+ Antworten
Ergebnis 1 bis 18 von 18

Thema: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    540
    Renommee-Modifikator
    19

    Post

    Die Illusionsfassade / Erster Teil
    ______________________________________


    Bühnenstück für einen Schauspieler; frei nach Leben und Werk Theodor Lessings.


    (Arbeitszimmer, karg eingerichtet. Auf der rechten Seite steht neben den beiden geschlossenen Fenstern ein alter Sekretär. über diesem, an der Wand, hängen Porträtaufnahmen von Arthur Schopenhauer, Ludwig Klages, Immanuel Kant, Wilhelm Jordan und Friedrich Nietzsche. Zwischen den Blumentöpfen auf dem Sekretär zwei Photographien: Eine Mutter mit Säugling, ein Porträtbild eines grimmig dreinblickenden Mannes. In der Mitte des Raums befindet sich ein Tischchen, darauf eine Schreibmaschine. Ein philosophenbärtiger Jemand tippt. Dann hört das Tippen auf, der Jemand reisst das Papier aus der Schreibmaschine. Er steht auf, das Blatt in der Hand, und geht, während er schweigend liest, auf und ab, kopfschüttelnd. Schliesslich zerknüllt er das Papier und wirft es in den Kübel.)


    Ach was, ach papperlapapp! Theodor, Theodor, warum bloss, warum fällt dir bloss ausgerechnet heute nichts Gescheiteres ein! Dabei hast doch immer gewusst, dass, wer ein Dichter, ein Denker, ein Künstler ist, sich gar nicht früh genug auf seine letzten Worte vorbereiten kann. Ja, wahrlich, habs gewusst, die letzten Worte, die vermaledeiten letzten Worte! Jetzt bleibt mir nicht mehr viel Zeit, wahrlich, bin spät dran. Dabei sind die letzten Worte doch die wichtigsten! Oft genug bleibt im Munde der Nachwelt nichts anderes übrig von einem grossen Menschen, nichts als ein einziges letztes Wort, und oft genug wird‘s dann auch noch missverstanden. Was hat man doch alles aus Goethes angeblichem letzten Wort „Mehr Licht!“ herausgefiltert. Das war im Jahre 1832. In demselben Jahr wurden die schwedischen Zündhölzer erfunden. Und das ist noch nicht alles. Ausserdem wurde auf den Strassen das Petroleumlicht durch das Gaslicht ersetzt, wurden die ersten Lichtbilder angefertigt und die ersten elektrischen Maschinen gebaut. Man mag jetzt behaupten, das alles sei die Erfüllung von Goethes letztem Wunsch gewesen, die Vision des scheidenden Sehers. Und das wird ja auch behauptet, zuweilen. Aber ich muss Sie enttäuschen, denn zweifellos steht fest: Der kranke Goethe wollte mit seinem „Mehr Licht!“ lediglich dem Diener sagen, dieser solle nicht die Fenstervorhänge schliessen.
    Sie sehen, es ist eine rechte Dummheit, ein ganzes Menschenleben gerade aus dem Zufall des letzten Augenblicks erkennen und beurteilen zu wollen. Die Muse Klio tut das. Eine lächerliche Muse, wahrlich. Es ist und bleibt eine Dummheit sondergleichen, das. Und besonders tragisch wird es, wenn durch Zufall der letzte Augenblick auch noch im Gegensatz steht zu allem, was der abgeschiedene grosse Mensch eigentlich gewollt hat. Dann kommt es zu einer Geschichtsfälschung. Wahrlich, ich kann Ihnen gerne Beispiele nennen, Beispiele aus der Geschichte der Philosophie. Denken Sie nur an den Tod des Tycho de Brahe, der starb an einer Urämie. Wissen Sie, was das heisst, Urämie? Das heisst, Tycho de Brahe starb am Eintritt des Harnstoffes ins Blut. Und wissen Sie, wie es zu diesem Eintritt des Harnstoffes ins Blut kam? Wegen eines Blasenrisses. Stellen Sie sich vor, der grosse Denker sass an königlicher Tafel und genierte sich, während des Essens aufzustehen und hinauszugehen. Und nun sagen Sie selbst, gibt es eine lächerlichere Vollendung? Der Geist, der Sternenwelten lenkt, der Geist, der längst erhaben ist über all das kleine menschliche Ameisengekribbel, dieser grosse Geist stirbt daran, dass er sich vor Hofschranzen geniert, das Essen zu unterbrechen... Unvorstellbar! Und noch ein anderes Beispiel. Nehmen wir den Tod des Lammetrie, dessen Ende ist ganz ebenso dumm, erlitt er doch an der königlichen Tafel einen Schlagfluss, weil ihm, als er über einen Scherz lachen musste, eine mit Fisch gefüllte Pastete im Hals stecken blieb. Diese im Hals stecken gebliebene Pastete aber wurde dann zum Symbol und der Verstorbene lebt in der Wissensgeschichte nun weiter - als ein Fresser und Säufer. Und ist wahrscheinlich der nüchternste und bescheidenste Wassertrinker gewesen! Sie sehen, man kann eben nicht vorsichtig genug sein bei der Wahl der Todesminute. Noch ein Beispiel, ein letztes? Gern. Wie wäre es mit dem Tod des grossen Descartes? Das scheint mir besonders lehrreich zu sein. Descartes starb nämlich zweifellos am frühen Aufstehen. Die Sache war die: Descartes hatte in kleinen holländischen Dörfern gelebt, bescheiden und einsam. Dann leistete er eines Tages der Einladung der Christine von Schweden Folge. Im Gegensatz zu ihm war Christine jedoch ein Morgenmensch. Schon um fünf Uhr stand sie auf und wünschte dann philosophische Gespräche. Nun, Descartes hielt das einige Wochen aus, dann erkrankte er und starb schliesslich...
    Diese drei Beispiele aus der Geschichte der Philosophie beweisen doch, dass der Umgang mit Königen für Philosophen tödlich ist... Aber was red ich da eigentlich. Ich schweife ab. überhaupt nichts beweisen diese Beispiele. Nun, ich wollte ja nur zeigen, nun, wie empfehlenswert es eben sein kann, sich für die letzten Augenblicke rechtzeitig mit ein paar passenden Worten zu versehen. Einfach damit im Nachhinein keine Geschichtsirrtümer entstehen. Wahrlich, wahrlich, es ist und bleibt eine Dummheit sondergleichen, justament gerade auf den letzten Augenblick zu achten. Aber mit eben dieser Dummheit der Welt und selbstverständlich auch der Nachwelt muss unsereiner nun mal rechnen, wenn denn die Rechnung am Ende aufgehen soll. Also.

    (Er setzt sich, spannt einen frischen Bogen Papier in die Maschine und beginnt zu tippen. Dann reisst er das Papier wieder aus der Schreibmaschine, steht auf und geht abermals schweigend und kopfschüttelnd auf und ab, während er liest. Schliesslich zerreisst er das Papier und wirft es in den Kübel.)


    Ach was, ach papperlapapp! Und ausgerechnet heute! Theodor, Theodor, lass dir bloss schnell was einfallen, was so stehen gelassen werden darf, wie es geschrieben steht. Gerade heute! Aber ich kenn das ja, es ist ja meistens dasselbe. Schon als ich vierzig Jahre alt war, begann ich Erinnerungen aufzuschreiben. Ich habe das Geschriebene dann wieder vernichtet. Etwa zehn Jahre später versuchte ich noch einmal mein Leben aufzuzeichnen. Es wurden nahezu tausend Blätter. Ich habe sie dann wieder vernichtet. Jetzt bin ich sechzig Jahre alt und will noch einmal den Versuch wagen. So oder so, wohl oder übel ists der letzte. Und zum Verrücktwerden ists! Da läuft mir die Zeit davon, aber was immer ich schreibe, immer läufts auf dasselbe hinaus. Ist einfach nicht möglich, das Leben darzustellen. Nur eine Deutung davon ist möglich, eine nachträgliche Zurechtlegung, Sinngebung im nachhinein. Immer dasselbe, sag ich. Ein Mensch begibt sich vor den Spiegel und macht Toilette für die Nachwelt. Wahrlich, zum Verrücktwerden. O sicher, ich weiss, vielleicht fällt nie ein fremdes Auge auf meine Erinnerungen. Und sollten meine Aufzeichnungen doch gelesen werden, dann habe ich die Menschenwelt ohnehin hinter mir. Meine Sätze werden dann aus dem Äther klingen, wie ein guter Grossvater seinen Enkeln erzählt... Aber nein! Nein, sag ich. Das ist kein Trost, das ist alles andere, aber kein bisschen Trost! Warten Sie. Ich muss Ihnen jetzt unbedingt etwas vorlesen, damit Sie verstehen, was ich meine. Einen Moment nur, ich habs gleich...


    (Er wühlt in den Schubladen seines Sekretärs und findet schliesslich einen Zeitungsausschnitt.)

    Hier, hier hab ich‘s ja. Ausgeschnitten aus der Zeitung. Die Rede, die der Führer der Nationalsozialisten, der Doktor Goebbels, in Leipzig gehalten hat. Ich lese jetzt einen Passus daraus vor. Also. „Der jüdische Geschichtsprofessor Lessing“ - also ich - „der jüdische Geschichtsprofessor Lessing hat den Herrn Reichspräsidenten in ausländischen Blättern mit dem Massenmörder Haarmann verglichen, wofür ihn die nationale Studentenschaft züchtigte, das marxistische Ministerium aber mit einem Forschungsauftrag belohnte.“ Ist das nicht schrecklich? Sehen Sie. Erstens, ich bin nicht Geschichtsprofessor. Zweitens habe ich nie in ausländischen Blättern etwas geschrieben, sondern bin seit Jahren Mitarbeiter des „Prager Tagblatt“, und das ist doch wohl eine waschechte deutsche Zeitung. Drittens habe ich nie den Herrn Reichspräsidenten mit dem Massenmörder Haarmann verglichen, sondern lediglich Aufsätze über beide verfasst, nämlich zum einen Aufsätze des Haarmannprozesses, zum anderen einen Aufsatz, in dem ich in der Zeit vor der Wahl zum Reichspräsidenten vor der Kandidatur Hindenburgs gewarnt habe. Vergeblich, leider. Fünftens bin ich nicht von irgendeiner nationalen Studentenschaft gezüchtigt worden, sondern ein Häuflein Jungen, noch grün hinter den Ohren, hat Radau gemacht an einer technischen Hochschule wegen meines Warnaufsatzes. Woraufhin das Kultusministerium ein Verfahren gegen mich eingeleitet hat, welches sechstens damit endete, dass ein mir zustehender Lehrauftrag umgewandelt wurde in einen Forschungsauftrag, und siebentes war dies Ministerium nicht „marxistisch“, sondern lau demokratisch.
    Verstehen Sie mich jetzt? Bedenken Sie: Zahlreiche Geschichtsbilder, etwa das Bild des Sokrates, beruhen einzig auf ein paar Sätzen, die von Zeitgenossen überliefert sind. Auf ein paar läppischen Sätzen! Wer gibt Gewähr dafür, dass da nicht ein solcher Unfug, ein Rattenkönig wie der Ausspruch vom Goebbels überliefert wird? Stellen Sie sich das mal vor, wenn alles, was dereinst von mir übrig bleibt, der Satz aus Goebbels Rede sein wird... gerade so wie vom Catilina nichts übrig blieb als die Rede des Cicero. Stellen Sie sich das mal vor. Schrecklich, einfach schrecklich!


    (Er schweigt lange und betrachtet den Zeitungsausschnitt.)


    Ja, schrecklich, wahrlich. Aber welch ein Schauspiel für Psychologen! Zumal es hier um Antisemitismus geht, letztlich. Ein Wort dazu, Sie gestatten. Sehen Sie, im antisemitischen Ressentiment... Ich nehme an, Sie kennen das Wort? Ist schliesslich durch Nietzsche berühmt geworden. Ressentiment. Zu deutsch: Rückschlagsgefühl. Ist durch zu viel Literatur und Philosophie bereits schon etwas abgegriffen, eigentlich, das Wort. Doch in besseren Gesellschaftsschichten noch immer sehr brauchbar. Nämlich hat es den Vorzug, dass man sich bei seiner Verwendung keinerlei Zwang auferlegen braucht. Denn es passt immer. Wenn zum Beispiel ein Kind hungert und nach Brot schreit, oder ein Mann einen Fusstritt bekommt und sich dagegen wehrt, oder wenn jemand über Schlechtigkeit, Bosheit, Unrecht, Dummheit oder sonst etwas klagt oder überhaupt nur redet. Immer kann man sagen: Dieses Geschöpf handelt aus Ressentiment. Einer meiner Kritiker hat mir einmal bewiesen, dass ich die Menschen nur aus Ressentiment liebe. Sie sehen, man braucht sich bei der Anwendung dieses Wortes gar nicht zu genieren. Aber das nebenbei. Was wollte ich eigentlich sagen? Ah ja, ich weiss, wegen dem Antisemitismus. Sehen Sie, im antisemitischen Ressentiment also, da rebelliert das instinktive Gefühl, dem Juden unterlegen zu sein. Behaupte ich jetzt einmal. Als Jude. Der Antisemitismus wäre demnach Terror gegen das Andere des eigenen Selbst. Psychologisch gesprochen jetzt. Im Fall Goebbels liegt das fast schon zu offensichtlich auf der Hand. Beziehungsweise in seiner Physiognomie. Und zu seinem Krüppelfuss und dem unverhältnismässig grossen Kopf kommen in diesem speziellen Fall ausserdem noch diverse Kränkungen hinzu, diverse Zurückweisungen, die der Doktor Goebbels in seiner journalistischen Tätigkeit hat in Kauf nehmen müssen... Also, sehen Sie, was ich eigentlich sagen will, es gibt solche Menschen wie den Goebbels zuhauf, denen der Antisemitismus zur verkappten Religion geworden ist. Ihre monomanische Fixierung auf einen Punkt bringt sie schliesslich dazu, die Welt auch aus einem einzigen Punkt kurieren zu wollen. Und so suchen sie denn diese Welt nach Beweisstücken ab, die ihnen bestätigen sollen, was sie vorher bereits wussten. So ist das. Diese Leute machen die Wahrheit zur Hure, verzeihen Sie, aber so ist es doch. Man kann das beinahe experimentell nachweisen. Man spreche nur einmal mit einem fanatischen Antisemiten über das Salzfass auf dem Esstisch. Nach zwei Sätzen wird er bei der These angekommen sein, schon die alten Juden hätten beim Salzhandel aus Phönizien betrogen. Oder er wird sagen, der Prozentsatz jüdischer Angestellter in den staatlichen Salinen sei viel zu hoch. Das Salzfass als solches aber ist er unfähig zu sehen, ich sags Ihnen. Er erblickt es weder als Salzbehälter noch als Behälter von Streit und Tränen noch als Gradmesser der ehelichen Liebe noch als Anzeiger der Reinlichkeit im Haushalt noch als Mittel, frische Weinflecken aus dem Tischtuch zu entfernen. Nein, er sieht darin allein das, was ein anderer auch bei regster Phantasie in dem Salzfasse einfach nicht finden kann: den Juden...-
    Und ich bin nun eben einmal Jude. Da kann ich nix gegen machen. Die Eltern waren Juden. Beiderseits. Also. Nichtsdestotrotz, es wuchsen auch christliche und arische Äste aus dem Stammbaum. Ein Grossonkel war englischer Erzbischof-Kardinal. Der Bernliner Zweig der Familie war mit Nachkommenschaft aus Gotthold Ephraim Lessings Familie versippt und wollte von jüdischer Abstammung nichts wissen. Ein Grossonkel war sogar leidenschaftlicher Antisemit. Ebenso ein Bruder der Mutter. Und ich, als ich mündig wurde, mir liess man die Wahl, zu welcher Konfession ich gehören wollte. Ich wählte, zugegebenermassen aus Bequemlichkeit, die evangelische. Trotzdem wurde mir damals bewusst, was es heisst, als Jude geboren zu sein. „Jude, Jude Itzig, mach dich doch nicht witzig!“ sangen sie in der Schule. Worauf ich jeweils losbrüllte: „Macht doch ihr mich nicht witzig!“...- Wenn ich mir das recht überlege heute, dann lag in dieser meiner Erwiderung eigentlich schon meine ganze spätere Philosophie der Not... Aber ich schweife wieder ab. Wo war ich stehengeblieben? Ah ja, ich weiss. Ich merkte also, dass ich Jude bin, und bin also Jude. Offiziell zum Judentum trat ich aber erst über - oder besser zurück - als ich 1900 zum erstenmal vom Zionismus hörte. Das klang nach einem selbstbetonten, würdebereiten Prinzip in meinen Ohren. Nicht, dass ich damals meiner deutschen Wesensart irre geworden wär deshalb, aber, nun ja, wie soll ich sagen?... Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich empfand es bald als geschmacklos, deutsch sein zu wollen. Zumal ich ja fühlte, dass man mich abdrängte, mich ausstiess... Na ja, ich gebe zu, das ist doch nur die halbe Wahrheit. Um ganz ehrlich zu sein, meine Begeisterung für den Zionismus hielt sich eigentlich in Grenzen. Oder sagen wir, diese Leidenschaft ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich brachte eine Leidenschaft ganz anderer Art die Entscheidung. Ein Mädchen. Eines aus altem preussischen Adel. Also. Man kann sich denken, was das für unsere bürgerliche und vor allem judenblütige Liebe hiess. Man lehnte unsere Verbindung ab, selbstverständlich. Und folgerichtig verliess meine junge Frau ihre ganze alte Tradition. Wir wurden Freiwild. Und, allen zum Trotz, begeisterte Zionisten. Unsere Kinder bekamen jüdische Namen. Ich, wie gesagt, trat offiziell zum Judentum über, oder besser zurück. So ging das.


    (Er denkt nach.)


    Und weil ich Jude bin, weiss ich auch, wie paradox die Situation heute ist für den Juden in Deutschland. Gestatten Sie mir deshalb, dass ich Ihnen die Judenfrage stelle. Natürlich, ich weiss, ich weiss, ganze Büchereien sind über die Frage der Juden geschrieben worden, und weitere Büchereien werden geschrieben werden. Dennoch, gestatten Sie mir, einem Juden, Ihnen die Judenfrage zu stellen. Sie wissen keine Antwort darauf? Natürlich nicht! Die Frage der Juden ist nämlich unlösbar. Und das ist die Wahrheit. Unlösbar, sag ich. Gestatten Sie mir ein Wort dazu. Sehen Sie, sobald man - denkend, meine ich jetzt - sobald man also denkend an die Judenfrage herantritt, stösst man sofort auf Widersprüche. Das ist ganz und gar unvermeidlich. Beispiel jetzt. Der als Jude Geborene soll zugleich zwei Nationen angehören. Der Jude kann und darf also nicht nur als Jude fühlen und handeln, sondern er fühlt und handelt zugleich auch als Deutscher, als Franzos, als Russe, und so weiter und so fort. Was aber, wenn die eine Nation sich gegen die andere kehrt? Sehen Sie den Widerspruch? Der Jude gerät vor ein Entweder-Oder dann. Verstehen Sie? Und das ist nur einer von vielen Widersprüchen, mit denen der Jude zu leben hat. Haufenweise könnt ich Ihnen weitere aufzählen. Man bedenke etwa dies: Ein Volk, welches sich Jahrhunderte lang nur durch das Buch erhalten hat - Sie wissen schon, Thora und Talmud -, ein solches Volk, das seine Energien auf die Ausbildung der Gehirne verwenden musste, dieses Volk also fordert heute starke Fäuste und predigt seinen Kindern: „Werdet Bauern, werdet Handwerker!“ Ist das kein Widerspruch? Und gleich noch einer. Nämlich steht der Jude zwischen Ost und West und hört im Abendlande den Vorwurf, er sei ein Orientale, ein Semit. Aber schon in Vorderasien beginnt er unter semitischen Kulturen als ein Franke empfunden zu werden. Verstehen Sie? In Europa soll der Jude sich entorientalisieren, in Asien jedoch reorientalisieren. Was für ein Widerspruch! Und noch viele viele weitere könnte ich Ihnen nennen: Fortschritt wird aufgegriffen, aber an den Konservatismus gebunden. Das Leben wird auf Vernunft gestellt, aber die Vernunft soll dem Mythos dienen. Der Jude muss treu und frei gleichzeitig sein. Er muss zugleich sein: still und bewegt; unmittelbar und mittelbar; Natur und Intellekt. Sie sehen, eine verzwickte, eine paradoxe Lage. Und die volkstümlichen Staatsmänner, was meinen die dazu? Allesamt sind sie unfähig, eine Völkerfrage zu lösen, so ist das. Und diese Unfähigkeit führt halt notwendig zur Anschuldigung derjenigen, die man nicht kleinkriegen kann. So ist das. Und damit sind wir wieder am Punkt angelangt, wo wir die Sache nur noch psychologisch angehen können. Wie schon gesagt, im antisemitischen Ressentiment rebelliert das instinktive Gefühl, dem Juden unterlegen zu sein. Aber ich sag Ihnen eines. Wären wir, wir Menschen, meine ich, wären wir, was wir sein sollen, wahre, würdige Menschen, so gäbe es überhaupt keine Judenfrage. Jedoch Menschen sind offenbar verhinderte Bestien. Und zum Gedenken daran, zum Gedenken, sag ich, schufen sie sich die Judenfrage. Sie ist unlöslich. Sie glauben mir nicht? Dann hören Sie sich doch die Vorschläge der Staatsmänner einmal an. Einige Hunderttausende in die Wüste treiben oder verhungern lassen, das ist alles, was ihnen einfällt. Sie möchten die Juden ausrotten wie Schlangen oder Raubtiere. Wozu sie, freilich, aus uns Juden zuerst einmal Schlangen und Raubtiere machen müssen. Denken Sie nur an das, was ich Ihnen gesagt habe über das antisemitische Ressentiment... Und so ist das, so und nicht anders. In dieser deutschen Republik, einem Volksstaate, welcher jedem Bürger die Freiheit des Gewissens und den Schutz seiner Ehre verbürgt, in dieser deutschen Republik also, ich sage es ganz offen jetzt, in diesem Deutschland geschieht ein Kollektivverbrechen in diesen Zeiten, ein Verbrechen, desgleichen niemals so dagewesen ist. Niemals war es irgendwo erlaubt, dass eine Majorität im Staate die wehrlose Minderheit in Wort und Schrift dem Masseninstinkt preisgeben durfte: als hassenswert, als parasitär. Sehen Sie, hundert Zeitungen und Druckschriften erscheinen heute in Deutschland, Tag für Tag, Stunde für Stunde, um alle Not einer himmeltraurigen Zeit auf einen Sündenbock zu bürden. An jeder Plakatsäule prangt das Wort „Juden sind ausgeschlossen“ - wo es in Wahrheit heissen sollte: „Die Vernunft ist ausgeschlossen.“ Himmeltraurig, diese Zeiten, wahrlich! Es wächst in Deutschland ein Geschlecht heran, für welches das Wort „Jude“ gleichbedeutend sein muss mit Begriffen wie Schädling, Schmarotzer, Wucherer, Verbrecher. Überhaupt, mit dem bevorstehenden Kommen des Dritten Reichs wird sich voraussichtlich mit der deutschen Seele auch die deutsche Sprache ziemlich wandeln. Vielleicht merken Sie sich bereits jetzt für die Zukunft: arisch, germanisch, deutsch, das sind oder werden sein guthin positiv bejahende Adjektive für Angenehmes und Annehmbares. Zum Beispiel deutsches Eichenholz, Buchengrün und Tannenlaub. Zum Beispiel auch deutsche Leberwurst, deutsche Herrlichkeit, Manneszucht, Wehrhaftigkeit, Liebe. Im Gegensatz dazu, bei Ware, die man nicht empfehlen kann, merke man sich für die Zukunft die Worte: Artfremd, undeutsch - oder auch einfach marxistisch. Also zum Beispiel artfremde List, Tücke, Feigheit, Frechheit, Falschheit, Untreue. Und noch ein Begriff, den Sie sich einprägen sollten für Ihre Zukunft: Tarnen. Tarnen wird neben ballen, verankern und untermauern nämlich ein Lieblingswort sein und so viel bedeuten wie: „Lass dich nicht erwischen“. Hingegen Ausdrücke wie Intellekt, Intellektualismus, Ratio, Rationalismus. Grösste Schimpfworte, merken Sie sich das. Auch Materialismus, Maschine, Technik, nichts als Ekelgewort. Ganz im Gegensatz dazu: Deutscher Idealismus. Und für Adel der eigenen Person empfehle ich die Ausdrücke: national, völkisch, volkhaft, bluthaft. Ich versichere Ihnen, das werden bald die allerbeliebtesten Bezeichnungen sein. Und übrigens, sollte jemand von Ihnen eine andere Bezeichnung suchen für sein Ich oder Gott, der sage fortan einfach: Arisch. Hingegen Marx, marxistisch und so weiter, das steht für Satan und satanisch, bitte sich das zu merken... Aber ich weiss, ich schweife schon wieder ab. Was ich eigentlich meinte, ist einfach: Himmeltraurig, das alles... Und kommen Sie mir jetzt bloss nicht damit, dass meine Vorfahren vor zweitausend Jahren den Sohn Gottes gekreuzigt hätten. Jaja, gewiss, gewiss, alle haben ihn erkannt damals, den Heiland, alle - nur die Juden, die haben gezweifelt... Nun, ich zweifle! Hier und jetzt sage ich Ihnen: Ich zweifle! Und weiter sage ich: Ich weiss es nicht. Aber wenn ich auch nicht weiss, ob jemals unedlere Menschen, aus denen dann ich wurde, einen edleren umgebracht haben. Wenn ich das auch nicht weiss. Eines, das weiss ich doch um so sicherer.


    (Er ist an eines der Fenster gegangen und reisst es auf jetzt. Er brüllt hinaus.)


    Dass ich, Theodor Lessing, als würdigerer Mensch von den unwürdigsten in Deutschland gekreuzigt werde! Jawohl, das weiss ich! Und ich sage, was ich weiss, jawohl! Ich habe ohnehin noch viel zu wenig erzählt! Hört ihr?


    (Er schliesst das Fenster wieder. Langsam beruhigt er sich, spricht dann leise weiter.)


    Das musste sein. Entschuldigen Sie. Aber sehen Sie, begreifen Sie, ach, mögen die Völker doch lernen: Was sie heute an den Juden tun, wird morgen ihr eigenstes Schicksal sein. Man kann nicht zwei Nationen zugleich angehören? Aber wir Juden, wir müssen es eben können! Und morgen, übermorgen, in polynationalen Staaten der Zukunft, werden alle, alle werden das erlernen müssen, was heute der Jude können muss. Man kann nicht international und national in einem sein? Aber wir Juden, wir müssen es eben können. Und morgen, übermorgen werden alle das erlernen müssen. Wahrlich, ich sag Ihnen was: Die Natur selber hat der Weltgeschichte diesen allverwendbaren Sündenbock, diesen Drecksjud, geschenkt. Zum Gleichnis. Zum Spiegel aller. Punkt.


    (Er setzt sich wieder an die Schreibmaschine.)


    Und unlöslich bleibt die Judenfrage. Wenn man ? denkend, meine ich ? an sie herantritt. Weil, sehen Sie, alles fraglos lebendige Leben wird doch unlöslich, sobald man es antithetisch auseinanderzieht, in Sprache, in Gedanken auseinanderzieht und also missversteht. Weil Leben richtet sich eben nicht nach Logik! Nein, ich sag Ihnen, wir lösen Widersprüche immer nur dadurch, dass wir sind, was wir sind. Ich bin ein Jude, ich bin ein Mensch. Und jetzt, jetzt muss ich meine letzten Worte niederschreiben. Bevor sie kommen, meine Mörder.


    (Er spannt einen frischen Bogen Papier in die Maschine und beginnt zu tippen.)





    Teil II


    Ja, wahrlich, ich war glücklich. Da brach der Weltkrieg aus. Otto Hapke und ich, wir reagierten ungleich darauf. Ich, von der ersten Minute an fanatisch besessen vom Gedanken: Wie lässt sich dieser Wahnsinn aufhalten? Mein Freund, von der ersten Minute an besessen vom Gedanken: Wie kann ich dem Vaterland dienen? Hapke war einer der ersten Kriegsfreiwilligen. Von seinem Tod weiss ich nicht viel. Er starb gleich nach dem Ausmarsch beim Sturmangriff. Er soll voranstürmend gefallen sein. Dann brach bald alles zusammen, Sie wissen das, der Krieg geht verloren und Deutschland in Trümmer. Unserem ersten und einzigen Buch erging es nicht besser. Die „Philosophie als Tat“ erschien just im selben Augenblick, wo Otto Hapke in Rumänien fiel. Da zwischen uns nie ein schriftlicher Vertrag geschlossen worden war - wozu auch, wir waren ja einander sicher -, so entspann sich nach Hapkes Tod ein unentscheidbarer Streit über das Eigentumsrecht. Inzwischen lagerte das fertige Buch, dieses Meisterstück auf federleichtem Büttenpapier, sechs Jahre lang im Keller unter der Charlottenstrasse. Und als das Buch nach dem Krieg endlich mir, dem Autor, zugesprochen wurde, da war kaum ein Exemplar von Mäusen und Feuchtigkeit verschont geblieben. Was will man? Meine Gesamtausgabe schläft auf irgendeinem Feld in Rumänien. Mit Otto Hapke entflog der unsterbliche Teil von mir.


    (Er schweigt, fährt dann energisch fort.)


    Gut! Ich habe also das Weltsystem zerschnitten. In kleinere Formen. In hundert Feuilletons und Essays. Was wollen Sie! Davon kann unsereiner immerhin Brot kaufen. Und so sag ich‘s denn halt in der Zeitung und leider Gottes nicht sehr erhaben. Weil sonst wärs ja kein Zeitungsartikel mehr. Sonst wärs ja Philosophie. Und Philosophie, das erlaubt das Gesetz der Zeitung nicht. Aber Feuilletons! Feuilletons tut sich einer nur an, wenn er kein Geld hat. Sie ahnen ja nicht, was es bedeutet, ein Feuilleton zu schreiben! Nehmen Sie an, Sie seien im Zirkus. Zwischen zwei ernsthaften Nummern, sagen wir zwischen Bärendressur und Ballett, erscheint der „Dumme August“. Er schlägt Purzelbaum. Und Sie, Sie lachen. Weil Sie sich überlegen fühlen, lachen Sie. Denn der Clown ist so tapsig und quatschig. Aber da sitzen im Zirkus auch noch ein paar Meister der Turnerei, ganz grosse Meister, und die denken: „Donnerwetter! Der arbeitet auf Leben und Tod. Das ist Künstlerernst! - Verstehen Sie? So ist es mit dem Feuilleton. Man muss lernen, sich auslachen und anspucken zu lassen. Und immer nett sein dabei. Verstehen Sie, was ich Ihnen sagen will? Ein Feuilleton ist was Toternstes. Viel leichter als zehn Zeilen Feuilleton schreibe ich Ihnen zehn Seiten wissenschaftliche Abhandlung, wahrlich! Weil ich halt ein Schwätzer bin. Ein Gelehrter darf ein Schwätzer sein. Aber Feuilletons, Feuilletons müssen kurz sein. Und das kostet viel Zeit. Und dabei hab ich doch keine Zeit mehr! Keine Zeit, um meine Lebenserinnerungen zu beschliessen, keine Zeit, um mein Weltsystem niederzuschreiben. So ist das. Ich muss mich damit abfinden. Meine „Philosophie der Not“ bleibt ungeschrieben.


    (Eine Fliege umsummt ihn, er wehrt sie ab mit Händen und Füssen)


    Nur leben kann ich sie noch, meine „Philosophie der Not“. Hier, jetzt. Verdammte Fliegen überall und immerzu! Nicht mehr lange...


    (Er geht zum Fenster, wirft einen Blick hinaus.)


    Heute erwarten mich jedenfalls keine stückeschwingenden Korpsstudenten, die mir eine Katzenmusik bereiten.


    (Er geht wieder auf und ab, bleibt stehen dann.)


    Heute erwartet mich nur noch... der Tod.


    (Er schüttelt ein bisschen ratlos den Kopf, bevor er weiterspricht.)


    Also hören Sie. Vor acht Jahren, am 25. April 1925, erschien im Prager Tagblatt mein Aufsatz über Hindenburg. Nur fünfzehn Tage später, am 10. Mai - Hindenburg war seit einer Woche neues Staatsoberhaupt Deutschlands - wurde in meiner Heimatstadt Hannover der sogenannte „Kampfausschuss gegen Lessing“ - also gegen mich - gebildet. Sehen Sie, mein Aufsatz über Hindenburg beabsichtigte lediglich in den Tagen vor der Wahl, wo das Bild dieses Mannes fanatisch umstritten war, ein durchaus mit Liebe geschriebenes Charakterbild zu geben. Nicht mehr, nicht weniger. Als Charakterologe muss unsereins die Züge der Wirklichkeit überzeichnen, das sehen Sie ein. Einfach um die Wahrheit und das Wesen der empirischen Person... herauszulösen. Nun ja, so habe ich verschiedene Reden Hindenburgs miteinander kombiniert. Um dadurch einen Gesamteindruck herzustellen, verstehen Sie? Dieses Mosaik ist dann kein Abklatsch der Wirklichkeit, meine ich, sondern zeigt vielleicht gerade das Wesentliche. Nun ja. Lassen Sie mich einen neuen Begriff in die Sprache einführen, damit ich Ihnen das erklären kann. Der Begriff heisst Illusionsfassade. Sehen sie, Arthur Schopenhauer schrieb eine Abhandlung unter dem Titel: „Von dem, was Einer vorstellt.“ Darin setzt er auseinander, dass im Menschenleben wenig darauf ankomme, was man ist, viel aber auf die Meinung der anderen, für welche man etwas bedeutet. Der Begriff Illusionsfassade zielt in diese Richtung. Sehen Sie, Menschen wissen ja nur sehr wenig voneinander, bilden sich jedoch beständig Illusionen voneinander. Was weiss denn der eine vom anderen? Dass du blonde oder schwarze Haare hast, dass du einen Bart trägst oder keinen Bart trägst, dass du gross bist von wuchs oder klein. Nach solchen Merkmalen bauen sich die Menschen ihr Weltbild. Dieses Weltbild hat gar keine andere Wirklichkeit als eine oberflächliche, eine physiognomische. Verstehen Sie? Das heisst aber doch, dass es nur die Bedürfnisse, die Vorurteile, Wünsche und Sehnsüchte verrät von dem, der sich dieses Weltbild zurechtgemacht hat. Also. Und von Männern, die eine grosse Rolle spielen auf dem Welttheater, haben wir doch auch schon oft das Bekenntnis gehört, dass über ihr Los nicht ihre natürliche Wirklichkeit entschied, sondern vielmehr ein Bild, welches andere sich in ihrer Seele aufbauten und wozu sie, die eine grosse Rolle spielen, gleichsam nur Fassade standen. Können Sie mir folgen? Sehen Sie, die wundervollsten Bühnensterne, für welche die Glut ganzer Völker brennt, erscheinen vielleicht, wenn man sie aus nächster Nähe kennt, wie schön geformte leere Gefässe. Leere Gefässe, sag ich, in welche die Flamme fremder Seelen den Inhalt giessen muss. Ist das verständlich, ja? Ich frage Sie also: Was sind vergötterte Cäsaren für die Formeln des Psychiaters? Was ist die schöne Helena in der Sprechstunde des Gynäkologen? Und der Leutnant, der in seiner Galauniform mit vielen Orden an der Brust die Frauenherzen höher schlagen lässt, wird er nicht sofort zum gewöhnlichen Sterblichen, wenn er einmal in abgetragener Kleidung erscheint?


    (Er geht zum Sekretär, schenkt ein, trinkt.)


    Sehen Sie, das meine ich mit Illusionsfassade. Ein Bild, in die Phantasie breiter Massen geworfen, ein Bild, von dem durchaus nicht gewiss ist, ob es Abbild der Wirklichkeit oder eine Fatamorgana ist, die aus den Wünschen und Bedürfnissen der Menge steigt. Als weitaus beste Illusionsfassaden erweisen sich denn auch Typen, die nicht grübeln, nicht philosophieren, sondern einfach feste dasitzen und Vaterland darstellen. Das leuchtet ein, denke ich. Und also frage ich Sie: Welcher Mensch eignete sich besser zur Statue, zum Symbol - als Hindenburg! So einfach, so gradlinig und selbstverständlich hat ihn die Natur gewollt... Verstehen Sie jetzt, was ich bezweckte mit meinem Aufsatz? Ich wollte die Illusionsfassadedieses Menschen einreissen und ein für allemal zerstören. Das ist alles. Aber das wollten eben die braven deutschen Jungen nicht, dass ein Jude ihre Vorstellungen enttäuscht und ihnen einen anderen Hindenburg zeigt als den, den sie sehen wollen. Und so fanden die braven deutschen Jungen eben, dass solches zu schreiben nicht deutsch, nicht vaterländisch sei. Sie, die Krieg und Revolution noch nicht am eigenen Leib erlebt hatten, sie, unerfahren und unwissend, wurden zum Opfer genau derselben Illusionen, welche die bisherige Menschengeschichte gestaltet haben: ein hoffnungsloser Ozean von Blut, Schweiss, Galle und Tränen. Was will man! Sie fanden, dass mein vollkommen unpolitischer Aufsatz nicht deutsch, nicht vaterländisch, dass ich ein Jude und Marxist sei. Wahrlich, ich bin ein Jude und Sozialist. Und darum geht es letzten Endes auch. Wäre ich heute Nationalist oder Faschist, dann liessen sich die Herzen entgiften. Man wäre nicht so blind. Aber eben! Politische Motive, politische Waffen bedrängen mich, einen ganz unpolitischen Menschen. Sehen Sie, ich bin auch einmal so ein fanatischer Student gewesen. Und wenn man mir immer wieder gesagt hätte, dass ein gewisser Professor Lessing eine Gefahr für das Vaterland und ein Schandfleck der Universität sei, dann hätte wohl auch ich dem Professor mit Steinen die Fenster eingeworfen. Ich halte die Studentenschaft für verhetzt, nämlich. Der künftige Geschichtsschreiber, der das Aufblühen der „Nationalen Revolution“ zu schildern versucht, wird feststellen müssen, dass jede beliebige Gruppe in diesen Tagen gesetzt hat auf das Pferd „National-Sozialismus“. Ein Name wie „Hölzernes Eisen“ oder „Romantische Mathematik“. Aber ich schweife ab. Was ich meine ist einfach, sie wissen nicht, was sie tun, diese Bengel. Und sahen sich zu einem Ketzergericht über mich veranlasst, zu einer Hetze, die an dummer Unsachlichkeit und Ahnungslosigkeit wohl nicht ihresgleichen hat. Lächerliche Beschlüsse, Versammlungen und Schwätzereien kamen zustande. Ein Revolutiönchen, das zunächst nur komisch war. Denn es stellte sich heraus, dass die polternden Jünglinge weder je Vorlesungen bei mir gehört noch auch je etwas von mir gelesen hatten, ja sogar, dass sie meine Person zuweilen mit einer andern verwechselten. Dennoch. Der kleine Hochschulkrawall wurde zum politischen Ereignis. Wie solches geschehen konnte?


    (Er zuckt mit den Achseln, als wisse er die Antwort nicht, und antwortet dann.)


    Sehen Sie, es wäre in meinem Fall wie allen ihm folgenden noch eine leichte Mühe gewesen, die blindwütigen jungen Leute, die nicht beurteilen und verantworten konnten, was sie taten, zu beruhigen oder zur Ordnung zu zwingen. Wenn nur Regierung, Ministerium und Universität einheitliche Haltung, ja überhaupt nur Haltung gezeigt hätten. Aber nein! In meinem Fall wollte ein wohlwollender sozialdemokratischer Ministerpräsident gern beschützen, wozu ein wohlwollender demokratischer Minister aber nicht die Kompetenz einräumen wollte. Gegen diese beiden Instanzen - die demokratische wie auch die sozialdemokratische - suchte gleichzeitig eine aufsässige Professorenschaft die Gelegenheit zu nutzen, um sich unabhängig zu zeigen sowohl von der Regierung wie vom Ministerium. Und so blieb ich ungeschätzt. Mir bleibt die bittere Gewissheit, dass hinter allen Gewaltakten keinerlei Gesinnung, keinerlei Grundsätzliches und nicht einmal Böswilligkeit zu suchen ist. Sondern einzig die Politik und der Machtkampf geltungswilliger Parteigruppen, zwischen deren verantwortungslosen politischen Mechanismen das lebendige Einzelleben einfach zermalmt wird. Ich blieb ungeschützt, und just die Allertörichtesten, ein paar Jungen, rücksichtslos gradlinig, weil sie nichts wollten und konnten als Hurrah rufen, wurden die Herren der Lage. Ich meinerseits kämpfe auf verlorenem Posten, ich weiss das. Ich würde diesen Kampf auch überhaupt nicht führen. Wenn nicht das menschlichste Recht, das Recht auf Geistesfreiheit nämlich, dahinter stünde. Jetzt ist es ohnehin zu spät, um noch etwas ändern zu wollen. Sehen Sie, wenn einer kämpft wie ich, wenn einer für das Recht auf Geistesfreiheit kämpft, dann stellt er eines Tages fest, dass er nicht mehr aufhören kann zu kämpfen. So einfach ist das.


    (Er geht zum Sekretär, schenkt ein, trinkt.)


    Gewiss, die Behörden und die Fachgenossen geben gern und jederzeit zu, dass auch ich das Recht habe, meine Meinung frei zu sagen, auch ich. Aber, sagen sie im gleichen Atemzug, aber ein Professor dürfe eine solche Meinung halt nicht haben. Resultat also: Der Kampfausschuss gegen mich. Wahrlich, ich kämpfe auf verlorenem Posten. Weil mit Vernunft ist da nichts zu machen. Die sprechen einfach eine andere Sprache als ich. Eine deutsche Sprache, durch und durch. Die blutige Sprache der Rohheit halt. Sehen Sie, die kennen keine andere Kameradschaft als die von ihresgleichen. Nur sie sind Deutsche. Sie können gut schiessen und schimpfen und reiten und raufen, sie können auch ausgezeichnet reden und schreiben. Nur Denken, das können und wollen sie nicht. Und trotze ich einmal um des Prinzips willen, so sagt man nicht: Er hat Mut! Sondern: Unverschämte, schamlose Dreistigkeit! Verzichte ich dann aus Grossmut, dann ruft ein tausendstimmiges Echo: Der feige Jude kneift! Entführt mir aber ein Laut des Wehs, wehe, so brüllt es aus hundert Zeitungsschlünden: Hört das weichliche Gewimmer, kann er nicht frech sein, wird er weinerlich! Entführt mir ein Wort des Zornes, sofort schäumt es los: Der Verräter an unserem deutschen Halbgott stellt sich hin als schuldloses Opfer! Reizt man mich zu immer neuer Selbstwehr, dann bekomme ich zu hören: Er macht für sich Reklame, sein trauriger Ruhm ist ihm zu Kopf gestiegen! Bin ich nachsichtig und demütig in mir selbst, so schreit man: Schamlose Selbstbeweihräucherung! Spreche ich einfach und naiv, wie ein unbefangener Mensch, dann heisst es: Welch Mangel an Takt, welche Mängel an Haltung und Geschmack, wie unfein! Wäge ich aber hundertmal jedes gesprochene Wort, so heisst es: Berechnete Phrasen, gewolltes Pathos! Und so weiter und so fort. Ich kämpfe auf verlorenem Posten, ja. Aber was will man! Zähne zusammen und durch, sag ich mir. Bis man alles, aber auch alles unter und hinter sich gebracht hat. Nicht deutsch, nicht vaterländisch sei mein Aufsatz über Hindenburg: Was für ein Unsinn! Lassen Sie mich Ihnen etwas erzählen. Es war an einem Jahrestag der Schlacht von Tannenberg. Ich war damals an einem Gymnasium der Stadt als Lehrer tätig, aushilfsweise. Nun, die Schulen sollten „Deutschland über alles!“ singend an Hindenburgs Haus vorüberziehen. Vielen Hunderte von hellbegeisterten Kindern gingen also unter Führung der Lehrer froh jubelnd an dem alten Mann vorüber. Da wollte es der Zufall, dass ich gerade unmittelbar vor ihm stand, als Hindenburg die Hand hob und eine Ansprache begann. Wir standen also Aug in Auge, Hindenburg und ich, als er voller tiefsten Ernstes sagte:


    (Er hebt die Hand, macht Hindenburg nach.)


    „Deutschland liegt tief darnieder. Die herrlichen Zeiten des Kaisers und seiner Helden sind dahin. Aber diese Kinder hier werden das alte Reich erneuern. Sie werden wiederkommen sehen die herrliche Zeit der grossen siegreichen Kriege. Siegreich werdet ihr in Paris einziehen. Ich werde es nicht mehr erleben. Ich werde dann bei Gott sein. Aber vom Himmel werde ich auf euch niederblicken und werde mich an euren Taten freuen und euch segnen.“
    Dies sagte er. Und alles in heiligstem Ernste! Man fühlte, dieser alte Mann glaubt Wort für Wort, was er da sagt. Auch dass er nach dem Tod zu Gott kommt, auf einer Wolke hockt und sich von bevorzugtem Sitze aus Deutschland betrachtet. Einer der Bengels zeichnete später ein Bild in der Schule: Hindenburg als Engel auf der Wolke schwebend. Also. Und nun, was habe ich dann über Hindenburg geschrieben? Nichts weiter, nur: Hindenburg sei eine klare, wahre, redliche und verlässliche Natur ohne Problematik und Falschheit. Aber man solle sich dennoch in Acht nehmen, denn von dem Augenblick an, wo dieser unpolitischste aller Menschen zu einer politischen Rolle missbraucht werde, würde entscheidend, dass dieser Mann durch und durch Mann des Dienstes sei. Wie ein guter und treuer Bernhardiner halt.


    (Er geht zum Sekretär, schenkt ein, trinkt einen Schluck.)


    Und weiter habe ich geschrieben, dass nach Plato die Philosophen Führer der Völker sein sollen und mit Hindenburg jedenfalls kein Philosoph den Thronstuhl besteige. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero, hab ich geschrieben. Man kann sagen: Besser ein Zero als ein Nero. Leider zeigt die Geschichte, dass hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht. Das habe ich geschrieben. Das also fand ein Fähnlein Studenten nicht vaterländisch. Aber, ach, was wissen die schon? Sehen Sie, ich würde den sämtlichen Studenten mit Freude jede Strafe ersparen, denn wirklich, ich halte sie für verhetzt und für nicht urteilsfähig. Es ist die Nachkriegsjugend, sie weiss nichts vom Krieg und darum auch nichts vom Hindenburg. Sie glaubt das Vaterland zu retten. Und mich nennt sie einen Vaterlandsverräter, weil ich einen Aufsatz über Hindenburg...


    (Er winkt kopfschüttelnd ab.)


    Ach, nichts wissen die! Sie kennen die alte Herrlichkeit des Imperiums nur aus ihrem Schullesebuch und ergreifen die Ideale ihrer Grossväter, weil es nicht die ihrer Väter sind. Aber ich habe diesen Burschen zumindest etwas voraus, wahrlich! Nämlich ich erinnere mich. Ich erinnere mich! Wenn ich nur die Augen schliesse, dann sehe ich alles wieder vor mir. Als wäre es erst gestern gewesen...


    (Er schliesst die Augen.)


    Ungezählte Scharen, ungezählte, die deutschen Geschütze, die deutschen Pferde, die deutschen Husaren und Jäger, wie sie ihres Weges ziehen, Schritt um Schritt in den von Millionen anderen Füssen vorgebahnten Stapfen voran drängend, durch Schotter und Kreideschlamm, und allen klang dumpf und stumpf aus dem eintönigen Stampfen des Marschtaktes immer dieselbe, immer dieselbe irrsinnige Melodie: „Und mit Klingelingeling, und mit Singesangesang, gehen wir Schritt so um Schritt, in den Tod, Tod, Tod!“ Einen endlosen Zug von Todgeweihten sehe ich, wenn ich die Augen so geschlossen halte. Einen endlosen Zug von Todgeweihten! Zuweilen löst sich ein mir vertrautes Gesicht aus der grossen Schattenkarawane: eine Stirn, ein Auge, das ich kannte. Das bist Du, Erni Herzfeld, armes vergrämtes Kindergesicht, gar nicht erfassend, was mit dir Kind hier geschah, nur so mitgestossen, bis die erlösende Kugel von Verdun dich fand. Ei ja, das bist du, Otto Zobel, einziger guter Junge, du gingst pfeifend und zuversichtlich die lange Strasse, gar nicht anders, als wie wir früher zum Fussballspiel gingen. Aber auf der Brücke dort vor Verdun steht schon Freund Tod und erwartet dich. Und da bist ja auch du, Hans Ehrenbaum-Degele, auch ein einziges Kind, mit dem Geschlechter verschwanden, junger Dichter, so hat diese furchtbare Strasse auch dieses Herz voll ungesungener Lieder dahingenommen. Und dich, Erich Herkow, Genius der Mathematik, der Kopf, der, ein Jahrtausendwunder, Erkenntnis beherrschte, die nur zwei, drei Geister in Europa verstehen. Dahinten, die sinnlose Hölle hat ihn verschlungen. Und verschlang auch dich, Otto Braun, Hölderlin-Jüngling, rührend schön, edel, hellenischen Geistes. Und dich, Otto Hapke, einfacher, guter, getreuer Freund. Und dich, Curt Gronenberg, blonder versonnener Baldur; ja, du wohl starbst von allen am schwersten, denn du sahest und wusstest den Wahnsinn und gingst gezwungen und beugtest dich doch in Demut vor dem Schicksal und starbst schweigend. Ach, ich sehe immer mehr, immer mehr. Und sind doch alle nur ein paar Blätter, die vom Baume fielen. Und am Weihnachtsabend zünden viele Mütter ihr Lichtlein an und denken an einen, den nur sie kannten, sie ganz allein, und der ihr alles war und nun schon so viele Jahre dahin... Ja, wahrlich, ich erinnere mich. Bevor ihr losmarschiert seid, habt ihr ein Päckchen mit Honigkuchen bekommen. Vom Hindenburg. Denn der Alte hat ein gutes Herz. Ja, ein gutes Herz. Das sagtet ihr alle. Und dann zogt ihr die grosse Strasse hinunter und seid niemals wieder gekommen.


    (Er macht eine Pause, öffnet die Augen.)


    Dieser Mann ist ein Zero, aber dahinter steht der Nero. Das habe ich geschrieben, wahrlich, und jetzt wird man mich also umbringen. Das mächtigste aller Zauberworte erklärt und entsühnt halt alles: Vaterland! Ich sag Ihnen, die nationale Jugend aller Länder würde unbedenklich jeden Plato an die Wand stellen, jeden Spinoza abfunken, falls nur die von ihnen vergötterten Führer ihnen die Parole ausgeben würden: das alles sei nötig für das Vaterland. Alles für dieses vermaledeite Vaterland! In dieser deutschen Republik, einem Volksstaate, welcher jedem Bürger die Freiheit des Gewissens und den Schutz seiner Ehre verbürgt, in dieser deutschen Republik also, ich sage es ganz offen jetzt, in diesem Deutschland geschieht ein Kollektivverbrechen in diesen Zeiten, ein Verbrechen, desgleichen niemals so dagewesen ist. Niemals war es irgendwo erlaubt, dass eine Majorität im Staate die wehrlose Minderheit in Wort und Schrift dem Masseninstinkt preisgeben durfte: als hassenswert, als parasitär. Sehen Sie, hundert Zeitungen und Druckschriften erscheinen heute in Deutschland, Tag für Tag, Stunde für Stunde, um alle Not einer himmeltraurigen Zeit auf einen Sündenbock zu bürden. An jeder Plakatsäule prangt das Wort „Juden sind ausgeschlossen“ - wo es in Wahrheit heissen sollte: „Die Vernunft ist ausgeschlossen.“ Himmeltraurig, diese Zeiten, wahrlich! Etwas muss geschehen! Es muss einfach. Alle sollten wir um einen grossen Tisch sitzen und einmal nachdenken darüber, wie wir die ewige Ungerechtigkeit beenden, die einer tut am anderen. Doch nein. Statt dessen brüllt ein jeder: Vaterland! Und hat dabei Schaum vor dem Mund... Vaterland! Verstehen Sie? Ich verstehe nicht, jedenfalls. Was ist denn das, das Vaterland? Ich sag Ihnen, ich weiss es nicht. Oder nicht mehr. Sehen Sie, als ich ein gutgläubiger und braver Junge war, da fühlte ich mich in Ehrfurcht bereit zu sterben für das, was da Vaterland hiess. Aber was denn war es? Bis heute frage ich mich das vergeblich. Sagen Sie es mir doch. Was meinen die, die da behaupten, ich sei vaterlandslos, sie aber hätten, nein, sie wären das Vaterland? Ist es das Blut? Ist es die Rasse? Vaterland, sagen sie, das sei Liebe. Liebe zu Deutschland. Aber wenn sie von Liebe sprechen, warum bekommen sie dann böse Augen?


    Teil III


    (Er spricht leise weiter.)


    Sehen Sie, ich weiss es nicht. Nur in den stillsten Stunden, so wie jetzt, da ahne ich etwas. Ich ahne, dass die grossen Worte, welche die Menschen gerne im Mund führen, Worte wie Gott, Menschheit, Staat, Worte wie Vaterland halt, dass diese grossen Worte eigentlich allesamt nichts anderes sind als Umschreibungen für etwas ganz anderes, nämlich: Ich! Ich, Ich und nochmals Ich. Das meinen, das allein kennen sie. Vaterland, das ist Ich.


    (Er geht zum Sekretär, schenkt ein, trinkt.)


    Ich hätte grosse Lust jetzt, denen ihr Ich zu verleiden. Einfach indem ich ihnen beweise, dass es ihr Ich gar nicht gibt. Denn wenn sie Ich sagen, so ist das nur eine Redensart. Aber das wissen sie halt nicht. Weil sie nicht ahnen, dass ein Ich gar nie vorhanden ist. Jawohl, so ist das! Ich, das gibt es nicht. Weiss ich denn überhaupt, was ich bin? Bin ich etwa meine Drüsen! Oder mein Liebesleben oder mein Gallenleben? Meine Organe tun ja doch, was sie wollen. Und ich, ich habe das Nachsehen. Wenn aber sämtliche Organe sich gefressen haben, gibt es dann noch: Staat? Und was ist das, die „Menschheit“, wenn erst sämtliche Völker sich werden erschossen haben? Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Ihren Schlagworten: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, „Ganzheitsbezogenheit“, „Teleologie“. Geschwätz, alles Geschwätz! Die bekannten Idiotismen. Natürlich, in der Mitte thront immer das souveräne Ich. Und das Ich meint immer, es wäre da. Aber ich sags Ihnen, in Wahrheit ist es schon futsch, das Ich, im selben Moment, wo der Magen anfängt, sich selbst aufzufressen. Das tut er nämlich, der Magen. Wenn man nicht wieder was anderes hineinstopft, frisst er sich selber. Das ist beginnende Unsterblichkeit, wahrlich. Wenn endlich jede Zelle jede andere fressen darf. Verstehen Sie? Es gibt kein Ich. Es gibt nur einen momentanen Gleichgewichtszustand einander fressenwollender Atome. So ist das. Vaterland! Nichts anderes ist Vaterland als Wille zur Macht, als Wille zum Versklaven immer der anderen. Verstehen Sie?


    (Er schüttelt den Kopf, schweigt eine kurze Weile.)


    Muss ich wirklich erst tot sein und ein Paragraph in den deutschen Lehrbüchern, um endlich auch zum „Vaterland“ zu gehören? Dieser Mann ist ein Zero, aber dahinter steht der Nero. Das habe ich geschrieben, jawohl. Und das, das stimmt auch.


    (Er geht an eines der Fenster, schaut hinaus.)


    Irgendwo da draussen im Dunkeln hält genau in diesem Zeitpunkt der neue Kanzler des deutschen Reichs, der Mann mit der Trommel, eine grosse aussenpolitische Rede, eine, die zu Tränen rührt, freilich. Nicht Jesus, nicht Buddha könnten frömmer, menschlicher reden. Und während der Hitler also redet und redet, steht Deutschland bis an die Zähne bewaffnet da. Giftgase werden aufgespeichert in kaum noch vorstellbaren Mengen. Tanks, Kanonen, neue Gewehre werden gebaut. Wahrlich, ganz Deutschland ist ein Kriegslager heute. Aber man sieht es nicht, weil es dunkel geworden ist und weil man den wunderbaren Reden des Führers lauscht. Reden über Menschenliebe und Völkerbündnisse und Vaterland. Ach Gott, nie ist Deutschtum so unecht und unwirklich gewesen wie heute, wahrlich, heute, wo der grässliche Schwulst hitlerischer Reden Ausdruck der deutschen Seele, wo all der Hass und all die Galle der unzähligen Goebbels Offenbarung deutscher Natur sein soll. Kranke Figuren der Zeitgeschichte, sag ich Ihnen. Innerlich ausgebrannt und allzeit zum Mord bereit. Wie eine Zwiebel ist ihr Deutschsein. Wie eine Zwiebel, sag ich, ohne jeden Kern.


    (Er hat die letzten Worte energisch gesagt, jetzt geht er auf und ab, um sich zu beruhigen, aber es gelingt ihm nicht. Energisch spricht er weiter.)


    Und so glaubt unsere Nachkriegsjugend das Vaterland retten und die Nation wieder begründen zu müssen. Und verteidigt doch nur die alten Interessen einer verkalkten Klasse. Wahrlich, ein Deutschland hoffnungsloser Verdummung ist das, ein Deutschland, in dem ein Geschlecht heranwächst, für welches das Wort „Jude“ gleichbedeutend sein muss mit Begriffen wie Schädling, Schmarotzer, Wucherer, Verbrecher...


    (Eine Fliege greift ihn an.)


    Ah, Fliegen, verdammte Plagegeister! Ich hasse sie! Der Volksglaube macht sie ja zum Begleiter des Teufels. Recht hat er, der Volksglaube. Ausnahmsweise hat er recht. Aber wo war ich? Ah ja, ich weiss, ich weiss wo ich war. Beim Deutschen war ich, beim Deutschen, der das Wort Jude ergreift als brauchbar zur Bezeichnung alles ihm Ekligen, das Wort Deutsch aber als besten Namen für das schlechthin Herrliche. Sehen Sie, ich war ein braver und reiner Junge, wahrlich. Aber ich musste lernen: Auch wenn ich noch tausendmal braver und reiner gewesen wäre. Auch wenn ich ein Wunder gewesen wäre an Seele oder Leistung. Alles, alles, alles wäre doch umsonst gewesen. Sie nahmen mich nicht an. Sie empfanden mich als fremd. Immer schon. Ich war ein Jude. Und keine Tat, kein Werk hätte mir so genutzt, wie es mir genutzt hätte, wenn ich, sagen wir, Stoffel geheissen hätte, Christian Stoffel, Sohn eines deutschen Bauern mit Niedersachsenschädel und einer blondhaarigen Frau... Und kommen Sie mir jetzt bloss nicht mit „selbst schuld“, weil meine Vorfahren vor zweitausend Jahren halt den Sohn Gottes gekreuzigt hätten. Jaja, gewiss, alle haben ihn erkannt damals, den Heiland, alle - nur die Juden, die haben gezweifelt... Nun, ich zweifle! Hier und jetzt sage ich Ihnen: Ich zweifle! Und weiter sage ich: Ich weiss es nicht. Aber wenn ich auch nicht weiss, ob jemals unedlere Menschen, aus denen dann ich wurde, einen edleren umgebracht haben. Wenn ich das auch nicht weiss. Eines, das weiss ich doch um so sicherer.


    (Er ist an eines der Fenster gegangen und reisst es auf jetzt. Er brüllt hinaus.)


    Dass ich, Theodor Lessing, als würdigerer Mensch von den unwürdigsten in Deutschland gekreuzigt werde! Jawohl, das weiss ich! Und ich sage, was ich weiss, jawohl! Ich habe ohnehin noch viel zu wenig erzählt! Hört ihr?


    (Er schliesst das Fenster wieder. Langsam beruhigt er sich, spricht dann leise weiter.)


    Das musste sein. Entschuldigen Sie. Aber sehen Sie, begreifen Sie, ach, mögen die Völker
    doch lernen: Was sie heute an den Juden tun, wird morgen ihr eigenstes Schicksal sein. Man kann nicht zwei Nationen zugleich angehören? Aber wir Juden, wir müssen es eben können! Und morgen, übermorgen, in polynationalen Staaten der Zukunft, werden alle, alle werden das erlernen müssen, was heute der Jude können muss. Man kann nicht international und national in einem sein? Aber wir Juden, wir müssen es eben können. Und morgen, übermorgen werden alle das erlernen müssen. Wahrlich, ich sag Ihnen was: Die Natur selber hat der Weltgeschichte diesen allverwendbaren Sündenbock, diesen Drecksjud, geschenkt. Zum Gleichnis. Zum Spiegel aller. Punkt.


    (Er setzt sich wieder an die Schreibmaschine. Während er sitz ein neues Blatt Papier einspannt, beginnt er zu sprechen.)


    Sie bleibt unlöslich, die Judenfrage, wahrlich. Wie eben alles fraglos Lebendige unlöslich wird, sobald man - denkend, meine ich jetzt - an es herantritt, es antithetisch auseinanderzieht, in Sprache, in Gedanken auseinanderzieht und verbiegt und verdreht. Weil Leben richtet sich eben nicht nach Logik! Nein, ich sag Ihnen, wir lösen Widersprüche immer nur dadurch, dass wir sind, was wir sind. Ich bin ein Jude, aufgewachsen in Deutschland. So einfach wäre es eigentlich. Es gäbe überhaupt keine Judenfrage, wären wir Menschen nur wahre, würdige Menschen.


    (Er macht eine lange Pause.)


    Aber Menschen sind eben verhinderte Bestien. Und zum Gedenken daran, zum Gedenken, sag ich, schufen sie sich die Judenfrage. Sie ist unlöslich.


    (Er macht eine lange Pause und starrt dabei das leere Blatt in der Schreibmaschine an. Dann steht er auf und zuckt mit den Achseln.)


    Womöglich sollte ich über ein leichtes Thema schreiben, über ein harmloses Thema. Womöglich über das Rauchen? Das wäre ein Thema, wahrlich. Angenehm zu behandeln bei einer guten Pfeife. Aber lächeln Sie nicht zu früh! Auch das Thema Rauchen hat nämlich tiefe philosophische Untergründe.... Aber lassen wir das. Ich will mich nur ablenken. Und das Rauchen, es ist nur eine schlechte Gewohnheit, das Rauchen. Wobei, nun ja, das ganze Leben ist letztlich nur eine schlechte Gewohnheit. Aber eben, lassen wir das. Einzig vielleicht eine klitzekleine Bemerkung doch noch dazu. Woher kommt das Rauchen? Ich denke, dass das Rauchen nichts Körperliches ist. Die leise Betäubung, die leichte Nervenlähmung, der sanfte Dämmer- und Rauschzustand, nun ja, das mag durch Gewöhnung auch eine Rolle spielen. Aber wichtig scheint mir das Seelische des Rauchens zu sein. Ja, wahrlich, es ist ein tiefer, seelischer Vorgang, das Rauchen. Und nicht einmal der Tabakgenuss ist dabei wichtig, denn man könnte ja den Tabak auch kauen oder schnupfen. Nein, ich denke, nur das Träumen hinter dem Rauche her ist wichtig beim Rauchen. Dann nämlich stopft man sich eine Pfeife, wenn innere Sammlung geboten ist. Rauchen, denke ich, ist wirklich das einzig mögliche Mittel, um Leidenschaften zu unterdrücken. Man versuche nur einmal, in Entrüstung oder Wut zu rauchen. Es geht nicht.


    (Er geht zum Sekretär, schenkt sich ein, trinkt.)


    Ich hätte jedenfalls nicht schlecht Lust nach einer guten Pfeife jetzt. Aber eben, lassen wir das. Ich will mich ja nur ablenken.


    (Er setzt sich wieder an die Schreibmaschine.)


    Vielleicht fragen Sie sich, warum ich nicht flüchte? Ich frage mich das selbst. Aber wohin denn, frage ich Sie? Bei Nacht und Nebel habe ich Deutschland verlassen müssen, gleich nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Jetzt lebe ich hier, in Marienberg, zwanzig Kilometer hinter der deutschen Grenze, im Exil. Die Schwester will mich nach Holland holen. Zionistische Freunde bitten mich, nach Palästina zu kommen. Ein ehemaliger chinesischer Schüler bot mir eine Proforma-Professur an, um mir die Einreise nach China zu ermöglichen. Aber soll ich wirklich von einem Land zum anderen ziehen, ständig um Asyl bittend? So oder so, überall werde ich immer verfolgt sein und immer, bei jedem Spaziergang, mit dem Gedanken leben müssen, hinter dem nächsten Baum warte mein Mörder! Und stellen Sie sich doch nur einmal vor, ich, Professor für Philosophie, in Peking! Was soll ich denn in Peking? Ich hab meine Wurzeln doch hier. Wenn ich abgeschnitten bin von allem, was ich liebe und was ich doch verteidigen muss, was soll ich dann noch? Wofür kämpfen, wenn nicht um dieses verfluchte Deutschland? Nein, ich gehe nicht mehr weg. Zum Aufgeben ist es ohnehin zu spät. Es wäre auch zu früh. Sehen Sie, in Paris las ich einmal auf einem alten Grabstein ein Wort, das mir seither unvergesslich folgt: „Jetez l‘ancre et laissez flotter? - Wirf den Anker und lass dich treiben. Und über dem Grab schaukelte am Ast einer Weide ein Spinnennetz im Wind. Ich konnte beobachten, wie der Wind es schliesslich vom Zweige riss. Da wickelte sich die kleine Spinne fest in ihr Werk, ihr Gewebe, und gab sich ruhig dahin dem Wind. „Du frommes Tier“, dachte ich in jenem Augenblick. Denn dies ist Frommsein: freiwillig dem Schicksal sich hingeben, statt zu warten, bis wir unter Tränen es an uns geschehen lassen müssen. Verstehen Sie? Jetez l‘ancre et laissez flotter?


    (Er muss wieder eine Fliege abwehren.)


    Ah, ich hasse Fliegen! Vielleicht liebe ich deshalb die Spinnen so sehr. Weil ihre Nahrung sind die Fliegen. Ja, wirklich, ich liebe Spinnen. Ich kann kaum begreifen, wie man sie hässlich finden kann. Das sind doch wahrlich keine Gestalten zum Fürchten. Die Furcht erkläre ich mir einzig aus der Lautlosigkeit ihres schnellen Laufs. Dieses schöne Geschöpf hat keinerlei Sprache und Ausdruck als einzig sein Werk. Ich sag Ihnen, die Spinne ist das Urbild der Dichter. Übrigens war auch Spinoza Liebhaber der Spinnen. Es ist bekannt, dass er sie in seiner bescheidenen Stube gerne duldete und zähmte, indem er ihnen Fliegen brachte. Schopenhauer schreibt davon. Schopenhauer schreibt, dass diese Wahlverwandtschaft auf einen Zug von Grausamkeit im Charakter Spinozas hindeute. Vielleicht schrieb Schopenhauer das, während an der Decke seines Zimmers Fliegenpapier hing, auf dessen Leim Hunderte von Summern sich langsam zu Tode zappeln. So oder so, ich liebe die Spinne. Weil sie immer neu die Fäden sich aus dem Leib zieht. Sie muss bauen, bis sie bauend sich erschöpft und daran stirbt. Wissen Sie, ich sah im Rathaus zu Danzig ein grosses, brennendes Herz und darin die Inschrift: Placeam dum pereo. Das heisst soviel wie: Möge ich gefallen, indes ich vergeh. Und jetzt knöpft eure Ohren auf, ihr Schaffenden. Denn das geschieht nicht für den Markt. Nicht für die Geschichte. Das geschieht auch dort noch, wohin nie ein Auge dringt, in der finstersten Gruft, in der entlegensten Höhle. Darum ist die Spinne das Urbild der Dichter. Denn auch wir schreiben unser Gedicht in Wüstensand. Darum liebe ich die Spinnen.


    (Eine Fliege kommt, er wischt sie weg mit einer Handbewegung.)


    Und darum mag ich Fliegen nicht! Sehen Sie, die Fliege ist ja der Gegenpol zur Spinne. So sehe ich das. Ich denke, die Natur hat mit Spinne und Fliege uns eine Beziehung vor Augen gebracht, wie wir sie auch als Menschen kennen. Nämlich im Krieg jener, die fromm an Schicksal und Werk gebunden sind, mit den viel zahlreicheren, die einfach bloss lustig dahinleben: schicksalslos und werklos wie Fliegen eben! Aber egal. Was red ich von Fliegen und Spinnen! Ich muss jetzt wirklich meine letzten Worte niederschreiben. Denn sie sind nah, meine Mörder.


    (Er sitzt lange schweigend und bewegungslos da, das weisse Papier anstarrend. Dann steht er auf und lässt das Papier in der Maschine.)


    Nein, kein Wort mehr! Meine letzte Botschaft soll mit Blut geschrieben sein. Der Mord an mir, er soll für mich sprechen. Auch wenn es kein guter Mord sein wird. Kein echter Mord. Kein schöner Mord. Nur ein politischer Mord. Immerhin achtzigtausend Reichsmark wert. Soviel bin ich als Jude den Nationalsozialisten wert. Als toter Jude, um genau zu sein. Achtzigtausend Reichsmark für meinen Kopf!


    (Das Lachen bleibt ihm stecken im Hals.)


    Mein Gott! Was habe ich alles ein langes Leben lang über meinen Kopf hören müssen. Auf der Schule hiess es, mein Kopf sei kein Lernkopf. Auf der Universität sagten sie, mein Kopf sei ein Wirrkopf. Die Kollegen meinten, mein Kopf sei ein Querkopf. Ein Kritiker schrieb, mein Kopf sei kein politischer Kopf, ein anderer schrieb, mein Kopf sei kein historischer Kopf. Wieder andere schrieben, meinem Kopf fehle der Sinn für Metaphysik, für den Mythos, für das Kosmische, für Mathematik. Und so weiter und so fort. Und ich zerbrach mir den Kopf dabei und verdiente nichts damit. Und nun achtzigtausend Reichsmark! Nie hätte ich für möglich gehalten, dass mit meinem Kopf einmal so viel zu verdienen wäre.


    (Er macht eine blitzschnelle Handbewegung, der keine Fliege entkommen kann.)


    Hab ich dich!


    (Er hält die Fliege zwischen Daumen und Zeigefinger, sieht sie an und sieht ein bisschen ratlos aus.)


    Ich mag Fliegen nicht.


    (Er legt die Fliege neben die Schreibmaschine. Dann geht er ans Fenster, schaut schweigend hinaus.)


    Wie still es doch ist im Haus, jetzt. Wenn die vierzig Zimmer einmal einsam und verlassen sind. So still. So friedlich. Und es regnet. Seltsam, ich habe gar nicht gemerkt, wann es begonnen hat. Aber ist schon recht. Der Regen tut einem schliesslich nichts. Ich rauche jetzt eine Pfeife.


    (Er geht zum Sekretär, beginnt, mit dem Rücken zum Publikum, sich eine Pfeife zu stopfen. Dann dreht er sich plötzlich um.)


    Haben Sie das auch gehört?


    (Er geht ans Fenster, schaut hinaus.)


    Eine Leiter ist ans Haus gelehnt. Ich glaube, ich sehe auch Schatten unten auf der Strasse. Ist es denn schon so spät?


    (Er geht zum Sekretär, stopft die Pfeife zu Ende.)


    Manchmal frage ich mich, wie es gekommen wäre, wenn ich diesen Aufsatz über Hindenburg damals vor acht Jahren nicht geschrieben hätte. Wenn ich überhaupt einfach geschwiegen hätte. Wäre dann nicht alles anders gekommen? Aber das sind keine guten Fragen. Es ist, wie es ist, und ich glaube auch, es ist gut so. Man kann wie Lots Frau immer nach rückwärts blicken und stöhnen: „Ach hättest du doch damals... ach hättest du doch damals nicht...? Oder man kann jedes Heute dem ungewissen Morgen opfern, gleich Hamlet, und bei jedem Schritt sich seiner Verantwortung bewusst werden, voller Angst, das Unrichtige zu tun. Beides macht uns lebensunfähig.


    (Er geht mit der Pfeife zum Schreibtisch, nimmt dort die tote Fliege und zerreibt sie zwischen Zeigefinger und Daumen über dem Tabak, um diesen mit ihr zu würzen. Dann zündet er ein Streichholz an, die Pfeife im Mund.)


    Eine sinnvolle Erfindung, Zündhölzer. Während sie nützen, entsorgen sie sich auch gleich.


    (Er zündet die Pfeife an.)


    Ah! Kein Zug ist so schön wie der erste!


    (Schweigend raucht er.)


    Wissen Sie, ich denke, es ist gut so. Was will man! Ich warf eine Flaschenpost ins Eismeer der Geschichte. Die Geschichte antwortete prompt. Und schickt ihre Mörder und Mördershelfer los. Empfänger: Ich, Theodor Lessing. Was will man! Es ist gut so. Ich habe der Welt nichts mehr zu sagen. Denn die Welt will ohnehin nur betrogen sein. Sie beurteilt dich nie nach deiner Seele, sondern immer nach dem Phantasiebilde, das von dir ausströmt, nach deiner Illusionsfassade. Dein ganzes Leben in der Welt ist zuletzt frommer Betrug. Wer sich gut verpanzert, der gilt in der Welt. Wer sich offenbart, der wird bald verlassen. Wahrlich, unverlierbar blüht dir nur, was du in stiller Einsamkeit an dir selber hast und hältst. Ja. Es ist gut so...


    (Er raucht weiter, schweigend.)


    Aber blicken Sie nur nach den blauen Wolkenschwaden! Sehen Sie nur. Mir kommt immer ein Gedanke, der mich tröstet, wenn ich so rauche: Ich bin jetzt Weltenschöpfer. Ich rauche hier in meinem Stübchen Weltgeschichte. Sehen Sie nur.


    (Er inhaliert und bläst Rauch aus.)


    Diese graublaue Karawane, das sind die Scharen Alexanders.


    (Er inhaliert nochmals, bläst wieder aus.)


    Und jetzt kommt die Völkerwanderung.


    (Er bläst Rauch aus.)


    Jetzt jagen die Hunnen.


    (Er blickt zum Fenster.)


    Also gut. Es ist soweit. Der Mord kann nicht zum Symbol werden ohne den Mörder. Auf den Sprossen draussen auf der Leiter stehen zwei Männer. Sie drücken ihre Körper fest ans schmale Wandstück zwischen den Fenstern. Sie zielen auf mich, mit Pistolen. Um diese Uhrzeit müssen sie kaum noch mit Spaziergängern rechnen. Gut. Ich bin bereit.


    (Er raucht, bläst aus.)


    Aber sehen Sie, sehen Sie hier. Dieser dicke Schwaden, sehen Sie nur, ich blase Napoleons Heere und Völkerkriege und Revolution. Rauch alles, alles verwehender Rauch!


    (Es fällt der Vorhang.)



    _______________________________
    Mr. Jones, September 2002

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    13.May 2000
    Ort
    Köln
    Beiträge
    671
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    mehr davon.

    Leider bin ich so ungebildet, muß ich alles über Lessing wissen um das zu verstehen?
    Sollte ich sicher sowieso. Aber es gibt noch so vieles, was ich nicht kenne. Obwohl ich seit langem lerne. Ich mache es halt wie viele Autodidakten, durcheinander, ohne Lernkonzept. Das 3. Reich, damit habe ich mich viel beschäftigt. Lessing ist zu kurz gekommen. Wird aber nachgeholt. Aber es gefällt mir, wenn eine Vergangenheit, die andere Vergangenheit einholt.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    540
    Renommee-Modifikator
    19

    Lightbulb AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    musst du viel wissen über lessing? nein, denk ich. hoff ich. weil was ich will dass man weiss, das kömmt, das schreib ich innerhalb meines stücks. überhaupt schreib ichs ja, weil man nix weiss von dem kerl...


    soviel im moment und zum vornherein:


    theodor lessing, 1872 in hannover geboren, 1933 ermordet von nationalsozialisten. im exil. in einem kargen arbeitszimmer...
    sein geplantes hauptwerk, 'philosophie der not', wird nie vollendet, soziale und politische krisen fordern immer wieder sein direktes engagement. seine politisch-psychologischen studien, porträts des massenmörders haarmann (1925) und des generalfeldmarschalls hindenburg (1925) machen theodor lessing berühmt und berüchtigt.


    aber es ist schon mein ehrgeiz, die figur lessing derart zu präsentieren, dass vorkenntnisse zu diesem jüdischen philosphen nicht von nöten sind, sondern umgekehrt: dass nach dem stück kenntnisse da sind.


    wie gesagt, fortsetzung folgt.


    Mr. Jones

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    340
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    Hi, Mr. Jones,
    Du begibst dich auf einen dornigen Weg aus drei Gründen:
    1. Du willst ein Stück schreiben. Dafür aber musst Du eine Situation schaffen, in die der Zuschauer sich hineinfühlen, in der er sich mitängstigen und mitfiebern kann. Bisher ist hiervon zu wenig zu spüren, es bleibt Wissensvermittelung aus dem Mund eines schreibgewohnten Mannes, der sich klug und intelligent über Antisemitismus auslässt- interessant zu lesen - aber keineswegs dramatisch.
    2. Du wählst für Dein Stück die besonders schwere Form des Einpersonenstücks. Das ist was für Virtuosen der Dramaturgie, ich nenne nur Süskind und Peter Hacks. Mit einer Person Dramatik zu erzeugen ist besonders schwer; man kann sich mit Hilfsmitteln, vor allem Tönen, helfen (Sprechchöre von Studenten vorm Fenster, Radioübertragung von Hitlers Machtergreifung, Hitlerreden), viel tiefer aber geht es, wenn man den Protagonisten als in sich Gespaltenen zeigt, der z.B. haltlos hin und her schwankt zwischen Flüchten und Standhalten, zwischen Angst und Stolz, Liebe zu Deutschland und Hass auf seine Verfolger. Dein Lessing erscheint mir für eine dramatische Figur viel zu souverän, druckreif, gerecht und treffend spricht er vieles Wahre aus und macht dabei einen merkwürdig unbetroffenen Eindruck.
    3. Dein Protagonist kann dir verdammt gefährlich werden, denn er ist ein ausgezeichneter Autor und Stilist und könnte Sachen geschrieben haben, vor denen Du mit Deinem Text unvermittelt blass dastehst. Ich hab mal im Netz herumgeschaut - und hab den folgenden Artikel gefunden. Ich finde, das wäre Originaltext für Deinen Helden - und bestimmt nicht schwächer als das, was Du geschrieben hast.

    Gruß Quoth


    Theodor Lessing: Vaterland
    In: General-Anzeiger für Dortmund und das gesamte rheinisch-westfälische Industriegebiet v. 28.12.1931


    Vaterland


    In einem schönen Lande geboren, dessen Täler ich erwanderte, dessen Blumen ich pflegte, dessen Tiere ich beschützte; in einem Lande, dessen Kinder ich gelehrt habe, dessen Kranke ich geheilt habe, dessen Armen nach Kräften ich geholfen habe; in einem schönen Lande geboren, dessen Geistesgut ich zu vermehren bemüht war, dessen Musik ich zu erbluten strebte, dessen Sprache rein zu erhalten ich trachtete; in einem schönen Lande geboren, bekam ich von früher Jugend bis heute, wo ich ein alter Mann bin, bei allem, was Widriges, was Böswilliges mir begegnete, immer ein und dasselbe Wort zugeschleudert, zur Begründung jeglichen Übels, das bluttriefende Wort: Vaterland.

    Rechthaber traten immer in meinen Weg und schlugen auf meinen Kopf mit diesem einen Wort. Im Namen des Vaterlandes forderten sie Gehorsam. Im Namen des Vaterlandes verhängten sie Pflichten. Im Namen des Vaterlandes kreisten Sammelteller, Armenbüchsen, Steuerschrauben, Geschäftsprospekte, Verfügungen, Verordnungen und Parteikassen. Wurde ich von ahnungslosen Jungen mißrechtet, sie mißhandelten mich fürs Vaterland. Mußte ich das Kind hergeben, es geschah fürs Vaterland. Verlor ich den Freund, das Vaterland wollte es so. Wenn ich unklares Denken ehren mußte, wenn ich Geschwätz, Aberglauben, Machtwille, Selbstgerechtigkeit und Phrase hinnehmen und hören mußte, als seien das die heiligsten Güter und tiefsten Einsichten; ja, wenn ich alles Gemeine hochhalten und vor jedem Götzen schweigen mußte, immer geschah es für das Vaterland.


    Das fing an auf der Schulbank. Man lehrte mich lügen fürs Vaterland. Schlechte Verse mußte ich lernen und liebte so tief die schönen. Wortgeklingel mußte ich lernen, das war Liebe zum Vaterland. Langweilige Familienlegenden der jeweilig herrschenden Machthaber, Schlachtennamen und immer wieder Schlächtereien mußte ich mir einprägen. Das war die Geschichte des Vaterlandes. An jedem Morgen, an jedem Mittage, an jedem Abend standen, saßen, predigten da gewichtige Männer, hämmerten mir ein: "Du hast das große Glück, ein Vaterland zu besitzen." "Süß ist's zu sterben fürs Vaterland", "Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles gibt für ihre Ehre." "Ans Vaterland, ans teure schließ Dich an." Und da ich ein gutgläubiger und braver Junge war, so fühlte ich mich in Ehrfurcht bereit, zu sterben für das, was sie Vaterland nannten. Aber was denn war es? Ich dachte nach. Ich dachte an die Gräber meiner Vorfahren, die seit vielen hundert Jahren mit der Erde Niedersachsens verbunden sind. Ich dachte an die Denker und Dichter, die mich schufen. Als ich aber älter wurde, da merkte ich, daß nichts von all dem, was ich als Heimat in mir trug, das gemeinte "Vaterland" sei. Bis heute frage ich vergeblich. Was meinen sie denn eigentlich, wenn sie behaupten, ich sei vaterlandslos, sie aber hätten, nein, sie wären: das Vaterland.


    Ist es das Blut? Ist es die Rasse? Ich will einmal annehmen, sie seien blutrein und ich sei unreinen Blutes. Aber wie sehn sie aus! Wie benehmen die sich! Unschön, unsauber. Gar nicht lauter und klar. Wenn ihr Blut edel ist, an ihrem Leben merke ich es nicht. Sind es die Gärten, die Wälder? Sie verw?sten Erde und Wald. Die Flüsse? Sie verschmutzen Deutschlands Flüsse. Sie knallen nieder Deutschlands Tiere. Sie vertreiben die Singvögel. Sie lieben das Land nicht. Sie vernutzen das Land! Oder aber: die Sprache? Sprechen sie deutsches Wort behutsamer als ich, besser, tiefer, keuscher? Ich kann ja ihre Rede nicht aushalten. Es ekelt mich vor ihren Büchern. Vor diesen unerbluteten brüllenden schuldigen Büchern. Sie sprechen alle dasselbe Deutsch. Rechthaberdeutsch, Literaturdeutsch, Rohlinge ohne Musik, ohne Seele. Wenn dies alles Deutsch ist, dann ist Deutschsein etwas Abscheuliches. Sind sie bessere Menschen? Sittlicher, männlicher, heroischer? Würdigere Erben der deutschen Genien? In wem denn von ihnen leben sie weiter: Gotthold Ephraim, Schiller, Goethe? Wo lebt Schopenhauer, wo Nietzsche? Ich habe ein Leben lang nach diesen Männern Ausschau gehalten. Wer hilft mir? Aber vielleicht verstehen sie unter "Vaterland" nichts anderes als das neue Geschlecht, unsere Kinder? Aber schrecklich! Ich sehe dieses junge Geschlecht verkümmert, verdummt, verbildet. Wer hilft mir? Ich weiß es nicht, verstehe es nicht, was alle diese Eigentlich- diese Wirklich-Deutschen "Vaterland" nennen. Was sie meinen, wenn sie mir zurufen: "Du gehörst nicht zum Vaterland. Wir aber sind das Vaterland."


    Ich trat ein für die deutschen Menschen im Elsaß, in Böhmen, in Südtirol, in Oberschlesien. Ich bekam die folgende Verwarnung. "Die Industrie in den nicht zum Deutschen Reiche gehörenden Gebieten ist als Konkurrent der deutschen Wirtschaft aufzufassen. Die deutsche Arbeit schützen, heißt die Produkte der ausländischen Industrien meiden." Ach so! Der Mann sagt "Vaterland" und meint sein Geschäft und seinen Profit. Ich fand es abscheulich, daß in Deutschlands Notzeit die Besitzenden Geld und Besitz in anderen Ländern haben. Aber da bekam ich die folgende Auskunft: "Daß unsere Wirtschaftsführer während des Weltkrieges ihre Vermögen in ausländischen Werten angelegt haben, hat einen großen Teil unseres Nationalvermögens gerettet." Ach so! Daß mit dem Gelde unserer Könige Granaten gedreht wurden, mit denen "das Ausland" uns und unsere Kinder töten konnte, rettete den Wohlstand des Vaterlandes. Nein! Zu kompliziert für mich! Ich werde nie begreifen, was Vaterland ist.-


    Aber in den stillsten, den einsamsten Stunden ahne ich etwas. Ich ahne, daß die großen Worte, welche die Menschen gerne im Munde führen - Worte wie Gott, Menschheit, Staat und Vaterland - allesamt nichts anderes sind, als Umschreibungen für eine einzige Tatsache, für ein einziges anderes Wort. Für das Wort und die Tatsache: Ich! Ich, Ich, Ich! Das meinen, das allein kennen sie alle. Vaterland ist Wille zur Macht. Vaterland ist Wille zum Versklaven immer der Anderen. Vaterland ist Ich. Gut denn! Aber ich frage, welche Inhalte hat dieses Ich? Da zählen sie mir alle das auf, was sie zerstören und verkümmern an mir, an sich selbst, an aller Welt! Das Herz, die Seele, die Musik, den Wald, die Schönheit, die Träume. Sie sagen "Liebe zu Deutschland", das sei Vaterland. Und wenn sie von Liebe sprechen, so bekommen sie böse Augen. Ach, ich fürchte, wenn ich tot und ein Paragraph in den deutschen Lehrbüchern bin, dann gehöre ich endlich auch mit zum Inventar "Deutsche Kultur", dann bin auch ich endlich "Vaterland, um dessentwillen bei Lebzeiten die Leute mich und sich sinnlos gequält haben.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    540
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    Lieber Quoth, ich danke Dir für Dein Feedback. Du schriebst:


    1. Du willst ein Stück schreiben. Dafür aber musst Du eine Situation schaffen, in die der Zuschauer sich hineinfühlen, in der er sich mitängstigen und mitfiebern kann. Bisher ist hiervon zu wenig zu spüren, es bleibt Wissensvermittelung aus dem Mund eines schreibgewohnten Mannes, der sich klug und intelligent über Antisemitismus auslässt- interessant zu lesen - aber keineswegs dramatisch.

    Ja, ich denk, da hast recht, was die Dramatik betrifft. Aber sei versichert, das ist alles noch immer work in progress, und noch vielerlei änderungen werd ich vornehmen (müssen), weil?


    2. Du wählst für Dein Stück die besonders schwere Form des Einpersonenstücks. Das ist was für Virtuosen der Dramaturgie, ich nenne nur Süskind und Peter Hacks. Mit einer Person Dramatik zu erzeugen ist besonders schwer; man kann sich mit Hilfsmitteln, vor allem Tönen, helfen (Sprechchöre von Studenten vorm Fenster, Radioübertragung von Hitlers Machtergreifung, Hitlerreden), viel tiefer aber geht es, wenn man den Protagonisten als in sich Gespaltenen zeigt, der z.B. haltlos hin und her schwankt zwischen Flüchten und Standhalten, zwischen Angst und Stolz, Liebe zu Deutschland und Hass auf seine Verfolger. Dein Lessing erscheint mir für eine dramatische Figur viel zu souverän, druckreif, gerecht und treffend spricht er vieles Wahre aus und macht dabei einen merkwürdig unbetroffenen Eindruck.

    in der Tat, ich will mehr, als ich mir eigentlich zutraue. Im ersten Durchgang ist mir jetzt vor allem wichtig, die drei vier Hauptthemen bzw. Grundlinien, mit denen ich den Lessing zeichnen möchte, klar zu machen. So hab ich auch kaum Regieanweisungen im Stück vorgegeben bisher. Weil das kömmt erst, wenn mein Lessing gesagt haben wird, was er sagen muss in diesem Stück. Dann werd ich ihn seinen Worten anpassen, ihm Farbe geben. Verstehst? Der unbetroffene Eindruck wird wohl in diesem Entwurf bis zum Schluss bleiben. Ideen wie Deine Sprechchöre oder die Radioübertragung, die merk ich mir sicherlich und hab auch selbst noch ein paar auf Reserve. Aber im Moment geht's mir um eben eine andere Ebene, nämlich das Gelehrt-Druckreife möglichst einer Lessing-gemässen gesprochenen Sprache anzugleichen, ineinanderfliessen zu lassen, logisch zu verknüpfen die Gedankengänge...


    3. Dein Protagonist kann dir verdammt gefährlich werden, denn er ist ein ausgezeichneter Autor und Stilist und könnte Sachen geschrieben haben, vor denen Du mit Deinem Text unvermittelt blass dastehst. Ich hab mal im Netz herumgeschaut - und hab den folgenden Artikel gefunden. Ich finde, das wäre Originaltext für Deinen Helden - und bestimmt nicht schwächer als das, was Du geschrieben hast.

    Ich dank Dir für diesen Original-Text. Mal sehen, vielleicht bau ich einiges davon mit ein. Und klar hast recht damit, ich könnt mit meinem Text blass dastehen am Ende. Aber das Risiko geh ich irgendwie mit jedem Text ein, so oder so, und wie gesagt, das hier ist eine Gratwanderung, ein Risiko, ich bin mir dessen bewusst. Aber solang der Mut hinreicht, geh ich das Risiko gern ein.


    Nochmals dankschön für Dein Echo. Ich arbeite weiter an der Illusionsfassade, das ist klar, und ich hoff, am Schluss etwas zusammengebastelt zu haben, das man der Welt ohne schlechtes Gewissen überlassen kann. Bis dahin ists in der Tat ein dorniger Weg. Dass Du mich ein Stück begleitest, dennoch, guter Quoth, dafür dank ich.


    Mr. Jones

    ein wort noch zum text 'vaterland':


    in der tat, ein wichtiger, ein aussagekräftiger text, der thematisch beinhaltet, was ich in meiner 'illusionsfassade' bisher angegangen bin. ja, ich werde ein zwei abschnitte einbauen, wahrscheinlich gar wort für wort. denn es fehlt noch in der wortsammlung, die ich geliefert, dies schreckliche wort 'vaterland'...

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    340
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    Hi, Mr. Jones,
    Dir ein Dank, daß Du das Augenmerk auf diesen merkwürdigen und, wie Kyra ja auch schon deutlich machte, ein wenig vergessenen Mann gelenkt hast - nach dem immerhin die Uni in Hannover heißt (so wie die in Düsseldorf nach Heine). Bei meiner Suche fand ich noch einiges Interessante; wer sich z.B. näher über den Mord an Theodor Lessing informieren möchte, kann das hier.
    Nach meiner Erfahrung kann man dramatisch nicht auf zwei Ebenen arbeiten - zuerst den Text, und dann anschließend dramatisches drumherum und drunterbauen, das geht schief, weil das Dramatische aus dem Charakter kommen muß, und der wiederum bestimmt ganz massiv über Form und Inhalt des Textes.
    Aber ich habe nicht im Geringsten vor, Dir in Deine Vorgehensweise hineinzureden - versuch's!


    Gruß Quoth

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    540
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    auf dein hineinreden, lieber quoth, würd ich nur ungern verzichten wollen. selbstverständlich, ich mach weiter, ich hoff, ich kriegs auf die reihe, was mir vorschwebt...
    im 'schlimmsten' fall - aber daran möcht ich im moment lieber nicht denken - mach ich ein theaterstück mit verschiedenen personen und szenen daraus. auch da hätt ich durchaus ideen, und das wär in der tat um einiges einfacher. aber eben, ich hab halt den ehrgeiz, das unmögliche hinzukriegen...
    so oder so, ich bleib dran.


    greetings,
    Mr. Jones


    Die Illusionsfassade, Fortsetzung:
    ____________________________________


    (Er schweigt lange und betrachtet den Zeitungsausschnitt.)


    Ja, schrecklich, wahrlich. Aber welch ein Schauspiel für Psychologen!...



    Diese Fortsetzung ist per sofort gestrichen. Quoth hat mich mit seinen Einw?nden g?nzlich ?berzeugt. Deshalb werd ich anders weiterfahren mit dem St?ck. Fortsetzung folgt...

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    23.June 2002
    Ort
    Wiehl
    Beiträge
    340
    Renommee-Modifikator
    0

    Question AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    Nun lass schon rüberwachsen! Hast du was auf der Pfanne oder tust du nur so?

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    540
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    geduld, lieber quoth. gekritzelt hab ich es jetzt. auf papier. nun lass ich es dort atmen, ein paar tage. und sobald ich mich dazu aufraffen kann, hämmere ich es über die tastatur ins netz. zuvor muss mir aber noch der definitive titel einfallen...


    dankschön für's interesse jedenfalls.


    Mr. Jones

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.499
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    Original erstellt von Mr. Jones:
    (Arbeitszimmer, karg eingerichtet. Auf der rechten Seite steht neben den beiden geschloßnen Fenstern ein alter Sekretär. Über diesem, an der Wand, hängen Porträtaufnahmen von Arthur Schopenhauer, Ludwig Klages, Immanuel Kant, Wilhelm Jordan und Friedrich Nietzsche. Zwischen den Blumentöpfen auf dem Sekretär zwei Photographien: Eine Mutter mit Säugling, ein Porträtbild eines grimmig dreinblickenden Mannes. In der Mitte des Raums befindet sich ein Tischchen, darauf eine Schreibmaschine. Ein philosophenbärtiger Jemand tippt. Dann hört das Tippen auf, der Jemand reißt das Papier aus der Schreibmaschine. Er steht auf, das Blatt in der Hand, und geht, während er schweigend liest, auf und ab, kopfschüttelnd. Schließlich zerknüllt er das Papier und wirft es in den Kübel.)
    Kein schlechter Anfang. Vielleicht ist die Tendenz der Orientierung zu eindeutig. Das Bühnenbild sollte gebrochen werden. Ein Schnitt tut da manchmal Wunder.

    Grundsätzlich, nach dem ersten Überfliegen dieses Textes, habe ich das Gefühl, Du arbeitest NICHT multiperspektivisch, sondern interpolierst. Klages, Schopenhauer und Nietzsche sind nicht für ihre freundschaftlichen Beziehungen zum Judentum bekannt. Abgesehen davon ließe sich auch fragen, ob es das überhaupt gibt, DAS Judentum. Zu fragen wäre auch, warum "Vaterland" ein schröckliches Wort sein soll? Für mich ist es das überhaupt nicht. Es gibt auch nicht DIE deutsche Industrie oder DEN Deutschen. Ich werde immer ganz mißtrauisch, wenn ich dergleichen Verallgemeinerungen in poetischen Texten lese.
    Auch Quoths Meinungen, dramaturgische Verwicklungen ließen sich nur über charakterliche Unausgewogenheiten erzeugen, teile ich nicht. Handlung muß nicht aus dem Charakter entstehen, sie kann auch durch äußere Ereignisse erzeugt werden; in einem Einmannstück böte sich hier Teichoskopie an.

    Ob ich hier Textarbeit mache, weiß ich noch nicht. Die Konstruktionsfehler des Textes sind doch augenscheinlich. Allerdings ist mir dieser Theodor Lessing beinahe sympathisch, diese Selbstreferenz und gleichzeitige (intellektuelle) Getriebenheit sind mir nicht fremd. Mal sehen, wie es weitergeht...

  11. #11
    Dr. Text
    Laufkundschaft

    AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    Bravo, der schönste Text, den ich bis jetzt in Foren entdeckt habe - und mutig - weil er den Verfasser herausfordert, in aller Öffentlichkeit.
    Ein Frage: seit drei Jahren verfolge ich Forengespräche und Chatgerede usw, da ich ein modernes Theaterstück über die neue virtuelle Welt schreibe. Ist es erlaubt, in diesem Theaterstück dieses Forum zu erwähnen? Wäre doch eine gute Werbung?

  12. #12
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Question AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    Erwähne, was Du willst. Es liegt in der Freiheit der Sache. Die Sache heißt Mensch.


    Seit wann bekümmern sich Literaten darum, was Literaten raten?

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    12.August 2001
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    301
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück (3/3)

    Nicht so tiefsinnig, wie er zuerst anmutet, der Text. Dafür hat er mich einfach gut unterhalten. Sehr schön finde ich die Einstreuung der Fliegen.


    1 Punkt dafür, Mr. Jones.

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    538
    Renommee-Modifikator
    19

    Question Lessing und der Fliegentext

    Lieber mr. jones,


    wohin ist eigentlich Dein Lessing-Stück verschwunden? Habe ich etwas versäumt? Ich wollte hier weiter arbeiten, habe es aber nicht mehr gefunden. Dass meine Textkritiken mitverschwunden sind, kommt einer Bücherverbrennung gleich und macht mich zornig. Viele Fragen, die ich dort stellte, hast du auch nicht beantwortet.

    Egal, dies ist zwar der falsche Ordner, aber ich habe noch einiges zu sagen:


    Reden wir daher über Fliegen, auch wenn ich jetzt nur aus meiner Erinnerung arbeite:
    Lessing wird bei seinen großen, letzten Worten immer wieder von einer gestört. Sie entwickelt sich zu einem "running-gag", der sozusagen die Absätze zwischen seinen monologischen Gedankenflügen bildet und auf den Zuhörer ebenso nervend und störend wie auf Lessing wirkt. Das ist eine gute Idee.... aber:
    Für mein Empfinden geschieht diese Störung zu häufig, man beginnt darauf zu warten und das schadet der Aufmerksamkeit für das Entscheidende, nämlich Lessing selbst. Es wundert mich auch, dass Lessing ihr nicht irgendwann einmal seine ganze Aufmerksamkeit widmet und sie, anstatt zu jammern, aufspürt und erschlägt. Aber vielleicht ist es nicht seine Art.
    Nun kommt die Fliege auch schon im Prolog vor und aus Lessings Bemerkungen wird deutlich, dass sie ihn selbst und seine Situation repräsentiert. Das halte ich für äußerst bedenklich, ja geradezu gefährlich. Lessing (der Jude?) ist eben keine Fliege, kein unnützes Ding, das in Gottes Schöpfungsplan nur stört und ausgerottet gehört. Warum unstellst du Lessing aber eine Antifliegenhaltung, also indirekt Rassismus? Ist das belegbar? Ist er ein Beispiel für den grotesken Selbsthass, der den Juden von der Deutschen Rechten eingepflanzt wurde? Finden sich dazu bei ihm Belegstellen?
    Was also, außer einem netten Gag, bedeutet diese Fliege? Erkläre mir das.


    Gruß, Klammer


    PS Kannst du mir Deinen Text nicht zumindest mailen, damit ich weiter machen kann?
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    540
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    Original erstellt von Klammer:
    Lieber mr. jones,

    wohin ist eigentlich Dein Lessing-Stück verschwunden?
    frag den forums-dämon.

    Original erstellt von Klammer:
    Nun kommt die Fliege auch schon im Prolog vor und aus Lessings Bemerkungen wird deutlich, dass sie ihn selbst und seine Situation repräsentiert. Das halte ich für äußerst bedenklich, ja geradezu gefährlich. Lessing (der Jude?) ist eben keine Fliege, kein unnützes Ding, das in Gottes Schöpfungsplan nur stört und ausgerottet gehört. Warum unstellst du Lessing aber eine Antifliegenhaltung, also indirekt Rassismus? Ist das belegbar? Ist er ein Beispiel für den grotesken Selbsthass, der den Juden von der Deutschen Rechten eingepflanzt wurde? Finden sich dazu bei ihm Belegstellen?
    Was also, außer einem netten Gag, bedeutet diese Fliege? Erkläre mir das.


    Gruß, Klammer


    PS Kannst du mir Deinen Text nicht zumindest mailen, damit ich weiter machen kann?

    mailen. ja, werde ich gerne machen, klammer... ich schulde dir zumindest dank, jetzt schon.


    zur fliege: ja, lessing hasste fliegen. das ist belegbar. und er war jemand, der störte. nicht in gottes plan, in überhaupt niemandes plan, sondern immer nur am rande eines nazierkrankten deutschlands.
    im übrigen, zum jüdischen selbsthass: du irrst, wenn du denkst, die nazis hätten diesen erfunden. theodor lessing himself hat diesen "erfunden". ich thematisiere dies aber nicht im stück, nicht wirklich, ich thematisiere vieles nicht...
    lessing und fliege, ein running gag? ja, sicher. aber darüber hinaus eine metapher. was ich genau meine mit dem bild, erkläre ich nicht, will ich nicht erklären. du brauchst meine erklärung auch nicht, denke ich. aber es ist durchaus berechtigt, diese metapher. ob ich die fliege zu oft bringe, darüber lässt sich freilich streiten.
    hilft dir das so weiter?


    Mr. Jones

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    538
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    hmm...
    nun gut. Natürlich weiß ich, dass die Nazis nicht den Selbsthass erfunden haben (vielleicht den der Deutschen, das ja lt. ZEIT nun ein ebenso paradigmatisches Volk wie das jüdische ist - nur eben mit anderen Vorzeichen); schließlich entstand dieses Gefühl bereits Anfang des 19. Jahrhunderts neben oder aufgrund der Emanzipation der Juden, die nur in die Gesellschaft finden konnten, wenn sie konvertierten, also ihre Geschichte verleugneten. Verdrängung.... Das ist der Beginn einer Neurose.
    Was genau aber willst du in deinem Theaterstück thematisieren: Das allgemein menschliche Versagen des Intellektuellen in bösen Zeiten? Oder Lessings privates Schicksal?
    Noch was zur Fliege: ich würde sie überleben lassen, sie vielleicht in einem Epilog um Lessings Leiche kreisen lassen (oder, aber das ist jetzt wahrscheinlich zu aufgesetzt: Die Mörder könnten sie erschlagen.)
    Eine Kleinigkeit noch: Deine Mörder reden sich beständig mit ihren Vornamen an. Man ist als Autor versucht, das zu machen. Aber in Wirklichkeit tut das niemand. Die zwei wissen, wie sie heißen und auch das Publikum kriegt es mit. Zudem hat es einen optischen Eindruck von den Menschen, es ist also nicht wie in einem Prosatext nötig, die Namen zu wiederholen, damit man weiß, wer mit wem redet.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  17. #17
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Lightbulb AW: Die Illusionsfassade - Bühnenstück

    kurze bemerkung:


    der jüdische selbsthaß ist erstmals von otto weininger in seinem buch: "geschlecht und charakter" 1904 verhandelt worden.

    die these, daß mit der bürgerlichen emanzipation der juden, die um 1860 in deutschen landen beschlossen worden ist, der jüdische selbsthaß quasi als kompensationsneurose entstanden sein soll, ist abenteuerlich. (gefällt mir also)

  18. #18
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Lightbulb Die Illusionsfassade

    illusion ist die vorstellung, die grünen seien romantisch veranlagt, denn es fehlt ihnen das dynamische in ihrer weltwahrnehmung. illusion ist, linkes denken sei auf ein gleichgewicht der kräfte orientiert, denn sie konstruieren die welt aus einer idee heraus, die sie mit macht durchsetzen wollen. illusion ist, konservatives denken sei naturfern, lobbyistisch orientiert oder gar egozentriert, denn dem konservatismus geht es immer um organische entwicklung des bestehenden (sic!), nicht um zerstörung oder macht.


    der konservatismus, wie ihn der seit jahrzehnten zu unrecht geschmähte adam müller formulierte, könnte mir nicht besser gefallen, wenn ich das wäre, was ich eben bin. man sollte ihm ein anderes etikett aufkleben!


    in kürze: wie wenig illusorisch ist es, wenn man die natur nicht als ein gleichgewicht der kräfte begreift, in das der mensch ständig zum nachteil aller eingreift (wie das heute oft genug von dummsabblern behauptet wird), sondern als eine erzeugerin von unausgewogenheit, von unfertigem, von anachronistischem, von mutanten, monstern, mittelprächtigem? dem menschen ist es aufgetragen, hier die dissonanzen aufzuspüren und das unfertige in einem ganzen neu auszuwuchten, aufzuheben die gegensätze in einem ganzen, einem neuen, in dem die gegensätze verbunden sind. dynamik pur. ein unendlicher regressus, dazu die verbindung von kunst, natur und dem gleichklang des im menschen schwebenden harmoniebedürfnisses.


    was will man mehr?

+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •