aber sie spürt es. Bis zu mir kann ich die Hoffnungslosigkeit erkennen, die sich in ihrem Gesicht ausbreitet. Ich werde ihr zuwinken, das ist ganz einfach, aber dann bräuchte ich beide Hände, um die Stäbe festzuhalten. Dann könnte ich vielleicht eine Hand nach draußen zwängen, aber was würde es mir nutzen? Ich werde sie nicht mehr sehen. Aber ich werde mir einbilden, da? sie auf mein lächerliches Winken wartet.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Schlangenvertreibung

    Für meinen Geschmack tauchen die Wörter SCHLANGE, MERKT, ICH zu oft auf. Daß-Konstruktionen sind in Überzahl vertreten, die Beschreibungen sind skin-deep, aber ich möcht doch so gern an der schuppigen Oberfläche entlangretuschieren, vielleicht auch nur das Schlüpfgefühl in mir entwickeln. Eine Schlange assoziiert in mir das Verschlagene, das Weibliche, Schönheit, Arglist und Kälte, manchmal auch Klugheit und Geduld. Jedenfalls komme ich mit der nachmaligen Nennung des reptils hier in Deinem Text nicht sonderlich klar. Bleibt glatt und ungebrochen.

    andere Lesart:
    Versagen. Thema oder Motiv? Was treibt die Schlangen, die recht häufig genannt, nie aber genauer verifiziert sind? Eitelkeit? Ja, es scheint so, denn schon anfangs läßt Du sie anspüren, bemerken, schieben, verlegen sein, all das sind Verben minderer Dichte, sie zeigen eher etwas an als daß sie es sagen. Aber Du bückst Dich nicht hinunter zur Schlange, die merkwürdig blaß bleibt in ihrer nahbaren Umständlichkeit. Sie ist umständlich, weil sie nicht gradheraus handelt. Nun, das machen Schlangen wohl auch kaum, aber das sagst Du mir nicht, das teilst Du mir auch nicht mit. Und damit bin ich beim eigentlichen Kritikpunkt: Du teilst mir zu wenig mit, gefällst Dir in der Beschreibung eines Umfeldes. Das nennt man Brokatstil.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    Lightbulb AW: Schlangenvertreibung

    Ja, ich bin dran .. hm.
    liegt mir an sich nicht, eigenes geschreibsel zu hinterfragen oda so ..
    es ist offensichtlich auf keine interesse gestoßen, genau genommen, ists nichts dazu gepostet worden, wobei man sich fragt, obs gleichgültigkeit oder einfach mangelndes Interesse am thema oder der darstellung ist oder obs auch - paradoxerweise - zustimmung sein kann.
    Es ist eine einleuchtende these, daß das interesse an netzliteratur abnimmt, je weniger konkrete aussagen netzgerecht aufbereitet werden, wobei ich unter "netzgerecht" etwas verstehe, das ohne mühe in verfügbarer zeit resorbierbar ist, ich meine, daß zunächst stehen bleiben kann, obs das verdienst des autors oder des lesers ist oder wem die leistung abgefordert werden kann. So oder so: ein frage der kommunikation ist es allemal.

    aber zur erzählung: nach meiner intention ist es eine verwebung zwischen zwei verwandten themen der psychoanalyse: hier ist einerseits der traum als ständig gegenwärtige auf archaischen erfahrungen aufbauende erlebniswelt zwischen dem bewußten wollen und der kontrollinstanz des überich, in dem traum stößt der protagonist auf eine äußere versagung (das gitter) und sucht sich einen ersatz, die schlangen, von denen er weiß, daß sie nur eine einbildung sind (ich könnte dieses spiel mitspielen) . andererseit symbolisiert das gitter auch angst und ohnmacht, die nur scheinbar auf der äußeren versagung beruht, denn in wirklichkeit ist es die schwäche, ja, die angst vor der impotenz, die ihn beherrscht. Wenn sich der protagonist nicht entscheiden kann, wird er die wahl haben zwischen einer handfesten neurose oder der angesprochnenen impotenz. Denn die Hoffnung, daß sie vielleicht auf sein lächerliches winken wartet, wird nicht ausreichen, das dilemma zu verhindern. Man wünscht ihm einen guten psychiater ...


    bigvogel

  4. #4
    gecko
    Laufkundschaft

    AW: Schlangenvertreibung

    wow..starke worte bigvogel


    dem bild das du maltest konnte ich etwas abgewinnen , die geschichte verstehen ...
    aber nu frag ich mich ob ich nicht doch alles nur geträumt habe.


    gecko

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Schlangenvertreibung

    ich habe es schon oft gelesen
    wie du sicher weißt
    und nicht nur hier
    und nicht nur dies


    Tiger im Park

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Schlangenvertreibung

    das ist doch schon gar nicht so schlecht, gecko! in diesen welten können wir uns begegnen !
    hi, tiger! ich hab versucht, es ein wenig zu verändern, aber zum conversationtreiben ist es wohl immer noch nich geeignet!

  7. #7
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    AW: Schlangenvertreibung

    es zieht mich immer so hinein in die Geschichten.
    und diese hier ist eine, wo ich es schwer aushalte.
    macht mich ganz fertig.

  8. #8
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Schlangenvertreibung

    Mißbräuchlich ins Volk gebracht kann die Psychoanalyse zu einem Instrument boshafter Aufklärung, einer kulturwidrigen Manie der Enthüllung und Diskreditierung werden, schreibt Thomas Mann. Ich will mich - obzwar einer meiner Väter Psychiater gewest - hier nicht einer wie auch immer gearteten Hobbyanalyse bedienen, um Bigvögelis Text zur Sau zu machen.

    Deine These in bezug auf die Netzliteratur teile ich und teile ich nicht. Es gibt keine netzliteratur. das ist ein dümmliches Wort für Texte, die schnell entstanden und ebenso schnell gelesen werden müssen. kls nannte dies zurecht Einwegliteratur. Vielleicht sollten wir mal ein Buch machen, in dem Einwegliteratur versammelt ist. Die findet bestimmt keinen Käufer, weil es eben Texte sind, die man beinahe so schnell wieder vergißt, wie man sie las.
    Deine Selbstinterpretation teile ich nicht. Was Ersatz (Sublimat) oder sexuelles Stimulus sein kann, wage ich hier nicht zu behaupten. Die Schlange hat hier eher eine gesetzte denn eine agierende Funktion. Das ist eine Schwäche Deines Textes, er will springen und etwas bewirken, aber er hüpfelt nur. Das wiederum liegt an dem Brokat. Brokat kann etwas veranschaulichen, aber nicht die Handlung oder Symbolik ersetzen.

    Dennoch gefällt mir diese kleine Studie, nennen wir sie doch so, eine momentane Studie.

  9. #9
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    AW: Schlangenvertreibung

    zu brokat habe ich eine völlig andere auffassung und hier ist keiner. auch kein moment nur.
    hier ist die sich ständig erneuernde illusion eingefangen, man begegne einem neuen menschen neu. die personen sind austauschbar, der mythos bleibt. das urproblem: von sich weg auf-brechen oder bei sich bleiben, "wenn du es wirklich bist, gehe ich über das wasser", spring oder stirb, stirb oder verharre - alle diese fragen im ersten angesicht.

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