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Thema: Jahr der Jahre

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Jahr der Jahre

    Es war das Jahr der Jahre, die nackten Kaninchenjungen lagen in den Ställen wie rosa Würste aufeinander, und die Erwachsenen scheuchten uns fort, damit wir das nicht sahen, denn es war ein obszöner Anblick, der sie an viel Schlimmeres erinnerte als an rosa Würste, aber wir schlichen heimlich hin, und Jockel entzündete ein Streichholz, und die rosa Haut der Jungen widerspiegelte die Flamme, und unsere Gesichter waren gerötet vor Eifer, aber es war nicht genug, dies zu sehen, denn tagsüber kamen die Sträflinge mit den Stubben, hauten mit den Äxten auf die Stubben ein, und die Wörter hatten keine Angst vor den Äxten, weil, sie hatten schwarze Ledertaschen an den Gürteln, und in den Ledertaschen steckten die Dinger, die knallen konnten, und was dabei rauskam, hatten wir gesehen, als einmal ein Schwein nach so einem Knall schwabbelnd am Boden lag, keiner will schwabbelnd am Boden liegen, und deshalb hatten alle Sträflinge Angst vor den Wörtern, und der Gefängnisdirekter blies abends um zehn den Zapfenstreich für alle, nein, nur scheinbar für alle, er blies ihn eigentlich für Frau Claasen, die Frau des Wachtmeisters, und der Wachtmeister war vermißt, er lag im Kompost und war vermißt, nur seine Stiefel sahen hervor, und aus den gelben Kürbisblüten schmetterte das Tätterättä, und wir marschierten mit durchgestreckten Beinen vor der Gefängnismauer auf und ab, und die Frauen dachten, wir sähen nicht zu ihnen hin, wenn sie sich unter den Lebensbäumen aufstellten und den Männern die Brüste zeigten, aber wir sahen hin, und es war ebenso verboten und schrecklich wie die rosa Kaninchenwürste, mit niemand konnte man drüber reden, aber wozu auch, abends im Bett, wenn das Signal so sehnsuchtsvoll schmetterte und Frau Claasen am Fenster stand und nur Angst hatte, der Kerl aus dem Kompost könnte aufstehen und kommen und vor der Tür stehen und sein Recht verlangen.

  2. #2
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    AW: Jahr der Jahre

    Aber Hallo Quoth...
    mir gefällt es, Aber das wußtest Du ja - oder ?

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Jahr der Jahre

    Das sind die Traurigkeiten eines Lebens in Wiehl.


    "Hätte ich die Wahl zwischen Kummer und Nichts, ich wählte den Kummer!" So kömmt es mir vor.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Jahr der Jahre

    Dieser Text hat mit meinem jetzigen Wohnort nichts zu tun.
    Freut mich, daß du ihn magst, Kyra.


    Jahr der Jahre

    II

    Immer war er voll besetzt, der mit dunkelgrünem Linoleum eingelegte Riesentisch im Wohnzimmer, das einmal Büro war, es gab zwar nichts, aber das reichlich, zum Beispiel Strohgrütze, die Spelzen wurden ringsum am Tellerrand aufgereiht, bis er aussah wie ein Heiligenschein, und Frau van Genees aus Belgien wohnte im Karzer, weil nichts andres frei war für sie, sie suchte nach ihrem Verlobten, aber sie fand ihn nicht, und pinkelte nachts in ein Weckglas, weil sie sich gruselte vor dem langen Weg, und dies Weckglas trug sie morgens unter den Augen der vielen Wartenden zum Lokus, in den Jockel ein Loch geschnitten hatte, um zuzuschauen, wenn sie den Rock hochstreifte, und dann sagte er, er hätte die Kokosnuß gesehen, und wir staunten, was es da alles zu sehen gab, Kokosnüsse, Feigen, Pflaumen und Zwetschgen, Zigeuner tanzten im Hof in bunten Kleidern, die Frauen hielten die Hand über den Kopf und stampften mit den Füßen, wir hatten eine Bande, die sich aufs Kippensammeln geworfen hatte, vor dem Präsidium stand ein Schild: "No smoking", und die Tommies warfen ihre Chesterfields weg, wenn sie das lasen, wir Kleinen sammelten die Kippen auf, die Großen beschützten uns vor anderen Banden, denn die Stelle war ergiebig, und immer wieder bebte die Erde von den Sprengungen, sie hatten das Arsenal gefunden und sprengten es, Minen und Torpedos und Wasserbomben waren da gelagert, und es blitzte in den blauen Himmel, wenn die Depots in die Luft flogen, die Fensterscheiben klirrten und die Sträflinge standen hinter den Gittern, riefen den Frauen was zu, und die Frauen rissen sich die Blusen auf, und es waren immer die Männer, die drinnen, und die Frauen, die draußen waren, und Frau van Genees ging durchs Gefängnis, und weil sie den richtigen nicht fand, suchte sie sich einen anderen aus, und der war froh, daß sie ihn nahm, und zog fort mit ihr nach Schaleroa, denn so hieß das, wo sie herkam, und niemand trug mehr ein Weckglas voll Pipi durchs Präsidium, und Jockel hatte nichts mehr zu kucken durch sein selbstgebohrtes Loch.


    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 08. Oktober 2002 editiert.]

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Jahr der Jahre

    Dieser Text gefällt mir besser als die anderen. Er ist freier, finde ich. Lässt mehr Raum für Bilder.

  6. #6
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    Post AW: Jahr der Jahre

    III


    In den unteren Amtsräumen wohnten auch welche, welche eben, nicht Elche, und sie hatten auch einen Namen, aber der tut hier nichts zur Sache, es waren "Ausgebommte", das zweite B ließen wir weg, sie kamen aus der Großstadt und hatten den ganzen Tag das Radio an, und Rolli hatte einen Plattenspieler, von dem der Arm ab war, aber er hielt die Nadel mit zwei Fingern in die Rille, und wenn wir dann das Ohr nah an seine Hand und die nudelnde Scheibe brachten, hörten wir den Badenweiler Marsch und Schovinetza und so Zeug aus der Hakenkreuzzeit, und Rolli hatte mehrere Stapel Hefte über Billy Jenkins, alle außer Jockel bewunderten ihn, weil er wußte, was ein Kaubeu ist und wie man aus Wäscheleine ein Lasso macht und benutzt, wir spielten die Kühe, und er fing uns ein, ich brach mir den Arm dabei, es tat nur einen Tag weh, dann hatte ich einen Gips, aus dem die verrottende Haut stank, und alle wollten mal dran riechen, und die Ausgebommten feierten, da? niemand im Präsidium schlafen konnte, der Zapfenstreich des Gefängnisdirekters war kaum noch zu hören, Frau Claasen stand am Fenster und ängstigte sich, weil der Gefängnisdirekter gleich in ihr Bett kommen würde, sie hatte Angst, der Lärm könnte den Mann im Kompost wecken, Frau van Genees pinkelte in ihr Weckglas und dachte an ihren Verlobten, der einen Totenkopf auf der Mütze gehabt hatte, die Ausgebommten tobten in den früheren Amtsräumen, die rosa Würste in den Kaninchenställen wälzten sich umeinander, und um Mitternacht kreischte eine Frau, ich weinte vor Angst, und Vilma setzte sich an mein Bett und beruhigte mich, aber sie lauschte auch, und der Schrei wiederholte sich, und sie sagte, na, sagte sie, den Kopf wird man ihr nicht abgehackt haben, sonst könnte sie ja nicht mehr schreien, und die Ausgebommten drehten die Musik immer lauter, das ist der Alkohol, sagte Vilma, ich hörte das Wort zum ersten Mal, der verdammte Alkohol, sie haben zu viel davon, das ist alles der Schwarze Markt.


    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 10. Oktober 2002 editiert.]

  7. #7
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    AW: Jahr der Jahre

    großartig, quoth!
    ohne luft zu holen!
    sprudelt... -
    man soll ja nicht, eber neigt dann doch dazu - vergleichen mein ich... -
    wußtest du, daß jack kerouac (robertus mag den nich, aber hanni weiß wovon ich nuschel-...) auf papierrollen schrieb, weil ihm das umblättern zu müßig?

  8. #8
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    Post AW: Jahr der Jahre

    IV

    In den Plumpsklos wallten die Würmer wie Kornfelder im Sommerwind, und die Hühner glotzten verdutzt, wenn man ihnen ein langes Gras wieder aus dem Schnabel zog, und in ihrem warmen Po konnte man das Ei tasten, das dort wuchs, und die Schweine prusteten, daß dir der Treber um die Backen flog, wenn du ihnen einen Strohhalm ins Nasenloch schobst, und Leni hatte rote Punkte auf dem Hintern, und kleine dumme Jungs dachten, alle Mädchen hätten da rote Punkte, und die Sträflinge hatten Stoppelbärte und hörten mit dem Hacken und Sägen auf, wenn wir kamen, bettelten uns an um Tabak, und manchmal hatte ich Kippen, gab sie ihnen und kriegte dafür eine rostige Rasierklinge oder ein gesprungenes Brennglas oder einen Siegelring oder eine Kette mit einem Amulett aus Haaren, und wir gingen hinunter in den Papierkeller, da lagen Wehrpässe hingeschüttet, aus denen stellten wir eine Armee auf und ließen sie marschieren zum Scheppern auf einen Blecheimer, und Jockel peitschte den Kreisel, daß er tanzte, und die Zigeunerfrauen stampften den Boden und schauten wütend über die Schulter, es blitzte in den knallblauen Himmel, und die Erde erzitterte, wenn wieder ein Bunker in die Luft flog, und Herr Kiekbusch kam mit einem Körbchen voller Eier, Speck, Butter und Käse, wir hatten eine Woche Fettlebe, deshalb nannten wir ihn unseren Engel, doch dann gings zurück zu Strohgrütze und Heißgetränk entweder Himbeer oder Waldmeister, und Jockel und Rolli wälzten sich im Staub und zerbissen einander knackend die Ohrmuscheln, und die Gefangenen standen hinter den Gittern und spornten Jockel an, denn Rolli Ludemann war der Neffe des Gefängnisdirekters, und sie schrien: "Ludemann, Ludemann, wir zünden dir die Bude an!" und lachten sich kaputt, doch das Lachen verging ihnen, wenn Herr Ludemann erschien und sein Notizbuch zückte, denn wer da hineinkam, kriegte Verschärfung, und einmal hat er mich zu vier Sträflingen in die Zelle gesperrt, und ich habe geschrien und mit den Fäusten an die Tür getrommelt, weil die stoppelbärtigen Männer mich so komisch ankuckten, es sollte ein Spaß sein, aber ich fand es nicht spaßig.






    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 10. Oktober 2002 editiert.]

  9. #9
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    AW: Jahr der Jahre

    tja , so ist das... -
    dostojewski, auch noch, aufzeichnungen aus einem totenhaus... -
    er macht punkte, du schnaubst...-
    mir gefällts...
    das leben ist schön...

  10. #10
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    AW: Jahr der Jahre

    Das kommt besser als die langen Texte an, weil es ein netzgemäßeres Format hat.


    Nein, das stimmt nicht. Es schwingt etwas anderes, freieres mit.

  11. #11
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    AW: Jahr der Jahre

    Lieber Quoth,
    vorab: ich hab's gern gelesen...

    Schade, dass Dir diese assoziativen Bewusstseinsströme nicht schon dreißig Jahre eher kamen, Du sie seinerzeit nicht schon beherrschbarer aufzeichnen konntest. Aber wer weiß? Vielleicht wäre dann an einigen Stellen etwas Betuliches in Kempowski-Manier herausgekommen. So ist es allemale besser, weil direkter, erstmal... Danach kommt die Kunst, die Arbeit des Verdichtens, des Kreisens um eine erzählerische Mitte und dabei hat Dir dann der liebe Kempowski (den mag ich manchmal) wirklich etwas voraus. Hier sind es eben nur Fetzen der Erinnerung aus einem "Jahr der Jahre". Man müsste dann etwas draus machen, wenn es länger tragen sollte, wenn es Athem (wie Robert sagen würde) haben soll, eben eine Perspektive eine erzählerische Mitte, von mir aus eine Art plot müsste her... sonst bleiben nur Fetzen, weil es fetzt und fetzig ist, aber nur Effekt, lieber Quoth, willst Du ja auch nicht, oder?


    herzlichst uis

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Jahr der Jahre

    Bin wohl der typische Fall von Spätentwickler - aber besser spät als nie! Und verschon mich mit dem Verdichten - ich schwärme für alles Ausufernde!

    Gruß Quoth


    Mit Verlaub:


    Jahr der Jahre V


    Überall im Präsidium roch es nach Aktenstaub, nach Bodenöl und alter, vertrocknender Kernseife, Spucknäpfe standen an die Fußleisten gerückt, riesige Luftbefeuchter hingen an den geblähten Heizkörpern, die immer kalt waren, die Lampen waren grün wie die Linoleumbeläge auf den Tischen, Grün schont die Augen, sagte Emil, blätterte in der dicken Akte, in die sich sein Leben verwandelte, denn er wurde entnazifiziert, und weil er allergisch auf Papier war, zeigte er mit mit dem rosigen kleinen Finger mit dem spitz zulaufend geschnittenen Fingernagel auf die Stelle, über die er sich ärgerte, und er spitzte den Mund, und Vilma stand hinter ihm, die Hände auf seinen Schultern, und sagte, es wird nicht so heiß gegessen, wie gekocht, und wenn ich vom Schwarzmarkt kam, wo wir Tabak in Speck und Butter umgetauscht hatten, dann schrie sie, o mein Gott, wo hast du das her, der Junge wird ein Dieb, wird ein Dieb, o mein Gott, und ich erklärte es ihr, aber sie wollte es nicht hören, aber wenn ich mit dem Speckstück wegging, riß sie es mir aus der Hand, wandte die Augen ab und versenkte es in der Suppe auf Hamsterkartoffeln, und die Speckschwarte wurde aufgehoben, man konnte sie vielleicht noch mal ausleihen, denn es gab viele, die hatten noch weniger als wir, z.B. Horwetters, die wohnten in der alten Remise und nagten am "Hungertuch", ich stellte mir ein fleckiges Tischtuch darunter vor, das sie auslutschten, sie sagten Paarchen zu Brötchen, hatten aber lange keins gesehen, der Mann war blind und faßte immer alles an, am liebsten die Zigeunerinnen, die lachten und schrien und ließen ihn gewähren, weil er ein armes Schwein von Kriegsblindem war, und die Erde erzitterte, es blitzte in den blauen Himmel, und Frau van Genees schaute aus dem Fenster des Karzers, ob unter den Sträflingen ein neuer war, der ihr Verlobter sein konnte, und wir marschierten an der mit Stacheldrahtspiralen belegten Gefängnismauer auf und ab, die Wehrpässe dutzendweis um den Hals, Jockel schlug auf den Blecheimer, die Frauen standen unter den Lebensbäumen und tuschelten, und wir hörten Rolli schreien und hörten den Fahrradschlauch klatschen, das war sein Vater, er war wieder betrunken und nahm dann den Schlauch immer so, daß das Ventil Rollis Hintern zerfetzte.


    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 13. Oktober 2002 editiert.]

  13. #13
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    AW: Jahr der Jahre

    sehr gerne gelesen,
    weil
    interessant,
    stellenweise sehr amüsant,
    und vor allem
    unspektakulär im wort, sprich, bei mir springt der funke über: da schreibt jemand aus lust&freude, da glühen die tasten. ein text, weder zwanghaft originell noch hochtrabend literarisch sein wollend.
    nach hausmannsart - wie liebevoll von hand mit schlichtfeile gefertigte schwalbenschwanzpassungen.

    pass auf quoth, rutsch nich auf der glibbergrünen schleimspur aus

    lg
    e.

  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Jahr der Jahre

    5 Sätze. Alles drin, aber du hörst auf, wenn anfangen könnte, weh zu tun. Was war mit den roten Kaninchenjungen, den Würsten, was sah man durchs Loch, warum schrie die Frau, was ist mit Frau Claasen..
    Ich höre Hintergrundmusik, lesen will ich das große TamTam.


    Aber kaufenswürdig.

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Jahr der Jahre

    Es war das Jahr der Jahre, die nackten Kaninchenjungen lagen in den Ställen wie rosa Würste aufeinander, und die Erwachsenen scheuchten uns fort, damit wir das nicht sahen, denn es war ein obszöner Anblick, der sie an viel Schlimmeres erinnerte als an rosa Würste, aber wir schlichen heimlich hin, und Jockel entzündete ein Streichholz, und die rosa Haut der Jungen widerspiegelte die Flamme, und unsere Gesichter waren gerötet vor Eifer, aber es war nicht genug, dies zu sehen, denn tagsüber kamen die Sträflinge mit den Stubben, hauten mit den Äxten auf die Stubben ein, und die Wörter hatten keine Angst vor den Äxten, weil, sie hatten schwarze Ledertaschen an den Gürteln, und in den Ledertaschen steckten die Dinger, die knallen konnten, und was dabei rauskam, hatten wir gesehen, als einmal ein Schwein nach so einem Knall schwabbelnd am Boden lag, keiner will schwabbelnd am Boden liegen, und deshalb hatten alle Sträflinge Angst vor den Wörtern, und der Gefängnisdirektor blies abends um zehn den Zapfenstreich für alle, nein, nur scheinbar für alle, er blies ihn eigentlich für Frau Claasen, die Frau des Wachtmeisters, und der Wachtmeister war vermißt, er lag im Kompost und war vermißt, nur seine Stiefel sahen hervor, und aus den gelben Kürbisblüten schmetterte das Tätterättä, und wir marschierten mit durchgestreckten Beinen vor der Gefängnismauer auf und ab, und die Frauen dachten, wir sähen nicht zu ihnen hin, wenn sie sich unter den Lebensbäumen aufstellten und den Männern die Brüste zeigten, aber wir sahen hin, und es war ebenso verboten und schrecklich wie die rosa Kaninchenwürste, mit niemand konnte man drüber reden, aber wozu auch, abends im Bett, wenn das Signal so sehnsuchtsvoll schmetterte und Frau Claasen am Fenster stand und nur Angst hatte, der Kerl aus dem Kompost könnte aufstehen und kommen und vor der Tür stehen und sein Recht verlangen.
    Könnte er wohl. Kernsatz? Nicht erkennbar. Hat's Spaß gemacht? Bin beim Lesen beinahe verlorengegangen. Es ist nicht die Länge des Satzes, sondern die Wiederholung der konstruierten Teile. Streich fünf UND, mindestens. Koordinierende Konjunktionen gibt es wie Sand am Meer: ALLEIN, SONDERN, (UND), ODER, ABER, DENN, DESHALB, DAHER, FOLGLICH, DIESE DINGE, SOWOHL, DARIN... (mehr fallen mir jetzt nicht ein)


    Konstruiere den Satz so um, daß Wiederholungen als solche nicht erkennbar sind! (Solltest Du das mit dem UND als konstituierendes Element Deines Satzes begriffen haben wollen, so wisse: Ein Kritikus mag das nicht, wenn einer mit dem Holzhammer daherkömmt! Im übrigen lektoriere ich ungern Texte, die dann bei forenfremden Wettbewerben eingereicht werden.


    Zum Inhalt: Der Anfang von etwas.

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