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Thema: Das schwarze Urteil (Kriminalerzählung)

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    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Das schwarze Urteil (Kriminalerzählung)

    Das schwarze Urteil




    "Abwärts wend ich mich zur Nacht"


    Letzter Tag:
    Warten



    Das Licht erlöschte, als er den Arm nach vorn streckte. Seine Rechte zitterte entschlusslos über dem Türgriff, der ihm im Halbdunkel wie eine zum Zustoßen bereite Schlange schien. Sein Oberkörper beugte sich zurück, doch die Täuschung war nur kurz; sie war eine Warnung, die er kopfschüttelnd verdrängte. Seine Hand umschloss den Knauf, dessen Kühle ihm half, den Schrecken zu überwinden.
    Er atmete auf und zwang sich, zurück ins Treppenhaus zu sehen. Er hatte diesen Blick vermeiden wollen; im Krampf hatte er eben, als er wie eine Marionette die Stufen hinabstieg, nach vorn auf die Haustür gesehen. Er hatte bei jedem Schritt befürchtet, wenn er sich umwände, würde er auf der Stelle kehrtmachen, die Treppe hinaufstürzen, zurück in die verriegelbare Sicherheit der Wohnung eilen. Doch nun fand er bei dem vertrauten Blick in das Treppenhaus nur Leere in sich. Er wusste jetzt, die Wohnung dort oben, mit der er gewohnheitsmäßig Geborgenheit und Heim verband, war nicht mehr als nur ein Trug, der Schutz eine Illusion; längst gab es keinen Ort mehr, an den er fliehen konnte.
    Dem Urteil konnte er nicht entkommen, denn er nahm es mit sich. Sein Blick zurück zu dem, was noch vor einer Woche sein Leben war, war ihm die letzte Bestätigung.
    Er öffnete die Haustür, sie leistete dem Druck seiner Hand nur wenig Widerstand. Er ging ein paar Schritte hinaus. Dann verharrte er, weil er das Gefühl hatte, etwas vergessen zu haben. Eilig schob er eine Hand in die Jackentasche und berührte den gerippten Griff der kleinen Pistole, die seiner verstorbenen Frau gehört hatte. Wäre er nicht so nervös gewesen, hätte er das Gewicht spüren müssen, das die rechte Seite seiner Jacke herabzog.
    Die Waffe war jahrelang unbeachtet in einer Schublade gelegen; er selbst besaß keinen Waffenschein. Er hatte sie vorhin nach längerer, aufgeregter Suche gefunden, unbeholfen geladen und ausprobiert, ob sie überhaupt noch funktionierte, indem er ihren Lauf gegen ein Sofakissen richtete hatte. Als er abdrückte, wand er den Kopf halb ab. Der Schuss war leiser, als er erwartet hatte, zwischen dem Knallen eines Sektkorkens und der Fehlzündung eines Autos. Die Durchschlagskraft der Kugel allerdings hatte ihn überrascht: Sie ging mühelos durch das Kissen und die Sofalehne dahinter und steckte breitgedrückt halb im Parkettboden. Er erkannte, dass sie den Körper eines Menschen durchschlagen konnte. Dieser Gedanke ließ ihn schaudern und er schleuderte die Waffe angeekelt von sich.
    Später hatte er sie aufgehoben, gesichert und in die Jackentasche gesteckt.
    Nun war ihm kalt; sein Atem stand als Nebel vor seinem Gesicht. Benommen schlug er den Kragen seiner viel zu dünnen Jacke hoch und sah sich zweifelnd um. In diesem Moment wusste er nicht, wer er war, wohin er sich wenden sollte.
    Er brauchte Hilfe, doch es gab keine für ihn. Im Grau des Abends waren viele Menschen unterwegs, sie hasteten nach der Wärme ihrer Heime. Er bildete ein Hindernis, das ihren zielstrebigen Schritt verzögerte und für ein unwilliges Ausweichen aus dem Gleichmaß brachte. Qualm hing über dem Lärm der Autos, er drang aus den Auspuffrohren und den Gullis. Lichter tanzten auf seinen Pupillen; er machte sich nicht die Mühe, nach ihren Quellen zu forschen. Nun genoss er seine Bewegungslosigkeit, die ihn wie im Auge eines Sturmes fühlen ließ.
    Eine Frau stieß ihn an und in Bewegung, brachte ihn mit einer gemurmelten Verwünschung in die richtige Richtung. Er schloss auf und sah zu ihr hinüber, auf das ausdruckslose Profil, und nickte entschuldigend, aber sie eilte, ohne einen Blick auf ihn zu verschwenden, weiter. Einmal im Laufen, ging er die Straße, wurde schneller, passte sich dem Schritt der anderen an. Er lief diesen Weg täglich, häufig sogar im Traum, aber nie war er ihm so sinnlos erschienen wie diesmal: Dass eine Straße zu einem Ziel führen muss, war nur ein Betrug; diese zumindest führte für ihn nirgendwo hin.
    Sollte er den Bus nehmen? Er sah auf die Uhr an der Haltestelle und biss sich zornig auf die Lippen. Was für einen Streich spielte ihm sein Unterbewusstsein! Er hatte doch nicht wissen wollen, wie spät es war, es interessierte ihn nicht. Hatte er nicht aus diesem Grund seine Armbanduhr oben in der Wohnung gelassen?
    Es war erst kurz nach fünf Uhr, noch war Zeit.
    Jetzt rannte er, floh, damit er nicht noch einmal hinaufsah, sich nicht von dem zielstrebigen Rundlauf der Zeiger fangen ließ. Er lief, ohne auf den Weg zu achten und schnell wurde ihm dabei wärmer. Über kurz empfand er Freude bei seinem Lauf, den gleichmäßigen, geschmeidigen Bewegungen seines Körpers, auf die er sich reduzieren konnte. Er überholte sich drehend und wendend die Passanten, die ihm nun ein Hindernis waren.
    Doch er bog in eine Seitenstraße, die sich kerzengerade durch ein Wohngebiet schnitt und verlor seine Freude mit der Hitze des Erschreckens, mit der ihm einfiel, warum er rannte. Er wollte es nicht wahrhaben, erhöhte das Tempo, doch der Augenblick Ruhe, in dem er sich nur auf sein Laufen konzentriert und alles andere an Bedeutung verloren hatte, war verloren. Regelmäßig schlug der schwere Kolben der Pistole in seiner Tasche gegen den rechten Oberschenkel. Er geriet außer Atem.
    Er blieb an einer Kreuzung stehen, um zu verschnaufen. Ein heftiger Schmerz stach in seine Seite. Ihm war, als würde sich eine gebrochene Rippe in den linken Lungenflügel bohren und wusste doch, es war nur Seitenstechen nach dem Lauf. Vorsichtig atmete er ganz flach, näherte sich dem Schmerz, ohne sich mit ihm auf einen Kampf einzulassen.
    Ein grünes Licht, das einen Stich ins Gelbe hatte, kam in seinen Blick, es war der vom Asphalt reflektierte Schein einer Neonreklame in einem Fenster neben ihm. Er wand den Kopf. In dem Haus, gegen dessen Vorderfront er lehnte, war ein Lokal, das ihm noch nie aufgefallen war, obwohl er häufig durch diese Straße in der Nähe seiner Wohnung fuhr. Er war nicht die Art von Kneipe, die er, wenn er ausging, besuchte. Jetzt erschien sie ihm allerdings als eine Zuflucht, als der Ort, nach dem er gesucht hatte, als er die Straßen hinabgehetzt war. Sehnsüchtig sah er auf die zu einem Schriftzug geformten Neonröhren, die die unruhige, pulsierende Farbe in einem scharf begrenzten Lichtkegel auf den Asphalt gossen; aber für den Augenblick konnte er sich wegen der Überanstrengung noch nicht bewegen.
    Er ärgerte sich, in den letzten Jahren keinen Sport mehr getrieben zu haben, dass er, seit er sein Studium beendet hatte, nicht mehr auf sich achtete, längst Fett ansetzte. Wie oft waren gute Vorsätze an der Trägheit gescheitert.
    Dann lachte er. Als ob das jetzt noch eine Rolle spielte, wie fit er war, an diesem Abend, dessen heraufdämmernde Nacht er wahrscheinlich nicht überleben würde; als ob überhaupt noch etwas wichtig war außer der Vollstreckung des Urteils. Er umklammerte seinen Körper und nicht nur die Kälte ließ ihn zittern.
    Er sah nach oben, die Hauswände empor, die sich ihm durch eine Täuschung seiner Augen zuneigten und erschrak. In vielen Fensterhöhlen brannte Licht, ab und an konnte er den Schatten eines Menschen sehen, der sich dort bewegte. Diese Lichtvierecke erschreckten ihn nicht, hinter diesen Gardinen gingen Familien ihren Beschäftigungen nach; Frauen kochten hinter beschlagenen Scheiben, Männer kamen von der Arbeit, lasen in den Wohnzimmern in der Zeitung oder sahen fern, Kinder spielten. Jemand stritt, der Ton zweier Stimmen kam ihm an die Ohren. Er wusste, morgen würde es dort oben wie heute sein, wenn er morgen hier stünde, würde er die gleichen Menschen die gleichen Dinge hinter ihren hellerleuchteten Fenstern tun sehen und wieder würde jemand streiten.
    Doch morgen...
    Was ihn erschreckte, waren die Fensterscheiben, hinter denen es so dunkel war, dass die Lichter der Straße in ihnen reflektiert wurden; sie schienen ihm wie das Schwarz in der Pupille eines vieläugigen Riesen. Durch diese Fensterlöcher glaubte er die Seele der Stadt zu sehen, die kein Erbarmen, sondern nur Neugierde kannte. Hinter ihnen wusste er Augen, die die Straße bewachten, eifrig auf der Suche nach einer Sensation und einem Menschen, der sich nicht so verhielt wie die anderen, einem wie ihm, der schweratmend an einer Häuserwand lehnte. Auf ihn starrten Augen herab, bespitzelten ihn, jede seiner Bewegungen wurde belauert, ausgespäht; so viele Fensterschlünde waren es, so viele Augen. Jede Nacht hat diese Augen.
    Er schüttelte den Kopf. Offensichtlich nahm sein Verfolgungswahn pathologische Züge an. Er zwang sich, das Lokal zu betreten. Es war im Hochparterre, er hatte ein paar Stufen zu steigen. Dabei spürte er weiter die Blicke in seinem Rücken.
    Er schloss die dünne Glastür zwischen sich und der Kälte. Der Gastraum war eng, ein langgezogener Tresen nahm den größten Platz ein, einige wenige Tische drängten sich in einer Ecke, in der ein Wurlizer stand. Der Besitzer hatte bei der Einrichtung sicher eine amerikanische Bar als Vorbild gehabt, doch längst war das Lokal zu einer Stehkneipe verkommen. Außer zwei Alkoholikern, die aussahen, als würden sie in dem Ausschank übernachten und der Bedienung, einem älteren, dünnen Mann, der hinter der Theke in einem Buch las, war die Bar leer. Der Kellner legte den Band zur Seite und sah gleichgültig auf den neuen Gast, der unsicher im Eingang stand und sich dann entschied, sich weit entfernt von den Säufern an die Theke zu setzen.
    "Kalt heute", sagte der Kellner und beäugte misstrauisch die Jacke des neuen Gastes.
    "Bringen Sie mir ein Bier", erwiderte er kurz angebunden. Der Kellner nickte und wand sich zum Zapfhahn.
    "...und einen Weinbrand", fuhr er nach kurzem Zögern fort, "es ist wirklich kalt heute."
    Er lehnte sich in dem Rückenteil des Barhockers zurück. Dabei kreuzte er über den großen Spiegel, der hinter der Bar hing, einen Blick mit sich selbst. Er wunderte sich, dass seine Frucht nicht deutlicher in seinem Gesicht geschrieben stand. Ihm sah nur ein übernächtigter Mann entgegen, dessen Gesichtsausdruck man auch als verkatert deuten konnte. Er versuchte den Ansatz eines Lächelns, doch es misslang ihm völlig. Voller Scham rutschte sein Blick zur Seite, fiel auf eine Uhr, die über einem Regal mit Whiskeyflaschen hing. Sie stand auf halb neun Uhr. Der Schock traf ihn wie ein Schlag in den Magen.
    "Geht die Uhr richtig?" gelang es ihm erst auf den zweiten Anlauf, heiser den Kellner zu fragen, der den Schaum von seinem Bier in ein anderes Glas abgoss. Der Mann hinter der Theke sah auf und folgte dem Blick seines Gastes.
    "Nein, natürlich nicht, die ist schon lange kaputt. Aber ich kann Ihnen gerne sagen, wie spät..."
    Er schob den Ärmel am linken Handgelenk in die Höhe.
    "Aber nein, das ist nicht nötig", warf der Gast einz. Er klang nervös und der Kellner schätzte ihn misstrauisch ab.
    "Ich wunderte mich nur...", setzte er zu einer hilflosen Erklärung an. Eine Pause entstand. Die beiden sahen sich an.
    Der Gast kippte eilig den Weinbrand, dessen billige Schärfe in seiner Kehle kratzte. Der Schnaps gab ihm nicht Wärme, sondern erzeugte Sodbrennen. Er nahm sein Bier in die Hand und deutete in die abgedunkelte Ecke.
    "Kann ich dort hinten sitzen?" Der Kellner unterbrach seine wiederaufgenommene Lektüre nickend.
    "Ich mache Ihnen Licht."
    Der Gast ging hinüber zu den Tischen; er machte einen Bogen um die Penner. Ein Deckenlicht warf nun einen trüben Schein auf die drei Tische, an deren hinterem er sich mit dem Rücken zur Wand setzte. Hier saß er bequemer als an der Theke und fühlte sich sicherer. Er fühlte sich in diesem Moment so erschöpft wie noch nie in seinem Leben. Er hatte den Drang, die Augen zu schließen und Ruhe im Schlaf zu finden. Mit den Knöcheln rieb er die Augen, bis sich auf den Pupillen der Schein von platzenden Ringen bildete. Dann beobachtete er mit schwerem Kopf die Reflexe der eingetrockneten Alkoholränder auf der wackligen Tischplatte, die bei jeder seiner Bewegungen für ihn tanzten.
    Ein scharf geschnittener Schatten schreckte ihn auf und für einen kurzen Moment wählte namenlose Panik in ihm. Hektisch versuchte er, seine Hand in die Tasche mit der Waffe zu schieben, doch er griff in der Aufregung vorbei.
    "Wollen Sie noch ein Bier?"
    Es war der Kellner, er stand gelangweilt vor ihm, ein leeres Glas in der Hand. Verblüfft hielt der Gast mit seinem Versuchen, die Pistole zu erreichen, inne und erkannte, dass es sein Glas war. Wieviel Zeit war vergangen? Er konnte sich nicht erinnern, es leergetrunken zu haben. Sein Herzklopfen ließ nach, nur eine Kälte der Hände blieb von seinem Schreck. Er sah dem Kellner ins Gesicht und versuchte, sich zu sammeln. Der Kellner lächelte unverbindlich und hob das Glas. Der Gast nickte.
    "...und noch einen kleinen Weinbrand."
    Später fragte er sich, weshalb er nochmal einen Schnaps bestellt hatte, seine Zunge musste schneller als sein Verstand gewesen sein. Daher schob er das kleine Glas Alkohol, das ihm mit seinem Bier gebracht wurde, mit einer entschiedenen Geste von sich. Die Versuchung, sich zu betrinken, war groß, aber er durfte ihr nicht verfallen. Er nahm einen Schluck von dem Bier, dabei wurde wärmer, nur seine Hände blieben klamm. Sie fühlten sich wie etwas Fremdes an, wie etwas, das nicht zu ihm gehörte und nur widerstrebend seinen Befehlen gehorchte.
    Er wagte, für einen Moment die Augen zu schließen. Er hoffte, dabei nicht wieder einzuschlafen. Es tat ihm wohl und als er sie zitternd wieder öffnete, fühlte er sich zum ersten Mal seit Tagen sicher, viel sicherer als in seiner Wohnung, die sie kannten und wahrscheinlich abhörten. Hier hatte er den Rücken zur Wand, das Lokal vor sich. Niemand konnte ihm gefolgt sein, er hatte einen Schatten sicher abgeschüttelt, als er in der Straße plötzlich zu rennen anfing. Wahrscheinlich hatte ihn aber überhaupt niemand verfolgt, das hatten sie nicht nötig, denn sie waren seiner sicher, da sie ein Faustpfand hatten. Er würde zur Urteilsvollstreckung erscheinen, das wussten.
    Aber noch war Zeit, es blieben ihm noch einige Stunden, in denen er versuchen musste, Ruhe zu finden. Hier im Lokal hatte er die Gelegenheit dazu.
    Die letzten Tage waren ihm wie ein Alptraum erschienen, wie ein Strudel, der ihn immer schneller mit sich gerissen hatte, je näher er diesem Abend kam. Jetzt hatte er die Gelegenheit, sich diesen Tag in Erinnerung zu rufen, konnte er nachprüfen, ob seine Entscheidung richtig oder ob er einem Hirngespinst aufgesessen war. Er musste seine Handlungen und Gedanken sezieren und überprüfen, schließlich wusste keiner so gut wie er, wie man zu einem Problem die Lösung fand. Falls es eine gab.
    Er konzentrierte sich und erinnerte sich an einen Mann, der ihm mit sich selbst kaum ähnlich schien, einen Mann, der sein Leben nach Jahrzehnten und nicht nach Stunden zählte. Er war wie alle einem billigen Betrug aufgesessen. Dabei gab es keine Sicherheit, in keinem Moment. Er erinnerte sich an Werner Kalvin. Wie fremd nun dieser Name klang. Eine Woche hatte genügt, ihn von sich selbst zu entfremden, alles zu zerstören, von dem er geglaubt hatte, dass es sein Leben war, eine Woche nur.


    Erster Tag:
    Das Urteil



    Die Studenten klopften ausdauernd mit den Knöcheln auf die Tische. Kalvin nickte und wand sich zur Seite, um seine Unterlagen einzusammeln. Er hoffte, damit die ungeliebte Beifallsbekundung verkürzen zu können. Der Hagelschauer verebbte und sofort brandete ohrenbetäubender Lärm in dem Hörsaal auf, Stuhlklappen, Gesprächsfetzen, Lachen, Fußtritte.
    Er sah abgelenkt hinauf zu den hundert Studenten des Erstsemesters, die eilig zu den Ausgängen drängten. Es war heute seine letzte Vorlesung gewesen, in der nächsten Woche begannen die Klausuren. Er blickte in die Rücken der jungen Leute und bedauerte sie ein wenig. Im Sommersemester musste ihre Zahl um die Hälfte dezimiert sein, das war eine inoffizielle Vorgabe des Dekans. Dementsprechend schwer waren Kalvins Prüfungsfragen für die übernächste Woche; er würde wie in den letzten Jahren ohne Schwierigkeiten eine Durchfallquote von annähernd sechzig Prozent in seinem Fach Grundlagen der Informatik erreichen. Diesmal würde er als Schwerpunktaufgabe einen rekursiven Algorithmus verlangen und er wusste, höchstens ein Zehntel der Studenten würde das richtige Ergebnis finden, die Mehrzahl käme nicht einmal auf einen Lösungsansatz. Kalvins Prüfung würde den Studenten den Fangschuss versetzen, andere Klausuren wie Mathematik oder Physik gaben ihnen dann den Rest.
    Natürlich war er bei den Erstsemestern gefürchtet wie die Nemesis unter den Griechen. Der hartnäckige, schmeichelnde Applaus eben war der hilflose Versuch gewesen, die grollende Gottheit etwas gnädiger zu stimmen. Kalvin fühlte sich in der Rolle des Scharfrichters nicht wohl. Seine Klausuren in den höheren Semestern waren wesentlich fairer und dort war er auch beliebter.
    Kalvin legte die Unterlagen in seinen Aktenkoffer und schloss ihn mit einem zufriedenen Gefühl der Endgültigkeit. Dann lächelte er befreit. Das Semester war zuende, nur mehr ein paar Prüfungsaufsichten in den nächsten Wochen, die lästigen Korrekturen, bei denen ihm der Computer und seine Assistenten allerdings die Hauptarbeit abnehmen konnten; dann standen beinahe zwei Monate Urlaub ins Haus. Er würde die Zeit nutzen,um sein Ferienhaus auf Rhodos für den Sommer auf Vordermann zu bringen und freute sich auf die ruhigen Wochen außerhalb der Saison. Im Februar und März hatten sogar Touristenhochburgen wie Lindos oder Rhodos-Stadt einen ganz eigenen, unterkühlten Charme. Er würde lange Wanderungen machen und vielleicht endlich sein Buch über Die Sicherheit von DV-Anlagen zuende schreiben. Schon lange schob er diese Arbeit vor sich her und der Wissenschaftsverlag, bei dem er seine seltenen, aber in Fachkreisen geschätzten Arbeiten publizierte, mahnte das Manuskript schon geraume Zeit an.
    Kalvin schob seine Aktentasche unter den Arm und verließ den Hörsaal nach einem letzten prüfenden Blick. Hinter der Tür wurde er von einer jungen Frau erwartet. Sein erster Impuls war, zu flüchten, sie unverbindlich zu grüßen und weiter zu eilen. Doch dann stellte er fest, wie lächerlich er sich damit machte. Er blieb mit einem halben Lächeln vor ihr stehen, sah sich aber, als er sie mit seinem freien Arm umfasste und sie flüchtig auf die Lippen küsste, vorsichtig um. Er wagte diese Intimität nur, weil der kurze Gang, in dem sie standen, leer war. Dennoch löste er die Umarmung schnell wieder. Es konnte in jedem Augenblick jemand um die Ecke kommen, Studenten oder der Dozent der nächsten Vorlesung, beides wäre gleich unangenehm gewesen.
    "Was willst Du denn, Eli?" fragte er. "Wir hatten ausgemacht, uns hier nicht zu treffen." Die Frau senkte den Kopf, ein wenig trotzig, wie ihm schien.
    Eli war Anfang zwanzig, ein großes, attraktives und dunkelhaariges Mädchen, dessen Selbstbewusstsein und Intelligenz in der Hauptsache dafür verantwortlich waren, dass Kalvin sich vor einem halben Jahr in sie verliebt hatte. Sie war Informatikstudentin im siebten Semester und er ihr Betreuer bei ihrer Diplomarbeit. Ausgerechnet ihm musste diese alte Lehrer-Schüler-Gesichte passieren, bei der er alle Mühe hatte, sie vor Kollegen und Studenten geheim zu halten. Dabei erwartete Eli keinerlei Vergünstigungen in ihrem Studium von ihm und er war auch nicht gewillt, ihr welche zu gewähren. Zu seinem Glück war sie eine ausgezeichnete Studentin.
    Kalvin hatte sie anlässlich eines Studentenballs persönlich kennengelernt, obwohl sie ihm natürlich schon früher in den Vorlesungen angenehm aufgefallen war. Nicht nur war sie die einzige seiner wenigen Studentinnen, die sich wie eine Frau kleidete und benahm, sondern auch ihre Zwischenfragen waren gewitzt, offenbarten einen lebhaft interessierten, dabei divergierenden Geist. Als er sich dann an jenem Fest, zu dem er nur aus Pflichtgefühl erschienen war, wegen der lauten Musik nah zu ihr gebeugt, angeregt mit ihr unterhielt, nahm ihn ihre Fröhlichkeit und kompromisslose Lebensbejahung gefangen.
    Der Dozent war jetzt achtunddreißig Jahre alt und hatte seit einiger Zeit das Gefühl, langsam zum alten Eisen zu gehören. Seit dem Tod seiner Frau vor nun sechs Jahren hatte er nur einmal eine flüchtige Beziehung gehabt und sich immer tiefer in seine Arbeit gegraben. Dann begegnete ihm dieses Mädchen und nichts war wie früher. Er hatte es nicht für möglich gehalten, dass ihm noch so etwas passieren konnte; aber ihre Art zu leben hatte ihn in den ersten Monaten der Beziehung mitgerissen und er war Eli, wenn er nun zurücksah, dankbar: Sie hatte ihm ein Glück geschenkt, das er vermisst hatte.
    Inzwischen war allerdings etwas Ruhe eingekehrt und, zwangsläufig, der Alltag. Er brachte Probleme und Ernüchterung, zumindest auf seiner Seite. Wenn sein Verhältnis zu der Studentin bekannt wurde, konnte es ihn seinen Job kosten; die tägliche Geheimniskrämerei hatte längst begonnen, ihn zu zermürben. Diese Liebe hatte keine Zukunft hatte.
    Auch deshalb war er entschlossen, seinen Urlaub in den Semesterferien allein zu verbringen. Er hoffte, er hatte auf Rhodos die Möglichkeit, alles zu überdenken. 'Die Entfernung ist der großen Liebe Nahrung, der kleinen Liebe Tod', fiel ihm ein.
    Er sah Eli zärtlich an. Sie wich weiterhin seinem Blick aus und kaute an der Unterlippe. Er fühlte sich stark und überlegen, weil er sich einbildete, er könne sie mit einem Abstand betrachten, zu dem sie nicht fähig war.
    "Also, was gibt es?" wiederholte er freundlich und unterdrückte seinen Wunsch, sie erneut zu umarmen. Er erwartete, dass sie von ihrer Liebe zu ihm reden würde und von ihrem Drang, in seiner Nähe zu sein, der sie sogar manchmal veranlasste, sich in seine Erstsemestervorlesungen zu setzen, was ihn verunsicherte und nicht selten aus dem Konzept brachte. Doch Eli überraschte ihn und sagte zögernd, sie könne die Verabredung für den Abend nicht einhalten. Kalvin runzelte ärgerlich die Stirn. Sein Mädchen hatte ihm noch nie einen Korb gegeben.
    "Und warum?" fragte er beleidigt.
    "Ich muss in der nächsten Woche zwei Wahlpflichtfächer nachholen und heute ist schon Donnerstag. Ich brauche unbedingt etwas Vorbereitungszeit."
    "Die schreiben sich doch von allein", entgegnete Kalvin trotzig. Eli sog hörbar Luft durch die Nase ein.
    "Wir waren uns einig: mein Studium dar nicht unter unserer Bezeihung leiden. Ich habe einen Männerberuf gewählt und muss folglich deutlich besser als die Jungs sein, wenn ich einen guten Job kriegen will. Ich wünsche deshalb, dass wir uns bis zu meiner letzten Prüfung nicht mehr sehen", sagte sie und die Schärfe ihrer Replik schüchterte Kalvin ein wenig ein.
    "Und wie lange wird das dauern?"
    "Bis zum vierten Februar, da habe ich theoretische Physik; also zweieinhalb Wochen."
    "Aber in der Woche darauf fahre ich nach Rhodos!" warf er entsetzt ein. Eli zuckte mit den Schultern.
    "Nimm mich doch mit." Daher wehte also der Wind.
    "Aber wir haben darüber gesprochen... Ich brauche die Ruhe, um mein Buch zu beenden, erinnerst Du Dich?"
    "...und ich brauche eben diese zwei Wochen zum Lernen", sagte sie, hatte aber etwas von ihrer Sicherheit verloren. "Wir können ja telefonieren und uns vielleicht am Samstagabend treffen", schränkte sie deshalb ein. Jetzt war es an ihm, hart zu sein. So konnte sie nicht mit ihm umspringen.
    "Besser nicht, du brauchst die Zeit zum Lernen."
    Eli sah auf, zum ersten Mal in seine Augen. Eine Pause entstand.
    "Dann nicht", sagte sie und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Backe, wand sich eilig ab.
    "Ich rufe dich an", rief Kalvin ihr hinterher. Eli achtete nicht auf ihn, sie benahm sich, als hätte sie ihn nicht gehört.
    "Ich rufe Dich an", wiederholte er und wartete, bis sie aus seinem Blickfeld bog. Es war der zweite Streit in ihrer Beziehung gewesen, der erste hatte vor etwa vier Wochen stattgefunden. War es diesmal das Ende? Wenn ja, dann war es erstaunlich schnell gegangen.
    Obwohl ein schwerer Druck auf seinen Lidern lag, empfand Kalvin bei diesem Gedanken keine Trauer, sondern nur Leere in sich. Die Trauer würde vielleicht später kommen, nahm er an, am Abend, den er mit Eli hatte verbringen wollen.


    Kalvin kam erst gegen fünf Uhr nach Hause. Es wurde bereits dunkel. Einer der Professoren ging in Pension und er hatte an diesem Nachmittag mit einem kleinen Fest seinen Abschied gefeiert. Die ganze Angelegenheit war etwas langweilig gewesen, da Kalvin kaum Kontakt zu den Kollegen hatte, hatte ihn aber von seiner ärgerlichen Auseinandersetzung mit Eli abgelenkt. Sein Kopf war vom Sekt und den Trinksprüchen schwer, aber er fuhr trotzdem mit dem Auto nach Hause.
    Kalvin wohnte in der Innenstadt in einem gut renovierten Jugendstilhaus. Die Fünfzimmerwohnung mit den ungewöhnlich hohen Decken war zwar für eine Person zu groß - er hatte sie gekauft, als seine Frau noch lebte - aber er hing an ihr und wollte sich nicht von ihr trennen. Außerdem konnte er sich dadurch seinen Traum von einem großen Billardzimmer erfüllen können.
    Er ging die hölzerne, durch viele Füße ausgetretene Treppe hinauf, war müde jetzt doch froh, den Abend allein verbringen zu können. Er hatte Schwierigkeiten, mit dem Haustürschlüssel das Schloss zu finden. Offensichtlich hatte er mehr getrunken, als ihm bewusst war.
    Kalvin war noch mit dem Schloss beschäftigt, als er sein Telefon durch die noch verschlossene Tür läuten hörte. Da er Elis Anruf erwartete, beeilte er sich und fand sich dadurch noch weniger zurecht. Zudem verlosch das Ganglicht. Endlich stürzte er in seine Wohnung und griff nach dem Telefon, war aber zu spät dran. Wütend warf er das Gerät zur Seite. Er überlegte, ob er sie zurückrufen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Er hatte mit dem Streit nicht angefangen, sollte doch Eli den ersten Schritt machen. Er konnte warten.
    Er zog sich um und hängte seinen hellbraunen Anzug weit hinten in den Schrank, gewillt, ihn bis zum Beginn des Sommersemesters dort zu belassen. Er hasste die stupide Kleiderordnung der Uni, die ihn daran hinderte, seine Arbeit in bequemer Kleidung zu machen. Dann aß er eine Kleinigkeit,setzte sich mit einem Buch, in dem er nicht las, ins Wohnzimmer und wartete auf Elis Anruf, der auf sich warten ließ.
    Als das Telefon erneut läutete, schreckte Kalvin aus einem Halbschlaf. Er hob die Hand zum Gerät, ließ es aber dreimal klingeln, bis er abhob. Es sollte nicht so aussehen, er würde auf den Anruf warte. Es war nicht Eli. Eine etwas verschnupft klingende Männerstimme fragte:
    "Werner Kalvin am Apparat?" Kalvin verzog den Mundwinkel.
    "Ja. Und mit wem spreche ich?"
    Eine Pause entstand. Kalvin fragte nach und wollte schon auflegen, als ihm endlich geantwortet wurde.
    "Ausgezeichnet. Der Name ist noch nicht wichtig. Hören Sie jetzt gut zu, Dr. Kalvin, ich werde mich nicht wiederholen: Wir haben Ihre Freundin in unserer Gewalt."
    Kalvin schwieg, denn er benötigte eine geraume Weile, um seine bleierne Müdigkeit zu überwinden und zu begreifen, was die ihm unbekannte Stimme in fast heiterem Gesprächston gesagt hatte. Aber selbst dann weigerte er sich noch, es wahrzuhaben. Stotternd fragte er nach, aber der Anrufer machte seine Drohung wahr und sprach unbeirrt weiter:
    "Im Moment geht es ihr gut, aber das kann sich schnell ändern. Es ist allein von Ihrem Verhalten abhängig. Ich werde Ihnen jetzt einige Anweisungen geben, die sie nicht zuletzt im Interesse ihrer Freundin peinlich genau befolgen sollten."
    Kalvin fasste sich an den Kopf. Warum musste er ausgerechnet heute so einen schweren Schädel haben; weshalb hatte er nur so viel getrunken? Was geschah ihm daß Niemand konnte im Ernst Eli entführt haben, das war lächerlich; es konnte sich nur um einen äußerst makaberen Scherz handeln!
    "Ist das eine Entführung?" fragte er dumm. "Wenn... Kann ich Elisabeth sprechen?"
    "Für einen Informatikprofessor denken sie ungewöhnlich langsam." Der süffisante Unterton in der Stimme des Anrufers verstärkte sich.
    "Es ist nicht möglich, dass Sie Ihre Freundin sprechen. Ich habe sie nicht bei mir und das ist auch nicht vorgesehen. Haben Sie Papier und Bleistift bei der Hand? Ich werde auch unsere Anweisungen nicht wiederholen."
    "Ich habe ein gutes Gedächtnis."
    "Ausgezeichnet. Sie werden sich heute um genau einundzwanzig Uhr mit uns treffen. Der Ort wird die stillgelegte Fabrikanlage der Wessing-Stahlbau sein. Sie wissen ja sicher, wo das ist?" Die Frage klang wie eine Feststellung.
    "Ja."
    "Ausgezeichnet. Sie gehen durch das Osttor in der Rubensstraße und betreten dann die erste Halle zu Ihrer Linken. Dort werden Sie erwartet und neue Anweisungen erhalten. Sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen, wäre dumm. Wir haben Sie unter genauer Beobachtung und halten Ihre Freundin selbstverständlich an einem anderen Ort in Gewahrsam."
    "Wollen Sie Geld? Ich kann bis neun Uhr nichts flüssig machen."
    "Sie haben Ihre Anweisungen, richten Sie sich nach ihnen. Am Treffpunkt erfahren Sie alles weitere, Dr. Kalvin."
    "Wird dann Elisabeth dort sein?" fragte Kalvin eilig, doch der Entführer hatte bereits aufgelegt.
    Er war für eine geraume Weile unfähig, das Telefon aus der Hand zu legen. Krampfhaft umklammerte er das harte Plastik und starrte ins Leere. Seine Gedanken rasten, aber er konnte keinen fassen. Er war unfähig, zu entscheiden, was er als nächstes tun sollte.
    "Es kann nur ein Scherz sein, ein Studentenulk." dachte er, als er Elis Nummer wählte."Sie haben irgendwie von unserem Verhältnis erfahren. Sicher wollen sie auf diese Art an die Prüfungsaufgaben." Das war eine Theorie, die beste für den Moment, für sie sprach die junge Stimme des Anrufers, der sich gewählt und fast spöttisch ausgedrückt hatte.
    Es läutete dreimal bei Eli, dann hörte er ihre Stimme, die sich allerdings nach der ersten Erleichterung als die Tonbandkonserve ihres Anrufbeantworters erwies. Nach dem Piepsen sprach er die Mitteilung auf Band, dass er sie dringend zu sprechen wünsche. Noch immer Kalvin er sich nicht vorstellen, dass sie tatsächlich entführt war; noch war er Meinung, siehatte nur kurz die Wohnung verlassen oder war aus einem anderen Grund nicht ans Telefon gegangen.
    Was sollte er als nächstes tun? Er sah auf die Uhr. Es war kurz vor Sieben Uhr. Sollte er vielleicht Elis Eltern anrufen? Dieser Schritt schien ihm übereilt, denn Eli hatte ihnen noch nichts von ihrer Beziehung zu Kalvin erzählt und er wollte die älteren Leute, falls seine Freundin nicht bei ihnen war, nicht vorschnell beunruhigen. Also doch die Polizei? Wenn das Ganze, wie er noch vermutete, nur ein Scherz war, wenn auch ein ausgesprochen geschmackloser, so hatte es keinen Sinn, sie zu alarmieren. Falls die Entführung tatsächlich ernst gemeint war, brachte er Eli nur in Gefahr. Hatte man ihm nicht gesagt, er würde beobachtet? Nein, die Polizei ließ er besser außen vor. Im Moment blieb Kalvin nichts anderes übrig, als abzuwarten und später zu dem Treffen zu gehen. Dann würde er sehen, wie sich die Sache entwickelte.
    Es klingelte. Kalvin stürzte gedankenschnell zur Wohnungstür und riss sie auf. Niemand stand im Hausgang, er lag im Dunkel des Nacht. Dennoch war der weiße Briefumschlag auf dem Fußabstreifer nicht zu übersehen. Vorsichtig hob Kalvin den Brief auf und trug ihn zurück ins Wohnzimmer, wo er ihn im Licht einer Stehlampe untersuchte.
    Es gab nicht viel zu entdecken; vielleicht hätte ein Kriminologe die Sache mit anderen Augen gesehen, aber für Kalvin war es nur ein ganz einfacher, weißer und unbeschriebener Umschlag, den man in jedem Schreibwarengeschäft erwerben konnte. Sein Inhalt war nur um weniges schwerer als ein normaler Brief. Er enthielt ein Polaroidfoto und eine etwa fünf Zentimeter lange Haarlocke. Kalvin war sich zwar nicht endgültig sicher, aber höchstwahrscheinlich war sie von Elis Haar. Er legte sie achtsam auf den Tisch und besah sich aufmerksam das Foto. Er hatte ein Gefühl von Dejü vu und die Erinnerung an unzählige Fernsehkrimis dabei. Er hielt den Beweis in Händen, dass die Entführung tatsächlich stattgefunden hatte. Das Bild zeigte seine Freundin auf einem Stuhl sitzend, auf den sie mit einer dünnen Paketschnur gefesselt war. Die Hände waren frei und sie hielt die Tageszeitung von heute in die Kamera. Elis Gesicht war besorgt und ernst, aber nicht ängstlich. Kalvin sah ihr an, dass sie die Situation noch nicht völlig realisiert hatte. Soweit er es erkennen konnte, hatte sie den Trainingsanzug an, den sie normalerweise zuhause trug. In ihrem Hintergrund war nichts zu sehen, sie saß vor einer weißgestrichenen Wand. Trotzdem kramte Kalvin ein Vergrößerungsglas heraus und suchte das Bild aufmerksam ab. Er erhielt keinen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort. Da die Wand im Hintergrund nicht sehr sauber war, konnte der Entführer gelogen haben und sie doch in der Wesselschen Fabrik festhalten, ebensogut konnte sie auch woanders sein.
    Kalvin setzte sich wieder in seinen Sessel. Seine Hand mit dem Foto zitterte; jetzt erst kam der Schock. Während er die unbewussten Reflexe seines Körpers beobachtete, suchte er sich zu beruhigen.
    Diese Sache allerdings wuchs ihm bereits jetzt über den Kopf. Kalvin sehnte sich danach, jemanden ins Vertrauen zu ziehen, der ihm helfen konnte. Niemand fiel ihm ein. Schon lange nicht mehr war ihm in den Sinn gekommen, wie einsam er war; die Beziehung zu Eli hatte ihn davon abgelenkt. Mit dem Tod von Barbara, seiner Frau, hatten auch die meisten Freundschaften geendet, weil er sich in seinem Schmerz in ein Schneckenhaus zurückgezogen hatte und Annäherungsversuche fast panisch von sich gewiesen hatte. Die längste und engste Freundschaft zu seinem ehemaligen Studienfreund Klaus Bilde hatte vor drei Jahren ihr Ende gefunden, als er der Berufung an die Uni gefolgt war und seine Arbeit für die Industrie aufgegeben hatte. Er dachte nicht gern daran, es war eine unangenehme Erinnerung. Zu Professoren und Dozenten war er von Anfang an auf Abstand gegangen. Ihre Art zu leben entsprach nicht der seinen.
    Nein, er wusste niemanden, der ihm im Moment beistehen konnte. Er hatte die Situation allein zu meistern und jetzt blieb Kalvin nichts anderes übrig, als abzuwarten.


    Es war, als Kalvin kam am Pförtnerhaus neben dem breiten Osttor der ehemaligen Maschinenfabrik um dreiviertel neun Uhr an. Von der Bushaltestelle einige Parallelstraßen weiter war es ein Fußweg von zehn Minuten gewesen. Der verfallene Gebäudekomplex lag inmitten eines alten Industriegebiets und zu dieser Tageszeit war kaum jemand auf diesen Straßen unterwegs. Die Rubensstraße lag völlig leer vor ihm und sie war eine der am wenigsten Vertrauen erweckenden Straßen der Stadt. Auf der Seite, auf der Kalvin stand, zog sich schier endlos eine kahle Ziegelsteinmauer hin, die das Industrieareal umgrenzte. Nur wenige, trübe flackernde Lampen erhellten sie unzureichend. Gegenüber lag ein vollkommen in Schwärze getauchter, ungepflegter Park.
    Kalvin spähte angestrengt durch die rostigen Gitterstäbe des Tores und versuchte in der verwaschenen Düsternis zwischen den heruntergekommenen Gebäudeleichen etwas zu erkennen.
    "Ein geschickt ausgewählter Treffpunkt", dachte er ,"unübersichtlich, abgelegen, einsam; geeignet, einen verängstigten Menschen noch mehr einzuschüchtern."
    Doch darauf würde er nicht reinfallen, mit solch billigen Tricks war er nicht zu fangen. Zudem konnte er die ganze Entführung noch immer nicht ganz ernst nehmen, viel zu surreal erschien ihm diese Situation.
    Kalvin versuchte die Klinke. Das Tor war versperrt, zusätzlich mit einem Kettenschloss gesichert. Er pfiff leise durch die Zähne. Stellten sich diese Entführer etwa vor, er würde über die Mauer klettern? Er sah sich um und entdeckte an dem kleinen Pförtnerhaus eine hölzerne Tür; sie ließ sich ohne Probleme öffnen. Kalvin griff in seine große Manteltasche und holte eine Stablampe hervor, die er von Zuhause mitgenommen hatte, weil er nicht wie ein blinder Hase in den Fabrikhallen umherirren wollte. Dann stieß mit zwei Fingern seiner behandschuhten Rechten die Tür an, die ohne Geräusch nach Innen schwang. Mit dem kalten Lichtkegel der Lampe den Boden vor sich prüfend, trat er vorsichtig über unter seinem Schritt knirschende Glasscherben hinein. Er ließ sein Licht wandern. Bis auf einen verrosteten und verbogenen Stahlstuhl in der Ecke und einigem Unrat war das Häuschen leer. Den Ausgang auf das Fabrikgelände bildete eine halb aus den Angel gerissene Glastür, die längst nur noch aus ihrem Holzgerüst und ein paar im Rahmen steckenden Scherben bestand. Dennoch musste Kalvin einige Kraft aufwenden, um den Durchgang für sich frei zu machen.Hier war vor ihm schon lange niemand mehr durchgegangen. Wenn die Entführer nicht nach ihm kamen, was er für wenig wahrscheinlich hielt,bedeutete es, dass es einen zweiten Durchgang zu dem abgesperrten Areal geben musste.
    Kalvin stand nun auf einem gepflasterten Weg, zwischen dessen Steinen hohe Grasbüschel wuchsen, die im Schein der Lampe karg und winterbleich wirkten. Der Weg führte auf ein hohes Gebäude zu, wohl der ehemaligen Verwaltung. Links und rechts standen langgezogene Fabrikhallen. Kalvin lauschte. Nur das ferne Summen einer Straße und sein eigener, unruhiger Atem drangen ihm zu Ohren. Eine taube Stille lag über den alten Industrieanlagen und die Gänsehaut, die sich kurz in seinem Nacken bildete, kam nicht von der Kälte der Januarnacht, die hier draußen frostiger als in der Stadt in der Luft hing.
    Den Anweisungen folgend wand Kalvin sich nach links zu einem vermutlich nur ebenerdigen Gebäude im Ziehharmonikastil. Die Personentür in dem hohen Tor stand offen; damit war es sicher: Er wurde erwartet. Für einen Moment verharrte er unsicher. Seine Erregung nahm zu und drückte stark auf die Blase. Er kämpfte mit dem Drang, sich noch Erleichterung zu schaffen und verwarf ihn. Dann überwand er sich und betrat die Halle. Dass Licht in seiner Hand zitterte unruhig.
    Das Gebäude bestand nur aus einem einzigen, großen Saal unter einer hohen, von Säulen getragenen Decke. Kalvins Stablampe reichte längst nicht aus, die leere Halle auszuleuchten. In regelmäßigen Abständen waren Rinnen und große Schrauben im Boden, die übriggebliebenen Spuren und Verankerungen von längst fortgeschafften Maschinen; er stolperte über eines der aus dem Zement ragenden Eisenstücke. Vorsichtig ging er weiter zu der Stelle, an der er die Mitte der Halle vermutete, dabei spähte er aufmerksam nach beiden Seiten, ohne eine Person zu Gesicht zu bekommen.
    Er blieb stehen und wollte sich durch einen Ruf bemerkbar machen. Da hörte er hinter sich ein Geräusch. Die Tür fiel zu und das Tor dröhnte blechern. Kalvin wand sich herum um und schloss geblendet die Augen. Zwei helle Scheinwerfer leuchteten ihm direkt ins Gesicht. Sie standen links und rechts der Eingangstür und waren ihm in der Dunkelheit entgangen. Nach ihrer extremen Lichtausbeute zu urteilen, mussten sie zu einer Foto- oder Filmausrüstung gehören. Kalvin hob schützend eine Hand und konnte blinzelnd eine Gestalt ausmachen, die sich zwischen den Lichtern näherte. Er steckte seine nutzlos gewordene Lampe in die Tasche, hielt sie aber weiterhin umklammert, um sie im Notfall als Schlagwaffe benutzen zu können. Ungeduldig wartete er auf das langsame, fast provokative Näherschlendern der Gestalt, von der er, obwohl er sich an die Helligkeit gewöhnte, im grellen Gegenlicht nur den Schattenriss wahrnehmen konnte. Trotzdem war zu erkennen, dass es ein Mann war und er in seiner Rechten eine Pistole trug. Sie hing zwar mit seinem Arm an seiner Seite herab, aber Kalvins Herz machte bei ihrem Anblick einen erschreckten, zitternden Schlag.
    Vielleicht zehn Schritte vor ihm blieb der Mann stehen, dann hob er lässig seine Waffe und zielte auf Kalvin. Kalvin spürte ein bohrendes Ziehen über der Nasenwurzel und zog den Kopf ein. Instinktiv sah er sich nach einem Versteck um. Es gab keines in seiner Nähe; er war dem Gegenüber ausgeliefert. Zudem war der Kerl wahrscheinlich nicht allein.
    "Nehmen Sie die Hände hoch, Dr. Kalvin", hörte er die Stimme des Mannes und gehorchte sofort. Im gleichen Augenblick begann jemand, ihn von hinten abzutasten.
    "Sehen Sie sich nicht um."
    Kalvin ließ die aufmerksame Untersuchung schweigend über sich ergehen, während er versuchte, die Gesichtszüge seines Gegenübers zu erkennen. Die Person hinter ihm nahm seine Lampe aus der Manteltasche und ließ sie unachtsam zu Boden fallen, dann fuhren die tastenden Hände seine Hose empor unter den Mantel.
    Kalvin zuckte zusammen: Das war eine Frau, die ihn untersuchte, er war sich ganz sicher. Für einen Moment kam ihm eine schmerzende, weil schreckliche Gedankenverbindung, doch er wagte nicht, gegen den Befehl den Kopf zu wenden und nachzusehen, ob es vielleicht Eli war.
    "Er ist sauber", hörte er nahe am Ohr eine weibliche Stimme. Sie klang nicht nach seiner Freundin; er hätte ihre Stimme, obwohl sie verstellt war, mit Sicherheit erkannt.
    "Gut", dachte er, "es sind also zwei Entführer, möglicherweise auch drei, zwei Männer, eine Frau, alle, nach den Stimmen zu urteilen, jung, noch keine dreißig." Sein Verdacht, es wären Studenten von ihm, erhärtete sich.
    Die Frau forderte ihn auf, die Hände auf dem Rücken zu verkreuzen. Kalvin gehorchte und er spürte das kalte Metall der Handschellen, die sie ihm anlegte. Die beiden wollten anscheinend keinerlei Risiko eingehen. Warum legten sie so viel Vorsicht an den Tag? Fürchteten sie ihn denn?
    "Setzen Sie sich", sagte der Mann, der noch immer mit der Pistole nach ihm zielte. Kalvin bemerkt einen Stuhl, der ihm von hinten gegen die Kniekehlen geschoben wurde. Er nahm Platz.
    "Ausgezeichnet. Jetzt schlagen Sie die Beine übereinander."
    Kalvin gehorchte und lächelte flüchtig. Er wusste jetzt sicher, dass der Anrufer vor ihm stand, er hatte ihn nicht an der Stimme, sondern an seiner Eigenart, wie er "ausgezeichnet" sagte, erkannt.
    "Also zwei Entführer", dachte er.
    Dann geschah etwas, mit dem Kalvin nicht gerechnet hatte. Der Mann senkte etwas die Waffe und trat auf ihn zu. Dadurch verließ er den Schatten der Anonymität. Das Licht der Scheinwerfer fiel scharf in sein Gesicht. Kalvin hatte sich anhand der Stimme nicht verschätzt: Der Mann war höchstens dreißig, wahrscheinlich jünger. Er war außerordentlich mager, das glattrasierte Gesicht unter dem kurzen Stoppelschnitt hager, ausgezehrt, vergeistigt. Die Wangenknochen traten hart hervor und gaben ihm ein eurasisches Aussehen. Um die Mundwinkel lag die boshafte Ironie, die seine Stimme verraten hatte. Erschreckend waren die Augen: Hell und grau standen sie in eigenartigem Gegensatz zum schwarzen Haar; sie waren forschend, kalt und aggressiv, sie verfolgten hartnäckig Kalvins Blick.
    Seine Angst wuchs wieder, denn der bleiche Entführer hatte etwas nicht fassbar Unheimliches, eine fanatische und menschenverachtende Überlegenheit. Der Vergleich mit einem Raubtier drängte sich auf. Nein, dieser Mann war sicher keiner seiner Studenten, er wäre Kalvin auch im überfüllten Erstsemester aufgefallen.
    "Kann ich Elisabeth sprechen? Geht es ihr gut?" fragte er kraftlos. Seine Augen rutschten zur Seite. Er konnte den Blick des Entführers nicht mehr ertragen. Der Mann nickte, als finde er etwas bestätigt.
    "Es geht ihr gut", erwiderte er zögernd. Direkt vor Kalvin stehend verließ ihn erstaunlicherweise seine Redegewandtheit.
    "Wieviel Geld wollen Sie?" In Kalvins Rücken lachte die Frau kurz auf, doch der Mann verzog keine Miene.
    "Wir wollen kein Geld von Ihnen."
    "Aber warum haben Sie dann Eli entführt? Was wollen Sie denn von uns?"
    "Wir wollten sicher gehen, dass Sie zur Urteilsverkündung erscheinen werden, Dr. Kalvin. Ihre Freundin ist unser Faustpfand."
    Kalvin sah überrascht auf und wurde erneut von dem Blick des Entführers gefesselt. Jetzt war er sicher: In diesen Augen war Hass. Woher kam er? Er war dem Mann noch nie begegnet. Eine Erscheinung wie die seine vergaß man nicht.
    "Von welchem Urteil reden Sie denn? Was ist das für ein Spiel, das sie mit mir treiben?"
    Sein Gegenüber trat einen zornigen und überraschenden Schritt näher, beugte sich nahe zu Kalvin herab. Einer der Mundwinkel zitterte hektisch.
    "Das wissen Sie nicht?" fuhr er Kalvin an. "Sie behaupten... Sie sind hier in diese Fabrik gekommen und wissen..."
    Er verstummte plötzlich, sah in das ratlose Gesicht seines Gegenübers und begann, langsam zu nicken. Er richtete sich wieder auf.
    "Er weiß es tatsächlich nicht", sagte er über Kalvins Schulter hinweg. Er lachte kurz und freudlos, dann rieb er sich mit seiner freien Hand über die Augen.
    "Ausgezeichnet, dann hören Sie jetzt gut zu: Ich werde mich kurzfassen." Er stellte sich breitbeinig in Position, als wolle er eine bedeutende Rede halten. Was er in ernster, getragener Stimme verkündete, war auch gewichtig genug. Zu Kalvins Füßen tat sich ein Abgrund auf.
    "Dr. Werner Kalvin; die Jury hat in Ihrer Abwesenheit zu einem Urteil gefunden und meine Aufgabe als Sprecher und Vollstrecker des Gerichts ist es, sie heute vom Urteil in Kenntnis zu setzen." Er machte eine Kunstpause, während Kalvin verständnislos den Kopf schüttelte.
    "Dr. Kalvin, aufgrund jener ungeheuerlichen Vergehen gegen die Menschlichkeit, für die wir sie verantwortlich machen, hat die Jury nach längerer Debatte einstimmig das Todesurteil gesprochen. Ich werde den Spruch der Jury auf die Stunde genau heute in einer Woche vollstrecken. Ich füge hinzu: Es ist mir eine außerordentliche Genugtuung."
    Kalvin wollte auffahren, doch die Frau in seinem Rücken drückte ihn zurück in den Stuhl.
    "Was ist das für ein unglaublicher Unsinn?" keuchte er. "Was wollen Sie denn von mir und Eli?"
    Der Entführer hob statt einer Antwort die Pistole und drückte den Lauf auf Kalvins Stirn. Kalvin wich alles Blut aus dem Kopf und er schluckte krampfhaft gegen eine aufsteigende Übelkeit an.
    "Sie werden sterben, Dr. Kalvin", sagte sein Gegenüber ruhig. "Sie haben noch sieben Tage, dann werde ich sie exekutieren. Keine Macht der Welt kann mich davon abhalten."
    "Warum wollen Sie das tun? Was habe ich Ihnen denn je angetan? Ich kenne Sie nicht einmal", stieß Kalvin atemlos hervor.
    "Da Sie den Grund im Moment tatsächlich nicht zu kennen scheinen und die Jury diesen Fall vorhersah, bleibt Ihnen diese eine Woche Frist. Nutzen Sie die Zeit gut. Kommen Sie dann am nächsten Donnerstag wieder um neun Uhr hier in diese Halle, damit ich das Urteil vollstrecken kann..."
    Kalvin lachte auf. Das klang wie ein Arzttermin.
    "Sie sind ja verrückt. Nichts dergleichen werde ich tun! Ich werde zur Polizei gehen und die wird diesem Mummenschanz ein Ende bereiten."
    Sein Gegenüber lächelte kurz und überlegen und senkte die Waffe. Als er sprach, schwang in seiner Stimme sein unterdrückter Hass deutlich mit.
    "Sollten Sie nicht pünktlich zur Hinrichtung erscheinen oder die Polizei einbeziehen, werden wir an Ihrer statt das Liebste töten, das sie haben. Das gilt als Ersatzurteil, falls Sie sich dem Vollzug entziehen. Aus diesem Grund ist Ihre Freundin in unserer Gewalt. Wir hoffen allerdings, dass Sie lieber selbst sterben, bevor Sie sie opfern. Falls Sie aber tatsächlich noch glauben sollten, wir meinten es nicht ernst, werden Sie sich in einer Woche vom Gegenteil überzeugen müssen."
    Kalvin hatte tausend Dinge, die er erwidern wollte, aber er war unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Er würgte, aber er fand nicht die Erleichterung, sich zu übergeben. Er konnte nicht fassen, in welch einen Alptraum er geraten war. Der Entführer drehte sich langsam zur Seite, dann wand er sich plötzlich herum, trat auf Kalvin zu und gab ihm aus der Drehung heraus mit dem Handrücken eine harte Ohrfeige, die Kalvin fast vom Stuhl warf. Er sah auf, zu dem Mann, der ihn geschlagen hatte. Obwohl seine Backe sofort rot anlief und aus seiner Nase ein dunkler Blutfaden rann, hatte er kaum Schmerzen. Er starrte den Entführer an, sah den Hass und wusste im gleichen Moment, dass er tatsächlich wehrlos vor seinem Henker saß. Aber was hatte er ihm getan?
    Der Mann trat an Kalvin vorbei, stellte sich hinter ihn, packte einer seiner Schultern und beugte sich zu seinem Ohr.
    "Ich werde Sie töten", flüsterte er, "Sie werden für die Verbrechen sühnen; Sie oder Ihre Freundin."
    Aufdringlich nah war nun die Stimme und Kalvin rückte angeekelt den Kopf zur Seite.
    "...eine Woche, ich werde auf Sie warten."
    Die Lichter verloschen, man nahm Kalvin die Handschellen ab. Währenddessen blieb die Hand des Entführers schwer auf seiner Schulter lasten.
    "Ich rate Ihnen gut, noch sitzen zu bleiben, bis wir gegangen sind. Zählen Sie am Besten bis fünfhundert."
    Der Ratschlag war sinnlos, da Kalvin im Moment unfähig war, sich überhaupt zu bewegen. Wie besinnungslos saß er auf dem Stuhl. Schritte verklangen, dann schabte Metall auf dem Zementfußboden. Kalvin sank langsam in sich zusammen.
    Ein lichter Moment hatte ihm die Wahrheit gezeigt, er hatte sie in den Augen des Entführers gelesen. Dieser Mann würde ihn oder seine Freundin für ein Verbrechen töten, von dem er nicht wusste, welches es war und ob er es überhaupt begangen hatte. Kalvin hatte die Augen des Mannes gesehen, sie waren voller abgrundtiefem Hass und unversöhnlich. Kalvin barg das Gesicht in den Händen.
    Er brauchte Hilfe, dringend.


    [wird bei Interesse fortgesetzt]


    ------------------
    hks


    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 22. November 2002 editiert.]
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  2. #2
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Das schwarze Urteil (Kriminalerzählung)

    Eher Komplexbeschreibung als Krimierzählung. Würd ich nicht fortsetzen, Klammer. Beispiele?

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
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    Ort
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    19

    AW: Das schwarze Urteil (Kriminalerzählung)

    Eine Meinung - aber mehr gibt es im Forum momentan wohl nicht. hast ja recht, ich kenne die Fehler. Im ersten Satz ist schon ein "als" und ich hätte vielleicht nicht so viel Woolrich lesen sollen. Dennoch: Heute kann ein Kriminalerzählung auch mal mit einem Psychogramm beginnen, das beim Leser Fragen aufwirft.
    Daher habe ich noch einen Teil, den ich bald ansetze.

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  4. #4
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Das schwarze Urteil (Kriminalerzählung)

    wurde diese geschichte fortgesetzt?

    ich glaube, die zeit von "kriminalerzählungen" ist vorbei. eine erzählung setzt auf geduld beim leser, der doch als konsument von thrillern darauf getrimmt worden ist, schnellebige zuspitzungen mit rasanten wendungen einer eher gediegen und allmählich ansteigenden spannungskurve in einer kriminalerzählung vorzuziehen.

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