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Thema: Brot und Wein

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Brot und Wein

    Schon seit den Morgenstunden hatte mich eine seltsame Unruhe geplagt. Dann sah ich am späten Nachmittag die Wölfe auf der Anhöhe jenseits der Schlucht, die Schnauzen witternd zu unserem Dorf gerichtet. Das Rudel trabte nach Norden und verschwand aus meinem Blickfeld. Ich lief an ein anderes Fenster und starrte auf die nördliche Paßstraße. Von dort würden sie kommen. Bald.
    Mein erster Gedanke galt der Flucht. Wenn ich sofort aufbrechen würde, könnte ich über den Waldpfad den Fluß erreichen und mich in Sicherheit bringen. Auch kannte ich Schleichwege durchs Dorf, auf denen ich jetzt niemandem begegnen würde, der mich mit peinlichen Fragen aufhielte. Ich könnte sogar - eine raffinierte Idee! - auf den Terrassentisch eine Flasche Wein stellen und ein halbvolles Glas daneben, so daß meine Nachbarn von meiner Flucht nichts ahnen würden, bis ...
    Aber nein! Ich verjagte diesen beschämenden Gedanken, Flucht kam nicht in Frage, nicht für mich. Noch immer starrte ich zum Paß hinauf. Ich mußte die anderen warnen. Zögernd verließ ich meinen Posten, um einen Blick auf die Dorfstraße zu werfen: Es war kein Mensch zu sehen. Ich schaute zum Nachbarhaus. Auf der Terrasse stand eine Flasche Wein auf dem Tisch, und ein halbvolles Glas.
    Ich wandte mich wieder dem Paß zu, dort war aber noch immer keine Bewegung zu entdecken. Also wagte ich einen Blick zum Nachbarhaus auf der anderen Seite: Ein Fensterladen klapperte im Wind. Auf dem Terrassentisch eine Flasche Rotwein, die Katze rührte in dem Glas herum, in das wohl ein Insekt gefallen war.
    Ich hätte mein altes Gewehr aus dem Schrank holen können, aber ich hatte es seit langen Jahren nicht mehr gepflegt und fast vergessen. Es war bestimmt schon längst unbrauchbar geworden. Also ging ich nur in die Küche und nahm das Brot aus dem Kasten. Damit ging ich auf die Terrasse, setzte mich an den Tisch, brach ein Stück Brot ab und aß davon. Der Westwind war kühl. Kein einziger Vogel sang. Ich hielt meine Augen wachsam auf den Paß gerichtet. Vielleicht würden die Wölfe erst in der Nacht kommen.
    Es wird Abend. Ich sitze hier, esse von dem Brot und warte.

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Brot und Wein

    ...eine schöne bildsprache..mich fröstelt jetzt ein bisschen...gibts mehr davon, fragt


    sid.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Brot und Wein

    hall kolja!

    und weiter?
    das mit dem rotwein ist ja wohl extraordinär unheimlich.
    sind wölfe (die tierischen) wirklich gefährlich? oder ist das ein mythos?

    grüße
    e.

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Brot und Wein

    ...ja...macht Appetit auf mehr...nur eine Momentaufnahme oder Teil einer Geschichte?
    *alleinunterWölfen?*
    ...schön düster...mag ich...!

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Brot und Wein

    Hallo und herzlich willkommen in diesem Forum.
    Ich will jetzt keine Hoffnung entäußern, doch gäbe mir Dein erster Text heir wohl Anlaß dazu. Zu oft habe ich mich getäuscht. Also, ich will recht vorsichtig sein. Einen ungerechten Vorwurf will ich nicht nennen, denn mein Herz mag lieblos erscheinen, doch trocken taugt man mehr für die Welt.
    Doch zum Text: Er lebt. Fein ziseliert sind die einzelnen Sätze, dadurch auch ist der immanenten Textdramatik wenig Raum gegeben. Die würde dem Text aber den Garaus machen.
    Also schrei ich unbefangen-befangen nach mehr.

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Brot und Wein

    hast du jetzt auch diese unsitte übernommen, deine geschichten weder realistisch zu gewanden noch ordentlich zu ende zu erzählen, sondern dem leser an die stirn zu tippen und ihn mit allen fragen allein zu lassen? solchen zum beispiel:


    1
    echte wölfe sind keine gefahr für menschen, die in häusern wohnen. was oder wen zum teufel meinst du also mit den wölfen? was genau ist die drohung, die gefahr? sie scheint ja nur für menschen zu bestehen, nicht für katzen. sonst wären die ja wohl als erste weg.


    2
    wieso haben alle wein im haus? ist es eine weingegend? oder braucht man in diesem dorf alkohol, um die tage zu überstehen? wieso kommen alle auf dieselbe idee mit der flasche? gibt es einen geheimen zusammenhang zwischen dem wein und den wölfen?


    3
    was ist mit dem ich-erzähler los? warum braucht er länger als seine nachbarn, bis er etwas merkt? wohin sind die anderen geflüchtet? warum bleibt er?


    4
    warum dieser titel? spielst du auf hölderlin an? wenn ja, auf was?


    Auch verbergen umsonst das Herz im Busen, umsonst nur/
    Halten den Mut noch wir, Meister und Knaben, denn wer/
    Möcht es hindern ... ?
    (hölderlin, brot und wein, 3, 1-3)
    obiges vielleicht?


    fragen über fragen.

  7. #7
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Brot und Wein

    Hallo ihr! Vielen Dank für eure Kommentare!


    Ob diese Geschichte weitergeht? Ich wüßte nicht, wie. Gut, es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß der Erzähler doch noch sein Gewehr aus dem Schrank holt. Das halte ich aber eher für unwahrscheinlich ...


    Reale Wölfe interessieren mich weniger. Von diesen hier hatte ich geträumt, und das war gewissermaßen der Keim der Geschichte - als Traum-Wölfe sind sie natürlich mythisch, archetypisch.


    Danke für die herzliche Begrüßung, Ed. (Heute ist übrigens der 555. Todestag deines Namensvetters Oswald.) Bist du vielleicht etwas übervorsichtig? Natürlich kann ich nicht garantieren, daß künftige Texte von mir dir auch gefallen werden, aber das ist wie in der Liebe: Man sollte sich die Gegenwart nicht durch die Angst vor der Zukunft verderben lassen. - Ich bin allerdings kein Vielschreiber, deshalb stelle ich mal als weitere Kostprobe ein älteres Werk von mit ("Der Flieger") ins Forum, vielleicht klärt dies dein Urteil etwas, sei es ins Negative oder ins Positive.


    War ich jemals realistisch, Asmodai? Höchstens magisch-realistisch. Darf ich nicht auch mal die Enden im Wind flattern lassen und die Phantasie des Lesers einfordern ...? Deshalb bekommst du auch nur eine Antwort:
    Ja, die Anspielung auf Hölderlin ist beabsichtigt, sie zielt jedoch über ihn hinaus auf das, worauf Hölderlin anspielt --- Und dabei findet noch eine gewisse Umkehrung statt, genaugenommen müßte es ja "Brot oder Wein" heißen (aber damit wäre die Anspielung vielleicht nicht deutlich genug zum Ausdruck gekommen). Auf dieser Basis sollten sich die anderen Fragen jetzt auch beantworten lassen.


    Küßchen,
    Kolja

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Brot und Wein

    "Darf ich nicht auch mal die Enden im Wind flattern lassen und die Phantasie des Lesers einfordern ..."


    natürlich darfst du. welcome to the club.

  9. #9
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Brot und Wein

    Was ist "magisch-realistisch"?


    Wie fordert man ein?


    Hölderlin pißt Du mit dem Magischen nicht ans Bein. Da passen seine Freunde schon auf.


    Nun komm! Zeig Dich!

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Brot und Wein

    warum wollen alle (viele) zu allen fragen fertige antworten? kappt die leinen der fantasie und geht mit auf große Fahrt! viel gibt es noch zu entdecken, faßt euch an den händen wenn ihr friert und rückt zusammen in der dunkelheit!

    ein sehr schöner text, kolja. erinnert mich an etwas, das ich jetzt nich näher zusammenbekomm .. die sache mit den wölfen, defoe hat diese tolle schlittenfahrt beschrieben ..
    bigvogel, anerkennend nickend

  11. #11
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Brot und Wein

    Brot und Wein und Schlittenfahrt? Da ist eins zuviel.
    Kolja zieht zuviel zusammen. Verdichtete Phantasie ist der Tod derselben, früher oder später. Hier aber besteht noch ein Gleichgewicht zwischen dem Offenen und dem Gepreßten. Die Frage aber bleibt: Was ist magisch-realistisch?

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