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Thema: Friedrich Nietzsche

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Friedrich Nietzsche

    - in memoriam Frederici -

    Kein philosophischer Beitrag, sondern eine Ehrung, an die sich angeschlossen werden kann.

    Heute vor einhundert Jahren, gegen Mittag, hast Du mich verlassen. Der Aufstieg aus der Matratzengruft wurde von Dir nicht mehr wahrgenommen. Da war keine Sehnsucht mehr nach dem Peitschen des Meeres -hallo Strindberg-, kein Suchen in den Alpentälern der Lust - hallo Salome -, Du warst gefangen von der Schwester, die schon zu Deinen Lebzeiten ihr falsches Deutschtuemeln Dir oktroyierte. Armer Friedrich!

    Ich habe Dich vor beinahe zwanzig Jahren dann wieder kennengelernt. Im Lesen, nachdem sich Vater, Lehrer, Pfarrer und andere gegen Dich Atheisten und Zertrümmrer des Anstands ausgesprochen hatten. Vielleicht verdanke ich Dir meine Pubertät, die sich nicht im lauten Lachen und in derben Spielchen mit gleichaltrigen Mächens zeigte, sondern in diesem Aufschrei gegen die bigotte Verdorbenheit meines Umfelds. -Die Gestorbenen mögen es mir verzeihen. - Ich zitierte Dich, und man mied mich wie einen Quälgeist.
    Dein Vater ging früh. Zu früh. Es blieben Weiber um Dich herum. Kleingeist. Dann der Brachialmaterialismus eines Strauß, der mittelbar vulgärere eines Lange, was Dich skeptisch machte, ob denn Gesellschaftsveränderung vermittels Wissenschaft noch zu leisten wäre. Einig warst Du mit Schopenhauer und Kant, daß das Niedrige und Gemeine, dieses fettgefreßne Glücklichsein im Genusse, nicht Endziel des Menschen sein kann. Statt dessen: Streben, Wille, Vollkommenheit. Jau. Was kann das Ziel bedeuten, wenn der Weg entscheidend ist! Das sind Aspekte des Daseins, die einem Künstler gut zu Gesicht stehen, nicht aber einem Extraordinarius, zumal in der kalvinistischen Schweiz oder auch zuvor im properen Leipzig!
    Ja, gebrochen wurdest Du nicht von den Materialisten, die in aller Munde waren. Manch einer glaubt heute noch, Dich unter die Darwinisten zählen zu müssen, die Sozialdarwinisten, die von dem Starken ausgehen, dem sich das Schwächere unterordnen soll oder aber zugrunde gehen muß. Du nicht. Das war eine Option im Denken, keine Aussage, keine Forderung von Dir. Auch das Rassenproblem war Dir keine Frage irgendeiner biologistischen Verdammtheit, nein, eine rein gesellschaftliche Frage verbandest Du damit: Was kennzeichnet den reinen (im Sinne eines reinen Willens arbeitenden) und strebenden Menschen? Und hier ist unsere große Verbindung: die Griechen. Die Griechen mit ihrer Affinität zum Schönen haben Dir den Weg gewiesen. Mir auch. Es gibt eben nur schöne und häßliche Bilder, keine wahren und falschen. Es gibt schöne und erhebende, auszulotende Aspekte der Wahrheit, aber die Wahrheit selbst bleibt von Fragen wie richtig oder falsch unberührt. Was kümmert es den Mond, wenn der Hund bellt!
    Und hier ist vielleicht Dein einziger gedanklicher Fehler zu finden: Du fordertest die Antike auf, sich in die Gegenwart transponieren zu lassen. Und das geht nicht. Diese Diskrepanz zwischen Deinem Wollen und den gesellschaftlichen Tatsachen konntest Du nicht überwinden, daher rührt Dein gelegentlicher Trotz, Dein Zynismus und auch die Wut, die nur manchmal gut ist, nicht aber, wenn sie als Kompensation auftritt.

    Keine Schelte. Die kommt Nachgeborenen immer leicht von den Lippen. Außerdem bin ich selbst einer von denen, die transponieren wollen. Also keine Schelte, eher Suche, ob denn doch da was möglich sei! J Es ist die Stunde, Dich zu ehren. Ehre ich Dich mit dem Wort, Deinem Wort.

    Lehre: Apoll und Dionys Was gegen Verkleinerung, Domestizierung, Unterschlagung der wilden Triebe aufbegehrt. Das Urtümliche aus Blut, Rausch, Zymbel, Beckenschlag. Der prälogische Gott. verbinden, damit ein höheres Dasein entstehe. Die Kunst muß in dem Bewußtsein fortentwickelt werden, daß es eine Duplizität des Apollinischen und Dionysischen gibt.
    Historischer Beweis: Der Grieche kannte das Entsetzliche des Daseins. Um leben zu können, stellte er sich vor die glänzende Traumgeburt des Olympischen. Der Grieche steht dem Olympischen gegenüber! Zwei Gestaltungen des Daseins, Pessimismus und Apollon. Das ist der Scheinende, die künstlerische Macht, der wahrsagende Gott beherrscht den inneren Schein der Phantasiewelt, gleichzeitig der Schleier vor der Wirklichkeit des Dionysos.
    Das Olympische errettet durch die Hinwendung zur Form (die Erscheinung benötigt Form, die gegriffen/material ist) das Natürliche des Individuums - Christen nannten das später Gnade. Form ist dem Menschen gegeben, aber zumeist entwickelt er sie nicht. Darin liegt die Aufgabe des Strebens, diese Form zu entwickeln, sie auch hinzunehmen, auch wenn sie nicht gefällt. (Hier Zweifel.) Es ist nicht das Individuum, das gerettet wird, sondern die Imagination, das ist der Mythus, der Form geworden ist. (metaphysischer Trost)

    Daher rührte Deine Begeisterung für Wagner, in dem Du einen Jünger dieser Denkbewegung lange Zeit sahst.

    Wenn das Subjekt ein Wille in der Welt ist, dann bildet es sich als Leser der Welt unter den Bedingungen des Handelns, aus diesem Handeln läßt sich der ästhetische Zuhörer formen, der sich selbst negiert in einem Sinnen aufs Einssein (Natur vs. Kultur). Das ist komplizierter und weniger greifbar, aber es entspricht Deinem Diskurs. Also nenne ich es.

    Wer aber ist hier Gott? ER wurde erfunden als Gegensatzbegriff zum Leben - in ihm ist alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht. Der Ahnherr. Ein transformierter Unheimlicher und Schreckensvoller, also ist ER mit dem Menschen blutsverwandt. Und Gott trifft in Deinen Augen Schuld an der Furcht, die dem Menschen innewohnt: Schulden gegenüber Gott, d.i. das Folterwerkzeug der Menschheit. Der Mensch hat Schulden gegenüber Gott. Der Mensch soll Gott auf der Erde einlösen. Und gleichzeitig muß der Mensch das, denn nur in Gott und sonst nirgends steckt die Wahrheit. Und deshalb willst Du diesen Gott sterben lassen, diesen, der alles sieht, der den Menschen immer wieder antreibt, der den Menschen unertragbar macht sich selbst. Nur der Übermensch könnte diesen Gott ertragen. Der Übermensch aber stellt sich nicht Gottes Aufgabe, will selbst ein Aufgebendes sein, kein Aufgegebenes.

    Das ist keine Häresie, nur eine Option des Strebens. Hier erklärt sich auch Deine Ablehnung weltlichen Glücks, dieses Ameisenkrabbelkrams.

    Danke, Friedrich. Auch für dieses Wort: FRAUENWAHLRECHT ist zu verwerfen, weil das Volk verzärtelt.

  2. #2
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    AW: Friedrich Nietzsche

    vw, ich beglückwünsche Dich zu Deinen eigenem Forum, Du hast es wirklich geschafft. Wie der Theaterintendant, der seine eigenen Stücke in seinem eigenen Theater spielen lässt.
    Ich wünschte, ich könnte behaupten, Du wärest jenseits von Gut und Böse, leider bist du das aber nicht. Du bist ein Puppenspieler, Du kennst Die Geschichten und lässt Deine Puppen tanzen. Denkst Du eigentlich nie nach über das, was Dir die Menschen hier schreiben? Nein, natürlich nicht, es sind keine Menschen, es sind Puppen, Deine Schauspieler, die nach Deinem Drehbuch zu agieren haben.
    vW, ich bin davon überzeugt, Du bist einer der ärmsten Menschen dieser Welt - und bitte - sage allen Deinen Gehilfen, sie mögen keine Bemerkungen hier hineinschreiben. Nicht, das ich das Recht hätte, denen den Mund zu verbieten, aber warum sollten sich diese auch noch lächerlich machen. Lernt ihr alle denn gar nichts dazu? Dummheit lacht - und dieses Forum schallt geradezu davon!

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Imputabilität (Zurechnungsfähigkeit)

    nietzsches rechtsverständnis (ergänzend):

    die betrachtung des rechts ist nietzsche zur absicherung der zentralen philosophie geeignet. rechtsphilosophische entwürfe sind sache der juristen, nicht der philosophen. sie sind eine folge philosophischen denkens, nicht jedoch in einer mutmaßlich zu denkenden umkehrwirkung dem recht prädisponibel. darum aber ging es nietzsche zeitlebens, um das prädisponible, die denkvoraussetzungen.
    für nietzsche zählt die destruktion der seinerzeit gängigen rechtsphilosophischen entwürfe. recht und macht bilden korrelate. rechtsausübung ist machtausübung. machttrieb ist menschlicher grundtrieb, ihm wesentlich. der trieb soll durch ideologie gelenkt werden. nietzsche betont den anspruch des geistes, sich darüber hinwegzusetzen, frei zu artikulieren, wessen er bedarf. ist wille zur macht nun selbstüberwindung aus den fängen der ideologie? oder fußt der wille auf dem gehorsam zur geschaffenen oder in sich bestimmten wertung des lebens?
    wenn der wille zur macht errungen werden will, so geht die selbstüberwindung voran. derart entkleidet kann der mensch das wesentliche entdecken, allzumenschliches. der mensch kann als einzelner dieses allzumenschliche nicht erkennen, dazu ist er verbaut. das ungerechte und unlogische hemmt ihn an der erkenntnis des allzumenschlichen. dafür aber kann der übermensch das leisten, es den anderen zeigen. das recht erhält hierin seine funktion, eine zwischenzeitliche funktion, bis der übermensch die einschränkungen für die ausübung des freien willens überwand und sein vorbild der menschheit einen weg zur wahrnehmung des allzumenschlichen zeigte.
    nietzsche verwirft deshalb auch begriffe wie naturrecht (menschliches-allzumenschliches, ii.teil, 2,36) und auch menschenrechte und erklärt die natur des rechts als ein zwitterwesen aus her- und abkommen, über dessen ursprung die vergessenheit des nebels schwebt.
    und jetzt kommen wir zur frage des freien willens? nietzsche fragt, ob die vertreter dieser auffassung strafen dürfen. er verneint. nietzsche kann es sich, wie platon, nicht vorstellen, daß jemand gegen seine vernunft handelt. daher setzt er die bestrafung aus. andererseits ist die straftat ein verstoß gegen die gerechtigkeit, das gleichgewicht muß also wieder hergestellt werden. also strafe, aber nicht, weil der wille es wollte, sondern weil die tat ein ungleichgewicht herstellte.

    was hier aber mittenmang mitgeteilt wird, ist die tatsache, daß nietzsche durchaus mit dem freien willen als denkvoraussetzung arbeitet, die existenz dessen also voraussetzt.

    die anhänger des unfreien willens dürfen nach nietzsche auch nicht richten. denn sie gehen von der unverantwortlichkeit und unschuld jedermanns aus (MA II, 2, 81). motive für ihr handeln sind dritten eh undurchschaubar. egoismus kann nicht böse sein, denn der mensch muß es erst noch lernen, daß andere leiden.
    nietzsches forderung lautet also: juristisches und moralisches richten solle fortan aufgehoben werden. nein! es soll auf nützlichkeit umgestellt werden, auf gleichgewichtserhaltung.

    nietzsche formuliert hier allerdings keine nützlichkeitsphilosophie. ganz im gegenteil: die englischen utilitaspsilopher wie spencer und huxley werden abgelehnt, denn ihr philosophieren sei tot, ein moderner misarchismus. (genealogie der moral, II, 20) sie profilierten ein für jedermann gültiges recht und schüfen somit einen administrativen nihilismus, der den sinn des lebens verfehle und das recht zu einem anhängsel des egalitärenden nichts mache, somit den willen zur macht bekämpfe. nichts ist dem philosophen so verhaßt wie die gleichmacherische attitüde von sozialisten, kapitalisten und faschisten.
    es gehe in der rechtspraxis gerade auch um selbstüberwindung, herrschaft über affekte, gerade auch den affekt der machtausübung über andere zur regulierung gesellschaftlicher ungleichgewichte. oh voltaire, oh humanität, oh blödsinn! (jenseits von gut und böse, 35)

    und hier finden wir einen bezug zu kant, denn nietzsche nimmt den tapferen denker aus königsberg beim wort: das end-ziel ist das autonome übersittliche individuum, das die sittlichkeit der sitte überwand. der übermensch. der neue herr des freien willens hat fortan macht über sein geschick (morgenröte, 112) und tritt der welt verantwortlich gegenüber. das ist die genesis (nicht die genealogie) der moral. und sie fußt auf allem, was nietzsche der welt zu sagen hat, auf dem willen zur macht, das ist der instinkt zum leben, die artikulation des freien willens. dieser bildet das ziel der nietzscheschen philosophie. (genealogie der moral, II, 24)

  4. #4
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    Sils im Engadin

    Ordnerpflege

    Sommerlicher Besuch in Sils, das Nietzsche-Haus lockte. Interessante Fakten. Nietzsche erhielt von der Basler Uni 3000 Franken "Apanage". Das Zimmer in seinem Sommersitz kostete ihn 1 Franken pro Tag, Essen incl.. Er zog es vor, im örtlichen Gasthof zu dinieren, ein wenig Billiard zu spielen, im übrigen aber die meiste Zeit allein zu verbringen. In Sils schrieb er die meisten seiner Schriften.


  5. #5
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    Begriffswelt Nietzsche - der Popularteil

    Nietzsches Einfluß reicht weit, u.a. erstreckt er sich auf die Sprache der Psilopher, die sich nicht entblöden

    Begriffskrüppel, Hinterweltler, moralin, Seelenniedertracht, Sozialistengesindel oder Renaissancetugend

    in ihrem Wortschatz zu implementieren, ohne um die geistigen Hintergründe dieser Wortkaskaden zu wissen oder gar sich für diese zu interessieren. Was soll's! Das ist der Lauf der Welt und eben das, was Nietzsche seinerzeit pessimistisch werden ließ. Am Ende benutzen diejenigen, denen die Injurien galten, diese selber, um diejenigen zu schmähen, die sie entwickelten. Ironie.

  6. #6
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    AW: Friedrich Nietzsche

    Ich habe keine wissenschaftliche Ahnung von Nietzsche,
    ich schätze ihn als Sprachkünstler.

    Menschliches, Allzumenschliches mag ich sehr, ich habe eine Ausgabe mit schönem dünnen Papier, jede Seite ist mir lesenswert, immer wieder.
    Ich schätze, im wissenschaftlichen Sinne verstehe ich nichts von Nietzsche, aber ich lese einiges von ihm ständig gerne, und ich versuche ein Nachdenken über die möglichen Aussagen seiner Texte.

  7. #7
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    Post Nietzsche im nationalsozialistischen Kontext

    Nietzsches Schmähungen gegen das Christentum betrafen in erster Hinsicht das verderbte Christentum, das kirchlich-fehlinterpretierte, das kirchlich-dogmatische, dasjenige, das Schopenhauer, Pascal, Tolstoi oder Wagner in ihrem Glauben depravierte. Nietzsche liebte das Leben und glaubte, im Christentum eine lebensfeindliche Ethik zu erkennen, eine Ethik, in der Schwäche und Demut wesentlich waren, nicht aber der Wert des Blutes, der Rasse, der Zucht und dergleichen Folgebegriffe. Daß diese leicht fehl zu deutenden Begriffe gar manchen dazu animierten, Nietzsches Drang nach Macht im Kontext eines Willensaktes so zu verstehen, daß damit jegliche Andersartigkeit vernichtet werden sollte, ist nun wieder verständlich, nicht aber billiguabel. Die Zeitschrift "Wille und Macht" schrieb am 1. November 1934:

    Nietzsche überwand die aufklärerische Vernunft und den Intellektualismus, die bis zu ihm die Philosophie beherrscht hatten, und setzte an ihre Stelle eine Philosophie der Vitalität. Nicht die Vernunft beherrschte nach ihm das Leben, sondern der ewig unruhige Triebwille. Damit sprach Nietzsche aus, was erst heute [1934] voll erkannt worden ist: daß wir einer Überschätzung des Intellekts verfallen waren. Zugleich aber setzte er an die Stelle des Schopenhauerschen Willens- und Lebenspessimismus eine heroische Willens- und Lebensbejahung.
    Aus dieser neuen Einstellung zum Leben heraus gilt sein härtester Kampf allen Verächtern des Leibes, den 'Hinterweltlern', einem Christentum, das das Schwergewicht des Seins ins Jenseits verlegt, die Erhaltungsinstinkte des starken Lebens zu zersetzen sucht und den Haß gegen alles Natürliche lehrt. Aber er will keine Entgöttlichung, nein, Nietzsche ist ein Mensch, der, wie es lange keiner vor ihm getan hat, eine tiefe Gläubigkeit in sich trägt.
    Streichen wir aus diesem Text das Adjektiv "heroische" und das Verb "zersetzen", so haben wir einen brauchbaren Text, eine brauchbare Interpretation, die aber ein gehörig Maß an hermeneutischem Sprengstoff in sich trägt, der v.a. im Weltkrieg und bis zur redigierten, vor allem vom Dreck seiner Schwester, Neuausgabe Ende der 60er Jahre den Blick auf Nietzsche verstellte und ihn zu einem Präfaschisten stempelte.

  8. #8
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    AW: Friedrich Nietzsche

    Eine dezidiert ausgewogene Lesart Nietzsches lieferte Friedell. Er behauptete, Nietzsche lebte und lehrte die erhabene Trinität des religiösen Genies. Er habe zeitlebens wie ein Narr gelebt, sei als Ketzer verurteilt worden und sei wie ein Heiliger gestorben. Das Volk habe ihn geliebt, die "Weisen" zu Lebzeiten verachtet und zudem habe er wie ein Eremit dahingelebt, beinahe unberührt von einem Weib, mit Gott ringend. Niemand habe seinen Heiligenschein (zu Lebzeiten) bemerkt und erst der Tod habe ihm vor den Augen der Welt eine Art von Weihe verliehen, ein Kleid des Weltgeistes, der es selber liebe, sich zu verkleiden. (so und ähnlich in Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit, Bd. 2, S. 1409)

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