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Thema: Maria Immak

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Maria Immak

    Kapitel 1


    Wir hatten einen Termin für den 5. Oktober vereinbar. Es war 9 Uhr am Morgen. Der Tag lag trübe und schläfrig über dem Land. Alles schien trostlos und deprimiert. Windlos fielen die Blätter von den Bäumen, wie triste Gedanken, die ohne Bewusstsein auf den Grund der Seele schwebten, um dort zu verwelkten.
    Ohne anzuklopfen und grußlos betrat sie den Raum. Unaufgefordert nahm sie Platz. Ich versuchte, den ersten Eindruck aufzufangen, doch sie wirkte diffus, ungeordnet.
    Ihre Ausstrahlung schlich von ihr weg wie ungeduldige Finger, die alles begreifen wollten.
    Ich lehnte mich zurück, suchte nachhaltig etwas Distanz.
    "Ich bin Marie".
    Das städtische Krankenhaus hatte sie zu mir geschickt. Wahrscheinlich eine endogene Psychose mit manisch-depressiver Färbung. Ich fragte freundlich nach ihrem Befinden.
    "Sie sagten, ich hätte eine Seelenstörung. Aber meines Erachtens ist das Blödsinn".
    Ihre kühlen, grünen Augen blickten abschätzend, als sie hinzufügte:
    "Ich bin hier, damit sie mir bescheinigen, daß ich normal bin".
    Ich blätterte in ihrer Akte.
    "Frau Immak, sie sind Ende Juni in die Psychiatrie des städtischen Krankenhauses eingeliefert worden, weil sie einen Passanten im Stadtpark tätlich angegriffen haben".
    Entrüstet warf sie zurück, daß dieser sie auf unsittliche Art und Weise bedrängt hätte. Reine Notwehr also.
    "Sie lagen splitternackt auf einer Parkbank. Und besagter Spaziergänger wollte sie darauf aufmerksam machen."
    "Ich seh das anders."
    "Warum waren sie nackt?"
    "Ich hatte meine Kleider im Schwimmbad liegenlassen. Menschen vergessen halt Dinge. Was ist schon dabei?"
    "Sie haben nicht bemerkt, daß sie nackt waren?"
    "Nein, Zuhause laufe ich immer nackt rum, wie viele Andere auch. Außerdem war es heiß draussen. Und der Unterschied liegt doch nur in der Örtlichkeit. In der Konsequenz ist es egal, wo ich nackt bin? In Afrika laufen manche Völker auch nackt herum und keinen störts!"
    "Und sie meinen, es ist nicht merkwürdig, nackt auf einer öffentlichen Parkbank zu schlafen?"
    "Warum? Ob im Bett oder auf der Wiese oder auf einer Parkbank. Ist doch egal, wo. Ich sehe keine generelle Abnormität meine Verhaltensweise betreffend."
    "Und was bedeuten ihnen die Wertmaßstäbe der Gesellschaft? Ich meine, es ist bei uns sittenwidrig, nackt umher zu laufen."
    "Jede Kultur stellt bestimmte Regeln auf. Das bedeutet, daß es bezüglich dessen, was in diversen Gesellschaften als "verrückt" beurteilt wird, eine gewisse kulturelle Relativität gibt. Was bei den einen als pathologisch gelten würde, wird in einer anderen Kultur als angemessen betrachtet. Insofern ist mein Handeln kulturübergreifend. Wenn sie verstehen."
    Sie machte mich ein wenig nervös. Ihre Art war beherrscht und stringent.
    "Okay. Frau Immak. Ich schlage vor, daß sie zweimal die Woche zu mir kommen und daß circa ein halbes Jahr lang. Dann sehen wir weiter."
    "Warum?"
    "Ich möchte noch ein paar Dinge mit ihnen klären. Das braucht halt Zeit."
    Sie nickte. Erhob sich vom Sessel, rückte ihr kurzes Kleid zurecht und ging. Als sie die Tür erreicht hatte, bat ich sie, sich weitere Termine von meiner Sekretärin geben zu lassen. Den Nächsten in drei Tagen. Kurz wendete sie ihren Kopf zur Seite, mich im Augenwinkel wahrnehmend. Dann fiel die Tür hinter ihr zu. Nur der Geruch ihres schweren Parfums blieb noch da. Gedankenversunken blätterte ich in ihrer Akte. Dürftige Angaben über ihr Privatleben. Eltern geschieden. Abitur. Beruf: Künstlerin. Ledig. Familienanamnese unauffällig. Ende Juni verhaltensauffällig geworden. Letzten Monat absolvierte sie eine "Performance", wie sie sich ausdrückte, indem sie nackt auf dem Marktplatz das Ave Maria sang und weiße Unterwäsche an die Äste einer Linde hing.
    Ich schloß die Akte, lehnte mich zurück und dachte nach. Seit fünf Jahren befaßte ich mich mit den Mysterien der menschlichen Seele. Anfangs hatte ich das Gefühl, daß in diesen Abgründen ein Sog entstand, der mich zu ergreifen suchte. Oft schien es, daß die Grenze der Wahrnehmung sich in mir ausdehnte, in mir ganz andere Wirklichkeiten ausbreitete. Alles wurde relativ, nichts schien mehr absolut. Dies dauerte fast ein Jahr, bis ich wieder mein Gleichgewicht in mir gewann. Heute weiß ich meine Grenzen, weiß, wo die Normalität anfängt und aufhört. Und doch erscheint mir dies Leben manchmal wie ein Traum, oder wie ein Bühnenstück, wo alle Varianten menschlichen Daseins erlaubt sind.
    Es war mittlerweile elf Uhr und ich verließ meine Praxis in der Absicht einen Blumenstrauß für meine Verlobte zu besorgen. Baccara-Rosen. Fünf Stück. Immer fünf, es war ihre Lieblingszahl. Heute war der fünfte Oktober. Wir kannten uns fünf Jahre.
    Es war ziemlich spät, als ich nach Hause kam. Nachmittags hatte ich noch zwei Termine. Eine larvierte Depression und einen Suizid-Gefährdeten. Danach traf ich zufällig auf der Straße einen alten Studienkollegen und landete mit ihm in einem Café. Wir ließen die alte Zeit wieder aufleben und amüsierten uns köstlich. Irgendwann landeten wir in einer Bar. Tranken Tequila in Hütchen und rauchten schwere Zigarren. Die Rosen landeten im Schoß einer vollbusigen Frau, die uns vom Tisch nebenan nicht nur mit Blicken provozierte. Die U-Bahn brachte mich dann zu ihr. Der Angebeteten. Sie schlief schon, als ich auf leisen Sohlen ins Schlafzimmer wankte. Am Morgen dann das Unvermeidliche. Rechtfertigungen und hingeschleuderte Vorwürfe. Es wäre ein schlechtes Omen für die weitere Beziehung, diesen bedeutungsvollen Abend einfach versoffen zu haben. Entschuldigungen. Tausendfach. Sie vergab mir unter der Bedingung, sie in Zukunft ernst zu nehmen. Ich versprach alles, bekam meine Absolution und ging in die Praxis. Insgeheim erwischte ich mich dabei, wie ich ihr dankte. Wirklich dankte für die Nachsicht, die sie nicht nur einmal für mich hatte. Eine wundervolle Frau!
    Meine Sekretärin teilte mir mit, daß Fr. Immak einen Termin für den achten Oktober erhalten habe.
    Es klopfte an der Tür und eine alte, verlebte Frau betrat mein Zimmer. Sie war gerade 34 geworden und hatte vier Beziehungen hinter sich. Wurde immer wieder verprügelt. Trank seit Jahren literweise Korn. Gebar dazwischen drei Kinder, die nun bei Pflegefamilien wohnten.
    Eine Stunde lang hörte ich ihre Geschichte. Von bösen Männern, Freunde, die sie im Stich ließen. Die Familie, die sich von ihr löste. Ich kam mir vor wie in einer der billigen Talk-Shows. Das Jugendamt nahm ihr die Kinder weg, obwohl sie so fürsorglich war. Das Sozialamt ließ sie glatt verhungern. Alle waren schuldig.
    "Sagen sie, seit wann besteht ihr Alkoholproblem?"
    "Daran ist mein erster Mann schuld."
    "Warum haben sie ihn denn nicht verlassen?"
    "Wegen unserer Tochter. Außerdem hat er mir geholfen. Hat mich von zu Hause weggeholt."
    "Was war denn zuhause?"
    "Mein Vater trank. Er hat mich oft geschlagen."
    "Aber sie haben ihren ersten Mann doch später verlassen?"
    "Ja....weil Peter kam. Aber er schlug er mich auch."
    "Und sie haben sich wieder nicht gewehrt?"
    "Wegen den Kindern."
    "Ach so. Wegen den Kindern. Besser einen Vater, der schlägt, als gar keinen?"
    "Nein."
    "Was denn? Oder lieben sie ihn noch?"
    "Ja. Schon. Er war ja auch oft gut zu uns."
    "Und sie haben ihm deswegen verziehn?"
    "Ja."
    "Ist ihnen eigentlich bewußt, daß sie immer wieder den gleichen Fehler machen?"
    "Wieso ich?"
    Und so weiter und so fort. Noch eine Stunde lang. Am Ende der Sitzung hatte ich das Gefühl, daß sie nicht wiederkommen wird. Ich hoffte es sogar. Diese primitive Schuldabschiebung fand ich zum Kotzen. Dann ihre Sprachverarmung. Sie besaß ein sehr begrenztes Vokabular mit meist negativer Besetzung. Ihre Physiognomie und ihr Schweigen offerierten mir diverse Bezüge zu einer infantilen Schattenwelt, die nie ihr Bewusstsein erreicht hat. Und wirklich: Sie kann nicht anders, handelt instinktiv.
    Es fehlt ihr Intellekt und Selbstverständnis, um ihre Lage objektiv hinterfragen zu können. Diagnose: Therapieresistent.
    Mein Kopf schwirrte, als ich mittags essen ging. Um drei fuhr ich nach Hause und widmete mich ganz meiner Verlobten. Vergaß die fünf Rosen nicht. Nachträglich. Und einen guten Chablis. Die Nacht gehörte uns, sie war sinnig und lustvoll. Doch warum, ich merkte es, wackelten die Gemäuer meiner Belastbarkeit? Bis jetzt schien ich unantastbar und stark, doch etwas im Innern war plötzlich beunruhigt. Meine Träume voll Schweiß.
    Zuviel Stress sagte sie. Übrigens war ihr Name Petra. Eine weibliche Ableitung von Petrus, bedeutet Felsstück oder der Fels. Mein Fels in der Brandung. Sozusagen. Ich fragte mich, ob ich sie liebte. Sie war begehrenswert, ohne Frage. Attraktiv, erotisch. Blond. Sie hatte Sozialpädagogik studiert und interessierte sich sehr für Astrologie. Alle gehörnten Exemplare lehnte sie kategorisch ab. Sortierte ihre Freunde nach Sternzeichen. Jungfrauen schienen ihr zu dogmatisch, wobei sie in mir eine Ausnahme sah.
    Als sie mein Sternbild erfuhr, hielt sie mir eine kritische Exkursion über all meine Unbilligkeiten und nur meinem, so sagte sie im nachhinein, meinem natürlichen Charme und irgendeinem Aszendenten wäre es zu verdanken, daß ich mit ihr als Waage übereinkam. Und so war sie auch, wie eine Waage. Wägte immer ab. Zu leicht oder zu schwer befunden. Mene mene tekel parsin. Und wer ihr Urteil abbekam, war verdammt auf ewig. Eigentlich psychologisch nicht zu begründen. Sie entschied sich für mich. Mit allen Konsequenzen. Das war mir wohl genug. Vielleicht liebte ich sie dafür, daß sie mich akzeptierte. Mir alles verzieh. Es war Wochenende. Wir gingen ins Theater. Nabucco. Als der Freiheitschor sang, drückte ich meine Tränen nach innen. Lächerlich. Danach ins Rigoletto, Pute mit Pinienkernen, Rucula und Pinot Grigio. Angetrunken nach Hause. Sex bis zum Morgengrauen. Ich fühlte mich für Monate gesättigt.


    Pünktlich um 9 Uhr betrat Fr. Immak meine Praxis. Sie trug ein dunkles, langes Woll-Kostüm mit hohen schwarzen Stiefeln. Dazu eine großzügige, weiße Perlenkette. Heute erschien sie mir konservativ und bürgerlich. Klar abgesteckt.
    Steif begrüßte sie mich, setzte sich hin und schlug galant die Beine übereinander.
    "Wie geht es ihnen Fr. Immak?"
    "Danke, bestens. Bitte nennen sie mich Marie."
    "Ok. Marie, ich möchte mit ihnen nochmal über den Vorfall im Juni sprechen."
    "Ich dachte, dies hätten wir geklärt?"
    "Sie bewegen sich nackt in der Öffentlichkeit und, so scheint es mir, mit nicht minder provokativer Haltung. Warum?"
    "Weil Nackheit, wenn sie unbefleckt ist, eine reine und natürliche Erscheinungsform darstellt."
    "Unbefleckt?"
    "Die ersten Menschen schämten sich ihrer Nacktheit nicht. Erst als sie sündigten, versteckten sie ihre Schuld hinter Kleidern. Die Erbsünde war eine kleine faule Stelle in der Seele des Menschen. Diese Faulheit hat sich ausgebreitet, gärt und stinkt in Wort und Tat. Aber das schlimmste ist, daß sie den Sohn unseres Herrn ermordet haben. Gott ist tot, lautet ihre Philosophie. Und wo kein Gott, da kein Gesetz und wo kein Gesetz, da gibt es keine Übertretung."
    "Und sie wollen mit ihrer dargestellten Nacktheit die Menschen missionieren? Ich sehe eher das Problem, daß die Leute ihre Botschaft mißverstehen könnten?"
    "Ich weiß. Die Masse wird es nicht verstehen. Darum suche ich nur bestimmte Seelen, die offen für meine Botschaft sind. Den Rest wird Gott erledigen."
    "Sie sind heute so gekleidet, daß kein Stück Haut zu sehen ist. Hochgeschlossen."
    "Es ist mir kalt. Außerdem bedeutet Kleidung Schutz. Ich bin ich ja nicht generell dagegen. Gerade in unserer kühlen Hemisphäre. In Italien, wo ich jeden Sommer war, lief ich immer nackt herum, bis sie mir mit Arrest drohten."
    "Schutz nur vor Kälte?"
    "Nein. Eine Höhle für meine ausgelaugte Seele. Ein Versteck vor den Widrigkeiten des Lebens."
    "Wie ist ihre Stimmung jetzt?"
    "Depressiv. Musste gestern meinen Führerschein abgeben. Ich bin ganz schön sauer."
    "Zu schnell gefahren?"
    "Nein, war in einer Bar. Ein Drink zuviel. War kaum über dem Limit. Aber die sind da streng."
    "Gehen sie öfters in eine Bar?"
    "Ja, ist das ungewöhnlich?"
    "Nein, eigentlich nicht."
    "Wie interpretieren sie unbefleckt?"
    "Dazu gibt es keine Interpretation. Der Begriff erklärt sich selbst."
    "Nach welchen Maßstäben?"
    "Nach den Maßstäben der Bibel. Frei zu sein von jeglicher Schuld."
    "Jesus sagte bei einer Begebenheit, wer frei sei von Sünde werfe den ersten Stein...?"
    "Die Erbsünde schränkt die absolute Reinheit natürlich ein. Ich rede aber hier von bewußter Schuld. Von Sünden, die willentlich begangen werden."
    "Aber es gibt viele Sünden die unbewusst geschehen und bewusst scheinen."
    "Wie meinen sie das?"
    "Z.b. ist da ein Mann, der nie Zuwendung erfahren hat. Und weil er sehr darunter leidet erfindet er tolle Geschichten über sich, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das Motiv scheint ihn ein Stück weit zu entschuldigen. Meinen sie nicht auch?"
    "Das ist ein einfältiger Mensch. Infantil. Er könnte sich am Umfeld orientieren. Wenn er kognitiv vorgeht und Demut gegenüber sich selbst besitzt, kann er sich erkennen. Nur wer sich selbst aktzeptiert, kann sich ändern."
    "Weise Rede, Marie. Wenden sie diese Philosophie auch bei sich selbst an?"
    "Selbstverständlich!"
    "Inwiefern? Ich meine, daß sie nackt herumlaufen...ist es ihnen nie in den Sinn gekommen, daß sie andere damit verletzen könnten?"
    "Verletzen? Nein! Ich möchte sie von irrealen Zwängen und Schuld befreien."
    "Aber wenn z.b. Kinder sie nackt sehen, heranwachsende Jungs....glauben sie, daß diese ihre Botschaft so aufnehmen, wie sie das meinen?"
    "Da haben wir wieder das Problem! Die Kinder von heute werden nach den Regeln der Erwachsenenwelt getrimmt. Sie werden gezwungen, sexuell freizügig zu agieren. Alles sei erlaubt. Und das schon im präpupertären Alter.
    Es ist fürchterlich!"
    "Aber es ist die Realität."
    "Leider. Aber Kinder, die noch unschuldig und nicht versaut sind von unserer destruktiven Gesellschaft, können sich unbefangen nackt geben, nicht wahr?"
    "Natürlich. Aber weil es so ist wie es ist, sollte man Unterscheidungsvermögen anwenden und taktvoll vorgehen, meinen sie nicht auch?"
    "Hm...., ich muss darüber nachdenken."
    "Gut, die Zeit ist rum. Wir sehen uns übermorgen wieder?
    "Ja. Ist gut."
    Sie stand auf, gab mir die Hand, bedankte sich für die konstruktive Diskussion und verschwand.
    Ich machte Schluss für heute. Um drei hatte ich eine Verabredung mit Petra. Sie hatte mir was wichtiges mitzuteilen.
    Wir trafen uns im Café Hartmann. Ich war pünktlich da. Nach einer Stunde erschien sie dann, entschuldigte sich lautstark, murmelte von irgendeinem Stau und setzte sich neben mich. Sie rief die Bedienung und bestellte zwei Espresso. Ich hasste Espresso. Dann die wichtige Mitteilung: Sie hatte einen neuen Job gefunden. Die letzte Arbeitsstelle hatte sie gekündigt, weil man sie mobte. Nun erzählte sie ausgiebig und nicht minder ausgeschmückt von ihrem neuen Chef. Wie beeindruckt er von ihren Bewerbungsunterlagen und ihrer Erscheinung war. Es war eine Stellung in einer namhaften Klinik am Ort. Ich freute mich mit ihr und bestellte nachträglich eine Flasche Prosecco. Das musste ja gefeiert werden. Danach gingen wir durch die Stadt. Betrachteten Schaufenster und dahinströmende Menschen. An der Ecke saß ein alter Bettler, der einen Zettel aufrechthielt, auf dem stand: Bitte eine Spende. Habe seit Tagen nichts mehr gegessen. Ich sprach ihn an.
    "Was ist dir lieber, Geld oder ne Buddel Korn?"
    "Sei doch nicht so sarkastisch, Liebster!"
    Petra schien verärgert. Hastig wollte sie mich weiterschieben.
    "Na, was denn nun?"
    Der Bettler schien beschämt. Fragte, ob ich nicht lesen könnte.
    "Klar kann ich das! Aber wenn ich dir Geld gebe, wirste das eh versaufen. Darauf wette ich!"
    "Nun ist genug! Komm jetzt!"
    Petra war sauer. Na und. Wir fuhren nach Hause. Sie fragte, warum ich so aggressiv reagiert hätte. Keine Ahnung. Sie schaute fern. Ich ging ins Bett, trank Cognak und las die Frühlingsstürme der Lady Chatterley.
    Am morgen erwachte ich traumlos. Es kam ein Anruf von meinem Kollegen Münster. Ich sollte mir seinen neuen Fall ansehen. Eine junge Frau, die amnestische Anflüge beklagte. Wir machten einen Termin für nächste Woche aus.


    Die dritte Sitzung mit Marie.
    Sie erschien in engen Jeans, weit ausgeschnittener, leicht transparenter Bluse.
    Es machte mir Mühe, nicht dauernd die Ansätze ihrer Brüste zu fixieren. Sie bemerkte es sofort.
    "Warum starren sie andauern auf mein Dekolleté?"
    "Entschuldigen sie. Aber meinen sie nicht auch, daß sie sehr herausfordernd gekleidet sind?"
    "Nein. Ich denke, es ist ihr Problem, nicht das meiner Kleidung."
    Ich riss mich zusammen.
    "Was bedeutet Erotik für sie?"
    "Erotik ist eine Variante der Sexualität. Und Sex ist eines der größten Laster der Menschheit geworden."
    "Haben sie ein Sexleben?"
    "Nein. Mein Körper ist rein. Unbefleckt vom Samen der Verderbtheit."
    "Aber durch Sex pflanzen sich die Menschen fort?"
    "Natürlich. Doch nur in einem bestimmten Rahmen sei dies legitimiert. Aber wer hält sich heutzutage an Grenzen?"
    "Beschreiben sie den Rahmen?"
    "Nur in der Ehe. Mann und Frau, ein Fleisch. Alles andere ist Hurerei und bringt Elend über die Menschheit."
    "Wie geht es ihnen heute?"
    "Die Nacht hatte ich ein schauriges Erlebnis."
    "Erzählen sie."
    "Ich wachte auf, und neben mir im Bett saß eine Stimme."
    "Eine Stimme saß bei ihnen im Bett?"
    "Ja, buchstäblich. Sie war klein, fühlte sich an wie eine dichte Wolke und duftete nach Jasmin."
    "Was sagte sie denn?"
    "Ich solle mich nicht beirren lassen. Solle weiterkämpfen, denn es gäbe noch Hoffnung für diese Welt."
    "Und das war schaurig?"
    "Hm...die Stimme..ich fühlte, daß sie in mich drang. Mich erregte. Ich schämte mich. Am morgens stand ich auf und hatte das Gefühl, mein Unterleib wäre verschwunden."
    "Verschwunden?"
    "Ja."
    "Wie erklären sie sich das?"
    "Keine Ahnung. Vielleicht war es ein Schutz für mich."
    "Inwiefern?"
    "Die letzte Zeit....spürte ich irdische Bedürfnisse. Manchmal wachte ich morgens auf, in einem fremdem Bett. Wohl zuviel getrunken. Ist mir schon zweimal passiert. Sie können sich nicht vorstellen, welche Scham ich durchlitt. Aber der Teufel ist überall!"
    Ich lehnte mich zurück und betrachtete sie nachdenklich.
    "Aber eben sagten sie, daß sie kein Sexleben hätten?"
    "Habe ich auch nicht! Nicht im bewußt gewollten Sinne."
    "Der Alkohol?"
    "Mag sein. Dieses Teufelszeug hat immense Wirkung auf mich. Macht mich willenlos. Ich kämpfe dagegen an, glauben sie mir!"
    "Haben sie denn Probleme damit?"
    "Manchmal, wenn es Dunkel in mir wird und kein Licht mehr den Weg findet, mein Inneres zu erleuchten."
    "Wie erklären sie sich das?"
    "Normale Depressionen, denke ich. Nichts ungewöhnliches. Vielleicht auch eine Art Weltflucht. Sie geben doch zu, daß es nicht einfach ist, in dieser atheistischen Gesellschaft zu leben?"
    "Mag sein."
    "Trinken sie denn soviel, daß sie nicht mehr wissen, was sie tun?"
    "Eigentlich nicht. Da reicht schon eine halbe Flasche Wein. Manchmal passiert auch gar nichts."
    "Warum gehen sie denn in Bars? Ich meine, ist es nicht so, daß gerade an solchen Stätten die Erotik fokussiert wird?"
    "Ich gehe dorthin, um zu beobachten. Und schreibe alles nieder."
    "Sie schreiben? Und was bringt es ihnen, über die Verhältnisse einer Bar zu schreiben?"
    "Ich führe eine Studie durch. Notiere mir Alter, Geschlecht und Verhaltensweisen der Leute, die solche Lokale frequentieren. Wenns geht auch ihren Beruf. Dann rede ich mit ihnen."
    "Worüber?"
    "Über den Kolosserbrief, Kapitel 3."
    "Und wie reagieren die Leute?"
    "Unterschiedlich."
    "Hören sie öfters Stimmen?"
    "Ab und zu. Sie kommen aus meinem Innern. Aus diesem schwarzen Fleck in meiner Seele und wollen mir weis machen, wie ich zu handeln habe. Es ist nicht mein eigener Wille, den sie aussprechen."
    "Wie gehen sie damit um?"
    "Anfangs habe ich diskutiert, doch sie sind vehement in ihrer Auslegung. Mittlerweile ignoriere ich sie einfach oder fange an, zu streiten. Manchmal trinke ich und mache sie besoffen. Dann habe ich Ruhe."
    "Haben sie Angst, Marie?"
    "Nein, denn ich bin die Stärkere. Kämpfe nieder, was sich ungewollt in mir ausbreiten will."
    "Aber betäuben ist keine längerfristige Lösung?"
    "Haben sie eine andere?"
    "Vielleicht. Was machen sie heute noch, Maria?"
    "Ich muß einkaufen, meine Schwester kommt zum Abendessen."
    "Sie verstehen sich gut?"
    "Naja, mit Distanz. Sie ist eine Träumerin. Denkt, daß alles auf der Welt sich von alleine richten wird."
    "Okay. Machen wir Schluß für heute".


    Maries Art und Weise, alles zu rationalisieren machte mir erhebliche Mühe. Sie war wie eine Schlange, die sich jeglicher Argumentation mit scheinbar logischen Ansätzen entzog. Aber schizoid, ohne Frage. Und ihr religiöser Wahn schien eine farbenfrohe Blütenpracht irgendeines ausgereiften Schuldgefühls zu sein. Irgendwas in ihrem Leben muß sie derart befleckt und beschmutzt haben, daß sie solch ein Bollwerk an dissoziierten Gefühlen gegen ihr Selbst errichtet hat.
    Heraklit sagte einst, dass die menschliche Seele unergründbar ist. Ihre Grenzen kann man nicht ausfindig machen, auch wenn man jegliche Straße abschreitet. So einen tiefen Sinn hat sie.
    Ich weiß, daß uns Psychologen meist nur eine symptomatische Vorgehensweise erlaubt wird. Damit meine ich eine Ausschaltung der Indikatoren mittels speziellen Medikamenten. Nicht oft geschieht es, daß Traumen lokalisiert und entsprechend entwaffnet werden können. Das Geschehen zeigt sich oft multifaktoriell.
    Vor kurzem hatte ich einen schwierigen Fall von Paranoia. Es vergingen etliche Sitzungen, die augenscheinlich einige in Frage kommende Ursachen eliminierten. Und doch gabs keinen Erfolg. Später dann wechselte die Patientin zu einem namhaften Heilpraktiker, der ganz profan eine Überfunktion der Nebenschilddrüse feststellte. Nach entsprechender Behandlung lösten sich die Symptome in Luft auf. Ein anderer Fall von Geistesverwirrung entstand aus einer Intoxikation mit Blei und Arsen. Ich las zwar, daß auch Schizophrenie aus externen Ursachen entstehen kann, neige aber immer wieder dazu, nach seelischen Traumen zu graben.
    Bei Marie bin ich überzeugt, daß ihre Seelenstörung eine solche Ursache beherbergt.
    Das Telefon klingelte. Am anderen Ende Petra. Ich solle aus der Stadt ein paar Dinge besorgen, die sie zum Abendessen bräuchte. Außerdem hätten wir Gäste. Um acht. Ich müsse rechtzeitig nach Hause kommen.
    Ich war pünktlich. Brachte die geforderten Lebensmittel mit. Eine Umarmung, ein kurzer Kuss. Sie richtete mir aus, daß eine Freundin mit ihrem neuen Mann käme. Hätten sich spontan angemeldet. Von mir aus.
    Um halb neun dann kamen sie. Gertrud, eine alte Studienfreundin von Petra. Nichtssagende triste Erscheinung, die irgendwo als Deutschlehrerin arbeitete. Ihr Mann hieß Edwin. Ein Architekt. Groß und hager. Vorerst ziemlich zurückhaltend und schweigsam. Beim Essen erzählte uns Gertrud alles über ihren Mann, so wie eine Mutter, die ihr Kind in allem lobt und hervorhebt. Edwin räusperte sich dann beim dritten Glas Wein und unterbrach den Wortschwall, indem er mich direkt fragte, was genau ich beruflich mache. Petra stieg sofort ein und kommentierte:
    "Er ist Diplom-Psychologe"
    "Ich bin Pychologe", antworte ich ihren Einwurf ignorierend.
    "Das ist interessant, wenn auch ein ziemlich schwieriges Feld."
    Edwin schenkte sich zum vierten Male ein und sah mich nachdenklich an, als ich äußerte:
    "Und ein weites Feld, ja. Sie geben doch zu, daß die Menschen im allgemeinen eher den alltäglichen Wogen eines Meeres gleichen. Die tiefergehenden Wahrheiten sind ihnen allzuoft verschlossen."
    "Wie meinen sie das?"
    "Wir sind eine kleine Welle im Ozean, die sich hin-und her bewegt. Auf und ab. Nach unten verwehrt uns die Dunkelheit den Blick, nach oben der unendliche Himmel. Wir können das Meer nicht überschauen, weil wir nur ein kleiner Teil desselben sind. Wir sind Oberfläche. Dort liegt unsere eigene, kleine Tiefe verborgen."
    "Und wo genau ist der Ansatzpunkt eines Psychologen?"
    "Er versucht die Perspektive zu erweitern. Denn alles, was die Oberfläche irgendwann passiert, schwebt langsam nach unten. Sediert. Vieles, was uns Angst macht, wird gewaltsam geankert, so daß sich einiges am Grund des Meeres ansammelt."
    "Sie meinen, daß wir kränkende Erlebnisse ertränken und sie dann am Grund unseres Meeres einfach begraben?"
    "Wir begraben oder lassen alles in der Dunkelheit des schweren Wassers dahintreiben.
    Das Meer trägt viele Wracks, leere Hüllen und verlorene Dinge. Es gestaltet sie um, trägt sie zu unerwarteten Plätzen. Unberechenbare Strömungen treiben dahin in unserem Vergessen. Jede zurückflutende Welle, jede Gegenströmung formt die Erinnerung neu. Wie Treibholz wird sie da- und dorthin gespült, und irgendwann strandet alles am Ufer unseres Bewusstseins. Die Qualen jedoch lassen keine Zweifel zu. Wir stehen am Gestade und desinfizieren den Strand mit weiteren Verdrängungen."
    Ganz überrascht von meinen philosophischen Eingebungen stand ich auf und besorgte noch etwas Rotwein. Edwin schien beeindruckt. Die Frauen eher gelangweilt.
    "Gertrud, wie schmecken dir die Scampis?"
    "Köstlich. Wie hast du die Soße gemacht?"
    "Das Rezept gebe ich dir nachher, wenn du möchtest. Aber Tiberius, jeder Mensch ist anders. Es gibt Naturelle, die jegliche negative Erfahrung in der Verdrängung neutralisieren und damit glücklich leben. Andere verfallen schon bei den kleinsten Vorfällen in schlimmste Depressionen."
    "Petra. Es mag so sein. Doch je sensibler das Wesen und je höher sein Anspruch an das Leben, um so tiefer sein Leiden."
    "Du wieder mit deinem Anspruch.."
    "Nun ja...der Anspruchslose ist immer an der Quelle der Freude, nicht wahr, Tiberius?"
    Edwin hob das Glas und zwinkerte mir zu. Ich glaube, er war mir sympathisch.


    "Wie war ihr Tag heute, Marie?"
    "Gut. Hatte viel zu tun."
    "Was haben sie gemacht?"
    "Geschrieben. Ich möchte alle meine Aufzeichnungen in ein Buch fassen."
    "Wie soll es denn heißen?"
    "Hm...habe darüber lange nachgedacht. Wie finden sie folgenden Titel: Die Vergewaltigung der Moral und ihre Ausgeburt."
    "Nicht schlecht. Bekomme ich ein Exemplar, wenn sie fertig sind?"
    "Klar."
    "Wollen wir heute über ihre Kindheit sprechen?"
    "Warum nicht. Das gehört sich ja so bei einer Therapie, nicht wahr?"
    "Nur wenn sie wollen."
    "Okay. Fragen sie."
    "Wie war ihre Kindheit?"
    "Eigentlich normal. Keine prägnanten Vorkommnisse."
    "Wie war ihr Verhältnis zur Mutter?"
    "Recht gut. Habe sie immer sehr geliebt. Heute noch."
    "Und ihr Vater?"
    "Naja. Geht. Er war ziemlich dogmatisch."
    "Inwiefern?"
    "Alles, was er sagte, war das Evangelium. Rechthaberisch war er. Ließ keine andere Meinung zu."
    "Haben sie noch Kontakt zu ihm?"
    "Nein. Abgebrochen vor Zeiten. Was nützt es? Er meinte, ich könnte ohne ihn nicht leben. Und sehen sie, seit zehn Jahren lebe ich ohne ihn. Und das nicht schlecht!"
    "Haben sie noch Geschwister?"
    "Zwei Schwestern."
    "Und welche Rolle spielte die Sexualität bei ihnen in der Familie?"
    "Wie meinen sie das?"
    "Ich meine, sind sie frühzeitig aufgeklärt worden. Wie gingen ihre Eltern mit der Thematik um?"
    "War ein Tabuthema. Wurde auf der Straße aufgeklärt...."
    Sie grinste verlegen, während sie das Bild auf meinem Schreibtisch betrachtete.
    "Ist das ihre Frau?"
    "Ja...War dieses Thema etwas peinliches für sie?"
    "Sie ist hübsch. Sind sie glücklich mit ihr?"
    "Marie! Beantworten sie bitte meine Frage."
    "Na gut. Also, mir war es nie peinlich, bis diese Dinge mein Bewußtsein erreichten."
    "Ihr Bewußtsein? Sie wurden unbewußt aufgeklärt?"
    "Ich folgte nur den Impulsen meines Körpers. Ein rein biologischer Ablauf. Ich hatte damals noch keine Kenntnis von der Moral und ihren Gesetzen, bis ich das praktische Postulat von Immanuel Kant kennenlernte. Da war ich sechzehn."
    "Ein praktisches Postulat?"
    "Ja. Kant postulierte eine tiefgreifende Behauptung. Wie sie wissen, können Behauptungen nicht immer bewiesen werden. So auch in diesem Fall. Aber das praktische Postulat von Kant impliziert, daß für die Praxis des Menschen etwas behauptet werden muß, um die Moral zu etablieren. Es ist also moralisch notwendig, das Dasein Gottes anzunehmen. So sagt er."
    "Interessant."
    "Kant sprach auch von der praktischen Vernunft. Und das diese all den Menschen eigen ist. Wir haben ein universelles Moralgesetz im tiefsten Innern. Man nennt es auch Gewissen."
    "Und dieses Gewissen haben sie in sich selbst erst ausgraben müssen?"
    "Sozusagen. Mein Vater hatte keins. Und meine Mutter hat mich nie darauf hingewiesen."
    "Inwiefern hatte ihr Vater keins?"
    "Also, er hatte schon eines. Aber kein universell gültiges. Ein eigenes, daß er der Welt als Muster aufdrückte. Wissen sie eigentlich, was Gewissen bedeutet?"
    "Hm...ein abstraktes Instrument zur Unterscheidung von Gut und Böse, nehm ich an."
    "Kann man so sagen. Der Begriff wurde erstmals in Griechenland entwickelt. Er beruht auf der Vorstellung, dass es für jedes sittlich schlechte Verhalten gegenüber Menschen oder Göttern einen Zeugen, nämlich das innere Mitwissen gibt. Demzufolge hatte mein Vater zwar einen Mitwisser, aber einen, den er selbst erzogen hat. Gemäß seinen narzißtischen Gefühlen. Konsekutiv darf man seine Moral nicht als kategorischen Imperativ gelten lassen, so wie Kant das dem universellen Moralgesetz zuschrieb."
    "Hassten sie ihren Vater?"
    "Es gab Zeiten, da tat ich es, ja."
    "Wie gingen sie damit um?"
    "Ich nannte ihn Arschloch, wenn er nicht hinhörte. Manchmal auch wenn er hinhörte."
    "Was geschah dann?"
    "Er schlug mich. Ich lief dann immer weg."
    "Und wenn sie wiederkamen?"
    "Ignorierte ich ihn. Ich glaube, er hatte Angst vor mir."
    "Warum glaubten sie das?"
    "Weil ich Geheimnisse von ihm wusste. Und er wusste, daß ich das wusste. Ich mein, er hatte Angst, daß ich ihn verraten könnte."
    "Welche Geheimnisse?"
    "Das würden sie wohl gerne wissen!"
    Maria lächelte und suhlte sich in meiner Erwartung. Ich weiß, daß sie die Spannung brauchte, die geahntes im Raum hervorhob. Sobald etwas ausgesprochen war, verlor es die Intensität. Ich hatte das Gefühl, daß ihre spürbare Aura abnehmen würde in der Klarheit der Worte. Es lag wohl an meiner eigenen Geheimniskrämerei, daß Offenheit für mich wie bloße Nacktheit war. Verletzlich. Oft unansehnlich. Und bei Marie hatte ich erstmals das Gefühl, daß sie dieses Geheimnis in mir bedrohte. Es aus dem Schlaf befreien wollte.
    "Maria, sie hatten also ihren Vater in der Hand?"
    "So kann man sagen. Er war mir verbal immer überlegen. Doch ich agierte auf anderen Ebenen, die er zwar spürte, aber die er nicht orten konnte. Er hatte einfach nur Angst."
    "Und wie kam es zur Trennung?"
    "Ich sagte ihm, daß er mich in Ruhe lassen sollte. Ganz einfach. Ohne Erklärung."
    "Wie reagierte er?"
    "Sehr verletzt. Aber es war mir egal. Habe deswegen auch keine Schuldgefühle mehr."
    "Aber sie hatten welche?"
    "Natürlich. Weil er sie in mir säen wollte. Aber ich habe es durchblickt."
    "Wann wollen wir über die Geheimnisse reden?"
    "In den nächsten Wochen vielleicht. So spannend sind die gar nicht."
    "Gut. Genug für heute. Wir sehen uns Mittwoch wieder."


    Ich war verwirrt. Praktisches Postulat. Kategorisches Imperativ....das war eher eine Philosophiestunde als eine therapeutische Sitzung. Langsam bekam ich Angst, daß sie mir das Ruder aus der Hand nimmt und den Spieß rumdreht. Etwas in mir warnte mich. Sie war eine beeindruckende und intelligente Person, ohne Frage. Und ich denke, sie weiß es. Sie weiß, wie sie auf mich wirkt.
    Um fünf kam Petra in die Praxis. Ich umarmte sie halbherzig und gab mich Strömen von Worten hin, die mir voller Gewichtigkeit in den Sinn stoben. Früh suchte ich die Nachtruhe auf und schlief mit skurillen Träumen die Nacht durch.
    Am morgen wagte ich einen Spaziergang. Der Herbst war längst in unsere Stadt eingezogen. Der Boden mit Blättern gesättigt. Der kleine See im Park lag herbstlich eingerahmt wie ein glitzernder Spiegel vor mir. Ich wusste, daß die Schönheit trägt und daß der Grund des Wassers ein schlammiger Morast war. Auch wusste ich, daß der bunte Blättersegen einer Halluzination glich. Denn alles rundherum starb für den Frühling. überall lauterte der Tod, der von der Liebe träumte. Überall die schönen Farben des Endes.


    [Diese Nachricht wurde von julika am 25. November 2002 editiert.]

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Maria Immak

    Das ist ein Text, bei dem sich Textarbeit nur dann lohnt, wenn sich die Autorin prinzipiell bereit erklären würde, das sprachlich und inhaltlich Konfuse nicht zum Gestaltungsprinzip zu machen. Das hält nämlich kein Leser lang durch, auch wenn die Details sehr amüsant oder nachdenkenswert o.ä. sind.


    Die Schreibe selbst recht aggressiv, aber nicht langweilig.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Maria Immak

    Liebe Julika,


    da du dich mit diesem Romananfang (?) von der Lyrik zur Prosa gewendet hast, kann ich auch einmal etwas über einen Text von dir sagen und dich persönlich hier im Forum begrüßen: Sei willkommen.
    Mit diesem Text allerdings hast du es mir nicht einfach gemacht. Ich musste mich als Leser durch ihn hindurch zwingen.
    Lassen wir mal die Äußerlichkeiten und das Schlampige des Textes, der stellenweise wie hingerotzt wirkt, (Es gibt kaum einen Satz, der nicht einen Flüchtigkeits-, Grammatik- oder Rechtschreibfehler beinhaltet) beiseite. Sprechen wir auch nicht von der unfreiwilligen Komik mancher Sätze ("die sinnige (!) und lustvolle Nacht", "die alte Frau, die 34 (!) ist.") Sprechen wir auch nicht über das seltsame Nebeneinander von schwachen Alltagsformulierungen und sprachlichen Manierismen, die eindeutig deiner poetischen Ader entspringen und mir in einem modernen Erzähltext über einen Psychiater fehl am Platz scheinen, sondern ein wenig über den Inhalt, denn der ist mir eine harte Nuss.
    Ich hatte den Eindruck, du lavierst dich in dem Text von Szene zu Szene, ohne selbst eine genaue Vorstellung zu haben, wohin dich deine Reise in die Wiedergeburt Mariens führt. Es ist eine Aneinanderreihung von Gesprächen, ohne eigentliche Handlung, für einen Erzähltext, noch dazu seinen Anfang, ungeeignet und ungeschickt.
    Deine Hauptfigur, der Ich-Erzähler, der teils als neutraler Zeuge, teils wohl als Joseph (?), teils als geiler Bock gedacht ist, scheint sich ebenso sprunghaft zu entwickeln, ganz, als hättest du am Anfang noch kein Bild von ihm und entwickelst es erst während des Schreibens. Er ist zudem m. E. in seiner beruflichen Situation mit seiner behavioristischen Schlagwortpsychologie unglaubwürdig, hinkt mindestens zwanzig Jahre dem aktuellen Stand hinterher. Dazu ist er unsympatisch, langweilig, arrogant und als Person in sich nicht schlüssig. Diese Eigenschaften teilt er wohl mit den meisten Menschen, als tragende Figur eines längeren Textes taugt er nicht.
    Kommen wir also zum versteckten Helden, der Titelfigur, die offenbar im nietzscheschen Sinne jenseits von Gut und Böse ihre eigene Moral und ihre (äußerst eklektizistische und sektiererische) Religion lebt, deshalb in die Mühle der angepassten pfahlbürgerlichen Atheisten geriet und als Maria immaculata (oho, der Wink mit dem Zaunpfahl!) die Gottlosen zur Sünde reizt. (über ihre Aussagen zu Kant wollen wir den gnädigen Mantel des Schweigens ausbreiten) Eine ungreifbare, unbegreifbare Person: Was soll ich als Leser mit anfangen?
    Nein, ich sehe schon - es hat keinen Sinn, hier weiter zu machen. Ich bin der falsche Kritiker für diesen Text. Ich kann nur eines sagen: bleib bei deinen Gedichten!


    Nichts für ungut,

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  4. #4
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    AW: Maria Immak

    hallo Klammer,


    erstmal danke, wie gesagt, wollt nur wissen ob tauglich.


    Die flüchtigkeitsfehler...ja hast recht, entspringen aus einem konfusen wesen, und dieses hat schon schwierigkeiten seinen fokus längere zeit auf etwas zu richten. bei allem.sprunghaftigkeit, nicht strukturiert.


    aaaaber was die schlagwortpsychologie betrifft, ist die umschreibung nicht unbedingt obsolet. in diesem text steckt einiges an empirie, habe mit schizophrenen gearbeitet. kenn beide seiten. nur im echten leben hieß maria maren. und die sitzungen laufen oft wie gehabt hab. hast schon mal eine mitgemacht? vor kurzem hatte ich einen dialog mit einem psychiater, der wär ein text wert gewesen!! und Du hättest Deinen spaß gehabt an der unsinnigkeit des gesprächsablaufs. ist natürlich nicht immer so, aber viele kollegen und betroffene wissens halt.
    Du hast wohl recht, werd bei Gedichten und kurzen textabläufen bleiben und mich, wenn etwas konstruierter und weniger chaotisch, mich langsam an längeres heranschleichen.
    nochmals dank, Deine kritik war hart, aber ich sehs ja ein.


    lieben gruß
    julika

  5. #5
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    AW: Maria Immak

    Schade, Julika, hätte es gern gelesen. Das Thema interessiert mich. Hab da auch ein wenig Erfahrung auf dem Gebiet, aber als Patient. Vielleicht willst du dir meinen längeren Text Abschied antun? Die Protagonistin landet am Schluß in der psychiatrischen Klinik.

  6. #6
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    AW: Maria Immak

    patina und robert,


    weiß nicht warum, aber mir ist dieser text dann doch peinlich geworden...kann nix dafür, klammer hat schon recht. naja, hier habt ihr ihn, macht damit was ihr wollt. werd mich weiterhin bemühen

  7. #7
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    AW: Maria Immak

    Im Gegensatz zu Freund Klammer würde ich mich weiter gerne mit der Geschichte beschäftigen. Klar, es gibt vieles, was den Lesefluß stört, doch Spannung auf ein Weiter war bei mir die ganze Zeit gegeben. Ich, Leser, will einfach wissen, wie es endet. Das Ansprechen von natürlicher Nacktheit verbunden mit religiösem Wahn und die sich daraus ergebenden Umstände, Anstände, machen mir Lust auf die Lösung.
    Bei Deiner Geschichte - woher nur der Vergleich? - sehe ich mich als Esser, der mit der angebotenen Vorspeise Hunger auf das ganze Menu entwickelt und nicht ungesättigt vom Tisch aufstehen will. Sehr oft langweilt mich ein Antipasti, hier aber...
    Mach weiter, nachwürzen kann Frau immer noch.

  8. #8
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    AW: Maria Immak

    im 2. kapitel kommt sie zu wort, im 3. wieder er. perspektivwechsel. dann andere usw., sex kommt auch drin vor viel unzüchtiges..*lock*
    am schluss gibs gruppensex mit patienten und therapeuten, a la giacomo, mit schweinen überm grill, achtkräutig überbacken. dazu babära. lade Dich ein in die bleikammern der lust.

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Arrow AW: Maria Immak

    ...da bin ich aber froh, dass du es dir wieder anders überlegt hast, Julika. Ich hatte ein rabenschwarzes Gewissen, denn ich wollte nicht die Hl. Inquisition spielen, als ich mir deinen Text zur Brust nahm. Und meine Meinung ist, wie du gesehen hast, nicht die einzige (sie ist auch alles andere als sakrosankt und stark von meiner Laune abhängig).
    Schau: die bemäkelten Rechtschreibfehler sind kein Problem, dafür können wir uns ja lektorieren (auch Böll soll den Unterschied zwischen "das" und "dass" nicht gekannt haben), dass der Text auseinanderfließt und der Psychiater arg schablonenhaft geraten ist, liegt, wie du schon festgestellt hast, an deiner Art und der Geschwindigkeit, in der der Text entstand. Kein Grund, ihn nicht ein wenig zu überarbeiten, tatsächlich mal über einem Prosatext ein paar Schweißperlen zu verlieren. Lohnend ist das allemal.


    Gruß, Klammer


    PS Ich habe mich noch nie therapieren lassen. Sollte ich?
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  10. #10
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    AW: Maria Immak

    Klammer, laß dich lieber nicht therapieren. Bleib bei deinen Worten. Das ist die beste Therapie.


    Zu dem Text: Der Psychologe, der Ich-Erzähler ist ein ziemliches Arschloch, anfangs jedenfalls. Aber am Schluß, da meine ich, bekommt er die Kurve und läßt sich reinziehen in die Welt der Patientin. Vielleicht entpuppt er sich ja auf weiterem Weg als hilfreich. Nur wenn dann Julika spricht und sagt, daß in darauf folgenden Sitzungen Gruppensex betrieben wird, wird mir leicht schlecht.


    Die Person der Maria erscheint mir etwas rätselhaft. Eine Person, die schizoide Züge trägt, hat normalerweise überhaupt kein Selbstbewußtsein. Sie kann es spielen, aber ein guter Psychologe müßte das aufdecken. Sonst ist der Psychologe für den Arsch. Entschuldigt diesen Ausdruck. Schon zum zweiten Mal.


    Schönen Abend


    Patina

  11. #11
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    Question AW: Maria Immak

    am schluss gibs gruppensex mit patienten und therapeuten, a la giacomo, mit schweinen überm grill, achtkräutig überbacken.

    Wie mit Schweinen überm Grill ist mir bekannt - schließlich bin ich Landmann -, aber wie geht a la giacomo?

  12. #12
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    AW: Maria Immak

    erstmal zu Patina:


    ER ist kein Arschloch, im weiteren Verlauf wirst Du's merken, er fühlt sich durch diese Sitzungen an seine eigenen unzulänglichkeiten und verdrängungen langsam erinnert, an diese ehe, die seinen bedürfnissen nicht entspricht, öde und unverständig für ihn.


    Klar SPIElT sie das alles! Manchmal verwischen jedoch bei ihr die Grenzen. Nun, sie schreibt ja ein Buch, das ist wahr, das führt sie an (anderer titel klar), darum auch die Ausraster, die forciert zwar, aber wie sie merkt doch auch ein wenig ihre Natur sind...irgendwie. Im richtigen Leben kommt sie nicht klar, aber verrückt ist sie nicht. Sie will Ruhe, das geeignete (psychologische) Umfeld für ihr Buch schaffen und lässt sich bald einweisen. nicht ohne IHN insgeheim zu manipulieren...
    puh.. hoffe, der Kontext ist bischen verständlich...aber der 2. Teil erklärts.
    das mit dem gruppensex war ein witz, patina. wollt doch nur die Bauern locken


    Klammer,
    ja, hast mich ein wenig verschreckt, habe die ganze nacht mein kissen vollgeweint...seufz und all meine unkompetenz hat sich wie eine schwere wolke auf mich gelegt. aber is wieder gut. hast ja recht, werd mich dranmachen, mal was "richtiges" zu vollenden. wär mal zeit.


    Hanns
    giacomo ist jakob casanova. las grad ein buch über ihn und mozart, wie sie gemeinsam don giovanni schrieben. das fiel mir dann grad dabei ein.




    liebe grüße an euch alle
    julika

    noch was, patina:


    sie macht bewusst auf intellektuell, nein, sie ist auch so, aber sie weiß, dass ein normaler Therapeut überfordert wäre. sie kennt auch die psychologischen Glaubenssätze und weiß, wie sie mit ein paar hingeschmissenen Verhaltensweisen manipulieren kann.
    Außerdem ist es verbreitet, dass schizophrene Personen oft hochintelligent sind. Wir hatten in der Psychiatrie mal einen Krankenpfleger (als Patient!), der hatte alles mit Eins bestanden. Er fühlte sich als Chef, stellte Diagnosen gab Anweisungen und rührte die ganze Mannschaft auf. Er hatte einen scharfen Blick fürs Detail und wirklich, er wusste es oft besser. Seine Freundin war Maren, ebenfalls schizophren, sie kam aus einer Akademikerfamilie und beglückte mich oft mit Goethezitaten. Er bekam Haldol, wurde nach Hamburg in eine geschlossene transportiert und ruhig gestellt. Sie ist ebenfalls entrückt.
    ich plappere aber gäb sowiel zu erzählen....

  13. #13
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    AW: Maria Immak

    Hallo Julika,
    jetzt hast du mich heiß gemacht auf den weiteren Fortgang des Textes. Mich interessiert das Thema. Könntest du noch mehr davon reinstellen?


    Die Frage ist, ob es gut ist, einen Schizophrenen zu therapieren. Oft sind nur Gespräche das richtige für diese Patienten. Eine tiefenpsychologische Therapie ist meist nicht angebracht.Und oft helfen auch nur die Medikamente.


    Bis dann
    Patina

  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Maria Immak

    Hallo Julika,


    fein, dass er wieder da steht, dein Text. Ich mag nämlich Texte im Therapeutenmilieu. Vielleicht, weil ich so ein angenehmes Spannergefühl dabei bekomme (Schweigepflichtsverletzung). Du kennst sicher Irvin D. Yeloms "Und Nitzsche weinte"; "Die rote Couch"? Besonders Letztgenanntes ist ähnlicher Stoff.
    Auch wenn ich noch nicht ganz weiß wo hier die Reise hingehen soll, mich hast du am Haken. Sollte es wirklich ein modernes Marienthema sein, würde ich es mir allerdings deutlicher wünschen.


    Lieben Gruß von


    Trist

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Maria Immak

    Wir hatten einen Termin für den 5. Oktober vereinbar. Es war 9 Uhr am Morgen.
    Nicht ganz genau. Das HATTEN irritiert, denn der Bezug kann anders gesetzt werden, als Du es wahrscheinlich meinst.
    Der Tag lag trübe und schläfrig über dem Land.
    Auch ungenau. TRÜB und SCHLÄFRIG bewegen sich nicht auf einer Ebene. Bring beides auf eine.
    Alles schien trostlos und deprimiert.
    überflüssig, wenn Du vorigen Satz bügelst, zudem Referenzfehler
    Windlos fielen die Blätter von den Bäumen, wie triste Gedanken, die ohne Bewußtsein auf den Grund der Seele schwebten, um dort zu verwelkten.
    WINDLOS FIELEN? Ein anderes Wort für SCHWEBEN!? Dann ist Präsens stärker, was aber den Text zeitlich neu strukturieren würde. Das wiederum würde mir gefallen, wenn hier - bei diesem Thema - verschiedene Zeitebenen miteinander spielten! Denk drüber nach! Du magst Analepsen und Prolepsen munter vermengen, aber dem Leser muß am Ende alles erklärbar sein. Jeder Satz ist eine kleine Welt.
    Ohne anzuklopfen und grußlos betrat sie den Raum.
    Stärker und unmittelbarer sagen.
    Unaufgefordert nahm sie Platz. Ich versuchte, den ersten Eindruck aufzufangen, doch sie wirkte diffus, ungeordnet.
    Das ist doch dann der erste Eindruck auf andere, oder?
    Ihre Ausstrahlung schlich von ihr weg wie ungeduldige Finger, die alles begreifen wollten.
    schlecht; als ob man das trennen könnte --> das ist dann Teil ihrer Ausstrahlung, daß sie wegstrahlt!
    Ich lehnte mich zurück, suchte nachhaltig etwas Distanz.
    genauer; jetzt das Du einbringen und profilieren, ein wenig gegen das Wegstrahlen positionieren
    "Ich bin Marie".
    Das städtische Krankenhaus hatte sie zu mir geschickt. Wahrscheinlich eine endogene Psychose mit manisch-depressiver Färbung. Ich fragte freundlich nach ihrem Befinden.
    "Sie sagten, ich hätte eine Seelenstörung. Aber meines Erachtens ist das Blödsinn".
    Ihre kühlen, grünen Augen
    Sind es kühl-grüne Augen oder kühle und zwar grüne Augen?
    blickten abschätzend, als sie hinzufügte:
    "Ich bin hier, damit sie mir bescheinigen, daß ich normal bin."
    Ich blätterte in ihrer Akte.
    "Frau Immak, sie sind Ende Juni in die Psychiatrie des städtischen Krankenhauses eingeliefert worden, weil sie einen Passanten im Stadtpark tätlich angegriffen haben."
    Heißt es Städtisches Krankenhaus oder nennen sie es nur das Krankenhaus der Stadt?
    Entrüstet warf sie zurück, daß dieser sie auf unsittliche Art und Weise bedrängt hätte. Reine Notwehr also.
    Anfänge. Weiter so?

    Zudem modele etwa zehn daß-Satz-Konstruktionen um. Der Satzbau ist doch arg schematisch und hypotaktisch.


    Bitte geänderten Text nicht oben einstellen, der bleibt, wie er ist, sondern als neuen Text in diesem Ordner placieren.

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Maria Immak

    Ich probiere mal folgendes:
    Ich schreibe den Text ein wenig um, so, wie ich ihn lieber lesen würde. Mach mit meiner Version, was du willst.


    -----
    Wir hatten einen Termin für den 5. Oktober vereinbart. Ich saß wartend in meinem Büro und sah zum Fenster hinaus. Es war 9 Uhr morgens, der Tag lag noch trübe und schläfrig vor dem Haus. Blätter fielen von den Bäumen wie triste Gedanken. Ohne Bewusstsein schwebten sie auf den Grund meiner Seele, um dort zu verwelken. Alles erschien mir trostlos und deprimierend.
    Sie betrat grußlos und ohne anzuklopfen den Raum, nahm unaufgefordert Platz. Sie schlug ihre makellosen Beine übereinander, wodurch der Saum ihres für die Jahreszeit unpassend dünnen Kleides bis zur Mitte des Oberschenkels hochrutschte. Ich versuchte,mich nicht ablenken zu lassen und einen ersten Eindruck aufzufangen: Sie wirkte auf mich diffus, ungeordnet. Diese Ausstrahlung schlich von ihr weg wie ungeduldige Finger, die alles begreifen wollen.
    Ich lehnte mich bewusst in meinem Schreibstuhl zurück, versuchte, Distanz zu erzeugen.
    "Ich bin Marie." sagte sie endlich und brach das Schweigen, das zwischen uns lastete. Ich nickte und fragte sie freundlich, wie es ihr ging. Die Frau beugte sich beteiligt nach vorn.
    "Die sagten, ich hätte eine Seelenstörung. Aber meines Erachtens ist das Blödsinn."
    Ihre grünen Augen funkelten abschätzend.
    "Ich bin hier, damit sie mir bescheinigen, dass ich normal bin."
    Ich wich ihrem kalten Blick aus und blätterte scheinbar interessiert in ihrer Akte. Das Städtische Krankenhaus hatte sie mit dem Verdacht auf eine endogene Psychose mit manisch-depressiver Färbung zu mir geschickt.
    "Frau Immak", sagte ich betont und sah plötzlich auf, "Sie sind Ende Juni in die Psychiatrie des Städtischen Krankenhauses eingeliefert worden. Sie haben einen Passanten im Stadtpark tätlich angegriffen."
    "Das ist Unsinn", warf sie sofort ein, "das war reine Notwehr. Der Mann hat mich auf unsittliche Art und Weise bedrängt. Ich musste mich wehren!"
    "Sie lagen splitternackt auf einer Parkbank, lese ich hier. Und der besagte Spaziergänger wollte sich nur nach ihrem Befinden erkundigen."
    "Ich sehe das anders." beharrte Frau Immak.
    "Warum waren sie denn nackt?"
    "Ich hatte meine Kleider im Schwimmbad liegen gelassen. Menschen vergessen halt Dinge. Was ist schon dabei?" Sie zuckte mit perfekt gespielter Gleichgültigkeit mit den Schultern.
    "Sie haben also überhaupt nicht bemerkt, dass Sie nackt waren?" hakte ich nach und versuchte, nicht überrascht zu klingen.
    "Nein, zuhause laufe ich immer nackt herum, wie viele andere auch. Außerdem war es sehr heiß an diesem Tag. Deswegen war ich ja auch im Schwimmbad." Frau Immak zögerte kurz, suchte, die Lippen gespitzt, nach einer Erklärung, die mich zufrieden stellte.
    "Sehen Sie", sagte sie dann, "der Unterschied liegt doch nur in der Örtlichkeit. Es ist doch eigentlich egal, wo ich nackt bin. In Afrika laufen viele Völker nackt herum und keinen stört's!"
    "Und Sie meinen, es sei auch nicht weiter merkwürdig, wenn jemand hier in Deutschland nackt auf einer öffentlichen Parkbank schläft?"
    "Selbstverständlich! Ob nun ich nackt im Bett oder auf der Wiese oder auf einer Parkbank liege, das ist doch egal. Ich sehe keine generelle Abnormität in meiner Verhaltensweise."
    "Was bedeuten Ihnen dann die Wertmaßstäbe unserer Gesellschaft? Ich meine, wir sind nicht in Afrika. Es ist hier nicht Sitte, nackt im Park zu umher zu laufen."
    Frau Immak richtete sich auf und fixierte mich wieder mit ihrem bohrenden Blick. Natürlich: Für diese Frage hatte sie eine Antwort vorbereitet.
    "Jede Kultur stellt ihre eigenen Regeln auf, was bedeutet, dass der Begriff "verrückt" in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Bedeutungen hat. Das ist eine Frage der Definition. Was hier als pathologisch gelten mag, wird anderswo als angemessen betrachtet. Daraus ist zu folgern, wie kulturübergreifend mein Handeln ist. Ich hoffe, Sie verstehen mich."
    Die Frau machte mich erneut nervös. F?r den Augenblick sah ich keine Möglichkeit, näher an sie heran zu kommen.
    "Gut, wie Sie meinen. Frau Immak, ich schlage vor, Sie kommen zweimal die Woche zu mir und das etwa für ein halbes Jahr. Dann sehen wir weiter."
    "Warum?" fragte sie kopfsch?ttelnd. Ich sp?rte ihren Zweifel an meiner Kompetenz.
    "Ich würde gerne noch mehr erfahren und möchte auch noch ein paar Dinge mit ihnen klären. Das braucht eben seine Zeit. Glauben Sie mir, ich habe da Erfahrung."
    Jetzt nickte sie, ein wenig resigniert, wie mir schien. Sie erhob sich vom Sessel, rückte ihr kurzes Kleid zurecht und ging. Ich verfolgte ihren Abgang. Erst als sie die Tür erreicht hatte, bat ich sie, sich weitere Termine von meiner Sekretärin geben zu lassen, den nächsten in drei Tagen. Nur kurz wendete sie ihren Kopf zur Seite, mich arrogant aus den Augenwinkeln abschätzend. Ger?uschvoll schloss sie die T?r hinter sich. Der der schwere Geruch ihres Parfums blieb zurück.
    Gedankenversunken blätterte ich in Frau Immaks Akte. Ich fand nur dürftige Angaben über ihr Privatleben. Die Familienanamnese war unauffällig, Eltern geschieden, ledig, Abitur, der ganze Kram. Ende Juni war sie dann verhaltensauffällig geworden. Als Beruf gab sie übrigens "Künstlerin" an und vor einem Monat hatte sie eine, wie sie das nannte, "Performance" durchgeführt. Sie sang auf dem Marktplatz der Stadt das Ave Maria sang und hängte dabei weiße Unterwäsche an die Äste einer Linde. Natürlich war sie dabei nackt gewesen.
    Ich schloss seufzend die Akte, lehnte mich zurück und dachte nach.
    Seit fünf Jahren war es nun mein Beruf, mich mit den Geheimnissen der menschlichen Seele auseinanderzusetzen. Anfangs hatte ich das Gefühl gehabt, dass ich bei meinen verwegenen Blicken in diese Abgründen in einen Sog geriet, der mich packen und hinabziehen wollte. Oft schien es mir, die Grenzen der Wahrnehmung würden sich vor mir ausdehnen und es würden sich mir ganz andere Wirklichkeiten offenbaren. Alles wurde mir damals zweifelhaft und relativ, nichts schien mehr sicher. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich diese Phase überwand und mein Gleichgewicht zurückgewann. Jetzt kannte ich die Grenzen, wusste, was Normalität ist und wo ihre Schlagbäume sind. Trotzdem erschien mir mein Leben manchmal wie ein Traum oder wie ein Bühnenstück, in dem alle Varianten menschlichen Daseins erlaubt sind.
    -----


    Wenn dir das nicht gefällt, julika, dann sage mir das, ansonsten mache ich so weiter.


    Gruß, Klammer
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  17. #17
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Maria Immak

    klammer! ich bin angenehm überascht!
    Das ist gut, wirklich! jetzt sehe ich erst meine fehler und ich sehe sie plastisch vor mir. ja, viele sagen, ich würd argumentieren (und schreiben) als wenn ich stichwortmäßig einen fall aufnehme. letztens noch. ohne gefühl dazwischen. Du hast es ausgeschmückt, den bildern leben gegeben, nuancen, farbe. so möchte ich weiter verfahren. das 2. kapitel versuche ich auf diese art zu revidieren. und das 1.auf diese art weiterzuführen. es ist wochenend und ich hab zeit.
    danke


    hab nun wieder hoffnung



  18. #18
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Maria Immak

    und, arbeiteste weiter?

    ordnerpflege; hier ein bild munchs, "die sünde". paßt hier irgendwie.


  19. #19
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Maria Immak

    Bizarrer Text einer spröden Autorin. Gut. so kann Literatur entstehen. Kann. Meist scheitern solche Pläne; es fehlt an Ausdauer, Konzentration oder auch dem künstlerischen Willen, einmal gesponnene Fäden tatsächlich zusammenführen zu wollen. Nur selten fehlt es an Geld.

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