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Thema: Die Augen des Malers

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Die Augen des Malers

    Die Augen des Malers


    Nicht um der Kunst,
    um des Schmerzes willen
    liebe ich die Malerei.
    Jeder Tag, den ich male,
    ist derselbe Tag,
    jeder Frühling
    derselbe Frühling.


    Wenn ich den Pinsel in das Karminrot tauche,
    ist's wie das Rot der Lippen
    und das Violett und der Flieder
    sind die Schatten in den Falten der Kleider
    Die Wiederkehr der Trauer
    über dem Rosarot des Lebens


    Sie, die sich in allem findet,
    Bleibt in allen Farben
    Nur sichtbar
    Meinen Augen.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Augen des Malers

    Ja, gut. Der letzte Vers gefällt mir nicht, aber damit kippt der Grundansatz des Gesamttextes.


    Es geht um das innere Auge und ums Sehen der Geliebten in jedermann. Richtig? Es geht darum, daß der objektive Blick auf etwas nicht möglich ist, Kunst aber gerade aus dem Subjektiven entsteht? Richtig?


    Und ich sage mir immer, daß es das innere Auge, Einzahl!, sein muß, damit ich's anschaulich genug habe.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Die Augen des Malers

    Ich habs mit meinen Augen so gesehen, wie Dus interpretiert hast, Robert. Es ist aber auch der Schmerz, den Du noch berücksichtigen solltest. Kunst ist subjektiv und nie um ihrer selbst willen Kunst. Sie ist der Blick durch die Brille des Sandmanns, Schmerz, Schrecken, Trauer, Glück.


    Ists aber denn wichtig, Augen oder Innreres Auge. Ich bin Maler und seh alles mit meinen Augen.


    Gruß
    Omar

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: Die Augen des Malers

    Das müßte Dich dann zum Griechen machen. Sehen ist vieles, mir würde es alles sein, wenn ich's denn könnte. So muß ich mich aufs Hören beschränken. Hören entäußert den, der's kann. Hölderlin war ein Hörender, Goethe ein Sehender. Die beiden wichtigsten deutschen Lyriker konnten niemals zusammenkommen.


    Ich hab da mal einen Text geschrieben, in dem es um das von Dir angeschnittene Thema geht. Ich stell ihn Dir hier herein, nicht erschrecken, er ist ein bißchen gewaltsam.
    Lies ihn und sag mir, ob wir uns verständigen können, Omar!


    Johann-Jakob bewohnte seinen Elfenbeinturm in Orange und Indigo. Vielleicht würde die Sonne gelegentlich durchs Deckenfenster dringen und das Zimmer erhellen können, doch verursachten Schwalbennester, Fliegendreck, Insekten- und Taubenkot eine photochrome Veränderung des Sonnenlichts und sein Durchdringen blieb beschwerlich. Die Konturen verschwammen, Gegenstände und ihre Schatten gingen ineinander über. Den meisten Raum nahmen ein Kanapee der Gründerzeit, das geerbte französische Bett und der selbstgebaute riesige Kleiderschrank ein. Dielen ohne Teppiche ließen Schritte widerhallen, zumeist mit knirschendem Geräusch, schließlich lagen Dreckpartikel der letzten fünfzehn Jahre darauf verteilt herum. Eine graue Katze namens Margot streunte umher. Aus einer Dose schleckte sie, um kurz darauf furios einem Rascheln nachzujagen. Beides verlor sich und die gewöhnlich hier herrschende Stille garantierte wieder ungestörtes Arbeiten. Au?er dem genannten Mobiliar standen ein Tisch und zwei Stühle im Zimmer, dazu eine Staffelei. Überall waren Farbtöpfe und Pinselgläser aufgestellt. Neben der Tür versperrte ein Klavier beinahe den Eingang, doch verrieten dem aufmerksamen Beobachter das rostige Deckelschloß und etliche darauf stehende Gegenstände, daß das Instrument nicht in Gebrauch war. Derselbe aufmerksame Beobachter würde davon überrascht sein, daß sich bis auf eines keine Bilder finden ließen: Das stand an die Wand gelehnt auf dem Klavier; darauf starb ein blutender Schwan, was ein rotäugig-dunkelhaariger Mann in Leder mit dem Messer in der Hand kalten Blicks abwartete.


    SCHWARZ-WEIß-ROT


    Auf dem Kanapee saß eine wunderschöne Frau. Sie war nackt. Den Kopf hielt sie seitlich vom Malerauge weggedreht. Ihre langen glatten Haare fielen bis zur diesseitigen Brust hinunter. Der lange Hals war frei und gestreckt. Hinter einer Staffelei produzierte sich Johann-Jakob mit verkniffenen Zügen, ein Abbild zu schaffen und auf die gespannte Leinwand zu bannen. Einen Pinsel hielt er zwischen den Zähnen fest, mit einem anderen zog er gerade eine Linie nach, um dann wütend festzustellen, daß die Farbe nicht den rechten Ton besäße. Er suchte im Zimmer nach einem Glas, einer Tube, etwas Wasser und dergleichen mehr, hob etliche dafür in Frage kommende Gegenstände hoch, um sie kurzerhand wieder zurückzustellen:
    "Es sind nicht die kleinen Dinge, die nach dem Mehr verlangen, Lisa. Es ist die Größe. Es ist die Wut aus dem Inneren, die sie will, die gierig den Pflaumenkuchen vertilgt und die sich lächelnd entblößt, wenn es mißlingt." Er stockte. Isa hatte den Kopf nicht bewegt. Er entließ die Deklamation und ging nah an sein Modell heran. "Deine Haut ist von einem Farbton, den ich noch nie sah. Sie ist weich und rein, gleich an Hals und", er zögerte, "dieser herrlichen Partie. Wie soll ich das nur malen, ohne etwas schlechter zu machen als es ist? Nein, sei ruhig! Diese Pose ist spröde und verführerisch zugleich. Ich will es versuchen. Haben wir nicht alle Zeit der Welt? Antworte nicht. Deine Schönheit ist nicht vergänglich. Sie ist Ausdruck deiner wahren Fähigkeit, nämlich zu lieben. Das dürfte es sein. Ich muß dich malen als Liebende, als reinen Herzens Liebende." Er malte und sann nach, plötzlich schreckte er aus seiner Konzentration. "Wen liebst du? Du kommst zu mir mit einem erfüllten Herzen? Antworte nicht. Deine Sprache muß behütet sein, muß rein bleiben. Ich darf dich nicht in Versuchung führen, mir bestenfalls halbwahr zu antworten, damit diese Reinheit nicht leidet und ich nur noch Gewöhnlichkeit sehe. Er muß glücklich sein, der Glücklichste. Vielleicht ist er auch der Unglücklichste, der Gefährdetste. Vielleicht weiß er's gar nicht. Oder hat er dich benutzt und dein Herz hängt unschuldig an einem Büßer? Antworte nicht. Ich will es selbst hervorkehren, vor allem aber dich malen als Gioconda, als Ebenbild meiner Träume und Ängste. Erklärung würde nur zerstören." Wieder vertiefte er sich in seine Arbeit. Isa stöhnte leise und versuchte, eine andere Körperhaltung einzunehmen. Das beinah unmerkliche Verändern wurde allerdings vom Maler bemerkt; er schaute kurz und strafend hoch: "Ist ein hartes Brot, ich weiß. Aber stell dir nur vor, welche Mühen ich auf mich nahm, als ich mich meinen Ängsten stellte und sie nicht weiter kultivierte. Andere bevorzugen das. Ich nicht. Ich wähle immer den schwierigeren Weg." Er ging zum Klavier und zeigte auf das Schwanenbild. "Hier, sieh dir dieses Bild an, es ist Schund, es ist nur eine Probe für das Ziel meines Berufes. Vielleicht war's sogar die Nadelprobe. Und ich lebe noch!" Er hielt inne, ging beunruhigt in seiner Kammer auf und ab und blieb dann so nah vor Isa stehen, daß sie seinen alkoholvernebelten Atem riechen konnte. "Keiner wird mich ansehen als das, als... Was, meinst du, bin ich in den Augen der meisten Menschen?"
    Isa sah Johann-Jakob lange an. Sie hatte seinen kraftvollen Annäherungen an das Objekt seines Wünschens lange emotionsarm zugehört und wenig auf sich selbst bezogen. 'Sucht nicht jeder Maler seine Mona Lisa?' hatte sie gedacht. Es schmeichelte ihr, daß er sie dafür hielt und gleichzeitig war sie überrascht davon, daß er sie wirklich nicht erkannt hatte. Es machte anscheinend etwas aus, sich mit den erlaubten täglichen Masken zu verkleiden. Selbst der zugegebenermaßen noch recht unerfahrene Maler Johann-Jakob schaute nicht das hinter der Maske Liegende, sondern vertiefte sich in die geoffenbarte Natürlichkeit. Aber Isa spürte auch eine große Gefahr. Sie hielt Johann-Jakob für überspannt genug, mit entsprechenden Mittelchen die anerzogene gesellschaftliche und menschlich notwendige Distanz schnell zu überwinden. Sie beschloß, mit einfachen Sätzen seine Hirngespinste in beherrschbaren Bahnen zu halten: "Ich denke, ein Künstler", sagte sie liebevoll.
    Johann-Jakobs Gesicht verzerrte sich. Der Teint schwand ins Verborgene. Die Augen kniff er zusammen, öffnete den Mund zur Artikulation eines O-Lautes, um dann doch erschlafft zusammenzufallen. Die dunklen Augenbrauen über dem aschfahlen Angesicht glätteten sich, gezwungen durch die Kälte der Ohnmacht. Der Pinsel, gerade noch bereit, das Schöne als Befreiendes zu malen, flog quer durch den Raum. Vom Boden riß er eine halbgefüllte Weinflasche an seine Brust, entkorkte sie und trank. Nach mehreren kräftigen Zügen wischte er mit dem Ärmel über den Mund, so daß Farbe daran haften blieb. Seine Gesten wurden fahriger, doch suchte er Konzentration. Die Muskeln seines Gesichtes vibrierten: "Nein, eine Null, ein Sonderling, einer, der von dem Geld der anderen lebt, einer ohne größeren Sinn oder gar von Nutzen, verstehst du? Ich bin ein Mensch ohne Gewicht, geringer als die Geringsten. Das bin ich!!" platzte es aus ihm heraus.
    Isa verstand die Bestürzung. Hier war kein Malen mehr. Sie stand auf und begann sich anzuziehen. Johann-Jakob aber riß ihr die Sachen aus der Hand und bedeutete ihr, sich wieder in die vorgeschriebene Position zu setzen. Hier war auch kein Widerspruch möglich. "Die Menschen sind dumm", sagte sie und setzte sich.
    "Ja, darin hast du recht, meine Schöne! Dummheit ist ein bedeutsames Gewicht. Sei dumm, versessen, borniert und gerissen und du giltst etwas! Die Regel ist nicht die meine. Ich werte mich selbst", schrie der Erboste und malte mit kühnem Schwung sein Kürzel unter das Bild. Das Bild selbst war noch nicht fertig, doch hatte er beschlossen, es schon im voraus zu kennzeichnen. "Das bringt Unglück. Ich weiß. Doch warum sollte mir nicht auch das Unglück einmal geschehen. Habe ich nicht schon längst jeden Kontakt zu den Menschen verloren, als daß ich über Glück und Unglück nicht erhaben sein sollte? Oder, glaubst du, ich hoffte noch jemals Frieden zu finden, indem ich mich an irgend welche Regeln hielte?!"
    "Ein Einsamer im Walde", murmelte Isa.
    "Nein, ich bin reich", antwortete Johann-Jakob, der nicht und nichts verstanden hatte. "Weißt du, warum ich dich verewige?"
    "Weil ich vollkommen bin?" fragte Isa schüchtern.
    "Nein!" sagte Johann-Jakob hart. "Ich glaube nicht, da? es IHN gibt, weil Vollkommenes auf dieser Welt lebt. Was sollte ich zum Lobe auch singen, tanzen, malen, springen? Haha!- Weil du reich und unschuldig bist. Weil du den entsetzten Blick in deinen Augen trägst, der dem Bürgermädchen Ekel heißt, weil du Gierige verlangst, was dir zuzustehen beliebt. Deswegen... Du bist gierig auf all das, was IHM irgendwann einmal die Not abbedang, auf diesen Jammerplaneten zu steigen und Emanzipation zu predigen. Ich aber will nicht länger an Unschuld und Befreiung glauben. Das ist mein Ekel! Ich kann es einfach nicht wahrhaben, daß es einen Jemand da oben geben kann, der mich befreit. Wozu? Was soll die Liebe anderes sein, als das ewige Vorbeireden aneinander, als das Plätschern hormoneller Säfte, geboren aus dem Willen, sich den anderen einzuverleiben? Ha! Ich kann niemals daran glauben, daß die verkrachten Existenzen, die manche noch größenwahnsinnig Individuum nennen, etwas anderes seien als zufällige Produkte genetischer Fehlentwicklungen. Wer empfindet wie ich, der trete vor!- Ich sag's dir, Lisa: Der Dreck unter meinen Stiefeln ist nichts weiter als Affen******e!- Ich bin allein, gottverdammt, allein war ich, bin ich und werde ich sein. Da ist nichts und niemand."
    "In dir bin ich."
    Johann-Jakob stutzte. Isa wich nicht. In den Worten seines gestaltbaren Objekts setzte sich maßvoll ein Willen durch, der dem seinen glich in Intension und Gefühlsdichte. Er schrak auf: War das noch die unschuldsvolle Erwiderung auf seine Ängste? Sie zierte sich nicht, sie wartete wie ein Opferlamm, unwissend und beharrlich in dieser Erwartung. Würde sie dies jemals zugeben? Würde sie jemals ihm die Hand reichen und sagen: 'Komm, ich bin's, auf die du so lange gewartet?' Da er dies dachte, war ihm die Fehlbarkeit seines Wünschens bewußt, war aus den unbewußten Tiefen Gewißheit geworden. Johann-Jakob griff nach ihr und Isa wich keinen Deut, aber wie lange noch würde sie dies tun? Schnell registrierte er, daß diese Frage nebensächlich bleiben mußte, und er gab seine Berührung auf. Sie war nicht hier, weil sie ihm helfen und eine Pforte zur Erweiterung seines Wahrnehmens aufstoßen, sondern weil sie selbst einen Sprung machen wollte. Sie saß regungslos, bildschön. Ihr Körper wirkte wie ein gemeißeltes Ebenbild der gegenwärtigen Mode, straff und prall zugleich, geschwungen und elegant in der Linienführung, samtig und zart, doch voller Kraft und Gleichmäßigkeit. Er wüßte sie schon ins rechte Bild zu bringen. Vielleicht ein wenig gebrochen in einzelnen Partien, aber so, daß ein grantiger Beckmesser keinen Anstoß würde nehmen können.
    Sie? Warum war sie hier? Wollte sie ihm auflauern oder gar erniedrigen? Nein! Die Frage verwarf er schnell. Ihr Dasein war an ihm zu messen! Sie ward geboren, um ihn zu küssen. Ihr Schicksal lag in seinen Händen und sie hatte das erkannt. Sie hatte erkannt, da? er derjenige sein müsse, der sie zu kebsen imstande. Aber die Gewalt, die ihn ausmachte? Würde sie die zu tragen wissen? An der Unfehlbarkeit seines künstlerischen Wollens würde sie keinen Abstrich machen, doch an der Lauterkeit seines Hasses könnte sie Anstoß nehmen und ihn verbürgerlichen. Auch die Reinheit steht eben auf bürgerlichen Füßen und duldet keine anmaßende Filigranität. Das rechte Maß, die mittlere Reife führt zur Erheischung des Wohlgerichteten. Sie aber schien ihm nicht dieses Stands, sondern als ein weitaus übergreifendes. Was nur?
    "Du trägst dein Schicksal würdevoll. Mußtest du deine Würde einmal beweisen?" fragte er schroff und wohl mehr rhetorisch. Isa hingegen nahm die Frage ernst und nickte. Aber das konnte ihn jetzt nicht beirren. "Trotzdem: Dir ist es in den Schoß gelegt, das glückliche Leben. Ja, das glückliche Leben. Es löscht dem ungeratenen Sohn den letzten Hoffnungsschimmer und macht ihn zum Sklaven der Gewalten."
    "Brandung höhlt stärksten Fels", sagte Isa lautlos. Dann war es still.
    "Wie alles", antwortete Johann-Jakob beunruhigt nach längerem Schweigen. Woher nur konnte sie seine Gedanken und Ängste erraten? "Weißt du, es ist fürchterlich, immer verlacht zu werden, immer nur verlacht zu werden. Ich bin eben ehrlich. Sie mögen's nicht, die Menschen."
    "Keiner mag die Ehrlichkeit."
    "Dabei ist sie bloß meine Sprache. Mein Stolz. Und weil sie es nicht verstehen, lachen sie, erniedrigen mich zu sich hernieder in ihre ausweglos-dunklen Sümpfe des Zynismus."
    "Auf Finsternis folgt Licht", flüsterte Isa nach einiger Zeit.
    Der Maler stand am Tisch und zündete Kerzen an. Sie waren das einzige Licht im Zimmer. "Ja. Licht!" faselte er nicht ganz bei sich. "Ich habe mir immer geschworen, meine Kräfte aufzusparen für den einen großen Wurf, das eine große Werk. Ich habe das Gefühl, nur ein wenig bang ist mir, daß es heute soweit sein könnte. Nie sah ich ein schöneres Ebenbild der Liebe. Deine Linien und dein engelsreines Gesicht verdienen es, auf ewig einen Augenblick festzuhalten. Nur fehlt ihm noch etwas! Vielleicht die Faszination des Erschreckens? Ich weiß es noch nicht. Du sagst: 'Auf Finsternis folgt Licht.'?! Das ist eine erstaunliche Erkenntnis. Wenn es denn nur eine wäre, könnte man meinen, ich scherzte. Das tu ich aber nicht. Es hält auf und stiehlt lediglich Zeit, kostbare Zeit zum Schaffen." Er spielte mit dem Licht, was einen Schatten an der indigofarbenen Wand hervorrief. Johann-Jakob blickte gebannt auf die entstehenden und vergehenden Figuren seiner Handbewegungen, hielt inne und wischte zaubernd weg, lachte wegen der scheinbaren Allmacht, die er über sich und diese Gebilde, Traumgespinste, Abbilder, Abbildungen ausübte. "Liebst du mehr als meine Schatten?!" fragte er unsicher.
    Isa stand auf. Sie mußte handeln, die Situation drohte ihr zu entgleiten. Sie streichelte sanft seine Hände: "Er fordert mein Bestes", sagte sie
    Johann-Jakob drückte sie an sich und streichelte ihre Brüste, ihre Schultern, ihren Bauch. Sie führte ihn allmählich abwärts und genoß es. Als er sie nahm, war ihr, als ob es sein erstes Mal wäre. Sie schrie vor Schmerz, er aber war jenseits der sonnenbeschienenen Bergkuppen in den Tälern aller Lust. Und die Sünde? Lachte. Ihre Körper gehorchten dem fernen Willen, faßten die Strafe aus Adams Zeiten empfindungsreich und schamlos. Danach lagen sie kurzzeitig auf dem Kanapee, dann stand Johann-Jakob auf. Er ging unruhig im Zimmer auf und ab, als sich seine Seele ergoß: "Gestern nahte ein Sturm. Wart einen Augenblick! Es ist wichtig, was ich dir zu sagen habe. Es ist wichtig. Ich habe lange überlegt, wem ich es sagen könnte. Du bist es! Du hast dich mir hingegeben. Niemals zuvor hatte ich das Gefühl, das sich ein Mensch so hingeben kann. Das war nicht gespielt. Du bist selbst Gewitter, reinigend und rein. Lisa, ich liebe dich!" Er ging zu ihr und umarmte sie, hielt sie mit den Händen an den Schultern und deklamierte: "Gewitterwolken zogen am Himmel entlang, ballten sich zu tosendem Grollen und schlugen hinab. Es brach hernieder; über mir brach es zusammen, dieses schreckliche Grollen. Ich versuchte zu fliehen, später dann auf Leinwand zu fassen. Es ging nicht. Mein Wille war schwach, mein Ernst zu gering vor diesen Gewalten. Aber ich überlebte! Aber wie soll ich mein Entsetzen vor diesen Gewalten fixieren, ihnen Gestalt geben? Wie nur? In deinen schönen Zügen, Geliebte, das ist die Lösung. Es macht unsere Angst, das ist der Tod, der uns umklammert. Das macht schöner! Erlösung macht schön. Nur erlöst sind wir ewig, Kinder des ewigen Gottes waren, sind und werden wir sein. Aber auf der Erde sind diese Gäste, für die wir gehalten werden, nur die Konzeption der Unvollkommenheit, wovon wir befreit werden müssen. Sind wir nicht eine Art von utopischer Essenz, mit Mängeln wie dem Lieben ausgestattet und nur in unseren Träumen endlos? Wer, wenn nicht die Befreiung schafft uns die Möglichkeit, wieder Kinder des einen Gottes zu werden und als Ewige zu leben?- Ja, ich habe begriffen, deine Schönheit ist Abbild der Ewigkeit. Aber wo ist deine Angst? Du bist so fest, so sicher, so... Im Entsetzen, Lisa, ahnen wir Unsterblichkeit. Komm, befreien wir uns!" Bei den letzten Worten war er auf die Knie gesunken und hatte die Hände gefaltet, als erwartete er Isas Segen.
    Isa blieb liegen, aber ihre Hände wurden kalt. Die Bauchdecke hob sich in kurzen Abständen. Johann-Jakob war aufgestanden, als ob er den erwarteten Segen empfangen hätte und näherte sich seinem Modell, seiner Geliebten, seiner fleischgewordenen Sehnsucht. Behutsam zog er die Decke zu Boden, rückte Isas Kopf in die ihm genehme Position. Doch auf seinem Gesicht verzerrten sich die Züge, sein Gesicht war blöd und tot. Eine entsetzlicher Verdacht stieg in Isa hoch: "Welche Vollendung meinst du?" schrie sie entsetzt und wollte aufspringen.
    Doch Johann-Jakob drückte sie in die alte Position. Sie wehrte sich weiter, wollte sich entwinden. Sie kämpften. Vom Hals riß er das Holzkreuz ab. Isa schrie um Hilfe, doch Johann-Jakob war schon längst jenseits aller wirklichen Wahrnehmungen. Er drückte zu.
    "Du birgst Angst, sie ist dein Kind. Laß es heraus! Ich bin die Ahnung in deiner Tiefe, in deinem reichen Schoß. Das habe ich an dir erfahren. Ich mache dich ewig in diesem Augenblick. Ein Opfer unsrer Härte. Vor dem Altar der Kunst. Ich muß dich malen, wie sich die plastische Natur das Bild dachte: ohne den Abfall, den die Zeit dir anhing. Dein Stoff widerstrebt zwar, aber erste Risse sind unvermeidlich gewesen. Nur ein wenig schimmert der reine Glanz noch hindurch, die Idee, die dir auf den Weg gegeben. Ich will sie ergründen.- Du kamst zu mir, um zu lernen von den Gründen, von den Tiefen. Ich habe dich erwartet. Ich schaffe unser Kind, ich bin der Vater. Ich drücke, drücke, drücke dieses Kind heraus und du bist frei. Frei von allem, wer wünschte sich das nicht. Frei von der Erinnerung, frei von der Empfindung, frei von Leid und Liebe." Er ließ los. Isa sank tot zu Boden. Er setzte sie mit den verzerrten Zügen in die angestammte Position, versicherte sich, daß sie nicht würde wieder irgend etwas verändern können und holte den trockensten Pinsel aus einem leeren Wasserglas, tauchte den ins Wasser einer Waschschüssel und malte Isas Haut. "Es ist zu hell", stellte er nüchtern fest. "Ich muß das Leuchten erfassen. Jetzt oder nie. Ich muß sie auffangen und für die Ewigkeit behalten. Jetzt oder nie! Wer, wenn nicht ich!- Nur, wird sie so bleiben? Nein, muß mich eilen, bevor sie sich wieder bewegt und alles verloren ist. Ja, jetzt ist's schön. Mein Gott, bist du schön, Lisa! Nie sah ich einen Menschen mit reineren Zügen, rein und ebenmäßig, zart und doch mit einem Quentchen Charakter. Du bist keine Puppe, auch wenn andere oberflächlichere Menschen das behaupten mögen. Sag nichts dazu! Du zerstörst nur meinen Eindruck. Dein Schweigen ist das dir Gemäße. Schweig weiter und genieße diesen Augenblick des unerprobten Höhepunkts! Höhepunkt? Ein wenig erinnerst du mich da an jemanden. Wenn man die Haare... Nein, wir belassen es dabei. So ist die Position. Wir probieren das jetzt und wollen doch einmal sehen, ob nicht alle das schön finden müssen, ob es nicht allen gefällt!"


    Er faselte noch eine ganze Weile so fort...


    Nachdem er die Kerzen auf dem Tisch ausgeblasen hatte und im Zimmer fast völlige Dunkelheit herrschte, ging er zur Staffelei zurück und malte weiter: "Ja, so ist's gut", murmelte er. "Die Farben, sie leuchten jetzt kräftig, ich finde Gestalt. Ja, jetzt ist's gut."

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Die Augen des Malers

    Habs gründlich gelesen, Ed. Es ist ein Text, der weit über meinen bescheidenen Beitrag hinausgeht. Auf der Grundlage läßt sichs aber nicht diskutieren. Dein Text ist zu gut und erdrückt meinen. Ich werde nen eigenen schreiben, zumal sich unsere Thesen widersprechen.

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Augen des Malers

    Lyrik vs. Prosa: hier sieht man den Unterschied, werd ich als Beispiel über den Arbeitstisch hängen, (aber schon Goethe sinnierte: mischt mir nicht die Sphären!).
    Man mag an diesem Forum mäkeln, aber solche Splitter findet man in anderen nicht.


    Gut so.
    Lester.




    PS. Aber Kunst 'subjektiv'?, nein, oder selten: sie ist Verabredung, oder?

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Augen des Malers

    ...ich hab das Gedicht damals wohl nicht genau gelesen. Jetzt aber. Es ist vorzüglich. Und Omar weiß, worüber er schreibt. Mag sein, er, Omar, ist nicht jedem genehm, aber mit etwas gutem Willen, ist er in Liebe zu tragen. Nur Lumpen sind bescheiden.

  8. #8
    resurrector
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    AW: Die Augen des Malers

    Ja, auch heute gefällt mir Omars Ötzi. Es gibt wohl Lebenssituationen, die ewige Reize auslösen. Bei mir ist's die Vorstellung, als ein Maler in einem Dachstübchen zu leben, eine Verbindung von Spitzweg, Ebert und Baudelaire. Irgendwie so. Ja ja, ich weiß, Baudelaire war kein Maler, aber ich verbinde ihn mit einer Lebensart, die mich verlockt.
    Einen Existenzkampf zwischen den Texten sehe ich nicht, auch keine Erdrückung von Omars kürzerem Text. Es sind verschiedene poetische Momente: das eine greift sich konzentriert das Verhältnis des Künstlers zu seinem "Objekt" heraus und verdichtet es; das andere will die depravierte Existenz in der Täter-Opfer-Perspektive zeigen, wobei hier der dramaturgische Kontext fehlt, denn der Auszug stammt aus meinem Roman "Herbstzeitlos".

    Ich freue mich jedenfalls, diese beiden Texte dem Forum wieder zur Verfügung stellen zu können.

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