Diesen Roman widme ich all denen, die ihn bereits kennen und lieben und denen, die ihn noch nicht kennen, aber lieben werden.

Käuflich zu erwerben ist er bereits seit etwa 3 Jahren, aber so richtig zufrieden bin ich nicht damit (falls jemand glaubt, daß in einem Druckkostenzuschußverlag - ja ja, bewerft mich mit Katzen******e! - ein ernstzunehmendes Lektorat stattfindet, dann täuscht er sich jedenfalls gewaltig. Warum auch? Die Kasse hat ja bereits geklingelt).
Kurz und gut, ich möchte dieses epochale Werk noch einmal überarbeiten und hoffe auf eure Mithilfe. Falls dem aus administrativer Sicht nichts entgegensteht, werde ich ihn hier im Abstand von ein bis zwei Tagen Kapitel für Kapitel ins Forum stellen.

Mark



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Daß niemand ihn erkannte, bemerkte Michael Birnat erst eine halbe Stunde nachdem ihm aufgefallen war, daß sich fast die Hälfte seines alten Jahrgangs hier aufhielt. Das Bubblegum wirkte wie für ein Klassentreffen gemietet, während er selbst abseits an einem kleinen Tischchen saß und sein Bier alleine trank. Keiner erkannte ihn, weder Sabine, die jeden Abend hier war, weil es ihr Job war, hier zu sein, die ihn ab und zu geschäftsmäßig anlächelte, um am Ende möglichst viel Trinkgeld von ihm zu kassieren, noch Vera, die hier gelegentlich aushalf, Bier zapfte, Gläser spülte und niemanden anlächelte, noch all die anderen. Untereinander kannte man sich noch, trank zusammen, redete von den alten Zeiten, der gemeinsamen Vergangenheit und der gemeinsamen Gegenwart, war gut drauf, lachte. Man wußte, warum man hier war.
Michael wußte nicht, warum er hier war, obwohl er fast immer hier war, seit einem halben Jahr. Daß Sabine und Vera ihn nicht erkannten, war nichts neues, aber daß niemand ihn erkannte, empfand er als echte Demütigung. Kein Mensch konnte sich innerhalb von zehn oder zwölf Jahren so sehr verändern. Sie wollten ihn nicht erkennen. Sie hatten Angst davor.
Jens, verheiratet zwei Kinder (das hatte Roland mal erzählt), spielt immer noch den Affen. Noch immer standen sie im Kreis um ihn herum, noch immer lachten sie, wenn er erzählte, wie er in Borglands heiligem Geschichtsunterricht Bierdosen verteilt hatte, weil jeder Schüler wußte, daß Borgland Alkoholiker war, der sich nach jeder Stunde auf dem Klo einen Flachmann reinpfiff, was ihn natürlich erpreßbar machte. Einmal hatten sie ihn mit Klopapier eingewickelt und dann aus sämtlichen Perspektiven fotografiert, als er völlig besoffen auf dem Jungenklo gelegen hatte, bis er eine halbe Stunde später als ägyptische Mumie rausgetorkelt kam und abhaute, unerkannt von seinen Kollegen. Es war ein Segen, daß er unerkannt blieb, nicht nur für ihn selbst, sondern auch für seine Schüler, denn so blieb er auch weiterhin erpreßbar. Man war schon ein lustiges Völkchen gewesen.
Aber auch Jens hatte Angst; sie hatten alle mehr Schiß als sonstwas. Alle!
Michael trank den letzten Rest Bier, ging zu Sabine an die Theke, zahlte und gab ihr das blöde Trinkgeld. Nein, sie erkannten ihn wirklich nicht, denn so gut schauspielerte niemand. Sabine lächelte ihr schönstes Serviererinnenlächeln, für das er ihr am liebsten eine gescheuert hätte, und wandte sich dann wieder ihren anderen Gästen zu. Sie erkannten ihn nicht, weil sie ihn völlig verdrängt hatten; in ihrer Welt existierte keine Person namens Michael Birnat. Im Sommer 1980 hatten ihn noch alle gekannt, und die meisten waren froh gewesen, ihn zu kennen. Er hatte damals die Idee gehabt, mal was anderes zu machen, als mit Filzstift ›Ficken‹ an die Klowände zu schreiben, besoffen im Unterricht Bukowski zu lesen, über die anarchistische Revolution zu quatschen und zu der Musik von Patti Smith in Papierkörbe zu reihern. Als sie ein Jahr später ihr Abi machten, kannte ihn eigentlich schon keiner mehr: Man wußte noch seinen Namen, wenn man ihn sah, aber mehr auch nicht. Am 20. Februar 1981 war Michael stillschweigend zur Unperson erklärt worden.
Er wechselte die Kneipe, zum ersten mal seit Wochen, und traf Roland und Ann-Christin (ein Name wie eine Tracht Prügel für jeden intelligenten Menschen, wenn man mal darüber nachdachte). Sie hatten nichts mit der Sache zu tun. Sie waren Freunde, neuerdings, man kannte sich von damals flüchtig vom Sehen her, weil man die Parallelklasse besucht hatte, aber ansonsten kannte man sich kaum. Auch so ein Segen.
"Du hier?" fragte Roland, sich den Bierschaum vom Mund wischend, das Glas heftig abstellend und sich mit hochgeschlagenem Lederjackenkragen umschauend, den Insider, den Kenner, den oft hier, den eigentlich überall verkehrenden markierend. "Was ist los, seit wann bist du Abends nicht mehr im Bubblegum?"
"Der Laden fängt an mich zu langweilen", sagte Michael. "Was ist mit euch? Seid ihr oft hier?"
"Eher selten. Manchmal, ja. Eigentlich auch nur ein Laden wie jeder andere."
"Ist doch nett hier."
"Geht so."
Es war angenehm, mit jemandem zusammen zu sein, den man schon ewig kannte und der einen trotzdem nicht für ein blödes Arschloch hielt. Roland – groß, schlank, ein Frauentyp, nicht dumm, aber mit einem ziemlich nervtötenden Bedürfnis, sich durch ein gewisses Machogehabe in Szene zu setzen – war heute leichter zu ertragen als sonst. Er ließ Michael nach dessen Erlebnis im Bubblegum vergessen, daß es einen 20. Februar 1981 gegeben hatte, und deshalb störte es ihn auch nicht, daß Roland größtenteils von seinen Qualitäten als Ladykiller redete, ohne dabei Rücksicht auf die ihn anhimmelnde Ann-Christin zu nehmen, die noch nie von ihm flachgelegt worden war.
Roland hatte ein kantiges, fast immer freundlich lächelndes aber zunächst nicht besonders geistreich wirkendes Gesicht. Seine braunen Augen schauten oft etwas ratlos, aber stets zur Weltoffenheit bereit, drein, und die chauvinistische Art, die er sich angewöhnt hatte, paßte dazu eigentlich überhaupt nicht, obwohl er sie sich wahrscheinlich in dem Glauben angewöhnt hatte, dadurch enorm an Attraktivität zu gewinnen. Er konnte sich darstellen, wenn nichts auf dem Spiel stand, konnte mit lockeren Sprüchen und angenehm wirkenden Bewegungen Frauen becircen, die ihm nichts bedeuteten, aber er wurde sehr schnell unsicher, wenn er sich wirklich mal verliebte, und neigte dann zu einer peinlichen Unterwürfigkeit.
Ann-Christin, eine etwas merkwürdige junge Frau mit einer schlimmen Kindheit in Heimen und bei prügelnden Verwandten hinter sich, mit dem Bedürfnis, sich ständig irgendwo zu kratzen, ebenfalls nicht dumm, aber manchmal ein wenig unheimlich, weil von einer beängstigend komplizierten Logik, schwieg meistens, während sie Roland anlächelte. Wenn man mal etwas von ihr hörte, dann waren es Sätze wie: ›Ich verstehe das Leben nicht, weil es mir wehtut‹ oder: ›Sag mir die Farbe deiner Augen!‹ oder: ›Ich habe das Bedürfnis, mit Männern zu schlafen, weil ich eine Frau bin, aber ich glaube, es gibt keine Männer.‹ Sie schrieb erotische Gedichte, die sie ihren Freunden und Bekannten zu lesen gab, bevor sie sie rituell verbrannte.
Eine, die nicht Sabine war, kam an den Tisch und fragte, was er trinken wolle. Er bestellte Bier. Ein großes. Er bestellte noch elf weitere an diesem Abend und bekam seinen großen Absturz. Er ging nicht mehr ins Bubblegum. Von nun an traf man sich regelmäßig hier im Crazy Cello. Ein weiteres halbes Jahr lang.