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Thema: Herbst

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Herbst

    Gestern Rilkes gesammelte Werke gekauft - heute schlechtes Gedicht geschrieben.


    Herbst
    Der Morgen, grau
    wie eine müde, endlose Straße.
    Dunkle Wolkenkrieger
    stürmen vorbei,
    rastlose, stumme Reiter
    auf dem Weg in die Schlacht.
    Dunstschleier verhüllen
    den morgenstillen Kadaver
    der Stadt,
    lasten wie dunkle Träume
    auf feuchten Dächern
    und starren Flüssen aus Stein.
    Mir bleibt keine Zeit mehr,
    man erwartet mich.
    Jetzt schon? Wer? Wozu?
    Die grauen Wände schweigen.
    Ich gehe auf sie zu und lausche
    dem ängstlichen Schlag meines Herzens.

    K.

  2. #2
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Herbst

    Ist nicht schlecht. Ist sogar angegilbt.


    Was sind Wolkenkrieger?

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Herbst

    Wolkenkrieger sind einfach die tiefhängenden dunklen Wolken, die der Herbststurm vor sich hertreibt.


    Beim 23. Durchlesen festgestellt, daß man mindestens 2 Adjektive weglassen kann:


    das "dunkle" vor Wolkenkrieger
    und das "starre" vor Flüsse aus Stein.


    düstere Grüße


    K.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Herbst

    Ein Gedicht ist wie eine Frucht.
    Anfangs ist sie sauer und holzig. Deshalb sollte man sie sorgfältig reifen lassen oder - wenn notwendig - auf den Kompost werfen.


    Herbst
    Der Morgen, grau
    wie eine müde, endlose Straße.
    Wolkenkrieger
    stürmen vorbei,
    nachtschwarze Reiter
    auf dem Weg in die Schlacht.
    Dunstschleier verhüllen
    den morgenstillen Kadaver
    der Stadt,
    lasten wie dunkle Träume
    auf feuchten Dächern
    und Flüssen aus Stein.
    Die Zeit steht still,
    kein Wort, kein Lachen
    bricht das Schweigen,
    - nur das Klagen des Windes,
    der wie ein hungriges Tier
    durch die Gassen streift.

    K.

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Herbst

    Letztes Wort? Das ist ein Elfmeter. Ich überlege noch, welche Ecke ich anvisiere, mein Ziel jedenfalls ist klar vor mir: Ich werde Dich samt Ball im Netz versenken. Aber nur, wenn's schlecht ist. Ist es schlecht? Bei Rilke klappen mir immer die Fußnägel um. Und wenn dann einer die Gesamtausgabe kauft und ein Gedicht schreibt, dann denke ich an meine freundliche Freundin, die mich immer vor Salome warnte. Salome, Du weißt, das ist die unbedarfte Todesgöttin des geschriebenen Worts. Also gut, Kassandra, ich will dann mal:


    Ja, ist schlecht. Tut mir leid. Ich stolpre, ich hänge fest, finde keinen Widerhaken, der meine Phantasie entzünden hülfe. Du spielst nicht genug. Da und dort mal ein Zeilensprung, aber unhinterfragt, auch nicht wiederaufgenommen. Unklar bleibt die Funktion und der Wirkzusammenhang zwischen den Bedeutungsträgern. Ein Wort wie WOLKENKRIEGER muß stärker beachtet werden, soll es mehr sein als ein Schmuckstück. Die Vergleiche (mit WIE) stehen verloren auf den Zeilen (ist eben kein Vers), die Vergleiche ohne WIE (man nennt sie neudeutsch auch Metaphern) haben sich dem lyrischen Ich (und siehe, es taucht zum Ende hin dann doch noch auf) nicht angetragen; sie drängen auch nicht. Alles bleibt blaß, alles aber auch nicht von einer die Worte tragenden Sehnsucht begleitet.


    Kassandra, ist schlichtweg mißlungen.

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Herbst

    Hallo Kassandra,
    Du bist ein Mann? dachte die ganze
    Zeit an weibliche Seherin..


    Dein Gedicht ist dunkel, düster,
    hoffnungsvertreibend...seufz..
    aber siehe da, ER wird wegwischen all
    die Tränen verzweifelten Augs und
    die Schleier des Todes werden nicht mehr
    sein, kein Leid, kein Schmerz, niemals
    mehr Geschrei wird ätzen das Ohr von
    suchender Sanftheit.
    Ein Zelt wart gebaut am Ufer Deines
    Hoffens und Er wird dort weilen, Dein Trost und Dein Seelenheil.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Herbst

    Hallo Daphne, danke Deine Anmerkung.
    Ein Zelt wart gebaut am Ufer Deines
    Hoffens und Er wird dort weilen, Dein Trost und Dein Seelenheil.
    Und wenn nicht? ...

    K.

  8. #8
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    AW: Herbst

    Dann komm ich mit Zelt und
    weil am Rande Deiner Hoffnung
    und wir werden trinken aus Flaschen
    das Seelenheil und werden rauchen
    weiße Winde von Trost!

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Herbst

    Klingt gut, Daphne.

    vW, was hast Du gegen RMR?

    Ich glaube, nach dem "Cornet" ist in deutschen Landen nichts (sprachlich) Besseres geschrieben worden.
    Deine Kritik war mir auch zu pauschal. Ich bin zwar mit der 1. Strophe noch nicht so recht glücklich, aber den Rest kannst Du mir nicht ausreden.


    K.

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Herbst

    Da ich nun weiß, daß Du hier zwei Wochen nicht auftauchen wirst und zudem heute der Tag des Oberlehrers ist, nehme ich mir itzt das Recht, in diesem Ordner das letzte Wort zu haben.


    1. Ich liebe Rainer!
    2. Es gibt sprachlich Beßres nach dem Cornet: Ich erinnere mich eines Gedichts von Ina Schildhauer aus dem Jahre 1982, das hieß "In der Brauerei", dann gab es einen kleinen und feinen Text von Ingeborg Bachmann über Klagenfurt, dann noch einen von Tino Strempel über Hölderlin. Die fand ich alle ausdrucksstärker. Das Ausdrückliche findet bei Rilke keine Meisterschaft, nur das Augenblickliche, das uns aber mitunter glauben machen will, daß da noch ein Tieferliegendes nach oben dringen will, was es aber nicht tut.
    3. Was ist sprachliche Meisterschaft?
    4. Über Deine Raum-Zeit-Vorstellungen werden wir auch noch reden müssen; daß da eine ungereimte Vagheit bei Dir besteht, fand ich schon in Deinen prosodischen Versuchen in ungebundener Sprache.


    Und ich bin schon recht konkret geworden. Es geht noch sehr viel konkreter, sicherlich, aber willst Du das wirklich? Nein! na siehst Du.

  11. #11
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Herbst

    Kleiner Gruß an Nadine. Kleiner Gruß an Rainer Maria, kleinster Gruß an den Herbst, der mir die Fensterscheiben eindrückt.

    Grüße an alle, die sich lieb haben. Großer Gruß an alle, die darüber hinaus jemand anderen lieben.

  12. #12
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Herbst

    erstellt von Jutta Person in der Süddeutschen

    Wo Berlin abhandenkommt

    Annett Gröschners empfindsame Hauptstadt-Streifzüge

    Der Bezirk Prenzlauer Berg ist das Thesentestgelände der Berliner Republik: Hier sitzen ostentativ entspannte Menschen und tun diese Dinge, die man für erfunden halten müsste, so verdächtig oft hat man schon davon gelesen - Latte macchiato trinken, spät Kinder bekommen, sinnlosen Medienberufen nachgehen, sich hübsch anziehen, urbanes Leben spielen. Meistens gehören die Beobachter des Berliner Großstadtsoziotops aber irgendwie selber zu der Gentrifizierungsarmee, die sie beobachten, und vielleicht gibt es deshalb so viele Hauptstadtbücher, die bei all der Trendscout-Soziologie den Ort und seine Geschichte vergessen. Abhilfe schafft das Berlinbuch "Parzelle Paradies" der Schriftstellerin und Journalistin Annett Gröschner: Ihre geschichtsversessenen Streifzüge durch die Hauptstadt sind immer darauf aus, irgend etwas Verlorenes zu bergen, und nebenbei fallen Kommentare ab, die zu den schönsten und spöttischsten im Genre Gentrifizierungs-Bashing gehören.
    Annett Gröschner kam Anfang der achtziger Jahre aus Magdeburg zum Studium nach Ostberlin, und seither streift sie durch ein Gelände, das von aufsehenerregenden Zuzugs- und Abwanderungswellen erfasst wird. In den Achtzigern erscheinen bestimmte Gebiete der Stadt noch wie eine zeitlose Zone, in der sich die Geschichte sammelt und stapelt: "Einschüsse, Luftschutzzeichen, Notdächer. Ich sah eine einzige Katastrophe, die Trümmer auf Trümmer gehäuft hatte und die zum Stillstand gekommen war." In den Neunzigern kommen die Jungen und gehen die Alten, die Bausubstanz wird grundsaniert, und nicht nur in Prenzlauer Berg wird von Schwarzweiß auf Farbe umgestellt. Die Reste-Spezialistin protokolliert, wie die Dederonkittel und DDR-Fußbodenbeläge langsam zu Ausnahmeerscheinungen werden. "Nach der Wende strich ich durch die Hinterlassenschaften eines verschwundenen Staates. Es war fast eine Sucht, noch einmal alles festzuhalten, was morgen unweigerlich verschwinden würde."
    Diese Sucht nach dem Abhandengekommenen klingt nie sentimental, der Grundton ist vielmehr lakonisch und auf Distanz bedacht, gepaart mit Humor und manchmal auch Sarkasmus. Die Berliner Geschichten, von denen viele in der Ost-West-Wochenzeitung "Freitag" erschienen sind, springen abwechslungsreich zwischen Reportage, Reisebericht und Milieu-Momentaufnahme hin und her.
    Annett Gröschner erzählt von den vergessenen Zwangsarbeitern in der ehemaligen Schultheiss-Brauerei, dem heutigen Veranstaltungsort "Kulturbrauerei" in Prenzlauer Berg. Sie reist in die Schorfheide, die einmal Göringheide heißen sollte und von den Nazis als großes Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde. Sie beobachtet, wie die Kleingartenanlage "Parzelle Paradies" zum Schauplatz eines Theaterprojekts wird. Und sie belauscht die Stadtbewohner auf der Straße, an Bushaltestellen oder im neuen Hauptbahnhof. Dort wundern sich zwei Mädchen, ob der große Schriftzug, der das Glasdach ziert, nicht von Terroristen missverstanden werden könnte: "Bombardier. Willkommen in Berlin." JUTTA PERSON
    ANNETT GRÖSCHNER: Parzelle Paradies. Berliner Geschichten. Edition Nautilus, Hamburg 2008. 220 S., 16 Euro.



    ist schon erstaunlich. nach ina schildhauer (koutoulas) hat mit fräulein gröschner eine zweite junge dame von meiner schule (und aus meinem jahrgang) den sprung in die deutsche literatur geschafft. ein nest... eine wolkenkriegerin!

  13. #13
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Herbst

    einer der seltenen poetischen versuche kassandras. kaum ungelungen.

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