Neulich meinte eine Freundin zu mir, ich lebe in der Vergangenheit. Sie meinte das durchaus nicht kritisch, eher so, wie man meint, es würde regnen, wenn es regnet. (Auf diesen Sommer gemünzt meinte das ja etwas Positives.) Zuerst wollte ich widersprechen, wie das so meine Art ist, doch dann dachte ich so für mich: 'Es ist doch dein größter Wunsch, dich einmal mit Schiller zu unterhalten. Und dein zweitgrößter Wunsch wäre eine Zeitreise ins Jahr 1914, um den Weltkrieg zu verhindern. - Also lebst du im Vergangenen. Das kann nichts Schlechtes sein, wenn man sich die Gegenwart so anschaut.'
Und heute fiel mir eine Platte in die Hände, die mir meine geliebte Omama 1978 zum Weihnachtsfest schenkte: "Choräle Händels". Da freute ich mich. Denn heute weiß ich um den Wert eines solchen Geschenks. In der Vergangenheit, als ich 15 war, wohl eher nicht. Und das wiederum bedeutet doch, daß die Vergangenheit nichts Festes, nichts Unveränderliches sein kann, sondern immer auch Interpretation bleibt. Welcher Fundus!