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Thema: Notiz über Vertrauen

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Notiz über Vertrauen

    Notiz über Vertrauen


    Hans hielt sich krampfhaft an dem dünn gepolsterten Sitz des uralten Jeeps fest. Sicherheitsgurte gab es nicht, der Haltegriff an seiner Tür war abgebrochen. Seit fast vier Stunden waren sie schon auf diesen staubigen Pisten unterwegs, die für ihn alle gleich aussahen. Plattes Land, wenig Grün, einige Bäume. Leere.
    Hans warf einen Blick zu Martha hinüber. Sie hatte noch immer den erwartungsvoll strahlenden Gesichtsausdruck, den sie heute Morgen beim Besteigen des Geländewagens gehabt hatte. Zwei Kameras hingen um ihren Hals, die Videokamera hielt sie auf den Schoß gepresst. Ihr graues Haar flatterte, sie schien die harten Erschütterungen nicht zu bemerken.
    Hans misstraute den Fahrkünsten ihres schwarzen Führers. Fast meinte er, dieser würde die Schlaglöcher absichtlich ansteuern.
    Eine Safari. Martha hatte sich diese Reise seit über vierzig Jahren gewünscht. Er hatte sie immer wieder verschoben, weil ihn weder Afrika, noch der mögliche Anblick wilder Tiere reizten. Wenn Hans Tiere sehen wollte, ging er in den Zoo oder sah sich einen guten Dokumentarfilm an. Das reichte ihm völlig.
    Hans zog Bildungsreisen vor, alte Kulturen, Ausgrabungsstätten - selbst ein langweiliger Urlaub am Meer, wie sie ihn früher mit den Kindern machen mussten, war ihm noch lieber, konnte er da doch zumindest in Ruhe lesen. Aber in diesem Jahr hatte er sich erweichen lassen, was er bereits wenige Stunden nach der Ankunft bedauerte.
    Heute der geplante Ausflug.
    Staubige, heiße Luft auf seinen Augen, in seinen Lungen, ein Knirschen von Sand im klebrigen Mund. Um vielleicht um in der ferne eine Gruppe Elefanten, Giraffen oder ein Nashorn zu sehen. Wäre es nicht so unbequem gewesen, hätte er sich einfach nur gelangweilt.
    Ein starker Schmerz in seinem linken Arm ließ ihn zusammenfahren. Das kam nicht von Muskeln oder Gelenken. Dann begannen die unerträglichen Magenschmerzen. Hans war Arzt, die Symptome waren ihm sofort klar. Ein Infarkt. Ein Herzinfarkt hier mitten in der afrikanischen Steppe, keine Stadt, kein richtige Krankenhaus im Umkreis von 300 Kilometern.
    Er war bereits einmal nur knapp dem Tod entronnen, gerettet hatte ihn damals, den Infarkt direkt vor einer Klinik zu haben.
    Hans fühlte den kalten Schweiß, merkte wie seine Haut sich veränderte. Er wollte Martha etwas sagen, ihm wurde bereits schwummrig, krächzend wandte er sich ihr zu. Kein verständliches Wort kam ihm über die vertrockneten Lippen. Martha drehte sich ihm zu. Ihr fröhliches Gesicht, wurde durch die jähe Besorgnis zu einer komischen Fratze verzerrt - als könnten die Gesichtsmuskeln der Plötzlichkeit des Schocks nicht folgen.
    Achtlos ließ sie die Videokamera zu Boden fallen, um an der Schulter des Fahrers zu rütteln.
    Hans wurde durch das heftige Bremsen nach vorne geschleudert. Er hatte keine Kraft mehr sich festzuhalten. Immer wieder beschwor er, was er seinen Patienten in einer solchen Situation immer wieder gesagt hatte. Bleib ruhig, bleib ganz ruhig. Reg dich nicht auf. Gleich wird der Notarzt da sein..
    Nur hier gab es keinen Notarzt. Ruhig zu bleiben, war auf jeden Fall richtig. Das Herz nicht noch zusätzlich beanspruchen. Atmen, tief atmen. Ein und aus-.. ein und aus.
    Er versuchte dennoch dem aufgeregten Gespräch zu folgen, was da über seinem Kopf geführt wurde. Inzwischen war er fast ganz von seinem Sitz gerutscht. Martha hatte versucht ihn auf ihren Schoß zu ziehen, aber er klemmte irgendwo fest. Die Schmerzen waren unerträglich, aber so diffus, er hätte nicht schreien wollen. Es war wirklich das Gefühl, als würde nach seinem Leben gegriffen, es gab keine Worte dafür. Darum konnte Hans es auch nicht denken, nur fühlen. Es ergriff ihn, um ihm gleichzeitig alles zu entreißen.
    Marthas Stimme drang zu ihm durch - „mach bitte die Augen auf, sag doch etwas“-
    Mühsam öffnete er die Augen, konnte aber nichts als milchige Helligkeit erkennen. Hören konnte er gut, verfolge die vergeblichen Versuche des Fahrers mit seiner Station Kontakt aufzunehmen. So weit er verstand, waren wohl alle über die Mittagszeit weg. Frühestens in drei Stunden jemand zu erreichen..
    Drei Stunden“..lächerlich. Bis dahin war er tot, so tot wie die vertrockneten Knochen die bisweilen am Rande der Straße lagen.
    Martha wurde hysterisch. Das ärgerte Hans, er haßte es, wenn bei Notfällen die Frauen nur weinend im Weg standen. Einen Augenblick dachte er, dies sei eigentlich alles ihre Schuld.
    Ungerecht?
    Na und?
    Er hatte nicht hierher kommen wollen. Vielleicht sollte er jetzt lieber an etwas Wichtiges denken, wenn er gleich stürbe, wollte er nicht einen sinnlosen, kleinlichen letzten Gedanken haben. Liebe. Daran sollte man beim Sterben denken.
    Inzwischen war der Wagen wieder angefahren und schien sich in rasender Geschwindigkeit zu bewegen. Die Stöße verstärken seine Schmerzen. Plötzlich verstand er was Martha wohl schon eine ganze Weile in sein Ohr schrie, wir fahren zu einem Heiler, das ist im Augenblick die einzige Möglichkeit. Der Fahrer sagt, er sei der beste Medizinmann des ganzen Landes. Bitte halt so lange durch, bitte halt durch.. bitte..
    Der Tod breitete sich sehr rasch in Hans Herz aus, sonst hätte er gelacht. Er, der erfahrene Kardiologe sterben auf dem Weg zu einem afrikanischen Medizinmann.
    Er muß wohl zwischenzeitlich das Bewusstsein verloren haben, denn plötzlich lag er in einem dämmrigen Raum. Seine Hände tasteten über die Unterlage, es schien Leder zu sein. Mit großer Anstrengung führte er die Hand zur Nase und schnüffelte an seinen Fingern. Ranziges Fett, gemischt mit beizendem Uringeruch. Das konnte kein Krankenhaus sein, selbst in Afrika war man besser ausgestattet.
    Hans konnte jetzt besser sehen, der Schleier war dünner geworden. Aber das bedeutete nichts. Sein Herz flatterte, sein Atem war flach. So sind die letzten Minuten.
    Etwas Großes denken, fiel ihm wieder ein. Liebe. War Martha seine große Liebe - sie war es nicht, das hatte er immer gewusst, es ihr aber nie gesagt. Ja, Ruth damals. Aber sie wollte sich nicht binden, wollte keine Familie. Dann kam Martha. Was war es was er für sie empfand? Sie war immer wichtiger geworden, im Laufe der Jahre. So wichtig, er hätte sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen können. Aber war das Liebe? Oder war das vielleicht sogar die wirkliche Liebe? Mit was konnte er das Empfinden vergleichen? Sie war so wichtig für ihn, wie seine Beine, seine Arme, seine Augen. War ein Stück von Ihm geworden. Er versuchte zu sprechen, aber war viel zu schwach dazu. „Beine“, stammelte er.
    Martha sprach auf englisch mit dem Fahrer, der übersetzte dann alles einer Gestalt die langsam in das Gesichtsfeld von Hans rückte.
    Ein wirklicher Medizinmann, in seinem Haar stecken Federn, bunte Perlen, zarte Knochen, sein Gesicht war mit weißen Streifen bemalt, er hatte keinen einzigen Zahn mehr. Er schien uralt zu sein.
    Da war wieder Martha. Flehend, bittend, du musst ihm vertrauen, sonst kann er dich nicht heilen, du musst ihm einfach nur ganz vertrauen.
    Bitte, bitte vertrau ihm doch.


    Vertrauen? Hans fiel das Atmen immer schwerer. Die Tür zum Leben schloß sich immer weiter, nur noch ein winziger Spalt.
    Vertrauen! Er war bereit zu vertrauen. Aber wie sollte er so einer komischen Figur vertrauen?
    Hans versuchte sich zu zwingen, auch wenn er sich lächerlich machte, dies war die letzte Möglichkeit. Es ging nicht.
    Sein letzter Gedanke war - dir vertraue ich Martha, aber?


    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 03. November 2002 editiert.]

  2. #2
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    AW: Notiz über Vertrauen

    Oh Kyra,
    da hast Du uns etwas aufgegeben.
    Afrika. Safari. Ehe. Tod. Death in the Afternoon. Hemingway. Nun gut, das ist Deine Notiz. Aber eine Notiz ist es nicht, nicht mehr. Der Text ist zu lang, Kyra, und ich sage weder, dass er schlecht ist, noch dass er gut ist, er ist zu lang, er hat für den Stil Deiner bisherigen Notizen ein Zuviel an Mitte. Und dann noch Vertrauen. Wieder Hemingway. Täuschung. Und dann das Bild... Noch eine weitere Dimension tut sich hier auf. Ich muss sortieren. Nein Kyra. Siedle es mal nicht in Afrika an, mein erster Vorschlag. Amazonas und Schamanen machten es mir rezeptionsfreudiger, weil unbelastet von Traditionen. Ich denk aber gern noch mal über alles nach...jenseits von Afrika vielleicht.

    herzlichst uis

  3. #3
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    AW: Notiz über Vertrauen

    Der Text ist zu lang, Kyra, und ich sage weder, dass er schlecht ist, noch dass er gut ist, er ist zu lang, er hat für den Stil Deiner bisherigen Notizen ein Zuviel an Mitte.

    Das stimmt, aber ich weiß in diesem Fall nicht, wo kürzen. Es geht im Liebe, eine Beziehung in der die Frau zurückgesteckt hat, um den Anspruch der traditionellen Wissenschaft und die Unmöglichkeit Vertrauen fassen zu erwingen. Und es geht um die Ironie des Schicksals, wer weiß, hätte er vertrauen können.... wäre er gerettet worden?
    Ich weiß es nicht!
    Afrika ist mir näher als Südamerika. Ich wollte keine Feuchtigkeit. Trocken sollte das Klima sein. Ausgedörrt. Amazonas geht nicht, ist zu üppig. Das Bild ist eine in den Kitsch stilisierte Version des Vertrauens.
    Aber ich denke dabei nie an Hemingway. Der ist wunderbar. Davon bin ich so weit entfernt wie vom Mars.


    Danke Uis. Ich denke darüber nach. Aber Vertrauen ist so ein merkwürdiges Thema
    Aber es muß Afrika sein. Trocken. Das gehört zu Vertrauen. Trockenheit. Nicht Schwüe. (in meinem Bild)




    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 03. November 2002 editiert.]

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Notiz über Vertrauen

    Kein guter Einfall. Nur Stückwerk. Notiz, das heißt rums bums zack und platt. Du willst hier etwas entwickeln. Uis findet Hemingway. Wer weiß, vielleicht lächelt er über seiner an den Kopf gehaltenen Schrotflinte, wenn er solche Texte liest. Hemingway! Ich lächle nicht.
    Wenn der Mann schon stirbt, dann darf sein Tod nicht kommen wie Kai aus der Kiste. Und diese Überlegungen?
    nein, Kyra, das ist mißlungen. Die Geschwindigkeitskiste war gut. Die Vertrauenskiste ist es nicht. Es fehlt ihr an der substantiellen Erfassung des Begriffes, der doch m.M.n. in einer Haltung liegt, in der Haltung nämlich, sich auch fürderhin auf jemanden verlassen zu können, dessen Entscheidungen für einen selber Lebenssicherung erzeugen/bedeuten.

  5. #5
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    Lightbulb AW: Notiz über Vertrauen

    Ungenau bezogen, Robert. Wer lächelt? Uis oder Hemingway?

  6. #6
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Notiz über Vertrauen

    Uis habe ich bei der Besprechung dieses Textes nicht lächeln sehen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich hier Textarbeit lohnt, da eine grundsätzliche Fehldeutung des Kernbegriffes jede Textarbeit nur kosmetisch bleiben könnte. Und, ja, ich erkenne hier auch eine Affinität zu Hemingway, die aber nicht in der psychologischen Durchdringung der Helden, sondern vielmehr in dem liegt, was Hemingway gern als Kulisse benutzte: exotische Schauplätze.

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