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Thema: Kriegsvorbereitungen 1913/14

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Alldeutsche vs. Kaiser

    Die Alldeutschen waren beim Kaiser nicht sehr beliebt. Sie griffen ihn wegen dessen Verständigungspolitik an und forderten 1906 seine Abdankung. Der Kronprinz schien ihnen eher geeignet, ihre außenpolitischen Ziele umzusetzen. Wilhelm schickte seinen Sohn nach Danzig - weit weg - und erteilte dem Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes bei seinem nächsten Angriff 1911 eine Briefsperre für sein Haus, also ein Vorsprechverbot, was bedeutete, daß auch andere hochgestellte Persönlichkeiten dem Kaiser folgten und damit die Alldeutschen (immerhin 40000 Mitglieder, also etwa so viele wie die PIRATENPARTEI noch vor einem Jahr Mitglieder hatte) an Einfluß verloren.

    Der Grund? Wilhelm hatte sich mit Frankreich und Britannien in der Marokko-Krise friedlich verständigt. Die Alldeutschen wollten diese Verständigung nicht, denn die außenpolitische Situation schien ihnen günstig zu sein: Rußland war nach der Japan-Pleite und der Revolution von 1905 noch geschwächt; Italien stand zum Dreibund gegen Frankreich und Frankreich und Britannien hatten sich zwar angenähert, arbeiteten aber nicht koordiniert.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Kriegsvorbereitungen 1913/14

    das Reich Anlaß: Kriegsgefahr auf dem Balkan
    Folge: 1913: Wehrvorlage im Reichstag → Friedensstärke des Heeres wird auf 761000 Mann erhöht
    Frankreich Anlaß: geburtenschwächere Jahrgänge gegenüber dem Reich
    Folge I: Einziehung eines zweiten Jahrgangs zu dreijähriger Dienstzeit → Friedensstärke des Heeres liegt bei 882000 Mann
    Folge II: Abstimmung mit französischem Oberkommando zum Aufmarsch britisch-französischer Kontingente über Belgien (Antwerpen)
    Folge III: Organisation afrikanischer (Nord- und Westafrika) Verbände im Bedarfsfall, etwa 500000 Mann
    Grund: Unbeständigkeit des französischen politischen Systems mit einem machtbewußten Beamtenapparat, der seine Positionen im Laufe der Jahrzehnte ausbauen konnte, da viele Minister kamen und gingen
    Anlaß: Präsidentschaft des als Regierungschef erfolgreichen und beliebten Poincare
    Folge: Poincare übernimmt die Kontrolle im Obersten Kriegsrat (wie der Kaiser im Reich), zudem wird die Entscheidungsgewalt in Außen- und Verteidigungsfragen ebenfalls dem Präsidenten übertragen
    Britannien Anlaß: kritisch betrachtete russische Kraftentfaltung; 1911 wird Churchill Marineminister; 1912: mißlungene Haldane-Mission ins Reich
    Folge 1: Generalstabsabstimmung mit Rußland und Frankreich (seit 1911)
    Folge 2: Umorganisation auf Führungsstab, der sämtliche Kriegsvorbereitungen konzertiert (seit 1911)
    Rußland Anlaß: Stärkung Österreichs auf dem Balkan 1909; Ausgleich mit England
    Folge 1: Verschiebung erheblicher Heeresteile (2,32 Millionen Mann Friedensstärke) seit Frühjahr 1914 nach Westen
    Folge 2: englisch-russischer Flottenplan
    Folge 3: Sasonow (Außenminister) erklärt vor dem russischen Kronrat, Rußland werde sich seiner historischen Aufgabe unterziehen → Eroberung Konstantinopels
    Anlaß: Besuch des englischen Königs Georg in Paris
    Folge: der russische Botschafter Iswolski schlägt vor, einen Dreibund (vertragliches Bündnis) anstelle des Dreiverbandes (loses Band) zu bilden → Grey lehnt mit dem üblichen britischen Argument ab, Britannien wünsche keine förmlichen Bündnisverträge mit anderen Mächten; dennoch werden trilaterale Ausschüsse gebildet
    Österreich nichts bekannt

    Propaganda
    : Schon vor dem großen Krieg erläuterten vor allem französische Leitartikler [bald auch vom „liberalen Imperialisten“ (Clark, S. 234) Lord Grey übernommene Gedanken] den interessierten Lesern, daß das Zweite Deutsche Reich durch einen Krieg entstanden sei, und zwar durch einen mit Vorbedacht herbeigeführten Krieg. (Emser Depesche) Seinem Ursprung aus der Gewalt getreu, von Hause aus auf Behauptung durch Machtpolitik angewiesen, habe das Reich nach dem Gesetz, nach dem es angetreten und das es von allen anderen modernen Staaten unterscheide, fortleben müssen. Das Lebensprinzip des Zweiten Deutschen Reiches sei die Wurzel allen Übels in der Weltpolitik vor 1914.
    Es ist dies die Mär vom deutschen Militarismus, der einem Geschwür gleich nach immer neuen kriegerischen Betätigungen gieren muß, was zwangsläufig die Kriegsschuldfrage klären hilft. Begründet wurde das mit dem aggressiven Vorgehen der Deutschen 1870. Übersehen bzw. ausgeblendet wird in dieser Argumentation, daß der Krieg von 1870 ein Zusammenstoß der französischen Rheinpolitik mit dem deutschen Rechtsanspruch auf nationale Selbstbestimmung gewesen war. Das verstand man 1870 ganz richtig, hatte es (im Westen) aber 1914 geflissentlich vergessen.
    Soweit zum Verhältnis der Entente zum Reich. Das zur Monarchie war von anderer Art, nichtsdestotrotz nicht weniger gefährlich für den Weltfrieden. Die Entente verweigerte der k.u.k.-Monarchie das Recht, ihre Interessen als europäische Großmacht wahrzunehmen. Die Entente-Mächte nahmen für sich jedes Vexierspiel als rechtmäßig, als Mittel ihrer Politik an, verweigerten dasselbe Recht aber Österreich-Ungarn, das nicht einmal kriegerische Pläne besaß. [1] Dafür flatterten Aufmarschpläne I-XVI durch die Stuben der Kriegsministerien von St. Petersburg, Paris und London. Die Deutschen hatten ihren Schlieffen-Plan, den die Welt seit 1906 kannte. Die Entente plante den Krieg und wartete auf den richtigen Augenblick. Das Netz war gesponnen, die Vorbereitungen für den großen Krieg der Peripherie gegen das Zentrum der Welt getroffen, jetzt mußte nur jemand die Lunte zündeln.
    Im Reich gab es auch kriegsversessene Schreihälse. Es sind hier die Alldeutschen zu nennen, denen die deutsche Aufholjagd nicht schnell genug gehen konnte; dazu gehören auch die Antisemiten und einige Nationalliberale, sicherlich auch diejenigen, die angesichts der Waffenentwicklung immer noch glaubten, Krieg sei ein politisches Mittel, obgleich Moltke d.Ä. bereits 1890 in einer Reichstagsrede deutlich gemacht hatte, daß es fürderhin keine schnellen militärischen Siege mehr gäbe.
    Kriegslüsterne Unholde saßen nicht in der Regierung. Im Gegenteil: Regierung und Kaiser pflegten eine über Jahrzehnte dauernde Friedenspolitik und schafften es (bis auf zwei Ausnahmen: den Beitrag des Reiches zur internationalen Brigade gegen die Boxer in China und den militärischen Eingriff 1904/5 zum Schutz deutscher Siedler in Deutsch-Südwest), sich aus Kriegsszenarien herauszuhalten oder diese friedlich zu lösen. Dementsprechend gab es im Reich auch keine offiziöse oder halboffiziöse Kriegsvorbereitung. Man darf hier die Begeisterung über die wachsende Stärke der deutschen Marine und die damit verbundene Matrosen-Mode nicht als Kriegsvorbereitung verstehen: Wehrdienst und militärische Ertüchtigung wurden im Reich als Bürgerpflicht begriffen - und das war auch notwendig in einer Welt von Feinden. [2]
    In Britannien, Frankreich und Rußland dagegen saßen in der Regierung Leute, deren politisches Ziel Vernichtung des Reiches hieß, die Zerschlagung der Doppelmonarchie und die Schaffung kleinerer und leichter zu lenkender Staaten in Europa, die in Abhängigkeit zu halten wären. So gab es in Frankreich zwar allein in der Regierungszeit des britischen Politikers Grey 15 (!) Außenminister, aber ALLE kamen nur auf diesen Posten, weil sie die strukturelle französische Politik betrieben: Rückgewinnung des Elsaß und die Rheingrenze. Aus der Reihe der friedliebenden französischen Politiker, z.B. Jaures, schaffte es keiner auf diesen Posten. In Rußland war das nach dem deutschen Paradigmenwechsel 1890 und der Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages ganz ähnlich. Auch in Rußland regierte keiner, der nicht auf eine russisch-französische Allianz, also strukturell auf einen Krieg mit den Mittelmächten setzte. Entsprechend offiziös war die propagandistische Kriegsvorbereitung, die mit dem Kauf etlicher Journalisten und der Lancierung diese Politik unterstützender Artikel in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften einherging.


    Aufgaben:


    1. Gib in zehn Stichpunkten die Entwicklung zwischen 1890 und 1914 wieder! (II)
    2. Argumentiere zu ff. These: Britannien wollte den Krieg! (III)
    3. Weise mindestens zwei Strukturfehler in der deutschen Außenpolitik nach Bismarck nach! (III)
    4. Entwirf eine zweiseitige Biographie von Wilhelm II.! (I)





    [1] „Als Ethiker sage ich, daß Österreich sich selbst hätte aufgeben sollen, als Vertreter des Gesetzes, nach dem es erlaubt ist, rechtmäßig erworbenen Besitz zu verteidigen, könnte ich nicht bestreiten, daß der österreichische Plan, gegen Serbien mit Gewalt vorzugehen, einen Versuch der Selbstverteidigung mit tauglichen und vom geltenden Völkerrecht erlaubten Mitteln darstellte.“ (Eugen Fischer: Kriegsschuldfrage und Außenpolitik. Berlin 1923. S. 30.)

    [2] Scheler hat das im Begriff des Gesinnungsmilitarismus beschrieben.


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