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Thema: Das Zaubermäuschen

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Das Zaubermäuschen

    Das Zaubermäuschen


    Ein graupelziges Hausmäuschen wohnte bei einem kleinen schnauzbärtigen Hauszauberer der zweiten Kategorie zu Untermiete. Der Hauszauberer, den alle Kinder im Viertel Kater riefen nach seinem Familiennamen Catoro oder auch nach seinem Vornamen Carlo, wußte nichts von seiner kleinen Untermieterin.


    Das Hausmäuschen war davon überzeugt, daß Carlo ein großer Zauberer war, denn es lebte von seiner Arbeit. Es erhielt seine täglichen Brosamen vom Küchentisch, sah die ganze Welt in einem schwarzen Kasten von seinem Mäuseloch hinter der Fußbodenleiste aus und saß in Sonne und Wärme, wenn draußen der Frost in die Erdlöcher kroch.


    Weil es ihm so gut ging, daß es sich an nichts mehr anderes erinnern konnte, was im Leben vor dieser Zeit möglicherweise gegeben hatte, dachte es daran, einen Mäuserich für sein Paradies zu suchen und eine Familie zu gründen. Das ist mit den Mäusen wie mit den Menschen, man überschätzt seine Möglichkeiten in den guten Zeiten. Es baute zuvor ein Nestchen unter den Dielen des Wohnzimmers, nahm einen festen Wanderstab in die Pfote, den es auf dem Schreibtisch von Kater gefunden hatte, wickelte das Stück Käse vom Vortag in ein Tuch und machte sich auf die Wanderschaft.


    Die Mäuse in der Parterre-Wohnung darunter warnten vor den Gefahren draußen im Vorgarten und auf dem Weg. Da würden Menschen mit riesigen Zähnen und Katzen mit schrecklichen Klauen leben, behaupteten sie. Groß schwarze Walzen würden die Mäuse durch den öligen Schnee in den Tod jagen. Dort sei die Hölle, von der der große Schöpfergott gesprochen hatte. Das Mäuschen dachte an den guten kleinen Zauberer, der auch ein Mensch war und Kater hieß und wollte nichts von den Geschichten glauben. Sehnsucht kennt keine Bedenken.


    Carlo, der Hauszauberer hatte nicht bemerkt, daß seine kleine Wohnung einsam geworden war ohne den Hausgenossen. Er vermißte nur den Zauberstab, mit dem er den Kindern des Viertels immer Süßigkeiten herbeizauberte und sich selbst so dann und wann eine Pizza Capricciosa oder eine Minestrone. Er suchte in allen Ecken und Winkeln nach dem Stübchen. Aber alles, was er außer Kaugummipapier, alten Teebeuteln und leeren Weinflaschen fand, war ein kleines, verlassenes Mäusenestchen. Weil er sich aber keinen Traum mehr erfüllen konnte, blieben ihm nur eine Flache Chianti und das Fernsehgerät übrig.


    Das Mäuschen wanderte durch die nächtlich beleuchtete Stadt. Ängstlich den Rinnsteinen folgend blickte es hinüber zu den Schaufenstern der großen Kaufhäuser und erkannte, daß hier mächtige Zauberer wohnen mußten, tausend Mal mächtiger als sein Hauszauberer Kater zu Hause. Die Welt, die sie ganz klein aus dem schwarzen Kasten kannte, brach wie ein glühender Riesendrachen über es herein. Stinkend und qualmend donnerte das Ungeheuer über das versteinerte Land und jagte die allmächtigen Menschen. Die tödlichen Katzen wichen in die Nischen der Häuser aus. Es war ein ununterbrochenes Jagen und Töten.


    Von Grauen gepackt folgte das Hausmäuschen dem Rinnsal hinab in die Höhlen der großen Stadt, dem Reich der grauen Wanderratten, das die Menschen geschaffen hatten, weil sie sich vor ihrem eigenen Unrat fürchteten.


    Keine Hausmaus entkommt lebend, wenn sie der feueräugigen Mordmaschine mit den dolchartig vorgestreckten Nagezähnen begegnet. Für das Zaubermäuschen schien es keine Rettung in der engen Tunnelröhre zu geben, in die sie aus dem Inferno geflüchtet war. Den Stab in der Hand starrte sie das schwarze Riesentier an und schloß fest die Augen. "Ach, wäre ich doch wieder zu Hause bei meinem Kater!" fiepte es mit seinem dünnen Stimmchen in höchster Not .


    Mit sausendem Wirbel begann der Zauberstab wie ein Propeller zu rotieren, daß dem Ratz vom Zuschauen ganz schwindlig wurde. In schwankenden Bögen hob er das graue Pelzchen aus dem Gulli und es taumelte den Weg zurück über die Vorgartenbüsche, hinauf durch die Dachluke, durchs Wohnzimmer, holter di polter direkt auf Katers Schreibtisch.


    Der schnauzbärtige Zauberer war, wie ihr euch denken könnt, über den wilden Flug seines Zauberstabs genauso verblüfft wie die Ratte. In den Pfoten hielt er sein geliebtes Stübchen wieder und als Zugabe hing daran sogar ein Abendessen.


    Wieso habe ich eigentlich Pfoten, überlegte Carlo, als er sich wohlig schnurrend nach dem Mahl die über die Schnurrbarthaare strich.


    Wie im richtigen Leben hat dieses Märchen keine Moral. Oder was können Menschen schon von Mäusen lernen, die Zauberstäbe nicht erkennen, im entscheidenden Moment falsch reagieren und am Ende von einer Katze gefressen werden, wenn sie für eine vage Vorstellung von Ehe ein Paradies aufs Spiel setzen.

  2. #2
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Question AW: Das Zaubermäuschen

    Da kann man sich fragen, warum dieser Text seinerzeit nicht einmal ein schnödes Möh bekam!? Es muß wohl daran liegen, daß hier nichts gesagt wird. Kein Wort absoluter Bosheit, nichts von überragender Güte. Ein Märchen aber muß einen Helden haben. Und wenn es ein böser ist. Oder ein Dussel. Aber so gar nichts, nichts Genaues kann nicht gesagt werden.


    Und heute? Wie verhält sich ein interessierter Leser zu diesem Text?

  3. #3
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Das Zaubermäuschen

    Der Text fiel 2000 und 2002 durch. Wie ist es heute? Gibt es heute jemanden, der sich wie auch immer darüber äußert?

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