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Thema: schillerfragment

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post schillerfragment

    'schluss. aus. nein kinder, so geht das nicht!' der regisseur rauft sich die haare. 'ihr könnt schiller doch nicht wie im bauerntheater bringen. schiller ist ein klassiker. der deutsche dramatiker schlechthin.'
    'ich weiss genau, was du damit sagen willst. dass ich wie ein bauerntrampel spiele. genau das meinst du doch. aber schuld allein bist du. weil du nämlich kein konzept hast. weil du als regisseur eine völlige niete bist.' bianca, die weibliche hauptrolle ist dem weinen nahe. die übrigen akteure wirken gelangweilt, einige genervt.
    'und wir haben nicht mal einen schluss für das stück'. don leira, der verlobte biancas, tritt vor den regisseur und fährt fort: 'du hast uns am beginn des projekts versprochen, dass du das stück abschliessen wirst. dass du eine tolle idee hast und einen fast fertigen plan. davon ist nichts zu bemerken. im gegenteil. sogar für schillers vorhandenen text hast du keine inszenierung. wir stolpern auf der bühne von einer peinlichkeit in die andere. einmal ist dir bianca zu wenig dämonisch. dann wieder zu entschlossen. mal bin ich zu zögerlich. dann wieder zu draufgängerisch. das kommt alles daher, weil du keine ahnung hast, wie das stück enden soll. bevor du uns nicht sagst, wie das ganze ausgeht, spiele ich nicht weiter!'
    der regisseur ringt nach luft. die versammelten schauspieler äussern undeutlich ihre zustimmung. einer ruft hörbar: 'jawohl. wir wollen erst mal die auflösung des stücks.'
    'na dann mal los. wenn ihr alles besser wisst, dann sagt ihr mir doch, wie schiller das stück enden wollte.' der regisseur tritt auf die bühne zu den mimen.
    'wieso wir? du hast doch das stück vorgeschlagen. du hast die vollendung versprochen. du hast behauptet, mit einem effektvollen schluss daraus einen sicheren erfolg zu machen. versuch nicht, den spiess jetzt umzudrehen.' bianca, die edle gräfin, war wütend. 'wir wollten den zerbrochenen krug spielen. das hast du wohl schon vergessen. dann kamst du mit diesem fragment. schiller wird schon gewusst haben, warum er es nicht vollendete. weil es nämlich total bescheuert ist. da gibt's keinen vernünftigen schluss. entweder verkommt das ganze zur märchenposse mit geistern und feen oder es wird draus ein verunglücktes kriminalstück mit psychopathin als tragischer heldin. ich hab aber keine lust, mich als schizophrene lustmörderin lächerlich zu machen. oder glaubst du, dass es mir spass macht, als verrückte gräfin meinen vierten angetrauten in der vierten hochzeitsnacht lustzumeucheln.' sie lacht hysterisch auf.




    soll ich weitermachen?

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: schillerfragment

    ...klar, nur zu.
    Es ist interessant, dass Schillers äußerst mageres Prosabruchstück, das keine einzige Textzeile enthält, wie bei kls im Theater aufgeführt werden soll. Ich bin gespannt, wohin es bei dir führt.
    Über deinen Text kann ich noch nicht viel sagen. Ein paar Kommas fehlen, die Kleinschreibung wirkt bei dem eigentlich konservativen Satzbau und der Wortwahl ("sie lacht hysterisch auf.") aufgesetzt.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: schillerfragment

    Und so, mein lieber Till, begrüße ich Dich in unserem Bund, sei Vierter nun, nicht länger bunter Hund!


    Und daß Du mir hier nicht die Flinte ins Korn wirfst.



    • mach die Schnepfe schnepfiger
    • mach den Regisseur kerniger
    • laß das Theater aus den Fugen fallen
    • wer ist Schyller? pimpf den Text!



    Dann klappt das schon.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    Post AW: schillerfragment

    weiss zwar nicht, ob die chose noch aktuell ist, aber ich stell mal meinen beitrag dazu rein;




    ***************************************


    "schluss. aus. nein kinder, so geht das nicht!" der regisseur rauft sich die haare. "ihr könnt schiller doch nicht wie im bauerntheater bringen. schiller ist ein klassiker. der deutsche dramatiker schlechthin."


    "ich weiss genau, was du damit sagen willst. dass ich wie ein bauerntrampel spiele. genau das meinst du doch. aber schuld allein bist du. weil du nämlich kein konzept hast. weil du als regisseur eine völlige niete bist." bianca, die weibliche hauptrolle, ist dem weinen nahe. die übrigen akteure wirken gelangweilt, einige genervt.


    "und wir haben nicht mal einen schluss für das stück." don leira, der verlobte biancas, tritt vor: "du hast uns am beginn des projekts versprochen, dass du das stück abschliessen wirst. dass du eine tolle idee hast und einen fertigen plan. davon ist nichts zu merken. im gegenteil. sogar für schillers vorhandenen text hast du keine inszenierung. wir stolpern auf der bühne von einer peinlichkeit in die andere. einmal ist dir bianca zu wenig dämonisch. dann wieder zu entschlossen. mal bin ich zu zögerlich. dann wieder zu draufgängerisch. das kommt davon, weil du keine ahnung hast, wie das stück enden soll. bevor du uns nicht sagst, wie das ganze ausgeht, spiele ich nicht weiter!"


    der regisseur ringt nach luft. die versammelten schauspieler äussern undeutlich ihre zustimmung. einer ruft hörbar: "jawohl. wir wollen erst mal die auflösung des stücks."


    "na dann los. wenn ihr alles besser wisst, dann sagt ihr mir doch, wie schiller das stück beenden wollte." der regisseur tritt auf die bühne zu den mimen. mit einer theatralischen geste wendet er sich an die umstehenden: "ich bitt um euren rat, ihr klugen leute. erkläret mir die welt und ihren gang."


    bianca macht einen schritt auf ihn zu. sie wirkt sehr aufgebracht. "wieso wir? du hast doch das stück vorgeschlagen. du hast die vollendung versprochen. du hast behauptet, mit einem effektvollen schluss daraus einen sicheren erfolg zu machen. versuch nicht, den spiess jetzt umzudrehen." bianca redet sich in rage. "wir wollten den zerbrochenen krug spielen. das hast du wohl schon vergessen. dann kamst du mit diesem famosen fragment. schiller wird schon gewusst haben, warum er es nicht vollendete. weil es nämlich total bescheuert ist. aber du wusstest es natürlich besser. wie immer. sogar besser als schiller. du wolltest es vollenden! (sie lacht übertrieben). der grosse regieguru piero lagondi! mit bürgerlichem namen peter griesslechner. bringt ein unbekanntes fragment schillers auf die bühne und macht daraus ein fertiges werk. (sie lacht wieder, lauter) aber da gibt's keinen vernünftigen schluss. entweder verkommt das ganze zur märchenposse mit geistern und feen oder es wird draus ein verunglücktes kriminalstück mit psychopathin als tragischer heldin. ich hab aber keine lust, mich als schizophrene lustmörderin lächerlich zu machen. oder glaubst du, dass es mir spass macht, als verrückte gräfin meinen vierten angetrauten in der vierten hochzeitsnacht lustzumeucheln." sie lacht hysterisch auf.


    "jetzt reicht's!" lagondis stimme überschlägt sich. er blickt herausfordernd in die runde. "ist noch jemand der meinung dieser verhinderten diva? die sich ein urteil anmasst über dinge, von denen sie noch weniger versteht als vom schauspielen. ihr wollt den schluss wissen? wo wir nach tagelangem proben noch nicht mal über die anfangsszenen hinaus sind. weil ihr euch anstellt wie eine laientruppe. jede szene wirkt zufällig. die edle frau gräfin spricht ihren text mit dem ausdruck eines telefonfräuleins." ein schriller schrei biancas ist zu hören. "ja, das muss gesagt sein! ihr bildet euch ein, ihr seid mimen, schauspieler. (pause) wisst ihr, wie ihr mir vorkommt?" wieder schweift sein blick über die runde. "wie eine runde von falschspielern. die alle auf das ass im ärmel vertrauen. aber genau wissen, dass sie nichts im ärmel haben. und deshalb bluffen. ihr blufft. alle! hofft auf die sternstunde. die nie kommen wird. weil ihr nicht wisst, was es heisst, zu arbeiten. hart zu arbeiten. und weil euch eines fehlt: das feuer! das alles verzehrende feuer der kunst. der wunsch nach vollkommenheit!"

    lagondi hat sich in begeisterung geredet. seine augen funkeln. während er spricht, geht er von einem zum anderen, packt jeden bei den schultern und redet beschwörend auf ihn ein.


    "wer eine rolle spielt, ist ein zocker, ein bluffer. jede, jede, auch die kleinste rolle muss erlebt, erfühlt und erfüllt werden. du musst ganz in dem charakter aufgehen. sonst verkommt alle kunst zur gaukelei, degeneriert zur selbstdarstellung! charakterdarsteller sind eins mit ihrer rolle, sie spielen nicht, sie SIND, was sie darstellen!" es herrscht einen moment stille; als erste findet bianca das wort.


    "geschwätz. alles geschwätz! aber damit kannst du dich jetzt nicht herausreden. du willst uns die schuld für dein scheitern geben. und beschimpfst uns als laientruppe." sie stösst einen schrillen laut aus und macht mit den armen eine kreisende bewegung, als wolle sie alle anwesenden einbeziehen. "um eine rolle mit leben zu füllen, braucht es einen text! wo ist denn der text? wir haben ein fragment von schiller ohne eine zeile text. und von dir ein paar seiten dialoge mit mehr korrekturen als ursprünglichem text. zudem weisst du heute nicht, was du gestern verlangt hast. bei mir besonders. täglich stellst du andere forderungen. jedesmal kommst du mit neuen ideen. und immer findest du was auszusetzen. ich steh da wie eine idiotin!" sie bricht in lautes schluchzen aus.


    don leira mischt sich ein. "du hast uns reingelegt. du machst uns zu komischen figuren. du machst dich lustig über uns." er tritt an lagondi heran und packt ihn bei den schultern.


    "fass mich nicht an! was nimmst du dir heraus? komm mir nicht zu nahe. ich bin nicht isolde. ihr ist deine nähe nicht unangenehm." er schüttelt die hand don leiras ab. der ist sichtlich um fassung bemüht. "und jetzt hört endlich auf mit dem gezeter. den schluss kriegt ihr rechtzeitig geliefert. bis dahin habt ihr noch genug arbeit vor euch. schliesslich ist in vier wochen premiere. wer aussteigen will, soll es jetzt sagen. hier und jetzt!" er blickt von einem zum andern. niemand sagt etwas. "also gut. dann machen wir weiter." er verlässt die bühne und nimmt in der ersten reihe platz. "isolde, fang du an mit "fühlt ihr es nicht, don leira?". und heinz, du musst in dieser szene mit mehr feuer, mehr leidenschaft ran. du musst sie rasend machen vor verlangen. dass sie gar nicht anders kann, als der heirat zuzustimmen."


    die probe wird also fortgesetzt. alle sind sichtlich um ein konstruktives klima bemüht. am ende der szene lobt lagondi die akteure.


    "das war jetzt schon sehr gut. viel besser als vorhin. du, mein schatz, musst noch mehr die skrupel, die zweifel hervorkehren, die dich quälen: soll ich ihn wirklich heiraten? was, wenn ihm das gleiche schicksal droht, wie den drei vorgängern? darf ich es wagen, ihn dieser gefahr auszusetzen? ihn, den ich wirklich liebe! das musst du ganz plastisch herausarbeiten. dass du ohne diese angst nichts lieber tätest, als ihn auf der stelle zu heiraten. und heinz, du musst sie noch ungestümer umwerben. und insistieren, dass sie dir sagt, was sie zögern lässt. für dich sind die drei todesfälle deiner vorgänger bloss unglückliche zufälle. was soll dir schon passieren? du glaubst nicht an den geisterquatsch, sondern machst dich lustig darüber. und du kannst nicht verstehen, dass bianca daran glaubt. deswegen vermutest du noch etwas anderes hinter ihrem zögern. darauf kommt es in dieser szene an. und nun kinder haben wir uns eine pause verdient. es geht weiter in einer halben stunde."


    die schauspieler verlassen die bühne. der regisseur bleibt sitzen und vertieft sich in den text. er liest halblaut, streicht, macht korrekturen. nach einiger zeit tritt aus dem halbdunkel bianca alias isolde an ihn heran. zuerst bemerkt er sie nicht. als sie ihn anspricht, schreckt er auf.


    "das, was du vorhin gesagt hast. wie hast du das gemeint?"
    "wie bitte liebling? ich versteh dich nicht. was ist los?"
    "du sagtest zu heinz, mir sei seine nähe nicht unangenehm. was soll das heissen? ich hasse vage andeutungen."
    "aber isolde, liebling, ich war erregt. und da sagt man so etwas schon mal. und schätzchen, möchtest du, dass ich gar kein bisschen mehr eifersüchtig bin? wenn man mit einer schönen frau verheiratet ist, muss man doch immer ein klein wenig eifersüchtig sein, oder? erst recht, wenn sie schauspielerin ist und gerade eine liebhaberin mimt." er umfasst ihre hüfte mit einem arm. sie lässt es geschehen.


    "das hast du schön gesagt. und fast überzeugend. aber nur fast. ich spüre es. da lag mehr in deinem ton. und jetzt willst du dich rausreden." sie lacht und entwindet sich seinem arm. "na gut, wenn du nicht willst, dann nicht. nur unterlasse solche andeutungen in zukunft. erst recht, wenn sie völlig aus der luft gegriffen sind. schatz!" das letzte wort betont sie besonders. dann verschwindet sie in richtung garderobe.


    "die frauen", murmelt er und versenkt sich wieder in sein manuskript. nach kurzer zeit erhebt er sich von seinem sitz. er blickt um sich, sucht den theaterraum ab, tritt auf die bühne. auf einem tisch steht eine flasche champagner mit zwei gläsern. er zieht ein kleines fläschchen aus seiner tasche und lässt einige tropfen daraus in eines der gläser fallen. er blickt sich nochmal um und vergewissert sich, dass ihn niemand beobachtet hat. dann kehrt er an seinen platz zurück. - kurze zeit später, die schauspieler sind auf der bühne versammelt, wird die probe fortgesetzt.


    "also kinder, ich möchte jetzt die szene nach dem hochzeitsmahl machen. bianca und leira sind in ihrem brautgemach, allein. hochzeitsnacht. bianca hat angst. vor allem um leira. dass ihm was zustossen könnte. leira gibt sich gelassen. von geistern und schicksalsmächten hält er nichts. er ist glücklich, mit bianca vermählt zu sein. er freut sich auf die erste gemeinsame nacht mit seiner angetrauten. ich bitt euch, kinders, spielt mit aller innigkeit, zu der ihr fähig seid. die beiden sind frisch verliebt. soviel kann ich vorwegnehmen, keiner führt etwas im schilde. jeder liebt den anderen reinen herzens. fast wie im wirklichen leben. also bitte!"


    "sag mal piero, wann kriegen wir nun endlich den schluss. solang ich nicht weiss, wie es ausgeht, kann ich nicht authentisch spielen. ich muss doch wissen, ob dieser don leira die nacht überleben wird. ob er getötet wird, wenn ja, von wem. ich mache das heute noch einmal, aber ich möchte bis zur nächsten probe den schluss erfahren. muss ja nicht der vollständige text sein. aber wie es sich auflöst, will ich wissen!" don leira alias heinz vetters lässt diesmal keinen zweifel, dass er es ernst meint.


    "heinz, ist doch klar. ihr kriegt den kompletten text bis montag. ich brauch nur noch ein paar kleine korrekturen. übers wochenende ist das im kasten. versprochen. ein mann, ein wort. - also, bitte bianca schätzchen, mach du den anfang: " so bist du mein gemahl nach diesem hochzeitsmahle gleich im doppelsinn." er ist beim letzten satz aufgestanden und setzt sich wieder hin. bianca beginnt. nach wenigen sätzen bricht sie ab.


    "nein, ich kanns nicht. piero, du musst hier was machen. der text spreizt sich. es ist schrecklich. ich kriege keine luft. es sind ein paar silben zu viel. du musst was tun!" sie blickt ratlos auf den regisseur.


    "also so geht das nicht. mäuschen, du musst bloss den bogen richtig spannen. sieh mal, das geht doch: "so bist du mein gemahl nach diesem hochzeitsmahle gleich im doppelsinn, doch hoff" ich dass nach mir allein bloss steht dein sinn!" verstehst du, schatz? der doppelte sinn liegt in der wiederholung des wortes sinn! das musst du richtig herausschälen, wie eine haselnuss aus der hülle. es geht schon! bitte, probiers nochmal." er setzt sich wieder. bianca wiederholt und spricht weiter. es folgen einige wortwechsel der beiden frischvermählten bis lagondi unterbricht.


    "halt. kinder, bitte! bitte! das ist die schlüsselszene. heinz, du musst unbedingt rechts vom tische stehen. und isoldeschätzchen du gegenüber auf der linken seite. der tisch mit der champagnerflasche muss zwischen euch sein. als trennendes element sozusagen. das ist ganz wichtig. sonst konterkariert ihr den text. versteht ihr, kinder? also nochmal bitte, von "trinkt, lieber gemahl ein glas, bevor zu bett wir schreiten". er nimmt wieder platz in der ersten reihe.


    bianca giesst don leira nach den letzten worten champagner in das ihm näherstende glas. das ihre bleibt leer. don leira nimmt das glas, spricht den satz: "nun denn, wollen wir der liebe ihr recht gewähren, holde bianca mein!" und leert anschliessend das glas in einem zug.


    leira will weitersprechen, doch die worte bleiben ihm im hals stecken. er wankt. das glas fällt ihm aus der hand und zerschellt klirrend am boden. er macht einen schritt vorwärts, um sich am tisch festzuhalten, doch greift er ins leere und bricht zusammen. man hört ihn keuchen. bianca stösst einen schrillen schrei aus und eilt zu leira. sie nimmt seinen kopf in ihre hände. leira atmet nicht mehr, seine augen blicken starr und leblos. "o gott, was ist das. er ist tot!" bianca presst ihre wangen an die don leiras und schluchzt laut. "er ist tot! sie haben ihn ermordet. vergiftet!"


    in die anderen schauspieler kommt wieder leben. "einen arzt! schnell. einen notarzt! und polizei!" sie stürzen hinaus. der regisseur steigt sehr langsam auf die bühne und tritt zu bianca. sie sind allein. bianca hebt ihren kopf und wendet sich ihrem mann zu. "er ist tot." ihre stimme ist tonlos. "du warst es. du hast ihn vergiftet! ich spüre es. ich weiss es." sie legt ihren kopf wieder auf den des toten leira und schluchzt leise. "du hast ihn getötet. weil wir uns liebten. und weil du unfähig bist, zu lieben. deshalb musste er sterben." lagondi steht unbeweglich. er blickt ins scheinwerferlicht und sagt: "und du hast mich betrogen. er hat mich betrogen. mir das teuerste genommen, was ich hatte. die liebe meiner frau."


    bianca richtet sich auf. "da gab es nichts zu nehmen. da war nichts zu hintergehen. da war keine liebe zwischen uns. das weißt du genau. da war nur deine gekränkte eitelkeit. und deine eifersucht. die du mit liebe verwechselst. du hast mich nie geliebt. immer nur dich selbst. und du konntest es nicht ertragen, dass ein anderer mich liebt. dass ich einen anderen liebte. aber deswegen gleich mord?" sie schweigen.


    ein notarzt kommt und kurz danach die polizei. der arzt untersucht den leblosen don leira. nach einigen minuten wendet er sich an den neben ihn stehenden inspektor. "tot. auf den ersten blick würde ich auf herzversagen tippen. doch die todesursache kann nur durch eine autopsie festgestellt werden."


    "ich werde das notwendige veranlassen." der inspektor tritt zu den scherben des zerbrochenen glases. "jedenfalls wird die spurensicherung das glas und die flasche genauso gut untersuchen, wie den toten. das riecht mir hier verdammt nach giftmord. und meine nase hat mich noch selten im stich gelassen."


    "wer ist der tote und wer sind sie?" wendet er sich an lagondi. der regisseur richtet sich auf. in seine mimik und pose kommt ein hauch von wichtigkeit.


    "ich bin piero lagondi, der direktor des hauses und chefdramaturg in personalunion. wir sind mitten in den proben für die neue produktion. ein stück, das auf ein schillerfragment zurückgeht. der text ist von mir. im übrigen führe ich regie. schrecklich! der tote ist unersetzlich. er spielte die männliche hauptrolle. den jugendlichen liebhaber, wenn sie so wollen. was sollen wir jetzt machen?" lagondis stimme quillt über vor weinerlichkeit. der inspektor ist ungerührt. "wer ist der tote?"


    lagondi schreckt auf. "der tote? ach ja. das ist heinz vetters. ein langjähriges mitglied des ensembles. schrecklich! ? inspektor, was soll ich jetzt machen?"


    "herr lagondi, das ist ihre sache. meine sind einzig und allein die ermittlungen. und wer sind sie?" er wendet sich bianca zu. sie stand die ganze zeit über unbeweglich da, den blick starr auf den toten gerichtet, die gedanken in weiter ferne. der inspektor muss seine frage wiederholen.


    "mein name ist isolde lagondi. der tote war mein geliebter. deshalb musste er sterben." sie spricht mit leerer, tonloser stimme.


    "wollen sie damit sagen, dass der tote ermordet wurde?".


    "ja."


    "und von wem?"


    sie zeigt mit müder handbewegung auf piero lagondi. "der da. der sich mein mann nennt. er hat ihn umgebracht. vergiftet. feig und hinterrücks. wie es zu ihm passt. aus verletzter eitelkeit. aus eifersucht. die er liebe nennt."


    "was sagen sie dazu?" der inspektor wendet sich an lagondi. "ihre frau hat sie soeben des mordes bezichtigt. haben sie den toten vergiftet?"


    lagondi gibt sich selbstbewusst. "das muss sie erst beweisen. noch gilt die unschuldsvermutung. auch für mich. wenn ich nicht irre, herr kommissar."


    "wenn sie es getan haben, sollten sie reden. denn das labor wird den nachweis, ob er vergiftet wurde, sehr schnell liefern. und leugnen kann ihre lage nur verschlimmern." bianca hat sich unbemerkt durch die kulissen entfernt. der inspektor spricht weiter mit lagondi. "also, waren sie es?" lagondi hat seine hände trotzig in die taschen gesteckt. er wirkt fast hochmütig.


    "was sie da sagen, herr kommissar, ist sehr anmassend. auf die blosse anschuldigung einer offenbar verwirrten frau, verdächtigen sie mich des mordes. und tun so, als ob ich schon überführt wäre. dabei haben sie gar nichts in der hand, was diese vermutung stützen würde."


    "aber sie haben von dem verhältnis ihrer frau mit dem toten gewusst!"


    lagondi lächelt überlegen. "herr kommissar, sie kennen sich wohl auf dem theater nicht aus. wer hat da kein verhältnis mit jemand. wenn das ein grund für mord wäre, dann würden auf dem theater nur tote herumlaufen." er lacht laut. "na klar hatte isolde ein verhältnis mit ihm. und? es war nicht ihr erstes. genau so wenig seines. am ende dauern diese affären nie lange. spätestens beim nächsten stück sind sie zu ende." er sieht dem kommissar triumphierend ins gesicht.


    "wie lange dauerte diese affäre schon?" fragt der polizist ungerührt.


    "ach gott wie lange. vielleicht drei monate oder auch ein halbes jahr. was macht das schon." bianca ist wieder auf die bühne getreten. der arzt hantiert immer noch an dem toten. "sehen sie mal, inspektor", ruft er. in der hand hält er einen kleinen zylinder, der wie ein arzneibehälter aussieht. "das sind schwere antidepressiva. scheint, als ob der gute mann unter psychischen störungen litt." der inspektor tritt zum arzt und betrachtet das fundstück. indessen geht isolde auf ihren mann zu. sie spricht leise, wie um zu vermeiden, dass der inspektor und der arzt ihr zuhören.


    "ich hielt dich für lächerlich. für eitel und ungefährlich. ich habe dich unterschätzt. du hast sein leben genommen und meins zerstört. aber du hast nichts gewonnen. nur meinen hass. und meine grenzenlose verachtung. und deinen lohn sollst du kriegen. da, nimm das!" bei diesen worten zieht sie die rechte hand aus den falten ihres rockes und sticht lagondi mit einem altertümlichen dolch in die brust. der starrt nur ungläubig auf bianca, dann auf den dolch in seiner brust und fällt mit einem erstickten laut zu boden. der inspektor und der arzt blicken erst jetzt auf. es braucht einige augenblicke, bis sie realisieren, was geschen ist. der polizist erringt als erster die fassung zurück.


    "das darf nicht wahr sein. ein zweiter mord in meiner gegenwart. unter unseren augen." er ruft laut "festnehmen", worauf hin ein zweiter polizist auf bianca zugeht und ihr handschellen anlegt. das lässt sie ohne gegenwehr geschehen.


    "warum haben sie das getan?"


    "warum wohl, herr inspektor? liegt das nicht auf der hand? er hat heinz vergiftet. heinz und ich haben uns geliebt. verstehen sie?" sie wirkt ruhig, wie erlöst. "jetzt können sie mich abführen und einsperren. das leben hat für mich seinen sinn verloren. es wäre besser gewesen, ich hätte mich gleich selbst umgebracht." sie starrt auf den am boden liegenden leira. "da liegt meine hoffnung, meine liebe. mein glaube an das leben." dann wendet sie den blick zu lagondi. "und hier mein ende."


    "sie haben ihr leben selbst zerstört. wenn sie glück haben, kriegen sie mildernde umstände. und kommen nach ein paar jahren frei." der inspektor geht auf sie zu. "sie sollten jetzt nicht zu viel reden. den ersten schock überwinden. wieder zu sich kommen. - wir sprechen uns dann in meinem büro." mit einem wink bedeutet er dem nebenstehenden polizisten, bianca abzuführen. der arzt hat inzwischen lagondi untersucht. "der ist tot. stich ins herz. sofortstillstand. sowas hab ich noch nicht erlebt. mord auf offener bühne. in gegenwart der polizei."


    "das gibt"s eben nur im theater, mein lieber", sagt der inspektor trocken. es kommen mehrere sanitäter auf die bühne. "sie können beide toten jetzt wegbringen. in die gerichtsmedizin." und zum arzt gewendet: "wenn ich abergläubisch wäre, doktor, würd ich sagen, aller morde sind drei. aber in meinem beruf reicht's nicht mal mehr zum aberglauben. wer da nicht zum zyniker wird, hat entweder kein herz oder keinen verstand!" sie verlassen gemeinsam die bühne.

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Renommee-Modifikator
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    Post AW: schillerfragment

    zu diesem klassiker mußte er aber erst einmal werden. als sich stäudlin 1782 anheischte, die schwäbischen barden zu versammeln, übersah er schillern, obgleich der doch mit den räubern schon berühmt genannt werden mußte. schiller schäumte und rächte sich nicht nur, indem er in einem anfall von pasquillitis jeden durch den kakao zog, sondern gab auch seinem affen zucker. das las sich dann so:


    Decken euch [die schlimmen Herrscher] Seraile [altes Wort für Harem, hier konkret auf Karl Eugens Mätresse Franziska von Hohenberg zu münzen, die Schiller eigentlich sehr verehrte] dann und Schlösser,
    Wann des Himmels fürchterlicher Presser [das Jüngste Gericht]
    An des großen Pfundes Zinsen mahnt?
    Ihr bezahlt den Bakerotte der Jugend [die schlechtbezahlt wie Schillern als Militärarzt in eine ihnen ungeliebte Stellung gezwungen wird]
    Mit Gelübden, und mit lächerlicher Tugend [Pietismus],
    Die - Hanswurst erfand.


    Berget immer die erhabene Schande
    Mit des Majestätsrechts Nachtgewande! [das ist derb]
    Bübelt [Schwäbizismus für klügeln, Spitzbubenstreich] aus des Thrones Hinterhalt.
    Aber zittert für des Liedes Sprache [die Macht des Wortes],
    Kühnlich durch den Purpur [Königsgewand] bohrt der Pfeil der Rache
    Fürstenherzen kalt. [in tyrannis; die Räuber leben und morden Fürsten]

  6. #6
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: schillerfragment

    Ich glaube, Till hat aus dem Rumpftext Schillerns allerlei herausgeholt. Ich wünschte, ich hätte Muße genug, ihm ein gleiches zu tun. Später. (Manchmal hasse ich dieses Wort, zeigt es doch mein falsches Lebenskonzept an.)

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: schillerfragment

    schon seltsam, diesen text nach so langer zeit zu lesen. teils amüsant, teils peinlich. als ob ihn ein anderer geschrieben hätte.

    ziemlich bemüht und wenig inspiriert. die figuren schablonenhaft, gewollt überzeichnet. so wie sich klein maxi halt theater vorstellt.

    jedenfalls ist es gut, dass ich diese art von schreiben nicht mehr pflege. praktische arbeit mit den eigenen händen kann viel mehr positives in der welt bewirken. eine gestutzte hecke, ein gepflasterter weg, blühender garten. das macht die welt besser, ein winzig klein bisschen. mehr jedenfalls als so ein textlein.

    mich interessiert nur mehr literatur, die aus dem eigenen erleben, der eigenen erfahrung schöpft und in der lage ist, dieses erleben glaubhaft und originell rüber zu bringen. und davon gibt es leider nur sehr, sehr wenig.

    interessant dennoch diese wiederbegegnung nach so langer zeit.

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: schillerfragment

    Zitat Zitat von eulenspiegel Beitrag anzeigen
    als ob ihn ein anderer geschrieben hätte.
    Ist wahrscheinlich auch so. Wie lange bleibt man dieselbe Person? Alles fließt - auch Personen. Und dennoch kommt man aus Verträgen nicht mit der Begründung, dass ein anderer der Unterschreibende war, raus.

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: schillerfragment

    Ja, man ändert sich. Fällt einem nur nicht auf, weil es in fein quantisierten Dosen, in kleinen Schritten erfolgt. Ist wie mit dem Wachsen und Werden der eigenen Kinder. Fällt dir auch nicht auf, weil du sie täglich siehst und die winzigen Veränderungen kaum wahrnimmst.

    Das Ich und Selbst sind ohnehin nur Konstruktionen unseres Gehirns, das uns ja die ganze Welt vor-macht. Du glaubst, du seiest immer der selbe Wesenskern, die gleiche Person. Irrtum. Du bist ein Konstrukt aus Erfahrungen, Erlebnissen, Gedanken und Emotionen und Erinnerungen, drum herum ein wenig Biomasse. Nix von ewigem Wesenskern oder Individuum, Unteilbarem. Du bist sehr teilbar. Teilbarer als du glaubst.

    Und vergesslich. Und was vergessen ist, ist weg. Existiert nicht mehr. Wenn du demente Menschen begleitest, dann merkst du erst, wie brüchig und flüchtig die Persönlichkeit und der Charakter sind. Am Ende ist nichts mehr übrig. Wo bleibt da die Seele? Sie ist auch weg.

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