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Thema: Zeit

  1. #1
    Kathrin
    Status: ungeklärt

    Post Zeit

    Will man einen Menschen kennenlernen, so frage man ihn nach seiner Kindheit. Die Helle oder Finsternis bestimmter Zimmer, Düfte, Speisen, Texturen, die Zerlegbarkeit einer Maschine, Haarfarben, Schreibgeräte, ein Schrank an einem bekannten Platz, ein Tier, ein Wetter, ein Feld, vielleicht ein Fluß... und vor allem Geräusche.
    Da war der Klang von Stimmen. Man lag, war es dunkel geworden, im Bett und rief sie sich in Erinnerung. Die des Bruders, der Mutter, der Nachbarin. Danach die nächste und wieder die nächste, und das die halbe Nacht. Zu jeder Stimme paßte ein Gesicht, das vor dem geistigen Auge erschien. Die Menschlein standen Schlange. Ein jedes durfte was sagen, das entschied: Himmel oder Hölle. Als war man der Herrgott persönlich. Und diese Übung Nacht für Nacht.


    Das warst du. Du hattest Zeit. Natürlich, denn du hattest Zeit. Zeit zu warten, dich zu erinnern. Darin liegt dein Geheimnis, in diesem Zeit-haben. Du wurdest als Kind nicht gestört. Tagelang schriebest du an einem Liebesroman. Die Eltern stellten das Essen vor die Tür. Du wurdest ungestört erwachsen, hattest Zeit zu werden und gabst irgendwann von selbst das Kindsein auf, d.h., du wurdest von wichtigen Dingen gefangen genommen, die als Symbol mit dem Erwachsensein stehen.


    Zeit ist der größte Luxus. Ich stahl dir zuerst die Zeit. Kannst du dich daran noch erinnern? Braucht der Künstler nicht Zeit, um sich zu erinnern, die anderen zu mahnen? Ich störte dich und du konntest die anderen nicht mehr stören. Also schwiegest du. Und du begannst den Rückkampf um die gestohlene Zeit, wolltest sie zurückerobern, deinen einzigen Reichtum. Kannst du mich noch lieben, mich Störenfried?


    Es ist die Art von Reichtum, die den Künstler von anderen unterscheidet. Es ist Leben. Nun bin ich Teil deines Lebens, habe mich stehlenderweise hineingestohlen, die ich aus dem Nichts kam, um in dir mich wiederzufinden. Ich kam nicht aus dem Nichts, sagst du? Ich muß schon längst in dir angelegt gewesen sein. Du sahest mich und standest in meiner Zeit, meinst du?
    Der Künstler stirbt aus Mangel an Zeit. Zeit ist sein Fressen. Erschießen wir die Zukunft!

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Zeit

    das ist schön.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Zeit

    Erschießen wir die Zukunft!


    Applaus auch zu vielen anderen Stellen im Text


    Doderer

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Zeit

    Ein guter Text, in den ich versinken kann, erschrocken, traurig, weil er nicht weitergeht - aber es steht ja bereits alles drin. Trotzdem, könnte ich immer weiter lesen, statt dessen habe ich ihn bereits viermal gelesen.

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Zeit

    wunderschön. mit raschem strich starke bilder gezeichnet, in sich stimmig.

    ...von selbst das Kindsein auf, d.h., du wurdest von wichtigen Dingen gefangen genommen, die als Symbol mit dem Erwachsensein stehen.
    hier spießt es sich bei mir: heisst das nun die dinge vor dem erwachsen werden waren nicht wichtig? (fände ich ziemlich porniert) oder hab ich da was nicht verstanden?

    Zeit ist der größte Luxus.
    klingt zu banal, als wäre dir die kraft an fähigen formulierungen abhanden gekommen.

    Es ist die Art von Reichtum, die den Künstler von anderen unterscheidet. Es ist Leben.
    verzeih mir, wenn ich das sage: DAS IST WIRKLICH GROSSKOTZIG! anscheinend ist es den "künstlern" wichtig, sich ständig von anderen unterscheiden zu müssen, ohne rücksicht darauf, dass einem die ganze geschichte unerbittlich vermiest wird. noch dazu mit solchen platten begriffen wie "reichtum" in verbindung mit "leben". klingt widerlich nach starallüren...

    Kathrin, dein auszug gefällt mir, hat interessante gedankengänge. auch wenn ich etwas drastisch diesen beitrag formulierte (anders wars mir beim besten willen nicht möglich!!!), sollte es nicht destruktiv sein. trotzdem, bin ein wenig enttäuscht im moment und hoffe auf zukünftiges, besseres von dir.

    in frieden
    sid.

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Zeit

    robert ich schrieb nicht, daß der text perfekt ist, sondern, daß er für meinen geschmack schöne stellen aufweist - was mir nicht gefällt : kommt noch


    doderer

  7. #7
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Zeit

    Und die Krume sog sich voll mit dem gespendeten Naß. Aber sie? Sie stahl sich davon mit einem Dahergelaufenen, einem Fremden.


    Das ist Not.

  8. #8
    howah
    Status: ungeklärt

    AW: Zeit

    Der Dich stört,der "Störenfried", ist das einzige Wort, das auch mich stört.
    "Störer", einfach, ginge das?


    Sonst ein ungestört schöner, melancholischer Text. (Aber die Verflossene kann ich verstehen.)

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
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    Exclamation AW: Zeit

    Erschießen wir die Zukunft!



    ach.
    nun gut.
    tun wir das.

  10. #10
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Zeit

    *langsamaufwach*


    hat gute momente, dein text.


    nicht schlecht


    7s

  11. #11
    romea
    Status: ungeklärt

    AW: Zeit

    Muesste es nicht heissen: 'schriebst', ebenso 'sahst'. Besonders aber: "Also schwiegest du." wirkt m.E. arg antiquiert. Warum nicht schlicht: Also hast du geschwiegen.(?)
    Von dem bisweilen durchschimmernden larmoyanten Ton abgesehen, gefallen mir da einige Gedankengaenge und Formulierungen.

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Zeit

    Der erste Abschnitt ist schön, der letzte hat Witz. Die beiden mittleren sind sentimental, daher auch simplifizierend.


    Doderer

  13. #13
    Kathrin
    Status: ungeklärt

    AW: Zeit

    Erst einmal vielen Dank für die Blumen, die gar nicht böse waren.

    Der Reihe nach:

    Daphne: Danke. Bitte begründen, was Dir gefällt. Andernfalls hilft es mir nicht weiter.

    Doderer: Welche Stellen?

    aero: Shut up!

    Marlowe: Was soll das? Behalt das für Dich! Ich will wissen, was Dir gefiel, was Dich traurig machte, was Dich trieb, den Text öfter zu lesen. Du bist Schriftsteller, zumindest stellst Du literarische Produkte öffentlich aus, also streng Dich an! - Wir sind nicht hier, um uns Honig oder Pech ums Maul zu schmieren. Basta.

    sid: Danke. Jedes Kind wünscht sich nichts sehnlicher, als schnell erwachsen zu werden. Es schlabbert gierig alles auf, was ES dem Erwachsenensein näher bringen könnte. Symbole taugen da viel. Ein Messer, ein Ring, ein Kreuz, ein Kamm, etwas Eigenes wie ein Sparbuch, ein Fahrrad, ein Zimmer, eine Melodie, ein Buch, ein Wort, etwas Zeit... --> aber Zeit zur freien Verfügung ist der größte Luxus, weil sie wirkliche Beschäftigung und Auseinandersetzung fordert. Zeit zu leben, Zeit, sich zu stellen und Zeit, etwas zu stehlen, einen Gedanken, eine Urkunde, sich selber vergessend im Strom des Zeitflusses.
    - ein Künstler zu sein... DAS ist das Schönste, eben sich als solcher zu fühlen, v.a. dann, wenn man die anderen Seiten des Daseins ausgekostet hat/auskosten muß. Darüber andernorts eine Diskussion. Jedenfalls ist es nicht großkotzig gemeint, sondern eher selbstbewußt-freudvoll.

    Howah: Nein. Wagner schwingt mit.

    Siebenschläfer: siehe Doderer und Daphne.

    romea: In der Tat. Man könnte es meinen. Danke.

    Danke allen, die sich die Mühe machten.

  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Zeit

    Will man einen Menschen besser kennen lernen, so frage man ihn, ob man ihn nach seiner Kindheit fragen dürfe und ob er denn denke sie wäre glücklich gewesen. Fragt man was er einmal werden wollte, sagte er damals nämlich nicht "glücklich".

  15. #15
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Zeit

    störenfried ... ja wirklich, bringts irgendwie nich.
    störer? nein, howah, das is polizistendeutsch. geht irgendwie auch nicht.
    in solchen fällen tät ich eine umschreibung wählen, läßt sich recht gut einsetzen, denk ich. also: "mich, der dich dabei gestört hat"
    das verdichtet die ausage, was ja kein fehler sein muß.


    bigvogel

  16. #16
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Zeit

    Ich mag STÖRENFRIEDE. Zuweilen. Sie steigern den Wert des eigenen Tuns und den desjenigen, den sie stören. Wer einen anderen stören kann, der hat auch Macht über ihn.
    Ich mag Vorlaute nicht, sie schaffen Verschiebungen im Recht.


    Hier wird eindeutig ein Störenfried genannt, aber gemeint ist es nicht negativ, eher so, als ob einer da das dürfte.

  17. #17
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Zeit

    Kathrin, sind denn die Kritiken von Doderer, Daphne und Christa gar so schrecklich?
    Auch das ist eine Aussage (vielleicht im Vergleich zu anderen Texten): etwas angestoßen zu haben.
    Zu manchen Texten kann man nichts schreiben.


    Zum Text:
    Der erste Absatz ist sehr schön.
    Im zweiten stört mich nicht nur das tagelang, sondern der ganze Satz (und der zweite, der sich darauf bezieht, leider):
    Tagelang schriebest du an einem Liebesroman. Die Eltern stellten das Essen vor die Tür.
    Liebesroman? (wenn Du ihn streichen würdest, hättest Du allerdings das Problem gestört/ungestört).
    Den Störenfried finde ich seltsam passend. Ungelenk, altertümlich (was sich allerdings mit den "schlangestehenden Menschlein" oder "schwiegest Du" deckt). Aber gerade dieses Ungelenke drückt doch auch den Inhalt der Beziehung aus.
    Was die Künstler angeht, schließe ich mich sid an.




    it

  18. #18
    Kurzvormabschussiger
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    Post AW: Zeit

    hier habe ich wirklich etwas versäumt. im grunde kann ich nichts zu dem hinzufügen, was schon zum text gesagt wurde; statt dessen zwei kleine randkommentare.


    kindheit - das waren
    die gegenstände
    die ich einpackte


    irgendwo
    auf durchreise
    wurde mir der koffer
    gestohlen


    mit mühe versuche ich nun
    mich daran zu erinnern
    was alles darin war


    *******


    eierschale zeit
    die uns umschlingt
    uns mit zu weichen schnäbeln


    und würden wir uns befreien
    kämen wir nicht weit


    immer
    das hahngeschrei der zeit
    die alles nimmt
    das sich und alles überschreit




    liebe grüße
    miranda

  19. #19
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Zeit

    im ersten abschnitt legts du ruhig das wahrnehmungsfeld der kindheit aus - dieser abschnitt gefällt mir wie schon geschrieben


    im zweiten läuft alles auf ungute weise durch das nadelöhr :


    Du wurdest als Kind nicht gestört. Tagelang schriebest du an einem Liebesroman. Die Eltern stellten das Essen vor die Tür. Du wurdest ungestört erwachsen,

    diese sätze empfinde ich nichtssagend-sentimental und für den kurzen text, arg redundant:


    Du wurdest als Kind nicht gestört
    Du wurdest ungestört erwachsen

    die beiden sätze dazwischen zu eng/spezigfisch für eine charakterisierung des heranwachsens, zwei drei sätze mehr, um diese für die meisten pubertäre recht schwierige phase zu illustrieren wären, notwendig.


    am nächsten abschnitt stört mich dieses hölzerne:
    Braucht der Künstler nicht Zeit, um sich zu erinnern, die anderen zu mahnen?

    auch dieses
    Es ist die Art von Reichtum, die den Künstler von anderen unterscheidet
    würde ich knapper, weniger fade-postulierend fassen.


    der rest gefällt mir, die drei schlußsätze vor allem.

    doderer





    [Diese Nachricht wurde von Doderer am 30. Oktober 2000 editiert.]

  20. #20
    Kurzvormabschussiger
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    Lightbulb AW: Zeit

    Yeah!
    "Poets are the unacknowledged legislators of the world". (Shelley)

  21. #21
    Kathrin
    Status: ungeklärt

    Red face AW: Zeit

    Ich schreib mir's hinter die Ohren, daß man nicht ungestört aufwachsen darf, daß es hölzern sein muß, wenn die Tür zwischen Werk und Essen steht. Wahrlich, ich sage EUCH, es wird ein Wind kommen, der stülpt die Ordnung aus den Dingen, diese wird dann fliegen durch die Lüfte, die Leute werden gelbe Hüte tragen, die Kinder in den Pfützen ertrinken, die Dichter aber werden lachen, dann das Erdenreich ist dann ihr.

  22. #22
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Zeit

    Ich schreib mir's hinter die Ohren, daß man nicht ungestört aufwachsen darf, daß es hölzern sein muß, wenn die Tür zwischen Werk und Essen steht. Wahrlich, ich sage EUCH, es wird ein Wind kommen, der stülpt die Ordnung aus den Dingen, diese wird dann fliegen durch die Lüfte, die Leute werden gelbe Hüte tragen, die Kinder in den Pfützen ertrinken, die Dichter aber werden lachen, dann das Erdenreich ist dann ihr.



    sehr schöne antwort-))))))))))))))


    mit genau dem ironischen esprit, den du dieser replik zeigst, solltest du nochmal über den zeittext gehen!


    dann hast gewonnen.




    doderer

  23. #23
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Zeit

    Zeit kann nicht angefangen haben. Jede Zeit trägt ihre Herkunft, jedes Jetzt seine Herkunft in sich; es liegt in dem unmittelbaren Vorher.



    Man redet heute sehr viel von Vergangenheit, mehr noch von Zukunft, setzt hier ein Bedingungsverhältnis, um Zukunft zu gewinnen. Es gibt dann auch noch einen Präsidentenberater namens Fukuyama, der behauptet, man sei am Ende der Zeit angekommen.
    Sie alle haben nicht bedacht, daß die Zeit selbst gemacht ist, also auch verändert werden kann, daß sie das aber doch nichts kümmert, denn sie kann erschossen werden, die fließende, lebendige, der in uns ruhende und doch erfahrbare Strom des Gegenwärtigen, aus dem wir Zuversicht für ein etwaiges Morgen schöpfen.

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